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10. »Und will auch kein' Lerch' sich schwingen …«

Ich muß wohl eingenickt sein – selbst der gute Homer schlief ja bisweilen ein bißchen – ja, gewiß: ich hatte schon geträumt. Da war die altmodische gelbe Postkutsche an mir vorüber durch die Felder auf das Stadttor zu gerumpelt, und der Schwager in seinem schmucken blauen Rocke mit den silbernen Borten daran hatte das Horn an die Lippen gesetzt und geblasen. Ganz fern hatte das geklungen … wie ein Eichendorffsches Gedicht oder ein Bild von Schwind, hatte ich gedacht … und dann hatte das blinkende Posthorn auf einmal einen gellen, tiefen Mißton gegeben, und der war näher und näher gekommen. Herrgott, war ich vom Grabenrand aufgesprungen, ist denn noch immer Krieg?! Das war ja eine heulende Granate gewesen, und nun sauste eine zweite, eine dritte über mir hinweg, und plötzlich war mir, als sei ich getroffen. Ich faßte nach der linken Hand, und – da flog die schwarze Granate surrend davon und prallte gegen die Fensterscheibe und war eine ganz gewöhnliche Fliege.

Die »Brotfliege« nannte meine liebe Mutter nach altem Brauche diese heut aus ihrem winterlichen Hindämmern durch die warme Sonne geweckte Fliege, und wir Kinder durften sie nicht scheuchen noch fangen. »Soviel Fliegen überwintern«, sagt ein mecklenburgisches Sprichwort, »soviel Taler werden gespart.« Wenn je ein Sprichwort gelogen hat – und sie haben das eigentlich samt und sonders an sich, daß sie wie gedruckt lügen –, so ist es dieses von der Fliege und dem Sparen. Nein, ich weiß das besser: diese von frommem Aberglauben gehegte und gepflegte Brot- und Winterfliege ist die heimliche, heimtückische Mutter ungezählter Generationen von Fliegen, die unser Zimmer und alles, was darin ist, besudeln, unsre Speisen verderben, uns Krankheitskeime einimpfen, uns, wo sie nur können, quälen und plagen. Nicht umsonst haben sich die praktischen alten Hebräer den ihnen nicht recht verständlichen obersten aller phönizischen Teufel in einen »Beelzebub«, in einen »Fliegenfürst« und »Lügengott« umgedeutet. Selbst ein Herkules mußte trotz Löwenfell und Keule und aller seiner Heldentaten Zeus gegen die Fliegen zu Hilfe rufen, und nur zu gut verstehe ich den wackren Kaiser Domitian, der täglich und stündlich auf die Fliegenjagd ging, die an den Wänden seines Zimmers rastenden Zweiflügler beschlich, inbrünstig mit seiner eisernen Nadel spießte und die Erlegten freudestrahlend als Trophäe aneinanderreihte, begreife ich, daß der alte Moltke bei Tische immer die Fliegenklatsche neben sich liegen hatte und bedacht war, am feindlichen Heer der Fliegen seine so bewährte Strategie zu üben, wenn auch dabei mal eine Schlacht verloren und selbst ein Glas voll Weins in Scherben ging.

Die dumme, freche, mürrische, boshafte Fliege! Da klebt sie nun mit den Haftballen ihrer Füße an der glatten Fensterscheibe, als ob das nicht das erstaunlichste Kunststück von der Welt wäre. Ich nehme ganz vorsichtig ein Blatt Papier in die Rechte, hebe ganz langsam den Arm und will – weg ist der Plagegeist. Seine weit hervorglotzenden, rotschimmernden Augen, diese Hunderte von facettierten Camerae obscurae, denen nichts entgeht in weitem Umkreise, haben meine freundliche Absicht längst gemeldet und dem schlauen Gehirn des grauen Teufels verraten. Summend taumelt die Fliege längs der Zimmerdecke, ihr brummelnder Alt ist in der Erregung in einen hellen, höhnenden Diskant umgeschlagen. Da fällt mein Blick auf die Ecke dort oben, und ich reibe mir vergnügt die Hände: dort lauert ihr grimmigster Feind, die Spinne. » Incidis in Scyllam cupiens vitare Charybdim«, zitiere ich gelehrt und schadenfroh den alten Gualtier de Lille: aus dem Regen, Freundchen, kommst du in die Traufe.

»Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinne am Abend Erquickung und Labung«, hat die Weisheit des Volkes oft erprobte Witterungsregeln in Reime gebracht. Zuverlässiger als das Quecksilber des Barometers verrät das Verhalten der Spinne dem Kundigen den Umschlag des Wetters. Das wußte schon der alte Plinius, und ein berühmtes Beispiel dafür aus der Geschichte ist die Eroberung Utrechts durch die Franzosen im Winter des Jahres 1795. Durch den endlosen Regen in ihren Unternehmungen gelähmt, wollten die republikanischen Truppen schon abziehen, als der beim Heere befindliche Naturforscher Disjonval aus dem emsigeren Arbeiten der Spinnen den bevorstehenden Eintritt von Frost verkündete. Tatsächlich gefror die Wal in den nächsten Tagen, und die sie nun leicht überschreitenden Franzosen nahmen am 16. Januar Utrecht ein.

Nun ja, zugegeben, ein sonderlich schöner Anblick ist dieses dunkle, trichterförmige Spinnennetz da oben nicht. Aber ich habe es bisher doch immer noch vor dem drohenden Besen meiner Eheliebsten schützen können. Die Spinne ist ein nützlicher Hausgenosse, stellte ich ihr vor, sie fängt die Fliegen und darum verdient sie Schonung. Und weil meine Frau nur kurz von Wuchse und etwas rundlich, die Zimmerdecke aber sehr hoch ist, ließ sie – welch Triumph meiner überzeugenden Logik – das Nest und Netz meiner Spinne bis heute unversehrt in seiner Ecke hängen. (O weh, wenn sie das liest! Aber Frauen lesen die Bücher ihrer Männer niemals; dazu kennen sie ihre Männer zu gut.)

»Sie ist klein auf Erden und klüger denn die Weisen; sie wirket mit ihren Händen«, preist der königliche Psalmensänger die Spinne. Das stimmt zwar nicht ganz, lieber Salomo, Hände hat die Spinne ja eigentlich nicht. An den Füßen ihres letzten Beinpaares trägt sie aber in der Tat einen merkwürdigen Webeapparat: zwei zierlich gezähnte Kämme, die »Webklauen«, und eine Vorrichtung, durch die der fertige, aus Hunderten von einzelnen Fädchen gezwirnte Faden wie durch eine Öse läuft. Erst schätzungsweise 1400 solcher einzelnen Fädchen machen zusammengedreht die Dicke eines Kopfhaares aus. Wohnung und Jagdnetz ist das Gespinst, das der Aberglaube noch immer als ein – höchst gefährliches! – Blutstillungsmittel verwendet. Mit welcher Bedächtigkeit und welcher Berechnung die Spinne die Jagd ausübt! Hält die Fliege im Kriechen inne, so wartet auch die Jägerin; sie hat die Ruhe der Kampfesart eines Indianers, ahmt wie ein Schattenbild der Beute jede Wendung ihres Wildes nach und stürzt sich endlich mit wahrem Tigersprunge auf das entsetzte Opfer. Selbst den frommen Kirchenvater Augustinus hat dies Schauspiel, so erzählt er uns in seinen »Konfessionen«, oftmals beschäftigt. Wie vielen an das Zimmer Gefesselten, wie manchem Gefangenen ist das Leben und Weben der Spinnen nicht Zerstreuung in der Qual der endlos schleichenden Stunden gewesen! Hat nicht der Fleiß der Spinne David und Mohammed, dem heiligen Caninus und Felix von Nola das Leben gerettet, indem der über Nacht geschäftig zugesponnene Eingang des Schlupfwinkels den Verfolgern längere Unberührtheit der Höhle vortäuschte wie Spinnweben und Staub auf Flaschen ein Alter des Weins? Unsern Altvordern war die Spinne ein heiliges Tier, der Frigg oder Freya geweiht, der Göttin der Liebe und Ehe, von der der Freitag, der Tag der Hochzeiten, der Unglückstag, seinen Namen hat. Ob sich darin nicht doch vielleicht eine tiefere Symbolik birgt; ob unsre biedren Ahnen nicht doch vielleicht schon wußten, daß – bei den Spinnen – Mann und Frau sich ewig »spinnefeind« sind, daß nach der kurzen Hochzeitsfeier das ganze Trachten der jungen Spinnenehefrau nur darauf gerichtet ist, den ahnungslosen Gatten sozusagen mit Haut und Haaren zu verzehren?! »Die Menschen nennen es Liebe«, würde Scheffels Hiddigeigei hier wohl meditieren, und philosophisch-kritisch würde der unmenschlich kluge Katerheldengreis nach einem Weilchen hinzusetzen: »Menschentun ist ein Verkehrtes, Menschentun ist Ach und Krach.« …

Ich muß dir ein Geständnis machen, liebe Reisegefährtin, ich kann es ohnehin nicht länger verbergen; denn eben, diesen Augenblick, verriet es sich von selbst – ein Glück, daß du's nicht sahst. Ich habe eine Maus im Zimmer!! Erschrick nicht, bitte, oder fasse dich schnell wieder, wie Madame de Venel es tat, als ihr Ludwig XIV. bei einem ländlichen Fest ein zierlich blaubebändertes Kästchen mit lebenden Mäusen überreichte, um die lästige Zeugin eines heiß ersehnten Schäferstündchens so durch Ohnmachtsanfall zu entfernen. Es »mag zärterer Seelen Natur sein«, daß Damen beim Anblick einer Maus aufschreien und sich flüchten – wer weiß? Schon der pfiffige Fra Serafino hatte einmal am Hofe von Urbino, wo »die Lebenskunst des Cinquecento ihren klangreichsten Ausdruck« fand, diese uralte »Frauenfrage« mit verdächtigem Schmunzeln zur Diskussion gestellt. Wer weiß? Jedenfalls teilt das schönere Geschlecht diese Furcht vor der Maus mit einem der klügsten, edelsten und graziösesten aller Geschöpfe: dem Elefanten. Auch er hebt beim Erblicken dieses winzigen Nagers zu zittern und zu zetern an – er fürchtet nämlich, die Maus könne, entsetzt wie er selber, ihm in den Rüssel als willkommenes Versteck kriechen. (Damit du mir meinen Elefanten verzeihst, – weißt du, holdselige Leserin, daß das Gesetz des indischen Manu verlangt, der Gang einer Frau »sei graziös wie der eines jungen Elefanten«?) Ich persönlich habe übrigens gegen Mäuse nicht das geringste, für manches »Mäuschen« sogar viel übrig, und »daß dich das Mäusle beiß!« klingt meinem Ohr in diesem Sinne vollends wie eine zärtliche Liebkosung. »Junge Mauße« nennt schon die Herzogin Sibylla von Sachsen in einem ihrer Briefe (1550) die jungen Mädchen bei Hofe, und Luther gebraucht in seinen Tischreden das Wort noch weitergehend, indem er sagt: »wiewol Mauß als Mutter ist«, Maus wie Mutter, »Kind wie Eltern«, eins wie's andre, Jacke wie Joppe.

Nein, die Maus ist ein flinkes, feines Tierchen, dessen Zierlichkeit nur durch den wurmähnlichen Schwanz vielleicht ein wenig entstellt wird. Und doch ist auch dieses gelenke, zu allen Kletterkünsten geschickte Schwänzlein für die Maus so charakteristisch, daß ich es aus dem Gesamtbilde so wenig missen möchte wie aus Liszts Abbégesicht die Warze. Wenn das Tierchen das seidendünne Ohr auf jeden Laut spannt, schwärmt auch Masius, wenn sie das kleine, kluge Auge, das wie eine Gagatperle glänzt – ein richtiges Jettchen-Gebert-Auge en miniature –, rastlos durchs Zimmer wandern läßt, wenn sie schnäufelt, den Kopf dreht, wenn sie sich, kühner werdend und vertrauter, auf den Hinterpfötchen aufrichtet und plötzlich, vom Fallen eines Sandkörnchens erschreckt, in ihr Versteck huscht, das ist schon ein reizendes Bild. Und wie leicht wird solch Mäuschen zutunlich und legt dann auch wohl eine tiefere gemütliche Zuneigung an den Tag! Der Freiherr v. d. Trenck, den Friedrich der Große einkerkern ließ, hatte sich in seinem Gefängnis eine Maus gezähmt. Als man sie ihm nahm, lauerte das Tierchen vor der Kerkertür, bis es wieder einschlüpfen konnte. Wie man es aber von neuem fing und in einen Käfig steckte, fraß es nichts mehr und starb nach drei Tagen. Seltsam, bei allen indogermanischen Völkern ist die Maus das »Gewittertier«: ihr graues Fell ist die unheildrohende Wolke, ihr weißer Nagezahn der Blitz, der daraus hervorzuckt, und aus dieser Symbolisierung rührt wohl auch das Gespenstische her, das das Volk der Mäuse umgibt. Jene Mäuse, die den hartherzigen Bischof Hatto bis auf seinen Zufluchtsturm mitten im Rhein bei Bingen verfolgten, als lebendig gewordener Fluch, als gespenstische Schleppe, die sich dem Wucherer verzehrend um das schlotternde Gebein schlang …

Wo die Maus ist, pflegt auch die Katze nicht gar weit zu sein; denn sie gehört und paßt zu jener, wie man zu sagen pflegt, wie die Faust aufs Auge. Ihre große Zeit hat sie freilich schon lange hinter sich. Die war damals, als die alten Ägypter in ihr ein heiliges Tier sahen, der Göttin Bast einen Katzenkopf gaben, alle verstorbenen Katzen feierlich zu Mumien einbalsamierten und eine ganze Stadt – Bubastis – nur von Katzen und den sie bedienenden Priestern bewohnt wurde. Starb eine Katze, so ward Haus und Gau in Trauer versetzt und ging mit geschorenen Augenbrauen einher; tötete jemand eine Katze, so mußte er dafür das eigene Leben lassen. In Europa scheint die Katze erst mit der Völkerwanderung heimischer geworden zu sein; als »Spieltier«, als » pet«, wie die Engländer von heute sagen würden, drang sie vollends erst zur Renaissancezeit ins Zimmer. Mit ihrer echt frauenhaften Anschmiege- und Einschmeichelkunst hat sie es dann aber bald verstanden, sich den besten Platz im Zimmer zu erobern: das Polster des Lehnstuhls und die Sofaecke, ja, sich auch in das Herz der klügsten und frauenränkekundigsten Männer einzuschleichen. Boccaccio und Petrarca hatten ihre Lieblingskatze, Hans Sachs ließ sich mit seinem Kätzchen auf dem Schreibpulte malen. Richelieu war ein großer Katzenfreund – was den pfiffigen Herrn d'Artagnan gewiß noch zu weit größerer Vorsicht im Verkehr mit diesem »katzenfreundlichen« Kardinal angespornt hätte, wenn Alexandre Dumas (welch schlechter Psychologe!) es ihm in den »Drei Musketieren« verraten – Colbert, Ludwigs XIV. Finanzgenie, vermochte neue Steuern und Repressalien nur dann zu ersinnen, wenn die Kätzchen auf seinem Schreibtische zu schnurren begannen. Wären Lord Chesterfields »Briefe an seinen Sohn« wohl so weltmännisch glatt und moralisch geleckt geraten, wenn er nicht ein aufrichtiger Bewunderer und Verehrer des Katzengeschlechts gewesen? Wer kann vollends ohne Rührung lesen, wie Lessing, als seine Katze (in gleichsam vorweggenommener Tonart deutschvölkischer Kritiken von heute) ihm das ganze Manuskript des »Nathan« zerrissen hatte, geduldig Zeile für Zeile von neuem ins Reine schrieb, ohne der Unheilstifterin hinfort den gewohnten Platz auf dem Schreibtisch zu entziehen? Ist das nicht mindestens so groß wie Mohammeds gepriesenes Tun, der einmal, zur Mittagsstunde ruhend und eines seiner Kätzchen auf den Mantelfalten neben sich, jäh durch den Lärm eines plötzlich ausgebrochenen Aufruhrs geweckt, sorglich den Rockzipfel, darauf das Kätzchen schlief, mit dem Schwerte abtrennte und dann erst aufsprang, um den Empörern draußen entgegenzutreten? Als Hippolyte Taine, dieser wahrhaft philosophische Geschichtsschreiber der Franzosen, starb, da fand sich in seinem Nachlasse ein Kranz von zwölf zierlichen Sonetten, die die höchsten philosophischen Probleme behandeln und seinen drei Kätzchen gewidmet sind. Welchem andern Haustier noch, will ich schließlich fragen, sind so viele dichterische Hekatomben dargebracht worden als Murner und seiner Sippe?

Es hat mir immer zu denken gegeben, warum die Menschen unsrer Tage so ganz allgemein den Hund der Katze vorziehen. Des Rätsels Lösung ist dabei recht einfach. Die Katze ist ein selbständiger Charakter trotz ihres gelegentlichen Buckelns, der Hund mit seiner vielgerühmten, sklavischen und geradezu »hündischen« Treue dagegen ein bloßes Spiegel- und Zerrbild der Art seines Herrn. Und wenn der »Philosoph von Sanssouci« einmal äußerte, seitdem er die Menschen kenne, liebe er die Hunde, so spricht das mehr für die vereinsamte, selbstbewußte Herrschernatur des Alten Fritz als für den Hund. Charaktere sind oft unbequem, Charakterlose fügen sich nach Hundeart leicht in alles. »Ein erbärmlich Geschöpf ist wie der Mensch so der Hund«, singt ja auch Goethe und klagte einmal zu Falk: »Dies niedrige Weltgesindel pflegt sich über die Maßen breitzumachen.« Liegt nicht etwas wie Selbsterkenntnis darin, daß man einst den Hund »Wiedu« benamste … wie du und – selbstverständlich – auch wie ich und alle andern? Denn der so gelehrige Hund hat nach und nach dem Menschen alle Arten von Lastern glücklich abgeguckt, ist, wie es gerade kommt und paßt, großmäulig und kleinmütig, prahlsüchtig und neidisch, bureaukratisch steif und bettlermäßig kriechend, ein Speichellecker vor dem Mächtigen und ein Tyrann gegenüber dem Schwachen, ein halber, ein zweidrittel Mensch. Und darum – wie sag ichs wohl? – ist heutzutage das Erträgnis der Hundesteuer überall ein so reiches …

Aristoteles hat den Menschen ein » zoon politikon« getauft, was unser Georg Christoph Lichtenberg treffend verdeutschte: »Der Mensch liebt die Gesellschaft, und sollte es auch nur die von einem brennenden Rauchkerzchen sein.« Er liebt sie so sehr, daß selbst der Wilde sich alle möglichen Mittiere zähmt, um nur nicht allein zu sein. Allein sein heißt ja für viele und vielleicht die meisten Menschen nicht gerade in guter und gewiß nicht in der besten Gesellschaft sein. Was für zoa politika, was für Politiker, d. h. Geselligkeit liebende, weltkluge, gesittete Männer – die Richtigkeit dieser Übersetzung bezeugt dir, lieber Leser, ein einziger Blick in den heutigen Parlamentsbericht – sind nicht die Indianer, die sich Füchse, Wölfe und Krokodile zur Gesellschaft wählen! Spricht es nicht Bände für den erstaunlichen Fortschritt der Zivilisation und die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, daß wir Europäer es in diesem Punkte schon längst bis zum Papagei, Kanarienvogel und Goldfisch gebracht haben?!

Der Papagei kam – bekanntlich – bereits mit Alexander dem Großen nach Europa, wurde von den Damen des kaiserlichen Rom in goldenen Käfigen gehalten, von den höfischen Dichtern in den höchsten Tönen besungen und von den prosaischeren Raffkes natürlich gebraten. Der gezähmte »Kanari« auf dem Zeigefinger der ringestrotzenden Rechten gehörte im 17. Jahrhundert zur modischen Toilette der großen Dame wie zum Sonntagsstaat der reichen Bürgersfrau; so empfing man damalen Besuche und so auch ließ man sich porträtieren. Den Goldfisch endlich hat der Engländer Philipp Worth um die Wende jenes Säkulums aus China nach Europa gebracht. Die zopfigen Söhne des blumigen Reichs der Mitte züchteten solche Karauschenart schon im 5. Jahrhundert und hielten die »Kin-Yü« in Gartenteichen oder kleinen Porzellanschalen, wo diese trägen, dummen Dinger denn freilich ganz anders wirken als in unsern Goldfischgläsern, nämlich nur als dekorative, ruhig leuchtende, rotgoldene Farbentupfen auf grünem oder weißem Grunde. Warum man sich diesen blöden Gesellen zur Unterhaltung wählte, fragst du mich, verehrte Reisegenossin? Kennst du nicht die Antwort, die im Pfeffelschen Gedichte der Goldfisch der Nachtigall darauf gibt?

»Zu dieser Ehre
Verhalf mir meines Rockes Pracht«,
Sprach er; »du kennst die Zaubermacht
Des Goldes auf des Menschen Seele.«
»Ja so«, versetzte Philomele;
»Allein ist denn dein Rock von Gold?«
»Nicht doch! Sonst wär ich längst geschunden.«


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