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3. Auf dem Bahnhof

Gibt es ein behaglicheres Empfinden, als in seinem Zimmer zu sitzen, wenns draußen regnet oder schneit, oder gar wenns stürmt und die Schloßen gegen das Fenster schlagen? Dieses Geborgensein, dieses Gefühl der Sicherheit – »es kann dir nix g'schehn«, wie Anzengrubers Steinklopferhannes sagt – gibts das noch irgendwo anders als in deinen vier Wänden? Alles darin ist dir vertraut, alles hat seine Geschichte, und das ist meist auch ein Stück von deiner Geschichte. In deinem Zimmer gehörst du dir allein, bist du du selbst, ohne alle die konventionellen Hüllen, die du gegen das Draußen anlegst. In deinem Zimmer machst du dirs bequem, gehst du im Hausrock – auch bildlich gesprochen. Und es ist wie eine tiefe Symbolik, daß im wohlgesitteten alten Ägypten sogar die Prinzen und Prinzessinnen, wie uns die Gemälde verraten, im Hause unbekleidet gingen. Das ist lange so geblieben. Ein Grandseigneur wie der Herzog von Lauzun, dessen Kindheit sich sozusagen zu den Füßen der Madame de Pompadour abspielte, berichtet uns in seinen einst berühmten Memoiren darüber: »Im übrigen ging es mir wie allen Kindern meines Alters und Standes; ich hatte die hübschesten Kleider, um auszugehen, zu Hause war ich nackt und starb fast vor Hunger.«

Dein Zimmer kennt deine Freuden und Leiden, dein Verschwiegenstes, und wenn du schon lange darin wohnst, ist es, als sei etwas von deinem innersten Wesen in das Zimmer geflossen und läge wie ein Hauch über allem, was darin ist. Erzählt uns nicht das Zimmer oft mehr von der Eigenart seines Bewohners als sein Kleid und selbst sein Gesicht? Gibt es nicht Zimmer, die trotz aller Möbelpracht und allen Bilderreichtums und trotz der tausend nichtigen Sächelchen auf Tischen, Borden und Etageren uns nackt und leer erscheinen wie das nichtssagende Gesicht eines Blasierten oder das gemalte und gepuderte Antlitz einer »Schönheit nach der Mode«? Zimmer, die korrekt sind wie ein Bureaukrat und sonst weiter nichts. Liederliche, ernste und würdige Zimmer; Zimmer, die einen lachen, und solche, die einen schaudern machen? Und gibt es nicht wiederum Zimmer, die nur das dürftigste Gerät enthalten und die doch beim Betreten dich mit einem Behagen erfüllen, daß dir gleich warm ums Herz wird und deine Zunge sich löst?

Welch ein Gegensatz zwischen den schlichten, sonnenhellen, fast leer erscheinenden Zimmern des jungen Goethe da draußen im Gartenhaus am Stern im Ilmpark und den so hoheitsvolle Grandezza und selbstbewußte Würde atmenden Gemächern des Herrn Ministers und Geheimden Rats v. Goethe am Frauenplan in Weimar! Welch greller Kontrast zwischen Goethes Pracht und der armseligen Kleinbürgerlichkeit in Schillers Wohnung! Zumal das Arbeitszimmer, darin der Dichter auch gestorben, das ist der ganze, arme Schiller. Eine seltsam ruhig-unruhige Tapete, grün, giftgrün mit fliederfarbenen Tupfen, darum ein Kranz von zarten Tannenreislein. Zwischen den Fenstern, in breitem Mauerpfeiler eingelassen, die winzige Bibliothek. Daneben der schmucklose Schreibtisch mit dem ärmlichen Tintenfaß, dem ärmlichen Leuchter, bei dessen kargem Lichte die »Braut von Messina«, der »Tell« und der »Demetrius« geschrieben wurden. Vorm Fenster zur Gasse rote, ärmliche Gardinen, und nun in der Ecke Nachttisch und Bett, ein wahres Dienstbotenbett von erschütternder Armseligkeit. Spinett und Gitarre beschließen etwas bohememäßig das Mobiliar – auch das ganz Schiller. Ist das nicht alles wie ein Sinnbild seines Erdendaseins? Der Kanzler v. Müller erzählt uns, wie der König von Bayern eines Abends vor dem Theater ihn zu einem Besuche im Schillerschen Hause mitgenommen habe, und wie Ludwig über die engen Räume, die Schiller einst bewohnt, gewehklagt und geäußert habe: »Hätte ich nur damals schon freie Hand gehabt, ich hätte ihm die Villa di Malta in Rom eingeräumt …«

Und gerade doch … »Sieh, lieber Hummel«, rief Beethoven auf dem Totenbette, ein Bild von Haydns Geburtshaus zu Rohrau betrachtend, »eine schlechte Bauernhütte, in der ein so großer Mann geboren wurde!« Und dennoch … »Haus und Zimmer haben die Macht der Zeit gefühlt«, schildert der unglückliche Dichter Johann Mayrhofer seine und Franz Schuberts Stube in der Wipplinger Straße zu Wien, »die Decke ziemlich gesenkt, das Licht von einem großen gegenüberliegenden Gebäude beschränkt, ein überspieltes Klavier, eine schmale Bücherstelle, so war der Raum beschaffen, welcher mit den darin zugebrachten Stunden meiner Erinnerung nicht entschwinden wird.« »Halb dunkel, feucht und ungeheizt; er saß in einen alten, fadenscheinigen Schlafrock gehüllt, fror und komponierte«, ergänzt uns der Musiker Anselm Hüttenbrenner das Bild. Und dennoch … Rahel v. Varnhagens Mansarde in der Jägerstraße zu Berlin, mit einem schrägen Dachfenster und dem Porträt Lessings an der Wand als einzigem Schmuck. »Da ist mein Mausoleum«, schrieb die Gefeierte nachmals in wehmütiger Erinnerung, »da hab ich geliebt, gelebt, gelitten, mich empört. Goethen kennengelernt. Bin mit ihm aufgewachsen, Hab ihn unendlich vergöttert! Da wacht ich und litt viele, viele Nächte durch, sah Himmel, Gestirne, Welt mit einer Art von Hoffnung; wenigstens mit heftigen Wünschen. War unschuldig …« Und ihren so berühmten »Salon«, in dem sich ein Prinz Louis Ferdinand, Wilhelm v. Humboldt, Chamisso, Fouqué, Schleiermacher, Fichte, Leopold v. Ranke, eine Bettina heimisch fühlten – er war nur gut bürgerlich und aufs bescheidenste ausgestattet: »aber das Ganze machte dennoch einen eleganten Eindruck, oder vielmehr die Anordnung war so gefällig und bequem, daß sie jenes eigentümliche Behagen hervorbrachte, welches durch die höchste Eleganz bewirkt werden soll und bei den größten Mitteln doch so oft verfehlt wird«, hat ein Anonymus darüber geurteilt – ihren Salon nannte Rahel »die Dachstube, im größeren fortgesponnen«, und »die ordentliche Dachstubenwahrheit zu hören«, versammelten sich hier die erlauchtesten Geister. Ist das nicht wie aus dem Gedankengange Humboldts, der an Charlotte Diede einmal schreibt: »Eine Stube nimmt immer für den, der sie bewohnt, die Farbe dessen an, was gewöhnlich darin vorgeht, und man sollte mehr darauf denken, sich einen Ort aufzubewahren, der einen bloß an das erinnern kann, was man frei von andrer Beschäftigung oder Zerstreuung darin gedacht oder empfunden hat. Wie man dann nur die Wände erblickt, erscheinen dieselben Gedanken und Empfindungen wieder, an die sich andre anreihen.«

»Raum ist in der kleinsten Hütte« … Erinnerst du dich, lieber Leser, der Heinrich Seidelschen Schilderung von Hühnchens Studentenbude, darin dieser mit seinem Freunde und Schöpfer so köstlich »schlampampte«? »In seinem Wohnzimmer war eben so viel Platz«, schildert der Dichter, »daß zwei anspruchslose Menschen die Beine darin ausstrecken konnten, und nebenan befand sich eine Dachkammer, die fast vollständig von seinem Bette ausgefüllt wurde, so daß Hühnchen, wenn er auf dem Bette sitzend die Stiefel anziehen wollte, zuvor die Tür öffnen mußte. Dieser kleine Vogelkäfig hatte aber etwas eigentümlich Behagliches; etwas von dem sonnigen Wesen seines Bewohners war auf ihn übergegangen.« Und dann das Sofa! »Setze dich nur auf das Sofa, aber suche dir ein Tal aus. Das Sofa ist etwas gebirgig; man muß sehen, daß man in ein Tal zu sitzen kommt.« Wird dir nicht warm und geradezu weihnachtsfroh ums Herz, wenn du an den winterlichen Besuch in der winzigen »Villa Hühnchen« in Steglitz denkst, mit ihren durch sämtliche Zonen und Klimate gehenden beiden Zimmern? »Beginnen wir unsere Wanderung hier am Nordende«, erläutert Hühnchen dem Freunde den Mikrokosmus seiner durch einen Korridor verbundenen Räume. »Dicht am Fenster befinden wir uns in der kalten Zone und können auf das Polareis den Finger legen. Nun bewegen wir uns nach Süden und gelangen hier bei diesem Großvaterstuhle bereits in die gemäßigte Zone. Ein tropischer Anhauch weht uns entgegen von jenem Ofen am Beginn des breiten Ganges. Dieser Ofen bezeichnet den Wendekreis des Krebses. Wir passieren ihn und geraten in die heiße Zone. Was du für Ritzen im Bretterfußboden hältst, sind die Breitengrade, und dieser hier, etwas stärker als die übrigen, stellt den Äquator vor. Wir befinden uns demgemäß bereits auf der südlichen Halbkugel, treten durch diese geöffnete Tür in das zweite Zimmer und finden dort wieder einen Ofen, den Wendekreis des Steinbocks. Langsam schreiten wir durch die südliche gemäßigte und kalte Zone vor, bis uns wiederum Polareis entgegenstarrt. Und sieh mal, dies alles in dem Zeitraum weniger Sekunden, und wir brauchen dazu nicht Siebenmeilenstiefel wie Peter Schlemihl, der, als ihm im Norden beim Botanisieren der Eisbär in den Weg trat, in seiner Verwirrung durch alle Klimate taumelte, bald kalt, bald heiß, wodurch er sich die monumentale Lungenentzündung zuzog. Wir können das viel bequemer in Hausschuhen machen« …

Birgt nicht jedes Zimmer – auch deines, lieber Leser, wenn du nur willst und es recht anzufangen weißt – die ganze Leberecht-Hühnchen-Seligkeit, die ganze frohe, erhabene, melancholische Ewigkeitsgröße eines Goethe, Schiller, Haydn, Schubert und die gesellige Grazie der feinsinnigen Rahel in seinen vier Wänden? Und trifft nicht auch das für jeden von uns zu, was Goethe einmal über sein mehr als einfach gehaltenes Arbeitszimmer zu Eckermann sagte: »Geringe Wohnung wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte. Es läßt meiner inneren Natur Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen«.


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