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Maria am Foltertag

Da wird meine Ruhe und der Ort meiner Buße sein.

Der Edelmann von Schenkenberg.

Der Ledergerber Johann Stamm lebte gegen Ende des 16. Jahrhunderts zu Rottweil am Neckar und hatte damals sein Weib durch den Tod verloren, während ihrer beider einziges Kind, eine Tochter, erst vierzehn Jahre zählte. Es war aber dieses Mädchen kein hilfloses Geschöpf, sondern nach der Mutter Tod übernahm es das Hausregiment und führte dieses so tapfer und besonnen wie nur irgendeine Hausfrau. Der Ledergerber befand sich dabei so wohl aufgehoben, daß, wenn immer er das Grab seines Weibes heimsuchte, er es niemals unterließ, ihr im Geiste für die feste Erziehung zu danken, die aus der Tochter einen solchen Menschen zu machen geholfen. Andererseits faßte Johann Stamm vor seinem wehrhaften Kinde einen absonderlichen Respekt und lohnte ihr die umsichtige Arbeit, indem er sich nicht im Geringsten in die fraulichen Geschäfte des Hauses einmischte, sondern dem Mädchen dieses Feld ohne Einrede überließ. Mit diesem Hauswesen fuhren Vater und Tochter gut und standen so in Ehren, daß, wenn bei einem Nachbarn ein halbwüchsiges Mädchen ausgescholten wurde, man nicht selten hören konnte, es solle sich endlich ein Beispiel an Emma Stamm nehmen.

 

Stamms Emma, so nannte man sie gemeinhin, war freilich auch in manch anderer Hinsicht ihren Altersgenossinnen um etliche Längen voraus. So z. B. hatte sie ihrer Mutter, als diese auf dem Sterbebett lag und seufzte, sie müsse allzufrüh fort, und sie sehe schon ihre Nachfolgerin einziehen, weil Emma doch noch ein Kind sei – mit vielen Tränen, aber deshalb nicht weniger sicher geantwortet: arbeiten werde sie für zwei, und die Dienstboten sollten ihr nicht über den Kopf wachsen, so werde sie schon sorgen, daß der Vater ihr keine zweite Mutter gebe! – Woraus ersichtlich ist, daß dieses beherzte Mädchen wußte, was es wollte, und auch der Kraft nicht ermangelte, seinem Willen Folge zu geben.

 

Was den Ledergerber anlangt, so schien er sich freilich nicht mit der Absicht zu tragen, den Witwerstand aufzugeben; nicht einmal eine Anspielung kam je über seine Lippen. Er hatte aber eine weitschichtige Base, die Ursula Buchnerin aus Heilbronn, etwa fünfunddreißig Jahre zählend, die den Vetter Ledergerber vor seiner Verehelichung nicht ungern gesehen und auch, obschon in allen Züchten, sich damals insgeheim gegrämt hatte, nicht seine Erwählte geworden zu sein. Hinterher, wie es sich ziemte, schlug sie sich diesen Gram alsbald aus dem Sinne. Es besaß nun aber diese Jungfer zwei Gültbriefe auf Häuser in Rottweil, wovon einer fällig wurde zu einer Zeit, als der Ledergerber Stamm etwa zwei Jahre verwittibt sein mochte. Da sie hoffte, der Vetter werde sie bei der Anlage des Geldes beraten, fuhr sie dieserthalben nach Rottweil, kurz vor der Fälligkeit ihres einen Schuldbriefes. Am Tage ihrer Ankunft fiel Stamms Tochter in ein hitziges Fieber, dem sie trotz ihrer Festigkeit nachgeben und sich zu Bert legen mußte. Als sie nach drei Tagen wieder hergestellt war, eröffnete ihr der Vater bei der Abendmahlzeit und in Gegenwart der Base, daß er sich mit dieser zur Hochzeit versprochen hatte. Das Mädchen, bei Erhalt dieser Kunde, wurde blaß wie der Tod, und sei es, daß sie des kindlichen Respektes völlig vergaß, sei es, daß sie nicht anders konnte, sie verließ für dieses Mal das Zimmer, ohne auch nur ein Wort zu erwidern. Diese plötzliche und allzugroße Entfremdung mußte späterhin der kindlichen Pflicht und der guten Sitte wieder weichen, aber im Herzen des Mädchens blieb die Bitterkeit unausrottbar zurück.

 

In Ansehung des Umstandes, daß sie selber schon an Zahl der Jahre und noch mehr an Zuverlässigkeit und Fleiß über das Kindesalter gänzlich hinaus war, konnte es niemand verwundern, daß nach dem Einzug von Stamms neuer Hausfrau zwischen den beiden weiblichen Wesen, zuerst heimlich, dann offen, der Streit entbrannte. Das Mädchen ließ hierbei wohl die geziemende Zurückhaltung missen, so daß es zuweilen gar laut herging im Hause. Mit der Zeit wurde es stadtbekannt, daß bei Stamms der Unfriede herrschte; die Bürgersfrauen verurteilten des Ledergerbers zweite Heirat, die Männer hingegen, wenn er geschäftlich oder gesellig irgendwohin kam, aber zum Unterschied gegen früher mit verdrossener Miene, spotteten ihn dessentwegen weidlich aus.

Diese Menschen, Vater, Tochter und Gattin, waren alle drei von gutem Willen beseelt, und des Abends, wenn jeder für sich sein Gebet verrichtete (denn sie hatten sich nun einmal nicht zum gemeinsamen Beten entschließen können), schämte sich immer auch jedes über den vorgefallenen Streit, klagte sich an, den schlechten Ruf des Stammschen Hauses zu verschulden, und nahm sich für den folgenden Tag das Beste vor. Aber wenn das Mädchen des Morgens dann der neuen Mutter begegnete, war der gute Vorsatz vergessen und der Krach sogleich wieder da. Frau Ursula ihrerseits, obwohl eher von sanfter Gemütsart, geriet allmählich auch in eine gereizte Verfassung und, entgegen ihrem eignen besseren Wollen, gab auch sie manches grobe und große Wort aus, das nicht in kleinere Münze gewechselt zu haben sie nachträglich, aber vergebens bedauern mochte. Der Ledergerber, dem die Vermittlung, die er anfangs des öftern versuchte, überaus schlecht bekam, war schließlich zuweilen froh, zu seiner Arbeit flüchten zu können. Kurz, das Leben im Hause Stamm war in der Tat nicht viel besser als der Ruf, in den es geriet. Ungerecht aber waren die Nachbarn, Freunde und Verwandten sicherlich darin, daß sie alle Schuld dem Ledergerber und der Frau Ursula gaben, hingegen in dem jungen Mädchen nur ein armes Opferlamm sehen wollten; denn für ein solches war Emma teils zu jähzornig, teils zu stark.

 

So schlecht also standen die Dinge, als am 17. Juli des Jahres 1598 die jetzt achtzehnjährige Tochter Emma Stamm plötzlich verschwunden war. Niemand wußte wohin, auch der Vater nicht. Hingegen wußte dieser nur zu gut, daß just am Morgen dieses Tages der bisher allerübelste Streit zwischen dem Mädchen und Frau Ursula losgeplatzt und ausgefochten worden war. Mittags dann hatte das Mädchen noch mit am Tische gesessen, hatte aber den Mund nicht ein einziges Mal aufgetan. Abends war es verschwunden.

Der Ledergerber und sein Weib verbrachten, wie sich leicht denken läßt, eine schlechte Nacht; die Sorge um das einzige Kind, daneben eine natürliche Angst vor dem Aufsehen, das dessen Verschwinden machen und allen häuslichen Kummer aufs neue dem Geschwätz der Mitbürger ausliefern mußte, – dies und dazu noch mancherlei trübe Gedanken, die, je mehr der Mann sie aus Liebe und Zartsinn gegen Frau Ursula verbarg, desto leichter von ihr erraten werden konnten, raubten dem Ehepaar die innere Ruhe so gut wie die äußere, den Schlaf. Am andern Morgen schickte der Vater Botschaft an alle verwandten Familien in der Gegend, man möchte doch, falls die Tochter bei ihnen etwa einkehre oder schon eingekehrt sei, ihm unverweilt Nachricht geben und der Tochter gütlich zureden, seines Grames und ihrer Kinderpflicht eingedenk zu sein. Aber man wußte nirgends etwas von Emma.

 

Inzwischen begannen sich auch schon die ersten Gerüchte in der Stadt zu bilden, es hieß, das arme Mädchen habe sich wegen der Hartherzigkeit der Frau Ursula ein Leid angetan, andere aber sagten, sie sei mit einem heimlichen Liebhaber durchgebrannt, um sich so über die häusliche Unbill zu trösten. Diesen Nachreden stellte sich der Ledergerber heftig entgegen, wobei ihm auch der Pfarrer zu Hilfe kam, indem er es den Leuten verwies, einem christlichen Mädchen unter dem Anschein des Mitleids sogleich das Allerschlimmste anzudichten. Vater Stamm konnte freilich nicht leugnen, daß es im Hause manch unseligen Streit abgesetzt habe; aber, sagte er, dafür könne er sich verbürgen, daß sein Kind nicht Hand an sich selber gelegt oder seine Ehre an einen Liebhaber weggeworfen habe. – Ungeachtet des bittern Kummers wollte er keinen Augenblick an den Tod seiner Tochter glauben; da müßte ihm noch ganz anders zumute sein, denn es sei doch sein eigen Fleisch und Blut; er wisse gewiß, daß sie lebe.

 

Das Gerede der Leute nahm jedoch jetzt eine unvorhergesehene und noch bei weitem schlimmere Wendung, die sich dem Ledergerber und seinem Weibe zuerst nur mittelbar kundtat, indem nämlich kein Mensch mehr mit ihnen reden wollte, sondern ihnen jeder geflissentlich auswich und man sie mehrere Tage mied gleich als eine Pest. Eines Morgens aber kamen die Büttel in das Haus des Bürgers Stamm und führten diesen mitsamt seinem Weib in den gerichtlichen Gewahrsam; sie wurden beschuldigt, die Tochter ermordet zu haben.

Die Meinung der Leute kehrte sich mit solchem Zorn gegen die vermeintlichen Übeltäter, daß sogleich der Prozeß gegen sie angesetzt wurde. Sie beteuerten ihre Unschuld. Aber weil der häusliche Unfrieden seit langem stadtbekannt war und von ihnen nicht abgeleugnet werden konnte, entschied das Gericht, daß sie auf der Folter befragt werden sollten.

 

Seit dem Verschwinden des Mädchens waren zwei Wochen verstrichen, die Folter war auf den folgenden Tag angesetzt worden.

Der Pfarrer, dem sowohl diese Unglücklichen wie auch das verschollene Mädchen, trotz all ihrer gehabten Zwistigkeiten, als rechtschaffene Christenmenschen bekannt waren, suchte die Angeschuldigten noch am Vorabend in ihrem Kerker heim. Weil er selber nicht an ihre Schuld zu glauben vermochte, sprach er ihnen Mut zu; Gott habe die Menschen schon vor, auf und selbst nach der Folter gerettet. Nachdem er von ihnen fortgegangen war, tröstete Herr Stamm sein Weib mit gar herzlichen Worten. Sie erwiderte nichts und sprach überhaupt nichts, sondern schaute ihm mit einem stummen Blick ins Gesicht und dann griff sie nach ihrem Rosenkranz. Der Ledergerber aber, diese stille Ergebung ins schwärzeste Unglück mit Bewunderung gewahrend, rief unter Tränen aus: »O du gutes Weib, ja, zur Mutter Gottes laß uns all unsere Zuflucht nehmen! Wenn es dir recht ist, so wollen wir, sofern sie unsere Unschuld zu Tag bringt, dann zu Unserer Lieben Frau in Einsiedeln wallfahrten gehen!« Und sie verlobten sich gemeinsam zu dieser, unter den obwaltenden Umständen nicht mehr wahrscheinlichen Pilgerfahrt.

 

Der Morgen des Foltertages brach an. Noch vor der festgesetzten Stunde erschienen Richter und Büttel, an ihrer Seite aber die ermordet geglaubte Tochter, und sogleich wurden die Eheleute in Freiheit gesetzt. Unsere Liebe Frau von Einsiedeln hatte geholfen.

Hier war also ein großes Wunder geschehen, zwar zur rechten Zeit zu seiner Vollendung geführt, jedoch keineswegs in so plötzlicher Weise, wie es den glücklich Befreiten und der ganzen Stadt Rottweil im ersten Augenblicke schien. Vielmehr hatte es mit dem Hergang eine ganz klare, obschon nicht weniger gottvorgesehene Bewandtnis.

An jenem späten Nachmittag nämlich, an welchem die Tochter mit schweigendem Trotze das elterliche Haus verlassen, war sie, ohne irgendeinen anderen Plan als den der Flucht, in heimlicher Eile aus der Stadt fortgerannt. Mit dem Abend aber kam auch schon das schlechte Gewissen über sie. Weil sie trotzig und hartnäckig war von Charakter, kehrte sie deshalb keineswegs um. Indes fiel ihr jetzt ein, daß sie sich auf der nämlichen Straße befand, auf welcher sie vor etlichen fünf Jahren mit dem Vater und der seither verstorbenen leiblichen Mutter ihre erste Reise im Leben getan; dies war nämlich auch eine Wallfahrt nach Einsiedeln gewesen. Nichts hatte sie besser im Gedächtnis als den damaligen Weg, all die Märkte und Städte, durch die sie mit den Eltern gekommen. Einesteils, um ihrem schlechten Gewissen Genüge zu tun, andernteils aber doch auf ihrem Trotze beharren zu können, beschloß dieses Mädchen, die Flucht in eine Pilgerfahrt zu verwandeln. Sie wollte Unsere Liebe Frau bitten, dem Unfrieden, unter welchem sie, obgleich daran selber nicht schuldlos, seit zwei Jahren so heftig gelitten, für immer ein Ende zu setzen. Lang war die Reise; aber nach Ankunft am Ziel verflog vor dem Gnadenbild all ihr bitterer Trotz, reumütig bekannte sie Unserer Lieben Mutter die törichte Flucht, flehte sie inniglich an, ihr für immer die Kraft zur Bändigung ihres eigenen hitzigen Wesens von Gott zu erbitten, und mit allen guten Vorsätzen bewaffnet, begab sie sich schon am andern Tag auf die Heimkehr. Es kam ihr auch vor, als ob ihre leibliche abgeschiedene Mutter sie selber im Geiste zur Eile anmahnte. Es mag zwar auch ihr Gewissen sich dieser Stimme weislich bedient haben, jedenfalls fand sie jetzt keine Ruhe mehr auf ihrem Weg. Am letzten Abend wollte sie trotz großer Furcht auch die Nacht noch durchwandern, stieß aber dann in einem Dorfe auf ein abgehendes eiliges Fuhrwerk nach Rottweil, welches sie mitnahm. Eingerechnet diese Verkürzung der Reise, hatte sie immerhin den Rückweg von Einsiedeln nach Rottweil in einer kürzeren Zeitspanne bewältigt als irgendein Pilger vor ihr. –

 

In der Anrufung Unserer heiligen Jungfrau hatten sich der Vater, Frau Ursula und die Tochter versöhnt, noch bevor sie durch ihre Hilfe zur äußeren Versöhnung gelangten. Der Frieden der Liebe folgte dem ausgestandenen Schrecken. Und als Emma nach einigen Jahren einem eigenen Hauswesen vorstand, brauchte ihr kluger Gemahl, so oft sie drohte in den alten Jähzorn zu fallen, sie nur an die Mutter Gottes von Einsiedeln zu mahnen, und sogleich kehrte sie zu ihrer sonst großen Vernunft zurück.


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