Franz Grillparzer
Libussa
Franz Grillparzer

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Libussa (sich aufrichtend).
                In all der Zeit
Als ich an seinem Bette saß und wachte,
Da schwebte vor den Augen des Gemüts,
Hatt' ich's gehört nun, oder wußt' ich's sonst,
Das Bild mir einer Blume, weiß und klein,
Mit siebenspalt'gem Kelch und schmalen Blättern;
Die gib dem Vater, sprach's, und er genest.
In feuchten Gründen, schien es, wachse sie,
Das Tal von Budesch mußt' ich immer denken.
Da nahm ich Korb und Griffel und ging hin.
Ich suchte und er starb. Solang ich lebe
Will büßen ich die unfreiwill'ge Schuld,
Und dies mein Aug', es sei vom heut'gen Tag
Geweiht den Tränen um den Edlen, Guten.

Tetka (sie umarmend).
Ja wohl Libussa, Trauer sei und Klage
Geschäft uns und Erholung allen Drei'n.

Kascha. Sag Zwei'n.

Libussa (gereizt).
Warum? Wen schließest du nur aus?

Kascha. Die, welcher obliegt mehr als ihn beklagen:
Zu folgen ihm in seiner harten Pflicht.
Des Czechenvolkes Erste sind im Schloß;
Sie fordern von Fürst Krokus Töchtern eine
Als Herzogin für das verwaiste Land.

Libussa. Nehmt ihr's, ich nicht!

Kascha.         So sprachen wir schon beide.
Doch sähe gern der Vater unvollendet
Was er für dieses dunkle Volk getan?
Und heißt es sein Gedächtnis hoch nicht ehren,
Fortsetzen, wenn auch schwach, was er begann?

Libussa. Doch welche nimmt's?

Kascha.         Laßt denn das Los entscheiden.

Libussa. Wie nur?

Kascha.         So hört was ich mir ausgedacht.
Uns jeder gab der Vater, der nun tot,
Am Jahrestag von unsrer Mutter Scheiden
Ein kostbar Kleinod mit der Eltern Bild
In halberhobner Arbeit dargestellt,
Als Gürtel eingefaßt in goldne Spangen.
Und da die Zierde gleich, so sagt der Name
Der Eignerin mit Sorgfalt eingeprägt:
Libussens bin ich, Tetkas oder Kaschas.
Die Gürtel nun, des Vaters letzte Gabe
Und geistiges Vermächtnis noch dazu –
Sprach er doch ja: so oft ihr sie vereint,
Will ich im Geist bei euch sein und mit Rat –
Laßt legen uns in diese Opferschale.
Tetka, die Ernste, trete dann hinzu
Und deren Namen, blind sie greifend, faßt,
Die ist befreit, und also auch die Zweite.
Der Dritten Gürtel wird zum Diadem
Sie folgt, ob ungern, in die Fürstenwohnung.
Seid ihr's zufrieden?

Libussa (Barett und Mantel abgebend und in Bauerntracht dastehend).
        Wohl.

Tetka.                 Libussa, du?
Wie sonderbar gekleidet.

Libussa (sich betrachtend).
        Sonderbar?
Vergaß ich's doch beinah! Je, gute Tetka,
Der Zufall kommt und meldet sich nicht an,
Auftauchend ist er da; und wohl uns, wenn beim Scheiden
Er äußerlich verändert nur uns läßt.
Das Kleid ist warm, und also lieb ich es.

Tetka. Doch wir –?

Libussa (das Geschmeide vom Halse nehmend).
        Hier ist mein Gürtel.

Tetka (ihren Gürtel ablösend).
                Hier der meine.

Kascha (Libussens Geschmeide nehmend).
Am Hals?

Libussa.         Und doch er selbst, wie ich dieselbe.

Kascha. Das ist dein Gürtel nicht.

Libussa.         Wie wäre das?

Kascha. Die Ketten wohl; allein der Mutter Bildnis,
Das Mittelkleinod fehlt mit deinem Namen,
O Unbesonnene!

Libussa.         Was schmähst du mich?

(Die abgesendeten Jungfrauen kommen zurück.)

Dobromila. Wir waren, hohe Frau, bei den drei Eichen,
Wie du befahlst, und suchten jenen Mann.
Doch kam er nicht und war nicht aufzufinden.

Libussa. Nun, es ist gut. (Vor sich hin.) Das hat mir der getan!

(Die Jungfrauen ziehen sich zurück.)

Kascha. Die Nacht im Wald, in Bauerntracht gehüllt,
Verloren deines Vaters Angedenken.

Libussa. Mein Vater lebt, ein Lebender, in mir,
So lang ich atme lebt auch sein Gedächtnis.

Kascha. Die Liebe knüpft sich gern an feste Zeichen,
Der Leichtsinn liebt was schwankend so wie er.

Libussa. Mit einem Wort löst' ich die Rätsel leicht,
Doch würdet ihr's entstellen und verkehren.
Drum halt nur was du weißt, mein sichres Herz!

Kascha (Libussas Geschmeide hinwerfend).
Der Kreis getrennt. Du kannst mit uns nicht losen.

Libussa (auf deren Wink eine Jungfrau das Geschmeide aufhebt).
Nicht losen? Und wer weiß, ob ich's auch will?
Ein Schritt aus dem Gewohnten, merk ich wohl,
Er zieht unhaltsam hin auf neue Bahnen,
Nur vorwärts führt das Leben, rückwärts nie.
Ich soll nicht losen? Und ich will es nicht.
Wo sind die Männer aus der Czechen Rat?
Den Vater will ich ehren durch die Tat,
Mögt ihr das Los mit dumpfen Brüten fragen:
Ich will sein Amt und seine Krone tragen.

Tetka. Libussa, oh!

Kascha.         Hör erst auf mich, Libussa!
Wenn ich gekränkt dich mit zu raschem Wort –

Libussa. Du kränktest mich nicht mehr, ich seh's, als dich.
Doch was ich sprach, es bleibt. Mein Wort ein Fels.
Und mag ich's nur gestehn! Denk ich von heut
Mich wieder hier in eurer stillen Wohnung
Beschäftigt mit – weiß ich doch kaum womit –
Mit Mitteln zu den Mitteln eines Zwecks,
Mit Mond und Sternen, Kräutern, Lettern, Zahlen,
Dünkt's allermeist einförmig mir und kahl.
Dies Kleid es reibt die Haut mit dichtern Fäden
Und weckt die Wärme bis zur tiefsten Brust
Mit Menschen Mensch sein dünkt von heut mir Lust,
Des Mitgefühles Pulse fühl ich schlagen,
Drum will ich dieser Menschen Krone tragen.

Heraus Wladiken! Czechenvolk heraus!

Die Jungfrauen (rufen).
Libussa Herzogin! Der Böhmen Fürstin!

(Domaslav, Biwoy, Lapak und die übrigen Abgeordneten aus der Pforte links.)

Domaslav. Täuscht unser Ohr und hörten wir genau?
Erkürt der Böhmen Fürstin, unsre Frau?
Und welche will –?

Libussa.         Hier ist von Wollen nicht,
Von Müssen ist die Rede und von Pflicht.
Und da nun eine muß aus unsrer Zahl,
So will ich und begebe mich der Wahl.

Lapak. Libussa, du?

Libussa.         Die Jüngste aus dem Kreise
Und minder gut vielleicht als sie und minder weise,
Auf ihnen würde Hohes gut beruhn;
Doch handelt sich's um irdisch niedres Tun,
Wo zu viel Einsicht schädlich dem Vollbringen,
Fernsichtigkeit geht fehl in nahen Dingen.
Wenn nun des Vaters Geist auf mir beruht,
So fügt sich's wie es kann und, hoff ich, gut.
Seid ihr's zufrieden?

Die Abgeordneten (kniend).
        Hoch Libussa, hoch!
Der Böhmen Herzogin, der Czechen Fürstin!

Libussa. Steht auf! sind's diese nicht und dieser Ort
Was euch zu Boden zieht. Doch hört mein Wort.
Es hielt euch fest des Vaters strenge Rechte
Und beugt' euch in heilsam weises Joch.
Ich bin ein Weib und, ob ich es vermochte,
So widert mir die starre Härte doch.
Wollt ihr nun mein als einer Frau gedenken,
Lenksam dem Zaum, so daß kein Stachel not,
Will freudig ich die Ruhmesbahn euch lenken,
Ein überhörtes wär' mein letzt' Gebot.
So wie ich ungern nun von hinnen scheide,
Lenkt' ich zurück dann meinen müden Lauf
Und träte bittend zwischen diese beide;
Ihr nähmet, Schwestern, mich doch wieder auf?

Kascha. Wenn du's noch kannst, von Irdischem umnachtet.

Tetka. Wer handelt geht oft fehl.

Libussa.         Auch wer betrachtet!

Domaslav. Nicht fruchtlos sollst du, zweimal nicht uns mahnen,
Nimm unsern Schwur darauf und unsrer Untertanen.

Libussa. Dies letzte Wort, es sei von euch verbannt,
In Zukunft herrscht nur eines hier im Land:
Das kindliche Vertraun. Und nennt ihr's Macht,
Nennt ihr ein Opfer das sich selbst gebracht,
Die Willkür, die sich allzu frei geschienen
Und, eigner Herrschaft bang, beschloß zu dienen.
Wollt ihr als Brüder leben, eines Sinns,
So nennt mich eure Fürstin und ich bin's;
Doch sollt' ich zwein ein zweifach Recht erdenken,
Wollt' eher ich an euch euch selbst als Sklaven schenken.
Seid ihr's zufrieden so?

Alle.         Wir wollen!

Libussa.                 Nun so kommt.
Allein vergäßt ihr was uns allen frommt,
(auf ihre Schwestern zeigend)
Da diese hier den Rücktritt mir versagen,
So ging' ich hin es meinem Vater klagen.

Lebt, Schwestern, wohl! Auf Wiedersehn, und bald!
Ihr andern folgt und jubelt durch den Wald.
Ihr Mädchen mir voraus, und stoßt ins Horn,
Bis jetzt mir nächst, steht billig ihr nun vorn.
Und so, gehobnen Haupts, mit furchtlos offnen Blicken,
Entgegen kühn den kommenden Geschicken.

Die Männer. Libussa hoch! der Böhmen Herzogin!

(Man hat Libussa wieder den Mantel und das Federbarett gegeben; sie geht, die Mädchen vor ihr her, die Männer schließen. Alle mit Fackeln und Jubel durch das mittlere Tor ab.)

Kascha. Hast du gehört?

Tetka.         Ja wohl.

Kascha.                 Nun?

Tetka.                         Ich bedaure sie,
Sie wird's bereun, und früher als sie denkt.

Kascha. Die Roheit kann des Höhern nicht entbehren,
Doch hat sie's angefaßt, will sie's in sich verkehren,
Wer nicht wie Menschen sein will, schwach und klein,
Der halte sich von Menschennähe rein.
Komm mit!

Tetka.         Wohin?

Kascha.                 An unser täglich Werk.
Ihr aber reinigt mir so Hof als Hallen,
Was hier geschehn, es sei in Traum zerfallen.

(Die Schwestern mit Begleitung ab.)

Dobra. Nun wir denn auch ans Werk und gib mir Kunde
Ob gutes Zeichen eintritt diese Stunde.
Welch Sternbild herrscht?

Swartka (auf der Höhe der Mauer).
        Die Jungfrau blinkt, doch nein,
Ich irrte mich, es ist des Löwen Macht,
Der auf sein Böhmen schaut.

Dobra (gen Himmel blickend).
        Hältst du auch sichre Wacht?

Swartka (mit halbem Leibe über die Brustwehr gelehnt und laut ausrufend).
Der Osten graut, dem Tage weicht die Nacht!


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