Franz Grillparzer
Libussa
Franz Grillparzer

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Vierter Aufzug

Auf den Wällen von Libussas Burg. Im Hintergrunde durch ein zinnenartiges Steingeländer geschlossen. Rechts und links halbrunde Türme mit Eingängen. Dobromila sitzt im Hintergrunde am Geländer und liest. Wlasta und Primislaus treten aus dem Turme links.

Wlasta. Komm hier heraus! Dort rechts ist deine Wohnung.
Hast du betrachtet dir das Schloß genau,
Und sahst du je im Leben solche Pracht?

Primislaus. Ich nicht.

Wlasta.         Ward manch ein Wunsch dabei nicht rege?

Primislaus. Wer wünschte sich auch Flügel wie der Adler
Und Flossen wie der Fisch? Sie mögen's haben.
Das höchste, wie beschränkt auch, ist der Mensch,
Im König selbst der Mensch zuletzt das beste.
Auch, sah ich eure Betten gar so weich,
Dacht' ich: ihr Schlaf ist schlecht wohl, weil so wählich.
Und die Geräte in den Küchenräumen,
Verfälschend das Bedürfnis mit der Kunst,
Zu sagen schienen sie: Hier fehlt der Hunger,
Der beste Koch und auch der beste Gast.
In meiner Hütte ißt und schläft sich's wohl;
Der Überfluß ist schlechtverhüllter Mangel.

Wlasta. Da dich die Kunst so widersetzlich findet,
Wird Feld und Flur vielleicht dich mehr erfreun.
Komm hier und sieh hinaus in die Gefilde,
Die endlos sich dem Horizonte nahn.
Das alles, Berg und Tal und weite Flächen,
Das alles ist Libussas, meiner Frau.

Primislaus. Und sie die Seele denn so vieler Glieder?
Ich möchte nicht mein Selbst so weit zerstreun,
Aus Furcht nichts zu behalten für mich selbst.
(Kopf und Hände bezeichnend.)
Hier ist mein Rat und hier sind meine Diener,
Die Füße meine Boten, und das Herz
Es ist mein Reich, weit bis zum Sitz der Götter,
Und eine Spanne groß nur in der Brust,
Daß Raum für mich und alle meine Brüder.
Wär' ich ein Fürst, erschräk' ich vor mir selbst,
So wie ein Bild erschreckt das gar zu ähnlich.
(Dobromila bemerkend.)
Doch halt! wir stören hier.

Dobromila.         Ich war vertieft,
Da merkt' ich nicht was rings um uns geschah.

Primislaus. Dein Buch ist weise wohl?

Dobromila.         Komm selbst und lies!

Primislaus. Ich kann nicht lesen, Frau!

Dobromila.         Nicht lesen, wie?

Primislaus. In Büchern nicht, allein in Mienen wohl.
Da les ich denn: du willst mich, Frau, beschämen.

Dobromila. Vielleicht nur wundr' ich mich, daß du von Ländern
Und Fürsten sprichst, und weißt noch nicht was nötig:
Den Gang der Zeit von Anfang, die Geschichte.

Primislaus. Was heut, war gestern morgen, – und wird morgen
Ein gestern sein. Wer klar das Heut erfaßt,
Erkennt die Gestern alle und die Morgen.

Dobromila. Was aber war das erste in der Welt?

Primislaus. Das Letzte, Frau! Im Anfang liegt das Ende.

Dobromila. Die Sterne kennst du nicht?

Primislaus.         Ich sehe sie,
Und sehen sie nicht mich, bin durch mein Sehen
Ich besser denn als sie.

Dobromila.         Was ist das Schwerste?

Primislaus. Gerechtigkeit.

Dobromila.         Du irrst mein rascher Freund!
Das allerschwerste ist: den Feind zu lieben.

Primislaus. Halb ist das leicht, und ganz vielleicht unmöglich.
Allein bei allen Kämpfen dieses Lebens
Den Anspruch bändigen der eignen Brust,
Nicht mild, nicht gütig, selbst großmütig nicht,
Gerecht sein gegen sich und gegen andre,
Das ist das Schwerste auf der weiten Erde,
Und wer es ist, sei König dieser Welt.

Doch laß die toten Lehren deiner Blätter!
Die Wahrheit lebt und wandelt wie du selbst,
Dein Buch ist nur ein Sarg für ihre Leiche.
(Zu Wlasta hinzutretend, die von zwei hingelehnten Schwertern eines ergriffen hat und es prüfend beugt.)
Was schaffst du hier?

Wlasta.         Du siehst, ich prüfe Waffen.

Primislaus. Was soll dem Weib das Schwert?

Wlasta.         Hier ist ein zweites,
Versuchen wir, gefällt's dir, einen Gang?

Primislaus. Ich kann nicht lesen und ich kann nicht fechten.
Was soll das Spiel? Der Ernst erst macht die Waffe.
Allein bewehre drei und vier und fünf
Mit solchem Tand, und laß sie nachts versuchen
Zu dringen in die Hütte, meine Burg,
Bewehrt mit meines Vaters breiter Axt,
Tret ich entgegen ihnen, und der Mut
Mag dann entscheiden wer ein beßrer Krieger.

Ich bin ermüdet, zeige mir die Stätte
Wo man zu Nacht die Herberg mir bestellt.

Wlasta (auf den Turm rechts zeigend).
Sieh, dort!

Slawa (hinter der Szene).
Ihr sollt nicht, sag ich euch!

Primislaus.         Was nur des Neuen?

Slawa (aus dem Turme links kommend).
O schützet mich!

Primislaus.         Du bist das erste Weib
An diesem Wunderort, das Schutz begehrt,
Die andern sind vielmehr geneigt zu meistern.

Slawa. Ja Schutz vor dir und deinesgleichen, Mann.

Primislaus. Vor mir?

Slawa.         So denn vor deinesgleichen.
Sie bilden sich nun ein mich schön zu finden,
Obgleich ich es nicht bin, ja sein nicht mag.
Da folgt mir denn der überläst'ge Schwarm
Und tritt entgegen mir auf allen Pfaden.
Der eine faßt die Hand mir mit der seinen,
Der andre dreht die Augen quer im Kopf
Wie ein Verscheidender, schon halb Verstorbner,
Der dritte kniet und schwört beim hohen Himmel,
Ich sei das Kleinod dieser weiten Welt,
Von meinem Blick erwart' er Tod und Leben.
Wie jämmerlich ist aber das Geschlecht,
Das alles was den Menschen ehrt und adelt
Blöd übersieht und nur nach äußern Gaben,
Nach Weiß und Rot, nach Haar und Zahn und Fuß,
Den Abgott wählt, das Letzte sich des Strebens.

Primislaus. Mein Kind, was dich die Männer heißt verachten,
Birgt etwa wohl Verachtung für dich selbst.
Wer nach dem Äußern seine Wahl bestimmt,
Bezweifelt, fürcht ich, sehr den Wert des Innern.
Man sucht den Diamant läg' er im Staube,
Geschliffnem Glas gibt erst der Glanz den Wert,
Ist all sein Wesen Glänzen doch und Scheinen.
Dein Weg führt dich zurecht, hier bist du sicher.
Mir ist das Weib ein Ernst, wie all mein Zielen,
Ich will mit ihr, – sie soll mit mir nicht spielen.

Sagt das der Fürstin als den letzten Gruß
Am Morgen, wenn ich fern schon meiner Wege.
(Er geht in den Turm rechts.)

Wlasta. Ich folg ihm nach, so lautet der Befehl.
(Sie geht in denselben Turm.)

(Libussa kommt aus dem Turme links.)

Libussa. Wie ist's mit jenem Mann?

Dobromila.         Er ist von Stahl.

Libussa. Es brach wohl auch ein Schwert schon im Gefecht.
Was spröde ist zerbrechlich.
(Zu Dobromila.)
        Folg du ihnen.
Der Abend dämmert schon, es ziemt sich nicht,
Daß er und sie allein in solcher Stunde.

(Da Dobromila geben will.)

Vielmehr gebt einen Schleier mir. Ich selbst
Will Zeuge sein wie weit sein Starrsinn geht.

Gehorchen soll er und dann mag er ziehn.
Ich fühl' es fast wie Haß im Busen quellen.
(Ab in den Turm links.)

Gemach im Innern des Turmes. Links im Vorgrunde ein Teppich-behangener Tisch.

Primislaus und Wlasta treten ein.

Wlasta. Hier denn ist dein Gemach.

Primislaus.         Ich danke dir.
Und da ich morgen mit dem Frühsten scheide,
So nimm schon heut ein doppelt Lebewohl.

Wlasta. So willst du fort?

Primislaus.         Mein Haus ist unbestellt,
Auch gab mir meinen Abschied schon die Fürstin.

Wlasta. Und hast du ihr, Libussen, nichts zu sagen?

Primislaus. Was nur?

Wlasta.         Sie glaubt in dir denselben zu erkennen,
Der einst im Walde hilfreich ihr genaht.
Auch haben die Wladiken ausgesagt,
Daß du es warst, der Kleinod gegen Kette
Mit schlauer List umwechselnd ausgetauscht.

Primislaus. Wenn ihr es wißt, warum nur fragt ihr noch?

Wlasta. Vielleicht fühlt sich der Fürstin Stolz beleidigt,
Daß du mit einem Recht auf ihren Dank,
Aufgibst dein Recht, und ihren Dank verschmähst.

Primislaus. Stolz gegen Stolz, wenn's wirklich also wäre.

Wlasta. Allein der Stolz des Pflügers und der Fürstin!
Zudem ist jenes Kleinod hoch ihr wert,
Als ihres Vaters deutungsvolle Gabe.
Durch Zufall nur geriet's in deine Hand
Und blieb ein Eigen meiner hohen Herrin.
Drum gib was eines andern, nicht das deine.

Primislaus. Ich gab es schon.

Wlasta.         Wann aber, wo und wie?

Primislaus. Ich sagt' es auch, ob etwas rätselhaft,
Schon als ich kam, doch ihr verstandet's nicht.


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