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13. Im Schlafwagen

Mit einem Worte: solch ein unvollkommenes Geschöpf ist der Mensch«, klagt Franceschini einmal, »daß er den dritten Teil seines Lebens nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen, nichts riechen, nichts schmecken darf, wenn er die übrigen zwei Drittel überhaupt nur existieren will.« Das ist viel, aber immer doch noch weniger, als der Dachs braucht, von dem der Bildervers in der Kinderfibel behauptete:

»Drei Viertel seines Lebens
Verschläft der Dachs vergebens …«,

woran sich dann die etwas durchsichtige »Moral« knüpfte:

»Willst du dich deines Lebens freu'n,
So mußt du wach und munter sein.«

Ja, wenn das nur immer so in unser Belieben gestellt wäre! Allein, wir sind nun mal – trotz mancher Virtuosen geringsten Schlafbedürfnisses wie Friedrich der Große, Napoleon I. und Rudolf Virchow – so unvollkommene Geschöpfe, daß für uns, mit Schopenhauer zu reden, der Schlaf ist, was das Aufziehen für die Uhr, oder, wissenschaftlicher ausgedrückt, eine notwendige Lebensfunktion, die in unserm Körper dem Aufbau dessen dient, was die Arbeit des Tages verbraucht hat. Darum gilt auch seit jeher die Nacht als eine Art täglichen Gottesfriedens im Kampfe ums Dasein, und darum machte Shakespeare aus seinem Macbeth, der »den unschuldigen, den arglos heil'gen Schlaf ermordet«, einen so verruchten Sünder. Ach, uns modernen Kulturmenschen ist aus der Drachenzahnsaat unsrer vielbegehrenden Lüste im Acker unsrer Unrast allmählich ein ganzes Heer solcher Macbeths erstanden, die mit jeder Waffe und allen Tücken der Technik den Schlaf zu morden trachten, und gegen deren »Pfeil' und Schleudern« es nur einen Schild und eine Wehr nur gibt – freilich ein unfehlbares Arkanum: die Lektüre.

Das hat schon der alte König Ahasverus gewußt und sich deshalb als Schlaftrunk die »Chronik mit den Historien« kredenzen lassen. Gottlob sind seit jenen biblischen Tagen auch noch ungezählte andre Bücher geschrieben worden, und so kann sich heut jeder aus der Fülle der Arzneien das ihm besonders genehme Schlafmittel aussuchen. Wenn ich dir, lieber Reisegenoß, aus meiner ärztlichen Praxis und langjährigen eigenen Erfahrung einen Rat geben darf: besser als Trional und selbst Morphium sind Kants »Kritik der reinen Vernunft«, Klopstocks »Messias«, Dantes »Göttliche Komödie«, Schillers »Gedichte« – zumal die der ersten Periode sollten in keiner Hausapotheke fehlen! –, Goethes »Tasso« und »Iphigenie«, Richard Wagners gesammelte Werke, überhaupt so ziemlich alles, was man gemeinhin »Weltliteratur« nennt (Boccaccio und Karl May vielleicht ausgenommen).

Wer beneidet wohl heut nicht einen Adolf von Nassau, der immer »erst nach neun Uhr aufstand«, weswegen ihn seine offenbar von Schlaflosigkeit geplagten Widersacher absetzen lassen wollten? Wen erfaßt vollends nicht gelber Neid, wenn er hört, daß Goethe, eben in allem ein Olympier, seine vollen 24 Stunden, Li Hung Tschang mehr als 18 Stunden wenigstens zu schlafen vermochte?!

Überhaupt die Chinesen! Sie können in jeder Lage und zu jeder Tageszeit schlafen. Sie sind – die Glücklichen! – imstande, »über drei Schiebkarren liegend, den Kopf herabhängend und mit einer Fliege im geöffneten Munde zu schlafen«, behauptet der Sinologe Smith und will es oftmals gesehen haben.

Das ist nun freilich schon eine geradezu raffiniert ersonnene Ruhestätte und gewissermaßen ein Patentkurbett für hoffnungslos Schlafsüchtige – das erste Lager des müden Menschen war erheblich einfacher: ein Horst im Baume oder die nackte Erde.

An solches affenahnengemäße Baumnest erinnert noch heute unsre » Hängematte«, wie sich der Volksmund das unverständliche Karibenwort » hamaca« für das blätterbedeckte, aus verflochtenen Zweigen gebildete Lager der Indianer zurechtgedeutet hat. Aus Palmfasern geknotet, aus Baumwollfäden gewebt, ist diese Hängematte, die mit den Schiffen des Kolumbus nach Europa kam, noch immer bei zahlreichen Indianerstämmen des feuchten, schlangenreichen brasilianischen Urwalds Bett, Tisch und Stuhl zugleich.

Wie sich andrerseits der Buschmann Südafrikas unter einem Strauche zur Ruhe zusammenkauert, hat einst auch Odysseus, von den Wogen an den Strand der Phäaken geworfen, dürres Laub zum Schlafe über sich her gehäuft. » Bett« und » Beet« haben im Althochdeutschen noch die gleiche Bedeutung, und die Sprachforschung weist uns auf verwandte Wörter andrer Sprachen für »graben« hin: Bett wäre so eigentlich die in die Erde gewühlte Lagerstätte. Solch ein Lager auf der Erde – überhaupt erst möglich, als sich der Mensch zum Hüter seines Schlafs das schützende Feuer erkoren – ward dann durch Tierfelle wärmer und weicher gestaltet, und nach und nach begann man, es aus praktischen Gründen vom Boden zu trennen, indem man es über ihn erhöhte. Wir kennen diese Erhöhung schon, diese Bühne für das allmähliche Erstarken unsres Menschbewußtseins: sie ist das alte nordische Universalmöbel, die Mutter von Tisch, Stuhl, Bank und damit auch Bett, und mit der Trennung der ungleichen Geschwister hebt auch die Sondergeschichte des Bettes an. Estrade, offene Lade, verschließbarer Kasten, Rahmengestell auf vier Pfosten – das sind die wichtigsten Etappen seines technischen Entwicklungsweges, der zu mancherlei seltsamen Seitensprüngen verlockte und schließlich in hausbacken-kompromißlichem Zusammengehen von Rahmen und Lade in die nüchterne Straße des bürgerlichen Bettes von heute mündete.

Was ist es aber derweilen nicht alles gewesen, dieses proteische Möbel, dieses Zauberding von Bett, das uns geboren werden und verscheiden sieht, auf dessen sich ständig wandelnder Szene »das Menschengeschlecht«, mit de Maistre zu reden, »bald fesselnde Schauspiele, bald lächerliche Komödien oder erhabene Tragödien spielt«?! Thron und Totenbahre, Lotter- und Paradebett, Muschel der schaumgeborenen Venus und Matratzengruft des siechen Dichters, Diwan und » lit de justice«, edelstein- und goldgeziertes Zeremonialmöbel in der » chambre du roi«, das wie Geßlers Hut vom Höfling Devotion und Gruß heischt, und armselige Schlafgelegenheit für die Reise, Feldbett aus Holz, Drell und Bindfaden, wie es der junge Goethe als Koffer – im Gartenhaus am Ilmpark steht er noch – nach Italien mitnahm.

Im alten Ägypten hatte das Bett – Prunksofa und Ruhelager in einem – gewöhnlich Tiergestalt, war Löwe, Stier und gar Nilpferd. Der erhobene Tierkopf gab die Stütze für den Oberkörper ab, der langgestreckte Rücken trug die hochgeschichteten Polster. Als »Kopfkissen« diente beim Schlafen ein kleines Holzgestell, das man sich unter den Nacken schob, eine Art von schmalem Fußbänkchen, wie es noch heute bei vielen Völkern Afrikas und Ozeaniens, doch auch bei den chinesischen und japanischen Damen in Gebrauch ist und die Schonung der komplizierten und deshalb nur selten erneuerten Frisur bezweckt. Nebenbei bemerkt: dieses Kopfbänkchen ist sozusagen der intellektuelle Urheber des – Haarpfeils, der infolge allzu langer Schonzeit des im dichten Forste der Frisur arg frevelnden Kleinwilds einfach ein logisch-praktisches Postulat war und sich als handgerechter Jagdspieß schließlich der gesamten Damenwelt unentbehrlich zu machen verstand.

Aus dieser etwas phantastischen Bettform Altägyptens hat sich nach und nach über das im wesentlichen die Umrisse der Tiergestalt beibehaltende assyrische und griechisch-römische Bett unsre » Chaiselongue« entwickelt. In Byzanz begegnete dann dieses formenschöne, oft aus kostbarstem Material gefertigte Liegesofa – die » Kline« der antiken Zechgelage und philosophischen Debattierklubs, von welchem griechischen Worte die durchaus nicht immer ähnlich angenehme Vorstellungen in uns erweckende Bezeichnung »Klinik« abgeleitet ist – dem in weichen Kissen und Seidenstoffen schwelgenden Luxus des Orients und ging mit ihm eine dauernde Verbindung ein. Decken und Kissen aller Arten werden nun auch im Abendlande wichtigstes Erfordernis des Bettes, und solches reiches »beddegewant« vermag auch die aus einfachen Brettern zusammengefügte Bettlade der karolingischen Zeit, das »beddebret«, zu einem stattlichen Möbel zu gestalten. Schon im 10. Jahrhundert ist das Bett ausnahmslos das Glanzstück der Hausausstattung und »wird den Menschen jener Tage zum Symbol ihrer Stellung in der Welt«. Die Minnesängerzeit kann sich vollends gar nicht genug tun, das Bett zu feiern und zu besingen, das gelegentlich »von helfenbeine und von rotem Golde«, wohl auch »mit berlin gefieret, mit steinen wohl gezieret« war, darin man völlig unbekleidet und sitzend schlief, zu dem die Hausfrau oder ihre älteste Tochter den Gast geleitete, und vor dem die Dame wartete, bis der Ritter zu Bette gegangen und sie sich überzeugt, wie es im »Parzival« heißt:

»Daß man ihn wohl verpfläge
Und daß er sanft gebettet läge«

… es herrschten eben damals in mancher Beziehung schon höchst moderne Anschauungen.

Das riesige mittelalterliche Familienbett fand seinen Ehrenplatz zumeist in der Wohnstube, die kleineren »Spanbetten« aber standen in besonderen Schlafkammern, falls sie nicht am Tage als »Lotter«-, »Kolter«-, »Faulbett« oder »Kutsche« die Stelle des erst im 18. Jahrhundert sich bei uns einbürgernden Sofas (das arabische » suffah« bedeutet eigentlich die »Bank vor dem Hause«) oder Kanapees (vom griechisch-lateinischen » conopeum«, Moskitonetz am Bette, abgeleitet!) vertreten mußten. Seine großen Tage aber hatte das Bett bei Geburts- und Sterbefällen. Festlich geschmückt empfing es die der Wöchnerin gezollten Ehrungen, sah es als erste Totenbahre und Katafalk die Leidtragenden um sich versammelt und nach der Bestattung des Hausherrn als » lit de deuil«, als Trauersitz der Witwe, die Kondolenzvisite an sich vorüberziehen.

Und nun – vom 16. Jahrhundert an – besinnt sich das Bett allmählich wieder auf jene Rolle, die es als Zeremonialmöbel ehedem bei den Großen der Erde gespielt: mit Baldachin und Betthimmel geschmückt, durch eine Balustrade vom »profanen Volk« getrennt, nur einen großen Sessel und einen schmalen Gang neben sich duldend, ist es der gleichsam intimere Thron des Fürsten. Von ihm aus nimmt der König die »Cour« ab (» lit d'honneur«), spricht er auch das Rechtsurteil (» lit de justice«). Angesichts des Bettes, beim morgendlichen Aufstehen, beim »Lever« des Herrschers, entfaltet sich höfisches Zeremoniell und Prachtliebe am üppigsten. Das Schlafzimmer Ludwigs XIV., die » chambre du roi« in Versailles, ist eines der vornehmsten unter den dortigen Paradezimmern, und »selbst ein Friedrich der Große umgab sein Bett im Stadtschloß zu Potsdam mit einer silbernen Balustrade«. Dem Beispiel des Hofes folgt sklavisch der Adel, dem des Adels – noblesse oblige – das reiche Bürgertum, und so gibt es bald überall in den Schlafzimmern mehr oder minder zeremoniöse Sonnenkönig-Levers.

Als dann im Rokoko die Dame sich endlich die ihr in der Welt (in der man sich nicht langweilt) gebührende Herrscherstellung errungen hatte, und das Lever damit zu einer rein erotischen Boudoirangelegenheit wurde, schmückte die ausschweifende Phantasie des Tapezierers Bett und Schlafgemach mit jedem nur erdenklichen Reize, einzig und allein auf jenen »Punkt« hinzielend, »aus dem« (mit den Worten des reichlich ungalanten Mephisto) der Damen »ewig Weh und Ach so tausendfach zu kurieren« ist. »Vignetten des Zeitgeschmacks« nennt Alfred G. Meyer einmal sehr hübsch diese auf unzähligen Kupfern und Ölgemälden von Abraham Bosse bis Moreau-Freudenberg dargestellten Betten und Alkoven jener Kulturepoche, deren Quintessenz der Abbé Galiani, ein »Machiavell mit Schelle und Pritsche«, in die Sätze goß: »Der Tod ist eine häßliche Sache. Leben wir, und leben wir, soviel wir können.«

Aber die Revolution kam und der häßliche Tod mit dem blinkenden Fallbeil. Und nun lagen, wie Madame de Genlis klagt, »Leute, die in Blut gewatet, in Betten, die mit den Bildern der Venus und der Grazien geziert waren, und über ihrem Haupte schwebte statt des Damoklesschwertes der Bogen Amors zwischen Rosenkränzen«. Und die blendend schöne, aber nicht gerade geistgesegnete Frau Julie Recamier, Bankiers- und Revolutionsgewinnlersgattin, führte in aller Unschuld – » voulez-vous voir ma chambre à coucher?« – ihre Gäste in ihr protziges Schlafgemach und zeigte ihnen ihr auf gestufter Estrade stehendes, mit antiken Gefäßen umstelltes, im Glanze zahlreicher Kerzen von den hohen Spiegelwänden widerstrahlendes Himmelbett, das »ätherische Götterbett«, wie der entzückte Johann Friedrich Reichardt schwärmt, und bat den biedren preußischen Kapellmeister dann, im – Badezimmer Platz zu nehmen, dessen Wanne für den Abend »einen schönen Sofa von rotem Saffian machte«.

Und wieder folgt das Bett dem Genius der Zeit. Zu Beginn des Empires steht »Römertugend« hoch im Preise: die alte Kline wird aus der Rumpelkammer des Geschmacks hervorgeholt, das an »spartanische Abhärtung« gemahnende Feldbett des Soldaten dringt auch in das bürgerliche Schlafzimmer, und Napoleons Prachtbett wandelt sich in seinen Emblemen vollends zum bewehrten Lagerzelt. Der Kreislauf der Formen beginnt von neuem und führt, »getragen von der Romantik, die gerade an diesem Möbel ein willkommenes Feld der Betätigung fand«, durch alle historischen Stile wieder hindurch, bis eine neue Macht in unsern Tagen diesem Ringelreihen Einhalt gebot: die Hygiene.

Hygiene und Behaglichkeit sind aber feindliche Schwestern: kaum daß die Ärzte sie aus der Taufe gehoben, hat die neidische jüngere schon der würdigen älteren auf Schritt und Tritt das Leben verbittert. Und so steht denn heut in unserm Zimmer statt des großen, mit schweren Vorhängen versehenen »Behaglichkeitsbaus« von einstigem Bett, Fontanesch zu reden, »eine jener sargartigen Kisten, die das Schlafen als eine Nebensache oder gar als eine Strafe erscheinen lassen. Ein zuverlässiger Mensch wacht aber nicht nur ordentlich, sondern schläft auch ordentlich, und es war eine Feinheit unsrer Sprache, das richtig drapierte Großbett ohne weiteres zum Himmelbett zu erheben.« Gewiß – aber gibts denn heut noch »zuverlässige« Menschen? Und hat nicht auch Peter Altenberg wieder mal recht, wenn er meditiert: »Dein Bett ist wunderbar, so eine Art Refugium vor den Gefahren des wachen Lebens. Aber zugleich eine Gefahr selber – – – nämlich eine Art von Vorsarg deines Gestorbenseins … Man kann viele Sünden durch ausgiebigen Schlaf ersetzen – – –. Aber wenn man keine begeht?!? Dein Bett ist dein Vorsarg! Sobald du darin einschläfst, stirbt irgend etwas Wertvolles in dir ab!«?

Mein Bett ist mein Vorsarg …

*

Die Kuckucksuhr in meinem Zimmer scheint mir heut unausstehlich laut. Aus ihrem Ticktack hör ich jetzt ganz deutlich: »Hin – geht – die – Zeit –, her – kommt – der – Tod«, Tick – tack – tick – tack, Tick – tack – tick – tack! Auch solch ein Marterinstrument, das des Menschen Vorwitz erfand, um nur ja zu keinem rechten Lebensgenuß zu kommen! Ich will sie anhalten … ach was, ich werde mir lieber eine Sonnenuhr anschaffen, die zählt ja nur die »heitren Stunden«, und wenn ich gar die »Repetier-Sonnenuhr von Silber« oder die »an einen Reisewagen zu schraubende, die Lieder spielt« aus der Sir Hans Sloaneschen Auktion Lichtenbergschen Angedenkens bekommen könnte …

Tick – tack – tick – tack, Tick – tack – tick – tack …

Und mir kommt jener Spruch in den Sinn, den Bräsig vom Zimmerling Schulz gelernt hat, und der im gleichen Rhythmus geht:

»Die Stub' is mein
Und doch nich mein,
Der vor mich war,
Dacht auch 's wir sein.

Er gung hinaus,
Ich gung hinein;
Und bin ich fort,
Wird's auch so sein.«

Tick – tack – tick – tack, Tick – tack – tick – tack …

*

Liebe Reisegenossen, ich wills nur ehrlich gestehen: der Abschied von euch fällt mir schwer. Es klingt schon eine ganze Weile in mir jenes wehmütige Mozartsche: »Die Stunde schlägt, wir müssen scheiden.« Das macht mich kribblig. Aber nun ists heraus. Laßt uns einander Lebewohl sagen und

»Man trennt sich in die Lande.
Wann treffen wir uns Brüder
Auf einem Schifflein wieder?«


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