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III. Die jüdische Religionsphilosophie in der Neuzeit

[Einleitung]

Die Scheidewand, die das Judentum von dem geistigen und gesellschaftlichen Leben der europäischen Völker trennte, ist erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts gefallen. Bis dahin haben die großen Bewegungen des europäischen Geisteslebens die jüdische Welt nur flüchtig berührt. Nicht nur die deutschen und polnischen Juden stehen außerhalb ihrer, weil sie kein anderes geistiges Leben kennen und kennen wollen als die Versenkung in den Talmud und seine Probleme. Auch die reiche und vielseitige Bildung der italienischen und holländischen Juden wurzelt hauptsächlich im jüdischen Mittelalter und ist nur peripherisch durch moderne Kulturelemente bestimmt. Den vollen und wirklichen Anschluß an die moderne europäische Kultur bringt, wie sozial, so auch geistig, erst die Aufklärung des 18. Jahrhunderts.

Das gilt in besonderem Maße von der Philosophie. Was an philosophischem Interesse vorhanden war, fand seine Befriedigung in der Pflege der philosophischen Traditionen des jüdischen Mittelalters, und die vereinzelten oben behandelten Versuche, an die Zeitphilosophie Anschluß zu suchen, sind ohne nennenswerte Nachwirkung geblieben. Auch die Zurückweisung der freigeistigen Tendenzen, die im Holland des 17. Jahrhunderts vielfach in jüdische Kreise eindrangen, erfolgte, nicht anders als in der christlichen Theologie der Zeit, zumeist mit den hergebrachten Denkmitteln. Es ist kein Zufall, daß die erste repräsentative Persönlichkeit des modernen europäischen Judentums auch den Übergang von der mittelalterlichen zur modernen Philosophie darstellt. Moses Mendelssohn ist in seiner Jugend durch die Schule des Maimonides gegangen. Seine selbständige philosophische Arbeit aber steht ganz auf dem Boden der modernen Philosophie. Die Orientierung des Judentums in der neuen Sphäre europäischer Kultur forderte, daß es sich mit den philosophischen Grundlagen europäischer Bildung auseinandersetzte. Seither haben die Juden in allen europäischen Kulturländern, am stärksten in Deutschland, dem Geburtsland des modernen Judentums, an der philosophischen Gedankenbewegung lebendigen Anteil genommen und mit bedeutenden Leistungen in sie eingegriffen. Aber der weitaus überwiegende Teil dieser philosophischen Arbeit hat zum Judentum als solchem keine Beziehungen und gehört ausschließlich der allgemeinen Geschichte der Philosophie bei den verschiedenen europäischen Völkern an. Hatte im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit das Judentum einen eigenen Kulturkreis gebildet, der, auf religiöser Grundlage ruhend, alles geistige Leben der Juden umfaßte und die philosophischen Bestrebungen, auch soweit sie nicht zur Religion des Judentums in unmittelbarer Beziehung standen, in sich aufnahm, so hatte die moderne europäische Kultur das geistige Gesamtleben von seinen religiösen Bindungen gelöst und damit die Grundlagen der überlieferten jüdischen Kultureinheit zerstört. Die jüdische Lebenssphäre umfaßte nur noch das religiöse Leben im engeren und eigentlichen Sinne, alle anderen Geistesgebiete, und mit ihnen die Philosophie, fielen aus ihr heraus.

Selbst die allgemeinen Fragen der Religionsphilosophie werden großenteils unabhängig von ihrer Beziehung zum Judentum behandelt, und zwar auch von den Denkern, die sich mit der jüdischen Religion in vollem Einklang wissen. Die so verfahrenden jüdischen Denker folgen damit nur einer in der neueren Philosophie weitverbreiteten Tendenz, die Wahrheit der Religion unabhängig von jeder Beziehung auf eine bestimmte Einzelreligion nachzuweisen, die allgemeinen Grundzüge einer religiösen Weltauffassung zu entwickeln, ohne auf die Besonderheiten der positiven Religionen einzugehen. Für das Judentum ergeben sich daraus aber wesentlich andere Konsequenzen als für das Christentum. Seine religiösen Grundlehren decken sich, wenigstens ihrer begrifflichen Formulierung nach, durchaus mit den allgemeinen Ideen monotheistischer Religion überhaupt. Seine Glaubensvorstellungen gehen nicht in der Art des christlichen Dogmas über diese Ideen hinaus und treten erst recht nicht zu ihnen in Widerspruch. Dem Judentum blieben so die Konflikte erspart, die sich aus dem Zusammenstoß rationaler Kritik mit dem christlichen Dogma ergaben. Auf der anderen Seite lief es Gefahr, mit dem System dieser Ideen einfach in Eins gesetzt zu werden und jeden spezifischen Gehalt zu verlieren. Unter der Herrschaft der Vernunftreligion, sei es im Sinne der Aufklärung, sei es im Sinne des ethischen Vernunftglaubens Kants, ist diese Identifizierung immer wieder vorgenommen worden, und damit schien jede Notwendigkeit einer besonderen philosophischen Darstellung und Begründung des Judentums zu entfallen. Erst allmählich führte eine tiefere Analyse über diese einfache Identifizierung hinaus, und machte eine veränderte philosophische Problemlage eine selbständige philosophische Begründung des Judentums notwendig. So erklärt es sich, daß es in der Neuzeit nicht wie im Mittelalter zu einer kontinuierlichen Entwicklung einer jüdischen Religionsphilosophie gekommen und daß im folgenden nur von einer Reihe von Einzelerscheinungen zu berichten ist.


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