Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
Rathsstübel Plutonis
Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen

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Als nunmehr die mitte deß Julii sambt der gewönlichsten grösten Hitz deß Jahrs: nemblich die jenige Zeit sich nähert / welche die teutsche Bauren die Haberkilbe nennen / von deren die Medici sprechen / daß alsdann der Saurbrunnen am kräfftigsten sey; da machte sich mein Kostherr Alcmæon sambt Cidonæ seiner Frawen und ihrer Tochter Spes fertig dieselbig Cur in Sanct Petri Thal zugebrauchen; Monsigneur Secundat, welcher mehr Gelt zuverzehren hatte als ich / beredet mich durch versprechen / daß er mich Gast halten wolte / daß ich mit ihm besagtem unserm Kostherren Gesellschafft zu leisten resolvirte; Er zwar beliebte diß / damit er sich mit vornehmen Leuthen / so an dergleichen Orthen ihre Gesundheit zu suchen pflegen / bekandt machen: Jch aber / damit ich sehen möchte / wie es daselbsten hergehet. Also reiseten wir nun miteinander zum Saurbrunnen / da Alcmæon und sein Weib die Cur: deren Tochter Spes, Monsieur Secundat und ich aber deß Wassers nach Lust und Durst trancken / und uns deren Ergetzlichkeiten theilhafftig machten / die man an solchen Orthen haben kan.

Einsmahls an einem lustigen Morgen / als Alcmæon sich auff den eingenohmenen Trunck ergieng / spatzirten wir mit; und in dem wir einen lustigen Weg an einem fliesenden Wässerlein auß dem grösten Thal in einen neben Zincken passirten / höreten wir eine Trompet de Marin, welche wegen ihres gewaltigen Thons einer rechten Trompet nicht ungleich lautet / und gleichsam auß allen benachbarten Bergen und Wäldern von der unverdrossenen Echo gantz anmuhtig beantwortet wurde; Wir verwunderten / wer sich doch an diesem Ort unter den Bauren so lustig möchte hören lassen? Fragten auch deßwegen etliche Weiber die zu nechst an unserm Weg Häw dörreten; die berichten uns so gut sie kondten und verstunden / nemblich es wäre der Zimpelsüssus / der auff seiner grossen Klotz-Geige so auffmachte; Wir kondten aber hierauß nichts vernehmen / sonderlich wer der Musicus seyn möchte / und da wir so da stunden / und über die visirliche relation lachten / näherte sich Collybius der Handels-Herr und Laborinus ein Handwercks-Kerl (der jenem an statt eines Dieners auffwartete / und zugleich die Cur mit brauchte) beyde zu Athen wohnhafftig / zu uns; Collybius, nach dem er die Ursach unsers Gelächters verstanden / berichtet uns darauff / daß der weitberuffene Simplicissimus seine Wohnung allernechst vor uns hätte / welcher ohne Zweiffel auch der Spielmann wäre; Und nach dem Mons. Secundat von Collybio verstanden / daß er sich mit gemeltem Simplicissimo erst vor ein par Tagen bekandt gemacht / sagte er / so will ich ihn auch sehen und bekandt mit ihm werden / es koste was es wolle / derowegen giengen wir dessen Hoff zu;

Wir fanden ihn mit einem Buch in Händen / und eine junge heroische Dame auff Adelich bekleidet / (die auch eben damahls auff der Trompet de Marin striche) unter einer lustigen Linde im Schatten sitzen / und hättens vor sehr unhöfflich gehalten / sie beyde in ihrer conversation zuverstören / dafern Simplicius noch ein junger Buhler gewesen wäre / hatten sie auch bey solcher Beschaffenheit anzusprechen Bedenckens getragen / dafern uns Collybius nicht versichert / daß wir keine Ungelegenheit machen: sondern an Simplicissimo, bey dem wir alle willkommen seyen / einen rechtschaffenen offenhertzigen Teutschen finden würden / der so Leut- und holdselig sey / daß er umb anderer willen gern seine eigene Bequemlichkeit hindan setze.

So bald er uns sahe gegen ihm gehen / stund er auff / und kam uns auch entgegen; Secundatus legt die Complimenten ab; welche ungefährlich diß Jnhalts wären / die Begierde ihn zusehen / hätte ihn und seine Compagnia erkühnet / ihme zu besuchen / der Hoffnung / sie würden ihme keine Ungelegenheit machen; demnach sie ihn aber mit der Gesellschaft einer so außbündigen Schönheit beglücket angetroffen / wünschte er / daß sie ihre Hinkunfft biß auff ein andere Zeit versparet hetten / bittend ihm und seiner Gesellschaft diesen unversehenen Uberfall zuvergeben / wo er hingegen ihme wiederumb angenehme Dienste / etc. Simplicissimus antwortet / Es werde ihm hierdurch gantz keine Ungelegenheit zugefügt / sondern er hätte sich vielmehr der grossen Ehr zu erfrewen / die ihm wiederfuhre / wann er durch ehrlicher Leuthe so ansehenliche Besuchung gewürdiget werde; welches er mit nichts anders zubeschulden wisse / als daß er bitte / sie wolten in seinem Hauß und Hoff: auch ihme selbsten nach belieben befehlen / ob er vielleicht durch einige gefällige und gehorsame Dienstleistungen ihre Bemühung in etwas wiedergelten möchte; Jndessen hatte Collybius obengedachte Dam salutirt / welche eine ihm wolbekante Comœdiantin: und Coryphæa genandt war; Aber als er sahe / daß Simpl: mit Monsieur Secundato ausgeredet / begrüßt er ihn auch / und weil er schon bessere Kundschafft mit ihme hatte / als wir andere / sagte er zu ihm / Mein Herr / gebt doch GOtt die Ehr / und bekent / ob ihm oder Madamoiselle Coryphæa das gröste Leid wiederfahren / daß wir ihren Lust zerstöhret? Simpl. antwortet / was gegenwärtige Madamoiselle anbelangt / hat selbige diese Stund das erste mahl mit mir geredet / in dem sie mich umb herleyhung meines Trumscheids angesprochen; so kan ich ihr auch nicht ins Hertz sehen / zuwissen wann sie sich erfrewt oder beleidiget findet: kan mir aber leicht einbilden / sie werde lieber mit einem jungen Kerl der ihr bekandt / als mit einem alten Kracher wie ich bin / umbgehen / und also durch deß Herrn herkunfft wenig betrübt worden seyn: ob aber ich durch die sambtliche Compagnie beleidiget worden seye / hat gegenwärtiger Herr allbereit von mir zuvernehmen beliebt.

Als Monsieur Secundatus sahe / und auß Collybii und Simpl: discurs abgenommen / daß man viel offenhertziger und freyer reden und thun dörffte / als er sich wol wegen deß Simplicissimi scheinbarlicher gravität und ehrwürdigen Ansehens eingebildet / sagte er / Herr Simplici, es wäre nicht recht / wann wir ihn seiner ersten Bitt nicht gewähren solten / die da war / wir solten in seinem Hauß und auch ihme selbsten befehlen / darumb will ich den Anfang machen und hiemit befohlen haben / daß wir uns sämtlich unter jene Linde rings weiß zum Brunnen ins Grüne niedersetzen sollen / umb uns im Schatten mit einem annehmlichen und lustigen Gespräch zuergetzen.

Darauff setzte sich der Cavallier Martius Secundatus selbsten / neben ihm unser Kostherr Alcmæon, an ihn sein Weib Cidona, an deren Seite ihre Tochter Spes, neben selbige machte sich Simplicissimus, und sagte im niedersetzen zur Jungfrawen / diß Recht hat uns der König David gestifftet / daß nemblich alte Männer sich neben der Jungfrawen Seiten erwärmen mögen; neben ihn sasse Collybius der Kauffherr nider / weil aber die Comœdiantin Coryphæa, die fürwahr in keinem schlechten Kleid dort stunde / sich ich weiß nicht auß was für Ursachen im Angesicht anröthete / und solches Monsieur Secundatus wahr nahm / setzte er sie zu sich auff seine rechte Seite / sie umb verzeyhung bittend / daß er ihren ihre gebührende Stell nicht ehender einzunehmen verfügt hätte; Jn dem ich nun auch an Collybio der an Simplicissimo sasse / meine Stell nehmen wolte / hören wir hinder Simplicissimi Hauß und Stallung Leuth herfür kommen / deren freundlich Gespräch bey nahe einen balgen gleich lautende: Wir spitzten alle die Ohren / und sahen ohnlengst hernach Herrn Simplicissimi alten Knan in aller Erbarkeit daher tretten / welcher einen eben so alten Juden neben sich gehen hatte / so nach ihrem Brauch mit den Händen umb sich fochtelte / als wann er eine wichtige disputation außzuführen vorgehabt; Es war umb etliche orths-Thaler zuthun darumb sie beede noch stritten und vor Simplicium kamen / der darüber den Außschlag geben solte / als auß dessen Stall der Jud dem Knan ein par Mast-Ochsen abzukaufen im Werck begriffen; die Meuder folgete ihnen auff den Füssen nach / und warff mithin ihre Karten darunder; Simplicius gab dem Kauff und Verkauff gleich mit ein par Worten ein Endschafft / und fragte den Juden im Schertz / weil sichs die Red so gab / wie weit er noch hin hette reich zuwerden? Welches Secundatus beobachtet / und darauff zum Juden sagte: wann er hiervon Nachricht zugeben wüßte / so solte er sich zu uns niedersetzen / er aber wolte nicht / sondern wendete vor / daß es ihm nicht gebühre: Wilt du nicht / antwortet Se cundatus, so werffe ich dich den Berg hinunder? Vnd alß er sich hierauff noch sperrte / stund er auff / erwischte ihn beym Leib / und setzte ihn durch seine Stärcke mit Gewalt zwischen sich und Coryphæam; befahl darauff dem Knan / daß er sich neben Collybium: und mir / daß ich mich neben den Knan setzen solte: Alß solches geschehen / müßten die alte Meuder und Laborinus den Ring beschliessen / da die alte Meuder neben die Coryphæam, Laborinus aber zwischen mich und dieselbige zusitzen kam.

Es sahe in wahrheit recht lächerlich auß / weil sie so unterschidliche Leuth da beisammen befunden: Simplicius sagte / es ermahne ihn an ein besetztes Gericht / darinn Monsieur Secundat den Stab führe! Wolan / antwortet derselbe / so werden die Zwölffer dem Schultheissen gehorsammen und keiner ohne sein Erlaubnuß aufstehen / seinem Diener aber befahl er / daß er dem Würt sagen solte / so viel an Speiß und Tranck beyzuschaffen / daß die Sach nach geendigter Session und expedirten rathschlägen genugsam eröffnen könten / darbey er aber das beste in der Kuch nicht hinderhalten solte.

Jndessen hatten der Knan / die Meuder und der Jud wegen deß Kauffs noch alß mit einander zu kippelen und zu märzahlen: Jenes alte Par vermeinte Simpl. hatte dem Juden die Ochsen umb ein halben Thaler zu wolfeil hingegeben: Diser aber sagte / jau das Gelt ist jetzt tauwr! es mangelt an allen orten bey meiner Schamme / wann euch ein Metzger bey 10. fl. so viel darfür geben hette. Monsieur Secundat aber fieng an einen Schultheissen zu agieren / mit solcher Ernsthafftigkeit / daß ich mich deß Lachens schier nicht enthalten könte / und in dem er sich eines bottmässigen Gewalts annam / thet er an die gegenwärtige folgende proposition, deren wir / nach dem er mit seinem Stab an die Linde geschlagen / ein Stillschweigen damit zuverkünden / auch fleissig auffhorchten.

Jhr Herren / ihr Frauen / ihr Männer / ihr Weiber / ihr Junge Gesellen und Jungfrauen. Demnach wir hier versamlet seyn / nicht die edle unwiederbringliche Zeit vergeblich hinstreichen zulassen / sondern uns dieselbe durch annehmliche Gespräch zu unserer Ergetzung zu nutz zumachen: und aber unterdessen von Arone dem Hebræer unserem jetzmahligen Mitbeysitzer geklagt und lamentirt wird / daß das Gelt aller Orten werth / und derowegen überal ein grosse Armut seye / wie auch dessen nur mehr alß zuviel aller Orten her gute Kundtschafft haben; Alß ist mein Sinn und Meinung / daß wir hierüber rahtschlagen sollen und wollen / ob nicht Mittel zufinden seyen / dardurch / wo nicht dieser allgemeinen Klag gäntzlich abgeholffen / doch wenigst uns unter einander der Weg gezeiget werde / der mühseligen Armut zuentfliehen / und zu der angenehmen und holden Reichtumb zugelangen; Weil nun dieses ein löbliches und hochnutzliches Vorhaben / alß werden meine Herren Beysitzer / auch Frauen und Jungfrauen Beysitzerinen / sich nicht zuwider seyn lassen / anzugeloben / daß sie dißfahls nach ihrem besten Verstand das beste rahten / und mit Eröffnung ihrer Hertzen heimlichsten Concepten nichts verschweigen wollen / was zu diser Sach nutzlich und bequem seyn mag: Hierauff reicht er den Stab dem Alcmæon, der ihn anrühret / und an den anderen rund herumb / bis an den Juden / der schier nicht daran wolte / da ihm aber Monsieur Secundatus vom brüglen sagte / und wir ihn berichteten / daß dises gar kein Eyd / noch an Eydsstatt: sondern nur zur Kurtzweil angesehen were / griffe er auch an Stab / drauff fiel die Frag / durch was Mittel einer der Armut entfliehen und zur Reichtumb gelangen könte: Der erste / so votiren solte / war unser Kostherr / und damit der letztere nicht irr werde / wil ich ohne weitläuffige Umständ einer jeden Persohn Antwort und Sententz besonder setzen.


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