Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
Rathsstübel Plutonis
Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen

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60. Secundatus.

Wanns mir gleich nicht anständig ist / so wirds doch einem andern kein Schad seyn / wann er etliche Flecken an einem alltäglichen Kleid auff einandern setzet.

 
61. Alcmæon.

Nicht ehender seyn stattliche Kleider zutragen erlaubt / alß wann man mit Leuten umbgehet / bey denen man umb seines anderwertigen Nutzens willen sein Ansehen erhalten muß / oder einen Credit erhalten will.

 
62. Cidona.

Weil man je nicht allweg in einem Kleid auffziehen kan / wie ein Lauenwarter / so erspare man an dem alltäglichen / was das Feyr- und Fest-tägliche zuviel kostet.

 
63. Spes.

Es befleisse sich ein jedes / durch eigenes Spinnen / Würcken / Nehen / Stricken / Waschen / Flicken / und Zusammenhaltung der geringsten Läpplin erbauliche Kleidungen zuhaben / so wird dasselbe umb Gewand so gar viel Gelt nicht ausgeben dörffen: es sehe aber zu / daß ein solche Zeit hiermit nicht zubracht werde / in deren mehrere zugewinnen.

 
64. Simplicissimus.

Man hencke auch nicht zu viel an überflüssigen Haußraht / wie meine Würthin zu N. gethan / welche bey Tag die Supp in einem Haffen kochte / den sie bey Nacht an stat eines Kammers-Geschirrs brauchte.

 
65. Collybius.

Recht so: Dann was man hiervon außgibt / ist ein Todts-Capital / das sich endlich selbs verzehret in Stücken / die man selten braucht / behelff man sich mit entlehnen.

 
66. Knan.

Man muß sich befleissen durch eigene Arbeit die Stücke deß Haußrahts selbst zumachen / zubessern / und in Näss zu erhalten / wie ich mit meinem Schiff und Geschirr thue / damit ich nicht alle Tag dem Schmidt / Wagner und Seiler vor der Werckstat stehn müsse.

 
67. Laborinus.

Deß Kuchen-Geschirrs sey wenig / aber daurhafft und gut / alß gegossene Häffen und Pfannen / doppelte Kessel und ziennener Schüßlen / die einen sein Lebtag aushalten / und man jedoch bey nahe so viel alß Anfangs gekostet / wiederumb darauß lösen könne.

 
68. Meuder.

Weil man sich an einem Gericht genugsam erkröpffen kan / so soll man auch nicht mehr kochen; und worzu braucht man alßdann zween Häffen / und zwo Schüßlen?

 
69. Coryphæa.

Ob ich mich gleich alß eine Reisende noch nicht auff dergleichen Sachen verstehe / so geb ich doch der Großmuter recht.

 
70. Aron.

Es ereignen sich offt Gelegenheiten / beydes von den Benöhtigten und Vnverständigen kostbaren Haußraht umb halb Gelt zubekommen / diesen muß man nicht dahinden lassen / theils zubehalten / und theils wieder in seinem rechten Werth zuversilbern / wordurch man umbsonst zu gebührlichem Haußraht gelangen kan.

 
71. Secundatus.

Meines theils schlaffe ich lieber und besser auff frischem Stroh / alß in einem Bethe / halte es auch vor gesünder; es sey derowegen ein getreue Warnung / daß man nicht so viel umb Bethwerck verschwenden soll. Wer thut den Zigeunern / Bettlern / Soldaten / Cappucinern und andern Reisenden? Aber was denckt ihr Erice? Weil ihr auff dieser Reyhe mit ewer Stimm zuruck bleiben.

 
72. Erich.

Jch verbiete etwas von eingelegter / fürnirter und sonst theurer Schreiner-Arbeit machen zulassen daß viel kostet / es ist nur ein Wohnung der Wandleuse / ein Kurtzweil der Mäuse / sich daran abzunagen / und ein Näst und Speyß der Würmen; ein groß unnütz Gesperr / das weder in Feuers- noch Kriegsgefahr irgens hinzubringen sondern überal haarlassen / und zu Aschen werden muß. Ein klein eisernes Tröglein mit Golt angefüllt / seynd gesünder alß hundert schöne Bethladen / Kisten und Kästen / die nur zum unnützen Gepräng im Hauß irren.

 
73. Alcmæon.

Was Herr Erich von der Schreiner-Arbeit gemeldet / wil ich auch von der Schlosser-Arbeit verstanden haben / da offt ein Dreyfuß biß in 60. oder 80. fl. zubeschlagen kostet: nur alles mit starcken Schlossen und groben Riglen wol verwahret / welches man unter dem alten Eysen auff dem Grempelmarckt umb ein geringes bekommen kan / ists beste.

 
74. Cidona.

Was mein Schatz und Herr Erich wegen dieser beyden Handwercker Arbeit statirt und gebotten / wil ich approbiert haben: sonderlich wann man mir abermal ein Brettspiel mit gebeitzten Birbäumen: von Ebenholtz: mit Ochsenknochen an statt Helffenbeins eingelegt / umb 20. Thaler in die Haußhaltung machen: und selbiges mit einem Beschläg von 3. Thalern vor den Schlosser / und 2. Thaler zuübergülden vor den Goldschmid außzieren lassen wolte; dabey ich auch den Trexler mit seinem auß Hebenholtz und Elephanten-Zähnen gepasseten Steinen verworffen haben wil.

 
75. Spes.

Vnd ich lasse den Trexler mit seiner Arbeit in die Haußhaltung zu nichts anders passieren / alß Kunckel und Spinnräder zumachen / und rechne alles das übrige vor unnöhtigen Vberfluß.

 
76. Simplicissimus.

Ach mein schöne Jungfer / sie lasse ihn doch nur Spindlen trehen / so hat sie das Gelt vor die Räder zum besten / alß die ohne das jetzt verbotten seynd.

 
78. Collybius.

Worfür bedarffs / so geringer particularitäten halber zu disputieren? weil sie aber gleichwol nicht zuverachten / so schliesse ich / man soll aller Handwercksleuthen Arbeit resignieren / was nicht ein besondern Gewin eynträgt.

 
79. Knan.

Das wird sich nicht thun lassen / der Schneider macht uns Kleider / darauß wir Lumpen machen / der Schuster Schu / die wir zerreissen / der Wäber Duch / so wir zerbrechen: tragen uns also die Arbeit dieser Handwerckern keinen Gewin eyn: Solten wir aber darumb nackend gehen? ewerer Meinung nach wer das Küffer-Handwerck das beste / darinn man den Wein auffhält / an solchem zur Zeit der Theurung zugewinnen.

 
80. Erich.

Es seye ihm wie ihm woll / ich hab gelesen / daß der grosse Keyser Augustus keine andere Kleider tragen wollen / alß die ihm seine Tochter selbs verfertiget / könte man also der Schneider / Wäber / Hosenstricker / dafern wir unsere Töchter eins und anders lernen liessen / und wann man sich mit Holtzschuhen / wie theils Orten bräuchlich / behelffen wolte / auch der Schuster entbehren.

 
81. Laborinus.

Also auch der Haffner / auß welcher Arbeit unsere Weiber Scherben machen / wann man hingegen beydes auß Metal und Eisen gegossener Häffen und Pfannen brauchte / deren Werhafftigkeit etlicher Menschen Alter außdauret.

 
82. Meuder.

Und muß man dann eben auch eiserne Röst und Bratspisse haben? Neulich sahe ich einen Bettler eine Bratwurst braten / die er umb einen höltzernen Bratspiß gewicklet hatte.

 
83. Coryphæa.

Was einer nicht täglich brauchen muß / sondern selten bedarff / das sol man bey jemand andern entlehnen / und also nicht alles grad kauffen.

 
84. Aron.

Hast du einen Freund oder Patronen / der dich nicht mehr nützet / alß dich seine Freundschafft zu unterhalten kostet / so laß die Freundschafft erlöschen.

 
85. Secundatus.

Ohne Freund können wir schwerlich leben: deren Freundschafft aber mit Costen unterhalten seyn wil / seynd vor keine Freund / sondern eintweder vor Schmarotzer oder vor obligirte Diener zuhalten: jene sind gut abzuschaffen / diese aber wann wir ihrer Dienste entbehren mögen.

 
86. Alcmæon.

Man kan sich auch beliebt / und ihm die Leuth zu Freunden machen / wann man gleich nach Doctor Schuppen Lehr / nicht so offt zum Beutel / hingegen öffter nach dem Hut greifft; also daß es ohnnöhtig Freund umbs Gelt zukauffen / welche erkauffte doch ohne das in der Noht nicht Prob halten.

 
87. Cidona.

Hierunter seyen vor allen dingen auch die Gesellschafften der Sauffbrüder gerechnet / die einandern keine andere Freundschafft zuleisten pflegen / alß einander Hex Bones Garitates bscheid zuthun und also einandern umbs Gelt zubringen.

 
88. Spes.

Jm Heurathen soll man nicht allein auff Schönheit / Tugend / Geschicklichkeit etc. sondern vor allen Dingen auffs Gelt sehen.

 
89. Simplicissimus.

Jch aber sage / welcher Reich werden wolle / soll gar kein Weib nemmen / könne er aber gleichwol keiner entbehren / so verheurate er sich mit einer Alten / und lasse / so lieb ihm die Göttin Pecunia sey / die junge allerdings ein gut Jahr haben.

 
(Secundatus.

Herr Simplice, wann ihm beliebt / so lasse er uns die Ursachen hören / die ihne veranlassen / so ein scharffen Sententz wieder das junge Frauenvolck zufällen.

 
Simplicissimus.

Jch hab das junge Frauenzimmer zwar niemal verachtet / thue es auch noch nicht / sondern sage / daß man umb besserer Prosperität willen gar kein Weib nemmen soll / wann man aber ja deren nicht entrahten könne oder wolle / daß man vor die Jugent das Alter erwehle.

 
Secundatus.

Warumb? Zwey können ja mehr Hunger leyden und ersparen / auch mehr gewinnen alß Eins.

 
Simplicissimus.

Wann ich mit einem Weib in das Würtshauß komme / so gilt mir jeder halbe Batzen nur ein Creutzer: Nimmermehr wird ein Weib so viel gewinnen alß ein Mann; alle ihre nutzlichste Arbeiten erfordern lauter Außgaben: Spinnet sie / ich muß ihro Flachs / Weber- und Bleicher-Lohn schaffen / wil sie bachen und etwas guts kochen / ich muß ihr Mehl und etwas guts in die Kuchen lieffern: wil sie waschen / wer bezahlt Holtz / Seiff und Wäscherlohn? und also ist es auch mit allen ihren übrigen Geschäfften beschaffen: ich muß ihr auffs eusserst den Besen kauften / wann sie nur ein Stub außkehren will: Jch will mich auff mein altes Liedlein beruffen haben / Schweiget mir vom Frauennemmen etc.

 
Secundatus.

So hette man ja gar keine Freud in der Welt: und was nützt es / viel gewinnen / wann mans nicht auch gebrauchen wil?

 
Simplicissimus.

Wir sagen jetzt nicht vom Verthun / sondern wie man reich werden soll: ein solcher nun muß keine andere Freud und Ergetzlichkeit suchen und geniessen / alß die jenige die er hat / wann er täglich ein Par Häller erübrigt und sein Gelt vermehret.

 
Secundatus.

Ewerem angezognen Lied nach wurde man aber dem Frauenzimmer mehr anhencken müssen / alß einen ein ehelich Eheweib kostet / auß deren wir unsere beste Freund und Erben unserer Gütern erziehen / die uns in unserm Alter trösten / und uns bey der Nachwelt verewigen können.

 
Simplicissimus.

Man muß der Schlepsäcken müssig gehen: Jm übrigen aber sich mit der Meinung Horatii an statt der Kinder (dann man weiß doch nicht wie sie gerahten) trösten / welcher sagt:

Omnis enim res, divina humanaque pulchris.
Si vitiis parent, quas qui construxerit ille.
Clarus erit fortis, justus, sapiens, etiam Rex
Et quicquid volet.

Das ist

All Ding dem Reichthumb ghorsam seynd /
Die man im Himmel und Erden find.
Wer Gelts gnug hat / der wird geehrt /
Ist g'waltig / g'recht / weiß / Königs-werth.
Nur was er wil / wird er geschwind.

 
Secundatus.

Warumb wil aber der Herr ehender zu einem alten alß jungen Weib gerahten haben?

 
Simplicissimus.

Die Jugend ist unbesonnen / und hingegen das Alter weiß: Ein jung Ding weiß die gewonnene und bereits vorhandene Reichthumb nicht zusammen zuhalten / geschweige solche zuvermehren / sondern will hingegen prangen / und je herrlicher gehalten seyn / je mehr Güter sie ihrem Mann zugebracht / laßt mans nicht ihrem Sinn nach folgen / und drauff gehen? so henckt sie das Maul wie ein Leid-Hund / und macht einem weit mehr stündtliches Creutz alß tägliche Ergetzung; darff auch wol so heimlich alß öffentlich selbsten zugreifen / und darauß schaffen / was ihre Unbesonnenheit verlanget: hingegen ist ein Alte verständige Matron gantz anders gesinnet / alß welche weiß / was die Batzen gelten / deren sie villeicht albereit nicht wenig zusammen gekratzet / und noch zu erschaben weiß / wie wir dann sehen / daß die alten Weiber weit haußhältischer / zusammenhäbiger und gesparsammer (bey einem Haar were mir das Wort Geitziger / herauß gewischt) seynd / alß andere Leuth: zu dem wil ich auch Niemand zu einem alten Weib gezwungen haben / ihr Capital ertrage dann so viel interesse / daß man ein Aug zuthun / und sich bis zu ihrem seligen Hintrit mit ihr gedulden könne: so rahte ich auch rund zu keiner / die mit vilen Kindern beladen sey / er were dann ihrer ehesten Himmlung versichert / oder daß er sie ohne Costen in Krieg oder in Clöster verschaffen könne; Wil aber einer je überein Kinder erziehen / die sich heut oder morgen seines hinderlassenen Guts erfrewen / der trage Patientz / bis die alte den Weg aller Welt gegangen / vertausche alßdann den alten Kessel umb einen newen / und sey gewertig / eintweder deß Jüdischen Moysis / oder deß heidnischen Acteons Ebenbild zuwerden: Gleichwie wir aber zusammengebrachter / und den Erben hinderlassener Reichtumb wegen Sprichwortsweis pflegen zusagen / O selige Kinder / deren Vätter in der Höll sitzen! Also hat sich auch einer / dem ein altes reiches Weib zu rechter Zeit stirbt / einer solchen Glückseligkeit nicht wenig zuerfrewen.

 
Secundatus.)

Genug hiervon / wir haben auch jung Frauenzimmer bey uns / welches uns sonst ebenmessig den Fiesel schneiden möchte; Monsieur Collybij die Red ist an euch.


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