Maxim Gorki
Unter fremden Menschen
Maxim Gorki

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14

Meine Pflichten in der Werkstatt waren unkompliziert; morgens, solange alle noch schliefen, hatte ich für die Meister den Samowar anzuheizen; während sie in der Küche Tee tranken, räumten Pawel und ich die Werkstatt auf und trennten Eigelb von Eiweiß zum Anrühren der Farben; dann ging ich in den Laden. Abends mußte ich Farben reiben und mir das Handwerk »näher ansehen«. Ich tat es anfangs mit großem Interesse, merkte aber schon bald, daß fast alle, die sich mit dieser in Teile zerlegten Kunst befaßten, sie nicht liebten und unter quälender Langeweile litten.

Danach war ich frei; ich erzählte den Leuten vom Leben auf dem Dampfer oder Geschichten aus Büchern und erlangte unmerklich für mich selbst in der Werkstatt eine Sonderstellung – die eines Vorlesers und Erzählers.

Ich begriff bald, daß alle diese Menschen weniger gesehen hatten und wußten als ich; fast jeder war von Kindheit an in den engen Käfig des Handwerks gesperrt worden und saß seither in ihm fest. Shicharew war als einziger aus der ganzen Werkstatt in Moskau gewesen, von dem er finster und lehrhaft zu sagen pflegte: »Moskau glaubt keinem die Tränen, dort muß man auf der Hut sein!«

Alle übrigen hatten nicht weiter als bis nach Schuja oder Wladimir gefunden; wenn die Rede auf Kasan kam, wurde ich gefragt: »Leben dort auch viele Russen? Und gibt es auch Kirchen?«

Perm lag für sie in Sibirien; sie glaubten nicht, daß Sibirien erst hinter dem Ural beginne.

»Wo kommen die Uralzander und Uralstöre denn her? Vom Kaspischen Meer! Der Ural liegt also am Meer!«

Manchmal glaubte ich, sie machten sich über mich lustig, wenn sie behaupteten, England liege hinter dem Ozean und Bonaparte stamme aus dem Kalugaer Adel. Wenn ich von Dingen erzählte, die ich mit eigenen Augen gesehen hatte, glaubten sie mir nicht recht, dafür liebten sie aber allerlei wirre Geschichten und schreckliche Märchen; selbst die älteren Leute zogen Erfundenes der Wahrheit vor; ich sah sehr wohl, daß man mir desto aufmerksamer lauschte, je unwahrscheinlicher die Handlung, je mehr Phantasie in einer Erzählung war. Überhaupt beschäftigte sie die Wirklichkeit nicht, alle blickten grüblerisch in die Zukunft, wollten die Armseligkeit und Häßlichkeit der Gegenwart nicht sehen.

Das wunderte mich um so mehr, als ich die Widersprüche zwischen Leben und Buch bereits recht deutlich fühlte; da standen lebendige Menschen vor mir, die es in den Büchern nicht gab – weder Smuryj noch den Heizer Jakow, den »Begun« Alexander Wassiljew, Shicharew oder die Wäscherin Natalja . . .

In Dawidows Truhe fanden sich ein paar zerfetzte Bücher – Erzählungen von Golizinskij, Bulgarins »Iwan Wyshigin« und ein Bändchen vom Baron Brambeus; ich las alles das vor, es gefiel, und Larionytsch sagte: »Vorlesen verhindert Streit und Lärm – das ist nur gut!«

Ich sah mich eifrig nach Büchern um, fand auch welche und las fast jeden Abend vor. Das waren schöne Abende; in der Werkstatt herrscht eine Stille wie in der Nacht, über den Tischen hängen die Glaskugeln – kalte weiße Sterne, deren Strahlen die zottigen oder kahlen, über die Tische geneigten Köpfe erhellen; ich sehe in ruhige, nachdenkliche Gesichter, und gelegentlich erklingt ein Wort des Lobes für den Verfasser oder den Helden des Buchs. Die Menschen sind aufmerksam und sanft, daß man sie kaum wiedererkennt; ich habe sie in diesen Stunden sehr lieb, und auch sie sind mir gut; ich fühle mich am rechten Platz.

»Mit den Büchern ist es bei uns auf einmal geworden wie im Frühjahr, wenn man die Winterrahmen herausnimmt und sich zum erstenmal die Fenster ins Freie öffnen«, sagte eines Tages Sitanow.

Die Bücher zu beschaffen war schwer; auf den Gedanken, einer Leihbibliothek beizutreten, kamen wir nicht, aber ich setzte mich trotzdem durch – ich bettelte überall um Bücher wie um ein Almosen. Eines Tages gab mir ein Brandmeister von der Feuerwehr einen Band Lermontow; und plötzlich verspürte ich die Macht der Dichtkunst, ihren gewaltigen Einfluß auf die Menschen.

Ich erinnere mich, daß Sitanow gleich nach den ersten Zeilen des »Dämon« einen Blick in das Buch warf, mir ins Gesicht sah, den Pinsel aus der Hand legte und sich, die langen Arme auf den Knien, lächelnd zu wiegen begann. Der Stuhl unter ihm knarrte.

»Leise, Freunde«, sagte Larionytsch, unterbrach ebenfalls seine Arbeit und trat an Sitanows Tisch, an dem ich las. Das Poem versetzte mich in eine süße Qual, meine Stimme versagte, Tränen traten in meine Augen, ich konnte die Zeilen schlecht sehen. Aber noch mehr erregte mich, daß sich die ganze Werkstatt vorsichtig und gedämpft bewegte, schwerfällig hin und her warf und, wie von einem Magneten angezogen, auf mich zustrebte. Als ich den ersten Teil beendet hatte, standen fast alle um meinen Tisch herum, eng aneinandergedrückt, umschlungen, die einen lächelnd, andere mit düsterem Gesicht.

»So lies schon, lies«, sagte Shicharew und drückte meinen Kopf hinunter aufs Buch.

Nachdem ich zu Ende gelesen hatte, nahm er das Buch an sich, sah sich den Titel an, steckte es unter den Arm und erklärte: »Das muß man ein zweites Mal lesen! Du liest es uns morgen noch einmal vor. Das Buch nehme ich in Verwahrung.«

Er ging beiseite, verschloß den Lermontow in einem Schubfach seines Tisches und machte sich an die Arbeit. In der Werkstatt war es still, jeder ging leise an seinen Tisch; Sitanow trat ans Fenster, drückte die Stirn an die Scheibe und erstarrte, während Shicharew aufs neue den Pinsel aus der Hand legte und mit fester Stimme sagte: »Das nenne ich ein Heiligenleben, ja, Knechte Gottes . . . ja!«

Er zog die Schultern hoch, verbarg den Kopf und fuhr fort: »Den Dämon könnte ich sogar malen – am Körper schwarz und zottig, die Flügel feuerrot – mit Mennige, das Gesicht aber, Hände und Füße bläulichweiß wie, sagen wir, in einer Mondnacht der Schnee.«

Er drehte sich bis zum Abendessen unruhig auf seinem Hocker hin und her, was bei ihm sonst nicht vorkam, spielte mit den Fingern und redete allerlei Unverständliches über den Dämon, die Frauen, Eva und das Paradies und wie die Heiligen alle gesündigt hätten.

»Das alles ist wahr!« behauptete er. »Wenn sich die Heiligen mit sündigen Frauen einlassen, schmeichelt es natürlich dem Dämon, mit einer reinen Seele zu sündigen . . .«

Man hörte ihm schweigend zu; offenbar hatte niemand Lust, etwas zu sagen – ich auch nicht. Gearbeitet wurde ungern, man sah in einem fort nach der Uhr und legte, als es neun war, die Arbeit einmütig aus der Hand.

Sitanow und Shicharew gingen auf den Hof hinaus; ich folgte ihnen. Dort sagte Sitanow, den Blick zum Himmel gewandt:

». . . Den rings versäten Sternenfunken
Nachfolgend auf dem Wanderzug . . .

auf so etwas muß man kommen!«

»Ich habe von allem kein Wort behalten«, bemerkte Shicharew und erschauerte in der eisigen Kälte. »Ich kann mich an nichts erinnern, aber ihn sehe ich vor mir! Es ist erstaunlich – ein Mensch läßt uns den Teufel bemitleiden! Er tut dir doch leid?«

»Gewiß«, gab Sitanow zu.

Und Shicharew – das bleibt mir unvergeßlich – rief aus: »Da sieht man, was es bedeutet – ein Mensch!«

Im Flur ermahnte er mich: »Maximytsch, sag niemandem im Laden etwas von diesem Buch! Es ist natürlich eines von den verbotenen!«

Ich freute mich – nach solchen Büchern also hatte mich während der Beichte der Geistliche gefragt!

Das Abendessen verlief matt, ohne den üblichen Lärm, ohne das übliche Stimmengewirr, als sei etwas Wichtiges geschehen, über das man hartnäckig nachdenken müsse. Nach dem Abendessen aber, als alle sich schlafen legten, holte Shicharew das Buch hervor und sagte zu mir: »Hier, lies es noch einmal vor! Aber langsam, ohne dich zu beeilen . . .«

Mehrere Mann erhoben sich schweigend von den Betten, traten auf den Tisch zu und ließen sich um ihn herum nieder – ausgezogen, mit untergeschlagenen Beinen.

Als ich fertig war, sagte Shicharew, während er mit den Fingern auf dem Tisch trommelte, aufs neue: »Das nenne ich ein Heiligenleben! Ach, der Dämon, der Dämon . . . So etwas, Freunde, wie?«

Sitanow beugte sich über meine Schulter, las etwas nach, lachte und sagte: »Das schreib ich mir ab, in mein Heft . . .«

Shicharew erhob sich, ging mit dem Buch zu seinem Tisch, blieb aber stehen und sagte plötzlich gekränkt, mit zitternder Stimme: »Da leben wir dahin wie blinde junge Hunde, wissen von nichts, weder Gott noch der Teufel braucht uns! Was sind wir schon für Knechte Gottes? Hiob war einer, der Herrgott selber hat zu ihm gesprochen! Zu Moses auch! Auch er war ein Mann Gottes. Und wessen sind wir? . . .«

Er schloß das Buch ein, zog sich an und fragte Sitanow: »Kommst du mit in die Kneipe?«

»Ich gehe zu der Meinen«, entgegnete mit leiser Stimme Sitanow.

Als sie fort waren, legte ich mich neben Pawel Odinzow auf den Fußboden in der Nähe der Tür. Er drehte sich lange hin und her, schnaufte und brach plötzlich in leises Weinen aus.

»Was hast du?«

»Sie tun mir alle so schrecklich leid«, sagte er, »ich lebe doch schon das vierte Jahr mit ihnen und kenne sie alle . . .«

Auch ich empfand Mitleid mit diesen Menschen; wir konnten lange nicht einschlafen, unterhielten uns im Flüsterton über sie und fanden an jedem einzelnen etwas Gutes, gewisse Züge von Herzensgüte heraus, an allen zusammen etwas, das unser kindliches Mitleid mit ihnen noch mehr vertiefte.

Mit Pawel Odinzow verstand ich mich sehr gut; er hat sich später zu einem tüchtigen Meister entwickelt, hielt aber nicht durch und fing mit dreißig Jahren sinnlos zu trinken an; ich traf ihn dann als Stromer auf dem Chitrowo-Markt in Moskau und hörte vor kurzem, er sei an Typhus gestorben. Schrecklich, daran zu denken, wie viele gute Menschen ich im Laufe meines Lebens sinnlos zugrunde gehen sah! Alle Menschen nutzen sich ab und sterben, das ist nur natürlich, aber sie nutzen sich nirgends so furchtbar rasch, so sinnlos ab wie bei uns in Rußland . . .

Damals war Pawel ein Junge mit rundem Kopf, etwa zwei Jahre älter als ich, lebhaft, aufgeweckt, ehrlich und auch begabt – er konnte gut Vögel, Katzen und Hunde zeichnen und fertigte erstaunlich treffende Karikaturen von den Meistern an, die er immer gefiedert darstellte. Sitanow als traurige Schnepfe auf einem Bein, Shicharew als Hahn ohne Kamm und Federn am Kopf, den kranken Dawidow als unheimlichen Kiebitz. Am besten jedoch gelang ihm der alte Treibziseleur Gogolew, dem er die Gestalt einer Fledermaus mit großen Ohren, ironischer Nase und kleinen Füßen mit je sechs Krallen gab. Aus dem runden, dunklen Gesicht blickten die weißen Scheiben der Augen, deren Pupillen an Linsenkörner erinnerten und quer zu den Augen standen – das gab dem Gesicht einen lebendigen und sehr gemeinen Ausdruck.

Die Meister waren nicht gekränkt, wenn Pawel ihnen die Karikaturen zeigte, nur die auf Gogolew rief bei allen einen unangenehmen Eindruck hervor, so daß man dem Zeichner ernstlich riet: »Die solltest du lieber zerreißen, sonst kriegt sie der Alte zu sehen und verhaut dich!«

Der schmierige, faulige, ewig betrunkene Alte war aufdringlich fromm und unerschütterlich boshaft; er verleumdete die ganze Werkstatt beim Kommis, den die Inhaberin mit ihrer Nichte verheiraten wollte und der sich bereits als Herr des ganzen Hauses und der Bewohner fühlte. Die Werkstatt haßte und fürchtete ihn, sie fürchtete sich deshalb auch vor Gogolew.

Pawel setzte dem Treibziseleur erbarmungslos zu, als hätte er sich das Ziel gesteckt, Gogolew keinen Augenblick in Ruhe zu lassen. Ich half dabei nach Kräften, die Werkstatt ergötzte sich an unseren Streichen – sie waren fast immer grob und mitleidslos –, warnte uns aber auch: »Nehmt euch in acht, Jungen! Kuska der Käfer wirft euch hinaus!«

Kuska der Käfer – diesen Spitznamen hatte in der Werkstatt der Kommis bekommen.

Die Warnungen schreckten uns nicht, wir beschmierten dem Ziseleur, während er schlief, das Gesicht; einmal, als er betrunken dalag, vergoldeten wir ihm die Nase – er wurde das Gold, das tief in den Poren festsaß, drei Tage lang nicht los. Dennoch mußte ich jedesmal, wenn wir den Alten geärgert hatten, an den Dampfer und an den kleinen Soldaten aus Wjatka denken, und meine Stimmung trübte sich. Außerdem war Gogolew trotz seines Alters immerhin noch so stark, daß er oft genug überraschend über uns herfiel und uns verprügelte; danach beklagte er sich dann bei der Inhaberin.

Auch sie war jeden Tag angeheitert und darum immer gutmütig und vergnügt; sie versuchte uns einzuschüchtern, trommelte mit den geschwollenen Händen auf dem Tisch herum und fuhr uns an: »Schon wieder habt ihr ihm einen Streich gespielt, ihr Teufel? Er ist schließlich ein alter Mann und verdient, daß man ihn achtet! Wer hat ihm Photogen ins Wodkaglas gegossen?«

»Das waren wir . . .«

Die Inhaberin schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Du meine Güte, sie geben es auch noch zu! Hach, ihr verdammten Buben . . . Man muß das Alter ehren!«

Sie wies uns aus dem Zimmer und beklagte sich abends beim Kommis, der mich dann ärgerlich zurechtwies: »Wie ist denn das möglich – du liest Bücher, liest sogar die Heilige Schrift und dann dieser Unfug! Paß auf, Freundchen!«

Die Eigentümerin fühlte sich einsam und war auf ihre Art rührend und bemitleidenswert; da trank sie allerlei Liköre, bis sie voll war, setzte sich ans Fenster und sang:

»Keinen hab ich, der mir nah ist,
Mich versteht und Mitleid spürt,
Der, wenn ich mich sehne, da ist,
Um zu hören, was mich rührt.«

Und sie schluchzte mit zittriger Altweiberstimme: »Huuuh . . .«

Eines Tages sah ich, wie sie mit einem Topf im Ofen gedämpfter Milch auf die Treppe zukam, plötzlich die Gewalt über ihre Beine verlor, sich hinsetzte und, schwerfällig aufklatschend, die Treppenstufen hinunterrutschte, ohne den Topf aus den Händen zu lassen. Die Milch spritzte über ihr Kleid, sie hielt den Topf mit ausgestreckten Armen von sich und schrie ihn ärgerlich an: »Was fällt dir ein, du Satan? Wo willst du hin?«

Nicht dick, aber fast schwammig weich, erinnerte sie an eine alte Katze, die keine Mäuse mehr fängt und, schwer vor lauter Sattheit, nur noch miaut und sich in wohligen Erinnerungen an ihre Siege und Genüsse ergeht.

»Da hat es«, sagte Sitanow nachdenklich, »ein bedeutendes Geschäft und eine gute Werkstatt gegeben, ein kluger Mann hatte sie aufgebaut, doch jetzt geht alles vor die Hunde und gerät in Kuskas Klauen! Da hat man nun gearbeitet und sich geplagt, und alles für einen Fremden! Wenn man sich das überlegt, zerspringt irgendwo im Schädel eine Feder – man hat zu nichts mehr Lust, möchte am liebsten auf seine Arbeit pfeifen, sich auf das Hausdach legen und einen ganzen Sommer lang in den Himmel starren . . .«

Pawel Odinzow, der sich diese Gedanken Sitanows zu eigen gemacht hatte, stellte, während er mit den Gebärden eines Erwachsenen eine Zigarette rauchte, philosophische Betrachtungen über Gott, die Trunksucht, die Frauen an, unter anderem auch darüber, daß alle Arbeit irgendwie verschwände, daß die einen etwas täten, während andere das Geschaffene zerstörten, ohne es zu würdigen und zu verstehen.

In solchen Augenblicken legte sich sein spitzes, nettes Gesicht in Falten und wurde alt, er setzte sich auf sein Bett – es war auf dem Fußboden ausgebreitet –, umklammerte seine Knie und starrte lange zu den blauen Fensterquadraten hin, zum Schuppendach, das unter Schneewehen begraben lag, zum winterlichen Himmel mit seinen Sternen.

Die Meister schnarchen, lallen im Schlaf vor sich hin, einer phantasiert, erstickt fast an seinen Worten, auf dem Hängeboden hustet Dawidow den Rest seines Lebens aus. In der Ecke liegen Körper an Körper, gefesselt von Schlaf und Trunkenheit, die »Knechte Gottes« Perschin, Sorokin und Kapendjuchin; von den Wänden blicken Ikonen ohne Gesichter, ohne Hände und Füße herab. Ein schwerer Geruch von Ölfirnis, schlechten Eiern und irgendwelchem Schmutz, der in den Fußbodenritzen verfault, läßt einen fast ersticken.

»Mein Gott, wie sie mir alle leid tun!« flüstert Pawel.

Dieses Mitleid mit den Menschen beunruhigte auch mich immer mehr. Uns beiden erschienen die Meister, wie ich schon sagte, als gute Menschen, dabei war ihr Leben schlecht, ihrer nicht würdig, unerträglich öde und leer. An stürmischen Wintertagen, wenn alles auf der Erde – die Häuser, die Bäume – erbebte, heulte und schluchzte und fastenzeitlich verzagt die Kirchenglocken klangen, ergoß sich über die Werkstatt eine Woge von Langerweile, die schwer war wie Blei, die Menschen niederdrückte, alles Lebendige in ihnen erstickte, sie in die Kneipe trieb, zu irgendwelchen Frauen, die ihnen ebenso wie der Wodka als Betäubungsmittel dienten.

An solchen Abenden halfen keine Bücher mehr, und Pawel und ich versuchten die Leute mit eigenen Mitteln zu zerstreuen – wir beschmierten unsere Gesichter mit Ruß und Farben, staffierten uns mit Hanfstroh aus und führten allerlei selbsterfundene Komödien auf – wir kämpften heldenhaft gegen die Langeweile, indem wir die Leute zu lachen zwangen. Ich erinnerte mich der »Legende vom Soldaten, der Peter dem Großen das Leben rettete« und übertrug sie in Dialogform; wir kletterten auf den Hängeboden zu Dawidow und produzierten uns von dort aus, indem wir imaginären Schweden fröhlich die Köpfe abhieben; das Publikum wieherte.

Besonders gefiel unseren Zuschauern die Legende vom chinesischen Teufel Tsing-Ju-Tong; Paschka spielte den unglückseligen Teufel, der auf den Einfall kommt, ein gutes Werk zu vollbringen, während ich alles übrige darstellte – Menschen beiderlei Geschlechts, allerlei Gegenstände, den guten Geist und selbst den Stein, auf dem sich der chinesische Teufel nach jedem seiner erfolglosen Versuche, ein gutes Werk zu vollbringen, tieftraurig ausruht.

Das Publikum lachte, und ich war erstaunt, wie leicht man es zum Lachen bringen konnte – diese Leichtigkeit berührte mich unangenehm.

»Hach, ihr Possenreißer!« rief man uns zu. »Hach, ihr Galgenstricke!«

Dennoch drängte sich mir immer hartnäckiger der Gedanke auf, daß dem Herzen dieser Menschen der Kummer näherlag als die Freude.

Die Fröhlichkeit lebt bei uns nie aus sich selbst heraus und wird nicht an sich geschätzt, man holt sie vielmehr absichtlich aus der Versenkung herauf, damit sie die schläfrige russische Schwermut hindert. Die innere Kraft einer Fröhlichkeit, die nicht aus sich selbst heraus lebt, nicht lebt, weil sie leben will, sondern nur in Erscheinung tritt, wenn die kummervollen Tage sie rufen, ist verdächtig.

Und allzuoft schlägt die russische Fröhlichkeit überraschend in ein grausames Drama um. Da wirbelt ein Mensch im Tanz dahin, als zerrisse er alle Fesseln, die ihn bis dahin banden, und fällt plötzlich, das wilde Tier in sich befreiend, in animalischer Verzweiflung über alle her, zerreißt, zerfleischt, vernichtet alles . . .

Diese krampfhafte, durch Anstöße von außen geweckte Fröhlichkeit ging mir auf die Nerven, und ich begann, bis zur Selbstvergessenheit erregt, unvermittelt in mir entstandene Phantasien vorzutragen oder darzustellen – ich hätte allzugern eine echte, freie, unbeschwerte Freude in den Menschen geweckt! Einiges erreichte ich auch, man lobte mich und staunte über mich, aber die Langeweile, die ich erschüttert zu haben glaubte, verdichtete sich und erstarkte langsam aufs neue und drückte die Menschen nieder.

Der graue Larionytsch meinte freundlich: »Bist aber auch ein Spaßmacher, ach du meine Güte!«

»Ein wahrer Tröster«, pflichtete ihm Shicharew bei. »Du solltest dich beim Zirkus oder beim Theater melden, Maximytsch, aus dir müßte ein guter Possenreißer werden!«

Nur zwei von der ganzen Werkstatt gingen, zur Weihnachtszeit und in der Fastnachtswoche, ins Theater – Kapendjuchin und Sitanow; die älteren Meister rieten ihnen im Ernst, diese Sünde am Dreikönigstage durch ein Bad in einem Eisloch abzuwaschen. Sitanow redete mir besonders häufig zu: »Häng alles an den Nagel, laß dich zum Schauspieler ausbilden!«

Und bewegt erzählte er mir das traurige »Leben des Schauspielers Jakowlew«.

»Da siehst du, was es alles gibt!«

Gern erzählte er auch von der Königin Maria Stuart, die er einen »Racker« nannte, aber besonders begeisterte er sich für den »Spanischen Edelmann«.

»Don Cesar de Bazan? das, Maximytsch, ist der edelste unter den Menschen! Wunderbar!«

Er hatte selber etwas von diesem »Spanischen Edelmann« an sich. Eines Tages vergnügten sich auf dem Platz vor der Feuerwache drei Feuerwehrleute damit, einen Bauern zu verprügeln; eine Schar Menschen – wohl vierzig an der Zahl – sah dem Vergnügen zu und ermunterte die Feuerwehrleute. Sitanow stürzte sich mitten ins Handgemenge, schlug die Feuerwehrleute durch einige wohlgezielte Hiebe mit seinen langen Armen zu Boden, half dem Bauern auf, stieß ihn unter die Menschen und rief ihnen zu: »Schafft ihn fort!«

Er selbst blieb – einer gegen drei; die Wache war zehn Schritte entfernt, die Feuerwehrleute hätten Hilfe herbeirufen und Sitanow zusammenschlagen können, aber sie retteten sich zu seinem Glück erschrocken in den Hof.

»Hunde!« rief er ihnen nach.

Sonntags versammelten sich junge Leute an den Holzlagern hinter dem Petropawlowskoje-Friedhof, um Faustkämpfe gegen Arbeiter von der Kolonne der Abtritträumer und gegen Bauern aus den umgebenden Dörfern auszutragen. Die Kolonne setzte dabei einen berühmten Faustkämpfer gegen die Stadt ein – einen riesigen Mordwinen mit kleinem Kopf und kranken, ewig tränenden Augen. Er stand breitbeinig vor den Seinen, wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel des kurzen Rocks die Tränen ab und forderte gutmütig zum Kampf heraus: »Na, tretet doch vor, oder was ist? Man friert ja!«

Von unserer Seite stellte sich ihm nur Kapendjuchin – er wurde jedesmal geschlagen. Blutend und atemlos, beteuerte der Kosak: »Ich will nicht ich sein, wenn ich diesen Mordwinen nicht unterkriege!«

Das wurde schließlich zum Ziel seines Lebens, er entsagte sogar dem Wodka, rieb sich vor dem Schlafengehen den Körper mit Schnee ab, aß viel Fleisch und machte, um seine Muskeln zu entwickeln, jeden Abend mehrmals das Kreuzeszeichen mit einem Zweipudgewicht. Aber auch das half nicht. Da nähte er sich Bleiklümpchen in seine Handschuhe ein und prahlte vor Sitanow: »Jetzt ist es mit dem Mordwinen aus!«

Sitanow warnte ihn streng: »Das laß mal sein, sonst stelle ich dich vor dem Kampf bloß!«

Kapendjuchin nahm die Warnung nicht ernst, als man jedoch zum Kampfe antrat, sagte Sitanow plötzlich zu dem Mordwinen: »Tritt zurück, Wassilij Iwanytsch, erst schlage ich mich mit Kapendjuchin!«

Der Kosak wurde feuerrot und schrie: »Mit dir kämpfe ich nicht, scher dich fort!«

»Du wirst mit mir kämpfen«, sagte Sitanow, ging auf ihn zu und sah dem Kosaken mit bohrendem Blick in die Augen. Kapendjuchin trat von einem Bein auf das andere, riß sich die Handschuhe von den Händen, steckte sie in die Jacke und verließ rasch den Kampfplatz.

Beide Seiten waren erstaunt und unangenehm berührt; ein ehrwürdiger älterer Mann sagte ärgerlich zu Sitanow: »Das, mein Freund, ist gegen alle Regel, man trägt einen häuslichen Zwist nicht vor den Leuten im Faustkampf aus!«

Man setzte Sitanow von allen Seiten zu und schalt ihn, er blieb lange stumm, sagte dann aber schließlich zu dem älteren Mann: »Und wenn ich nun einen Totschlag verhindert habe?«

Der war sofort im Bilde, nahm sogar die Mütze ab und meinte: »In solch einem Fall haben wir uns bei dir zu bedanken!«

»Aber posaune es nicht aus, Onkel!«

»Warum sollte ich? Kapendjuchin ist ein prächtiger Kämpfer, aber Mißerfolge ärgern einen Menschen, das verstehen wir! Jedenfalls werden wir uns von nun an seine Handschuhe vor dem Kampf ansehen.«

»Das ist Ihre Sache!«

Als der Mann beiseite gegangen war, fielen die Unseren über Sitanow her; »Hattest du's nötig, du Hopfenstange! Der Kosak hätte ihn doch geschlagen – jetzt gehen wir als die Geschlagenen herum . . .«

Sie schalten ihn lange und ausdauernd, mit Lust und Liebe.

Sitanow seufzte und sagte: »Ach, ihr Gesindel!«

Und überraschend für alle forderte er den Mordwinen zum Zweikampf heraus. Der setzte sich in Positur, fuchtelte fröhlich mit den Fäusten und witzelte: »Gut, schlagen wir uns, wärmen wir uns auf . . .«

Mehrere Mann faßten sich an den Händen und drückten die Leute hinter ihnen zurück – ein weiter, geräumiger Kreis entstand.

Die Gegner, die sich aufmerksam mit den Blicken maßen, traten, den rechten Arm vorgestreckt, den linken an der Brust, von einem Fuß auf den anderen. Kenner bemerkten sofort, daß Sitanows Arme länger waren als die des Mordwinen. Es wurde still, nur der Schnee unter den Füßen der Kämpfer knirschte. Jemand, der die Spannung nicht länger ertrug, murmelte kläglich und gierig zugleich: »Wenn sie doch endlich anfingen . . .«

Sitanow holte mit der Rechten aus, der Mordwine deckte ab, steckte aber eine Gerade von Sitanows Linker gegen die Herzgrube ein; er krächzte, trat einen Schritt zurück und meinte anerkennend: »Für einen Neuling nicht schlecht!«

Sie sprangen einander an und schnellten sich die schweren Fäuste mit Schwung gegen die Brust; nach wenigen Minuten rief man erregt im eigenen wie im fremden Lager: »Gib's ihm, Herrgottspinsler! Verziere ihm das Gesicht!«

Der Mordwine war wesentlich stärker als Sitanow, aber auch schwerer; er konnte nicht so rasch zuschlagen und steckte zwei oder drei Hiebe für einen ein. Das nahm ihn jedoch offenbar nicht sehr mit, er sagte nur immerfort: »Huch!«, grinste und kugelte plötzlich durch einen schweren Hieb, den er von unten gegen Sitanows Achselhöhle führte, das rechte Schultergelenk des Gegners aus.

»Trennt sie – unentschieden!« riefen mehrere Stimmen zugleich, und man durchbrach den Ring und brachte die Kämpfenden auseinander.

Der Mordwine erklärte gutmütig: »Allzu stark ist er ja nicht, der Herrgottspinsler, aber gewandt! Aus dem wird noch ein guter Faustkämpfer, das sage ich vor allem Volk!«

Die Halbwüchsigen begannen eine allgemeine Rauferei, während ich Sitanow zum Feldscher brachte, damit er ihm die Schulter einrenke; sein Auftreten hob ihn in meinen Augen noch mehr, vergrößerte meine Sympathie, meine Achtung vor ihm.

Er war überhaupt sehr wahrheitsliebend und ehrlich und sah das gleichsam als seine Verpflichtung an; der flotte Kapendjuchin machte sich über ihn lustig: »Hach, Shenja, du stellst dich ja nur zur Schau! Putzt deine Seele blank wie einen Samowar vor dem Fest und prahlst – schaut her, wie alles blitzt! Deine Seele ist wie aus Kupfer, man langweilt sich mit dir . . .«

Sitanow, der gelassen schwieg, arbeitete eifrig fort oder übertrug Verse von Lermontow in sein Heft; er gab fast seine ganze Freizeit dafür her, entgegnete aber, als ich meinte, er habe doch Geld und solle sich das Buch kaufen: »Nein, nein, es ist schon besser, ich schreibe es ab!«

Hatte er eine Seite in seiner schönen, kleinen, malerisch verschnörkelten Schrift beendet, dann wartete er, daß die Tinte trockne, und rezitierte mit leiser Stimme:

»Dann blickst du ohne Wunsch und Trauern
Nach jener Erdenflur zurück,
Auf der kein ungetrübtes Glück,
Wo keiner Schönheit Blüten dauern . . .«

Und mit zusammengekniffenen Lidern setzte er hinzu: »Das ist die reinste Wahrheit! Ach, wie gut er sie kennt!«

Von den Beziehungen zwischen Sitanow und Kapendjuchin war ich im höchsten Grade befremdet – jedesmal, wenn der Kosak getrunken hatte, wollte er mit seinem Kameraden raufen; Sitanow redete ihm lange gut zu: »Hör auf! Laß mich in Frieden . . .«

Doch schließlich schlug er unbarmherzig auf den Betrunkenen ein, so unbarmherzig, daß die Meister, die solche häuslichen Zwistigkeiten eher als Schauspiel betrachteten, sich in die Schlägerei einmischten und die Freunde trennten.

»Wenn man Jewgenij nicht rechtzeitig in den Arm fällt, schlägt er den anderen tot, ohne an sich zu denken«, sagten sie.

Kapendjuchin machte sich, auch wenn er nüchtern war, unermüdlich über Sitanow lustig, bespöttelte seine Leidenschaft für Verse und seine unglückselige Liebe und versuchte, Sitanow auf schmutzige Art, aber erfolglos eifersüchtig zu machen. Sitanow hörte sich die Spötteleien des Kosaken, schweigend und ohne sie übelzunehmen, an und lachte sogar gelegentlich zusammen mit Kapendjuchin darüber.

Sie schliefen Seite an Seite und unterhielten sich nachts lange im Flüsterton.

Diese Unterhaltungen ließen mir keine Ruhe – ich wollte wissen, worüber sich Menschen, die so verschieden waren, freundschaftlich unterhalten konnten. Trat ich jedoch auf sie zu, dann brummte der Kosak: »Was willst du?«

Sitanow schien mich nicht zu sehen.

Doch eines Tages riefen sie mich zu sich, und der Kosak fragte: »Maximytsch, was würdest du tun, wenn du reich wärst?«

»Ich würde mir Bücher kaufen.«

»Und was noch?«

»Ich weiß nicht.«

»Hach«, wandte sich Kapendjuchin ärgerlich von mir ab, während Sitanow gelassen meinte: »Siehst du – niemand weiß es, weder jung noch alt! Ich sage dir – auch der Reichtum nutzt dir an und für sich nichts! Alles verlangt eine Art Zutat . . .«

Ich fragte: »Worüber sprecht ihr?«

»Wir können einfach nicht schlafen, da reden wir eben«, entgegnete der Kosak.

Später, als ich in ihre Gespräche eindrang, erkannte ich, daß sie sich nachts über die gleichen Dinge unterhielten, von denen die Menschen auch am Tage redeten – von Gott, der Wahrheit, dem Glück, von der Torheit oder der Hinterlist der Frauen, von der Habsucht der Reichen, von der Verworrenheit des Lebens, von seiner Unbegreiflichkeit.

Ich hörte solchen Gesprächen immer begierig zu, sie erregten mich, es gefiel mir, daß beinahe alle Menschen der gleichen Meinung waren – das Leben sei schlecht, man müsse besser verstehen zu leben! Aber ich sah auch, daß der Wunsch, besser zu leben, zu nichts verpflichtete und nichts am Leben der Werkstatt, an den Beziehungen zwischen den Meistern änderte. All diese Reden, die mir das Leben von allen Seiten zeigten, entdeckten mir auch die trostlose Leere, die hinter ihm stand; in dieser Leere trieben – wie Hälmchen auf einem Teich im Wind – gereizt und ohne rechten Sinn die Menschen umher, dieselben Menschen, die doch behaupteten, das ganze Treiben habe keinen Sinn, stoße sie ab.

Man räsonierte gern und viel, saß immer über jemand zu Gericht, bereute, oder prahlte, brach mir nichts, dir nichts einen bösen Streit vom Zaun und fügte sich gegenseitig arge Kränkungen zu. Da suchte man dahinterzukommen, was einem nach dem Tod erwartete, und dabei war, gleich an der Werkstattschwelle, dort, wo der Spülichtkübel stand, das Fußbodenbrett durchgefault – Kälte und ein Geruch von modriger Erde strömten durch dieses feuchte, faulige, nasse Loch herein. Immer wieder hieß es, das Fußbodenbrett müsse erneuert werden, aber das Loch wurde immer größer, und an stürmischen Tagen pfiff es aus ihm wie aus einem Kamin – die Leute erkälteten sich und husteten. Der Blechventilator in der Entlüftungsklappe kreischte, man schimpfte unflätig über ihn, als ich ihn aber ölte, horchte Shicharew hin und meinte: »Seitdem der Ventilator nicht mehr kreischt, ist es viel langweiliger geworden!«

Man legte sich, aus dem Dampfbad zurückgekehrt, in die staubigen, verschmutzten Betten – überhaupt fochten Schmutz oder häßliche Gerüche niemanden an. Es gab da zahlreiche üble Kleinigkeiten, die einem das Leben schwer machten, man hätte sie leicht beseitigen können, doch niemand tat es.

Oft genug hieß es: »Niemand hat Mitleid mit den Menschen, weder Gott noch sie selbst . . .«

Als aber Pawel und ich den sterbenden, von Schmutz und Ungeziefer zerfressenen Dawidow abseiften, machten sie uns lächerlich, streiften die Hemden ab und forderten uns auf, doch auch die anderen nach Ungeziefer abzusuchen; man nannte uns Badeknechte und verhöhnte uns, als hätten wir etwas Schändliches, höchst Lächerliches getan.

Von Weihnachten bis zu den Großen Fasten lag Dawidow hilflos auf der Hängepritsche, hustete krampfhaft und spie übelriechendes Blut – das ausgespiene Blut ging meist am Spülichtkübel vorbei und klatschte auf den Fußboden; nachts wurden die anderen durch seine Fieberphantasien wach.

Beinahe jeden Tag. hieß es: »Man müßte ihn ins Krankenhaus schaffen!«

Aber dann zeigte sich, daß Dawidows Paß nicht rechtzeitig erneuert worden war, später ging es ihm wieder besser, und schließlich entschied man: »Er macht ja sowieso nicht mehr lange!«

Und auch er selber verhieß: »Mit mir dauert es nicht mehr lange!«

Er hatte einen stillen Humor, auch er versuchte, durch kleine Spaße die böse Langeweile aus der Werkstatt zu vertreiben – da neigte er das knochige dunkle Gesicht zu uns herab und verkündete mit pfeifender Stimme: »Hört, Leute, die Stimme dessen, der aufgefahren ist zur Hängepritsche . . .«

Und er gab ein paar wehmütige Spottverse zum besten:

»Auf der Hängepritsche, ach,
Leb ich wie begraben,
Ob ich schlafe oder wach –
Nichts als Küchenschaben . . .«

»Er läßt sich einfach nicht unterkriegen!« begeisterte sich das Publikum.

Gelegentlich kletterten Pawel und ich zu ihm hinauf, und er bemühte sich krampfhaft zu scherzen: »Womit bewirte ich euch, ihr teuren Gäste? Vielleicht eine frische Spinne gefällig?«

Er starb nur langsam und war dessen sehr überdrüssig; mit ehrlichem Bedauern sagte er: »Ich kann und kann nicht sterben, so ein Elend!«

Seine Furchtlosigkeit gegenüber dem Tod schreckte Pawel sehr, nachts weckte er mich und flüsterte: »Maximytsch, ich glaube, er ist tot . . . Da wird er eines Nachts sterben, und wir liegen unter ihm, ach du lieber Gott! Vor Toten fürchte ich mich . . .«

Oder er meinte: »Warum hat er gelebt, wozu? Noch keine zwanzig Jahre alt und stirbt schon . . .«

Einmal, in einer mondhellen Nacht, weckte er mich, starrte mich mit erschrockenen Augen an und sagte: »Horch!«

Auf der Hängepritsche röchelte Dawidow hastig, aber sehr deutlich: »Gib mal her, giiib . . .«

Dann befiel ihn ein Schlucken.

»Er stirbt, bei Gott, du wirst es ja sehen!« erregte sich Pawel.

Ich hatte den ganzen Tag mit einem Handschlitten Schnee vom Hof aufs Feld hinausgefahren, war müde und wollte schlafen, aber Pawel bat mich: »Bitte, schlaf nicht, um Christi willen – schlaf nicht!«

Und plötzlich richtete er sich auf den Knien auf und schrie außer sich: »Steht auf, Dawidow ist gestorben!«

Der und jener wurde wach, einige Gestalten erhoben sich von den Betten, ärgerliche Fragen erklangen.

Kapendjuchin kletterte auf die Hängepritsche und stellte verwundert fest: »Tatsächlich, er scheint gestorben zu sein . . . dabei ist er noch ganz warm . . .«

Es wurde still, Shicharew bekreuzigte sich, hüllte sich in seine Decke und sagte: »Nun ja, Gott hab ihn selig!«

Jemand schlug vor: »Man müßte ihn in den Flur schaffen . . .«

Kapendjuchin stieg von der Hängepritsche herunter und blickte eine Weile durchs Fenster.

»Soll er bis zum Morgen liegenbleiben, er hat auch, als er noch lebte, niemand gestört . . .«

Pawel verbarg den Kopf unter der Decke und schluchzte.

Sitanow war nicht aufgewacht.

 


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