Franz Grillparzer
Libussa
Franz Grillparzer

 << zurück weiter >> 

Domaslav. Mir deucht, der Mann hat recht.

Lapak.         Mir scheint's nicht minder.

Biwoy. So hätten wir das Rätsel denn!

Primislaus.         Das Wort,
Allein die Sache nicht. Sie will das Bildnis.
»Hinzufügt was, indem man es verlor«
Und wie es weiter heißt. Sie will die Sache.

Biwoy. Allein wie finden wir die Sache nun?

Primislaus. Ein Mittel wär' vielleicht. Was gebt ihr dem,
Der euch das Bildnis schafft nach dem ihr strebt?

Lapak (leise zu ihm).
Ein Kornmaß Silber, bringt er's heimlich mir.

Domaslav (ebenso).
Mein Schloß in Kresnagrund, wird's mir zuteil.

Biwoy (laut).
Werd' ich der Böhmen Herzog, all mein Eigen.

Primislaus. Das ist versprochen viel, gegeben wenig.
Erkenntlichkeit ist ein gar schwankend Ding.
Wer zielt, drückt das Geschoß an Brust und Wange,
Doch wenn er traf, wirft er's verächtlich hin.
Die Kette hier ist Gold, und Gold genug
Hat Böhmens Fürstin, habt ihr Herren auch;
Mir wär's ein reicher Schatz. Gebt mir die Kette,
So schaff ich euch das Bild.

Lapak.         Nicht so, nicht also.

Biwoy. Wir wollen beides, Bild und Kette.

Domaslav.         Ja.

Primislaus. Wer auf den Markt geht, der steckt Geld zu sich.
Für nichts ist nichts. Und somit Gott befohlen!

Domaslav. So habt Ihr selbst das Bild?
(Leise zu den übrigen.)
        Wir sind zu drei'n,
Vielleicht daß mit Gewalt –

Primislaus.         Wer's nun besitzt!
Der Ort der es verbirgt ist mir bekannt,
Und wer mich schädigt bringt sich um den Schatz.
(Die Hand an ein dolchartiges Messer in seinem Gürtel gelegt.)
Nebstdem daß ich nicht wehrlos, wie ihr seht.

Domaslav. Es sei darum! Doch was soll dir die Kette?

Primislaus. Vielleicht als Zeichen dessen was geschah,
Als Bürgschaft auch vielleicht für euern Dank;
Denn – wiederum vielleicht – geb ich sie später
Für einen Lohn der höher als sie selbst.

Biwoy. Der Handel ist geschlossen. Nun das Bild!

Primislaus (mit Erwartung erregenden Gebärden gegen die auf dem Kissen liegende Kette gewendet).
Wohl denn, ihr Herrn, betrachtet mir das Kissen.
Die Klugheit gilt gar oft als Zauberkraft,
Und ist's auch oft. – Ihr seht – O weh, es fiel!
(Während die Augen der Wladiken auf das Kissen gerichtet sind, hat er das Bild aus der Brust gezogen und in die linke Hand genommen. Jetzt stößt er, die Kette mit der rechten Hand fassend, das Kissen von dem Felsstück herab, so daß es nach rückwärts fällt, und gleichzeitig läßt er das Bild in derselben Richtung fallen.)
Und hier das Bild.

Domaslav.         Es ist's.

Lapak.                 Ich sah's zuerst.

Domaslav. Ich hab's zuerst ergriffen.

Biwoy.         Nun, und ich?
Man wird mir meinen Teil doch nicht bestreiten?

Domaslav. Doch ob's das rechte nun?

Biwoy.         Ja wohl, laßt sehn!

(Sie stehen seitwärts gewendet, das Bild betrachtend, das sie sich wechselweise aus der Hand nehmen.)

Primislaus (die Kette in den Busen steckend).
Ich nehme meinen Lohn, der mir ein Zeichen
So gut wie jenes andre. Und Libussa
Sie wird erinnert. Hoffnung bleibt wie vor.
(Er entfernt sich nach der linken Seite.)

Domaslav (das Bild in der Hand haltend).
Hier steht es: Krokus hier.

Lapak.         Und hier Libussa.

(Sie wenden sich um.)

Wo aber blieb der Mann?

Domaslav.         Und wo die Kette?
(Ans Schwert greifend.)
Verräterei!

Biwoy.         Verräter? Und warum?
Der Handel ward geschlossen: ihm die Kette
Und uns das Bild. Er ist in seinem Recht.
Wir haben was wir suchten. Laßt uns heim;
Libussa muß nun wählen unter uns,
Die sie verbannt, vielleicht für immer glaubte.
Und sucht sie Ausflucht etwa weiter noch,
Bleibt uns das Schwert.

Lapak.         Und was selbst Schwache schützt:
Vereinigung.

Biwoy.         Recht gut, fühlt ihr euch schwach,
Ich nicht. – Du Knabe dort, komm nur herbei

(der Knabe kommt vom Hintergrunde links)

Nimm jenes Kissen auf. Und lach nicht wieder,
Wie du vorerst getan.
(Das Bild auf das Kissen legend.)
        Hier ist das Rätsel,
Das auch die Lösung ist. Nun lachen wir.
Es soll sich manches ändern hier im Land
Und auch in euerm Haus, geliebt's den Göttern.
Der Fürstin Weisheit ehr ich; doch ein Mann,
Es hat doch andern Schick!

Die beiden.         Ja wohl!

Biwoy (sich mit einem verächtlichen Blick von ihnen wendend und dem Knaben folgend).
                Nur vorwärts!

(Die beiden andern, hinter ihm hergehend, reichen sich die Hände, indem sie ihr Mißtrauen gegen ihn und ihr Einverständnis durch Gebärden ausdrücken.)

Verwandlung

Platz vor Libussas Schlosse wie zu Anfang des Aufzuges.

Libussa kommt mit Gefolge. Auf der entgegengesetzten Seite, links im Hintergrunde, haben sich mehrere Männer aufgestellt.

Libussa. Setzt mir den Stuhl heraus; ich will ins Freie.
Vielmehr nur: sattelt mir das weiße Roß,
Dasselbe das mich einst nach Budesch trug,
In jener Nacht, als bei des Vaters Scheiden
Ich Herrin, Sklavin ward von diesem Land.
Wer sind die Leute dort?

Wlasta.         Die Streitenden
Von heute morgen.

Libussa.         Und sie streiten noch?
Und einen Markstein gilt's, den man verrückt?

Einer der Streitenden. Hier dieser hat's getan!

Libussa.         Sahst du's?

Derselbe.                 Ich sah es nicht.

Libussa. Und sahen's andre?

Der nämliche.         Nein.

Libussa.                 Und zeihst den Bruder
Des Frevels doch? Vergleicht euch!

Der Zweite.         Wohl, ich will.

Der Erste. Ich nicht.

Libussa.         Und wenn ich dreifach Land dir gebe
Für das was du verlierst?

Der Erste.         Ich will mein Recht.

Libussa. Von allen Worten, die die Sprache nennet,
Ist keins mir so verhaßt als das von Recht.
Ist es dein Recht wenn Frucht dein Acker trägt?
Wenn du nicht hinfällst tot zu dieser Frist,
Ist es dein Recht auf Leben und auf Atem?
Ich sehe üb'rall Gnade, Wohltat nur
In allem was das All für alle füllt,
Und diese Würmer sprechen mir von Recht?
Daß du dem Dürft'gen hilfst, den Bruder liebst,
Das ist dein Recht, vielmehr ist deine Pflicht,
Und Recht ist nur der ausgeschmückte Name
Für alles Unrecht das die Erde hegt.
Ich les in euren Blicken wer hier trügt,
Doch sag ich's euch, so fordert ihr Beweis.
Sind Recht doch und Beweis die beiden Krücken,
An denen alles hinkt was krumm und schief.
Vergleicht euch! sonst zieh ich das Streitgut ein
Und lasse Disteln säen drauf und Dornen
Mit einer Überschrift: Hier wohnt das Recht.

Erster Streitender. Doch du erlaubst, o Fürstin, daß den Anspruch
Wir Männern unsersgleichen legen vor.

Libussa (sich wegwendend).
Wenn Gleiches sie begehren sind sie gleich,
Doch Gleiches leisten, stört mit eins die Gleichheit.

(Die drei Wladiken kommen mit dem Knaben der das Kissen trägt.)

Noch mehr der Toren! Wollt ihr auch ein Recht?

Domaslav. Ja Fürstin, ja; und zwar auf deine Hand.

Libussa. Nicht mehr als das? Fürwahr ihr seid bescheiden.

Lapak. Gelöst ist die Bedingung, die du setztest.

Domaslav. Wir haben was du fordertest. Hier ist's.
(Auf das Kissen zeigend.)

Libussa. So habt ihr ihn getötet?

Biwoy.         Wen?

Libussa.                 Den Mann
Der es besaß.

Biwoy.         Er lebt.

Libussa.                 Und gab's?

Domaslav.                         Für Gold.

Libussa. So ist er auch denn wie die andern alle:
Ein Sklav' des Nutzens; nur der Neigung Herr,
Um etwa mit Gewinn sie zu verhandeln,
Fahr hin o Hoffnung! erste, letzte du.

Der erste der Streitenden (zu den Wladiken herüberrufend).
Nehmt euch, ihr Herrn, der Unterdrückten an!

Libussa (zu ihm).
Geduld mein Freund! Ich werde, will dich richten,
Verhärtet wie ich bin, paßt mir das Amt.
(Zu den Wladiken).
Er nahm das Gold freiwillig?

Biwoy.         Ja, die Kette.

Libussa. Dieselbe die ich gab? Sie fehlt.

Biwoy.         Er hat sie.

Libussa. Und ihr, ihr überließt –?

Biwoy.         Es war der Preis,
Den er, trotz höherm, einzig nur verlangte.

Libussa. Habt Dank! – Der Mann ist klug. Wohl edel auch.
Befreit mich von der Werbung dieser Toren,
Erinnert mich an meinen Dank, und hat
Was ihn als Gegenstand des Danks bezeichnet.
Wo ist der Mann? Bringt her ihn!

Lapak.         Er ist fern.
Den Schiedspruch kaum getan, war er verschwunden.

Libussa. Wohl also stolz auch. Gut, ich liebe Stolz,
Zumal wenn er in eigner Höhe sucht
Den Maßstab, nicht in fremder Niedrigkeit.
Verschmäht er meinen Dank? Ich will ihn sehn.

Lapak. Doch erst entscheide, Fürstin, unsern Anspruch.

Libussa. Wozu entscheiden was entschieden schon?
Halb habt ihr nur erfüllt des Spruches Sinn.
Verboten ward zu teilen, ihr teilt mit
An einen Fremden was euch ward zu hüten.
Hinzuzufügen galt's was man verlor,
Ihr aber, statt des Ganzen, bringt den Teil.
Halb habt ihr nur erfüllt, drum halb der Lohn.
Werbt wie bisher und bleibt an meinem Hof.

Domaslav. Wir sind betrogen.

Biwoy.         Sagt' ich's nicht?

Der erste der Streitenden (der indessen mit seinem Gegner gehadert).
Mein Recht!
Ich will mein Recht. O wäre hier ein Mann,
Der ernst entschiede wo es geht um Ernstes.

Mehrere (mit Domaslav und Biwoy).
Ja wohl: ein Mann, ein Mann!

Libussa.         Da lärmen sie,
Und haben, fühl ich, recht. Es fehlt ein solcher.
Ich kann nicht hart sein weil ich selbst mich achte.
Den Zügel führ ich wohl mit weicher Hand,
Doch hier bedarf's des Sporns, der scharfen Gerte.

Wohlan ihr Herrn, ich geb euch einen Mann.
(Da die drei Wladiken näher treten.)
Glaubt ihr von euch die Rede? Dermal nicht.
(Wieder vor sich hin sprechend.)
Du dünkst dich klüger als Libussa ist?
Ich will dir zeigen, daß du dich betrogen.

Dem Fischer gleich wirfst du die Angel aus,
Willst ferne stehn, belauernd deinen Köder.
Libussa ist kein Fischlein das man fängt.
Gewaltig wie der fürstliche Delphin
Reiß ich die Angel dir zusamt der Leine
Aus schwacher Hand und schleudre dich ins Meer,
Da zeig denn ob du schwimmen kannst, mein Fischer.
(Zu dem Volke.)
Da gilt es denn den Mann euch zu bezeichnen,
Der schlichten soll und richten hier im Land,
Und nahe stehn, wohl etwa nächst der Fürstin.

Ich habe lang zu euch Vernunft gesprochen,
Doch ihr bliebt taub; vielleicht horcht ihr dem Unsinn,
Ob scheinbar oder wirklich gilt hier gleich.

Seht hier das Roß, denselben weißen Zelter,
Der mich nach Budesch trug an jenem Tag,
Da ich nach Kräutern suchend fand die Krone.

Führt ihn hinaus am Zaum zu den drei Eichen,
Wo sich die Wege teilen in den Wald,
Dort laßt den Zügel ihm und folgt ihm nach,
Und wo es hingeht, suchend seinen Stall
Und früherer Gewohnheit alte Stätte,
Dort tretet ein. Ihr findet einen Mann
In Pflügerart, der – da es dann wohl Mittag –
An einem Tisch von Eisen tafelnd sitzt
Und einsam bricht sein Brot. Den bringt zu mir.
Das ist der Mann, den ihr und ich gesucht.
Was jetzo leicht und los das macht er fest,
Und eisern wird er sein so wie sein Tisch
Um euch zu bändigen, die ihr von Eisen.
Die Luft wird er besteuern, die ihr atmet,
Mit seinem Zoll belasten euer Brot,
Der gibt euch Recht, das Recht zugleich und Unrecht
Und statt Vernunft gibt er euch ein Gesetz,
Und wachsen wird's wie alles mehrt die Zeit,
Bis ihr für euch nicht mehr, für andre seid.
Wenn ihr dann klagt, trifft selber euch die Klage,
Und ihr denkt etwa mein und an Libussens Tage.

(Indem sie mit einem leichten Schlage das Pferd zum Gehen ermuntert und die übrigen zu beiden Seiten Raum machen, fällt der Vorhang.)


 << zurück weiter >>