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Maria erbarmt sich eines abgebrannten Bauern

Du ziehst uns mit gütiger Hand aus dem Abgrund der Verzweiflung.

Der heilige Bernard.

Im Jahre 1727 brannten in einem kleinen oberpfälzischen Dorfe namens Unterwiesenacker dem Bauern Korbinian Zauner Wohnhaus, Stall und Stadel ab, und das ging so rasch, daß nicht einmal das Vieh gerettet werden konnte. Der Bauer und die Seinen mußten froh sein, das nackte Leben zu retten.

Zu damaliger Zeit gab es in der genannten Gegend keine Feuerversicherung, sondern der Brandleider mochte sehen, wie er wieder zu einem Anwesen kam. Es ist darum leicht sich vorzustellen, mit welch traurigem Herzen Korbinian Zauner und seine Familie vor dem glimmenden Schutthaufen standen, worin all ihre Habe ein so klägliches Ende genommen. Zwar kargten die Nachbarn nicht mit Trostworten, als jedoch der Morgen vollends heraufgekommen war – denn das Feuer war nächtlich ausgebrochen – da ging jeder an seine Feldarbeit oder auch sonst seinem Tagwerke nach.

Der so plötzlich verarmte Bauer versäumte keine Zeit mit Jammern, denn dafür sorgten schon Weib und Kinder genugsam, sondern er machte sich auf die Suche nach Leihgeld. Er begann bei den Verwandten, teils in umliegenden Dörfern, teils in der Stadt, woselbst ein Vetter von ihm Bierbrauer war. Diese Gänge brachten ihm freilich nicht einmal das ein, was er dabei an den Schuhsohlen abtrat, und wenn er sich alle die billigen Sprüche gemerkt hätte, womit man ihn abspeiste, so hätte er Vorrat für Kopfweh auf zehn Jahre gehabt. Der Vetter Bierbrauer gab ihm zwar auch kein Geld, jedoch immerhin anständig zu essen und zu trinken, so daß er ein paar Stunden lang seinen Kummer weniger spürte; am anderen Morgen stand dann freilich das Schreckgespenst um so deutlicher vor seinen Augen; denn das Trinken ist und bleibt eine elende Fopperei des Teufels, es dienet nur dazu, einem Unglücklichen blauen Dunst vorzumachen, auf daß er daraus enttäuscht und geschwächt wiedererwache und so den weiteren Einflüsterungen dieses Nutznießers aller Not gefügiger werde.

Unser Bauer ließ sich aber für diesmal noch nicht übermannen, vielmehr setzte er seinen bitteren Rundgang fort. Er probierte es jetzt bei Freunden und guten Bekannten, als bei welchen er zwar auf eine ehrlichere Teilnahme an seinem Unglück, aber nicht auf greifbare Hilfe stieß. Am dritten Tag dieser traurigen Reise vergaß er nicht, einen herzlichen Stoßseufzer zur Mutter Gottes zu tun, er wußte ja, daß seine Aussichten auf ein Darlehen nur noch gering waren. An diesem Tage klopfte er bei entfernteren Bekannten an, auch immer vergebens. Zuletzt aber trat er ein bei einem Manne, der selbst nur ein kleiner Gütler war, indes seit einiger Zeit mit Hilfe zweier seiner Söhne (denn er hatte eine zahlreiche Familie) auf einer verachteten Lehmwiese das Ziegelbrennen begonnen hatte, das ihm etliches Geld eintrug.

Mit diesem Manne hatte unser Abbrändler in der Jugend beim gleichen Großbauern gedient, er selber als erster Knecht, der andere, weil jünger, als Schweinehirt, Kühhüter und in ähnlichem Anfängerdienst, wobei er am meisten gescholten und gepufft und am schlechtesten gefuttert worden war. Es hatte aber den damaligen Knecht Korbinian Zauner immer dieses Buben erbarmt, er hatte ihm mancherlei zugesteckt und ihn überhaupt als Schützling behandelt. Späterhin freilich, als aus dem Buben selber ein fester Knecht geworden, hatten sie einmal Streit miteinander bekommen, da war es aus mit der Freundschaft. Daß sie also eigentlich in Unfrieden geschieden, fiel unserem Korbinian, dem der jetzige Kummer die Erinnerung schwächte, erst ein, als er schon auf der Schwelle stand. Der frühere Mitknecht seinerseits gedachte bei seinem Anblick nicht mehr des letzten Scharmützels, sondern vielmehr seiner armseligen Jugendzeit und der damals erfahrenen Hilfe und Anleitung. So streckte er dem unerwarteten Besucher gleich beide Hände entgegen, bat ihn, sich niederzusetzen, und hörte dann die Geschichte seines Unglücks mit wortarmer, jedoch herzlicher Teilnahme an.

Wenn es nun nach diesem Gütler und Ziegelbrenner gegangen wäre, so hätte er dem so geschädigten Freund seiner Jugend am liebsten gleich alles geliehen, was er in Barem besaß, und die Ziegel zum Bauen auf Borg und ohne Anzahlung gegeben. Aber der Gute verfügte nicht über die volle Macht in seiner Familie, oder auch, er wandte sie ungern an, weil ihm seine schier erwachsenen Söhne in diesem harten Lebenskampf allzeit so willig beistanden und dadurch einen ganz natürlichen Anteil auch an der kleinen Regierung hatten. Diesen Söhnen nun, sowie auch seinem treuen Weibe setzte er das Unglück des Freundes mit kurzen Worten auseinander, vergaß auch nicht, ihn wegen seiner früheren Guttaten zu rühmen, und pflog dann mit ihnen Rates, während der arme Bauer draußen im Obstgarten wartend herumstand. Alle Äste waren schwer von Früchten und herbstlich zur Erde geneigt. Auch hier blickte Korbinian verstohlens zum Himmel hinauf und rief die Mutter Gottes um Fürbitte an.

Gleichwohl aber endigte die besagte Ratssitzung zu seinen Ungunsten. Die Söhne und ihre Mutter waren nicht hartherzig, aber sie brachten vor, sie seien doch selber zu arm und ihrer zu viele, als daß sie die gemeinsam erarbeiteten Notpfennige weggeben und auch noch die Ziegel für den Hausbau dieses Mannes auf Borg brennen könnten. – In großer Verlegenheit teilte der Gütler dem Wartenden die unglückliche Botschaft mit, und nach einigen, noch anstandshalber gewechselten Worten ging Korbinian Zauner trostlos von dannen.

 

Er wußte niemand mehr, an den er sich noch hätte wenden können. Der Gedanke aber, daß er jetzt in sein Dorf zu den Seinen, die er bei einem Nachbarn in der Scheune notdürftig untergebracht wußte, ohne alle Hoffnung und mit leeren Händen zurückkehren sollte, war ihm recht schrecklich. Er wußte sich überhaupt keinen Rat mehr. Und während er langsam des Weges dahinschritt, dann wieder ratlos stille stand, um schließlich gesenkten Hauptes weiterzupilgern, faßte er den unseligen Entschluß, seinem Leben ein Ende zu machen.

Der verzweifelte Bauersmann war unterdes auf seiner Wanderung gerade beim Habsberg angelangt, es begann schon das Vorholz des Waldes, der den Berghang bedeckt. Unfern lag ein tiefer grüner Weiher. Korbinian fragte sich jetzt nur noch, ob er sich aufhängen solle oder ins Wasser gehen.

Wie es nun aber einmal bäuerliche Art ist, alles mit Bedacht zu tun, so widerstrebte es dem Bauern, sogleich nach gefaßtem unseligen Entschlüsse ans letzte Werk zu schreiten. So am hellen Nachmittag wollte er das überhaupt nicht, sondern doch lieber den Abend abwarten, der ihm die richtigere Zeit für einen solchen Tod zu sein schien.

Er setzte sich daher noch ein wenig ins grüne Moos und sann dem Geschehenen nach. Er dachte, daß er doch sein ganzes Leben lang recht streng gearbeitet, aber daß es ihm unser Herrgott schlecht gelohnt hatte. Er konnte es eben nicht begreifen, daß ihn Gott nach einem harten und rechtschaffenen Leben zu einem Bettler, zu einem Gar-Niemand hatte werden lassen.

Wenn sonach unser Bauer weit entfernt war, in solcher Prüfung den Hiob nachzuahmen, so verblieb ihm doch trotz seines Entschlusses noch einige Gottesfurcht. Das kam gewiß daher, daß er von früh an gewohnt war, alle seine Anliegen jeweilen in aller Stille der lieben Mutter Gottes zu empfehlen. Er pflegte dabei nicht viel Worte zu machen, aber es war in seinem Mannenherzen beschlossen, daß es sich Maria zuwandte, wenn der Himmel zu finster war.

Als in diesem unseligen Augenblick, wo er sich gerade ins Moos niederließ, um den Abend seines Todes zu erwarten, seine Augen gleich seinen Gedanken traurig umherschweiften, sah er durch das Gezweig ein weißes Gemäuer von der Bergeshöhe her leuchten. Es liegt nämlich auf der Spitze des Habsberges ein Gotteshaus, das Maria geweiht und von alters her das fromme Ziel vieler Pilger, besonders der hilfesuchenden, ist. Unser Korbinian mußte nun daran denken, daß er noch vor einem halben Jahr, zu Mariä Verkündigung, dorthin wallfahrten gegangen war.

Daß es jetzt noch Hilfe für ihn gäbe, konnte sich zwar der Bauer nicht mehr vorstellen. Er wußte nicht, wie und bei wem. Aber weil er doch gerne in Frieden mit unserem Herrgott gestorben wäre, erhob er sich wieder vom Moose und stieg den Berg zur genannten Kirche hinauf.

Da oben lag alles still und freundlich in der Herbstsonne, auch das Innere der Kirche voll Sonnenlicht, und als Korbinian jetzt vor das wohlvertraute liebe Gnadenbild trat, war ihm bei aller Trauer heimelig zumute. Und er sprach in seinem Herzen zu Maria, dieweilen er ganz allein in der Kirche stand: Ich weiß ja schon, daß sich der Mensch nicht selber umbringen soll, sondern daß es eigentlich eine große Sünd ist. Aber schau, Mutter Gottes, ich tu es ja gewiß nicht gern, sondern in dieser elenden Not. Ich tu es nur, weil ich überhaupt nimmer weiter weiß. Mutter Gottes, erbarm dich meiner Familie, ich könnte sie ja eh nimmer erhalten, und leg halt du ein gutes Wort ein für mich bei unserm Herrgott – ich geh ja nicht aus Mutwillen sterben, sondern es bleibt mir nichts anderes mehr übrig …

So stand also der Bauer noch eine Weile und verharrte in seinem Gebet. Weil aber sein Gewissen, des unglücklichen Vorhabens wegen, nicht ruhig werden wollte, sprach er ein andermal zu Maria, seine frühere Rede fortsetzend: Ja, Mutter Gottes, es ist leicht gesagt, daß es eine Todsünde ist, sich selber den Tod geben. Aber wenn ich tot bin, kommen die Meinigen doch leichter irgendwo unter, bei Verwandten oder sonstwo. Andernfalls aber stecken wir all miteinander nur in noch größerem Elend …

Indes merkte Korbinian schon, daß es ihm nicht gelang, mit diesem Gedankengang die liebe Mutter Gottes zu überzeugen, und es dauerte in seinem Herzen die Unruhe fort.

 

Da rief er ein drittes Mal zu Maria und sprach: Ja, so sag mir doch einen Menschen, Mutter Gottes, zu dem ich noch hingehen kann und irgendeine Hilfe erhoffen! Ich scheu doch gewiß keine Arbeit, das weißt du, es ist wahrhaftig nicht, als ob ich der Arbeit davonlaufen möchte. Aber ich weiß mir keinen Rat mehr …

Seltsamer Weise wurde ihm, der so zur Mutter Gottes rief, jetzt dennoch leichter. Maria sagte ihm zwar auch jetzt nicht, zu wem er gehen solle. Aber er kam sich erhört vor. Warum, hätte er selbst nicht sagen können, denn er wußte jetzt so wenig wie zuvor, was etwa werden sollte. Und trotzdem – dachte er bei sich – trotzdem kommt's mir so vor, als wäre das letzte Wort in meinem Elend noch nicht gesprochen … Mit diesem Gedanken verließ er die Kirche.

Zu seiner Verwunderung aber sah er den Weg herauf eben jenen Gütler und früheren Mitknecht kommen, den er vor anderthalb Stunden verlassen hatte. »Zauner«, rief ihm dieser entgegen, »Zauner, dieses Mal hast du's von der Mutter Gottes einmal richtig erbetet!« – Und als sie nun beisammen standen, erzählte er ihm, was unterdessen geschehen: nämlich, daß es ihm gar keine Ruhe gelassen habe, als er, der Korbinian, so trübselig aus dem Garten hinausgegangen war. Sie hatten sich darum noch einmal zusammengesetzt, die Söhne, die Mutter und der Ziegelbrenner. Zuerst sei es dabei ein wenig laut hergegangen, denn er habe mit Schelten begonnen – nun, aber das wolle er weiter nicht mehr bereden. Tatsache sei, daß die Seinigen jetzt in gutem Frieden dareingewilligt hätten, dem Zauner fürs erste die Hälfte vom Bargeld zu leihen, sodann aber, ihm die Ziegel für einen kleinen Hausbau auf Borg zu geben. Nur abholen müsse er sie selber.

Dies war nun also das rechte Wort noch zur rechten Zeit, nämlich im allerletzten Augenblick. Der Bauer erkannte hierin die Hilfe der Mutter Gottes, dankte ihr noch mehr als dem wackeren Manne und wanderte glücklich in sein Heimatdorf zurück, Unterwiesenacker, das gegen Abend, hinter dem Habsberg liegt.

In späteren Jahren gelang es dem Zauner, wennschon nur durch seine und seiner Familie verdoppelte Arbeit, die gemachten Schulden auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Da fühlte er sich erst wieder als freien Mann und war wieder glücklich.

Im Gotteshause zu Maria Habsberg aber hängte er eine Votivtafel auf, und es stand darauf geschrieben, daß ihn die liebe Mutter Gottes im letzten Augenblick vor dem freiwilligen Tode bewahrt habe und ihn samt Weib und Kindern errettet aus seiner bittersten Not.


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