Franz Grillparzer
Libussa
Franz Grillparzer

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VERWANDLUNG

Der Thronsaal wie im dritten Aufzuge, im Mittelgrunde durch einen Vorhang abgeschlossen. Es ist dunkel.

Primislaus' Stimme (hinter dem Vorhange).
Beschützen mich die Götter! Fort die Hände!

(Er kommt hinter dem Vorhange hervor, gefolgt von mehreren schwarz gerüsteten Männern.)

Primislaus. Laßt ab! – Der Boden schwankt, die Sinne schwindeln.
Aus steiler Höhe rasch herabgeglitten,
Schlägt noch die Erde Wellen unter mir
Und die Bewegung setzt sich fort ins Innre.
Ich könnte sagen, tun, was fremd mir selbst.

Nun ist es wieder gut. Nun kommt nur an!
Was wollt ihr und was fordert man von mir?

Ihr schweigt? Sind eure blanken Schwerter Worte?
Und heischt mein Leben eure milde Frau?
O Güte, Güte, himmelsgleiche Güte
Wie preist dich hochentzückt ein ganzes Land!
Ich aber nenn es Willkür, Weiberlaune,
Die nur geleitet durch ein blind Gefühl
Hier ausgießt ihres Füllhorns Überfluß
Weil der Empfänger nah, weil er genehm,
Weil ihm ein dunkles Etwas Gunst verleiht,
Dort wieder nimmt, weil doch parteiisch Geben
Ein Geben und ein Nehmen ist zugleich.
Es ist die Welt kein traumgeschaffner Garten
Wo Duft und Farbenglanz den Platz bestimmt,
Die Rose Königin und Raute, Lattich
Das Unkraut, das man austilgt mit dem Fuß.
Ein Ungefähr verlieh mir Wert und Huld,
Doch beides nimmt ein launisch Zürnen wieder.
Und wenn Freigebigkeit aus Himmelshöhn
Hernieder stiege zu der armen Erde,
Sie müßte stehen menschlichem Ermessen
Und Antwort geben, wenn gefragt: warum?
Ich will gewogen sein mit gleicher Waage,
Wie hoch mein Anspruch und wie tief mein Fehl.
Der Willkür fügt kein Freier sich, kein Mann.

Ich sehe Ketten dort in euern Händen
Hier sind die meinen, legt mir Fesseln an!
In Turmesnacht, von Lebenden geschieden
Will ich das Loblied singen eurer Frau,
Mich selber richten, daß ich ihr vertraut.

Dir scheinen Ketten zu gelinde Strafe,
Ich seh's, du zückst das Schwert auf meine Brust.
Wohl weiß ich was ihr wollt, was ihr begehrt;
Ich aber sagte: nein, und sag es noch.
War's auch ein Spiel nur, ein verwegner Scherz,
Den Übermut zu bändigen durch List,
Den Anspruch mir zu wahren, der mein Recht,
Auf eurer Fürstin Dank und Anerkennung.
Hab ich's verweigert, so verweigr' ich's noch,
Mein Leben setz ich ein für meinen Willen.
Stoß, Mörder, zu! ich bin in eurer Macht,
Der Götter Schutz vertrau ich meine Seele.

(Er sinkt auf ein Knie und verhüllt die Augen mit der Hand. – Libussa ist von der linken Seite eingetreten. Auf ihren Wink haben sich die Gewaffneten hinter den Vorhang zurückgezogen. Sie klatscht in die Hände und von den Seitenwänden schieben sich Armleuchter mit brennenden Kerzen vor. Es ist licht. – Primislaus emporblickend.)

War das das Zeichen blutigen Vollzugs?

Du selber bist's? So traf mich schon der Stoß
Und wall ich jenseits in den sel'gen Fluren,
Wo uns der Wunsch erfüllt entgegenkommt?
Wo dieser Erde Druck und bittres Leiden
Als Kranz sich windet um der Sel'gen Haupt?
Du bist es nicht, du bist dein eigner Schatten,
Sei mir, dem gleichen Schatten, denn gegrüßt.

Libussa. Du lebst, doch leb auch ich. Ich bin Libussa
Und rühme mich Gerechten als gerecht.
Du hast mich schwer beschuldigt und ich komme
Dir Rede stehen, zu verteid'gen mich.

Primislaus. Verteid'gen dich? Bist du denn nicht die Hohe,
Die Himmlische, den hohen Göttern ähnlich?
So wie die Sonne, wenn sie Wolken zog
Und Blitz auf Blitz den Horizont durchschneidet,
In Finsternis sich hüllt die bange Welt;
Kaum daß durch eine Spalte des Gewölks
Sie vortritt in der ewig gleichen Schöne,
Das All die holde Dienstbarkeit erkennt,
Vergessen fast im Segen der Gewohnheit –
Bist du am offenbarsten wenn verhüllt
Und trägst die Krone wenn du sie verleugnest.

Libussa. Nun sprichst du so, nachdem du lang verweigert.

Primislaus. Dem kränkenden Befehl.

Libussa.         Nun denn: ich bitte.

Primislaus. Hört ihr's ihr Mauern? Hörst du's laue Luft,
Die Wärme nimmt von ihrer Glieder Wärme?
Wir waren, o verzeih, setz ich dich gleich,
Wir waren wie die Kinder wenn sie schmollen,
Wegweisend was der Wunsch zumeist begehrt.

Nun fort auch jeder Anspruch, jedes Recht,
All was nicht Demut ist und Unterwerfung.
Womit ich binden wollte deine Huld,
Nimm es zugleich mit dem Gebundnen hin.
(Er hat das Kleinod aus der Brust gezogen und bietet es dar.)
O wären diese Hände Purpurkissen,
Um würdig dir zu bieten was das Deine.

Libussa. Die Hälfte deines Anspruchs wahrst du doch.
Es fehlt ein Teil, der voll erst macht das Ganze.
Ich muß dich klug, muß dich verständig nennen,
Doch minder edel deucht mich was du tatst.
Sprich, ist es zart, wie's gegen Frauen ziemt,
Vorzuenthalten was ihr Wunsch begehrt,
Und sich durch List zu sichern was nur Gunst,
Nicht Recht noch Schlauheit eignet zum Besitz?

Primislaus. Ich gab es ja, gab's schon bei meinem Eintritt.

Wir sind am selben Ort der mich empfing.
Hier stehn die Blumen, meiner Armut Gabe,
Die man als wertlos nicht vom Ort verrückt.
So kommt denn ihr, gebt Zeugnis meinen Worten!
(Er hat den Korb aufgenommen.)
Den Sinnspruch hast du dennoch nicht erraten!
        Unter Blumen liegt das Rätsel
        Und die Lösung unter Früchten.
        (Er stürzt den Korb zu ihren
        Füßen auf den Boden.
        Die Kette liegt obenauf.)

        Wer in Ketten legte, hat sie,
        (zurücktretend)
        Der sie trägt, ist ohne Kette.
Und nun erlaube, daß gleich einer Magd
Ich wieder füge was der Zufall trennte.
(Er setzt sich auf die unterste Stufe des Thrones, indem er die Kette trennend, das Mittelkleinod einfügt.)
        Wer mir die Kette teilt,
        Allein sie teilt mit keinem dieser Erde,
        Vielmehr sie teilt, auf daß sie ganz erst werde;
        (mit erhobener Stimme)
        Hinzufügt was, indem man es verlor,
        Das Kleinod teurer machte denn zuvor.
O wüßtest du was mir bei diesem Wort
Für Hoffnungen durch meine Seele stürmten!
Ich war ein Tor! – Dein Auftrag nun erfüllt,
Leg ich mein Werk zu deinen Füßen nieder
Und kann nun scheiden ohne Schuld und Fehl.
(Er legt das Geschmeide auf die Blumen am Boden.)

Libussa. Noch einmal nenn ich klug dich und auch edel.
Bleib hier! Es will das Volk bestimmte Sprüche.
Was mir der Geist, in Ahnungen verhüllt
Und in Erinnrung an des Vaters Weisheit'
Mit unbewiesner Sicherheit verkündet,
Sie wollen's prüfen, wollen es begreifen
Und ihres eignen Richters Richter sein.
Sei du der Übertrager meiner Worte,
Kleid ihnen ein wie's ihrer Fassung ziemt,
Was ich errate mehr, als faßlich denke,
Und erst als heilsam sich als wahr bewährt.

Primislaus. Du bist umworben von des Landes Höchsten,
Bald steht ein Gatte, Fürstin, neben dir.
Mein Leben und mein Blut sind dir erbötig;
Doch dien ich keinem Mann.

Libussa.         So glaubst du wirklich,
Die Toren träfe jemals meine Wahl?

Primislaus. Doch wenn das Land nun unterstützt die Werbung?

Libussa. So wirb auch du, ob hoffnungslos wie sie.

Primislaus. Sie sind, noch einmal, dieses Landes Beste.
Ich bin der Letzten einer, ohne Schutz.

Libussa. Du bist so machtlos nicht als du wohl glaubst.
Weißt du? – Und eben deshalb kam ich her,
Trotz jenes Scherzes, erst im Turm, mit Wlasta.
Ich weiß es war nur Scherz, doch war er frech
Und er verdiente wohl ein längres Zürnen.
Doch kam ich her ob wirklicher Gefahr.
Weißt du? Das Volk steht draußen vor den Toren,
Sie glauben dich in Haft, bedroht dein Leben
Und fordern dich zurück mit Wut und Trotz.

Primislaus. Ist hier kein Schwert? Wo sind die Waffenmänner,
Die kurz vorher sich feindlich mir genaht?
Ich will hinaus! ich will den Aufruhr lehren,
Daß rohe Macht nur Macht ist im Gehorsam
Und Niedres sich vor Höherm willig beugt.

Libussa. Da wäre ja der Schützer den ich brauche!
Du bist ein Mann, dir folgen sie wohl willig,
Sehn sie in dir das Bild doch des Geschlechts.
Hartnäckigkeit hat dich als Mann bewiesen.

Primislaus. Wenn du Beharrlichkeit statt dessen sagst,
Hast du genannt vielleicht den einz'gen Vorzug
In dem die Frau nachsieht dem festen Mann.

Libussa. Weshalb euch denn die Herrschaft auch gebührt?
Doch wär' ich nun beharrlich so wie du,
Und legte von mir dieses Landes Krone,
Und ließe die Beharrlichen beharren
In ihres Trotzes ungezähmter Gier?

Primislaus. O tu's, Libussa, tu's! Sei wieder jene
Als die du mir im Walde dort erschienst;
Der Rasenplatz dein Reich, und deine Krone
Du selbst, mit dir als Edelstein geschmückt.
Hüll wieder dich in meiner Schwester Kleider,
Dieselben die ich oft ans Herz gedrückt,
Als freilich eines andern Körpers Hülle,
Der minder schön, doch nahe mir wie du.
Siehst du? wie hart ihr seid und karg und selbstisch?
Ich gab dir alles was mein Eigentum,
Mein treues Roß, der Schwester heil'ges Erbe
(Das Geschmeide mit dem Fuße berührend.)
Und ihr, ihr marktet um den blanken Tand,
Der kaum ein Tausendteil von deinen Schätzen.

Libussa. Es ist des Vaters teures Angedenken.

Primislaus. Ich hasse deine Eltern, deine Schwestern,
Die Wurzel und den Stamm – bis auf die Blüte.

Libussa. Wohl gar auch mich?

Primislaus.         Auch dich, sagt' ich beinah.
Weil ohne Worte du versprichst, und sprechend
Der Sprache deiner Anmut widersprichst.

Und dennoch warst du mein, in meiner Macht,
Als Zeuge nur die Luft und jene Bäume.
Die Tat war ehrfurchtsvoll, doch die Gedanken
Sie haben räuberisch an dir gesündigt.
Als ich aufs Pferd dich hob, bei jedem Straucheln
Dir Hilfe bot, da fühlt' ich deine Nähe.
Den unberührten Leib hab ich berührt,
Ich weiß wie warm die Pulse deines Lebens,
Und wer dich freit, wer dich von dannen führt,
Ich werd' ihm sagen: du bist nur der Zweite,
Den Vorschmack deines Glücks hab ich gefühlt.

Libussa. Ich werde zürnen wenn du achtlos sprichst.

Primislaus. Du zürnst ja schon und hast gezürnt, und Strenge
Ist all dein Wesen, bis auf jenen Tag.
Da warst du mild und lebst mir so im Herzen.

Als nun der Augenblick der Trennung kam,
Da sprach ich bang zu dir: Neig mir dein Haupt!
Und hing um deinen edlen Hals die Kette
Von der ich mir den besten Teil geraubt,
Das Kleinod das der Jungfrau Schmuck und Zier,
Das Sinnbild erster, ahnender Begegnung.
Jetzt ist es keine Kette mehr, die bindet,
Ein Gürtel, den nur Weiberhand berührt
Und anlegt um der Herrin schlanke Hüften.
Bis jener kommt, der bindet ihn und löst
Und dem ich weiche, wie einst aus dem Leben.

Libussa. Bleib hier! Ob stolz, sollst du mir dienstbar sein.
Leg an den Gürtel, hier an seinem Platz,
Und weh dem, der ihn noch nach dir berührt!
(Mit erhobener Stimme.)
Ihr aber, die gewärtig meines Winks,
Herbei! Und seht was ihr begehrt erfüllt.

(Mägde, Wladiken und Landleute treten ein. Libussa zu den Dienerinnen.)

Ihr aber helft ihm, er ist ungeschickt.

Primislaus. Ich zittre ja.

Libussa.         Nun denn zum letztenmal.

(Die Dienerinnen legen ihr den Gürtel vollends an.)

Ihr andern, die besorgt um euern Freund,
Er ist hier sicher. Er ist mein Gemahl.
Dient ihm wie mir, wenn nicht noch mehr als mir,
Denn ich ich dien ihm selbst als meinem Herrn.
Ich neige mich, folgt eurer Fürstin Beispiel,

(Indem sie Primislaus' Hand ergreift und halb das Knie beugt, das Volk aber kniet, fällt der Vorhang.)


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