Franz Grillparzer
Libussa
Franz Grillparzer

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Fünfter Aufzug

Ländliches Gemach von querliegenden Baumstämmen gefügt. Im Hintergrunde zwei Mägde Libussas, die ein breites Tuch ausgespannt vor sich hinhalten, indes eine andre am Boden kniend mit einem Griffel eine bezweckte Form daran abzumessen scheint. Im Vorgrunde rechts ein Stuhl mit einem darangelehnten Spinnrocken. Dobromila, als eben von der Arbeit aufgestanden, steht daneben und sieht den im Hintergrunde Beschäftigten zu. Zu beiden Seiten Türen.

Wlasta (zur Türe links eintretend).
Ist eure Fürstin wach?

Dobromila.         Ah, Wlasta, du?

Wlasta. Und ist sie hergestellt von ihrem Siechtum?

Dobromila. Der Anlaß war so schön, und der Erfolg
Beglückt so überhoch, daß etwas Schwäche,
Schon als Erinnrung selber ein Genuß.

Wlasta. Ihr habt euch hier recht ländlich eingerichtet.

Dobromila. Der Fürst durchzieht das Land, und seine Gattin
Folgt ihm auf jedem Schritt, so daß zur Zeit
Hier diese Hütte unser Königsschloß.

Wlasta. Und seid beschäftigt auch. O Dobromila!
Du legtest kaum die Spindel aus der Hand.
Ihr seid herabgekommen gute Mädchen!

Dobromila. Wir sind vergnügt.

Wlasta.         Ich aber bin es nicht.
Mir widert der Befehl aus niederm Mund.
Drum ging ich zu den Schwestern deiner Frau
Auf Wischehrad. Zwar wohnt dort Langeweile,
Doch dient man gern wenn Hoheit heischt den Dienst.
Kann ich Libussa sprechen?

Dobromila.         Schau, sie selbst!

(Libussa kommt aus der Seitentüre rechts.)

Libussa. Ah, Wlasta, du bei uns! Was führt dich her?

Wlasta. Libussa, hohe Frau!

Libussa.         Dein Aug' ist feucht
Was nur erpreßt der Starken diese Tränen?

Wlasta (zeigt mit Gebärde auf die umgebenden Gegenstände).

Libussa. Ja so, du weinst um uns? Wir sind dir dankbar,
Man sagt kein irdisch Glück sei ungetrübt.
Nimmst du die Trübsal nun, statt uns, auf dich,
So freun wir uns um desto ungetrübter.

Wlasta. Der Abstand martert mich von einst auf jetzt.

Libussa. Ist dieser Abstand doch des Menschen Leben!
Von Kind zu Jungfrau, bis zuletzt das: jung,
Erst nur ein Wort, sich ablöst von der Frau:
Der einz'ge Name treu uns bis zum Tode.

Wlasta. Du weichst mir aus; ein Zeichen daß du's fühlst.
Mein Jammer ist, daß ich die Hohe, Hehre
Muß unterwürfig sehn dem Sohn des Staubs.

Libussa. Du sprichst von Primislaus? O gutes Mädchen,
Wär' irgend Schmerz in meinem vollen Glück,
So wär' es, daß mein Gatte jeden Strahl
Der Hoheit rücklenkt auf mein eignes Haupt;
Daß wie ein Träger anvertrauter Macht,
Wie ein Verweser nur von fremdem Gut,
Er nie sich fühlt als Herr und als berechtigt.

Wlasta. Doch scheint mir was geschieht ist meist sein Wille.

Libussa. Es ist so, ja. Doch weißt du auch warum?
Er hat fast immer recht. Wir haben, Mädchen,
Die Macht geübt zu eigenem Genuß.
Wir pflückten ab die Blumen alles Guten,
Er geht vom Stamm herab bis zu der Wurzel,
Und schon des Samenkornes hat er acht.
Wir fühlten in dem fremden Glück das eigne,
Er liebt im fremden fast das fremde nur,
Das Edle selbst, das wohltut höherm Sinn,
Weist er zurück und duldet das Gemeine
Wenn allgemein der Nutzen und die Frucht.
Drum wo uns Widersetzlichkeit gedroht,
Dort findet er Gehorsam. Jeder hilft
Teilnehmend am Vollbringen, am Vollbrachten.
Es ist so schön für andere zu leben!
Lebt er für sie, warum nicht ich für ihn?

Wlasta. Doch deine Schwestern sind nicht gleichen Sinns,
Sie fühlen noch die angestammte Hoheit
Und es belästigt sie die neue Zeit.
Im Walde, wo ihr Schloß, ertönt die Axt,
Der tausendjähr'gen Eichen Stämme fallen
Zu niedrigem Gebrauch. Der Felsen Innres
Durchwühlt der Eigennutz und sprengt die Fugen,
Dem Licht verflossen seit dem Schöpfungstag,
Um Steine sich zu brechen fürs Gehöft,
Für seiner Herde schmutzige Umfriedung.
Sie aber, deine Schwestern, wollen einsam
Und ungestört vom lauten Pöbelschwarm
Dem geist'gen Anschaun leben, der Betrachtung.

Libussa. Ich sag es meinem Gatten, kehrt er wieder,
Wenn irgend möglich, stellt er's hilfreich ab.

Wlasta. Wenn möglich nur? Was wär' der Macht unmöglich?

Libussa. Das Unvernünft'ge, Kind, und was nicht billig.

Wlasta. Bezweifelst du ihr Recht und ihre Hoheit?

Libussa. Ich zweifle nicht und liebe nicht zu zweifeln.
All was sich selbst gemacht im Lauf der Dinge
Dünkt als natürlich mir zugleich im Recht.
Mein Gatte aber prüft und untersucht
Und jeder Anspruch muß ihm Rede stehn
Als allen nützlich in der Hand des einen.
Allein mich deucht er selber kehrt zurück;
Vereinen wir denn beide unsre Bitten.

(Primislaus kommt.)

Primislaus. Libussa, hohe Frau!

Libussa.         Nimm als Entgegnung:
Mein hoher Gatte; somit Herr der Frau.

Primislaus. Wir haben uns geplagt den langen Morgen,
Der Tag ist heiß, fast fühl ich mich ermüdet.

Libussa. So sitz!

Primislaus.         Hier ist kein zweiter Stuhl für dich.

Libussa. Wohlan denn: so befehl ich dir zu sitzen,
Und du befiehl, daß ich hier steh bei dir.
Nimm dieses Tuch, ich trockne dir den Schweiß.

Primislaus (der sich gesetzt hat und die Stirne trocknet).
Wir waren früh am Werk und gingen rastlos,
Ich und die Ältesten, rings durch die Gegend.
Und sahen uns den Ort und seine Lage.
Weißt du denn auch? wir bauen eine Stadt.
Wenn du's genehmigst nämlich und es billigst.

Libussa. Sag mir vorerst: was nennt ihr eine Stadt?

Primislaus. Wir schließen einen Ort mit Mauern ein
Und sammeln die Bewohner rings der Gegend,
Daß hilfreich sie und wechselseitig fördernd
Wie Glieder wirken eines einz'gen Leibs.

Libussa. Und fürchtest du denn nicht, daß deine Mauern,
Den Menschen trennend vom lebendigen Anhauch
Der sprossenden Natur, ihn minder fühlend
Und minder einig machen mit dem Geist des All?

Primislaus. Gemeinschaft mit den wandellosen Dingen
Sie ladet ein zum Fühlen und Genießen,
Man geht nicht rückwärts lebt man mit dem All;
Doch vorwärts schreiten, denken, schaffen, wirken
Gewinnt nach innen Raum, wenn eng der äußre.

Libussa. Doch sind die Menschen strenggeschiedne Wesen,
Ein jeder ist ein andrer und er selbst;
Die enge Nähe, störende Gemeinschaft
Schleift ab das Siegel jeder eignen Geltung,
Statt Menschen hast du viele die sich gleich.

Primislaus. Was jeder abgibt geben auch die andern
Und so empfängt der eine tausendfach.
Es ist der Staat die Ehe zwischen Bürgern,
Der Gatte opfert gern den eignen Willen,
Was ihn beschränkt ist ja ein zweites Selbst.

Libussa (die Hand auf seine Schulter legend).
Wohl, ich verstehe das mein Primislaus,
Und also bau nur immer deine Stadt.
Allein warum denn hier, an dieser Stelle,
Wo manchen sie belästigt und beirrt?

Primislaus (aufstehend).
Siehst du, die Moldau, dieses Landes Ader,
Die blutverbreitend durch den Körper strömt,
Hier hat versammelt sie all ihre Quellen
Und breitet sich in weiten Ufern aus.
Noch weiter unten fließt sie in die Alb,
Mit der vereint sie durch die Berge bricht,
Die scheiden unser Land vom deutschen Land
Und strömt mit ihr, so sagt man, bis ins Meer.
Steht unsre Stadt nun hier, so baun wir Schiffe
Und laden auf des Landes Überfluß
An Frucht, an Korn, an Silber und an Gold.

Libussa. So achtest du das Gold?

Primislaus.         Ich nicht, doch andre,
Und andern eben bieten wir es dar.
So schafft uns Tausch was hier noch etwa fehlt.

Libussa. Genügsamkeit ist doch ein großes Gut!

Primislaus. Befriedigt ist das Tier nur und der Weise,
Den Menschen, die gleich mir und gleich den meisten
Ward das Bedürfnis als ein Reiz und Stachel
Von ew'gen Mächten in die Brust gelegt,
Bedürfnis das sich sehnt nach der Befried'gung
Und dort auch noch zu neuen Wünschen keimt.
Hat auch das Land was ihm zur Not genug;
An unsern Grenzen wohnen andre Völker,
Die streben vor und mehren ihre Macht.
Das Viel und Wenig liegt in der Vergleichung
Und in der Truhe mindert sich der Schatz.
Wer Hundert hat und sich damit begnügt,
Er hat's nicht mehr, zählt jeder Nachbar Tausend.

Nebstdem ist dieses Werk nicht mehr mein eignes.
Des Landes Älteste die mich begleitet
Als wir umschritten rings den weiten Raum,
Sie haben sich, einstimmend meinen Gründen,
Gesamt erklärt für diesen selben Ort.

Libussa. So hältst du sie für weiser denn als dich?

Primislaus. Ich weiß nicht. Etwa nein. Allein, Libussa,
Wenn wir das Ganze besser überschaun,
Verstehn die einzelnen was einzeln besser
Und ihren Rat nicht acht ich ihn gering.
Dann, glaubst du nicht, daß wenn sie eingewilligt,
Mit Doppelkraft sie an die Arbeit gehn?
Nicht nur den eignen Nutzen liebt der Mensch,
Die eigne Meinung hat ihm gleichen Wert,
Er hilft dir gern, sieht er im Werk das seine.

Ja selbst der Himmel, scheint's, stimmt mit uns ein.
Wir gingen lang, ich und die Ältesten,
Die zögernd folgten, Zweifel in den Blicken,
Ihr ganzes Wesen ein vernehmlich: Nein,
Da schallt mit eins der Wald von Axtesschlägen
Und einen Mann gewahren wir, der rüstig
Sich einen Eichbaum fällt mit voller Kraft.
Wir fragen ihn wozu das Werkstück solle?
Da sagt er: Prah! was in des Volkes Munde
So viel als Schwelle heißt, des Hauses Eingang.
Daß uns nun beim Beginn des neuen Werks
Die Schwelle gottgesandt entgegenkomme,
Das fiel die Männer, wie von oben, an.
Hier soll sie stehn, so riefen sie, die Stadt,
Und Praga soll sie heißen, als die Schwelle,
Der Eingang zu des Landes Glück und Ruhm.

Libussa. Die Schwelle, das ist gut.

Primislaus.         Nicht wahr, Libussa?
Ich seh es glühen hoch in deinem Auge,
Wir stehn auf deines Geistes Machtgebiet.
Man schelte mir die Vorbedeutung nicht!
Wenn irgendein Gedanke, tatenschwanger
Und einer Zukunft wert, entsteht im Menschen,
Dann sammeln sich nicht nur die eignen Kräfte,
Daß Geist und Leib vereint im selben Punkt,
Auch die Natur, die roh gedankenlose,
Sie fühlt den Anhauch eines geist'gen Wehns
Und eilt als Mittel sich dem Werk zu fügen,
Anteil zu nehmen an der edlen Tat.
Was weit entfernt und scheinbar widersprechend
Es nähert sich, gibt auf den Widerstand,
Das Unerklärte schimmert von Bedeutung,
Und eine Seele wird ihm der Gedanke,
Um den sich schart was feindlich sonst und starr.
Da mag denn auch, vorahnend was geschieht,
Wie einer schweigend nickt wenn man ihn frägt,
Die Körperwelt durch Bild und Vorbedeutung
Andeuten was erlaubt und ihr genehm.


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