Autorenseite

 << zurück 

Matowsky.

Unter Märzsturmgeheul ist Adalbert Matkowsky gestorben. Königlich Preußischer Hofschauspieler und doch Deutschlands größter Tragoede: der einzige im deutschen Sprachbereich, seit Albert Niemann dessen Bretter nicht mehr betrat. Und, wie Niemann, ein Kerl von großem Wesensformat. Bei Wein und Weib, in Schänke und Schlafkammer ihm ähnlich. Im Taumel von der Begierde zum Genuß; und im Genuß nach Begierde verschmachtend. Auf dem Schaugerüst nicht so rein, so germanisch keusch und edelmännlich wie der Heldensänger. Mehuls milden Joseph hätte Adalbert nicht aus so feinem Seelenstoff zu gestalten vermocht wie Albert; der Brabanterin jungfräulichen Leib nicht mit so inbrünstig zarter Kraft an die fromme Brust zu pressen; Hundings Herdfeuer, an dem die Schwester, auf daß der Wälsenstamm nicht knospenlos kahl in den Lenz starre, dem Bruder sich paart, von Qualm und Rauch so nicht zu läutern. Für des Normannenherzogs Spielerkitzel, für die Gewissensqual Johanns von Leyden, für Masaniellos Wuth und Tannhäusers prahlende Geilheit hätte Adalbert schrillere Töne gefunden; heftiger blutende. Und den Mohren von Venedig, den Junker von Corioli, Nebukadnezars Feldhauptmann, den vom Bösen Geist besessenen Knaben Golo und den morallosen Weltträumer aus Lydien hätte Albert so nicht an der Wesenswurzel gepackt. Blondes und schwarzes Heldenthum; deutsches und slavisches. Um Verdis Orientalenfeldherr oder gar Rubinsteins Nero zu sein, mußte Niemann die Seele vermummen; und der oberdeutschen Ritterbehaglichkeit des Berlichingers war der Halbpole Matkowsky niemals so nah wie der aus lüdrianischem Naturburschenthum erwachsene, in der Küche der Weißenthurn, Kotzebues und Benedixens genährte Baumeister des Burgtheaters. Noch ein Unterschied. Niemann hat uns die Spontini, Meyerbeer, Auber geadelt, in die Klarheit weihefestlich schimmernder Kunstgipfel gehoben; und Matkowsky war, wenn er Wildenbruch oder noch Geringere spielte, nur ein prächtig glitzernder Theaterprinz. Niemanns Raoul und Robert, Prophet und Brigant, Cortez und Rienzi sind unvergeßlich, in der Noblesse des starken Herzens und in der Hengstkraft im steilsten Gebäum noch zu edler Haltung gebändigter Mannheit unvergleichlich, wie sein Lohengrin, Siegmund, Tristan (seiner Schöpfung Krone), die er nicht erst ins Deutsche zu übersetzen brauchte. Matkowsky im Wortprunkmantel der Epigonen: den dran Zurückdenkenden überläufts; halbwegs erträglich war Solches nur, wenn unter dem ungestümen Faustgriff die plumpe, schwächlich gefügte Form früh zerbrach. Verschiedenheit der Kunstgattung, des Rassengenies, der persönlichen Statur? Raoul und Fra Diavolo sind immerhin noch aus ansehnlicherem Stoff als der Fibelkönig Heinrich und die Flunkerrecken des Bombendichters Lauff. Der Germane stellt sich williger als der Slave und mit bescheidenerem Stolz in den Dienst der Sache, der er einmal (und wärs in schwacher Stunde geschehen) sich angelobt hat. Und Niemann war, trotz der Herkunft aus Handwerksenge, Kavalier, Jäger, Reiter, Großer Herr, Weltstädter und sitzt heute noch, als weißmähniger Misanthrop, mitten im Kaffeehauslärm vor dem Schachbrett, über Tagblättern und Zeitschriften aller Sorten; ist auch zu sehen, wenn die Meisterin Lilli Lehmann oder der Götterliebling Caruso singt oder sonst was Ungemeines vors Schaugerüst lockt. Das wäre nichts für Matkowsky gewesen. Der ging nie in ein Theater, in das ihn nicht Mimenpflicht rief (er sah keinen der berliner Soffittensterne je leuchten; hätte das thatlose Zuschauen nicht eine Stunde ertragen), nie zu Diners, Bällen, Soupers und fühlte sich in Kaffeehäusern so unbehaglich, daß nur der Cognac ihn in solcher Verwaisung trösten konnte. Er war Jahrzehnte lang in Berlin: und dennoch eigentlich ohne jeden »Verkehr« und den lüstern nach Tafelaufputz aus Thaliens Reich Langenden fast ein Fremder. Wußte von mondänem Leben, trotzdem er im Luxus eines Schnitzwerksammlers hauste, kaum mehr als ein barfüßiger Dorfbengel. Trug zu schwarzem Schlußrock und Frackweste, deren Ausschnitt ein Plastron knapp deckte, einen fleckigen Schlapphut und, wenn er sich elegant zeigen wollte, unter perlgrauen Hosen am hellen Tag Lackstiefel mit Gummizug. Nur nicht den Coulissenswells nachahmen, sich niedlich machen und mit stolzirendem Gespreiz der Menge zuwedeln: Seht hier den gewaltigsten Bretterhelden Eurer guten Stadt! Er lebte im Innersten nur für seine Kunst, sprach beinahe nie von Anderem als von alten und neuen Rollen (die er meist schon vor der ersten Bühnenprobe Wort vor Wort ins Gedächtniß gegraben hatte): und schämte sich immer doch ein Bischen des leidenschaftlich geliebten Berufes. Daß er nur malen durfte, was Andere gethan hatten, nachsprechen, nachmimen und niemals aus willkürlichem Entschluß handelnd wirken, zehrte an ihm. Trieb ihn, wenn der Tag des Gesunden nicht zum Gastspiel auf einer Nestbühne zu nutzen war, aus bourgeoiser Geselligkeit in einen stillen, altmodischen Schänkenwinkel; zu Lutter & Wegner oder zu Steinert & Hansen. Da war er heimisch. Konnte den Drang ins Schöpferische, ThatZeugende ertränken. Die paar Freunde, die seine Schlupflöcher kannten, um Bordeaux oder Sekt sammeln und, mit ekstatischem Blick, von den Menschen flüstern, die er nächstens zwischen Leinwände stellen werde. In schwellendem Rausch von ihnen träumen, wenn er hinter dem Flaschenwall allein blieb. So, meinte er, habens alle genialischen Schaubühnenmenschen getrieben, von dem wüsten Wilhelm Kunst und dem nach geistreicher Methode tollen Ludwig Devrient bis auf Frédéric-Lemaitre, Baison und Mitterwurzer. Der Histrionenberuf als Martyrium: Das war sein tiefster Trost. Sein liebster Spruch: Der Schauspieler darf nicht ins Bürgerliche streben,, sondern muß Paria bleiben, heimlos, besitzlos, friedlos durch wechselnde Traumreviere wandeln und, nicht allzu spät, auf der Landstraße verrecken. Ganz so bitter ernst, wie es klang, wars nicht gemeint. Matkowsky war gern Hofschauspieler (ließ sich drum auch mit goldenem Köder nicht in Reinhardts Deutsches Theater locken), häufte gern Raritäten, spendete schamhafter Armuth aus offener Hand und hielt auf geordnete Verhältnisse. Doch ihn widerte die korrekte Coulissenbeamtenschaft, die sich jetzt auf den Brettern breit macht, der Troß geschniegelter Buben und ehrbar thuender Mädel, der durch die Gnadenpforte wie durch eine Amtsstubenthür schleicht, schrecklich viel gelesen und von frechsinnlichem Komoediantenthum keinen Blutstropfen in sich hat. Dem entfloh er in Kneipen und Schmieren; vor dessen Bureaudunst rettete er sich auf Sennhütten und Ozeansegelschiffe. Das Priesterbewußtsein, mit dem Frau Lilli Lehmann noch ihre Traviata zur Gottesdienstleistung weiht, war dem vom Erzfeind Al Kohol umkrallten Sinn des unheiligen Adalbert nicht erreichbar. Nicht Kunstpfaffe wollte er sein, sondern Zigeuner ohne Kaste (und ließ sich dennoch, wie jeder Haase, mit reichlichem Ordensbehang photographiren). Ganz nah ist ihm, bis ins Herz des Herzens, Keiner wohl je gekommen; kein Mann. Auch in diesem Zug ähnelt er Niemann. Einsame Visionäre. Wüstenkönige, die mit zärtlicher Pranke zwar die Brut und deren trächtige Mutter tätscheln, ihr Wichtigstes bis ans Ende aber allein besinnen. Wie ein greiser, in Ohnmacht gepferchter Löwe pfaucht Niemann in die Ameisenwelt. Wie ein kranker Leu stierte Matkowsky in das Gekribbel, als das Gedächtniß ihm, die Lebenslust und der Glieder Geschmeidigkeit schwand. Nie aber hätte er, wie der Sänger that, aus freiem Entschluß, als ein Lebender, dem Rampenhaus, der Bühne den Rücken gekehrt.

Aus seiner Traumschöpfung drängte noch vielerlei Menschengethier in den Lichtbezirk der Bühne. Lear und Timon wollte er sein, der alte Faust und der Richter in Zalamea, Kleopatrens müder Freund und König Philipp, Brand und Julian, Marbod und Guiscard, Stockmann und Solneß. Manches noch. Seinem Königsrecht wehrte im Hochland der Weltdichtung kaum eine Schranke. Er hatte Humor (nicht nur für die Philipp Faulconbridge und Richard Gloster, deren Seele, wie dunkelgraue Schlangenhaut, knisternd Funken sprüht); war der fröhlichste Heinz, der hitzigste Stotterpercy, der männisch frechste Petruchio, als Cheruskerfürst das listigste, buhltüchtigste Füchslein im Fellkleid des stattlichsten Bären. Wäre der frischste, lustigste, unter Papierlarven ländlich robust gebliebene Bolz, der schlagfertigste Benedikt gewesen und der verschlagenste kleistische Kurfürst, der schlauste, unverschämteste und zugleich ritterlichste Falstaff geworden. Und hätte (dem Kundigen braucht mans nicht erst zu sagen) alles »Moderne« mühelos bewältigt; den wiener Oedipus und den schlesischen Fuhrmann, den Markgrafen von Saluzzo und Wedekinds Hetman sogar. Mitterwurzer war witziger, reicher an flinkem Geist und Proteuskünsten, vielleicht auch an spitzfindiger Einbildnerkraft. Doch nie ein ganzer Tragoede. Immer ein Analytiker, dessen Purzelbäume die strenge Würde klassischer Dichtung zu höhnen schienen, dessen Romantikerironie das edelste Organon zerbeizte, zerlaugte und der im Gletscherreich seines Schaffens nur jäh aufglänzende Augenblicksfreuden gewährte. Seinen Richard sieht das Gedächtniß am Witwenschleier Annens zerren und reinekisch zwischen den Bischöfen winseln; sieht es nicht im Harnisch, nicht als den Eber, der zu blutiger Atzung die Hauer wetzt. Sein Macbeth, sein Franz Moor taumelt trunken durch die Erinnerung; ein ins Nordland verirrter cerebrasthenischer Malatesta und ein weichlicher, kindisch boshafter Schlingel. Sein Shylock ist Ghettobarock und war nie Jessikas Vater. Nie hat sein Wallenstein den Sohn Oktavios geliebt noch je im Lager befohlen; im brünstig frohen Blick des hellen Schwärmerauges nur glänzte Friedlands Stern. Im Bereich kranker und komplizirter Menschheit konnte kein Mitlebender sich mit ihm messen. Schlichte Kraft und einfaches Empfinden naiver Seelen: bis auf diese reine Höhe vermochte sein luziferisches Genie nicht zu langen; und wenn er sich auf den Zehen hob und die Arme aus den Kugeln renkte, ward der Abstand nur sichtbarer noch. Ein Bretterkönig für Spital und Spelunke; nicht der in Lendenkraft strotzende Zeuger eines Heldengeschlechtes. Den konnte Matkowsky spielen. Er hatte die große Synthesis, die wuchtige Einheit des Wollens und Denkens, den Kinderglauben an jeden Poetenhimmel, die baumeisterliche Kunst der Grundrißzeichnung. Nicht einzelne Merkmale und Momentbilder prägten sich dem Gedächtniß ein: die Gestalten haften (wenn sie nicht, wie der Wallenstein, als Krüppel ans Licht kamen) leibhaftig in ihm; als hätte ein junger Gott sie nach seinem Ebenbilde geschaffen.

»Der ist ein Mann geworden über Nacht und blieb ein Kind dabei. Wie lieb' ich Das! Drum halt' ich ihn, wie keinen Andern, hoch.« Hebbels Pfalzgraf spricht so von Golo. Vor Matkowskys Epheben mußte jedes Empfinden so sprechen. Er war nur mittelwüchsig und dehnte sich früh ins Breitstämmige. Schien hinter der Rampe aber größer und von schlankerem Gliederbau; der himmelanstrebende Wipfel wirkte die Täuschung: auf dem Athletenhals das mächtige Haupt. Eines Titanen? Antinous müßte daneben zu weibisch, der junge Goethe des Eisbahnlaufes zu irdisch dünken. Beiden ähnelt er; und scheucht mit dem Strahl seines lächelnden, dem Blitz seines zürnenden Blickes Beide ins Dunkel. Tiefbraunes, von keinem Kamm zähmbares Haargelock. Die Stirn hochgewölbt über breiten Wangenflächen, einer fast zu zierlichen Nase mit slavischen Nüstern, einem merkwürdig kleinen Mund (dem Mund eines Knaben, der in heißem Schlaf liegt, wie ein Bäumchen im Lenz den Saft aufsteigen fühlt und von Küssen träumt), dem Kinn eines selbstherrischen Trotzkopfes. Unter der hellbräunlichen Haut, die zart und fest, wie eines reifen Pfirsichs, das schöne Gebild umspannt, pocht das Polenblut; deutsche Lippen zucken nicht so expressiv und die Flügel einer Germanennase flattern nicht so unruhvoll, blähen sich nicht bei jedem Sinnenschauer so straff. Noch fehlt dem Antlitz das Licht. Da hebt sich das Lid von einem blauen Auge, dessen Blickgewalt wie mit unumschränktem Herrscherrecht den Betrachter packt und seiner Majestät verpflichtet. Von einem Auge, das jubeln und rasen, streicheln und kratzen, schwelgen und grübeln, mit grünlichem Blinken verführen, hinter schwarzem Irisschleier vernichten kann. Als sänken die Nebel von einer Landschaft, ists; als würden nun alle Formen erst klar. Dieser hat sich eigensinnig aus der Kindheit frommen Märchenglauben bewahrt und heischt, wie von der Mutter einst Frucht oder Kuchen, von dem Herrgott ein Götterglück. Ist stark und verzärtelt. Sinnlich wie ein unersättlicher Prasser und die geilste Bajadere und asketisch wie ein dem Gelübde unter Kitzelmartern noch treuer Mönch. Von allen Tafeln hat er genascht und kann sich den leckersten Genüssen dennoch enthalten. Knabe und Mann. Buhle und Krieger. Schwärmer und Tyrann. So kündets das Auge; tönts aus der Kehle. Eine Stimme, die schmettert und schluchzt, zu unbarmherzigem Kampf und zu brünstiger Paarung ruft, die zu beten, zu fluchen vermag, mit den zwitschernden Locktönen des Sprossers flügge Mädchensinne umsträhnt, eines Gewimmels Wahn höhnt, promethidisch uralter Gewalten lacht und mit Glockengedröhn dem Heiligthum eines Stammes, einer Glaubensgenossenschaft Schützer herbeiwinkt; eine in Maienwonne und Wintersnoth trutzig des Schicksals spottende, von Blut und Thränen schwangere Stimme. Eines verliebten Knaben und eines Feldherrn. »Und blieb ein Kind dabei. Wie lieb' ich Das! Drum halt' ich ihn, wie keinen Andern, hoch.«

Der Sprudeljugend schreiten zwei wilde Burschen voran: Junker Bugslaf (»Hans Lange«) und Prinz Sigismund (»Das Leben ein Traum«); ein übermüthig männernder Lümmel und ein vom Herrscherwahn Besessener, der von Halbthierheit zu Halbgöttlichkeit im Wirbel den Weg durchkeucht. Calderons Prinz war vielleicht Matkowskys fleckloseste Gestalt; weil er in diesem Drama sich nicht zu mäßigen, noch im Flüstertraum nicht zu zäumen brauchte und aus dem Krater der Sarmatenseele glühende Lava und schwärzliche Schlacke ins Licht speien durfte. Der herrlich rasende Jüngling, dem die Lippe bebt und in der Aughöhle rother Brand lodert, der mit fahler Wange die Faust gen Himmel reckt und aus gekrampfter Brust, wie aus ehernem Panzer, den Drometenton eines zürnenden Erzengels holt: Das sieht man und hört nicht noch einmal. (Daß Herr Kainz die Glanzrolle der Wagner, Hendrichs, Robert nie spielt, ist klug. Mit seinem volubilen Geist, seiner behend hüpfenden Sprechkunst und flimmernden Theaterdialektik käme er da nicht aus; auch nicht mit dem erbprinzlichen Wesen und der wilden Grazie, die seiner Jugend bestes Theil waren. Da gehts nicht ohne elementarische Urkraft. Herr Kainz war stets nur Melpomenens Stiefsohn. Flinke Pagenbeine trugen ihn über Abgründe; in Tiefen hat er sich niemals getraut und vor Lawinen sich stets geduckt. Mit dem blitzenden Blendwerk seiner Gaben keine tragisch gestimmte Natur. In Stimmungreiz und Launenprunk der anmuthigste Knabe Karl; als verwöhnter Gourmet und Verächter kalten Mädchenfleisches ein grillparzerischer, also kraftloser König Alfonso. Aber ein Romeo, der leben bleibt und bei irgendeiner Rosalinde wieder lachen lernt; ein Homburg, der nicht erst am offenen Grab die Heldenallure verlernt; ein Kain aus dem Cottageviertel; mit seiner sauberen, auch im Ernst witzigen Skeletirkunst von Goethes holder Fülle meilenfern. Weder Tragoede noch gar Titan; niemals Mann. Und von verweibter Großbourgeoisie, die an Riesen nur im Reich von Hausse und Baisse noch glaubt und in Küraß und Koller nur Ihresgleichen noch sehen mag, drum dem Neuntöter Matkowsky vorgezogen. Der den grazilen Redekünstler im ersten Anlauf überrannt hätte, wenn sein Wunsch, just neben Diesem die Bretterbahn zu betreten, erfüllt worden wäre.) Der Polenprinz verhieß uns den Räuber Moor, den der Karlsschüler träumte; die kindische Größe des mit Römertugend und Schwabenmost gefütterten Studenten, der nach dem Weltrichteramt langt. »Höret mich, Mond und Gestirne!« Der Athem stockte im Sturmgebraus dieser Rächerstimme. Und Ferdinand, der tollköpfige Soldat, der in Hofränken und Rokokospielzwang erstickt. Der derbe, keusch begehrende Templer mit der Bärenkraft und dem Bärengebrumm. Lavagnas schwüle Tücke und die listige Leidenschaft des Pamphletisten Beaumarchais (an dessen Hitze Sonnenthals elegisch kokettes Wachspüppchen schmolz.) Bolingbrokes verloren gewähnter Sohn. Der Richard des menschlichsten und modernsten Königsdramas. Weislingens aphrodisisch vergifteter Knappe. Der irre Atride auf Tauris. Golo und Raskolnikow: die Psychologie des Mörders bis ins feinste Zellgewebe entschleiert, enthäutet.

Das war der junge Matkowsky, der aus Dresden über Hamburg nach Berlin kam. Ein Bischen verlüdert. Kein Wunder. Der Jünglingsreiz des Zwanzigjährigen hatte Dettmer beinahe, den Ritterspieler mit der Trompetenstimme, den Kostümseigneur mit dem blonden Temperament eines nie von dunklem Fittich Gestreiften, aus der Sachsengunst gedrängt. Feile und sittsame Weiblichkeit flog ihm zu und das stärkste Herz der norddeutschen Bühne holte ihn von der Arrangirprobe recta aufs Laken. So lebte er alle Tage; von der Szene in die Kneipe, von der Kneipe zum Mädel ins Nachtquartier. Böse Streiche wurden ruchbar: und mehrten noch seinen Ruhm. Kein Regisseur, der das Prachtexemplar meistert. Und Ausflüge in alle sächsischen Nester. Pollini fängt ihn für sein hamburger Kunstwaarenhaus. Jeden Abend zwischen Dammthor und Schwiegerstraße oder in Altona; und wieder ein müder Routier auf dem Regiestuhl. Mit schon etwas gedunsenem Leib und häßlichen Opernstarmanieren kommt Adalbert an den Schillerplatz. Er schwitzt, übertreibt, schlägt ein Pfauenrad, legt Fermaten und Arieneffekte ein, läßt das R rollen und gurgeln, als wäre er nie in Oberländers Sprechschule gegangen, fuchtelt und stöhnt zu viel und wird, wenn er Schiller (oder Turgenjew) bedient, zu slavisch weichlich. Die Weiber hat er; die Männer rümpfen vor seinem überheizten Gethu noch die Nase. Fontane schilt ganz unverständig und Frenzel lobt halb mit Erbarmen; Beide finden ihren Ludwig viel edler und idealer Würde voller. Nur der greise Karl Werder, der Theaterprofessor, der den Ton der Devrient, Dawison, Dessoir noch im Ohr hat, merkt sofort, daß hier endlich wieder Einer aus Genieland ins Hülsenhaus kam. Mit ihm arbeitet der Neuling; mit ihm allein: denn auf der Hofbühne kommandirt bald Herr Grube, der Spielverderber, dem der meiningische Inspizient für ein Weilchen den Nimbus wahrt. Und Matkowsky möchte doch so gern arbeiten; liebt im tiefsten Wesensgrund nur diese Freude und hat, weil sie fehlte, überall Surrogate gesucht. Was da auf den Brettern steht, hat noch weniger seinen Rhythmus als in Dresden die kluge, feine Pauline Ulrich, Franziska Ellmenreich mit der Jungfrauenthräne, den Damennerven, dem Witwengekicher, als Dettmer, Swoboda und Porth. Aber die Stadt, diese nüchtern zeugende, im grauen Sorgenkittel Werth auf Werth häufende Preußenweltstadt, stimmt ihn allgemach ernster. Er wird ja auch älter. Vertändelt nicht mehr so viel Zeit mit den Weibern. Nimmt sich in Zucht. Und aus dem Liebhaber wird der Held.

Nicht der Held, den Emil Devrient einst durch Alldeutschlands ungeeinte Gauen spaziren ließ: der Nobile von höfischer Haltung, den Niemand anrühren durfte, der niemals die Kavalierswürde vergaß, selbst im Wirbelwind nicht, unter dem Schuppenhandschuh geschminkte Finger mit ins Rosige polirten Nägeln hatte, nach Veilchenseife und Kölnerwasser duftete und um jeden Preis, noch in Drang und Getümmel, schön sein und soignirt bleiben wollte. Auch nicht der derbere deutsche Held Dettmers und Krastels, die als Dunois und Wetter vom Strahl, als Egmont, Tempelherr, Ingomar, Parzival aus sächsischem, pfälzischem, kahlenbergischem Lorber Kränze wanden. Der blickte hell und behaglich ins Leben, schlug kräftig drein, wenn es galt, leerte und füllte den Humpen nicht öfter, als braver Hausväter Brauch ist, ging der Jungfernblüthe nicht spröd aus dem Weg, ließ sich von einem Weiberrock aber nicht die Aussicht ins Weite verhängen. Matkowskys Held sah anders aus. Wenn sein Egmont von dem Nachtwandler sprach, den der Weise nicht warnen, nicht wecken dürfe, wars, als schritte er selbst mit schlummerndem Auge die schmale Gasse am Dachrand entlang; wars die Gewittervision Eines, der sein finsteres Schicksal träumt, gern ihm entrönne und bei der lieben Kläre doch nicht, fern von dem Spanierschrecken, im warmen Bett aushielte. Wenn sein Dunois die Völker des Frankenreiches ins Gefecht rief, hatte der Ton nicht die Kriegerklarheit, die tapfere Zuversicht, die Dettmers Stimme bis ins hohe Brustregister aufjauchzen ließ; wars eher, als suche der Bastard die Elternlose, der Sündensproß die vom Vater Verfluchte und als könne den zwei Gevehmten das Nachtgeschick nur in schrecklicher Gemeinsamkeit sich erfüllen. Harmlos war ein Held Adalberts nie; noch in seinem Petruchio war Etwas vom Löwen und ein Fünkchen von höllenfürstlichem Feuer. Besser als die treuen Ritter mit blondem Schopf und blauem Blick (bei deren Verkörperung er sich mit einer Synthese von Berndal und Dettmer half) gelangen ihm deshalb die vom Dämon Besessenen: Golo und Holofernes, Othello und Macbeth, Coriolan und Otokar, Orestes und Faust. Ihm glaubte nicht die im Brennpunkt der Weibheit glimmende Bethulierin nur, daß eine Löwin ihn gesäugt habe. Auch Desdemona war im Haus dieses Mohren eine arme, zerkoste Löwenbraut. Warum lief sie aus der signorialen Ruhe des väterlichen Palastes, schlüpfte in die Gondel und bot den weißen Hals nackt der Tatze, die allzu spät streicheln gelernt hat? Dieser Coriolan hätte Valeriens Seele gedrosselt; als ein von der Hybris im Hirn Versengter sein »liebliches Schweigen« frevelnd hingemordet. Und dieser Faust, der an Gretchens Schandlager durch Fegfeuergluthen in neuen Schöpferlenz starrt, war werth, daß die schönste Griechin ihm aus dem Grab entstieg und Herrgott und Satanas sammt den mobilen Heerschaaren um sein Unsterbliches rauften.

Eine große Seele, in deren tiefstem Gehäus lauernd ein Dämon wachte; bei Tag und bei Nacht. Ohne Warnung brach er hervor: und dann wars, als wolle vulkanisches Feuer ringsum das Erdreich verwüsten. Dann war diese Seele himmlisch und höllisch groß; weitete sie unserem Auge die Grenzen der Menschheit. Holofernes, der grimmig lächelnd seinem eitlen Herrn Opferflammen aufprasseln läßt. Der Atride, der den Trauerzug der Ahnen grüßt. König Macbeth vor dem wandelnden Wald, dessen Zweige das Schwert des vom Schicksal erkorenen Rächers bergen. Coriolanus im Gedräng der heiseren, verschwitzten Quiriten. Der Polenprinz, der das Hirn einer Schranze aufs Pflaster spritzt. Der Magister und Doktor, der Glauben und Liebe, Traubentrost und Geduld verflucht. Da blitzte und donnerte es aus dem Dämonenbezirk. Das kehrt nicht wieder; niemals uns dieser mächtige Mensch. Solche nur (merkt Ihrs nicht endlich?) sind auch als Künstler wahrhaft groß; selbst wenn sie nicht immer den Wagemuth zu persönlichem Wollen haben (Lenbach), lange stümpernd durch alle Zeiten und Zonen irrlichteliren (Marées) und ihr Handwerk nie völlig meistern lernen (Matkowsky). Die Zunge des großen Tragoeden hat sich nie in kainzische Schmeidigkeit gewöhnt; bis in die letzte Nacht seines Bretterlebens hat er von Schweiß gedampft und den Philistern im kalten Froschpfuhl »zu viel gethan«. Und galt Jedem, der Kunst zu fühlen vermag, doch hundertmal mehr als ein ganzes Dutzend selbst vom feinsten Bassermannschlag. Weil in ihm das Menschliche majestätischer war als in diesen geistreichen Spintisirern und Konstrukteuren glaubhafter Durchschnittlichkeit. »Natürlich« in ihrem Sinn, dem neuberlinischen, war Matkowsky nicht (konnte es aber, wenn er dürftige Knirpse von heute auf die Bühne stellte, in jeder Minute sein); kein »Realist« vom Kleinkaliber des gehätschelten Dilettanten Rittner, der auf dem Grab eines Lebens in die geballte Hand beißt und den blicklosen, nervös blinzelnden Kopf dann abwendet, weil der, in dem jede Fiber jetzt laut zu uns reden müßte, dem Zuschauer nichts zu sagen hat. Kein Herrchen, das gestern in der Hochbahn neben uns saß oder morgen Tantens Weg kreuzen wird. Aus dem Titanenstamm Einer, der sich hier zu wohnen bequemt und jedes Gewand, des Assyrers und Römers, Mythenschotten und Magus, mit freiem Anstand trägt. Der nicht Wortgespinnste zu fädeln braucht (wie oft hat der fast mauthnerisch der Rede Mißtrauende sich auf die stumme Bühne des Pantomimus zurückgesehnt!), um Leid und Lust der Hemmung zu entbinden. Dem ein Gott gab, auf des Angesichtes ewig bewegter Fläche sein Innerstes weithin zu offenbaren. Ein Kerl von großem Wesensformat; und in der Größe natürlich. Wer hörte den Löwen je in der Brunft wie einen Kater schnurren? Fordert Ihrs, weil auch er zum Katzengeschlecht gehört? Nicht alle Wildheit ward, Ihr allzu Civilisirten, schon in Eurem Käfig gezähmt.

Doch freut Euch und strählt die Miauzer: ihrer ist fortan nun das Reich; der letzte Löwe ist tot.


 << zurück