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6. Kapitel

Der auf die Orgelborner Kirmes folgende Tag hatte für die Bopparder nie zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehört, aber dieses Mal lastete ein Katzenjammer, oder wie man es mit einem milden Ausdruck nannte: ein Hauptweh über der Stadt, woraus man ohne Schwierigkeit eine Aschermittwochstimmung hätte bereiten können, die für das ganze Erzstift und für den Bedarf von sieben Jahren ausgereicht haben würde.

Es war nicht nur der im Übermaß genossene Wein, dem man dieses Hauptweh verdankte, sondern auch die Reue darüber, daß man dem Kurfürsten einen Possen gespielt hatte, für den er, wie auch der Streithandel schließlich enden mochte, gewiß Rache nehmen würde, vor allem aber war es das drückende Gefühl, dem alten Herrn, mit dem die Bürger gestern wie mit ihresgleichen verkehrt hatten, und dessen Huld und Leutseligkeit sie nicht genug rühmen konnten, nun wieder als einem Todfeinde gegenübertreten zu müssen.

Johann der Zweite fand sich an diesem Dienstagmorgen in einer ähnlichen Stimmung. Er war vom Kriegführen kein Freund, noch weniger vom erfolglosen Kriegführen. Er hatte seine Bopparder schonen und sich darauf beschränken wollen, sie durch Aushungern zur Übergabe der Stadt und zur Gefügigkeit zu zwingen, und nun war ihm kund geworden, daß sie im Überflüsse schwelgten! Bei der Kollation aus dem hohen Kloster hatte er von der Äbtissin zu erfahren gesucht, wie es mit den Viehvorräten in der Stadt stünde, aber die Domina, der der Anlaß willkommen gewesen war, den Kurfürsten ihren Unmut darüber fühlen zu lassen, daß man sich ihrer nicht als einer Vermittlerin bedient hatte, war allen Fragen geschickt ausgewichen, und so mußte sich der alte Herr denn mit dem begnügen, was ihm die Bopparder durch ihre dreifache Opfergabe symbolisch anzudeuten für gut befunden hatten.

Er hätte die Belagerung am liebsten abgebrochen und wäre mit dem Bewußtsein, daß Milde und Nachsicht einem geistlichen Fürsten zu größerem Ruhm gereichten als Zorn und Rache, zu seinen Schmelztiegeln und Windöfen in die Adeptenküche der Koblenzer Burg zurückgekehrt, aber er wurde bei dem Kriegsrate, den man kurz nach Sonnenaufgang abhielt, von seinen Beamten, Feldhauptleuten und Verbündeten überstimmt und mußte schweren Herzens die Einwilligung zu der Wiedereröffnung der Feindseligkeiten geben. Ja er konnte nicht einmal etwas Stichhaltiges gegen die allgemein mit großem Eifer vertretene Ansicht vorbringen, man dürfe sich nun nicht mehr auf die Beschießung der Mauern und der Außenwerke beschränken, sondern müsse die Kugeln mitten in die Stadt werfen und das Geschütz überhaupt so ausgiebig gebrauchen, daß der Feind kleinmütig und zu Verhandlungen geneigt werde. Mit Mühe setzte er durch, daß die Severuskirche, das Karmeliterkloster und der Rebenstock nach Möglichkeit verschont würden, wie er denn den Büchsenmeistern auch zur Pflicht machen ließ, dafür zu sorgen, daß die Burg keinen Schaden erleide.

Dann aber zog er sich verstimmt in sein Gemach zurück und lauschte kummervoll auf den dumpfen Krach der Hauptstücke, den Donner der Kartaunen und den Knall der Feldschlangen und der Falkonetten, die jetzt im ganzen Umkreis ihre Stimme ertönen ließen.

Die Bopparder, die halb und halb gehofft hatten, man würde zur Nachfeier und zur Erholung von den Anstrengungen des Festes das armistitium stillschweigend um einen Tag verlängern, waren nicht wenig erstaunt, als die Kanonade wieder begann und sie zwang, Bett und Morgensüpplein im Stich zu lassen und ihre Posten aus den Mauern wieder zu beziehen. Sie konnten sich nach den Erfahrungen des Sonntags die Tatsache anfangs gar nicht erklären, daß das feindliche Feuer nun plötzlich soviel wirksamer war als zuvor. Denn in der Oberstadt fielen gleich zwei Kugeln durch das Dach des Hauses zum Rosenkranz und richteten auf dem Boden und im Oberstock eine furchtbare Verheerung an. Die Kranzwirtin war jedoch eine resolute Frau und wußte, was sie zu tun hatte. Nachdem sie den Schaden übersehen und die Löcher in den Dielen mit ein paar Brettern überdeckt hatte, packte sie die schweren Steinkugeln eine nach der andern in den Schoß ihres Kleiderrocks und trug sie mit unsäglicher Mühe auf die Bälzerpforte, damit sie durch die dort aufgestellte Kartaune wieder in das feindliche Lager zurückbefördert würden. Die wackere Frau harrte auch mutig bei dem Geschütz aus, bis beide Schüsse abgegeben worden waren, und sie die Genugtuung mit nach Hause nehmen konnte, daß sie dem Kurfürsten die Antwort aus den unfreundlichen Morgengruß nicht schuldig geblieben sei.

So ungnädiger Grüße gab es freilich an diesem Tage noch mehrere. Im Boosenhofe fuhr eine Falkonettkugel durch das Fenster in die Schlafkammer, riß der entsetzten Magd, die gerade die Betten ausschüttelte, ein Federkissen aus den Händen, daß die Federn wie Schneeflocken umherstoben, und schlug unter dem Weihbrünnlein in die Wand. In der Rheingasse ging ein Haus in Flammen auf und brannte bis auf die Grundmauern nieder, da sich die Nachbarn in der allgemeinen Aufregung darauf beschränkten, ihre eigenen Häuser gegen die überspringenden Flammen zu verteidigen. Der Schreck, der darob in der Stadt entstand, konnte übrigens kaum größer sein, als der des Kurfürsten, dessen geistiges Auge schon als den letzten Rest des blühenden Boppards einen rauchenden Trümmerhaufen und ein paar zweifelhafte Privilegien sah. Den größten Erfolg hatte jedoch der Büchsenmeister aufzuweisen, der mit seinen Knechten die nach dem Unfall vom Sonntag glücklich wieder gelagerte Hauptbüchse »Ungnade« bediente. Es gelang ihm, die mit zwei Kartaunen besetzte Lilienpforte durch eine Reihe wohlgezielter Schüsse so stark zu beschädigen, daß sie von den Verteidigern verlassen werden mußte und nach und nach, besonders seit sich auch die markgräfliche Hauptbüchse an dem Zerstörungswerke beteiligte, in Trümmer sank.

Mit diesem Ergebnis konnte man zufrieden sein, und Johann der Zweite, der in jedem Geschützdonner nicht den Kampfruf des Kriegsgottes, sondern die Stimme des Friedensengels zu hören vermeinte, erwog ernstlich, ob seine unbotmäßigen Bopparder die väterliche Zuchtrute nun wohl genug gefühlt hätten. Aber seine Berater meinten, man müsse das Eisen schmieden, solange es heiß sei, und dürfe die Städtischen nicht mehr zu Atem kommen lassen. Deshalb stellte man das Feuer auch mit der anbrechenden Nacht nicht ein, sondern ließ die groben Stücke trotz der Finsternis stündlich, gleichsam wie im Traume, ihr Sprüchlein sprechen.

Über diese Störung der Nachtruhe war man in der Stadt sehr ungehalten, und besonders die Herren von der Adelspartei, die längst einen Sturmangriff erwartet hatten und dem Feinde die unritterliche Schießerei nicht verzeihen konnten, trugen sich ernstlich mit dem Gedanken, einen Ausfall in hellen Haufen zu machen und die Kurfürstlichen in ehrlichem Kampfe aus ihren Schanzen zu vertreiben. Als sie diesen Plan in der am frühen Morgen einberufenen Ratsversammlung vorbrachten, wurden sie jedoch von den Bürgerlichen, die alles unnütze Blutvergießen vermeiden wollten, überstimmt. Sie kehrten unwillig auf ihre Posten zurück und suchten ihren Groll, so gut es gehen wollte, hinunterzuwürgen. Aber Herr Sifried von Schwalbach, der mit seinem Häuflein beim Anmarsche des Feindes den so unglücklich abgelaufenen Ausfall gemacht hatte, konnte sich nicht enthalten, die Kurfürstlichen dadurch zu verhöhnen, daß er sich, unbekümmert um die Kugeln, in voller Rüstung auf der Mauer und dem Waldeckturme zeigte und die Stellen, wo ein Geschoß eingeschlagen hatte, mit einem Kehrbesen reinfegte.

Dieser Spott reizte den markgräflichen Büchsenmeister, der sich den Turm zum Ziele ersehen hatte, nur noch mehr, und der Zufall fügte es, daß eine Falkonettkugel dem tollkühnen Ritter die Brust zerschmetterte und seinem hinter ihm stehenden Knechte den Kopf wegriß.

Als der Kurfürst hiervon Kunde erhielt, geriet er außer sich vor Zorn und gab, allen Gegenvorstellungen seiner Freunde zum Trotz, den Befehl, das Feuer einzustellen. Der Tod eines der einflußreichsten Häupter des städtischen Adels war ihm höchst fatal und entsprach keineswegs seinen Absichten. Er erklärte mit einer Bestimmtheit, die man bei ihm sonst nicht gewohnt war, die Unbotmäßigkeit der Bopparder sei nun hinreichend gesühnt, und er sei nicht vor die Stadt gerückt, um sie vom Erdboden zu vertilgen und ihre Bewohner auszurotten, sondern nur, um sie eindringlich zum Gehorsam zu ermahnen und nach der Weise eines verständigen Vaters milde zu strafen. Und so ordnete er denn sogleich den Junggrafen von Oberstem und den Kanzleischreiber Peter Meyer von Regensburg als Legaten an den Rat ab, gab ihnen einen Trompeter mit auf den Weg und trug ihnen auf, bei den Boppardern anzufragen, ob sie des Handels nun genug hätten und mit Seiner Gnaden in Unterhandlung treten wollten.

In Boppard, wo man nach den bösen Geschehnissen der letzten vierundzwanzig Stunden des Kriegführens nicht minder müde war als auf dem hohen Kloster, hatte man, sobald der schreckliche Tod des Schwalbachers bekannt geworden war, aufs neue eine Ratsversammlung einberufen und verhandelte gerade darüber, ob man nicht besser täte, sich dem Kurfürsten auf Gnade und Ungnade zu ergeben, ehe die Einwohnerschaft noch weiter an Leib, Leben und Gut Schaden nähme. Da wurden die feindlichen Abgesandten gemeldet.

Die von den bürgerlichen Bänken wären ihnen am liebsten entgegengestürzt und hätten sie im Triumphe auf die Ratsstube geholt, aber die Herren vom Adel waren der Meinung, man müsse den Vorteil der Lage ausnutzen, die Legaten so kühl wie möglich empfangen und sich allen Vorschlägen des Feindes gegenüber zunächst ablehnend verhalten. Das geschah denn auch, wenigstens soweit die Formalitäten des Empfanges und der Verhandlung in Betracht kamen; aber die beiden Kurfürstlichen hätten mit Blindheit geschlagen sein müssen, wenn ihnen die Freudenfeuer, die unter den zugeknöpften Röcken und Wämsern loderten, unbemerkt geblieben wären. Und als man die Abgesandten dann halb wider ihren Willen mit auf des Rates Trinkstube nahm, da konnten sie aus der Unzahl der ihnen zugetrunkenen Becher erkennen, wie dankbar die Bopparder Johann dem Zweiten dafür waren, daß er ihnen die Gelegenheit bieten wollte, sich in Frieden und Freundschaft mit ihm zu vergleichen.

Das Ergebnis der Gesandtschaft war die Verabredung einer Zusammenkunft zweier Ratsmitglieder und zweier vom Kurfürsten zu bestimmender Mittelsmänner zum Zwecke der Friedenspräliminarien. Die Verhandlungen sollten am kommenden Samstag im kleinen Refektorium des Jungfernstifts geführt und nicht eher beendet werden, als bis man ein Instrument aufgesetzt und beiderseitig unterzeichnet hätte, auf Grund dessen der Friedensschluß ohne sonderlichen Nachteil einer der kontrahierenden Parteien möglich sein würde.

Hüben wie drüben war die Freude über den Waffenstillstand und die in so nahe Aussicht gerückte Beilegung des Streithandels gleich groß, und man sah dem Samstag entgegen, als ob er eine zweite Orgelborner Kirmes gebracht hätte.

Zu der festgesetzten Stunde fanden sich die mit der Vertretung der Stadt betrauten Männer, Herr Adam Beyer und Meister Metzler, auf dem hohen Kloster ein, wo sie die kurfürstlichen Unterhändler, den Herzog und Pfalzgrafen Johann und dessen Marschall, den Ritter Bertram von Nesselrode, schon vorfanden. Jede Partei hatte ihren Sekretarius mitgebracht, die Städtischen den Ratsschreiber Severus Classen, die Kurfürstlichen den Kanzleischreiber und kaiserlichen Notarius Peter Meyer von Regensburg. Aus Furcht, eine glückliche Verständigung könnte aus Mangel an Entgegenkommen auf einer der beiden Seiten scheitern, befolgte man bei der Verhandlung denselben Grundsatz, der schon für alles Vorangegangene maßgebend gewesen war: man suchte den Gegner nach Möglichkeit zu schonen und ihm goldene Brücken zu bauen. Durch diesen edlen Wetteifer wurde die Tätigkeit der Kommission nicht wenig erschwert, man kam sich mit den Vorschlägen nicht nur entgegen, sondern rannte damit gleichsam aneinander vorbei, so daß man, um nur glücklich zusammenkommen zu können, fast bei allen Punkten die dem Gegner anfänglich gemachten Konzessionen wieder einschränken mußte. Infolgedessen war das Ergebnis dieser seltsamen Verhandlung ein Dokument, aus dem kein Mensch hätte ersehen können, wer von den beiden Kontrahierenden aus dem Streite als Sieger hervorgegangen war, wenn nicht Herzog Johann, um seinem hohen Auftraggeber wenigstens eine kleine Genugtuung zu verschaffen, die Klausel hineingebracht hätte, daß der Kurfürst die Stadt mit seiner Heeresmacht besetzen und die Huldigung der ganzen Bürgerschaft entgegennehmen müsse, wogegen er sich verpflichte, jede Schädigung der Einwohner an Leib, Leben, Ehre oder Gut zu verhüten, dem auswärtigen Adel und den von den Boppardern angeworbnen Söldnern freies Geleit rheinaufwärts bis Bingen und rheinabwärts bis Andernach zu gewähren und dem löblichen Rate samt Ehefrauen und Töchtern in seiner Burg ein Bankett zu geben. Im übrigen sollte Bann und Interdikt von der Stadt genommen, das alte Verhältnis, wie es vor der Irrung bestanden habe, wiederhergestellt und aller Zwist gänzlich abgetan, ausgetilgt und vergessen werden.

So fand die Fehde, die, wenn man von dem halben Dutzend Toter absah, mehr ein auf die Sommersonnenwende verlegter Fastnachtsschwank als ein Krieg gewesen war, einen beide Gegner befriedigenden Abschluß. Johann der Zweite war glücklich, daß ihm die Stadt die Tore öffnen wollte, und die Bopparder triumphierten darüber, daß der Kurfürst sie nicht habe zwingen können, zur Huldigung zu ihm in sein Hauptquartier hinauszukommen, sondern sich nun in eigener Person zu ihnen in die Stadt bemühen müsse. Und um dem Einzug der kurtrierischen Völker jeden Beigeschmack einer kriegerischen Besetzung zu nehmen, beschlossen sie, die Tore und die Gassen mit Laub- und Blumengewinden zu schmücken und das bevorstehende Ereignis sich selbst zum Troste und dem Gegner zu Ehren in ein fröhliches Fest umzuwandeln.

Daß ihre adligen Bundesgenossen, die Herren von Löwenstein, von Seyntenbach, von Breitbach, die beiden Hilgin, Herr Friedrich von Rüdesheim, dessen Stiefsohn Brömser und der unselige Schultheiß Paul von Leye samt den geworbenen Söldnern in aller Frühe des Einzugstages die Stadt ohne Sang und Klang räumen mußten, schmerzte die Bürgerschaft nicht allzusehr, und als Nickel Langhenne, gerade als das Schiff die Burg passierte, vom Turme hinab auf einem Zinken das Lied »In Gottes Namen fahren wir« blies, hatte er allenthalben die Lacher auf seiner Seite.

Zwei Stunden darauf krachten die Kartaunen auf den Mauern zum letztenmal, nicht Tod und Verderben drohend wie bisher, sondern zur festlichen Begrüßung des besiegten Siegers oder des siegreichen Unterlegenen, dessen Vasallen und Knechte in Rotten und Fähnlein durch die Bälzerpforte in die Stadt rückten, allen voran die erzstiftischen Würdenträger und Feldhauptleute, die ihre Helme und Eisenhauben mit grünen Reisern geschmückt hatten und aussahen, als ob sie zu einer Hochzeit zögen. Die Heeresmacht verteilte sich durch alle Gassen und Häuser, um im Namen des Kurfürsten wenigstens symbolisch von Boppard Besitz zu ergreifen. Überall fand sie den freundlichen Empfang: die Hausväter zapften vom Besten, und die Frauen trugen auf, was Küche und Vorratskammer zu bieten vermochten.

Das war freilich wenig genug und die Gäste merkten gar bald, wie es mit den Fleischtöpfen stand, um derentwillen ihr Gebietender die Belagerung sobald abgebrochen hatte. Weil man jedoch den Städtischen zeigen wollte, daß man ihnen ihre Kriegslist und den übermütigen Streich mit dem kurtrierischen Ochsen nicht nachtrage, beeilte man sich, dem Kurfürsten, der noch auf dem hohen Kloster weilte, den Sachverhalt mitzuteilen und ihm die Not seiner getreuen Bopparder mit beweglichen Worten zu schildern. Da ließ der alte Herr, froh, den wiedergefundenen Söhnen einen Beweis seiner väterlichen Milde geben zu können, eine ganze Herde Rindvieh und Hämmel in die Stadt treiben und auf dem Markte Fleischbänke errichten, wo jeder seinen Bedarf für drei Tage umsonst decken konnte. Beinahe freilich wäre dieses reiche Geschenk für die Stadt verloren gewesen, denn die vom Kurfürsten geworbenen Söldner, die in den Schanzen vor der Niederstadt lagen, und denen man, damit sie ihrer Lust zum Plündern nicht frönen konnten, auf Johanns weise Anordnung den Einlaß verweigert hatte, machten den Versuch, sich des Viehs zu bemächtigen, und mußten mit Waffengewalt zur Vernunft gebracht werden. Dann aber zogen sie in großen Rotten drohend und fluchend um die Mauern und ließen sich erst zum Abzüge bewegen, nachdem man ihnen den Sold für drei Tage ausgezahlt und jedem sein Deputat an Fleisch, Brot und Wein in einem Korbe von den Zinnen hinuntergelassen hatte.

Am nächsten Morgen hielt dann der Kurfürst feierlichen Einzug. Der Herr von Helfenstein, als der Erbmarschall des Erzstifts, ritt mit dem trierischen Banner der glänzenden Kavalkade voran, dann folgte in erzbischöflichem Ornat Johann der Zweite, umgeben von Edelknaben, die auf Samtkissen Kurhut, Helm und Schwert trugen. Zu seiner Rechten ritt der Kurfürst und Pfalzgraf Philipp, zur Linken der Landgraf von Hessen und diesen schlossen sich dem Range nach die im Feldlager anwesenden Fürsten, Grafen und Edeln an. In dem Augenblick, wo der Zug unter dem Tore anlangte, begannen die Glocken zu läuten, die volle achtzehn Wochen lang geschwiegen hatten.

Vor dem Portal von St. Severus stiegen die Herrschaften ab und begaben sich in die Kirche, um die Messe zu hören, von dort ging es auf den Markt, wo vor dem Rathaus ein geräumiges Zelt errichtet worden war, dessen Teppichbehang das kurfürstliche und das erzstiftische Wappen zeigte. Unter dem Zeltdach standen Sessel, in deren Mitte ein erhöhter Thronsitz für den Kurfürsten. Als dieser mit seinen Begleitern Platz genommen hatte, trat der Graf von Solms vor, empfing aus den Händen des Kanzlers ein Pergament und verlas den Wortlaut der Huldigung, den die auf dem Markte versammelten Bürger mit erhobenen Schwurfingern nachsprechen mußten. Dann näherte sich jeder einzelne dem Throne, ließ sich vor dem Erzbischof auf die Knie nieder und gelobte ihm mit Handschlag ewige Treue.

Die Handlung war ernst und feierlich genug, aber dennoch gab es auch hierbei wieder einen heiteren Auftritt. Als Meister Balduin Bochler, der beleibteste der Bopparder, seinen Spruch gesprochen hatte, machte er einige ebenso spaßhafte wie vergebliche Anstrengungen, wieder auf die Füße zu kommen. Da ihm keiner seiner Freunde und Genossen beisprang, rutschte er in heller Verzweiflung auf den Knien hin und her, bis sich der Kurfürst selbst seiner erbarmte und ihm mit eigener Hand emporhalf. Kaum war der Dicke beiseite getreten, da drängte sich ein blondlockiges Büblein durch die Menge, schwenkte ein winziges Banner mit dem kurtrierischen Kreuz, kniete vor Johann dem Zweiten nieder und sprach mit heller, weithin vernehmbarer Stimme die Huldigungsformel.

Die ganze Versammlung brach in ein fröhliches Gelächter aus, um so mehr, als plötzlich Meister Metzler die Reihen der Bürger durchbrach und den Versuch machte, das Kind beim Wämslein zu erwischen. Nur der Kurfürst blieb ernst, hielt des Knäbleins Hand fest in der seinen und hob den Kleinen auf das Knie.

Du hättest dir die Huldigung ersparen können, Büblein, sagte der alte Herr, dem die Tränen in die Augen traten, daß du gut kurfürstlich bist, das weiß ich längst. Aber daß du nicht hast zurückstehen wollen und mir gleichwie die Großen auch für die Zukunft die Treue versprochen, das war schön von dir, Peterlein.

War aber auch schön von Euch, Herr Kurfürst, daß Ihr neulich beim Fest Wort gehalten und der Gin den Junker herausgegeben habt, meinte das Kind zutraulich, und dafür hat mir die Gin das Banner gemacht, und die Gin hat sich auch gefreut. Bloß nachher, am Abend, da ist sie traurig worden, weil sie den Wygant wieder hat hergeben müssen.

Über die Züge Johanns glitt ein Lächeln.

Mit deiner Schwester habe ich noch ein Hühnlein zu rupfen, sagte er. Die mag sich vorsehen, wenn sie auf den Abend in die Burg kommt.

Ist die Gin nicht brav gewesen, Herr Kurfürst? fragte Peterlein.

Gar nicht brav, Büblein. Aber das Rindvieh soll ihr noch eingetränkt werden.

Hat sie Euch ein Rindvieh genannt?

Genannt gerade nicht, wenigstens nicht mit Worten, antwortete der Kurfürst, dem die unerwartete Wendung der Unterhaltung unbehaglich wurde. Er ließ das Kind von seinem Knie herabgleiten und schob es sanft vorwärts. Aber der kleine Peter drehte sich noch einmal um, nickte dem Gewaltigen zu und bat:

Macht's gelind mit der Gin, Herr Kurfürst, sie ist ja nur ein Weibsbild!

Dann trottete er, sein Banner schwenkend, davon.

Kurz vor Mittag war die Huldigung zu Ende, und die Herren zogen sich in die Burg zurück, wo den Fürsten und den Grafen, die Zeugen des Vorgangs gewesen waren, und deren reisige Knechte zum Abmarsch bereit vor den Stadttoren lagen, eine Abschiedskollation gereicht wurde. Um diese Zeit verließen auch die Damen des adligen Jungfernstifts die Stadt und kehrten mit ihrer ganzen fahrenden Habe in das hohe Kloster zurück. Es drängte die Äbtissin, sich davon zu überzeugen, daß den Gebäuden und namentlich dem Garten kein ernstlicher Schaden widerfahren sei. Und zu ihrer Freude fand sie alles noch in bester Ordnung; nur die Wiesen, wo die Zelte gestanden hatten und die Schanzen aufgeworfen worden waren, zeugten von den Ereignissen der letzten Woche. Aber die Brustwehren konnten niedergerissen, die Gräben ausgefüllt werden, und im nächsten Frühling mußte jede Spur des gewaltsamen Eingriffs in den klösterlichen Frieden verwischt sein.

Die Frühbirnen und die Kirschen waren freilich verschwunden, und hier und da hatten rohe Hände auch ein Zweiglein mit abgerissen, aber die Bäume standen noch unversehrt und schienen gar nicht darüber zu trauern, daß man sie von ihrer Last befreit hatte. Das Würzgärtlein dagegen schien kein fremder Fuß betreten zu haben, die Rosen und die Lilien blühten reicher als je, und Salbei und Minze, Liebstöckel und Raute, Bockshornklee und Rosmarin dufteten, als ob sie auf ihre Weise die heimgekehrte Pflegerin hätten grüßen wollen. Die Domina verstand auch die Sprache ihrer Pflanzenkinder, sie bückte sich zu jedem einzelnen Kräutlein hinab, ließ die würzigen Blättlein durch ihre Finger gleiten und sog den Duft, den sie daran zurückließen, begierig ein. Dazwischen reutete sie das Unkraut, das ihre Abwesenheit dazu benutzt hatte, sich breit zu machen, schöpfte aus dem Borne, der den Garten durchrieselte, Wasser und erquickte die dürstenden Pflanzen mit einem frischen Trunk, von den Rosen und den Lilien aber pflückte sie sich einen tüchtigen Strauß und stellte ihn in ein steinernes Krüglein auf dem Kaminsims ihres Gemaches. Und dann wandte sie sich ihren Pflichten als Regentin und Hausmutter zu und überwachte die geschäftigen Laienschwestern und Mägde, die mit Eimern, Besen und Räucherpfannen den letzten Hauch des männlich-kriegerischen Geistes aus den jungfräulichen Räumen zu vertreiben bemüht waren.

Als Meister Metzler den letzten der mit Kisten und Kasten beladenen Wagen auf das hohe Kloster geleitet hatte und nun in den Rebenstock zurückkehrte, fand er Frau und Tochter schon festlich gekleidet und geschmückt. Dem Mädchen war freilich etwas bänglich zumute, denn der kleine Peter, dem seine Huldigung daheim eine Tracht Prügel eingetragen hatte, war in dem Bestreben, seinen Kummer mit irgend jemand zu teilen, nicht davor zurückgeschreckt, das Hühnlein, das der Kurfürst mit Regina zu rupfen hatte, in ein sehr gewichtiges Huhn zu verwandeln.

Es schien jedoch, als habe Johann der Zweite das Hühnlein vergessen. Er bewegte sich inmitten seiner Festgäste wie ein Vater unter seinen Kindern und hatte für jeden ein freundliches Wort. Auch Meister Metzler und die Seinen wurden mit einer gnädigen Ansprache beehrt, und Regina gab sich der Hoffnung hin, daß mit dem ganzen Bopparder Handel auch ihre eigene kleine Schuld abgetan und ausgelöscht worden sei. Und als, gleich nachdem sich der Kurfürst einem andern Ratsherrn zugewandt hatte, der Junker Wygant auftauchte und die alten Freunde aus dem Rebenstock mit einer Herzlichkeit begrüßte, als sei zwischen Kurtrier und Boppard nie etwas vorgefallen, da verwandelte sich das Hühnlein in einen Paradiesvogel, breitete die bunten Schwingen aus und stieg, unbekümmert um das dicke Steingewölbe des Saales, geradeswegs zum Himmel empor.

Die beiden jungen Menschen traten in eine Fensternische und richteten den Blick auf die letzte Glut des Sommerabends, die auf den Ziegeldächern und den Turmhauben der Stadt einen ganzen Garten von purpurnen Rosen hervorgezaubert hatte, während sich um die Berge zartblaue und violette Schleier woben. Da begann das Aveglöcklein von St. Severi zu läuten – zum erstenmal wieder seit achtzehn Wochen. Aber während sich alle andern Festgäste zu einer kurzen Andacht auf die Knie niederließen, blieb das junge Paar stehen und lauschte dem wohlbekannten Klange wie einer Stimme aus längst entschwundenen glücklichen Tagen. Beide fühlten sich der Gegenwart entrückt, sie glaubten auf einer einsamen Insel zu weilen, während die Flut alles Lebende ringsumher verschlungen hatte.

Da legte sich plötzlich eine schwere Hand auf des Mädchens Schulter. Regina wandte sich um und sah den Kurfürsten an ihrer Seite stehen.

Hütet Euch vor dem Jüngferlein, Junker Wygant, sagte der alte Herr, indem er seinem Schloßhauptmann zublinzelte, und glaubt nicht alles, was sie Tuch sagt. Sie versteht sich brav aufs Lügen.

Ich lüge nicht, Kurfürstliche Gnaden ...

Oho, Jüngferlein! Wie war's denn mit dem Rindvieh? Hattest du nicht gesagt, es sei mehr Rindvieh in der Stadt, als man zu füttern vermöchte?

So hab' ich gesagt, Kurfürstliche Gnaden, und so ist's auch gewesen. War ein Ochse mehr in Boppard, als wir zu füttern vermochten. Oder denkt Ihr, Eure Leute hätten die Unseren in die Burg gelassen, damit sie dem Ochsen, so den Stadtknechten zum Trotz auf das Schloß gelangt war, hätten Futter schütten können? Wenn Ihr's aber anders verstanden habt, Kurfürstliche Gnaden, und wie Eure Leute die für Rindvieh erachtet, die zu Boppard auf den Ratsbänken und auf den Schöffenstühlen sitzen – bei diesen Worten trat Regina dicht an das Fenster und wies auf das mit dem Papierbarett geschmückte Tierhaupt, das noch immer aus der Turmlucke nach der Stadt hin schaute, – so müßt Ihr wissen, daß solcher Ochsen in Wahrheit mehr in der Stadt waren, als man satt machen konnte. Mein Vater hat freilich keine sonderliche Not gelitten, denn für ihn, als einen stiftischen Diener, fielen immer etliche Bröcklein von der Frau Äbtissin Tafel, aber ich könnte Euch mehr denn einen nennen, der froh war, wenn er des Tags einen Salzhering oder ein Gericht dürrer Erbsen hatte.

Wygant, Wygant! sagte der Kurfürst, habt Ihr gehört, wie sie sich den Hals aus der Schlinge redet? Ach, was ist all unsre Klugheit gegen die Arglist der Weiber! Und zu den übrigen Gästen gewandt, denen der Auftritt in der Fensternische nicht unbemerkt geblieben war, fuhr er mit erhobener Stimme fort:

Liebe und Getreue, sonderlich edle und weise Herren vom Rat! Wir haben zwar, wie euch allen wißlich, miteinander einen Vergleich geschlossen, daß die Irrung und Spannung zwischen uns und euch gänzlich abgetan und ausgelöscht sein möge, aber nun fällt uns schwer auf die Seele, daß wir conditionem unam eamque gravissimam Eine Bedingung und zwar die wichtigste. vergessen haben.

Die Bopparder erschraken. Sie glaubten schon, Johann der Zweite habe sie in die Burg geladen, um sie mit einer Forderung zu überrumpeln, auf die sie nicht gefaßt waren.

Ihr habt zu Boppard in der Stadt ein Mägdlein, Regina Metzlerin mit Namen, erklärte der Kurfürst, die hat uns draußen auf dem Anger beim hohen Kloster mit ihrer listigen Zunge also betört, daß wir um ihrer glatten Worte willen und aus keiner andern Ursache die Belagerung zeitiger, denn gut und nötig war, aufgegeben haben. Wir würden nun, wo wir auch immer wären, es sei in unserm Erzstift oder außer Landes, keine ruhige Stunde mehr haben, wenn wir besagte Regina Metzlerin in unsrer treuen Stadt Boppard wüßten, sintemalen wir genötigt wären, uns jederzeit ihrer Anschläge wider uns zu versehen. Deshalb verlangen und fordern wir ernstlich, ihr sollet das Mägdlein von euch lassen und aus der Stadt verweisen, und haben aus väterlicher Nachsicht und Fürsorge unsern lieben getreuen Junker Wygant von Modersbach, bis jetzo Schloßhauptmann zu Boppard, nun aber bestellten Amtmann zu Kochem, gebeten, das Jüngferlein zu seinem ehelichen Weibe zu machen und mit sich von dannen gen Kochem zu führen, welche Bitte uns gedachter Modersbacher aus sonderlichem Gehorsam nicht hat abschlagen mögen. Wir hoffen und rechnen darauf, daß nicht der ehrenfeste Meister Metzler, als des Mägdleins leiblicher Vater, viel weniger Regina Metzlerin selbst, unsern Wünschen entgegen sein wird, daß beide vielmehr den Anlaß wahrnehmen, uns für die gnädige und milde Strafe dankbar zu sein, und sich hierfüro so stellen und halten, daß wir ihnen unsre Gunst und Huld wieder zuwenden können.

Regina, auf deren Wangen das verbleichende Abendrot noch einmal in voller Pracht aufleuchtete, versuchte die Hand des alten Herrn zu küssen, der Vater stammelte Worte des Dankes, die übrigen Bopparder aber, die sich plötzlich um eine gute Zentnerlast erleichtert fühlten, und deren Herzen die Güte des Kurfürsten nicht minder bewegte als der Anblick der schweren silbernen Schüsseln, die in diesem Augenblick von den Edelknaben in den Saal getragen und auf den gedeckten Tafeln verteilt wurden, brachen zum drittenmal in den Ruf aus: Vivat Johannes secundus!

Das Volk und die Jugend, die dichtgeschart draußen vor der Burg standen und neugierig-sehnsüchtig zu den Fenstern aufschauten, stimmten in den Ruf ein, und so pflanzte sich der Jubel durch die ganze Stadt fort – so laut, daß man droben in Marienberg die drei Worte deutlich verstehen konnte.

Die Äbtissin, die gerade am Fenster gestanden und sich an der solange entbehrten Aussicht in das allgemach verdämmernde Rheintal und auf das verblassende Bild der Stadt zu ihren Füßen erfreut hatte, trat still lächelnd in das Gemach zurück und preßte ihr volles Matronenantlitz in den berauschend duftenden Blumenstrauß auf dem Kaminsims. Da fiel ihr Blick auf eine vom letzten Abendschein beleuchtete Kachel des bunten oberländischen Ofens. Und nun sah sie, was sie noch nie zuvor gesehen zu haben glaubte: auf der Kachel war der alte Heidengott Mars abgebildet, wie er in voller Rüstung auf einem gewaltigen Geschützrohre saß. Seine Arme aber waren mit Rosengewinden auf dem Rücken gefesselt, und neben ihm stand ein nacktes geflügeltes Götterbüblein, das die Blumenkette in der einen Hand hielt und mit der andern einen Pfeil auf des Gefangenen Herz zückte. Darum zog sich ein Spruchband, auf dem die Worte standen:

Omnia vincit amor, nos et cedamus amori.
Alles besieget die Liebe, auch wir erliegen der Liebe.

 


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