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Stoecker.

Im Frühjahr 1875 ging durch die Reihen der Andächtigen, die im alten Dom an der Spree sich festtägliche Erbauung suchten, ein unruhiges Staunen. Sie waren an eine feierliche Kanzelberedsamkeit gewöhnt, an den strengen Pomp und die getragene Würde eines kunstvollen Theologenpathos, in dessen schwingenden Orgelton kein profaner Laut schrill hineinklingen durfte; sie hatten, wenn hinter ihnen die gepolsterten Türen sich schlossen, den Lärm und das Hasten des Alltages vergessen und bis zum Ende des Gottesdienstes nur in dem reinen Reich gelebt, das nicht von dieser Welt ist. Nun erklang eine fremde Weise; nun wurde mit derbem Griff die Schranke weggerückt, die so lange die Weihesphäre der Gottesverkündung von der gemeinen Wirklichkeit geschieden hatte. Der neue Hofprediger, dessen untersetzte Gestalt im Talar straffer und höher erschien, sprach nicht; nur von der Heiligen Schrift, von der Paradiesesseligkeit und der rechten göttlichen Hilfe: er sprach auch von den Freuden und Leiden des täglichen Lebens, den kleinen und kleinsten, sprach davon wie ein geprüfter Mann, der sie selbst erlebt und erlitten hat, mit einer volksthümlichen Kraft und Eindringlichkeit, die rasch und sicher den Weg in enge Intelligenzen fand. Wichern und Ahlfeld schienen in der Hofkirche wieder lebendig geworden zu sein; aber ein besonderer Reiz ging noch von dem Redner aus: die Macht eines starken Temperamentes. Wenn dieser ausdrucksvolle Kopf, den leider kein gutes Auge freundlich erhellte, in heftiger Erregung zuckte, dann zündeten die Blitze gleich auch in den Hörermassen und ein inbrünstiger Fanatismus wirbelte auf, daß man sich nicht mehr in der nüchternen Nicolaitenstadt glaubte, sondern bei den fränkischen Kreuzfahrern, die einst zu der heldischen Heilsthat der Ruf entflammte: Gott will es! Und einen Kreuzzug schien der neue Hofprediger wirklich zu sinnen, den Kreuzzug gegen die sündige Hauptstadt, die sein flackernder Blick wohl wie das babylonische Weib aus der Offenbarung Johannis sah. Herr Christan Adolf Stoecker war kein weltfremder Diener am Wort; er hatte von Europa ein stattliches Stück kennen gelernt, hatte die Schweiz und Italien bereist, den Norden und den Süden des deutschen Landes durchstreift, war in Kurland Hauslehrer und in Metz Soldatenpfarrer gewesen und mit neununddreißig Jahren als Hofprediger nach Berlin berufen worden. Die Hauptstadt des neuen Reiches mochte er sich anders vorgestellt haben, als er sie fand, und der Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit, der die Dichter weckt, hat hier vielleicht aus der Gelassenheit des Geistlichen den Agitator aufgerüttelt. Es war die Zeit des Kraches. Ein schwärzliches Gewimmel von Bankdieben bedeckte weithin die Strecke, den überlebenden Spekulanten war der Schrecken ins schlotternde Gebein gefahren und die Allgemeinstimmung, wie es so hübsch immer in den Börsenberichten heißt, war recht katzenjämmerlich. Aber die Kapitalistenmoral, die den Darwin sich ins bequeme Bankenvolapük übersetzt hat, lebte noch munter fort, Freihandel, Freizügigkeit und Gewerbefreiheit schienen das letzte Wort wirtschaftlicher Weisheit und die Goldwährung sollte den internationalen Schlittenpartien des mobilen Kapitals leise die Wege ebnen. In der Politik gab Herr Bamberger den Ton an, in der Literatur Herr Lindau, die Presse lenkte sacht in die Bahnen des Börsencouriers ein. Jeder Gebildete, der auf sich hielt, war ein stolzer Materialist, höhnte die Pfaffen und Mucker, ließ Gott einen guten Mann sein und fürchtete sich weder vor Hölle noch Teufel. Die Ehrfurcht, die Goethe als den letzten Zweck aller sittlichen Erziehung preist, war diesem Händlervolk längst verloren gegangen oder grüßte huldigend doch nur noch den baren, blanken Besitz, ohne nach seiner Herkunft ängstlich zu fragen, und es galt fast schon als ein Zeichen rückständiger Gesinnung, deutsch zu empfinden oder gar fromm zu sein. In dieses neue Berlin, dessen öffentlichstes Leben, ehe seit der Begründung des Deutschen Reiches noch ein Lustrum verstrichen war, sich beinahe völlig entdeutscht hatte, trat nun Stoecker. Ists ein Wunder, daß es ihm nicht gefiel, daß er es zu hassen begann, mit dem heißen Zorn eines protestantischen und borussischen Jeremias? Und da er den bösen Geist besonders häufig in Leuten verkörpert sah, die sehr schwarzes Haar und sehr gebogene Nasen hatten: ists ein Wunder, daß diese Leute ihm ganz besonders gefährlich erschienen? Er verstand nicht, daß in dem ältesten Händlervolk die typischen Merkmale des Zwischenhändlergeistes sich früher und deutlicher zeigen mußten als in dem Wirthsvolk, dem Seßhaftigkeit und Grundeigenthum, kriegerische und feudale Gewohnheiten das Gewissen stärkten, und er sah die nahe Zeit nicht voraus, wo zwischen jüdischen und christlichen Mobilkapitalisten der Unterschied kaum noch zu merken sein würde. Von den Juden schien alles Unheil zu stammen: der überschwemmende Einfluß der Juden mußte mit Deich und Damm verhindert werden. Kampf ohne Erbarmen. Der neue Hofprediger wurde Antisemit.

Das war ein Beweis von Kurzsichtigkeit, ganz sicher aber auch ein Beweis von Muth. Denn die liberale Presse, die einzige, die damals mächtig war, hatte rechtzeitig eingesehen, daß der Geist, der unter dem Namen der Judenheit bekämpft wurde, der Geist des Liberalismus der zweiten Epoche war, des Liberalismus, der nicht mehr für politische Freiheiten und Volksrechte focht, sondern für Sankt Manchester und für die Herrlichkeiten des Händlerparadieses, und sie waffnete sich eilig deshalb, auch wo sie von arischen Christen geleitet war, gegen den hitzig vorwärts drängenden Feind. Das Preßgewerbe war längst ein großkapitalistisches Unternehmen geworden, eine politische Zeitung war der Vorwand zu einträglichen Annoncengeschäften und von Großkapitalisten, die, als die im Kampf ums bourgeoise Dasein Tauglichsten, fast immer schlauer als ihre Gegner sind, war nicht zu erwarten, daß sie in einem Krieg, dessen letztes Ziel der mammonistische Geist war, ihre Schreiberheere neutralisiren würden. Wer sich offen als Antisemiten bekannte, Der mußte (und muß noch heute) darauf gefaßt sein, für vogelfrei erklärt zu werden; er mag noch so große Verdienste haben, in seinem Fach noch so bedeutend sein: er wird geächtet, wird zum Auswurf der Menschheit gerechnet; Lagarde und Dühring, Treitschke und Wagner können davon erzählen. Man sollte meinen, der Kampf gegen den Semitismus wäre, wenn er aus Ueberzeugung geführt wird, an und für sich nicht verächtlicher als der Kampf gegen Katholizismus, Kapitalismus, Junkerthum und Sozialismus; aber die liberale Presse will von solcher Unbefangenheit nichts hören, sie schleudert Jeden, der sich gegen Israel erhebt, in den Pfuhl scheusäliger Sünder und ist dann in ihrer Thorheit noch zum Frohlocken bereit, wenn die Führung in diesem Kampf mehr und mehr unsauberen Persönlichkeiten zufällt, die nichts zu verlieren haben und denen kein Bannstrahl deshalb schaden kann. Diese Taktik darf man thöricht nennen; es ist begreiflich, daß rechtschaffene und reinliche Juden, deren Zahl ja nicht gering ist, sich leidenschaftlich gegen den Kollektivhaß auflehnen, der ihnen ein geliebtes Vaterland bestreiten will; aber man leistet ihnen einen schlechten Dienst, wenn man diesen Haß, statt ihn als unbegründet und kurzsichtig zu erweisen, von vorn herein wie die erbärmlichste Ruchlosigkeit mit dem Schandmahl versieht. Warum soll man nicht ruhig darüber reden, wie über andere soziale Erscheinungen? Diese Taktik hat zu den Triumphen des Herrn Ahlwardt und zur Vergottung des starken Lueger geführt; sie hat auch Stoecker vielleicht weiter getrieben, als er eigentlich gehen wollte. Er hatte zuerst nur die Auswüchse des jüdischen Geistes bekämpft, in ziemlich ruhiger Tonart; das große Kesseltreiben, das gegen ihn begann, hetzte ihn in immer wilderen Haß hinein: er wurde ungerecht, vergaß die gewaltigen Anregungen, die das Volk des Buches der Menschheit gegeben hat, und bedachte nicht, daß er die stärksten Waffen von dem Juden Lassalle und von Stahl entlehnt hatte, der bis in sein achtzehntes Lebensjahr auch ein Jude gewesen war. Er wurde ungerecht, – und war und blieb doch ein Prediger, der vor allen Anderen gerecht und wahrhaftig sein sollte. Das war sein erster Fehler; und in diese sterbliche Stelle bohrte die Wuth der Gekränkten seitdem ohne Ermatten den Dolch.

Wer Zeitungen liest, könnte glauben, Stoecker habe sein Leben lang sich nur mit grausamer Judenhetze beschäftigt und sei ein kleiner Kneipendemagoge gewesen. Das ist eine läppische Fälschung, ist eine von hundert Fälschungen, die zwei Jahrzehnte lang diesen außerordentlich begabten Mann verfolgt und zu immer skrupelloseren Kampfarten gezwungen haben. Stoecker hat die evangelisch-soziale Bewegung möglich gemacht: Das ist sein unvergängliches Verdienst; und dieses Verdienst bleibt groß und geschichtlich bedeutsam, obwohl der christlich-soziale Gedanke nicht dem Hirn des berliner Hofpredigers entsprungen war. Es war ein katholischer Gedanke. Bossuet, der nicht nur der in Demuth ersterbende Bewunderer des Sonnenkönigs, sondern auch ein Mann von sehr starkem sozialen Empfinden war, hatte ihm in seinen Predigten beredte Worte geliehen, Saint-Simon hatte laut vom Papst Hilfe und Schutz für die Armen und Elenden erfleht, La Mennais, der stürmende Bretone, hatte einen demokratisch-sozialen Katholizismus erträumt und seit dieser Zeit, von Lacordaire und Veuillot bis zum Herrn de Mun, hat es nie an Versuchen gefehlt, Roms gewaltige Macht für eine christliche Sozialreform zu gewinnen. Auch die katholische Wissenschaft war nicht müßig gewesen. Um die Mitte unseres Jahrhunderts erschien das berühmte Buch des Philosophen Francois Huet über das soziale Reich des Christenthums, zehn Jahre später rief Döllinger die katholischen Vereine zur Beschäftigung mit der sozialen Frage auf, der Bischof Ketteler veröffentlichte sein Buch über die Arbeiterfrage, das die lassallischen Produktivgenossenschaften empfahl, christlich-soziale Vereine und Zeitungen wurden ringsum gegründet und der Domkapitular Moufang entwarf, unter Kettelers Einfluß, ein vollständiges katholisch-soziales Programm. Alle diese Männer erkannten, daß auf dem Wege mitleidlosen Gewährenlassens ein Fortschreiten unmöglich war, daß die Selbsthilfe und das freie Spiel der Kräfte versagten und daß wirtschaftliche Fährlichkeiten heraufkamen, neben denen die formalpolitischen Fragen winzig und ernster Betrachtung unwerth erscheinen mußten. Gegen die liberale Weltanschauung hat selbst Bismarck niemals besser als Ketteler gesprochen und aus dem Buch des Bischofs von Mainz konnte der Freiherr von Stumm dem Deutschen Reichstag die fürchterlichsten Stellen vorlesen. In diese Stimmung der katholischen Geistlichen schlugen prasselnd die Maigesetze ein: und nun schien es, als sollte Cavours ahnendes Wort Wahrheit werden, das ein Bündniß des Ultramontanismus mit dem Sozialismus vorausgesagt hatte; denn Centrum und Sozialdemokratie marschirten bald darauf vereint in die Wahlschlacht. Und nun wurde es auch unter den protestantischen Geistlichen lebendig. Der Krach hatte die Aermsten noch ärmer gemacht und die Arbeitgelegenheiten verringert, die Sozialdemokratie war rasch erstarkt und hatte am zehnten Januar 1877 fast eine Million Stimmen erhalten, Hödels und Nobilings Attentate auf den alten Kaiser hatten heiße Empörung, aber auch bußfertige Trauer geweckt und die Entscheidung über das Sozialistengesetz stand bevor. Sollte die Römische Kirche den deutschen Arbeitern als Hort ihrer Freiheit erscheinen? Sollte der Protestantismus kühl und gleichgiltig den Kämpfen zusehen, die ein eben geeintes Volk zu zerreißen drohten? Nimmermehr! Damals schritt Stoecker furchtlos, fast tollkühn voran. Er ging über Wicherns Wege hinaus, weil er einsah, daß die Innere Mission und die Assoziation der Hilfebedürftigen dem Anspruch einer neuen Zeit nicht mehr genügten, und weil er den Staat selbst, das Königthum und die Regirung, zur Rettung herbeirufen wollte. Er nannte Jesus den Proletarierkönig, hieß die Bibel ein Arbeiterbuch und wagte, unter dem Toben und Heulen der sozialdemokratischen Massen, Den zu bekennen, der den Armen einst das Evangelium, die frohe Botschaft verkündet hatte.

Das war Stoeckers größte Zeit; doch es war vielleicht auch die Zeit seiner schwersten Kämpfe. In den Versammlungen mußte er sich mit dem wüsten Hans Most und dessen Gesellen herumbalgen, in der liberalen Presse wurde unermüdlich gegen ihn der Feldzug geführt. Ein Prediger, der in den Eiskeller ging und aufreizende Reden hielt, ein Hofprediger, der nicht seine heiligste Aufgabe darin sah, jede Form des Besitzes zu schützen: Das war nicht zu dulden. Die Sozialisten im Talar, hieß es, sind noch schlimmer als die Sozialisten in der Blouse; und gegen den Muckersozialismus wurde auf der ganzen Linie mobil gemacht. Dabei war das besondere Talent des deutschen Liberalismus thätig, der es immer verstanden hat, sich alle bedeutenden Kräfte der Zeit zu verfeinden; aber es kam noch ein Anderes hinzu: nicht nur die Angst vor einer antikapitalistischen Bewegung, sondern auch die ärgere Furcht vor einer Stärkung der Kirchenmacht. Die Kirche war ja tot, auf ihrem Grabe erhob sich der stolze Prunkpalast des Materialismus und die Pfaffen litt man höchstens noch als unschädliche Trostspender für alte Weiber; und nun wollte ein Pfaffe ins Volk gehen, aus der Berührung mit dem Volk seinem Glauben neue Kraft gewinnen und den berufenen Politikern ins Handwerk pfuschen? Da lauerte eine Gefahr; und deshalb wurde es nöthig, den Schädling, ehe es zu spät war, auszujäten. Alle Vorwürfe, die damals gegen Stoecker geschleudert wurden, sind gegenstandlos. Er wollte, wie er im Jahr 1894 schrieb, den christlichen Glauben auf die soziale Welt anwenden und die soziale Welt mit dem christlichen Glauben erfüllen; dieser hohen Aufgabe braucht selbst ein Prediger des Herrn sich nicht zu schämen. Und Stoecker trat nicht wie ein thörichter Knabe an seine Arbeit heran; er wußte genau, was er wollte, was möglich und erreichbar war, und sein christlich-soziales Programm vom Jahr 1878 beweist, wenn es auch von Rodbertus und Rudolf Meyer wichtige Theile entlieh, doch heute noch, wie unendlich er an Einsicht und an Kenntnis der Volksbedürfnisse dem landläufigen Liberalismus überlegen war. Er fand, namentlich unter der Jugend und bei den Handwerkern, die noch an eine Wiedereroberung des Goldenen Bodens glaubten, eine begeisterte Anhängerschaar, aber er wurde auch von Mosts und Richters Gemeinde mit unbarmherziger, mit manchmal beinahe wahnwitziger Wuth angefeindet, offen und heimlich, mit jeder Waffe, die für den Augenblick wirksam schien. Das Vollbringen dieses Mannes, der ganz allein (denn der Pastor Todt war kein ausdauernder Kämpfer) das Riesenwerk unternahm, eine Millionenstadt zu bekehren, die Reichen aus trägem Schlummer zu reißen und die gewaltthätige Stimmung der Armen zu mildern, müßte uns heute groß erscheinen, wenn hinter dem starken Willen, der es vermochte, auch ein starkes Herz zu spüren wäre. Ein starkes und gütiges Herz aber war Stoecker nicht. Man thut ihm wohl nicht Unrecht, wenn man sagt, daß ihn nicht die Liebe geleitet hat, die Liebe zu den Geringsten im Volk, sondern der Wille zur Macht. Er sah die Kirche bedroht und verlassen, deren Diener er war, sah den Einfluß des Römerthumes wachsen und fühlte, wie ringsum der Atheismus das Erdreich untergrub; er wollte die Arbeiterklasse dem Glauben zurückgewinnen, mit ihr vereint den Liberalismus ausroden und die Kirchengewalt auf den festen Fels des sozialen Königthumes gründen; deshalb unternahm er den Feldzug für Thron und Altar: der Thron sollte den Altar sichern, aber der Altar sollte um ein paar Stufen höher sein als der Thron. Wäre der christlich-soziale Gedanke ihm mehr gewesen als Mittel zum Zweck, dann hätte er ihn nicht mit allerlei hierarchischen Forderungen bepackt, nicht so eigensinnig an jedem Punkt und Pünktchen des positiven Bekenntnisses festgehalten. Stoecker war in erster Reihe immer der streitbare Kirchenmann, den weichmüthige Wallungen nicht übermannten; er wollte seiner Kirche in der Zeitlichkeit ihren alten Glanz zurückerobern, – seiner Kirche, die nicht um eine Haaresbreite verändert und im Aussehen modernisirt werden durfte. Alles oder nichts: Das war seine Losung; und jeder Weg war ihm willkommen, auf dem Alles erreicht werden konnte. Deshalb trat, als er vor der zuchtlosen Demokratie das Schaudern zu empfinden begann, der christlich-soziale Gedanke in ihm mehr und mehr zurück; deshalb berauschte er sich an Hubers Hoffnung, es könne gelingen, den vorrevolutionären Staatskörper noch einmal lebendig zu machen, und schwelgte in Stahls Wort von der Solidarität aller konservativen Interessen; deshalb machte der Hofprediger (klug genug, nicht klug zu sein) in seinem Leben den zweiten Fehler: er wurde Berufspolitiker und Mitglied der Konservativen Partei.

Dieser Fehler brachte weder der alten Partei noch dem neuen Mitglied Gewinn. Die Konservativen, die eine Partei der Grundbesitzer und Bauern sind, brauchen im Kampf um ihre agrarischen Interessen heute alle Kräfte, sie können außer dem Händlerhaß nicht auch noch die Feindschaft freier Geister gegen die Orthodoxie ertragen und dürfen an den ewig nutzlosen Versuch, Abgestorbenes zu neuem Leben zu wecken, nicht kostbare Zeit verzetteln. Der Hofprediger wurde ihnen ein guter Agitator und ein schlagfertiger Redner; aber seine Persönlichkeit und die Stärkung, die er dem starren Dogmatismus und dem Antisemitismus verlieh, haben den agrarischen Forderungen den leidenschaftlichen Haß zugezogen, der sie so lange umheulte. Die Kunst der Konservativen, alle neuen Strömungen, die ihnen gefährlich werden könnten, geschickt in ihre Kanäle zu leiten, ist nicht zu unterschätzen; aber es ist doch fraglich, ob sie gut daran thaten, um Stoecker zu werben. Er hat ihnen die christlich-soziale und die antisemitische Bewegung für ein paar Jahre unschädlich gemacht, aber er war dann in ihren Reihen der Schwarze Mann, der die Agrarier aus anderen Parteien zurückschreckte; auch solche, die mit den Grafen Kanitz und Mirbach sich leicht verständigen konnten. Noch schlimmer war die Wirkung für Stoecker selbst. Er mußte nun zwei Gesichter zeigen, zwei verschiedene Tonarten in Bereitschaft halten: eine für die Christlich-Sozialen und eine andere für die Konservativen; dort wollte man von sozialen Reformen, und nicht von zimperlichen, hören, hier von Autorität, von Ordnung und strenger Zucht. Der Stoecker der Evangelisch-Sozialen Kongresse sah dem Abgeordneten, der im Namen der Konservativen Partei das Wort führte, gar nicht ähnlich. Stoecker war stark genug, um allein bleiben zu können; nur der Mann, der allein steht, kann immer, gegen Freund und Feind, ehrlich und wahrhaftig sein, ohne sich um taktische Kniffe und Pfiffe zu kümmern. So lange Stoecker allein stand, war er eine einheitliche Erscheinung, der, trotz ihrer Begrenztheit und ihren Mängeln, der unbefangene Betrachter fast Etwas wie Bewunderung zollen mußte. Als er Berufspolitiker und konservativer Parteimann wurde, mußte er hier vertuschen und da verschweigen, bald Rücksichten nehmen und bald unsaubere Hände drücken; mit der stolzen Losung »Alles oder nichts« war es nun vorbei und die Zeit schwächlicher Kompromisse brach an, Dahin hatte der Wille zur Macht ihn geführt. Als ob Macht nicht auch aus der Einsamkeit einer stillen Schreibstube zu erwerben wäre; als ob die drei Männer, die durch den Gedanken auf unser Jahrhundert den mächtigsten Einfluß geübt haben, Hegel, Darwin und Marx, bei Parteien Unterschlupf und Hilfe gesucht hätten! Die Parteipolitik verdirbt wirklich, nach Freytags Wort, den Charakter; und sie lähmt auch die Kraft. Der Abgeordnete Stoecker war nicht mehr der starke Mann, der 1878 im Eiskeller zu den berliner Arbeitern gesprochen hatte: er war ein pfiffiger Taktiker geworden, – und war doch ein Prediger geblieben, der vor allen Anderen gerecht und wahrhaftig sein sollte.

Man muß sich dieser Entwickelung erinnern, wenn man verstehen will, was im Herbst i895 ans Licht kam. Den Freiherrn von Hammerstein, dessen Lüderlichkeit seit Jahren bekannt war, nannte der Hofprediger seinen Freund; er brauchte den allmächtigen Beherrscher der Kreuzzeitung und die Taktik gebot dem Politiker das Schweigen. Der Freiherr von Hammerstein hat betrogen, unterschlagen, Wechsel gefälscht und zuletzt, um würdig zu vollenden, die Privatbriefe seiner Parteigenossen verschachert. Keine Kolportagephantasie kann einen ärgeren Heuchelwicht ausdenken; und Stoecker, der den Mann ganz kennen mußte, Stoecker, der jedem kleinsten Bankbanditen Schandsäulen errichtete, schwieg und fand auch später noch höchstens leise Töne wehmüthiger Trauer über den schmerzlichen Fall: denn die Parteitaktik verbot ja, daß von der Sache viel geredet werde. Es war dumm und unanständig, wenn so gethan wurde, als stehe Stoecker mit Hammerstein auf einer Stufe; Stoecker hat nichts verbrochen, was ihn als Menschen der Achtung unwürdig machen könnte; er hat genau so gehandelt, wie gut disziplinirte Parteimänner immer handeln. Im Jahr 1888 wünschte er Bismarcks Entlassung; diesen Wunsch barg er, als kluger Mann, in des Busens Tiefe und suchte, mit Hammersteins Hilfe, zwischen dem jungen Monarchen und dem alten Kanzler Zwietracht zu säen, ohne daß der Kaiser die Absicht bemerken konnte. Die Epistel, die man den Scheiterhaufenbrief nennt, zeigt ihn als Meister der Taktik, vielleicht auch als Meister der Psychologie, und wenn Jemand ihm gesagt hätte, es wäre doch schöner gewesen, offen damals auszusprechen, daß ihm die Politik Bismarcks unheilvoll und verderblich erscheine, dann hätte er den naiven Narren ausgelacht, der noch in dem Wahn lebte, moralische Bedenken könnten in der Politik, in der hohen und großen, maßgebend sein. Der Politiker hatte Recht und konnte ruhig in der Konservativen Partei bleiben, wenn sie, die angeblich doch auf die bismärckische Allweisheit schwört, ihn noch haben wollte; das Predigtamt aber, das von seinem Verwalter die lauterste Wahrhaftigkeit fordert, und die Aufgabe, in der sozialen Wirklichkeit die christlichen Lebensmächte zur Geltung zu bringen, mußte er dann Anderen überlassen, die es noch nicht zu seiner taktischen Meisterschaft gebracht hatten. Stoecker wollte nicht vom Platz weichen. Er war im Dezember 1835 geboren und ein reiches Leben lag hinter ihm, ein Leben, das Kampf war und Sieg und starkes Vollbringen, ein Leben voll guter Thaten und schlimmer Irrungen, nach sterblicher Menschen Art. Er hatte alle Beschwerden gesund überstanden, sein zäher Körper trotzte jedem Ungemach und keine Aufregung focht ihn an: er fuhr die Nacht durch, sprach zweimal an einem Tage, las fünfzig Fälschungen seiner Reden, war dabei kreuzvergnügt, aß und trank und verdaute wie ein robuster Bauer und schlief den Schlaf des Gerechten. Ein Mann, der Das auszuhalten vermag, ist nicht verbraucht und kann dem Vaterlande noch nützen. Denen, die, ohne seine Meinungen zu theilen, doch seine Kraft schätzten, konnte er die Bitte nicht verübeln: er möge wählen, ob er ein politischer Geschäftsmann bleiben oder, nach reuigem Bekenntniß eines Irrthumes, zu dem besten Werk seines Lebens zurückkehren und im sozialen Kampf noch einmal der Künder christlichen Empfindens werden wolle.

Diesen Sätzen, die vor dreizehn Jahren geschrieben wurden (und deren jugendlich hitzige Tonart ich heute nicht dämpfen mag), war später, nach Stoeckers Tod, nichts Wesentliches hinzuzufügen. Der Bauernsohn ist noch lange rüstig geblieben, hat noch manche wirksame Rede gehalten und sich für die Sache, die ihn gut dünkte, agitatorisch bemüht. Mählich aber erblich sein Stern, die Massen entglitten ihm und den adeligen Freunden war er ein Bischen unbequem, seit er die Hofgunst verloren hatte. Der alte Kaiser hatte ihn nicht geliebt; fand ihn für einen Prediger nicht leis und mild genug, meinte aber, »das Spektakel sei nützlich, um die Juden etwas bescheidener zu machen«. Der junge Kaiser war zunächst bis zur Schwärmerei von ihm eingenommen, pries ihn sogar einer klugen Jüdin, in deren Haus er gern einkehrte, wurde dann aber von Stumm und Genossen gegen ihn gestimmt und schrieb im Februar 1896 an Hinzpeter: »Stoecker hat geendigt, wie ich es vor Jahren vorausgesagt habe. Politische Pastoren sind ein Unding. Wer Christ ist, Der ist auch ›sozial‹. Christlich-Sozial ist Unsinn und führt zu Selbstüberhebung und Unduldsamkeit, Beides dem Christenthum schnurstracks zuwiderlaufend. Die Herren Pastoren sollen sich um die Seelen ihrer Gemeinde kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiele lassen, dieweil sie Das gar nichts angeht.« Das sollte fritzisch klingen; klang aber nicht ganz so. Stoecker hatte noch nicht »geendigt«; hatte sich entschlossen, aus dem Elferausschuß der Konservativen, dann auch aus der Partei zu scheiden, war als Organisator und Stadtmissionar mindestens in Berlin aber eine Macht geblieben. Seit er von oben geächtet war, wurde das Wirken ihm freilich schwer. Sein ungütiges Antlitz blickte vergrämt und verbittert drein. Vor Sterblichen hat dieser allzu Sterbliche sich nie geduckt. Ein liebenswerther Mensch schien er dem Fernen nicht. Aber ein muthiger Mann, der lieber vervehmt durchs Leben schreiten als mit den Bebänderten um die Wette im Staub kriechen wollte. Kein fleckloser Priester. Aber ein Mann.


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