Maxim Gorki
Unter fremden Menschen
Maxim Gorki

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8

Als der erste Schnee gefallen war, brachte mich der Großvater aufs neue zu Großmutters Schwester.

»Das ist nicht ungünstig für dich, keineswegs ungünstig«, sagte er zu mir.

Mir scheint, ich habe den Sommer über schrecklich viel erlebt und bin älter und klüger geworden, während sich bei meiner Herrschaft die Langeweile nur noch verstärkt hat. Sie sind alle noch ebenso häufig krank wie früher, weil sie sich ständig den Magen überladen, und erzählen sich mit der gleichen Ausführlichkeit vom Verlauf ihrer Krankheiten; die Alte betet ebenso furchterregend und böse zu Gott wie früher. Die junge Frau hat nach der Entbindung abgenommen und an Umfang verloren, bewegt sich aber genauso feierlich und langsam wie während der Schwangerschaft. Wenn sie für ihre Kinder Wäsche näht, singt sie mit leiser Stimme immer dasselbe Lied:

»Spirja, Spirja, Spiridon,
Brüderlein, mein gutes, komm!
Selber sitz im Schlitten ich,
Spirja stellt sich hinter mich.«

Komme ich ins Zimmer, dann hört sie sofort zu singen auf und fährt mich böse an: »Was willst du?«

Ich bin überzeugt, sie kennt kein anderes Lied als dieses.

Abends holt man mich ins Zimmer und befiehlt: »Los, erzähle mal, wie es dir auf dem Dampfer ergangen ist!«

Ich setze mich auf den Stuhl neben der Toilettentür und erzähle; es tut mir wohl, mich an ein anderes Leben zu erinnern – in diesem hier, das man mir gegen meinen Willen aufgezwungen hat. Ich gehe ganz in meiner Erzählung auf und vergesse die Zuhörer – doch nicht lange; die Frauen sind noch nie mit einem Dampfer gefahren und erkundigen sich: »Ein bißchen Angst hat man aber wohl doch?«

Ich begreife nicht, warum man Angst haben sollte.

»Und wenn er nun plötzlich an eine tiefe Stelle gerät und sinkt?«

Der Herr des Hauses bricht in Lachen aus, während ich, obwohl ich weiß, daß Dampfer an tiefen Stellen nicht sinken, die Frauen davon nicht überzeugen kann. Die Alte glaubt steif und fest, daß ein Dampfer nicht auf dem Wasser schwimmt, sondern auf Rädern über den Grund des Flusses rollt – wie ein Bauernwagen über die Erde.

»Wie soll er denn schwimmen, wenn er aus Eisen ist? Eine Axt, nicht wahr, kann auch nicht schwimmen.«

»Und eine Schöpfkelle? Sinkt die vielleicht im Wasser unter?«

»Das ist etwas ganz anderes! Die Kelle ist klein und hohl.«

Wenn ich auf Smuryj und seine Bücher zu sprechen komme, sehen sie mich mißtrauisch an; die Alte meint, Bücher werden von Narren und Ketzern verfaßt.

»Und der Psalter? Und König David?«

»Der Psalter gehört zur Heiligen Schrift, aber auch da hat König David den Herrn des Psalters wegen um Vergebung gebeten.«

»Wo steht das geschrieben?«

»Bei mir, auf meiner Hand! Warte, ich lang dir gleich eine, dann wirst du schon merken, wo!«

Sie weiß alles, redet von allem sehr bestimmt und immer verstiegen.

»In der Vorstadt Petschorka ist ein Tatar gestorben, dem ist die Seele aus dem Hals gequollen – schwarz wie Pech!«

»Die Seele ist Geist, Hauch«, sage ich, aber sie schreit mich verächtlich an: »Bei einem Tataren? Dummkopf!«

Auch die jüngere Herrin fürchtet sich vor den Büchern.

»Bücher lesen ist sehr schädlich, besonders in jungen Jahren«, behauptet sie. »Bei uns am Grebeschok hat ein Mädchen aus guter Familie in einem fort gelesen und sich am Ende in den Diakon verliebt. Da hat doch die Frau des Diakon sie so blamiert – geradezu entsetzlich! Auf der Straße, vor allen Leuten . . .«

Gelegentlich brauchte ich Wendungen aus Smuryjs Büchern; in einem von denen, die keinen Anfang und keinen Schluß mehr hatten, stand geschrieben: »Das Schießpulver hat im Grunde genommen niemand erfunden; es tauchte, wie das zu sein pflegt, am Ende einer langen Reihe von unbedeutenden Beobachtungen und Entdeckungen auf.«

Ich weiß nicht, warum sich mir dieser Satz so eingeprägt hatte – besonders gefiel mir die Wendung »im Grunde genommen«; ich fühlte eine Art Kraft aus ihr heraus – sie brachte mir viel Kummer, viel komischen Kummer. So etwas gibt es.

Eines Tages, als meine Herrschaft mir vorschlug, noch mehr vom Dampfer zu erzählen, entgegnete ich: »Im Grunde genommen habe ich nichts mehr zu erzählen . . .«

Das verblüffte sie, sie schnatterten drauflos: »Wie? Was hast du gesagt?«

Und alle vier brachen einmütig in Lachen aus und wiederholten: »Im Grunde genommen – ach du meine Güte!«

Selbst der Hausherr meinte zu mir: »Das hast du dir schlecht ausgedacht, du Kauz!«

Von da an riefen sie mich lange: »He, du, ›im Grunde genommen!‹ Geh hin und wisch hinter dem Kind den Fußboden auf, im Grunde genommen . . .«

Diese dummen Hänseleien kränkten mich nicht, sie wunderten mich nur sehr.

Ich lebte im Nebel einer stumpfsinnigen Langeweile dahin und versuchte, um sie zu überwinden, möglichst viel zu arbeiten. Über Mangel an Arbeit konnte ich mich nicht beklagen, – im Hause waren zwei kleine Kinder, die Kindermädchen konnten es der Herrschaft nicht recht machen und wurden ständig gewechselt; ich mußte mich mit den Kindern abgeben, wusch jeden Tag Windeln und ging einmal wöchentlich zum Shandarmskij-Bach, um Wäsche zu spülen – dort lachten mich die Wäscherinnen aus.

»Wieso verrichtest du Weiberarbeit?«

Manchmal trieben sie es so arg, daß ich sie mit nassen Wäschestücken klatschte; sie zahlten es mir freigebig und mit gleicher Münze heim; immerhin war es mit ihnen lustig und interessant.

Der Shandarmskij-Bach floß auf dem Grunde einer tiefen Schlucht zur Oka, die Schlucht grenzte ein Feld von der Stadt ab, das noch den Namen des alten Gottes Jarilo trug. Auf diesem Feld veranstaltete das Kleinbürgertum der Stadt am Semik, dem siebenten Donnerstag nach Ostern, jedes Jahr eine Volksbelustigung; die Großmutter erzählte mir, das Volk in ihrer Jugend habe noch an Jarilo geglaubt und ihm ein Opfer dargebracht. Man nahm ein Rad, umwickelte es mit geteertem Werg, ließ es zu Tal hinunterrollen und beobachtete unter Geschrei und Liedern, ob der flammende Kranz die Oka erreichte. Tat er das, dann hatte Jarilo das Opfer angenommen – es würde einen sonnigen, glücklichen Sommer geben.

Die meisten Wäscherinnen waren aus dieser Gegend – alle munter, mit Haaren auf den Zähnen; sie kannten das Leben der ganzen Stadt und konnten viel Interessantes von den Kaufleuten, Beamten und Offizieren, für die sie arbeiteten, erzählen. Die Wäsche im Winter im eisigen Bachwasser zu spülen war eine Sträflingsarbeit; alle Frauen hatten aufgesprungene Hände – so sehr froren sie. Über den Bach gebeugt, der hier von einem Holztrog umschlossen ist, spülen sie die Wäsche unter einem alten, löchrigen Wetterdach, das weder vor Schnee noch vor Wind schützt; ihre Gesichter sind rot angelaufen, rotgekniffen vom Frost; der Frost verbrennt ihre nassen Finger, sie wollen sich nicht mehr biegen lassen, die Augen tränen; doch die Frauen plappern unentwegt fort, erzählen sich allerlei Geschichten, nehmen alles mit eigentümlicher Tapferkeit auf.

Am besten konnte Natalja Koslowskaja erzählen, eine Frau, etwas über die Dreißig, frisch, drall, mit spöttischen Augen und einer besonders flinken und spitzen Zunge. Sie genoß die Achtung aller Gefährtinnen, wurde in den verschiedensten Angelegenheiten um Rat befragt und stand der Fertigkeit in der Arbeit, der sauberen Kleidung und der Tatsache wegen, daß sie ihre Tochter ein Gymnasium besuchen ließ, in hohem Ansehen. Wenn sie, von der Last zweier Körbe mit nasser Wäsche niedergedrückt, den glatten Pfad von der Anhöhe herunterkam, empfing man sie fröhlich mit der aufmerksamen Frage: »Wie geht's denn dem Töchterlein?«

»Danke, es macht sich, sie lernt, Gott sei Dank!«

»Soll wohl eine Dame werden?«

»Wozu sonst lasse ich sie was lernen? Aus wem sind sie denn alle hervorgegangen, die Herrschaften mit den gepflegten Wangen? Aus dem Volk, der schwarzen Erde, woher denn sonst? Je weniger ich mich beim Lernen schon', desto größer der Lohn, desto weiter greifen die Arme; hab ich aber erst was errafft, dann ist auch heilig, was ich geschafft . . . Der Herrgott schickt uns als einfältige Kinder her und verlangt uns alt und klug zurück, und darum muß man eben etwas lernen!«

Wenn sie sprach, schwiegen alle still und lauschten ihren wohlgesetzten, selbstsicheren Reden. Man lobte sie ins Gesicht und hinter dem Rücken und staunte über ihre Ausdauer, ihren Verstand, aber niemand ahmte sie nach. So benähte sie ihre Jackenärmel mit rotbraunem Leder von einem Stiefelschaft – das gestattete ihr, die Ärmel nicht aufzukrempeln und sie trotzdem nicht naß zu machen. Alle fanden, das sei geschickt erdacht, aber niemand machte es ihr nach, als ich es dann aber dennoch tat, lachte man mich aus: »Hach, du, lernst von einem Weibe!«

Von ihrer Tochter hieß es: »Was ist das schon! Nun gut, es wird eine feine Frau mehr geben, und was weiter? Vielleicht schafft sie's auch gar nicht und stirbt . . .«

»Schließlich haben es auch die Gebildeten nicht leicht – Bachilows Tochter zum Beispiel hat gelernt und sich bald umgebracht, und schließlich ist sie weiter nichts als Lehrerin geworden; ist eine aber Lehrerin, dann bleibt sie auch alte Jungfer . . .«

»Gewiß doch! Zur Frau nimmt man dich auch ohne Lesen und Schreiben, Hauptsache, du hast was, woran man sich halten kann . . .«

»Bei den Weibern sitzt der Verstand eben nicht im Kopf . . .«

Es mutete sonderbar und peinlich an, daß sie so schamlos über sich selber redeten. Ich wußte, wie die Matrosen, Soldaten und Erdarbeiter von den Frauen sprachen, ich sah, daß sich die Männer immer wieder damit brüsteten, wie geschickt sie die Frauen betrogen, wie zähe sie sie hinhielten; ich fühlte, daß sie den »Weibern« feind waren, und doch klang in den Erzählungen der Männer von ihren Siegen über die Frauen neben der Prahlerei fast immer etwas mit, das mich noch glauben ließ, es sei eben mehr Angeberei als Wahrheit.

Die Wäscherinnen erzählten sich nicht von ihren Liebesabenteuern, ich hörte jedoch aus allem, was über die Männer gesprochen wurde, Spott und allerlei Böses heraus, und ich sagte mir, es müsse also wohl stimmen – das Weib ist eine Macht!

»Und wenn du dich noch so sehr drehst und windest – einerlei, am Weib kommt keiner vorbei«, sagte eines Tages Natalja, und eine alte Frau fiel mit erkälteter Stimme ein: »Was sonst? Kommen sie doch vom Herrgott selber geradeswegs zu uns, die Mönche, mein ich, die Einsiedler . . .«

Diese Unterhaltungen am schwermütig plätschernden Wasser, beim Klatschen der nassen Lumpen, auf dem Grunde der Schlucht, in diesem schmutzigen Loch, das selbst der winterliche Schnee mit seinem reinen Weiß nicht zu verbergen vermochte, diese schamlosen, bösen Gespräche von dem Geheimnis, dem alle Stämme und Völker ihren Ursprung verdanken, riefen scheuen Widerwillen in mir hervor, drängten mein Denken und Fühlen von den »Romanen« ab, die mich so aufdringlich umgaben; für mich verband sich mit dem Begriff »Roman« auf lange Zeit hinaus die Vorstellung von einer schmutzigen, unzüchtigen Geschichte.

Dennoch fand ich es bei den Wäscherinnen in der Schlucht, bei den Offiziersburschen in den Küchen, bei den Erdarbeitern in ihrem Keller unvergleichlich interessanter als zu Hause, wo die erstarrte Gleichförmigkeit der Reden, Begriffe und Geschehnisse nur eine bedrückende, böse Langeweile hervorrief. Meine Herrschaft lebte in einem Zauberkreis von Essen, Krankheiten und Schlaf sowie geschäftigen Vorbereitungen aufs Essen und den Schlaf; man sprach von Sünden, vom Tod, man fürchtete ihn sehr, man trieb wie Korn um einen Mühlstein herum in der ständigen Furcht, von ihm erfaßt zu werden.

In meinen freien Stunden ging ich in den Schuppen, um Holz zu hacken und endlich allein mit mir zu sein, doch das gelang nur selten – gewöhnlich kamen Offiziersburschen vorbei und erzählten vom Leben auf unserem Hof.

Häufiger als die anderen zeigten sich Jermochin und Sidorow bei mir im Schuppen. Der erste war lang aufgeschossen, stammte aus Kaluga, bestand aus lauter dicken, starken Sehnen und hatte einen kleinen Kopf und trübe Augen. Er war träge, empörend dumm, bewegte sich langsam und ungeschickt, gab, wenn er eine Frau erblickte, unartikulierte Laute von sich und neigte sich zu ihr vor, als wollte er ihr zu Füßen sinken. Alle Leute im Hause staunten über die raschen Siege, die er bei Köchinnen und Stubenmädchen errang, beneideten ihn und fürchteten sich vor seinen Bärenkräften. Sidorow, ein hagerer, knochiger Bursche aus Tula, war immer traurig, sprach immer mit leiser Stimme und hüstelte sogar mit Vorsicht; seine Augen hatten einen scheuen Glanz, er sah sich mit Vorliebe nach dunklen Ecken um; ob er nun mit gedämpfter Stimme erzählte oder schweigend dasaß – immer blickte er zu der Ecke, in der es am dunkelsten war.

»Was starrst du dorthin?«

»Vielleicht kommt eine Maus zum Vorschein . . . Ich liebe Mäuse, sie rollen so lautlos dahin . . .«

Ich schrieb für die Offiziersburschen Briefe aufs Dorf und Zettel an ihre Liebsten; ich tat es gern; am liebsten schrieb ich jedoch für Sidorow – er schickte pünktlich an jedem Sonnabend einen Brief an seine Schwester nach Tula ab.

Er bat mich zu sich in die Küche, setzte sich neben mich an den Tisch, rieb sich angestrengt den geschorenen Schädel und flüsterte mir ins Ohr: »Leg los! Zuerst – wie sich's gehört: ›Mein liebes Schwesterlein, ich wünsch dir gute Gesundheit für viele Jahre‹ – wie sich's gehört! Und dann schreib: ›Den Rubel hab ich erhalten, aber das war nicht nötig, ich danke dir. Ich brauche nichts, es geht uns gut‹ – es geht uns gar nicht gut, wir führen ein Hundeleben, doch davon schreibe nichts, schreibe – es geht uns gut! Sie ist noch klein, erst vierzehn Jahre – wozu soll sie das wissen? Und weiter schreib allein, wie du's gelernt hast . . .«

Er lehnte sich schwer an meine linke Seite und flüsterte mir mit heißem, übelriechendem Atem hartnäckig ins Ohr: »Sie soll sich nicht von den Burschen umarmen, nicht an die Brüste fassen lassen oder so! Schreib ihr: ›Wenn einer freundlich mit dir spricht, dann trau ihm nicht, er will dich nur betrügen, verderben . . .‹«

Die Anstrengung, mit der er seinen Husten zu unterdrücken suchte, trieb ihm das Blut in das graue Gesicht, er blies die Wangen auf, in seine Augen traten Tränen, er rutschte auf seinem Stuhl hin und her und stieß mich an.

»Du störst mich!«

»Macht nichts, schreib nur! ›Vor allem trau den feinen Herren nicht, die kriegen ein Mädchen im Handumdrehen rum. So 'n Herr weiß, was er sagt, und kann alles ausdrücken, hast du ihm aber geglaubt, stecken sie dich gleich in ein öffentliches Haus. Hast du einen Rubel gespart, dann gib ihn dem Popen, er hebt ihn für dich auf, wenn er ein anständiger Mensch ist. Am besten aber vergrab den Rubel, wenn's keiner sieht, und merk dir, wo es ist.‹«

Es stimmt sehr traurig, diesem Geflüster zuzuhören, das vom kreischenden Blechventilator der Lüftungsklappe erstickt wird. Ich blicke mich nach dem verräucherten Ofenloch, nach dem von Fliegen beschmutzten Geschirrschrank um – die Küche ist unglaublich dreckig, wimmelt von Wanzen, riecht bitter nach angebranntem Öl, Petroleum und Rauch. Auf dem Ofen rascheln im Spanholz die Küchenschaben, ich bin verzagt, der Soldat und seine Schwester tun mir zum Weinen leid. Kann man denn so leben, lohnt sich das?

Ich schreibe weiter, höre nicht mehr auf Sidorows Geflüster, schreibe, wie öde und ärgerlich das Leben ist, während er seufzt und zu mir sagt: »Du schreibst viel, ich danke dir! Jetzt wird sie wissen, wovor sie sich fürchten muß . . .«

»Vor gar nichts soll man sich fürchten«, entgegne ich böse, obwohl ich mich selber vor vielem fürchte.

Der Soldat lacht, hüstelt: »Kauz! Wie soll man sich denn nicht fürchten? Und die Herrschaft? Und Gott? Was weiß ich, was es alles noch gibt!«

Wenn er einen Brief von der Schwester bekam, bat er besorgt: »Lies bitte rasch vor! . . .«

Und er nötigte mich, den hingekrakelten, ärgerlich kurzen und leeren Brief wohl dreimal vorzulesen.

Er war gutmütig und weich, in seinen Beziehungen zu den Frauen aber wie alle anderen – tierisch einfach und grob. Ich beobachtete diese Beziehungen, die sich oft erstaunlich und widerwärtig rasch von Anfang bis zum Ende vor meinen Augen abspielten, teils absichtlich, teils unwillkürlich; ich sah, wie Sidorow die guten Gefühle einer Frau durch Klagen über sein Soldatenleben weckte, wie er sie mit schmeichelnden Lügen trunken machte und dann, wenn er Jermochin von seinem Siege erzählte, verächtlich das Gesicht verzog und ausspie, als hätte er eine bittere Arznei genommen. Das preßte mir das Herz zusammen; ärgerlich fragte ich den Soldaten, warum sie alle die Weiber betrögen und belögen, sie hinterher verhöhnten, einander weitergäben und häufig schlügen.

Er lächelte nur vor sich hin und sagte: »Für diese Dinge brauchst du dich nicht zu interessieren, das alles ist schlecht, ist Sünde! Du bist noch klein, es ist für dich zu früh . . .«

Doch eines Tages gelang es mir, eine bestimmtere Antwort zu erhalten, die sich mir gut einprägte.

»Glaubst du vielleicht, sie weiß nicht, daß ich sie betrüge?« sagte er, zwinkerte mir zu und hüstelte. »Sie weiß es! Und sie will auch betrogen sein. In diesen Dingen machen sich alle etwas vor, es ist nun einmal so eine Sache, alle schämen sich, keiner liebt wirklich, alles nur Flausen! Man schämt sich zu sehr, warte, du wirst es noch selber erfahren! Alles geschieht in der Nacht, und ist es einmal bei Tag, dann nur im Dunklen, in einer dunklen Kammer – ja doch! Um dieser Sache willen hat uns der Herrgott aus dem Paradies vertrieben, um ihretwillen sind alle unglücklich . . .«

Er sprach so schön, so traurig, so reuevoll, daß ich mich mit seinen Geschichten ein wenig versöhnt fühlte; mein Verhältnis zu ihm war freundschaftlicher als das zu Jermochin, den ich nicht ausstehen konnte und den ich auf jede Weise zu verspotten, zu reizen suchte – das gelang mir auch, und oft genug rannte er, Böses im Schilde führend, auf dem Hof hinter mir her – nur seine Ungeschicklichkeit war daran schuld, daß er mich selten erwischte.

»Das ist verboten«, sagte Sidorow.

Was verboten war – wußte ich, doch daß es die Menschen unglücklich machte, wollte ich nicht glauben. Ich sah, daß sie unglücklich waren, glaubte es aber nicht, weil ich häufig genug in den Augen verliebter Menschen einen ungewöhnlichen Ausdruck beobachtete, die besondere Herzensgüte der Liebenden empfand; diesen Feiertag des Herzens zu sehen tat immer wohl.

Dennoch erschien mir das Leben, wie ich mich erinnere, immer langweiliger, starrer, für alle Zeiten auf jene Formen und Beziehungen festgelegt, in denen ich es tagtäglich verlaufen sah. Der Gedanke, daß es etwas Besseres geben könne als das, was war, was jeden Tag unabweisbar vor meinen Augen stand, kam mir nicht.

Doch eines Tages erzählten mir die Soldaten eine Geschichte, die mich heftig erregte.

In einer der Wohnungen lebte ein Zuschneider vom besten Schneidergeschäft der Stadt, ein stiller, bescheidener Mann nichtrussischer Herkunft. Er hatte eine kleine, kinderlose Frau, die Tag und Nacht Bücher las. Die beiden lebten auf dem lauten Hof, in einem Haus, in dem sich betrunkene Menschen drängten, fast unsichtbar und unhörbar dahin, empfingen keinen Besuch und gingen auch nicht aus – nur feiertags ins Theater.

Der Mann war vom Morgen bis in den späten Abend fort zur Arbeit, die Frau, die an ein halbwüchsiges Mädchen erinnerte, ging zweimal in der Woche zur Bibliothek. Ich sah sie oft ein wenig schaukelnden, kurzen Schritts – sie schien zu lahmen – den Dammweg entlanggehen, Bücher im Tragriemen wie eine Gymnasiastin, einfach, angenehm, sauber, wie neu, mit Handschuhen an den kleinen Händen. Ihr Gesicht hatte etwas Vogelhaftes, Flinkäugiges, die zierliche Gestalt etwas von einem Porzellanfigürchen auf einer Spiegelkonsole. Die Soldaten behaupteten, ihr fehle auf der rechten Seite eine Rippe – deshalb eben schaukle sie so merkwürdig beim Gehen, aber mir schien das angenehm, es unterschied sie sogleich von den anderen Damen auf unserem Hof – den Offiziersfrauen; diese wirkten trotz ihrer lauten Stimmen, des bunten Staats und der hohen Turnüren angestaubt, als hätten sie lange in einer dunklen Abstellkammer unter allerlei unnützen Dingen herumgelegen.

Die kleine Zuschneidersfrau galt auf dem Hof als halbe Irre, man meinte, das Bücherlesen habe sie um den Verstand gebracht, es sei so weit mit ihr gekommen, daß sie nicht mehr imstande sei, das Haus zu besorgen, ihr Mann gehe selber auf den Basar, um Lebensmittel zu kaufen, und spreche auch das Mittag- und Abendessen mit der Köchin ab – einer riesigen, finsteren Frau nichtrussischer Herkunft, mit einem einzigen roten und ewig nassen Auge und einem schmalen rosigen Schlitz anstelle des anderen. Die Frau des Hauses aber – behauptete man – könne nicht einmal Schweinefleisch von Kalbfleisch unterscheiden und habe eines Tages blamablerweise statt Petersilie – Meerrettich mitgebracht! Man denke, wie entsetzlich!

Alle drei waren in diesem Hause Fremde, sie schienen zufällig in einen der Käfige dieses großen Hühnerverschlages geraten zu sein und erinnerten an Blaumeisen, die sich auf der Flucht vor dem Frost durch die Lüftungsklappe in eine stickige, schmutzige Menschenbehausung gerettet haben.

Und plötzlich erzählten mir die Burschen, die Herren Offiziere seien auf ein böses, kränkendes Spiel mit der kleinen Zuschneidersfrau verfallen – jeden Tag stellten sie ihr, bald der eine, bald der andere, ein Zettelchen zu, in dem sie von ihrer Liebe zu ihr, von ihren Qualen, von der Schönheit der Zuschneidersfrau sprächen. Sie antworte ihnen, bitte, sie in Frieden zu lassen, bedauere, daß sie Kummer verursacht habe, flehe zu Gott, er möge ihnen helfen, sie zu vergessen. Wenn die Offiziere so einen Zettel bekämen, läsen sie ihn alle gemeinsam, machten sich über die Frau lustig und faßten – wiederum gemeinsam, aber im Namen eines einzelnen – einen neuen Brief an sie ab.

Als mir die Offiziersburschen diese Geschichte erzählten, lachten auch sie und schalten über die Zuschneidersfrau.

»Eine armselige dumme Gans, dieses Hinkebein«, sagte Jermechin mit seiner Baßstimme, während Sidorow ihm leise beipflichtete: »Jedes Weib will betrogen sein. Sie weiß alles . . .«

Ich konnte nicht glauben, daß die Zuschneidersfrau wisse, wie man über sie lachte, und beschloß sogleich, es ihr zu erzählen. Ich nahm einen Augenblick wahr, in dem die Köchin in den Keller hinunterging, stürzte über die Hintertreppe zur Wohnung der kleinen Frau und schaute rasch in die Küche; doch dort war niemand, und ich betrat ein Zimmer die Zuschneidersfrau saß am Tisch, in der einen Hand eine schwere vergoldete Tasse, in der anderen ein aufgeschlagenes Buch; sie erschrak, drückte das Buch an die Brust und rief mit gedämpfter Stimme: »Wer ist das! Auguste! Wer ist das?«

Ich begann rasch und verworren zu erzählen, ich fürchtete, sie werde mir das Buch oder die Tasse an den Kopf werfen. Sie saß in einem hellblauen Hausgewand mit Fransen am Saum und Spitzen an Kragen und Ärmeln in einem großen himbeerfarbenen Sessel; das blonde, wellige Haar fiel auf die Schultern herab. Sie erinnerte an einen Engel von dem »Zarentor« in einer Kirche. Sie lehnte sich zurück und blickte mich mit runden Augen an, zuerst böse, dann erstaunt und lächelnd.

Als ich alles gesagt hatte, was zu sagen war, die Courage verlor und mich zur Tür wandte, rief sie mir nach: »Warte mal!«

Sie stellte die Tasse mit einem Ruck aufs Tablett, warf das Buch auf den Tisch und begann, die Handflächen aneinandergelegt, mit der vollen Stimme der Erwachsenen: »Was bist du für ein sonderbarer Junge . . . Komm doch mal näher!«

Ich trat sehr vorsichtig auf sie zu, sie ergriff meine Hand und fragte, während sie sie mit ihren kalten, kleinen Fingern streichelte: »Hat dir jemand gesagt, du sollst mir das sagen? Nein? Also gut, ich sehe es, ich glaube es dir – du bist selber darauf gekommen . . .«

Sie ließ meine Hand los, schloß die Augen und sagte leise, mit gedehnter Stimme: »So reden also die schmutzigen Soldaten von mir!«

»Sie sollten lieber hier fortziehen«, riet ich gesetzt.

»Weshalb?«

»Sie werden Sie fertigmachen.«

Sie brach in ein angenehmes Lachen aus, dann erkundigte sie sich: »Hast du lesen und schreiben gelernt? Liest du gern Bücher?«

»Zum Lesen habe ich keine Zeit.«

»Wenn du gern lesen würdest, fände sich auch die Zeit dazu. Nun – ich danke dir!«

Sie streckte die zusammengelegten Finger mit einer Silbermünze darin zu mir aus – ich schämte mich, den kalten Gegenstand anzunehmen, wagte jedoch nicht, abzulehnen, und legte ihn, als ich ging, auf einen Pfeiler des Treppengeländers.

Ich nahm von dieser Frau einen tiefen, neuen Eindruck mit; vor mir war gleichsam die Morgenröte aufgeglommen, und mehrere Tage lebte ich in der freudigen Erinnerung an das geräumige Zimmer und die hellblau gekleidete, an einen Engel gemahnende Zuschneidersfrau darin. Ringsum war alles fremdartig schön gewesen – der üppige, golden schimmernde Teppich unter ihren Füßen, die silbrigen Fensterscheiben, durch die, an ihrer Nähe sich wärmend, der Wintertag drang.

Ich wollte sie gern noch einmal sehen – wie wäre es, wenn ich zu ihr ginge und um ein Buch bäte?

Ich tat es und erblickte sie wieder an derselben Stelle und wieder mit einem Buch in der Hand, doch ihre Wange war mit einem rötlichen Tuch verbunden, die Augen waren verschwollen. Sie gab mir ein Buch in schwarzem Einband und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. Traurig ging ich mit dem Buch, das nach Kreosot und Anistropfen roch, davon. Ich wickelte es in ein sauberes Hemd, dann in Papier und versteckte es auf dem Dachboden, weil ich fürchtete, meine Herrschaft könnte es mir fortnehmen oder beschädigen.

Man hielt im Hause – der Schnittmuster und der Bildbeilagen wegen – die Zeitschrift »Die Flur«, las sie jedoch nicht, sondern sah sich nur die Bilder an und stapelte die Hefte auf dem Schrank im Schlafzimmer; am Ende des Jahres ließ man sie binden und verbarg sie unter dem Bett, wo schon drei Bände der »Malerischen Rundschau« lagen. Wenn ich im Schlafzimmer den Fußboden aufwischte, lief schmutziges Wasser unter die Bücher. Der Hausherr hatte die Zeitung »Russischer Kurier« abonniert und schalt, wenn er sie abends las: »Weiß der Teufel, wozu sie das alles schreiben! Ist doch entsetzlich langweilig . . .«

Am Sonnabend, als ich auf dem Dachboden Wäsche zum Trocknen aufhängte, erinnerte ich mich des Buches, holte es hervor, schlug es auf und las die Anfangszeile: »Häuser sind wie Menschen – jedes hat sein Gesicht.« Das verblüffte mich durch seine Wahrheit – ich las, an der Dachluke stehend, weiter, bis ich ganz durchgefroren war, nahm abends, als die Herrschaft zum Abendgottesdienst in die Kirche ging, das Buch in die Küche mit und vertiefte mich in seine vergilbten, zerlesenen, an Herbstlaub erinnernden Seiten; sie versetzten mich mühelos in eine andere Welt mit neuen Namen und Beziehungen und führten mir hochherzige Helden und finstere Bösewichter vor, die keinerlei Ähnlichkeit mit den mir überdrüssig gewordenen Menschen meiner Umgebung hatten. Es handelte sich um einen Roman von Xavier de Montépin, der wie alle seine Romane lang und überreich an Menschen und Geschehnissen war und ein unbekanntes, reißend dahinströmendes Leben schilderte. Alles in diesem Roman wirkte wunderbar einfach und klar, als ob ein zwischen den Zeilen verborgenes Licht das Gute und Böse erhellte, zu lieben oder zu hassen und die eng miteinander verknüpften menschlichen Schicksale angespannt zu verfolgen zwänge. Sofort kam der dringende Wunsch in mir auf, diesem zu helfen, jenen zu hindern, und ich vergaß, daß dieses ganze so überraschend vor mir entfesselte Leben ja nur auf dem Papier stand; im Hin und Her des Kampfgetümmels vergaß ich alles, und während mich auf der einen Seite Freude befiel, versank ich auf der nächsten in Kummer.

Ich las mich dermaßen fest, daß ich, als am Vordereingang die Klingel schellte, nicht gleich begriff, wer da wohl klingelte und wozu.

Die Kerze war fast niedergebrannt, der Leuchter, den ich erst am Morgen geputzt hatte, völlig mit Talg betropft; der Docht des Lämpchens vor der Ikone, auf den ich achthaben sollte, war aus dem Halter geglitten und erloschen. Ich hastete, um die Spuren meiner Verbrechen zu verwischen, durch die Küche, steckte das Buch in die Höhlung unter dem Ofen und machte mich daran, das Ikonenlämpchen in Ordnung zu bringen. Das Kindermädchen stürzte in die Küche.

»Bist du denn taub? Es klingelt!«

Ich eilte zur Tür und öffnete.

»Hast wohl gepennt?« erkundigte sich barsch der Hausherr; seine Frau kam schwerfällig die Treppenstufen herauf und beschuldigte mich, sie der Gefahr einer Erkältung ausgesetzt zu haben; die Alte schimpfte. In der Küche bemerkte sie sofort, daß die Kerze niedergebrannt war, und verhörte mich, was ich gemacht hätte.

Ich schwieg, als wäre ich irgendwoher aus großer Höhe gestürzt, fühlte mich völlig zerschlagen und hatte Angst, daß sie das Buch entdecken werde, während sie schrie, ich würde das ganze Haus in Brand setzen. Als der Hausherr und seine Frau zum Abendessen kamen, verklagte mich die Alte bei ihnen: »Da, seht euch das an, die ganze Kerze ist niedergebrannt, er wird uns noch das Dach über dem Kopf abbrennen!«

Während des Abendessens setzten mir alle vier zu, erinnerten sich meiner freiwilligen oder unfreiwilligen Missetaten und verhießen mir ein schlimmes Ende, ich wußte jedoch schon, daß sie es weder aus Bosheit noch in guter Absicht taten, sondern aus lauter Langeweile. Und es mutete mich seltsam genug an, sie so hohl und lächerlich im Vergleich zu den Menschen im Buch zu sehen.

Schließlich waren sie mit dem Essen fertig, erschlafften und gingen müde auseinander, um sich schlafen zu legen; die Alte verkroch sich, nachdem sie den Herrgott mit bösen Klagen bedrängt hatte, auf dem Ofen und verstummte. Ich stand auf, holte das Buch aus der Höhlung unter dem Herd hervor und trat ans Fenster; die Nacht war hell, der Mond schien zum Fenster herein, doch ich vermochte die kleine Schrift nicht zu lesen. Lesen wollte ich jedoch unbedingt. Ich nahm eine Kupferkasserolle vom Wandbrett und ließ sie das Mondlicht aufs Buch reflektieren – es wurde nicht besser, sondern noch dunkler. Da stieg ich auf die Bank in der Ikonenecke, las stehend beim Schein des Ewigen Lämpchens, sank schließlich wieder auf die Bank und schlief erschöpft ein; ich erwachte vom Geschrei und den Knüffen der Alten. Sie hielt das Buch in der Hand und klatschte mich schmerzhaft damit auf die Schultern – zornrot, barfuß und im bloßen Hemd, schlenkerte sie wütend den rothaarigen Kopf.

Von der Hängepritsche quarrte Wiktor: »Mama, so schreien Sie doch nicht! Es ist ja nicht zum Aushalten . . .«

Das Buch ist hin, dachte ich, sie werden es zerreißen!

Beim Morgentee hielt man Gericht über mich. Der Hausherr forschte mit strenger Stimme: »Wo hast du das Buch her?«

Die Frauen überschrien sich und ließen einander nicht zu Worte kommen, während Wiktor argwöhnisch die Buchseiten beschnupperte und feststellte: »Riecht nach Parfüm, nein, wirklich . . .«

Als sie hörten, das Buch gehöre dem Geistlichen, sahen sie es sich alle noch einmal an und wunderten, ja empörten sich darüber, daß der Geistliche Romane lese; immerhin waren sie einigermaßen beruhigt, wenn der Hausherr mir auch noch lange einschärfte, daß Lesen schädlich und gefährlich sei.

»Da haben sie doch, alles Leute, die Bücher lesen, die Eisenbahn gesprengt; sie hatten es auf das Leben . . .«

Ärgerlich und erschrocken fiel die Hausherrin ihrem Mann ins Wort: »Bist du von Sinnen? Was erzählst du ihm das?«

Ich brachte den Montépin zu Sidorow und erklärte ihm, worum es sich handelte – Sidorow griff nach dem Buch, öffnete schweigend eine kleine Kiste, der er ein sauberes Handtuch entnahm, schlug den Roman in das Handtuch ein, verbarg ihn in der Kiste und sagte: »Hör nicht auf sie, komm zu mir und lies, ich sage es keinem. Und wenn du kommst und ich nicht da bin – der Schlüssel hängt hinter dem Heiligenbild, schließ die Kiste auf und lies . . .«

Die Art, wie sich meine Herrschaft zu dem Buch verhielt, erhob es in meinen Augen sogleich zu einem richtigen und schrecklichen Geheimnis. Daß irgendwelche »Leute, die Bücher lasen«, in der Absicht, jemand zu töten, die Eisenbahn gesprengt hatten, interessierte mich nicht, rief mir jedoch die Frage des Geistlichen während der Beichte, den vorlesenden Gymnasiasten im Keller und Smuryjs Worte von den »richtigen Büchern« ins Gedächtnis; ich erinnerte mich auch an Großvaters Erzählungen von den Schwarzkünstlern und Freidenkern: »Unter dem gottgesegneten Zaren Alexander Pawlytsch verfielen kleine Adlige, die zur Schwarzkunst und Freidenkerei abgeirrt waren, auf den Gedanken, das ganze russische Volk dem Papst in Rom zu verkaufen, die Jesuiten! Der General Araktschejew aber ertappte sie auf frischer Tat und – ab mit ihnen, ohne Ansehen von Rang und Namen, nach Sibirien, zur Zwangsarbeit, wo sie dann allesamt zugrunde gingen wie Ungeziefer . . .«

Ich erinnerte mich des »von den Sternen durchflimmerten Umbraculum«, »Gerwassijs« und der feierlich-spöttischen Worte: »Uneingeweihte, die ihr neugierig auf unsere Angelegenheiten seid! Nie werden eure schwachsichtigen Augen sie durchdringen!«

Ich glaubte mich an der Schwelle irgendwelcher großer Geheimnisse und lebte wie ein Umnachteter dahin. Ich hätte das Buch gern ausgelesen, ich fürchtete, es könne bei Sidorow abhanden kommen oder irgendwie Schaden nehmen. Was hätte ich dann der Zuschneidersfrau gesagt?

Die Alte aber, die sorgfältig darauf achtete, daß ich nicht allzuoft beim Offiziersburschen hereinsah, hackte auf mir herum: »Du Bücherwurm! Hat man nicht deutlich genug vor Augen, wohin das Bücherlesen führt? Da siehst du's, wie weit es mit ihr, der Bücherratte, gekommen ist – ist nicht einmal mehr imstande, zum Basar zu gehen, hat weiter nichts im Sinn, als sich mit Offizieren herumzutreiben, empfängt sie Tag für Tag bei sich, da macht man mir nichts vor!«

Ich hätte am liebsten ausgerufen: Das ist nicht wahr! Sie treibt sich nicht herum . . .

Ich fürchtete mich jedoch, die Zuschneidersfrau in Schutz zu nehmen – die Alte wäre womöglich dahintergekommen, daß das Buch ihr gehörte.

Mehrere Tage fühlte ich mich entsetzlich schlecht; ich wurde zerstreut, und eine bange Unruhe ergriff von mir Besitz, aus Angst um das Schicksal des Montépin fand ich keinen Schlaf, bis mich dann eines Tages die Köchin der Zuschneidersfrau auf dem Hofe anhielt und zu mir sagte: »Bring das Buch zurück!«

Ich nahm die Zeit nach dem Mittagessen wahr, als meine Herrschaft sich zum Schlafen niedergelegt hatte, und trat verlegen und bedrückt bei der Zuschneidersfrau ein.

Sie empfing mich wie beim erstenmal, nur war sie anders gekleidet – sie trug einen grauen Rock, eine schwarze Samtjacke und ein Türkiskreuz am bloßen Hals. Sie erinnerte mich an ein Gimpelweibchen.

Als ich ihr sagte, ich hätte keine Zeit gefunden, das Buch zu Ende zu lesen, und daß man mir überhaupt verbiete zu lesen, traten mir Tränen in die Augen – vor Ärger und aus lauter Freude, diese Frau wiederzusehen.

»Puh, was für alberne Menschen!« sagte sie und zog die feinen Brauen zusammen. »Dabei hat dein Herr ein so interessantes Gesicht! Warte, nimm es dir nicht zu Herzen, ich will darüber nachdenken. Ich schreibe ihm!«

Ich erschrak; ich erklärte ihr, ich hätte meine Herrschaft belogen und ihr gesagt, ich habe das Buch nicht von ihr, sondern vom Geistlichen geliehen.

»Tun Sie es nicht, schreiben Sie nicht!« bat ich sie. »Man wird nur über Sie lachen, über Sie schelten. Niemand liebt Sie auf diesem Hof, alle machen sich über Sie lustig, sagen, Sie seien ein Dummchen und Ihnen fehle eine Rippe . . .«

Kaum hatte ich alles das hervorgesprudelt, als mir klar wurde, daß ich Überflüssiges gesagt und sie gekränkt hatte – sie biß sich auf die Oberlippe und klatschte sich auf den Schenkel, als säße sie rittlings auf einem Pferd. Ich senkte verlegen den Kopf und wäre am liebsten im Boden versunken, die Zuschneidersfrau jedoch ließ sich auf einen Stuhl fallen, brach in fröhliches Lachen aus und wiederholte: »Nein, wie albern . . . wie dumm! Aber was macht man denn nur?« fragte sie sich selber, wobei sie mich aufmerksam ansah; dann seufzte sie und meinte: »Du bist ein seltsamer Junge, sehr seltsam sogar . . .«

Ich tat einen Blick in den Spiegel neben ihr und sah in ein Gesicht mit starken Backenknochen, breiter Nase, einer blauen Beule an der Stirn und zottigem, lange nicht mehr geschorenem, nach allen Richtungen auseinanderstrebendem Haar – war das wohl der »sehr seltsame Junge«? . . . Mit einem zierlichen Porzellanfigürchen hatte der seltsame Junge jedenfalls keine Ähnlichkeit . . .

»Du hast das Geldstückchen, das ich dir damals gab, nicht angenommen. Warum nicht?«

»Ich brauche nichts.«

Sie seufzte.

»Nun ja, was soll man da machen! Wenn du lesen darfst, komm zu mir, ich werde dir Bücher geben . . .«

Auf dem Spiegeltischchen lagen drei Bücher; das, welches ich zurückgebracht hatte, war das dickste. Ich blickte traurig zu ihm hin. Die Zuschneidersfrau reichte mir ihre rosige kleine Hand.

»Also – leb wohl!«

Ich berührte vorsichtig ihre Hand und ging rasch davon.

Vielleicht hatten die Leute recht, wenn sie sagten, sie verstehe sich auf nichts – hatte sie doch die zwanzig Kopeken ein »Geldstückchen« genannt! Wie ein kleines Kind!

Mir allerdings gefiel das . . .

 


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