Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Ibsen.

Schon in dem ersten Werk, das für ihn wie für uns von Bedeutung war, in dem Drama »Katilina«, hat Henrik Ibsen sofort die Partei des Aufruhrgeistes ergriffen. Bald kam in stolzer Reihenfolge der Trotz Brünnhildens in der »Nordischen Heerfahrt« und der des Jarl Skule in den »Kronprätendenten«. Dann erschien »Brand«, der Mann, der dem »Ich« und der Gesellschaft entsagte und in den Wolken seine Ziele suchte; »Peer Gynt«, der die Reise in umgekehrter Ordnung machte. Dann der Fehdezug des »Kaisers« gegen den »Galiläer«. Dazwischen, als leichtere Randskizzen, ein paar Stücke, welche die Ehe und die politische Partei verhöhnten. Schließlich der unsterbliche Ring von Dramen aus der bürgerlichen Gesellschaft, zu deren Einleitung und Vorbereitung die früheren Werke gedient hatten. Das Eigentümliche hierbei ist, daß Ibsens erste und letzte Dramen in einem milderen Schein einander wieder näher kommen. Aber in allen dazwischenliegenden ist sein Herz, wie früher bei Katilina, Brünnhilde, Skule, Brand, dem Kaiser, nun bei Nora, Dr. Stockmann, Frau Alving, der Mörderin und Selbstmörderin in Rosmersholm, der Mörderin und Selbstmörderin Hedda Gabler und der sinnlich verwirrten Hilde Wangel; oder bei dem durch die Machthaber der bürgerlichen Gesellschaft leidenden Ekdal und den anderen Verkommenen und Verstoßenen. Es sind bezaubernde Schilderungen, in die ein bis in die Tiefe erschüttertes Gemüt den Protest der Unabhängigen gegen die gewohnheitmäßige Moral der Gegenwart mit Gewalt schleudert. Die zerrüttende Kritik Ibsens und seiner Mitkämpfer, ihr aufrührerischer, auf die Spitze getriebener individualistischer Drang fallen der Zeit nach mit dem Sozialismus, dem Kollektivismus, dem Nihilismus und deren Gegengewichten, der drückenden Herrschaft des Militarismus und den dreisten Versuchen der Reaktion zusammen, die sich in den Schutz der Heeresmacht stellt. Diese Literatur hat auf der ganzen Welt Aufsehen erregt. Sie hat das Gefühl der Verantwortlichkeit bei den Edleren geschärft. Durch sie sind die Arbeiterbewegung, die Frauenemanzipation, die Friedenssache gefördert, durch sie der Kunst und der Literatur neue Aufgaben zugewiesen worden. Aber die ethischen Arbeiter haben sich später zu energischem Widerstand gegen die Übertreibungen zusammengeschaart, deren sich diese Literatur schuldig gemacht hatte.

Es läßt sich nämlich nicht leugnen, daß ihr schrankenloser Individualismus (den auch Henrik Ibsen später abzuschwächen suchte) zusammen mit anderen Faktoren die unerhörte Roheit des Anarchismus, den sinnlichen Rausch der Jugend, den Zweifel der Decadence an Freiheit und Arbeit und die Flucht von der Wirklichkeit und der Wissenschaft zu mystischer Religiosität bewirkt hat. Ich könnte zur Erklärung an die Verkommenheit des norwegischen Geisteslebens erinnern, die ursprünglich in Ibsen und vielen Anderen den Zorn entflammte. Ich könnte die Versumpfung, die Mittelmäßigkeit, Tradition, Heuchelei, Trockenheit und Verzagtheit in einer kleinen, bewegunglosen bürgerlichen Gesellschaft schildern. Aber man ahnt das Alles ja schon, wenn man Ibsens Werke liest. Ich will daher Heber einige Worte über die Kunst sagen, die in ihnen zum Ausdruck gelangt. Denn wenn alle Wellen und Gegenwellen der aufgerührten See über uns hinweggegangen und wir selbst ihnen gefolgt sein werden, wird die große Meisterkunst diese Werke im Reich des Phänomenalen dauernd erhalten. Ihr innerstes Wesen ist die Replik, wie sie im Temperament und in den Begebenheiten, den Umgebungen, ja, der Witterung in weitem Abstand vorbereitet wird; Alles ist an ihr lose komponirt. Sie steigt in leuchtender Linie auf und spiegelt vielfarbig die Idee des ganzen Stückes wider. Ich möchte wissen, wer in der Weltliteratur eine ähnliche Kraft der Replik besitzt, wer eine solche Konzentration aller dramatischen Mittel zu Stande gebracht hat. Kein toter Punkt, kein überflüssiges Wort in der ganzen Komposition. Mögen Andere das Selbe in rein mechanischer Technik erreicht haben: Henrik Ibsen erreicht es im strengen Dienste des Geistes.

Seine künstlerische Meisterschaft erscheint um so größer, wenn wir bedenken, daß von seinen Stoffen gar viele durchaus nicht dramatisch sind, sondern episch. In einem wichtigen Augenblick erzählen die handelnden Personen von sich selbst das Nötige Dem, auf den es ihnen ankommt. Man kann sagen, daß sie aus Dem, was sie erzählen, ihren eigenen Lebensfaden spinnen. Beinahe die ganze dramatische Spannung geht in den Drang über, zu wissen, wer der Erzähler ist und von welcher Art der Hörer eigentlich sein mag. Das erfahren wir nämlich nur ganz allmählich mit dem Fortschreiten der Erzählung, die hier und da durch einen Zufall unterbrochen wird, – durch einen Zufall, der für sie weitererzählt. Wir befinden uns vor einem Areopag, der ein Verhör anstellt, bei dem es um Leben und Tod geht. Deshalb sind die Aussagen von größter Wichtigkeit, deshalb darf uns kein Wort verloren gehen. Hier handelt es sich endlich einmal um mehr als nur darum, wie er sie kriegt oder wie es kam, daß er sie nicht kriegte. Aber eine solche Anlage ist ganz eigenartig; Ibsen dürfte kaum viele Nachfolger finden. Nimmt man hinzu, daß sein rührendes Verständnis für die Unglücklichen, selbst für Verbrecher, und sein Haß gegen die mitschuldige menschliche Gesellschaft ihn zur Ungerechtigkeit, ja, zur Grausamkeit verleitet, so begreift man, warum die Teilnahme an diesen Verhören und Selbsterklärungen oft recht peinlich wird.

Wenn es auch gut ist, daran zu denken, daß die Unglücklichen, die mit den Gesetzen in Konflikt geraten, oft weit mehr wert sind als ihre Richter, so müssen wir doch auch gegen diese Richter gerecht sein; auch sie müssen mit dem selben mitfühlenden Verständnis beurteilt werden, namentlich Die von ihnen, die selbst unter den Vergehen ihrer Mitmenschen leiden und an ihrem Mißgeschick ganz unschuldig sind. Aber gerade diese Armen verhöhnt und verkleinert Ibsen mitunter, um die Anderen größer erscheinen zu lassen. Hier drängt sich uns eine Betrachtung auf, die wohl mehr und mehr die allgemeine Meinung werden dürfte: als Denker steht Ibsen nicht auf der selben Höhe wie als Künstler; seine Lebenskenntnis und Objektivität ist nicht so groß wie seine Leidenschaft. Die Gedankenkraft des Dramatikers kommt wohl am Stärksten in seiner Psychologie zur Geltung; und diese besitzt bei Ibsen nicht immer einen sicheren Untergrund. Der Aufbau ist stets musterhaft; so, zum Beispiel, in »Nora«; aber das Fundament, auf dem er ruht: nämlich, daß Nora (die lügt, – und wer ist weltklüger als Solche, die lügen können?) nicht wissen sollte, was eine Wechselfälschung ist, läßt viel zu wünschen übrig. Die Voraussetzung für die Handlung der »Wildente« ist, daß die vierzehnjährige Märtyrerin ihrem Vater glaubt, obwohl dieser Schwätzer kaum ein wahres Wort zu sagen vermag. Nun wissen wir aber Alle, daß niemand rascher als ein Kind erfassen kann, ob man auf die Worte Dessen, von dem man abhängt, Etwas geben darf. Seit ihrem vierten Jahr hat Hedwig sicher Bescheid gewußt; wenn Jemand zweifelt, so denke er an die Mutter! Wie der gute, von Damen erzogene Professor in »Hedda Gabler« dazu kommen konnte, Hedda als sein Weib heimzuführen. Das ist gewiß eben so unfaßlich wie der Umstand, daß diese mit Dynamit geladene Dame es ungefähr dreißig Jahre aushalten konnte, ohne daß es zu der geringsten Explosion kam und ohne daß die Umgebung merkte, wie es um Hedda stand. Dazu kommt die gewagte, manchmal geradezu falsche Anwendung der Studien über Suggestion, Hypnotismus und Erblichkeit. Die noch wenig aufgeklärte Macht der Erblichkeit hält Ibsen für größer als die der Erziehung, mit der er gar nicht rechnet.

Es hat uns Alle gerührt, den alten Meister, nach einem so strengen Arbeitstag und nach so langer Abwesenheit im Ausland, in seinem Drama vom kleinen Eyolf die norwegische Flagge hissen zu sehen. Ganz gegen Ibsens Gewohnheit kommt die Szene unvorbereitet: ein sicheres Zeichen, daß es eine Einschaltung ist. Hier hat er gewiß in starker Gemütsbewegung selbst die Rolle seines Helden übernommen. Man hat darin ein Zeichen seiner Versöhnung mit der Gesellschaft sehen wollen. Doch es ist mehr. Wenn wir alt werden, so verlassen uns die Farben; weißer und weißer scheint unser Haupt in die Luft zurückzusinken, die es zuletzt in Atome auflösen soll. Eben so geht es mit unseren Gefühlen. Die Farben der Gegensätze gleiten mehr und mehr in die Unendlichkeit; sie suchen die Einheit. Ibsen hat nach und nach gelernt, mit dem Ausdruck für ein großes Gefühl zu warten, bis es sich in einem kleinen Bilde spiegeln konnte.


Zehn Jahre ists her, seit Björnstjerne Björnson, der ein Menschenleben lang, nicht immer mit freundlichem Blick, den Mann aus Skien sah, diese Sätze für die »Zukunft« schrieb. Ich wollte sie voran stellen, um zu zeigen, wie Norwegen, als dessen repräsentativster Geist Björnson fortleben wird, damals über Ibsen urteilte. Nicht mehr wie über den Nachbarssohn, den man als Apothekergehilfen, als Theaterdirektor, als armen Teufel und unruhigen Kopf gekannt hat und dem man drum nichts Ragendes, Dauerndes zutrauen mag. Noch nicht wie über einen Großen der Weltdichtung, Einen sui generis, der aus eigener Kraft sich sein Lebensgesetz schuf und mit dem alle Intelligenz der Zeit sich auseinandersetzen muß; in Liebe oder in Haß: ohne Gefuhlstribut kommt an ihm Keiner vorbei, der den Ozean oder die Sterne sucht, den Wirbelsturm oder die große Stille. Nicht viel hat er uns seitdem geschenkt; zwei Dramen nur, deren spiritueller und poetischer Wert, so hoch er war, den Spruch der Richter nicht wandeln konnte. Fast unsichtbar war er, der sich dem Gafferauge doch nicht gern barg; seit dem März 1900, wie er selbst mir schrieb, ein siecher, zur Arbeit nicht mehr rüstiger Mann. Dennoch wurde er nun erst gesehen, wie ihm gebührte. Als der streitbarste Apostel, der stärkste Wirker, den germanische Poetenheimat in einem Jahrhundert gebar. Sechs Jahre währte sein Sterben. Dieser Leib, der gar nichts Heldisches hatte, trotzte den Wettern wie ein Wahrzeichen aus ferner Hünenzeit. Tausendmal rief er den Tod und täglich flehten die Freunde, deren Freundschaft nur dieser eine Wunsch blieb, den Tröster herbei; und immer wars, als bäume der Leib sich gegen den letzten Streich. Weiß und weißer sank das Haupt in die Luft zurück, ehrwürdiger schien es, heilig fast in dem bleichen Glanz unbeirrten Wollens; dann, am Tage vor Christi Himmelfahrt, schwieg das Herz, das achtundsiebenzig Jahre lang so heftig, in seiner dunklen Einsamkeit, gepocht hatte; kam endlich die Nacht. Das Vaterland, das den unbequemen Mahner, den Gespensterseher einst geschmäht und, »mit der Sorge Bündel, mit der Angst Sandale«, in die Fremde getrieben hatte, bot ihm nun ein Ehrengrab und der König trat an die Spitze des Trauerzuges. Welche Fülle von Kränzen auf diesem Sarg! Als traure die Menschheit um ihren Liebling. Wie viele papierne Blumen! Wars nötig, all die alten Anekdoten noch einmal aufzutischen, die dem Philister ehrfurchtlos das Allzumenschliche des großen Dichters verraten? Was man von ihm wissen muß, haben Georg Brandes und Henrik Jäger uns längst erzählt. Was er aussprechen wollte, steht in der Gesammtausgabe seiner Werke. Die kauft, die lest und lest wieder; und fragt nicht, warum der Schöpfer dieser Welt seine Pose und seine Tolle liebte, nicht immer aufrichtig war und manchmal den schlauen Zauberer spielte. Vielleicht fand er kein besseres Mittel, sein Innerstes zu wahren; war es sein ›Arceoc‹. Drei Jahrzehnte nur Schimpf und Spott: ohne irgendeine Methode des Selbstschutzes ists nicht zu ertragen. Wagner lernte die Heilandsgrimasse; in Zola wuchs der Drang, außerhalb der Turnierschranken sich den unbestrittenen Weltruhm zu erfechten; Ibsen gewöhnte sich in kleinstädtische Magiermanier. Für alle Drei wäre das Beste, wenn kein Brief, kein Gesprächsfetzen, kein polemisches Wort von ihnen erhalten wäre und nur ihr Werk für sie zeugte ... Ich habe so oft, als er in Skandinavien, Deutschland, Frankreich, England noch gehöhnt und gescholten wurde, über Ibsen gesprochen, daß ich Neues nicht mehr (oder: noch nicht) zu sagen vermöchte. Deshalb habe ich aus meinen Versuchen, Ibsens Wesen zu erfassen, den hier gewählt, von dem der Lebende ungefragt, aus eigenem Antrieb, mir schrieb, daß er auf dem Leidensbett ihm Freude bereitet habe. Noch ist die Distanz, ist das Bild unverändert.


Ehe der weiche Jüngling aus Nazareth, den der Täufer im kalten Jordanwasser gehärtet hatte, sich auf den Martyrweg machte, weilte er vierzig Tage und vierzig Nächte in einer Wüste. Er wollte mit sich allein sein, ganz einsam, um ungestört zurück und vorwärts zu schauen und in der stillsten Stunde den Stimmen zu lauschen, deren Lockruf ihn aus der Menschengemeinschaft riß. Er wollte erwägen, ob er ein willenloses Werkzeug Johannis werden oder sich selbst leben solle, aus eigener Kraft. Den felsigen Abhang, der im Westen das Tote Meer schließt, erklomm er, hauste dort unter dem spärlichen Wüstengetier und versagte dem Leib jegliche Nahrung. Das Fleischliche, Alles, was auf den Willen, den Macht und Wonne begehrenden, wirkt, sollte verkümmern, erlahmen; ungetrübt sollte das Licht reiner Erkenntnis den zu wandelnden Weg erhellen. Die Stätte war für beschauliche Einkehr ins Innerste gut gewählt; keine einsamere gab es in der Judäerwelt. Doch das Volk raunte, sie sei von Dämonen bewohnt und dem dort Rastenden drohe Gefahr. Und wirklich: zu dem durch Fasten Geschwächten trat der Versucher. Er höhnte den Jüngling, der sich durch Gottes besondere Gnade geweiht wähne, und heischte von ihm Wunder, die übermenschliche Kraft dem Menschenauge beweisen könnten. In kluger Rede wehrte der Jüngling solche Zumutung ab. Da führte der Versucher ihn auf einen sehr hohen Berg, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: »Das Alles will ich Dir geben, so Du niederfällstund mich anbetest.« Der Jüngling aber sprach: »Hebe Dich weg von mir, Satan! Denn es stehet geschrieben: Du sollst Gott anbeten, Deinen Herrn, und ihm allein dienen.« Dann stieg er herab von der Höhe, den Menschen Lehrer, Erlöser zu werden. Von Sansara, der Welt ewiger Wiedergeburten, des Gelüstens und Verlangens, der Sinnentäuschung und wandelbarer Formen, hatte er sich freiwillig geschieden, wie Alle es müssen, die aus dem Geist Großes schaffen wollen, und war in Nirwana ein frommer Bürger geworden, in dem windstillen Land, wo die sündigen Wünsche schweigen.

Auf dieses wundervolle, in der unerschöpflich reichen Welt des Veda erwachsene Symbol war der Blick des Dichters, der den Europäern im Norden lebte, seit seiner Jugend geheftet. Henrik Ibsen, der Nordgermane aus dem Lande der starrsten Staatskirche, der inbrünstigsten Ekstase, der zornigen Christen vom Schlage der Kierkegaard und Lammers, erwuchs im Haß aller Sinnenfreude. Nur im Bereich der Nazarenermoral, so lehrten ringsum Strenggläubige, gibt es des Strebens würdige Werte; nur die sittliche Schönheit ist wahrhaft schön. Der Knabe glaubte der Lehre; in dem Jüngling erwachte mit dem Geschlechtsleben der Zweifel. Ist wirklich Alles, was uns auf der Erde an Freuden erwächst, als Übel zu meiden? Leuchtet die Sonne uns nur, um zu Büßerzerknirschung in Sack und Asche zu mahnen? Ist der süße Duft erblühter Knospen eine Lockung des Bösen, die Vereinigung zweier heißen, langenden Körper ein Sündenfall? Und soll der Anblick der irdischen Pracht und Herrlichkeit den Menschen nur prüfen, den, wenn er von Glück und Glanz ein Stück an sich reißt, in einem Jenseits für solches Vermessen harte Strafen erwartet? Noch blieb es beim Zweifel. Der Jüngling war scheu, die ersten Eindrücke erkälteten ihn, dessen scharfes Auge früh schon unter die Oberfläche sah, und er traute sich selbst nicht genug, um an dem Heiligsten, das ihn gelehrt worden war, das Rütteln zu wagen. Erst der Mann hatte den Mut, zu dem Gott aufzuschauen, vor dem sein Volk kniete, erst der Mann konnte an das Heiligste kritisch sein Richtmaß legen. Ein schwächliches, auf krummen Wegen wandelndes Geschlecht sah er, das sich von Tag zu Tag kleine Vorteile erfeilschte, heuchlerische Kompromisse schloß und, wenn es zum Gebet die Hände faltete, nur daran dachte, sich schlau in den Himmel zu lügen. Wie mußte der Gott sein, der sich von solcher Menschheit täuschen ließ? Der Gott, den die Masse träumte, war nicht der Gott starker Christen mehr. Mit schriller Stimme rief es der Dichter ins Land:

Wie das Geschlecht, ergraut sein Gott.
Als Greis mit dünnem Silberhaar:
So stellt Ihr den Gottvater dar.
Doch dieser Gott ist nicht der meine!
Meiner ist Sturm, wo Wind der Deine,
Ein Heldenjüngling, kühn und stark,
Kein schwacher Alter ohne Mark!

Dieser junge Gott läßt sich in die alte, enge Kirche nicht bannen; für ihn reicht auch nicht der weitere Raum des modernen Kultgebäudes. Wer ihn fühlen, ihm nahkommen will, muß hinaus ins Freie, hinauf zu den Gipfeln, die in den Himmel ragen: dort wird in des Sturmes Brausen der Starke Starken sich offenbaren. Deshalb schleudert Brand, der aus der Staatskirche geschiedene Pfarrer, den Schlüssel zum Gotteshaus in den Fluß und macht sich mit den Tapfersten aus seiner Gemeinde auf den steilen Weg, dessen Mühsal sie stärken soll. Doch für den Leidensweg sind die Tapfersten noch nicht tapfer genug. Sie lechzen nach Freude: und auf der Höhe droben atmet sichs schwer; ihr Blick sucht Blumen: und findet nur Eisfelder; sie erhoffen der Mühe köstlichen Lohn: und der strenge Führer verspricht ihnen nur eine Dornenkrone. Da wendet ihr dumpfer Sinn sich zur Wut: mit Steinwürfen scheuchen sie den Mann fort, der sie aus behaglicher Niederung lockte, und kehren zurück, – ins Joch, in den Alltag, in Versorgung und Botmäßigkeit. Brand bleibt allein; er blutet aus Wunden, die ihm der Aberglaube schlug, und kann keuchend erkennen, wie die Menge Erlösern lohnt. Zur Freiheit, zum Licht, zu eigenem, jungen Wollen hatte er die Gemeinde zu führen versucht: sie wollte weiterschlafen, den Willen nicht stählen, mit Erobererfaust nicht sich selbst eine Seligkeit schaffen. Wozu die Qual? Seligkeit war ja schon lange verheißen. Für Alle hatte ja Einer gelitten... Die alte Lehre hat den Willen gebrochen. Brand schaut zurück, hinunter ins Tal der Willenlosen, das sich wie ein Totenland vor seinem Auge dehnt. Kein frisches, fröhliches Leben, kein blutroter Entschluß, nicht einmal eine rechtschaffene große Sünde, zu der immerhin Mut und Kraft gehört, nur kleinliche Krämersiege, kleinliche Spießbürgerschmach. Niemals dorthin zurück! Lieber den Tod auf eisiger Höhe als ein Scheinleben unter flüsternden, feilschenden Zwergen, denen der Wille zum Leben entfloh. Brand konnte seines Traumes Sinn nicht in die Herzen hämmern: so will er ihn leben, will lebend den Unbelehrbaren ein Beispiel geben. Tat so nicht auch der Galiläer? Nie hätte seine Lehre die Welt gewonnen, hätte er sie nicht mit dem Blut seines Lebens gedüngt. Dem Solches Sinnenden naht, wie seinem Vorbilde, der Versucher und zeigt ihm der bürgerlichen Bescheidung beglückende Seligkeit, zeigt ihm, daß nur der Wünsche überspannter Bogen dem Himmelstürmer bisher Wunden schuf und daß dem Gehetzten, wenn er an die Menschen und an sich selbst den Anspruch mindert, in der Begrenztheit noch liebliche Freuden erblühen können. Umsonst: über den stählernen Willen des Freien hat der Versucher keine Gewalt. Nur eine Wahnsinnige glaubt noch an ihn; dennoch: Brands Wille erlahmt, Brands Fuß strauchelt nicht. Er sucht die Sonne, sucht den Gott, vor dem er knien, zu dem er beten kann. Eine Lawine begräbt ihn. Und über das schneeweiße Grab des Verstiegenen hin hallt die Stimme des deus caritatis, der dem in des Strebens schwerster Mühe Gefallenen weit des Vaterhauses Tore auftut.

Brand ist nicht das einzige Geschöpf, dem in Ibsens Weltreich der Versucher naht. Der Römerkaiser Julian und der Rheder Bernik, Jarl Skule und Pastor Manders, Rosmer, Solneß und Allmers, Frau Helene Alving und Frau Hedda Gabler, die kleine Hedwig Ekdal und die kleine Hilde Wangel: Alle versuchte der Böse; und sogar der kühlen Frau vom Meere trat ihr Traum in greifbarer Gestalt einst entgegen und lockte und zog ins Uferlose, in das nimmer ruhende Element, das nur der Kraft und dem Willen gehorcht. Manche folgten dem Verführer und erlitten das Los vermessener Menschheit. Manche verstopften dem Lockruf das Ohr, krochen ins Pflichtengehäuse zurück und verkümmerten da, wie in der Dachkammer des Photographen Ekdal die lahmgeschossene Wildente. Aus Keinem wurde was Rechtes. Alle suchten mit sehnendem Herzen die Lebensfreudigkeit, die der arme, vom Vatererbe vergiftete Oswald Alving auf seine Leinwand zaubern möchte. Alle aber standen im Bann einer Weltanschauung, die den Geist adelt, doch glücklos macht, Alle mußten, um ein Bißchen Sonne zu haschen, zu betäubenden, tötenden Apothekermitteln greifen. Ein dunkles Land, ein Land ohne Verheißung; und eine Menschheit, der das Christengesetz den Mut zu heidnischer Froheit und Sinnenlust nahm, eine Menschheit, der gleich, von der Nietzsche sprach: »In diesem Hin und Her zwischen Christlich und Antik, zwischen verschüchterter oder lügnerischer Christlichkeit der Sitte und ebenfalls mutlosem und befangenem Antikisiren lebt der moderne Mensch und befindet sich schlecht dabei; die vererbte Furcht vor dem Natürlichen und wieder der erneute Anreiz dieses Natürlichen, die Begierde, irgendwo einen Halt zu haben, die Ohnmacht seines Erkennens, das zwischen dem Guten und dem Besseren hin und her taumelt: alles Dies erzeugt eine Friedlosigkeit, eine Verworrenheit in der modernen Seele, die sie verurteilt, unfruchtbar und freudelos zu sein.« Ist es im Lande dieser Menschheit, wo jeder Brecher alter Tafeln als Verbrecher gilt, nicht, trotz allem Lärm der Alltagsbetriebsamkeit, so still wie im Totenreich? Lebt sie denn überhaupt, kann sie ohne den Willen zu eigenem Daseinsrecht und eigener Daseinsfreude leben und ist sie nicht nur der Schatten eines entschwundenen Totengewimmels? Die jung scheinende Europa keucht unter der Leichenlast, die sie von Asien her auf ihrem Rücken mitschleppt; ihre Kinder sehen am hellen Tag wie Gespenster aus; und als der Kaiser Apostata, der sein Drittes Reich, das Reich froher und schöner Wahrhaftigkeit, nicht schauen sollte, in Ibsens weltgeschichtlichem Galiläerdrama verröchelt hat, kann seine christliche Pflegerin mit Recht von lebenden Toten und toten Lebenden sprechen.

Der Dichter wurde älter. Er hatte im Orient und im europäischen Süden reicheres, wärmeres Leben kennen gelernt und kehrte mit schwerem Greisenschritt nun in die nordische Heimat zurück. Das Bild des Versuchers hatte ihn auch in des »Sonnenstrands südlicher Pracht« nicht verlassen und geleitete ihn nordwärts nun, zu des Schneelandes Hütten. Doch auch den Weltruhm brachte der Dichter heim; und er, den, wie Brand, Steinwürfe aus dem Vaterland gescheucht hatten, sah sich von einem dankbaren Volke jetzt plötzlich wie einen Helden gefeiert. Wie einen Helden? Der Vergleich paßte wohl nicht. Ein Held wirkt doch auf sein Volk, erkämpft seinem Volk neuen Besitz oder stärkt ihm wenigstens den Willen zu fördernder Schöpfertat. Der Dichter sah um sich. Was hatte er gewirkt? Nichts; oder doch nichts Gutes, nichts ihm jetzt noch wünschenswert Scheinendes. Das große Richtmaß eines sittlichen Ideals, in das er früher die Menschen aufzurecken sich mühte, hatte er längst, weil er die Unnützlichkeit und die Lebensgefahr der Prokrustesarbeit erkannte, in den Kasten gelegt. Längst auch hatte er eingesehen, daß man mit dem Puritanerpathos, mit dem Predigen einer Wahrheit, die Allen wahr sein soll, heutzutage nicht weit kommt und daß es besser ist, dem Durchschnittsgekribbel die Lebenslüge zu lassen, das anregende Prinzip, die Fontanelle, die der Arzt dem Kranken in den Nacken setzt. Der Stamm der Peer Gynt stirbt nicht aus; und ist es gerecht, ists gütig, diesem Stamm Alles zu nehmen, was er zum Leben braucht? Das hatte Ibsen, der Mann wie der Jüngling, getan. Er hatte den Schlüssel zur Kirchentür ins Wasser geworfen, den Gespensterglauben der Urväterzeit aus der Scholle gejätet, alle Konventionen und Kompromisse, die geheiligtesten sogar, als Trugwerk und Heuchlergetriebe enthüllt, alle Leuchtfeuer gelöscht, die in sternloser Nacht bisher den sichere Fahrstraßen Suchenden die Richtung wiesen. War er nicht selbst ein Versucher gewesen, einer, der die Menschheit lockte, höher zu fliegen, als der Flügel Kraft sie zu tragen vermochte? Frohe Adelsmenschen wollte er schaffen, Männer von Mut und Mark, stolz sich schenkende und frei in der Hingebung das Menschenrecht wahrende Frauen, ein reinliches, vornehmes, neuer Schönheit lebendes Volk. Und was sah er nun? Ihren Dichter umdrängten jubelnd die Entpflichteten, die männischen, auf ihre Unfruchtbarkeit eitlen Weiber, und die der Puppenstubenpflicht noch nicht Entlaufenen, die als arme Opfer ihre Ketten zur Schau stellten und mit anklagendem Finger die sündigen Männer dem Richter bezeichneten. Wo waren die Mütter des starken Sonnengeschlechtes? Und wo die Väter? Herr Stockmann war noch immer Bürgermeister, Herr Kroll noch immer Rektor; Berniks und Werles leiteten die großen Handelshäuser, Sternsgaards und Helmers plaidirten vor Gericht, auf der Kanzel stand im günstigsten Fall ein schwächlicher Manders und die Öffentliche Meinung wurde vom Buchdrucker Aslaksen, von Peder Mortensgord und deren Mietlingen morgens und abends ins Haus geliefert. Noch immer auch bildete man, wo eines kräftigen, zu Opfern bereiten Mannes Tat allein nützen konnte, einen Verein, eine Kommission, einen Bund. Der »große Krumme«, der Ewig-Biegsame hatte das Feld behauptet. Und die revolutionär gestimmte Jugend verschrie den alten Dichter als einen Heuchler, der gern große Worte mache, im Grunde aber ein rechter Philister sei. Das also war der Ertrag eines langen Lebens! ... Eines Lebens? Ach: der Dichter hatte seine Lehre ja nicht gelebt, hatte sie aus dem Bereich der Vorstellung nicht in den des Willens gerückt. Schon früher hatte er die Landsleute gefragt: »Wo ist unter uns der Mann, der nicht zuweilen einen Gegensatz zwischen Wort und Handlung, zwischen Willen und Aufgabe, zwischen Lehre und Leben in sich gefühlt und erkannt hat?« Jetzt ließ er Solneß sagen: »Wenn ich zurückblicke: eigentlich habe ich nichts gebaut und auch nichts geopfert, um zum Bauen zu kommen. Das ist der ganze Abschluß.« Und in dem Gedicht von dem Baumeister, den der Schwindel von der Turmspitze des selbstgebauten Hauses stürzt, gab er uns die Tragödie von dem Dichter, der die Höhe der selbst verkündeten Weltanschauung nicht erklimmen kann.

Diesem Werk, das allein schon genügen würde, um zu zeigen, wie töricht, wie gewissenlos es war, dem Namen Henriks Ibsen den irgendeines anderen Lebenden als eines Gleichen zu gesellen, folgte das Abendmärchen vom kleinen Eyolf. Flüchtig Hinblickenden mochte es damals scheinen, als wehe vom Eispalast des Magus aus Norden endlich die Friedensfahne, als wolle der einst Unerbittliche kapituliren und die müden Greisenglieder in den modischen Mitleidenskult retten. Wer genauer hinsah und nicht vergaß, daß Ibsens Lebenslügner nach ihrem Handeln, nicht nach ihrem Sprechen beurteilt werden müssen, der merkte bald, daß an eine Kapitulation hier nicht zu denken war. Der Dichter zeigte ein unseliges Paar, dem zu froher, nach keiner Rücksicht fragender Selbstsucht und zu frei gewähltem Dienst der Gattung die Kraft und der feste, an kein altes Empfinden gebundene Glaube fehlt und dem als letzter Trost nichts bleibt als der Versuch, in mitleidigem Dämmern die Gewissensangst einzuwiegen und am Thron des lange vergessenen Gottes wieder um Gnade zu winseln. Das, schien der Schöpfer dieser halbdunklen Welt zu rufen, ist Alles, was Ihr im Willen Morschen, zu fruchtbarem Handeln Untüchtigen noch könnt. Und es war, als hörte man von den Firnen her Zarathustras heiliges Lachen, als spräche der graue Bergsteiger droben zu Königen oder zu Knechten: »Wo geschehen größere Torheiten als bei den Mitleidigen?«

Dorthinauf ging nun der Weg. Wars nicht Jean Paul, der gesagt hat: »Man klettert den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberg zu sterben«? So erging es John Gabriel Borkman. Auf einer hohen, ausgereuteten Waldstelle stirbt er, im Schnee, unter einer abgestorbenen Fichte. Auch er war längst abgestorben. Ein Toter bist Du, hatte seine Frau ihm gesagt; liege ruhig in Deinem Grabe und laß Dir nichts mehr vom Leben träumen. Und diese Frau, die ihn, so hart und herzlos sie scheint, am Meisten liebt und am Besten kennt, weiß auch gleich, woran er starb: »Er vertrug die frische Luft nicht!« Ein Bergmannssohn, den der Vater oft mit in die Grube nahm, wo das Erz vor Freude singt, wenn es die Hammerschläge der Häuer befreien. Unter Tag erwacht seine Phantasie zu fieberhaft nächtigem Leben. Wer das Erz in Massen hinauffördern, es den Menschen dienstbar machen, durch große Unternehmungen weithin Wohlstand schaffen könnte! Das wäre das Reich, die Macht und die Herrlichkeit. Ein Imperatorentraum, der Traum eines in die Welt der Großindustrie hineingeborenen Bonaparte. Doch ein Bonaparte, den man in seiner ersten Schlacht zum Krüppel geschossen hätte, wäre nie der Weltherrscher Napoleon geworden. Das war John Gabriels tragikomisches Los. Dieser Lesseps, in dem ein Lyriker schläft, lebt in einer Welt, wo nicht der Wille, wo die Vorstellung regirt. In seiner Vision wähnt er sich einen Menschenbeglücker, dem der erhabene Zweck jedes Mittel heiligen müsse: und im Grunde sucht er doch nichts als Macht, als Herrschaft, als Stillung ehrgeiziger Lust. Zweimal naht ihm der Versucher, zweimal erliegt der ins Ungemeine strebende Phantast der Lockung. Er läßt das Mädchen, das ihm lieb ist, weil es von einem Anderen begehrt wird; von Einem, der dem Kletternden Stab und Stütze sein kann. Umsonst: die Verlassene weigert dem Werber ihre Hand und der Verschmähte wittert hinter den Weigerungen den früheren Freund, dem er dafür Rache schwört. Und als John Gabriel an der Spitze der großen, von ihm gegründeten Bank steht, als er das Land mit Fabriken besäen, die »Leben heischenden Werte« erlösen, goldene Schätze ernten will und ihn zum Düngen die Mittel fehlen, da greift er nach den ihm anvertrauten Depots. Warum nicht? Er wird, muß ja siegen; in acht Wochen, acht Tagen vielleicht ist der Betrag wieder gedeckt und kein Mensch erfährt von der Sache. Abermals umsonst: die Behörden räumen einem Industriekapitän nicht das Herrenrecht ein, das sie an Königen und Kaisern in der Geschichte bewundern, und John Gabriel, den man gestern noch wie einen Monarchen ehrte, wird wie ein gemeiner Gauner ins Zuchthaus gesperrt... In der Zelle und später, als er, ein einsamer, gemiedener Mann, in einem verblichenen Prunksaal das visionäre Traumleben fortführt, nimmt er seinen Prozeß wieder auf. Er tat, was er tun durfte, mußte, was dem Gemeinwohl dienen sollte: er spricht sich frei. Doch nicht ganz. Mit neuem Auge blickt er auf die alte Handlung zurück und findet, nur gegen Einen habe er sich vergangen: gegen sich selbst. Er durfte sich von Unbill und Schande nicht beugen lassen, mußte, sobald er die Kerkermauer hinter sich hatte, hinaus in die Wirklichkeit, ins sprossende, wimmelnde Leben, wo es für einen Starken immer genug zu schaffen gibt. Der Arme, von Illusionen Genarrte! Er kann die frische Luft ja nicht vertragen. So lange er im Reich seiner Vorstellung lebt, sich im fahlen Prunksaal die danse macabre vorspielen läßt und einen Menschen hat, der an ihn zu glauben scheint: so lange kann er sich für ein Opfer neidischer Philistermoral halten, die dem Genie immer Fallstricke legt, kann er, der nur in Gefühlen und Visionen schwelgt, sich einen nüchternen Rechner nennen und auf eine »Stunde der Genugtuung« hoffen, die ihm neuen Glanz, neue Ehre bringen wird. In der rauhen Wirklichkeit welkt die im Treibhaus des Wahnes bei künstlicher Hitze hochgezärtelte Blütenpracht bald. John Gabriel wollte nie die Wirklichkeit sehen; und als er zum ersten Mal aus seiner Stubenluft wieder ins Freie tritt, umkrallt ihn im verschneiten Hochwald die kalte Erzhand des Todes. Kühn war er, keck den grünen Berg des Lebens hinaufgeklettert und mußte auf einem Eisberg nun sterben!

Ein Übermensch? Nein: ein in den Selbsttäuschungen und Lebenslügen der unternehmenden Bourgeoisie erwachsener Phantast, in dem die Vorstellung hemmunglos schaltet und der zu keiner starken, fruchtbaren Tat die Willenskraft hat, auch zum Verbrechen nicht, das er scheu nur, mit schwindligem Gewissen begehen kann. Und um ihn lauter alte, längst abgestorbene Menschen voll gespenstischer Wahngebilde. Zwei Frauen. Die eine lebt dem Phantom einer Ehre, die man nicht selbst sich geben, die man nur von der richtenden Gesellschaft empfangen kann; die andere dem Phantom einer Liebe, der man Alles, Streben, Schaffenslust, Drang nach Erkenntnis, opfern muß und die über Leben und Sterben entscheidet; wenn für kurze Sekunden die Nebel des Wahnes zerflattern, sieht man, daß Beide nur einen Stützpunkt suchen, ein Wesen, das ihnen allein gehört, ihrer inneren Leere den Trost einer Glücksvorstellung gibt. Diesen grauen Schwestern gesellt sich ein altes Kind, ein Kanzleischreiber, der sich im Leben nicht zurecht finden kann und sich von Borkman ausplündern und mißhandeln läßt, weil der Depotdieb ihn in seinem Dichterwahn bestärkt. Lauter verpfuschtes Volk, das nicht zu behaglicher Ruhe kommt, weil es zwischen Verlangen und Kraft die Kluft nicht ausfüllen kann. Borkmans Sohn, des Kanzlisten Tochter und Frau Wilton können es; sie fragen nach keines Anderen Wohl oder Weh, fragen, ohne Träumerei und Gefühlsüberschwang, nur nach dem eigenen Vorteil, gehen frisch und frech auf ihr Ziel los und werdens erreichen, – mag auch der weich gepolsterte Schlitten, in dem sie sitzen, Den oder Jenen aus der Verwandtschaft überfahren. Nur solche Sicherheit, die nichts von dem Kampf zweier Seelen in einer Brust weiß, erhascht auf der wilden Lebensjagd das Glück. Schon zum Pfarrer Rosmer ließ Ibsen dessen Lehrer Brendel, einen nicht mehr zahlungfähigen Idealisten, sprechen: »Peder Mortensgord will niemals mehr, als er kann. Peder Mortensgord ist im Stande, das Leben ohne Ideale zu leben. Und Das ist das große Geheimnis des Handelns und des Siegens. Das ist die Summe aller Weisheit dieser Welt. Basta!«

... Der Baumeister Solneß war Versuchter und Versucher zugleich. Er hatte einem kleinen Mädchen ein Märchenkönigreich versprochen, hatte mit der Verheißung eines Wunderbaren die zur Weibheit erwachende Phantasie verstört und mußte, als die Jungfrau Erfüllung forderte, sich zur Leistung unfähig erklären. Darin gleicht ihm – und nicht darin allein – der Bildhauer Rubek, der arme Held in Ibsens letztem Drama »Wenn wir Toten erwachen«. Auch er hat, zwei Frauen sogar, versprochen, sie, wie Satanas einst den Jüngling aus Galiläa, auf einen hohen Berg zu führen und ihnen alle Herrlichkeiten der Welt zu zeigen; und auch er konnte sein Wort nicht halten, weil er im Höhenklima nicht zu atmen vermag. Er erklimmt den Gipfel, aber er stirbt an der Mühe des steilen Weges, wie Solneß, wie Borkman und Brand. Alle rafft der Tod von der Höhe, die ihr Vorstellungvermögen erreichen, auf der ihr Wille sich nicht behaupten kann. Immer, mit Greisenzähigkeit, kehrte der Dichter zu diesem Symbol zurück. Dachte er an den Gläfiswall, auf dem, nach der nordgermanischen Sage, Brünnhilde schläft, an den Glasberg der Mythen, wo, wie auf dem güldenen Berg der uralten Inderlegende, den Toten sich paradiesische Seligkeit erschließt? Vielleicht. In seinem letzten Gedicht hob er den letzten Schleier; sagte er ganz deutlich, sein Berg rage aus einem Totenlande zum Himmel auf.

Ein Totenland. Nicht Boecklins Insel, deren ruhige Majestät Riesenpinien beschatten, um deren starre Felswand ein Hauch frommer Heldenschönheit weht und deren Ferge die Leblosen so liebreich, mit sanftem Ruderschlag, zur letzten Stätte geleitet. Ein Land unruhvoller Schattengeschäftigkeit, ein Land ohne einheitliche Kultur, wo die Leute leere Worte in die früh sinkende Nacht hineinflüstern. Hier ist Rubek erwachsen, hier hat er, als Bildhauer, die Schönheit gesucht, leidenschaftlich, fast schon verzweifelnd, wie ein Fiebernder den beschwichtigenden Trank, ein Verdammter das entschwundene Eden sucht. Endlich fand er sie. Aus dem harten Stein wollte er ein junges Weib gestalten, eine Erwachende, vom Tod Auferstehende, in deren Antlitz und Haltung ein neues Geschlecht das Ideal neuer, vergeistigter Griechenschönheit erblicken sollte. Er trug das Ideal in sich; aber so jung er war: das Vertrauen fehlte, es selbst zu gestalten, aus eigener Kraft. Da traf er eine Jungfrau, die aus dem Hellenenland gen Norden gesandt schien, vom Scheitel zur Sohle ein Wundergeschöpf aphrodisischer Wonne. Sie heißt Irene; und wie Eirene, die römische Pax, wird sie ihm zum wandelnden Sinnbild beglückenden Friedens. Der Werber wird erhört: das Mädchen läßt Familie und Heimat und folgt dem Künstler, dem Mann. Eigentlich wohl nur dem Mann; den Künstler nimmt sie nur so mit in den Kauf. Ihr ists natürlichste Pflicht, ihm auch mit ihrem Leibe zu dienen, hüllenlos ihm Alles zu geben, was er zu seinem Werk brauchen kann. Er hängt ja so sehr an diesem Werk, erwartet so viel davon; gut also, daß sie ihm als Modell dabei zu helfen vermag. Doch nicht minder natürlich dünkt es sie, daß sie nach der Arbeit in seinem Arm ruhen wird. Wie hätte er sonst um sie geworben, hätte er ihr versprochen, sie auf einen hohen Berg zu führen und ihr alle Herrlichkeiten der Welt zu zeigen? Alle Herrlichkeiten der Welt sieht ein schwärmendes Mädchen nur in erwiderter Liebe. Sie gab ihm den Leib, den nur Einer sehen darf: im Kuß wird er das frohe Opfer belohnen. Sie wartet, in zitternder, hoffender Angst Ihm aber zuckt kaum die Wimper; er sieht nicht das Weib, sieht nur das Modell, denkt nicht an verliebtes Getändel, sondern nur an das Werk, das ihm Ruhm bringen soll. Er will zeigen, wie das Weib, das der Natur näher ist als der von Berufssorgen, von der leidigen Staatsbürgerlichkeit verkünstelte Mann, sich aus den Banden gespenstischer Wahnvorstellungen löst und zu freiem persönlichen Leben erwacht, wie es aus einer Gehilfin und Gebärerin ein Mensch, ein selbst sein Geschick bestimmender, wird. Was in Herz und Sinn des Modells vorgeht, kümmert ihn nicht; ihm liegt nur an der mimischen Spiegelung der Gefühle, denen er den Ausdruck sucht; und wenn er begeistert von den Herrlichkeiten der Welt spricht, tut ers, um für den kalten Stein einen heißen Strahl brünstigen Glückes zu haschen. So würde ein Dichter tun, der seinem Ideal den Körper sucht und nicht danach fragt, was aus Denen wird, die dieses Ideal nun auch leben wollen. Irene wird des Wartens müde. Sie hat vor diesem Manne gekniet, hat ihn angebetet wie einen Gott, – und er ist nur ein Künstler, der seiner Phantasie Stützpunkte finden will; er prüft, mißt, vergleicht und schürt die Glut, die nicht in seliger Umarmung gesänftigt werden, die nur sein verglimmendes Schöpferfeuer aufs Neue anfachen soll. Die an ihrer Jungfräulichkeit Leidende lernt das Werk hassen, das ihr den Mann stiehlt. Und als es vollendet steht und Rubek ihr für die glückliche »Episode« dankt, die ihre Hilfe ihn erleben ließ, trennt sie ihr Schicksal von dem seinen. Stunden, Tage lang stand sie nackt vor dem Mann, dem sie freudig Alles gab, was ein junges Weib geben kann, – und ihm war sie nur eine schöne Episode, ein Modell, ein stimulirendes Mittel. Sie verschwindet. Und Rubek bleibt allein.

Er ist nicht mehr gewöhnt, allein zu sein. Des Mädchens Verlangen hatte er gefühlt; aber da war ihm seine Griechin wie der Versucher erschienen, der den zu unerstiegenen Höhen Emporstrebenden in dumpfe Niederung ziehen will. Was sollte ihm ein Weib oder gar ein Kind, wie Irene es wünschte? Hätte er in der seligsten Stunde anderer Väter nicht mit Buddha sprechen müssen: »Ein Kind ist mir geboren, eine Fessel ist mir geschmiedet«? Er wollte sein Werk; und die Schöpferwehen durfte keine Regung gemeiner Brunst entweihen. Nun ist das Werk vollendet; wo aber blieb das Ideal? Es scheint mit Irene entflohen! Das Ideal! Gibt es überhaupt ein Ideal, das Allen ein Vorbild, ein Leuchtfeuer in sternloser Nacht sein kann? So wenig wie eine Wahrheit, die Allen wahr ist. Der Bildner sah auf sein Werk und fand es klein; vielleicht auch unmodern. Ein reines Mädchen, das nichts erlebt, nichts erlitten hat, sollte einer Menschheit den Auferstehungtag bedeuten? Eine fast kindliche Vorstellung. Rubek war in die Jahre gekommen, wo man die Ideale in den Silberschrank sperrt, weil sie für den Alltag doch nicht zu brauchen sind. Schmählich vertaner Aufwand schien es ihm jetzt, den Menschen zu sagen, wie sie sein sollen; viel besser, viel weltklüger ists, ihnen zu zeigen, wie sie sind. Der vom Glauben Verlassene machte sich an die Arbeit. Der Sockel wurde breiter: er sollte die berstende Erdrinde darstellen, aus deren Furchen eine wimmelnde Menschheit ans Licht drängt, eine Menschheit, unter deren Kulturfirniß der schärfer Blickende bald die Tierfratzen erkennt. Die Statue des jungen Weibes wurde in den Hintergrund geschoben, ihr sieghaftes Lächeln in wehe Resignation umgewandelt. Und vorn, an einer Quelle, deren Gerinn ihm die Hand kühlen und reinigen soll, sitzt der Bildner selbst, ein Verzweifelter, dem der feste Glaube an das entflohene Ideal nie wiederkehrt. Das ist nun Rubeks Auferstehungtag. So sieht der Mann, der ein spiritualisirtes Hellenentum träumte, jetzt, nach aller Pein vorwärtsgepeitschter Mühens, das Leben und Streben der Menschheit.

Die Gruppe gefällt und bringt ihrem Schöpfer den Weltruhm. Auch das Glück? ... Wer so den Auferstehungtag sieht, kann hienieden nicht glücklich sein.

Rubek hatte in seiner glorreichen Einsamkeit gefroren. Seine ästhetische Weltbetrachtung hat ihm mählich den Willen, die Kraft zu derbem Genießen und frischem Wagen gelähmt. Nun sehnt er sich nach Schönheit; ist sie nicht, nach dem Wort des feinen Artisten Stendhal, une promesse de bonheur? Bei armen Leuten beschwatzt er ein blutjunges, munteres Mädel, verspricht ihm, wie der Ersten, alle Herrlichkeiten der Welt und trägt es heim in den glitzernden Käfig. Denn jetzt ist er reich, Männlein und Weiblein wollen von ihm modellirt sein und er kann einer Frau Etwas bieten. Seiner Frau aber genügt auf die Dauer das Gebotene nicht. Sie heißt Maja, wie die römische Isis und die verschleierte Truggöttin der Inder; und von Beiden hat ihre Weiblichkeit geerbt. Sie möchte Mutter sein, Kinder und einen Mann für sich allein haben; und muß unter Qualen merken, daß in dem Künstler des Mannes zu wenig ist. Sie lebt nur in Sansara, dem Lande des Scheins und des Verlangens, und sieht sich einem vom Erkenntnisdrang Beherrschten gesellt, den der Schleier der Maja nicht mehr täuscht. Auch Rubek findet in der Ehe nicht das erhoffte Spätsommerglück; neben dieser Frau mit ihren animalisch gesunden Trieben wachsen ihm keine neuen Schwingen. In der Gemeinschaft mit ihr konnte er die alte Gruppe, das Steinbild des Erdenjammers, vollenden; zu neuem Schöpfermut kann sie ihn nicht beflügeln. Beiden blieb der Bund fruchtlos. So tun sie denn, was Eheleute, wenn sie sich zu Haus langweilen, immer tun: sie gehen auf die Reise.

Doch in der Heimat wird Rubeks Sinn nur noch düsterer. Hier schritt er gottähnlich einst einher; hier schwirrt er nun, wie ein Raubvogel im Käfig, von Winkel zu Winkel. Keine Stimmung zur Arbeit. Seit die Menge in seiner großen Gruppe lauter Dinge gesehen hat, die er gar nicht hineinlegen wollte, seinen wirklichen Gedanken aber nicht begriff, mag er überhaupt nicht mehr arbeiten; wozu, für so groben, anmaßenden Mißverstand? Sein einziges Vergnügen ist jetzt, diese hochwohllöbliche »ganze Welt« zu foppen. Die Leute wollen Portraitbüsten? Gut: die sollen sie haben und gar nicht merken, wie ähnlich sie da den uns vertrautesten Tiertypen sind. Pferde, Esel, Ochsen, Hunde und Schweine; ein Bißchen entwickelt durch Selektion und ans Menschenreich akklimatisirt, aber eben auch nur ein Bißchen. Und diese »hinterlistigen Kunstwerke« werden mit Gold aufgewogen! Rubek freut sich darüber wie ein mittelalterlicher Mönch, der eine steinerne Zote in eine Domecke geschmuggelt hat. Sonst aber ist er trüb, schläft schlecht und sehnt doch die Nacht herbei, weil die Tage so lang und so leer sind. Und in einer schlaflosen Nacht erscheint ihm zum ersten Male wieder das Ideal seiner Jugend; und bald tritt es ihm auch im hellen Licht des Tages entgegen.

Es sieht anders aus als in der fröhlich-seligen Auferstehungzeit; muß anders aussehen, weil sich des Betrachters Auge gewandelt hat. In der Welt ängstlicher Gewissensbedenken wirkt unbedacht verlangende Heidenschönheit wie eine Ausgeburt entarteter Phantasie. Und Irene tritt in eine Krankenwelt, unter matte, gebrochene Menschen, die sich vom Badearzt ausflicken lassen wollen. Wie würde es Aphrodite ergehen, wenn sie aus ihrem heiteren Tempel in ein christliches Hospiz für seelisch und leiblich Verkrüppelte geriete? Sie würde für toll gehalten, für eine von allen guten Geistern der Scham und Sitte verlassene Metze, die man knebeln muß und, wenn sie gebändigt ist, nur unter Bewachung ausgehen lassen darf, weil sie sonst Unheil anrichten könnte. So ward auch an Irene getan. Das arme Ideal ist schändlich mißhandelt worden. Auf schmierige Bretterbühnen wurde es geschleift und mußte als »Lebendes Bild« die gemeine Banausengier des gaffenden Pöbels kitzeln; von Männern, die nicht heiligende Berührung der Schönheit, sondern nur Brunststillung suchten, sollte es sich auf unsauberen Kissen umklammern lassen; und endlich kamen die Frommen, machten der Unzucht ein Ende und stellten, nach gründlicher psychiatrischer Behandlung, die zerzauste Schönheit unter die Obhut einer Diakonissin, die sie nicht aus den Augen lassen darf. Solches Erleben hinterläßt seine Spur. Noch immer ist Irene ein Wille, aber einer, der sich der Herrschaft des Intellektes völlig entzogen hat und nun blind, einer ungestüm zerstörenden Naturkraft gleich, Alles, was ihn auf seinem triebhaft gewählten Weg hemmen könnte, zu vernichten strebt. Es ist die mania sine delirio, von der Schopenhauer, Ibsens Lehrmeister, sagt: »Der so losgelassene Wille gleicht dann dem Strom, der den Damm durchbrochen, dem Roß, das den Reiter abgeworfen hat, der Uhr, aus der die hemmenden Schrauben herausgenommen sind.« Um konventionelle Beziehungen hat Irene sich auch früher nicht gekümmert, so wenig wie Hilde Wangel und der fischäugige Versucher der Frau vom Meere, und es ist nur natürlich, daß Rubeks Ehe für sie nicht besteht. Jetzt aber ist ihr jede reflektive Erkenntnis geschwunden und nur die intuitive geblieben. Sie kann, was sie sieht, begreifen; Vergangenes aber und Zukünftiges umschleiert ihr dichter Nebel. Sie fühlt sich erniedert durch den Kuß schmatzender Lippen, dem sie sich doch entrang. Die Statue, zu der sie den Leib lieh, wird ihr zu einem Kinde, das sie Rubek gebar und das der unzärtliche Vater nun grausam verunstaltet hat. Sie glaubt, dieses Kind immer geliebt und nur den Künstler gehaßt zu haben, der nicht Vater sein wollte. Jedes ihr unhold klingende Wort will sie mit einem Stich ihres dünnen Messerchens strafen. Sie, sie ganz allein hat für das Marmorbild Alles getan, ihm Leib und Seele geopfert, und weil er sie von sich ließ, kann dem Bildhauer nie mehr ein großes Werk gelingen. Und so mächtig ist die suggestive Kraft solcher Willenshysterie, daß Rubek wirklich glaubt, der Jugendgehilfin danke er Alles und ohne sie sei er zu friedloser, freudloser Stümperschwäche verdammt.

Und ist es im Grunde nicht so? Kann Einem, der den eigensinnigen Glauben an sein Ideal, an die Bedeutung seiner Aufgabe verlor und der nur die Tierheit satirisch nachbilden mag, noch Großes gelingen?

Rubek möchte die Wiedergefundene halten. Frau Maja? Die würde sich nicht lange bitten lassen. Sie hat den Ästheten gründlich satt, der sie von oben herab behandelt und ihr jeden Tag sagt, daß sie nicht zu ihm passe. Früher hat er ihr von seinen Menschenbefreierplänen erzählt; nun möchte sie auch frei sein, frei wie ein Vogel, frei wie Nora, der gepeinigte Singvogel, der aus dem Bauer schlüpft. Und außerdem: unter die Kranken ist ein Scheingesunder getreten, ein derber Jäger und Kraftrenommist, der im Essen und Trinken Übermenschliches leistet und allerliebst sentimental wird, wenn er erzählt, wie eine kleine Kröte ihm Hörner aufgesetzt hat. Dabei gibt er sich für einen großen Schürzenräuber aus und macht der in einer schlechten Ehe Entpflichteten ganz frech den Hof. In dem Kerl steckt Willenskraft; er ist kein nervöser Künstler; mit Dem muß sichs leben lassen. Ist Frau Fauna nicht eine Base der römischen Maja? Frau Fauna sehnt sich nach ihrem Faun. Der Bärenjäger hat gewiß einen zottigen Leib. Und als er mit verheißendem Grinsen winkt, klettert sie mit ihm in die Berge. Der Herr Gemahl hat nichts dagegen.

Oben, bei einem Hochgebirgssanatorium, wo die Siechen sich reine Luft in die Lungen pumpen, treffen sich die beiden Paare. Der Ehering springt entzwei und die Freude ist groß, daß man sich nun wieder frei regen kann. Maja läuft zu ihrem Bärentöter. Und Rubek will, statt sich noch länger in einer naßkalten Höhle mit Thonklumpen und Steinblöcken zu plagen, sein Leben künftig zu einem schönen, sonnenhaften Kunstwerk gestalten. Er will; aber sein Wille ist flügellahm und er bleibt immer nur seines Glückes Dichter: er kann es träumen, nicht schaffen. Dichter: so nennt ihn Irene und legt in das Wort die selbe Verachtung, mit der Borkman von des alten Kanzleisinnirers Dichtergeschwätz sprach. Der Dichter entmannte sich selbst; Weh dem Weib, das Leib und Glut einem Dichter gab und nicht tausendmal lieber einem tüchtigen Mann gesunde Kinder gebar! Was kann solchem Weib das verlorene Leben noch bieten? Nicht mehr als flüchtigen Rausch, wie die Braut von Korinth ihn in der Kammer des Liebsten fand. Der alte Dichter kann mit seinem Ideal spielen, kann sich ihm in klarer Sommernacht auf einem Hochwaldgipfel symbolisch vermählen; aber zu befreiender, beglückender Tat rüstet sich nimmer sein Wille. Eine steinerne Auferstehung konnte er wirken: am Nächsten und an sich selbst gelingt ihm das Wunder der Auferstehung nicht. Er hat sein Leben verscherzt, sein Glück seiner Aufgabe, die Willenskraft dem Erkenntnistrieb geopfert. Und auch die stolzeste Verkörperung seiner verwegensten Wünsche ist nun zerbrochen, mürb und müde von der Wanderung durch eine feindliche Welt; hinter ihr schleicht unhörbar die Diakonissin mit dem stechenden Blick, die ihr schon das Wort und den Begriff Sünde angewöhnt hat und ins hellste Sonnenlicht einen schwarzen Schatten wirft. Irene mag den Freund höher und höher locken: auf der Spitze des grünen Berges erstarrt ihr Fuß in körnigem Eis und nicht der Mann, nicht die Frau hat noch den heißen Atem, der den Gletschernebel erwärmen könnte. Frau Maja findet mit ihrem Jägersmann vom Fels zur rechten Zeit den rettenden Pfad in das Tal. Das verstiegene Paar aber reißt eine Lawine von der Höhe, auf der es sich nicht halten konnte, und begräbt die Toten, die noch einmal erwachen wollten, im Schnee. Die von der Wächterpflicht befreite Diakonissin kreuzigt sich und ruft ihnen nach: Pax vobiscum!


Eine Lawine hatte auch Brand von der Höhe geweht und über sein Grab hin hatte die Stimme des deus caritatis gehallt. »Brand ist mißdeutet worden«, hat Ibsen damals gesagt; »es war nur Zufall, daß ich das Problem ins Religiöse verlegte. Ich könnte den ganzen Syllogismus eben so gut über einen Bildhauer oder Politiker machen wie über einen Priester.« Das Werk, das er dreißig Jahre später schuf, nannte er selbst einen dramatischen Epilog. Der Name deutet schon an, daß wir nicht einfache, sinnlich wahrnehmbare Menschengestalten erwarten und uns nicht wundern dürfen, wenn wir ins Eisland der Abstraktionen gelangen. Wir werden auf die nach Schopenhauers Ästhetik höchste und schwierigste Stufe des Tragischen geführt, von der aus wir das schwere Leiden, die Not des Lebens erkennen sollen: »Wir werden tief erschüttert und die Abwendung des Willens vom Leben wird in uns angeregt, entweder direkt oder als mitklingender harmonischer Ton.« Der Dichter nimmt sein altes Thema wieder auf und schreibt als ein Siebenzigjähriger seinem Werke die abstrahirende Nachrede. Sie ist nicht leicht zu enträtseln, nicht leichter als Goethes zweites Faustgedicht, und der Hörer muß das Ohr spitzen, um diesem »Dialog zweiten Grades«, wie Maeterlinck Ibsens Greisensprache genannt hat, über Klüfte und Schleichwege folgen zu können. Durch den Nebel aber klingt Dem, der fein hören kann, ganz deutlich Brendels, des bankeroten Idealisten, Stimme: Wenn Ihr glücklich sein wollt, glücklich im Sinn der Scheinwelt der alten Frau Maja, dann müßt Ihr das Leben ohne Ideale leben und nie mehr wollen, als Ihr könnt. Das ist das große Geheimnis des Handelns und Siegens. Strebt Ihr aber hinauf zu den Berggipfeln, wo der Versucher umgeht, dann waffnet Euch früh mit einem Willen, dem das Höhenklima nichts anhaben kann, und merkt es Euch: Velle non discitur! Kein schlimmeres Los als des Menschen, der sich auf der Höhe seiner Weltanschauung nicht zu halten vermag ... Kein schlimmeres Los? Ist der Bärentöter mit seiner Maja, sind Männchen und Weibchen wirklich so sehr zu beneiden? Ist ein hoch oben verlebter Augenblick nicht mehr wert als das Alltagsleben im Tal? Der Gott der Starken ist barmherzig. Er öffnet dem in des Strebens schwerster Mühe Gefallenen weit die Tore des Vaterhauses und zürnt Denen nicht, die alle Herrlichkeiten der Welt sehen wollten. Wer weiß? Eines hellen Morgens sendet er wieder Einen, der seine Lehre lebt, die Wilde Jagd der Gespenster verscheucht und aus ihren modisch ausgestatteten Gräbern eine schlummernde Menschheit zu neuem Leben erweckt.


 << zurück weiter >>