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6. Reisebekanntschaften

Unser Gegenüber sieht doch eigentlich geradezu »verboten« aus. Es hat so etwas Schäbig-Gentiles, Heruntergekommenes, wie etwa der sattsam bekannte, überschuldete und darum »kassierte« Gardeleutnant von ehedem, der dann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Kellner spielen mußte, oder Jingle aus den »Pickwickiern«. Früher hab ich mir gar kein Gewissen draus gemacht, solche unliebsame Reisebekanntschaft einfach an die frische Luft zu befördern. Heut aber, da der Kleister allein schon ein kleines Vermögen kostet – natürlich, ich spreche von der Tapete, diesem degenerierten Sprößling so erlauchter Ahnen. Und doch, wenn ich in der Dämmerstunde ausruhend auf diese verräucherte, in undefinierbaren Farben »prangende« Tapete schaue und die Blicke träumend wandern lasse: welch phantastische Welt von Fabeltieren und E. Th. A. Hoffmannschen Gestalten hat sich da manchmal nicht schon aus dem verblichenen Rankenwerke losgelöst … hier eine groteske Fratze, die deutlich mit den stieren Augen zwinkert, und dort ein langsam sich ringelnder Lintwurm, der mit den zahnbewehrten Kiefern schnappt, und dann war auf einmal alles seltsames Leben! Wer hat sich als Kind nicht oft bis zum Aufschrei vor diesen Dingen gefürchtet, die sich beim huschenden Flackern des bläßlichen Nachtlichts von der Tapete lösten? Ich glaube fast, hier hat der in uns allen schlummernde Künstler seine erstgeborenen Gesichte …

Sie war einmal, ich sagte es schon, wesentlich vornehmer, diese Tapete, und das griechische Wort » tapes« (lateinisch: tapetum) hat wahrscheinlich bereits der alte Homer mit dem Brauche aus dem iranischen Kulturkreise (persisch: tabseh) entlehnt. Der farbenfrohe alte Orient ist ihr Erfinder, und Inder, Perser, Assyrier, Babylonier und Ägypter bedeckten und schmückten schon in ältesten Zeiten wie noch heute die Wände ihrer Zimmer mit solchen bunten, gewirkten Decken und Vorhängen. Auch der Fußboden ward damit geziert, und diese Bodentapete haben wir uns nachmals in einen » tepit«, » tepet«, »Teppich« verdeutscht. Waren diese Tapeten beiderlei Art ursprünglich wohl bestimmt, die Fugen und Ritzen in Wand und Boden zu verbergen, so trieb man doch bald mit ihnen auch unerhörten Luxus, und die Geschichte hat uns die Namen zweier ägyptischer Herrscher aus der Dynastie der Ptolemäer, sowie den Alexanders des Großen und der Kleopatra als besonderer Tapetenliebhaber und -sammler aufbewahrt.

Der mittelalterliche Teppich kam nicht gerade selten auch auf den Tisch und nahm dabei seine ursprüngliche Lehnwortform (Tapet) wieder an; ja, Teppich und Tisch wurden manchmal eines für das andre gebraucht. Daher stammt denn unsre Redensart » etwas aufs Tapet bringen«, d. h. zur Besprechung auf den mit einer Decke gezierten Beratungstisch legen, »auftischen« und weiter also zum Gegenstand einer Beratung machen. Der alte schlesische Ritter- und Abenteurerromanschreiber Daniel Kaspar v. Lohenstein, Kaiserlicher Rat und Protosyndikus der Stadt Breslau, schrieb noch im 17. Jahrhundert in dieser Redensart sogar »Teppicht« für Tapet: »als der Adel die Herrschaft vieler Häupter wieder auf den Teppicht brachte« … und schließlich ist der berüchtigte » grüne Tisch«, an dessen oft von keinerlei Sachkenntnis getrübten Urteilen und Beschlüssen wir alle hie und da zu leiden haben, der mit dem grünen Teppicht bedeckte Tisch der Ratssitzungen und Behörden, in Wort und Wesen der letzte Ausklang dieser Art von Tapete.

»Umbehanc« (Umhang) oder »Rückelachen« (Laken für Len Rücken) nannte man im deutschen Mittelalter die oft nur bei festlichen Gelegenheiten der Truhe entnommenen Wandbekleidungen, die vor allem den sehr realen Zweck hatten, den Zug durch die oft undichten Lehmwände abzuhalten, und die im 16. Jahrhundert vielfach durch die stabileren, aus Holz hergestellten »Paneele« ersetzt wurden. Der Ausgang dieses Säkulums ward für die Entwicklung der Tapete überhaupt von größter Bedeutung. Einmal begann man mehr Wert auf Muster, Farbe und Herstellung der handgewirkten Wandbehänge zu legen, sodann aber kam am Mittelrhein der Brauch auf, sich bedruckten Papiers als Wandbekleidung zu bedienen. Die »Arrazi«, gewirkte Vorhänge aus der Stadt Arras, schmücken jetzt die Paläste der Reichen, Stickereien aus Mailand, bisweilen zu besserer Haltbarkeit noch diskret mit Farbe lasiert, zieren die Wände, oder man bespannt diese mit Damast oder Sammet. Bald versieht auch die Teppichweberei der Brüder Gobelin von Paris aus die ganze Welt mit ihren figurenreich gewebten Tapeten, den »Gobelins«. Hinter solcher Tapete barg sich Polonius, als ihn Hamlet erstach.

Johannes Scherr hat irgendwo einmal »die große Meisterin Not und ihre erstgeborene Tochter Arbeit« die Kulturbringerinnen genannt. Das sind sie ganz gewiß in vielen Fällen. Gar nicht selten aber führt auch die dem Menschen innewohnende Faulheit, der ihm angeborene gesunde Trieb, sich möglichst Arbeit zu ersparen, zu wichtigen Erfindungen. Weil die Maler, die bis dahin die Wände einfacherer Zimmer getüncht und allenfalls mit farbig schablonierten Mustern bedeckt hatten, sich diese Arbeit erleichtern wollten, bedruckten sie seit Mitte des 15. Jahrhunderts mittels hölzerner Stempel größere Bogen Papiers und »tapezierten« damit in verhältnismäßig kurzer Zeit die Wände. Das ist der Ursprung der Papiertapete. Rund hundert Jahre später führten die Engländer aus China bunte Holzschnitte in Massen ein, und nun ließen sich die reichen Handelsherrn, die sich das leisten konnten, mit solchen winzigen chinesischen Farbholzschnitten ihre Zimmer tapezieren. Und – »kleine Ursachen, große Wirkungen« – mit einem Male genügten die simplen, mit dem hölzernen Model aufgedruckten Muster niemandem mehr: die papiernen Tapeten mußten überall handkoloriert oder, wie man damals sagte, »illuminiert« werden.

Lange Zeit und eigentlich ja bis heute noch haben sich alle die erwähnten Tapetenarten: die gewirkten, die seidenen, die handbedruckten nebeneinander erhalten. Bessere Tapeten, »Stubenbeschläge«, wie man im 18. Jahrhundert sagte, gehörten übrigens zum Mobiliar, das der Mieter aus einer Wohnung in die andre mit sich nahm. Aus den Berliner Zeitungsannoncen von damals bekommt man eine gute Vorstellung von diesen Verhältnissen. Da empfiehlt ein Fabrikant »gewürckte Tapeten, als hautelice mit Personagen, wie auch Verdüren nach veritabelen Frantzösischen Desseins gearbeitet«, die unbegrenzt haltbar, wenn man sie »vor den Motten wohl in Acht nehme«. Mit schadhaft gewordenen Gobelins bezog man auch Lehnsessel, und die Tapezierer erboten sich, sie auszubessern, »sie mögen Fehler haben, wie sie wollen«. Natürlich waren derartige Gobelins recht teuer. Das gleiche gilt für die »Stubenbeschläge von gestrafften seidenen Brocatell«, die sich, von jedem Windzug bewegt, zudem leicht an der schlecht verputzten Wand durchscheuerten. Auch die »Mahlereyen in Tapeten«, teils auf Papier und mit Leinwand unterlegt, teils mit Ölfarbe direkt auf Leinwand ausgeführt, kosteten, besonders wenn Personagen oder gar » Paisans«, wie man Schäferszenen damals nannte, darauf dargestellt waren, noch ein sündhaft teures Geld: soll doch Byrons Mutter beim Lesen solcher Tapeziererrechnung vor Wut vom Schlage gerührt worden sein! Billiger waren entschieden die kürzlich aufgekommenen »gedruckten Tapeten«, bedrucktes Wachstuch, das mit kleinen Nägeln an die Wand geheftet wurde.

Solche Wachstuchtapeten für die Berliner stellte, nebenbei bemerkt, Herr Isaac Lewin Joel aus Halberstadt her, der 1758 in Klein-Glienicke bei Potsdam mit »Königlicher Bewilligung« eine »Wachs-Tapeten-Manufactur« angelegt hatte. Ganz gegen den Usus hatte er aber »weder Gnadengeschenk, noch Vorschuß, noch Vergütung erhalten, auch keine Bedingungen eingegangen«. Aus einer Aufstellung vom Jahre 1774 geht hervor, daß er jährlich 600 Band Tapeten herstellte, die ihn 1300 Taler kosteten und die er für 1500 Taler in der Mark und in Schlesien verkaufte. Das war dem guten Isaac Lewin Joel auf die Dauer doch etwas zu wenig Verdienst, und so kam er beim Alten Fritz um eine Beihilfe ein. Und was mußte er sich sagen lassen?! »Es gefällt mir nicht, daß er jetzt einen Geldvorschuß wünschet, denn ich halte von denjenigen Manufacturen am meisten, welche sich selbst aufhelfen, klein anfangen, und durch Fleiß, Geschicklichkeit und Sparsamkeit nach und nach groß werden, wenigstens ist das Glück derselben am dauerhaftesten.« So schrieb Herr Anton Friedrich Büsching, der 1775 die Glienicker Fabrik persönlich in Augenschein nahm. Aber freilich: Herr Büsching war »Königlich Preußischer Oberconsistorialrath etc.« – »nu eben«, wird sich der arme Isaac Lewin Joel auf Hochdeutsch gedacht haben.

Auch in den Häusern der Reichen waren damals keineswegs alle Zimmer »mit Tapeten ausgeschlagen«, und selbst die in ihrer ästhetischen Wirkung doch recht fragwürdigen Wachstuchtapeten blieben für die meisten Berliner wohl unerschwinglich. Bis beinahe in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein begnügte man sich daher, in bürgerlichen Wohnungen die Stuben zu tünchen. »Die Papiertapete«, erzählt uns so Gustav Freytag aus dem Hause seiner durchaus nicht unbemittelten Eltern, »galt für einen Luxus, den wir in keiner Wohnstube hatten, die Wände waren mit bunter Kalkfarbe blau, rosa, gelb getüncht; eine kleine gemalte Rosette an der Decke der ›guten Stube‹ wurde sehr bewundert.« Ich weiß nicht, ob nicht diese uralte Art, dem Zimmer einen Zusammenhalt, eine gewisse Ruhe zu geben, letzten Endes doch jenen Tapetenmustern weit vorzuziehen ist, die dann mit der fabrikmäßigen Herstellung der Papiertapeten auf den Markt kamen und in nicht gekonnter Nachahmung der handgewirkten Gobelins oft wahrhaft Grausiges an Geschmacklosigkeiten zeigten. Auch heute geht ja die menschenfreundliche und pädagogische Tendenz der kunstverständigen Herrn Tapetenfabrikanten wieder dahin, den in das Zimmer Gesperrten das Gruseln zu lehren, und zwar ohne daß er erst, wie der dumme Junge im Grimmschen Märchen, in die weite Welt zu ziehen braucht und schließlich noch eine Königstochter heiraten muß. Im übrigen – auch die getünchte Wand erlaubt phantastische Spaziergänge und schafft Dichter. Beweis dafür: Gottfried Keller und der Kammachergeselle Jobst, der doch von Haus aus so wenig Phantasie hatte, daß er immer die gleichen drei Kleckse auf das Horn schmierte. Dieser Jobst, da lag er nun am Morgen des Wettlaufs neben den beiden andern, die durchaus nicht hatten weichen wollen, in dem schmalen Bette und ließ seine Augen umhergehen an den Wänden und betrachtete dort die kleineren Gegenstände, die er schon tausendmal betrachtet, wenn er des Morgens oder am Abend noch bei Tageshelle im Bette lag und sich eines seligen, kostenfreien Daseins erfreute. »Da war eine beschädigte Stelle in dem Bewurf, welche wie ein Land aussah mit Seen und Städten, und ein Häufchen von groben Sandkörnern stellte eine glückselige Inselgruppe vor; weiterhin erstreckte sich eine lange Schweinsborste, welche aus dem Pinsel gefallen und in der blauen Tünche steckengeblieben war. Jenseits der Schweinsborste aber ragte eine ganz geringe Erhöhung, wie ein kleines blaues Gebirge, welches einen zarten Schlagschatten über die Borste weg nach den glückseligen Inseln hinüberwarf. Über dies Gebirge hatte Jobst schon den ganzen Winter gegrübelt, da es ihm dünkte, als ob es früher nicht dagewesen wäre. Wie er es nun mit seinem traurigen, duselnden Auge suchte und plötzlich vermißte, traute er seinen Sinnen kaum, als er statt dessen einen kleinen, kahlen Fleck an der Mauer fand, dagegen sah, wie der winzige blaue Berg nicht weit davon sich bewegte und zu wandeln schien.« Du kennst gewiß die Geschichte, lieber Leser – Keller gehört ja heute mit Storm und der Courths-Mahler zu den »Lieblingen des deutschen Hauses« –, und erinnerst dich, was das für ein »gutes himmelblaues Tierchen« war, und wie der Kammmachergeselle Jobst in der Flucht der Erscheinung Trost und Weisheit fand.

Ich will hier nicht entscheiden, ob der » Wandschmuck« etwa solchen Regungen hineindeutender Phantasie seinen Ursprung verdankt, oder vielmehr jenem allgemein verbreiteten menschlichen Triebe, dem das Sprichwort die schmälende Fassung gab: »Narrenhände beschmieren Tisch und Wände« – jedenfalls ist der Brauch, sich daheim mit schmückenden Bildern zu umgeben, schon uralt. Bereits der Eiszeitwilde grub mit seinem Feuersteinstichel in die Wand seiner felsigen Wohnhöhle, ganz wie es Buschmänner und Australier noch heute tun, die Bilder seiner Jagdtiere: Mammut, Bison, Renntier und Antilope, und schuf vollends aus der Zeichnung mit Hilfe von Ocker und Beinschwarz, die er mit Fett verrührte, die ersten Ölgemälde. Ganze Bildergalerien dieser Art haben uns neuerlich die Höhlen Südwestfrankreichs und Spaniens kennen gelehrt, und das alles ist erstaunlich gut gezeichnet und gemalt. Wie unsre Kinder bis zum heutigen Tage die kleinen Ereignisse ihres täglichen Daseins in naiven Bildern mit Kreide den Pflastersteinen und Mauern ausplaudernd anvertrauen, wobei es (Jugend hat keine Tugend) manchmal merkwürdig – nennen wir es – »frühreif« hergeht, so haben diese Magdalénienleute uns förmliche Romane ähnlicher Art in Bilderschrift hinterlassen: Damen in kniefreien Röcken und »auch sonst nichts an,« als wären sie aus einem Modejournal up to date kopiert, ja, ganze Aufklärungsfilms sozusagen. Es ist eben wirklich »alles schon dagewesen«, wie Gutzkows pedantischer Ben Akiba immer wieder behauptet …

Eine sinnige griechische Sage – Plinius hat sie uns aufbewahrt – will wissen, daß die Liebe es war, die das erste Porträt entwarf. Als nämlich Korinthia den Schatten ihres scheidenden Geliebten an der Wand sah, zog sie mit Kohle hurtig den Umriß nach und gewann so in seinem Bilde eine dauernde Erinnerung an den Abwesenden. Sie ist damit eigentlich zugleich die Erfinderin der » Silhouette« geworden, jener Schattenrisse und Umrißbilder, die einst Erinnerungsgabe der Liebe und Freundschaft und Schmuck der Wände waren und heute wieder einmal » dernier cri« und »große Mode« sind. Mit dem Rokoko kamen sie auf, und in der leicht gerührten Biedermeierzeit feierten sie als Porträt wie Genreszene ihre höchsten Triumphe. Wer kennt nicht ungezählte, klassisch gewordene Scherenschnitte jener schwärmerischen Zeit, da man aus dem Schattenrisse nach Lavaters Manier Begabung und Charakter des also Porträtierten herauslesen wollte, und »physiognomische« Silhouettenstudien ein so leidenschaftlich betriebener Gesellschaftssport waren wie heute Kokainschnupfen und Jumperhäkeln? Namentlich die – Nase des Schattenrisses – in der Tat ja auch das Charakteristischste einer Porträtsilhouette – wurde eifrigst gedeutet. Der junge Goethe schwärmt so einmal von der »süßen Festigkeit der Nase« der von ihm verehrten Gräfin Auguste Stolberg, und Lavater selber findet Goethes Silhouettennase »voll Ausdruck von Produktivität, Geschmack und Liebe, d. h. von Poesie« – was schließlich nicht allzu schwer aus ihr herauszudeuten war, wenn man Goethes Werke kannte. Die Nase eines andern schien dem prophetischen Schweizer Kanzelmann »nicht so schaffend und fruchtbar«, an einem dritten rühmte er hingegen »die Klugheit und das Feuer« der Nase. Er hat sich dann und wann bitter getäuscht und mehr als einmal eins auf die Nase bekommen, wie denn Lichtenberg spottet, Lavater finde auf den Nasen mancher Schriftsteller mehr als die vernünftige Welt in deren Schriften.

Die Bezeichnung »Silhouette« ist übrigens ein echt französischer Witz: sie kam mit dem aus schwarzem Papier geschnittenen Schattenrisse selbst um 1757 auf. Damals bezeichnte man in Paris allzu große Knauserei und Einschränkung nach dem Namen des Generalkontrolleurs der Finanzen Etienne de Silhouette, der, auf größte Sparsamkeit bedacht, allem etwas abknapste, mit dem Ausdruck » à la Silhouette« – und billiger und knapper ließ sich ein Porträt nicht gut herstellen als durch solchen Schattenriß, solche »Silhouette«. Wie beliebt die Silhouette lange Zeit war, erhellt am deutlichsten aus der Tatsache, daß man die Erfindung der Photographie anfänglich (1802) lediglich zur Wiedergabe von Silhouetten benützte.

Für Gemüter, die in Dingen der Kunst genügend anspruchslos sind – und das sind ja gottlob die meisten Menschen –, waren Porträts verstorbener Familienmitglieder wohl immer der begehrteste Wandschmuck. Es ist, als ob man, die erbarmungslose Wahrheit jenes »Aus den Augen, aus dem Sinn« fürchtend und sich selbst in dieser Beziehung keineswegs trauend, seinem Pflichtgefühl damit ein für allemal den rechten Weg der Pietät weisen wollte. Und andrerseits sollten solche Familienbilder wohl auch dem ins Zimmer tretenden Fremden jenes schon aus homerischen Zeiten stammende, stolze »Auch ich bin nicht hinterm Zaune geboren« eindringlich vor Augen halten. Seien wir nicht boshaft: auch solch Familienbilderwandschmuck kann unserm Zimmer Wärme geben – es brauchen ja nicht gerade nur photographierte Posen mit leeren Gesichtern und Sonntagskleidern zu sein, die einer sich hinhängt –, und es steckt schon etwas Wahres in jenen Bulwerschen Worten: »Für edle, nach Besserem strebende Gemüter gibt es keine beredtere Aufforderung zur Ehrenhaftigkeit, Wahrheitsliebe und zu erlaubtem Ehrgeiz als diese stummen und ernsten Rahmen, aus denen unsre Väter, die der Tod gleichsam zu unsern Penaten gemacht, zu uns herabblicken.«

Wie reizvoll kann nicht solch ein Schattenriß sein, wie zärtlich und lebendig wirkt nicht noch heute Großmutters Pastell: dieses junge Mädel mit dem braunen Scheitel und dem krausen Lockenhaar um die zierlichen Ohren, mit diesen träumenden, dunklen Augen, diesem schlichten, schmucklos schwarzen Kleid – ein wenig vorgebeugt, wie lauschend, sitzt es da, das junge Ding … Wo ist diese ganze liebenswürdige Porträtkunst von damals geblieben, die in allen Familien Bildnisse in Öl, in Pastell, in Lithographie oder Bleistiftzeichnung hinterließ? »Wie werden wir unsern Enkeln im Gedächtnis bleiben«, fragt Lux einmal, »wird unser Bild in ihrem Seelenleben gegenwärtig sein, mitwirkend in ihrem Tun und Lassen, geliebt und verehrt, wie unsre selige Großmutter? Wir lassen uns photographieren. In einer Anzahl von Jahren ist die Photographie verblaßt, ausgeblasen, unkenntlich, eine Fratze. Vielleicht heben sie die Nachkommen auf, vielleicht. Aber ansehen tut man sie nicht, zeigen noch weniger. Es ist unerquicklich. Name sind wir dann, leerer Schall. Und dann erst wirklich gestorben« …

Eigentlich ists mit den andern Bildern an der Wand ganz ähnlich: die flinke, geistlose, der Masse gleichmacherisch huldigende Reproduktionstechnik unsres Zeitalters hat den Sinn für das Vornehme, Einzelgängerische und Handwerkliche echter Kunst in zu vielen getötet. Freilich hat es bei uns ja niemals solche Blütezeit des Bildes im Hause gegeben, wie die Kunst sie im 16. und 17. Jahrhundert in den Niederlanden erlebte, als Antwerpen (1566) in seinen Mauern 300 namhafte Maler, Holzschneider, Kupferstecher und Bildhauer, aber nur 169 Bäcker und 78 Metzger zählte, als man auf Markt und Straße vom Maler selber die Bilder kaufen konnte, und jeder Bürger seine eigene kleine Bildergalerie besaß. Im Jahre 1641 besuchte der Engländer John Evelyn, wie Floerke berichtet, die Kirmes von Rotterdam und schrieb darüber in sein Tagebuch: »Der Markt war derart mit Bildern ausgestattet, besonders Landschaften und Drollerien (wie sie diese clownartigen Darstellungen nennen), daß ich überrascht war. Einige kaufte ich und sandte sie nach Hause.« Und als praktischer Kaufmann fügte er kalkulierend hinzu: »Der Grund für diese Menge von Bildern und ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine gewöhnliche Erscheinung ist, einen simplen Bauern 2000-3000 Pfund Sterling auf diese Weise anlegen zu sehen. Ihre Häuser sind damit angefüllt.« Mag sein, daß letzten Endes ähnlich wie heute merkantilische Erwägungen die Ursache solches Bildersammelns waren; aber echte Kunst färbt sozusagen auf den Sammler ab, und mit dem Ehrgeiz des Sammlers wächst ganz von selber sein Kunstverständnis.

Dieses Bildersammeln durch alle Stände hin hat es bei uns, wie betont, nie gegeben. Was man jedoch ehedem im deutschen Bürgerhause an Bildern besaß, war anständige Kunst, zum mindesten tüchtiges Handwerk. Wir wollen zeitlich nicht allzuweit zurückgehen – man denke nur an die zahllosen Radierungen und Stiche Riedingers und Chodowieckis oder an die späteren Lithographien Hosemanns und Dörbecks. Ja, selbst die Stiche, Holzschnitte und Steinzeichnungen der Namenlosen jener Biedermeiertage: diese etwas süßlichen Klarissen, Belinden und Rinaldos, diese koloristisch so naiven Szenen aus der Welthistorie und der biblischen Geschichte – »Abraham in Rot opfert Isaak in Blau, Daniel in Gelb wird unter grüne Löwen geworfen«, spottet Dickens einmal im »Copperfield« darüber – das alles hatte mit der Kunst immer noch weit mehr Berührungspunkte als die fürchterlichen »garantiert abwaschbaren« Öldrucke, die in der Gründerzeit bei uns aufkamen, in ihren ebenso greulichen »echt goldbronzierten« Gipsrahmen als »beliebte Hochzeitsgeschenke« in alle Häuser drangen und hier jedes unverbildete Kunstempfinden tätlich beleidigten. Du kannst sie, lieber Leser, noch immer in sonst ganz anständigen Häusern finden, wo man sie teils aus »Pietät« und teils deshalb an der Wand hängen läßt, weil man gegen alles, was Kunst heißt, Gott sei Dank völlig immun ist. Du findest dort auch noch auf Säulen oder Konsolen an der Wand die Klythia, den Hermes und den Apoll, teils in »Elfenbeinmasse«, teils bronziert – auch diese Seuche hatte ja in den achtziger Jahren mit dem kriegerischen Schlagwort »Schmücke dein Heim« das deutsche Volk befallen und ungezählte Opfer gefordert – »weder Lamm noch Stier, aber Menschenopfer unerhört«.

Etwas besser ist das heute glücklicherweise schon geworden. Ich freue mich, daß die farbenfrohen und doch so ruhig leuchtenden, vornehm-bescheidenen Künstlersteindrucke, diese wohlfeilen Originale guter heutiger Meister, mit denen auch der Ärmste sein Zimmer schmücken kann, daß die Holzschnitte und Radierungen unsrer Jungen und Jüngsten allmählich ganz allgemein im bürgerlichen Geschmack jene Monstra meiner Kindertage zu verdrängen beginnen … Im übrigen: schau dich um nach den Bildern, wenn du in ein fremdes Zimmer trittst; das ist, mit Fritz Reuter zu sprechen, »ne gaude Mod', denn Einer kann meistendeils von de Biller up de Lüd' urtheln, de sei uphängt hewwen.«

Seit einem Weilchen schon stört mich ein alter Freund in meinen Betrachtungen. Sobald ich aufblicke, schaut er mich mit meinen eigenen Augen an und folgt mir, wie ich den Kopf auch drehe. Du kennst ihn, lieber Reisegefährte, er ist auch dir befreundet und allen, die ihn erblicken, der treuste Berater, ehrlich und unbestechlich, ein Mahner, ein Tröster, unser wahres » alter ego«, ganz im Sinne Zenos: unser philosophisch-kritisches »andres Ich« – der Spiegel, der nicht müde wird, uns zuzurufen: »Erkenne dich selbst« und »das bist du«, mit allen deinen Eigenheiten, den körperlichen wie den seelischen, mit all diesen Besonderheiten, die Anlage und Lebensführung in dein Antlitz gezeichnet haben. Befrage nur den Spiegel an der Wand ehrlich, und er wird dir aufrichtige Antwort geben – sie wird ja nicht immer gleich so grob ausfallen wie jene Umschrift auf einem alten niederösterreichischen Spiegel, die behauptete: »Drinnen lauert der Teifl!«

Das »Auge des Gemachs« hat einmal jemand den Spiegel genannt, »ohne den das Zimmer einer Landschaft ohne Fluß gleiche«. Er ist eine recht alte Erfindung menschlicher Eitelkeit und Wahrheitsliebe – sind doch jeder klare Bach und jeder stille Teich gleichsam naturgegebene Spiegel, darin sich mancher Narziß schon gleich jenem der ovidischen Verwandlungen fand und verlor. Und doch: der Affe, das Kind, der Wilde, die sich zum ersten Male im künstlichen Spiegel sehen – sie greifen hinter das Glas oder auf ihr Spiegelbild, den ihnen Fremden zu erhaschen; es fehlt ihnen noch Vorstellung und Bewußtsein ihres widergespiegelten Ichs und Ebenbilds. Das führt denn manchmal zu ergötzlichen Szenen und lustigen Quiproquos. Der famose Schutztruppenhauptmann Detzner, der während des Weltkriegs das unbekannte Innere Neuguineas erforschte, erzählt uns, wie die Papuas, kopfschüttelnd und Grimassen schneidend, ohne jedes Zeichen des Erkennens ihr Bild im Spiegel betrachteten, ja, wie sie selbst auf gut gelungener Photographie sich selber nicht erkannten. »Mit freudigem Staunen, mit Stolz, mit Schadenfreude und Gelächter errieten sie den und jenen auf dem Abzug. Einer erkannte den andern, machte seinen Nachbarn auf dem Bilde oft mit blödem Lachen darauf aufmerksam: das bist du, und zum dritten: das stellst du vor. Der sein Ebenbild nicht kennende Angeredete wies die Behauptung energisch zurück, behauptete aber seinerseits von dem andern, den er auf dem Abzug wohl erkannte: hier stehst du und dort hockst du! Nun war die Reihe an diesem, die Zumutung abzulehnen, in der ihm unbekannten Gestalt sich wiederzuerkennen. Immer aufgeregter wurden Rede und Gegenrede, und nur durch unser energisches Eingreifen konnte eine allgemeine Prügelei und Speerstecherei hintan gehalten werden.« Man sieht – wenn ich dem Leser ausnahmsweise einmal philosophisch kommen darf –, der viel geschmähte Spiegel ist ein wertvoller Wegweiser auf dem Wege der Erziehung des Menschen zum Bewußtsein seiner Persönlichkeit gewesen.

Die Alten kannten Spiegel nur aus poliertem Metall, und im eitlen Rom der Kaiserzeit, da man sogar bereits mannshohe Stehspiegel zu fertigen wußte, waren Spiegel aus Silber oder Bronze so begehrtes und allgemein benutztes Hausgerät, daß die Spiegelmacher unter den Metallarbeitern eine eigene Zunft bildeten. Im alten Ägypten erschienen die Damen selbst im Tempel mit ihren silbernen Spiegeln – das gehörte zum »guten Ton« im Pharaonenreiche –, und die gelehrigen Jüdinnen wollten ihnen nachmals darin natürlich nicht nachstehen, worauf der ungalante Moses in der Wüste bekanntlich den »vor der Tür der Hütte des Stifts dienenden Weibern« die ihrigen abnahm und das »Handfaß zum Waschen« daraus gießen ließ. Metallspiegel besaßen auch die Peruaner; die alten Mexikaner schliffen sich Spiegel aus Obsidian und Bergkristall.

Gläserne Spiegel kennen wir erst vom Ausgang des 13. Jahrhunderts. Den Ursprung dieser Fabrikation glaubt man neuerdings in Deutschland suchen zu sollen; denn nach authentischen Berichten bemühten sich die Venezianer, die lange Zeit als Erfinder der gläsernen Spiegel galten, damals vergeblich, das Geheimnis der Spiegelerzeugung mit List und Gewalt den deutschen Meistern zu entlocken. Größere, gegossene Spiegel hat man bei uns vollends erst im 18. Jahrhundert gefertigt, und unter den ersten Besitzern dieser nachmals staatlichen Spiegelfabrik zu Neuhaus figuriert – honny soit qui mal y pense! – ein Graf Mikosch und ein Baron Saffran.

Jedenfalls wurden die kleinen Glasspiegel bald außerordentlich beliebt. Die eitlen Schönen ließen damit ihre Kleider, den Gürtel und die Schuhe besetzen, der Stutzer trug den Spiegel in seiner Kappe und im – Gebetbuch, »und wenn man meint, sie lesen und sind andächtig«, klagt ein fingierter Zelot in Dedekinds köstlichem »Grobianus« vom Jahre 1549, »so schauen sie sich und andre im Spiegel«. In Nürnberg machte man damals bereits »erhabene« und »hohle«, konvexe und konkave Spiegel, die vergrößerten oder verkleinerten und als »Ochsenaugen« durch die ganze Kulturwelt gingen. Das frivole Rokoko hob vollends den Spiegel in den Himmel, den aus seidenen Wölkchen aufgepufften Betthimmel der » grande dame«, und »stilisierte so gefällig die irdische Liebesstunde zu einem mythologischen Idyll«, welch Kunst übrigens, einem antiken » on dit« zufolge, bereits der alte Horaz in seinem Spiegelzimmer geübt haben soll. Dann kam die Zeit der großen Spiegel, die man in die Wand einließ oder über den Kamin hängte, die Zeit der feierlichen »Trumeaus«, die mit ihrem Rahmen aus Mahagoni oder vergoldeter Holzschnitzerei und ihrer Konsole zwischen den Fenstern am Pfeiler prunkten und gleichsam dem ganzen Zimmer den Schein des Lebens gaben – hinter die man die gestochenen Kärtchen vornehmer Besucher schob und diesen und jenen Brief sich auch nicht steckte …

Freund und Feind, Berater und Mahner, Betrüger und Verführer – alles zugleich ist der Spiegel, ein wahrer Zaubrer, der immer etwas Geheimnisvoll-Unheimliches hat, der dich dir stiehlt und dich dir gibt, der alles sieht und nichts bewahrt, den man einst verhängte, wenn jemand gestorben, den man dem Kind in die Wiege legte, um es vor dem bösen Blicke zu schützen, mit dem der griechische Bauer die drohenden Hagelwolken bannen wollte und der heutige Malaie die lodernde Feuersbrunst zu scheuchen meint …

»Es gibt Menschen«, schreibt der einst viel genannte Chemiker Karl Ludwig v. Reichenbach, der phantasievolle Entdecker des mystischen »Ods«, »denen der Spiegel ein eigenes Gefühl von Bangigkeit verursacht, wie wenn ein laulich-widriger Hauch sie anginge, den sie nicht eine Minute lang ruhig aushalten mögen. Der Spiegel wirft ihnen nicht bloß ihr Bild, er wirft ihnen noch einen unnennbar peinlichen Eindruck zurück, manchem stärker, manchem schwächer, manchem nur kaum noch soweit fühlbar, daß eine unbestimmte Abneigung gegen den Spiegel übrig bleibt. Solche Leute scheuen es, in den Spiegel zu sehen, sie wenden sich davon ab und können ihren eigenen Anblick nicht ertragen.«

Und ich denke an Chamissos Peter Schlemihl und Hoffmanns Erasmus Spikher aus den »Abenteuern der Silvesternacht«, und ich denke daran, wie unsre Vorfahren, ehe sie das lateinische Wort für Spiegel ( speculum) und den metallenen Seelenfänger der Römer selbst kannten, für die Sache das tiefsinnige Wort » scûcar« von scûwo, »Abschein« oder »Schatten« des Menschen, geprägt hatten.


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