Franz Grillparzer
Libussa
Franz Grillparzer

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Dritter Aufzug

Gehöft vor Primislaus' Hütte wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Ein umgewendeter Pflug rechts im Vorgrunde.

Primislaus (rechts in die Szene sprechend).
Bringt nur die Stiere zum ersehnten Stall!
Der Pflug bleibt hier. Ich will darauf mich setzen.
Der Tag war heiß, die Arbeit ist getan.
(Er setzt sich, die Stirn in die Hand stützend.)
Nun wackrer Pflügersmann, es steht dir wohl
Aus deinem schlichten Tun den Blick zu heben
Nach dieses Lebens Höhn, vom Tal zum Gipfel.
Zwar heißt's, es war in längstentschwundner Zeit
Im Lande weit begütert unser Stamm
Und licht und hehr in seinen ersten Wurzeln.
Allein was soll das mir? Ist heut doch heut,
Und Gestern aus demselben Stoff wie Morgen.

Nebstdem, daß wär' ich einer der Wladiken,
Ich mich nicht stellte zu so hoher Werbung.
Denn wie im Bienenstock die Königin
Nicht nur die höchste, einzig ist, allein,
Von niedern Drohnen nur zur Lust umflattert,
Indes die Arbeitsbienen Honig baun,
So ist der auf dem Throne sitzt, nur sich,
Sich selber gleich und niemandes Genoß.
Der Fürst verklärt die Gattin die er wählt,
Die Königin erniedrigt den als Mann,
Den wählend sie als Untertan erhöht,
Denn es sei nicht der Mann des Weibes Mann,
Das Weib des Mannes Weib, so steht's zu Recht.
Drum wie die Frau ist aller Wesen Krone,
Also der Mann das Haupt, das sich die Krone aufsetzt,
Und selbst der Knecht ist Herr in seinem Haus.
(Er ist aufgestanden.)
So sprichst du, prahlst, und trägst im Busen doch
Was dich an jene Hoffnung jetzt noch kettet.

Man sage nicht das Schwerste sei die Tat,
Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung;
Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß.
Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen
An denen Zufall und Gewohnheit führt,
Und aus dem Kreise dunkler Fügung tretend
Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los,
Das ist's wogegen alles sich empört
Was in dem Menschen eignet dieser Erde
Und aus Vergangnem eine Zukunft baut.
Daß sie mein denkt, daß wach in ihrer Seele
Mein Bild – nicht einmal das: ein Traum, ein Nichts,
Das tausend Formen so wie meine kleiden,
Das nicht einmal ein Name ihr bezeichnet,
Kein Gleichnis, denn sie sah mich damals kaum
Als uns die Nacht im Wald zusammenführte,
Das weckt in mir ein gleichverworrnes Nichts,
Das doch mein Glück ist, meines Lebens Säule,
Und das zerstören ich nicht mag, nicht kann.

Wär' sie ein Hirtenmädchen, nicht Libussa,
Und ich der Pflüger der ich wirklich bin,
Ich träte vor sie hin und sagte: Mädchen,
Ich bin derselbe dem du einst begegnet.
Sieh hier das Zeichen. Wird's nun licht in dir,
Wie längst in dieser Brust, so nimm und gib!
(Die Hand hinhaltend.)
Dann könnte sie nicht sprechen: Guter Mann,
Stellt dort euch zu den Dienern meines Hauses,
Des, wes ihr mich erinnert, denk ich kaum.

Ei wackrer Mann, setz dich nur wieder hin,
Nimm Käs' und Brot aus deiner Pflügertasche
Und halte Mahl am ungefügen Tisch.
Ist's eignes Brot doch, das erhält und stärkt,
Das Brot der Gnade nur beengt und lastet.
(Er hat sich wieder gesetzt und den Inhalt seiner Tasche auf die Pflugschar ausgelegt.)

Sie hat mein Roß, das etwa so viel gilt
Als diese goldnen Spangen die ich trage,
Und so sind sie mein Eigentum zu Recht.

Ich wollte, sie bestieg' einmal den Zelter
Und in Gedanken ihm die Zügel lassend,
Trüg' sie das Tier hieher.
        Doch welch Geräusch?
Täuscht mich mein Aug? Das ist mein Roß; doch leer
Und ohne Reiter, rings von Volk umgeben.
Bin ich im Land der Märchen und der Wunder?
Doch folgen die Wladiken, seh ich nun,
Die sich erdachten etwa solchen Fund
Um zu ergänzen was nur halb in ihrer
Und halb in meiner Hand. Kommt immer, kommt!
Ich fühle mich als Herr in meinem Haus,
Und so brech ich mein Brot. Ist doch der Pflüger,
Indem er alle nährt, den Höchsten gleich:
Wie Wasser und wie Luft, die niemand kauft,
Doch mit dem Leben zahlt, entbehrt er ihrer.

(Die drei Wladiken kommen, von Volk begleitet, von der linken Seite.)

Biwoy. Hier blieb der Zelter stehn, hier ist der Ort.

Domaslav. Und hier der Mann, der, wie Libussa sprach,
An einem Tisch von Eisen sitzt, sein Brot
Auf einer Pflugschar mit den Händen teilend.

Biwoy. Derselbe ist's, es ist der nämliche,
Der unsern Streit geschlichtet.

Lapak.         Mir wird's hell.

Primislaus (aufstehend).
Glück auf ihr Herrn! Was führt euch her zu mir?

(Man hat das Pferd gebracht. Primislaus hinzutretend und es streichelnd.)

Ha Prischenk, du mein Roß, du wieder heim?

Lapak. Sein Roß?

Primislaus.         Noch einmal denn: was führt euch her?

Domaslav. Der Fürstin Wort.

Primislaus.         Libussas?

Lapak.                 Sie befahl
An ihren Hofhalt dich mit uns zu führen.

Primislaus. Galt mir auch, euch zu folgen, der Befehl?

Lapak. Das nicht.

Primislaus.         Doch, wenn ich's nun verweigerte,
Kommt ihr mit Macht, mich nöt'genfalls zu zwingen.
Seid unbesorgt, ich folg euch ohne Zwang.
Was aber war der hohen Ladung Grund?

Domaslav. Wir wissen's nicht.

Lapak.         Vielleicht doch ward ihr kund,
Daß du ein schlauer Richter bist zu eignem Nutzen,
Und wünscht als Richter dich zu nutz dem Volk.
Zum mindsten lag ein Fall vor, der verwirrte.

Primislaus. Ich richte niemand als mich selber etwa,
Und täusche nicht, als wer sich selbst getäuscht.

Domaslav. Besteig das Roß denn und folg uns nach Hof.

Primislaus. Dies Tier, das meine Fürstin hat getragen,
Besteige niemand, der nicht eignen Rechts,
Nebstdem daß es das ihre, und ich wünsche,
Daß es das ihre bleibe, nach wie vor.
Dann, sollt' ich mit der Arbeit Staub beladen
Mich nahn dem Ort, wo Arbeit nur ein Gast,
Nicht der Bewohner ist? Ich geh ins Haus
Und schmücke mich wie sich der Landmann schmückt.
Auch, da man Höhern naht mit Ehrengaben,
Bring ich von Früchten und von Blumen ihr,
Wie sie der Armut eignen, ein Geschenk.
So lang, ihr Herrn, zerstreut euch im Gehöft.
Man reicht euch Met und Milch und nährend Brot,
Auf daß gestärkt wir gehn, wo Stärke not.

(Er entläßt sie mit einer Handbewegung und geht in die Hütte.)

Lapak. Hast du gehört?

Domaslav.         Wie stolz.

Biwoy.                 Nun um so besser.
Stolz gegen Stolz, wie Kiesel gegen Stahl,
Erzeugt, was beiden feind, den Feuerstrahl.

(Alle nach der linken Seite ab.)

Verwandlung

Tiefes Theater. Im Hintergrunde auf einem Felsen das Schloß der Schwestern.

Wlasta und Swartka vom Hintergrunde nach vorn kommend.

Wlasta. So weigern mir die Schwestern, deine Fraun,
Den Eintritt denn?

Swartka.         Sie sind nicht gern gestört.

Wlasta. Und wissen sie: ich komme von Libussen.

Swartka. Sie wissen es.

Wlasta.         Und doch –?

Swartka.                 Und doch. – Verzieh!
Sie steigen nieder von dem jähen Abhang,
Den Weg vom Schloß ins Freie. – Tritt zurück!
Wenn sie vorübergehen, sprich sie an.

(Kascha und Tetka sind von der Höhe herabgekommen.)

Kascha. Ich sage dir: die Wasserwaage zittert,
Der Boden hebt, die Zeit gebiert ein Neues.

Wlasta. Erlauchte Frau.

Kascha.         Ah, Wlasta, sei gegrüßt!
Willkommen hier im Freien, denn im Schloß
War's nicht gegönnt.

Wlasta.         Und wer verbot's?

Tetka.                 Wir selber.
Wer aufmerkt, der gebeut selbst und gehorcht.

Wlasta. Die Fürstin, meine Frau –

Kascha.         Wir wissen es.
Libussa will zurück in ihrer Schwestern Mitte,
Empört von ihres Volkes wildem Trotz.
Sag ihr, das kann nicht sein.

Wlasta.         Du meinst wie ich.

Kascha. Vielleicht nicht ganz. Allein, – und sag ihr das –
Wer gehen will auf höh'rer Mächte Spuren
Muß einig sein in sich, der Geist ist eins.
Wem's nicht gelungen all die bunten Kräfte
Im Mittelpunkt zu sammeln seines Wesens,
So daß der Leib zum Geist wird, und der Geist
Ein Leib erscheint, sich gliedernd in Gestalt,
Wem ird'sche Sorgen, Wünsche und das schlimmste
Von allem was da stört, – Erinnerung,
Das weitverbreitete Gemüt zerstreun,
Für den gibt's fürder keine Einsamkeit,
In der der Mensch allein ist mit sich selbst.
Die Spuren ihres Wirkens, ihres Amts,
Sie folgen künftig ihr wohin sie geht.
Wozu noch kommt, daß in der letzten Zeit
Die Neigung, scheint's, die Neigung zu dem Mann,
In ihrem edlen Innern Platz gegriffen;
Zum mindsten war das Kleinod das du brachtest,
Als Zeichen deiner Sendung, nicht mehr strahlend,
Gewesen war's in einer fremden Hand.
Sie kann nicht mehr zu uns zurück, denn störend
Und selbst gestört, zerstörte sie den Kreis.

(Sie tun ein paar Schritte. Wlasta tritt ihnen in den Weg.)

Wlasta. Doch gebt ihr Rat der Fürstin, wie sie bändigt
Die Meinungen des Volks, mit sich im Kampf.

Kascha. Kennt einen Weisern sie im Volk als sich,
So steige sie vom Stuhl und gönn' ihn jenem.
Doch ist die Weisre sie, wie sie's denn ist,
So gehe sie den ungehemmten Gang,
Nicht schauend rechts und links was steht und fällt.
Der Fragen viel erspart die feste Antwort.
Ich sehe rings in weiter Schöpfung Kreisen
Und finde übrall weise Nötigung.
Der Tag erscheint, die Nacht, der Mond, die Sonne,
Der Regen tränkt dein Feld, der Hagel trifft's,
Du kannst es nützen, kannst dich freuen, klagen,
Es ändern nicht. Was will das Menschenkind
Daß es die Dinge richtet die da sind.

Tetka. Das Denken selbst, das frei sich dünkt vor allen,
Ist eigner Nötigung zu Dienst verfallen.
Hat sich der Grund gestellt, so folgt die Folge,
Und zwei zu zwei ist minder nicht noch mehr
Als vier, ob fünf dir auch willkommner wär'.
Wer seine Schranken kennt der ist der Freie,
Wer frei sich wähnt ist seines Wahnes Knecht.

Kascha. Hoffst du durch Überzeugen dich geschützt?
Es billigt jeder das nur was ihm nützt.
Ein einz'ges ist was Meinungen verbindet:
Die Ehrfurcht, die nicht auf Erweis sich gründet.
Der Sohn gehorcht, gab sich der Vater kund,
Den Ausspruch heiligt ihm der heil'ge Mund.
Daß einer herrsche ist des Himmels Ruf,
Weil zum Gehorchen er die Menschen schuf.
Wir selbst, als Schwestern deiner Fürstin gleich,
Gehorchen ihr, weil ihrer ward das Reich.
Und fällt's zu widerstreben jemand ein,
Mag er versuchen erst kein Mensch zu sein.

(Indem die Fürstinnen ihren Weg fortsetzen, und Wlasta, wie zu neuen Vorstellungen ihnen zur Seite folgt, gehen alle nach links ab.)


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