Maxim Gorki
Unter fremden Menschen
Maxim Gorki

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20

Ich habe drei Sommer in der toten Stadt, zwischen den leerstehenden Gebäuden als »Aufseher« verbracht und beobachtet, wie die Arbeiter im Herbst die plumpen steinernen Läden abrissen und sie im Frühjahr wieder genauso errichteten.

Mein Prinzipal war sehr darum besorgt, daß ich die fünf Rubel, die ich bekam, auch wirklich verdiente. Wurde in einem Laden der Fußboden neu gelegt, dann mußte ich die ganze Fläche einen Arschin tief ausschachten; ein Barfüßler verlangte für diese Arbeit einen Rubel, ich bekam gar nichts dafür, konnte aber, während ich damit beschäftigt war, nicht auf die Zimmerleute aufpassen – sie schraubten Türschlösser und Klinken ab und stahlen allerlei kleinen Kram.

Arbeiter wie Artelleiter waren in jeder Weise bemüht, mich zu betrügen und etwas zu stehlen; sie taten es beinahe offen, als fügten sie sich einer langweiligen Pflicht, und waren mir keineswegs böse, wenn ich sie ertappte – sie wunderten sich nur: »Du bringst dich für deine fünf Rubel um, als wären es zwanzig, man kann nur lachen, wenn man das sieht!«

Ich wies den Prinzipal darauf hin, daß er, wenn er durch meinen Einsatz einen Rubel ersparte, jedesmal das Zehnfache verlor, aber er zwinkerte mir nur zu und sagte: »Tu mal nicht so!«

Mir war klar, daß er mich der Beihilfe zum Diebstahl verdächtigte; das rief bei mir zwar ein Gefühl des Widerwillens gegen ihn hervor, kränkte mich aber nicht; so war es nun einmal – alle stahlen, und auch der Prinzipal nahm gern fremdes Eigentum.

Wenn er nach Messeschluß die Läden besichtigte, deren Instandsetzung er übernommen hatte, und einen vergessenen Samowar, einen Teppich, Geschirr, eine Schere entdeckte, gelegentlich auch eine Kiste oder einen Ballen Ware, sagte er mit spöttischem Lächeln: »Leg ein Verzeichnis an und bringe alles in den Lagerraum!«

Aus dem Lagerraum schaffte er dann dies und das zu sich nach Hause, und ich mußte das Verzeichnis mehrere Male ändern.

Ich liebe keine Sachen, ich wollte nichts besitzen, selbst Bücher hätten mich beengt. Ich hatte nichts als einen kleinen Band Beranger und Heines »Buch der Lieder«; ich wollte mir Puschkin zulegen, aber der einzige Buchantiquar in der Stadt, ein böses altes Männlein, verlangte zuviel dafür. Die Möbel, Teppiche, Spiegel und alles andere, womit die Wohnung meines Prinzipals vollgepfropft war, mißfielen mir und ärgerten mich durch ihre Plumpheit, durch den Geruch von Farbe und Lack; auch die Zimmer selbst fand ich nicht schön – sie erinnerten mich an Truhen voll unnützer, überflüssiger Dinge. Und es widerte mich an, daß der Prinzipal aus dem Lagerraum fremdes Eigentum stahl und all das Überflüssige, das ihn umgab, noch vermehrte. Auch bei der Königin Margot war es eng gewesen, dafür aber schön.

Das Leben erschien mir überhaupt zusammenhanglos und unsinnig, es gab zuviel offensichtliche Dummheiten. Da bauten wir zum Beispiel diese Läden um – im Frühjahr wird sie das Hochwasser überschwemmen, die Fußböden werden sich verziehen, die Außentüren krümmen; wenn das Wasser zurückgeht, werden die Balken faulen. Das Messegelände wird seit Jahrzehnten jahraus, jahrein überflutet, Gebäude und Straßendämme werden beschädigt; diese jährlichen Überschwemmungen fügen den Leuten ungeheure Verluste zu, und jedermann weiß, daß sie von selber nicht aufhören werden.

Der Eisgang zerdrückt in jedem Frühjahr Frachtkähne und Dutzende von kleinen Schiffen – die Leute stöhnen ein bißchen und bauen neue, doch der Eisgang zerdrückt sie wieder. Was für ein unsinniges Treten auf der Stelle!

Ich frage Ossip danach, er wundert sich und lacht.

»Ach, du Schnepfe, sieh einer an, wonach der schnappt! Was geht denn dich das alles an? Was kümmert es dich?«

Aber gleich darauf wird er ernster, wenn auch der spöttische Funke in den blauen, für seine Jahre erstaunlich klaren Augen nicht verlischt: »Das hast du schon richtig erkannt! Zwar kannst du damit nichts anfangen, aber vielleicht nützt es dir doch! Du mußt dann aber auch sehen . . .«

Und er setzt mir in dürren Worten, die er kräftig mit Redensarten, überraschenden Vergleichen und allerlei Spaßen würzt, auseinander: »Die Leute beklagen sich – es gibt zuwenig Land, dabei rüttelt die Wolga im Frühjahr an ihren Ufern, schwemmt Erde fort und lagert Sandbänke in ihrem Flußbett ab; dann jammern andere – die Wolga wird zu seicht! Die Frühlingsfluten, die Regengüsse des Sommers waschen Erdschluchten aus – und wieder geht Erde im Fluß verloren!«

Er sagt das alles ohne Bedauern und ohne Ärger, eher, als ob er die Kenntnis von all dem Lebensjammer genieße, und seine Worte sind mir unangenehm, obwohl sie mit meinen Gedanken übereinstimmen.

»Und dann denke auch an die Feuersbrünste . . .«

Ich kann mich erinnern, daß es wohl kaum einen Sommer gab, in dem nicht jenseits der Wolga die Wälder brannten; jedes Jahr überzog im Juli trübgelber Rauch den Himmel; die strahlenlose, blutrote Sonne sah wie ein krankes Auge auf die Erde herab.

»Die Waldbrände haben nicht viel zu sagen«, meint Ossip, »die Wälder gehören den Gutsbesitzern oder der Krone; der Bauer hat keinen Wald. Auch wenn mal Städte brennen, ist das nicht gar so schlimm – in den Städten wohnen die Reichen, die braucht man nicht zu bedauern! Aber nimm nur die Dörfer, die Weiler – wie viele brennen in einem Sommer ab! Wird wohl ein gutes Hundert sein, ja, siehst du, das ist ein Verlust!«

Er bricht in leises Lachen aus.

»Man hat zwar Land, aber keinen Verstand! So ergibt sich denn bei uns beiden, daß der Mensch sich nicht für sich selbst, nicht für das Land abrackert, sondern fürs Feuer, fürs Wasser!«

»Und du lachst darüber?«

»Warum auch nicht? Mit Tränen kann man ein Feuer nicht löschen, das Hochwasser aber würde nur zunehmen.«

Ich weiß, daß dieser wohlgestalte alte Mann der klügste Mensch ist, den ich je gesehen habe, aber was liebt er denn nun eigentlich, was haßt er?

Ich denke darüber nach, während er weiter trockene Worte in mein Feuer wirft: »Hast du darauf geachtet, wie wenig die Menschen ihre Kräfte schonen, die eigenen wie die fremden? Wie dich dein Prinzipal herumhetzt! Und was die Welt allein der Wodka kostet? Einfach nicht nachzurechnen, das geht über jeden, selbst den gelehrtesten Verstand . . . Brennt ein Haus ab, dann läßt sich ein neues zusammenzimmern, geht aber ein braver Kerl vor die Hunde – da kann man eben nichts ändern! Der Ardaljon zum Beispiel oder auch Grischa – sieh dir doch an, wie der Bursche verbrennt! Ist ja ein bißchen dumm, aber herzensgut, der Grischa! Da schwelt er nun wie ein Bündel Stroh. Die Weiber sind über ihn hergefallen wie Würmer über einen Toten im Walde.«

Ich frage ihn – in aller Harmlosigkeit, aus Neugier: »Warum erzählst du dem Prinzipal von meinen Gedanken?«

Ruhig und sogar freundlich erklärt er mir: »Damit er weiß, was du für schädliche Gedanken hast; er muß dich belehren – wer sollte es tun, wenn nicht er? Ich sage es ihm nicht aus Bosheit wieder, sondern aus Mitleid mit dir. Du bist kein dummer Bursche, aber in deinem Schädel rumort der Satan. Stiehlst du – ich schweige dazu, gehst du zu Mädeln oder trinkst dir einen an – ich sage nichts. Von deinen Dreistigkeiten aber erzähl ich dem Prinzipal jedesmal, das schreib dir hinter die Ohren . . .«

»Ich spreche nicht mehr mit dir!«

Er schwieg und klaubte mit dem Nagel Harz von der Hand herunter, sah mich dann freundlich an und sagte: »Doch, du wirst! Mit wem kannst du sonst reden? Mit niemand . . .«

Sauber und akkurat, scheint mir Ossip plötzlich dem Heizer Jakow zu ähneln, der gegen alles so gleichgültig war.

Manchmal erinnert er mich an den Bibelkundigen Pjotr Wassiljitsch, manchmal an Pjotr den Fuhrmann, dann und wann taucht etwas vom Großvater in ihm auf – er ähnelt so oder so allen alten Männern, die ich gekannt habe. Alle waren erstaunlich interessant, ich fühlte jedoch, daß man mit ihnen nicht leben konnte – das war schwierig und widerstrebte mir. Sie sogen mir gleichsam die Seele aus, und ihre klugen Reden bedeckten das Herz mit Rost. War Ossip gut? Nein. Böse? Auch nicht. Jedenfalls klug, das war mir klar. Doch sein Verstand, der mich durch seine Beweglichkeit in Erstaunen setzte, lähmte mich, tötete mich auch ab, und am Ende fühlte ich, daß er mir in jeder Beziehung feind war.

In meiner Seele kamen düstere Gedanken auf. Alle Menschen waren – trotz freundlicher Worte, trotz eines freundlichen Lächelns – einander fremd, auch lauter Fremde auf dieser Erde; niemand schien durch ein festes Band der Liebe mit ihr verknüpft. Nur Großmutter liebte das Leben und alles andere. Sie und die wunderbare Königin Margot.

Manchmal verdichteten sich diese und ähnliche Gedanken zu einer dunklen Wolke, das Leben wurde stickig und schwer – aber wie sollte ich anders leben, wohin sollte ich gehen? Ich hatte außer Ossip keinen, mit dem ich sprechen konnte. Und ich sprach immer häufiger mit ihm.

Er hörte sich mein hitziges Geschwätz mit offensichtlichem Interesse an, fragte nach diesem und jenem, als ob er etwas bezwecke, und gab gelassen zur Antwort: »Der Specht ist eigensinnig, aber nicht schrecklich, niemand hat vor ihm Angst! Ich gebe dir einen ehrlichen Rat: Geh ins Kloster und lebe dort, bis du volljährig bist – da kannst du die Pilger in schöner Zwiesprache trösten und findest Ruhe, die Mönche aber haben ihren Gewinn davon. Ich meine es ehrlich. Für weltliche Dinge scheinst du nicht recht geeignet . . .«

Ins Kloster zog es mich nicht, ich fühlte jedoch, daß ich mich verirrt hatte und mich in einem verwunschenen Kreis von lauter Unverständlichem bewegte. Meine Stimmung war trüb. Das Leben erinnerte an einen herbstlichen Wald – mit den Pilzen ist es vorbei, man hat im leeren Wald nichts mehr zu suchen, man glaubt ihn auswendig zu kennen.

Ich trank keinen Wodka und trieb mich nicht mit Mädchen herum – diese beiden Arten, die Seele zu benebeln, ersetzten mir die Bücher. Je mehr ich jedoch las, desto schwerer fiel es mir, so sinn- und nutzlos dahinzuleben, wie es die Menschen – meiner Meinung nach – taten.

Ich war eben erst fünfzehn Jahre geworden, fühlte mich aber manchmal schon ziemlich alt; innerlich irgendwie aufgetrieben, war ich schwer von allem, was ich erlebt, gelesen, unruhig überdacht hatte. Sah ich in mich hinein, dann fand ich, daß mein Inneres – wie eine dunkle Kammer mit Sachen – eng und unordentlich mit allerlei Eindrücken vollgestopft war. Ich besaß weder die Kraft noch die Fähigkeit, sie zu ordnen.

Und alle Gewichte, so viele es auch gab, waren ungünstig verteilt, verschoben sich und ließen mich schwanken – wie Wasser ein Gefäß, das unsicher steht.

Ich empfand einen ausgesprochenen Widerwillen gegen Unglücksfälle und Krankheiten, gegen alles Klagen und Jammern. Wenn ich Zeuge von Grausamkeiten wurde – von Blut, Schlägereien, einer bloßen Verhöhnung durch Worte –, befiel mich ein körperlicher Ekel, der rasch in kalte Wut überging; ich prügelte mich herum wie die anderen, ich kämpfte wie ein wildes Tier und quälte mich hinterher vor Scham.

Manchmal packte mich eine solche Lust, den Peiniger zu verprügeln, und ich stürzte mich so blind in die Schlägerei, daß ich mich noch heute angeödet und voller Scham an diese aus der Ohnmacht geborenen Verzweiflungsausbrüche erinnere.

In mir lebten zwei Menschen: Der eine war, nachdem er allzuviel Niedertracht und Schmutz gesehen hatte, ein wenig verschüchtert und stand, durch seine Kenntnis von den Schrecknissen des Alltags niedergedrückt, dem Leben und den Menschen mit mißtrauischem Argwohn gegenüber, von ohnmächtigem Mitleid gegen alle, darunter auch gegen sich selbst erfüllt. Dieser Mensch träumte von einem stillen, einsamen Leben mit Büchern und fern von Menschen, träumte vom Kloster, von einem Waldhüter- oder Bahnwärterhäuschen, von Persien oder dem Amt eines Nachtwächters irgendwo am Rande der Stadt. Ja nicht zu viele Menschen und möglichst weit von ihnen weg . . .

Der andere, berührt vom heiligen Geist ehrlicher und weiser Bücher, fühlte, wenn er die übermächtige Kraft der Alltagsschrecknisse beobachtete, wie leicht diese Kraft ihn den Kopf kosten, wie leicht sie mit schmutziger Ferse sein Herz zertreten konnte, und setzte sich gegen sie zur Wehr – mit aufeinandergebissenen Zähnen und mit geballten Fäusten, zu jeder Fehde, zu jedem Kampf bereit. Dieser andere bewies seine Liebe, sein Mitgefühl durch die Tat, zog, wie es einem tapferen Helden aus einem französischen Roman zukommt, bei jedem dritten Wort den Degen und stellte sich zum Kampf.

Ich hatte in jenen Tagen einen argen Feind – den Hausknecht eines öffentlichen Hauses in der Malaja Pokrowskaja. Ich lernte ihn eines Morgens kennen, als ich zur Messestadt ging; er zerrte vor dem Haustor ein sinnlos betrunkenes Mädchen aus einer Droschke; er packte ihre Beine mit den verrutschten Strümpfen, zog schamlos, unter Hau-ruck-Rufen und Lachen, an ihr herum und spie der bis an den Gürtel Entblößten auf den Körper, während sie, zerknittert, mit offenem Mund, unfähig, etwas zu sehen, die weichen, gleichsam ausgekugelten Arme über dem Kopf verschränkt, ruckweise aus der Droschke glitt, sich mit dem Rücken, dem Nacken, dem blauen Gesicht am Sitz, am Trittbrett stieß, schließlich aufs Pflaster fiel und mit dem Kopf aufschlug.

Der Droschkenkutscher gab dem Pferd die Peitsche und fuhr davon, während der Hausknecht sich zwischen die Beine des Mädchens spannte und es, rückwärts gehend, wie eine Tote zum Bürgersteig schleifte. Ich war außer mir und stürzte auf ihn zu, dabei warf ich eine lange Wasserwaage fort – oder vielleicht verlor ich sie auch –, und das bewahrte mich und den Hausknecht vermutlich vor großem Ärger. Ich stieß in vollem Lauf gegen ihn, warf ihn um, sprang die Treppenstufen zum Hause hinauf und riß wie rasend am Griff der Klingel; irgendwelche wüsten Gestalten stürzten heraus, ich vermochte ihnen nichts zu erklären und ging; unterwegs hob ich die Wasserwaage auf.

Am Uferhang holte ich den Droschkenkutscher ein; er sah mich vom Kutschbock herab an und äußerte beifällig: »Dem hast du es aber gegeben.«

Ich fragte ihn ärgerlich, wieso er dem Hausknecht gestattet habe, das Mädchen zu mißhandeln – er gab mit geringschätziger Gelassenheit zur Antwort: »Von mir aus kann beide der Teufel holen! Die Herrschaften haben alles bezahlt, als sie sie in die Droschke setzten – was geht es mich an, wer wen mißhandelt?«

»Und wenn er sie umgebracht hätte?«

»Was denn – so leicht bringt man so eine gar nicht um«, sagte der Kutscher, als hätte er schon wiederholt versucht, betrunkene Mädchen umzubringen.

Von diesem Tage an sah ich den Hausknecht fast jeden Morgen; er fegte, wenn ich die Straße entlangkam, den Fahrdamm oder saß auf den Stufen vor dem Haus, als lauere er mir auf. Ich kam näher, er erhob sich, krempelte die Ärmel auf und ließ mich zuvorkommend wissen: »So, jetzt breche ich dir ein paar Verzierungen ab!«

Er war über vierzig; klein und krummbeinig und mit einem Bauch wie eine schwangere Frau, sah er mich spöttisch mit strahlenden Augen an; es wirkte seltsam und fast erschreckend, daß diese Augen gutmütig und fröhlich waren. Vom Raufen verstand er nichts, auch waren seine Arme kürzer als meine – nach zwei, drei Ausfällen wich er zurück, drückte sich mit dem Rücken ans Tor und sagte erstaunt: »Na warte, du Spitzbube!«

Ich war dieser Zusammenstöße überdrüssig und sagte eines Tages zu ihm: »Hör zu, du Dummkopf, laß mich gefälligst in Frieden!«

»Und warum fängst du erst an?« fragte er vorwurfsvoll.

Ich fragte ihn meinerseits, warum er das Mädchen so widerwärtig mißhandelt habe.

»Was kümmert das dich? Tut sie dir leid?«

»Natürlich tut sie mir leid.«

Er schwieg eine Weile, wischte sich über die Lippen und fragte: »Und tut dir auch eine Katze leid?«

»Ja, auch eine Katze.«

Da sagte er zu mir: »Du bist ein Dummkopf, ein Spitzbube! Warte, dir werde ich es noch zeigen . . .«

Ich konnte diese Straße nicht gut umgehen – sie stellte den kürzesten Weg für mich dar. Ich stand jedoch von nun an früher auf, um diesem Menschen nicht zu begegnen, erblickte ihn nach wenigen Tagen aber doch – er saß auf den Treppenstufen vor dem Haus und streichelte eine rauchgraue Katze, die auf seinen Knien lag, sprang, als ich bis auf zwei oder drei Schritte an ihn herangekommen war, auf, packte die Katze an den Beinen und schmetterte sie mit dem Kopf gegen einen Prellstein, daß etwas Warmes auf mich spritzte – tat's, warf mir die Katze vor die Füße, stellte sich in die Pforte und fragte: »Nun?«

Nun ja, was war da schon zu machen! Wir wälzten uns auf dem Hof herum wie ineinander verbissene Hunde; später, als ich, irrsinnig von unaussprechlichem Weh, im Steppengras am Uferhang saß, biß ich mir auf die Lippen, um nicht zu heulen, nicht zu brüllen. Heute schüttelt mich, wenn ich an alles das zurückdenke, quälender Ekel; ich wundere mich, daß ich nicht den Verstand verloren, nicht jemand umgebracht habe.

Warum erzähle ich von diesen Scheußlichkeiten? Damit Sie, meine Herrschaften, wissen, daß alles das nicht der Vergangenheit angehört, nicht überwunden ist! Sie finden Gefallen am Schrecklichen, wenn es erfunden ist, an Scheußlichkeiten, die gut geschildert sind; das Phantastisch-Schauerliche regt Sie angenehm auf. Ich nun kenne das wirklich Schreckliche, die Scheußlichkeiten des Alltags, und habe unbestreitbar das Recht, Sie mit der Schilderung dieser Dinge – wenn auch nicht angenehm – zu erregen, damit Sie sich erinnern, wie und wo Sie leben.

Wir alle führen ein niederträchtiges, schmutziges Leben, das ist es, was ich sagen will!

Ich liebe die Menschen aufrichtig und möchte niemanden quälen, aber man darf nicht sentimental sein, man darf die grausame Wahrheit nicht hinter dem Wortgeklingel niedlicher Lügen verbergen. Hinein ins Leben! Wir müssen alles, was es an Gutem, Menschlichem in unseren Herzen und Hirnen gibt, im Leben verwirklichen!

Mich brachte besonders das Verhalten zur Frau auf; ich sah die Frau, nachdem ich genug Romane gelesen hatte, als das Schönste, Bedeutsamste im Leben an. Darin bestärkten mich die Großmutter, ihre Erzählungen von der Muttergottes und der weisen Wassilissa, die unglückliche Wäscherin Natalja und jene Hunderte und Tausende lächelnder Blicke, die ich bemerkte, Blicke, mit denen die Frauen, die Mütter des Lebens, dieses an Freuden und Liebe so arme Leben verschönen.

Den Ruhm der Frau sangen auch die Bücher Turgenjews; mit allem Guten, das ich von den Frauen wußte, schmückte ich zuallererst die unvergeßliche Gestalt der Königin Margot; besonders Heine und Turgenjew steuerten viel Kostbares dazu bei.

Wenn ich abends aus der Messestadt zurückkehrte, machte ich auf der Höhe neben der Kremlmauer halt und beobachtete, wie hinter der Wolga die Sonne versank, wie feurige Flüsse am Himmel dahinströmten, wie der geliebte Erdenfluß sich rot und blau färbte. Manchmal erschien mir in solchen Augenblicken die ganze Erde als riesiger Arrestantenkahn; unsichtbar zog sie ein träger Schlepper irgendwohin hinter sich her – wie ein Bauer ein Schwein.

Aber häufiger noch dachte ich an die Größe der Erde, an die Städte, die ich aus Büchern kannte, an fremde Länder, wo man anders lebte. In den Büchern der ausländischen Schriftsteller malte sich das Leben anziehender, reiner, weniger mühselig als jenes, das träge und eintönig um mich herum brodelte. Das besänftigte meine Unruhe und weckte hartnäckige Träume von der Möglichkeit eines anderen Lebens.

Und immer schien mir, ich würde einem schlichten, weisen Menschen begegnen, der mich auf eine breite, gerade Straße führen werde.

Eines Tages, als ich auf einer Bank vor der Kremlmauer saß, entdeckte ich Onkel Jakow neben mir. Ich hatte nicht bemerkt, wie er gekommen war, und ihn nicht gleich erkannt; obwohl wir seit mehreren Jahren in ein und derselben Stadt lebten, sahen wir uns selten und immer nur zufällig und flüchtig.

»Schau einer an, wie du dich gestreckt hast«, sagte er in scherzhaftem Ton und stieß mich an; es begann eine Unterhaltung wie unter Leuten, die sich fremd sind, aber seit langem kennen.

Ich wußte aus Großmutters Erzählungen, daß Onkel Jakow in den letzten Jahren alles verlebt, verpraßt hatte und endgültig ruiniert war; er hatte in einem Etappengefängnis als Gehilfe des Aufsehers gearbeitet, doch seine dienstliche Laufbahn hatte ein böses Ende genommen – der Aufseher war erkrankt, und Onkel Jakow veranstaltete bei sich zu Hause vergnügte Gelage für die Arrestanten. Das wurde ruchbar, man enthob ihn seines Postens und stellte ihn vor Gericht, weil er, die Arrestanten nachts in die Stadt »beurlaubt« habe. Niemand war entflohen, aber einer von ihnen wurde in dem Augenblick erwischt, als er sich eifrig mühte, einen Diakon zu erwürgen. Die Untersuchung zog sich lange hin, zu einem Prozeß kam es jedoch nicht – die Arrestanten und die Gefängniswärter wußten den guten Onkel aus der Geschichte herauszuhauen. Jetzt lebte er ohne Arbeit, auf Kosten seines Sohnes, der in dem seinerzeit berühmten Kirchenchor von Rukawischnikow sang.

Über den Sohn äußerte er sich sonderbar: »Er ist seriös und vornehm geworden. Ein Solist! Versäumt man es einmal, pünktlich den Samowar aufzutragen oder die Kleidung zu bürsten, dann ist er böse! Ein ordnungsliebender junger Mann. Und sauber . . .«

Der Onkel selbst war sehr gealtert, schmuddlig und schäbig geworden und erschlafft. Sein lustiges Kraushaar war stark gelichtet, die Ohren standen deutlicher ab, im Augenweiß und auf dem Saffian der rasierten Wangen trat jetzt ein dichtes Netz von roten Äderchen hervor. Er sprach in scherzhaftem Ton, aber irgend etwas im Munde schien seine Zunge zu behindern, obwohl die Zähne ganz waren.

Ich war über die Gelegenheit erfreut, mit einem Menschen reden zu können, der lustig zu leben verstand, viel gesehen hatte und viel wissen mußte. Deutlich klangen mir seine flotten, spaßigen Lieder und Großvaters Worte über ihn im Ohr: »Seinen Liedern nach ist er ein König David, nach seinen Taten aber – ein Bube Absalom!«

Auf dem Boulevard zog gepflegtes Publikum an uns vorüber – prächtig gekleidete Damen, Beamte, Offiziere; der Onkel trug einen abgeschabten Herbstmantel, eine zerbeulte Mütze und rötlich verfärbte Stiefel und kauerte sich zusammen – offensichtlich genierte er sich wegen seines Anzugs. Wir zogen uns in eine Gastwirtschaft in der Potschainskij-Schlucht zurück und setzten uns an ein Fenster, das offenstand und auf den Markt ging.

»Erinnern Sie sich noch, wie Sie gesungen haben:

Ein Bettler hängt Hosen zum Trocknen auf,
Ein anderer klaut sie ihm gleich darauf . . .«

Als ich die Worte des Liedes hersagte, fühlte ich plötzlich den Spott darin, und mir schien, der lustige Onkel sei im Grunde klug und boshaft.

Er goß sich einen Wodka ein und entgegnete nachdenklich: »Ja, ich habe gelebt und allerlei Unsinn getrieben, aber zuwenig! Das Lied ist nicht von mir, ein Seminarlehrer hat es verfaßt, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, der Verstorbene. Vergessen! Wir waren gute Freunde. Er war Junggeselle und trank – er ist gestorben, erfroren. Von wieviel Leuten schon ich allein weiß, daß sie dem Trunk zum Opfer gefallen sind schwer zu zählen! – Du trinkst nicht? Tu's nicht, warte damit! Siehst du gelegentlich den Großvater? Nicht mehr sehr munter, der Alte! Scheint nicht ganz bei Verstand zu sein.«

Er trank aus, straffte sich, wurde lebhafter, jünger, beredter.

Ich fragte ihn nach der Geschichte mit den Arrestanten.

»Du hast davon gehört?« erkundigte er sich, blickte sich um, senkte die Stimme und begann: »Was heißt schon – Arrestanten? Ich bin nicht ihr Richter. Ich sehe, es sind Menschen wie andere, und sage zu ihnen: ›Hört zu, Freunde, laßt uns zusammenhalten und ein fröhliches Leben führen! Es gibt da‹, sage ich, ›so ein Lied:

Dein Los soll dich nicht traurig machen!
Sosehr es dich zu ducken strebt –
Wir wollen fröhlich sein und lachen,
Ein Dummkopf ist, wer anders lebt!‹«

Er lachte, warf einen Blick durchs Fenster in die schon dunkler gewordene Schlucht, auf deren Grunde sich Kaufläden hinzogen, strich sich über den Schnurrbart und fuhr fort: »Sie sind natürlich gleich dabei, denn im Gefängnis müssen sie Trübsal blasen. Nun ja – sobald der Appell vorbei ist, geht es zu mir; es gibt Wodka mit kaltem Imbiß; mal komme ich dafür auf, mal sie – los geht's, Mütterchen Rußland frohlockt und vergnügt sich! Ich liebe Lieder und Tänze, und es gab Sänger und Tänzer unter ihnen, daß man nur staunen kann! Manch einer trug Ketten; nun ja, in Ketten kann man nicht tanzen, und ich gestattete ihnen, die Ketten abzulegen, das stimmt. Andererseits verstanden sie, ihre Ketten auch selber abzunehmen, ohne den Schmied; erstaunlich geschickt – diese Leute! Daß ich sie aber in die Stadt beurlaubt habe, damit sie rauben und plündern können, ist reiner Unsinn, das ist nicht einmal nachgewiesen . . .«

Er verstummte und warf einen Blick durch das Fenster in die Schlucht, wo die Altwarenhändler ihre Läden schlossen; dort dröhnten eiserne Riegel, rostige Türangeln kreischten, irgendwelche Bretter fielen zu Boden und schlugen laut auf.

Dann zwinkerte er mir vergnügt zu und fuhr gedämpft fort: »Um ganz ehrlich zu sein – es ging da tatsächlich einer nachts in die Stadt, aber er war keiner mit Fesseln, sondern ein ganz gewöhnlicher Dieb, ein hiesiger, aus Nowgorod; unweit, in der Petschorka, wohnte nämlich seine Liebste. Außerdem ist da auch eine Geschichte mit einem Diakon passiert – er wurde irrtümlich für einen Kaufmann gehalten. Es war im Winter, bei Schneegestöber, alle Leute trugen Pelze – da finde in der Eile heraus, wer Kaufmann und wer Diakon ist!«

Das kam mir komisch vor; auch er lachte und fügte hinzu: »Nein, wirklich, mein Ehrenwort! Da findet sich kein Schwein zurecht . . .«

Hier wurde der Onkel überraschend und sonderbar leicht böse, schob den Teller mit dem Imbiß fort, verzog widerwillig das Gesicht und steckte sich eine Zigarette an, wobei er undeutlich murmelte: »Bestehlen einander, ertappen sich, stecken sich gegenseitig ins Gefängnis und verbannen einander nach Sibirien zur Zwangsarbeit – was habe ich damit zu tun? Schwamm drüber – ich habe meine Seele für mich!«

Vor meinen Augen tauchte der zottige Heizer auf – auch er sagte häufig: Schwamm drüber. Auch er hieß Jakow.

»Woran denkst du?« fragte mich weich der Onkel.

»Haben Ihnen die Arrestanten leid getan?«

»Natürlich tun sie einem leid, es gibt da welche unter ihnen, da staunst du! Man schaut so einen Burschen an und sagt sich: Im Grunde genommen kann ich ihm nicht das Wasser reichen, obwohl ich seine Obrigkeit bin! Klug sind die Teufelskerle, gerissen . . .«

Der Schnaps und die Erinnerungen brachten ihn aufs neue in Stimmung; er lehnte den Ellenbogen aufs Fensterbrett, schlenkerte, eine verglimmende Zigarette zwischen den gelben Fingern, mit der Hand und fuhr angeregt fort: »Da war einer bei, ein Einäugiger, Uhrmachermeister und Graveur, der hatte wegen Falschmünzerei vor Gericht gestanden und war geflohen – den hättest du hören müssen! Ein Feuerwerk! Als ob ein Solist singt! ›Erklären Sie mir‹, sagte er, ›wieso der Staat Geld drucken darf und ich nicht? Erklären Sie mir das!‹ Niemand konnte es ihm erklären. Niemand, auch ich nicht. Und ich war seine Obrigkeit! Ein anderer, ein bekannter Moskauer Dieb, still, sauber, ein Stutzer, pflegte zu sagen: ›Da arbeiten sich die Menschen dumm und dämlich – das ist nichts für mich. Ich habe es ausprobiert – man arbeitet sich halbtot, ist vor Müdigkeit ganz verblödet, trinkt sich für zehn Kopeken einen an, verliert zwei beim Kartenspiel und gibt fünf für eine Liebesfreude aus – dann darbt man wieder und hungert. Nein‹, sagt er, ›das mache ich nicht mit . . .‹«

Onkel Jakow beugte sich über den Tisch, lief bis an den Scheitel rot an, steigerte sich in eine solche Erregung, daß selbst die kleinen Ohren zitterten, und fuhr fort: »Sie sind keine Dummköpfe, mein Lieber, sie wissen, was sie sagen! Hol doch den ganzen Plunder der Teufel! Wie habe ich zum Beispiel gelebt? Ich schäme mich, daran zurückzudenken – immer nur zufällig und heimlich, der Kummer – ja, der gehörte mir, mein Vergnügen aber, das mußte ich mir stehlen! Bald fuhr der Vater mich an – du darfst nicht, bald meine Frau – du kannst nicht, und schließlich hatte ich selber Angst, mal einen Rubel auf den Kopf zu hauen. So habe ich das Leben verpaßt und diene auf meine alten Tage bei meinem Sohn als Lakai. Was ist da noch zu verbergen? Ich bediene ihn, Freund, und ich ducke mich, während er mich wie ein Herr herumkommandiert. Er sagt Vater zu mir, aber ich höre immer nur ›Lakai‹! Ja was denn, bin ich dazu geboren, hab ich mich darum geplagt, um der Lakai meines Sohnes zu sein? Und selbst wenn das nicht wäre – wozu hab ich gelebt, was habe ich vom Leben gehabt?«

Ich hörte ihm nur noch unaufmerksam zu. Immerhin sagte ich, lustlos und ohne auf Antwort zu hoffen: »Ich weiß ja auch nicht, wie ich leben soll . . .«

Er lächelte nur.

»Nun ja, wer weiß das eigentlich? Ich habe keinen gesehen, der es gewußt hätte! Die Leute leben eben dahin, jeder, wie er's gewöhnt ist . . .«

Und er begann aufs neue ärgerlich und gekränkt: »Da hat einer bei mir wegen Notzucht gesessen, war aus Orjol und adlig, ein ausgezeichneter Tänzer – der nun brachte alle zum Lachen, wenn er gelegentlich sein Liedchen von Wanka sang:

Wanka auf dem Friedhof schlendert,
Immer unverändert.
Wanka, steck hinaus die Nase,
Daß der Wind mal anders blase!

Nun, ich meine, das ist gar nicht so komisch, sondern die Wahrheit! Wie man sich auch dreht, weit fort vom Friedhof kommt man nicht. Wenn es sich aber so verhält, dann ist es mir einerlei, ob ich als Arrestant oder Aufseher lebe . . .«

Er war des Sprechens müde, trank seinen Wodka aus, spähte wie ein Vogel mit einem Auge in die leere Karaffe, steckte sich schweigend eine neue Zigarette an und blies den Rauch in seinen Schnurrbart hinein.

»Ach, Freunde, soviel man sich auch müht, worauf man auch hofft, uns allen ist hienieden der Friedhof beschieden«, hatte nicht selten der Maurer Pjotr gesagt, der Onkel Jakow doch so gar nicht ähnelte. Wie viele solche und ähnliche Redensarten ich schon kannte!

Weiter mochte ich den Onkel nach nichts fragen. Er tat mir leid, mir war neben ihm traurig zumute; ich mußte immerfort an seine munteren Lieder und an das Klingen der Gitarre denken, das gleichsam Freude in die weiche Schwermut tropfte. Auch den lustigen Zyganok hatte ich nicht vergessen; unwillkürlich fragte ich mich, Onkel Jakows zerknitterte Gestalt vor Augen: Ob er sich wohl erinnert, wie Zyganok vom Kreuz erdrückt wurde?

Fragen wollte ich ihn danach nicht.

Ich starrte in die Schlucht – sie war bis an den Rand von feuchter Augustfinsternis erfüllt. Ein Geruch von Äpfeln und Melonen wehte aus ihr herauf. An der schmalen Durchfahrt zur Stadt flammten die Laternen auf, alles war bis ins kleinste vertraut. Gleich mußte die Sirene des Dampfers nach Rybinsk, dann die des anderen – nach Perm – ertönen . . .

»Jetzt muß ich aber gehen«, sagte der Onkel.

Vor der Tür der Gastwirtschaft schüttelte er mir die Hand und gab mir den scherzhaften Rat: »Fang keine Grillen; ich glaube, das tust du, stimmt's? Pfeif doch auf alles! Du bist noch jung. Vor allem aber vergiß nicht: ›Dein Los soll dich nicht traurig machen!‹ Und nun leb wohl, ich will zur Feier von Mariä Himmelfahrt!«

Der fröhliche Onkel ging; ich war nach allen seinen Reden nur noch verwirrter als früher.

Ich stieg zur Stadt hinauf und kam aufs Feld. Es war Vollmond, schwere Wolken zogen am Himmel dahin und löschten meinen Erdenschatten mit ihren schwarzen Himmelsschatten aus. Ich umging die Stadt von außen, kam zur Wolga, zum Otkos, legte mich ins staubige Gras und blickte lange auf die Wiesen hinter der Wolga, auf diese ganze, so unbewegliche Erde. Langsam schleppten sich die Wolkenschatten über den Fluß; über den Wiesen angelangt, wurden sie heller, als hätte das Flußwasser sie abgespült. Alles ringsum liegt im Halbschlaf, alles ist so gedämpft, alles bewegt sich irgendwie lustlos, aus Notwendigkeit, aus Zwang und nicht aus flammender Liebe zur Bewegung, zum Leben.

Ich möchte der ganzen Erde und mir selbst einen kräftigen Stoß versetzen, damit sich alles – auch ich selbst – in einem freudigen Wirbel dreht, in einem festlichen Reigen von Menschen, die ineinander, in dieses Leben verliebt sind, das sie um eines anderen Lebens willen begannen, um eines Lebens willen, das schön, tapfer und ehrlich ist . . .

Ich sagte mir: Ich muß etwas mit mir anfangen, sonst komme ich um . . .

An trüben Herbsttagen, wenn man die Sonne nicht sieht, nicht einmal ahnt, ja ganz vergißt, habe ich mich gelegentlich im Wald verirrt. Man kommt vom Wege ab, sieht keine Pfade mehr und wird des Suchens nach ihnen müde; man beißt die Zähne zusammen und stapft über faulendes Bruchholz und über schwankende Sumpfhöcker hin, geradeswegs durchs Dickicht – zu guter Letzt findet man immer seinen Weg!

Genauso beschloß ich zu handeln.

Ich fuhr im Herbst dieses Jahres nach Kasan, in der heimlichen Hoffnung, ich könnte dort etwas lernen.

 


 


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