Maxim Gorki
Unter fremden Menschen
Maxim Gorki

 << zurück weiter >> 

2

Der Großvater empfing mich auf dem Hof; er bearbeitete, auf den Knien liegend, mit der Axt einen Keil. Er hob die Axt, als wollte er sie mir an den Kopf werfen, zog die Mütze und sagte spöttisch: »Guten Tag, Ehrwürden, guten Tag, Euer Wohlgeboren! Haben Sie ausgelernt? Nun ja, jetzt müßt ihr schon selber zusehen, wie ihr durchkommt. Ach iiihr.«

»Wissen wir alles, wissen wir«, sagte hastig die Großmutter, winkte ab und erzählte, als wir im Zimmer allein waren und sie den Samowar anheizte: »Der Großvater ist endgültig ruiniert; alles Geld, das er besaß, hat er bei seinem Patenkind Nikolai gegen Zinsen angelegt, sich aber offenbar keinen Schuldschein von ihm geben lassen; nun, ich weiß nicht recht, wie alles kam, jedenfalls ist er ruiniert, und sein Geld ist weg. Und das, weil wir den Armen nicht geholfen, weil wir kein Mitleid mit den Unglücklichen gezeigt haben; da hat sich dann wohl der Herrgott gedacht – wozu habe ich die Kaschirins mit allerlei Hab und Gut bedacht? Gesagt, getan, mit einem Wort, er nahm uns alles fort.«

Sie blickte sich um und setzte hinzu: »Ich gebe mir ja schon alle Mühe, den Herrgott ein bißchen weicher zu stimmen, damit er den alten Mann nicht allzusehr straft; ich habe angefangen, von meinem Erarbeiteten nachts heimlich Almosen zu verteilen. Wenn du willst, komm heute mit – Geld habe ich.«

Der Großvater trat ein, kniff die Augen zusammen und fragte: »Ihr wollt euch wohl gerade den Bauch vollschlagen?«

»Jedenfalls nicht auf deine Kosten«, entgegnete die Großmutter. »Aber wenn du willst, setz dich zu uns, es reicht auch für dich.«

Er setzte sich an den Tisch und sagte mit leiser Stimme: »Also gut, gib mir schon eine Kelle voll.«

Alles im Zimmer erschien wie früher, nur Mutters Ecke war traurig leer, und an der Wand über Großvaters Bett hing ein Bogen Papier, auf dem in großer Druckschrift zu lesen war: »Jesus, mein Erlöser! Dein heiliger Name begleite mich durch alle Tage und Stunden meines Lebens.«

»Wer hat das geschrieben?«

Der Großvater gab keine Antwort, Großmutter wartete ein wenig, dann sagte sie mit einem Lächeln: »Dieses Papier hat hundert Rubel gekostet.«

»Das geht dich nichts an!« schrie der Großvater. »Ich verteile alles, was ich habe, unter fremde Leute!«

»Zum Verteilen ist nichts mehr da; solange etwas da war, hast du für niemand etwas übrig gehabt«, entgegnete die Großmutter gelassen.

»Mund halten!« kreischte der Großvater.

Hier ist alles in Ordnung, alles so, wie es war.

In der Ecke, auf der Truhe, war Kolja in seinem Waschkorb wach geworden und blinzelte zu uns herüber; man konnte die blauen Augenspalten eben noch zwischen den Lidern sehen. Er schien noch grauer, matter und welker als früher; er erkannte mich nicht, drehte sich schweigend um und schloß die Augen.

Auf der Straße erwarteten mich traurige Neuigkeiten: Wjachir war gestorben, die Windpocken hatten ihn in der Karwoche dahingerafft; Chabi war in die Stadt gegangen und Jas an den Beinen gelähmt – auf der Straße war er nicht mehr zu sehen. Der schwarzäugige Kostroma, der mir alles das mitteilte, sagte ärgerlich: »Sterben alle zu schnell weg, die Jungen!«

»Gestorben ist doch aber nur Wjachir?«

»Einerlei – wer von der Straße fort ist, ist sozusagen gestorben. Kaum hat man sich angefreundet und aneinander gewöhnt, muß der Gefährte arbeiten, oder er stirbt. Bei euch auf dem Hof, bei den Tschesnokows, sind neue Leute eingezogen, sie heißen Jewsejenko; da ist ein Bursche, Njuschka, gar nicht einmal so übel, der reinste Tausendsassa! Er hat zwei Schwestern: Die eine ist noch klein, und die andere lahmt; sie geht zwar an der Krücke, ist aber hübsch.«

Er wurde nachdenklich und fügte hinzu: »Weißt du, Tschurka und ich sind in sie verliebt, wir zanken uns in einem fort.«

»Mit ihr?«

»Weshalb denn mit ihr? Untereinander! Mit ihr nur selten!«

Ich wußte natürlich, daß sich die größeren Burschen und selbst erwachsene Männer gelegentlich verliebten, und wußte auch über die gröbere Seite Bescheid. Ich fühlte mich unangenehm berührt, Kostroma tat mir leid, es war mir peinlich, seinen eckigen Körper zu sehen und ihm in die zornigen Augen zu blicken.

Das lahme Mädchen bekam ich noch am selben Abend zu sehen. Sie wollte über die Treppenstufen hinunter zum Hof, verlor jedoch die Krücke, stand hilflos still und klammerte sich, schlank und zerbrechlich, mit durchsichtigen Händen an das dünne Geländer. Ich wollte die Krücke aufheben, doch meine verbundenen Hände schafften es nicht sogleich, ich hatte lange damit zu tun und ärgerte mich über mich selbst, während sie, etwas über mir stehend, leise lachte: »Was ist denn mit deinen Händen?«

»Ich habe sie mir verbrüht.«

»Und ich lahme! Bist du von diesem Hof? Hast du lange im Krankenhaus gelegen? Ich eine ganze Weile!«

Sie seufzte und fügte hinzu: »Sehr lange!«

Sie trug ein weißes Kleid mit hellblauem Besatz, nicht mehr ganz neu, aber adrett, das glattgekämmte Haar war zu einem dicken, kurzen Zopf gewunden und fiel auf die Brust herab. Ihre Augen waren groß und ernst, in ihrer stillen Tiefe glomm, das schmale, spitznäsige Gesicht erhellend, ein bläuliches Feuer. Sie hatte ein anziehendes Lächeln, gefiel mir aber trotzdem nicht. Die ganze schmale, zerbrechliche Gestalt schien sagen zu wollen: Bitte rühr mich nicht an!

Wie konnten sich meine Gefährten in sie verlieben?

»Ich bin schon lange krank«, erzählte sie willig und gleichsam ein wenig prahlend. »Mich hat die Nachbarin behext; sie hat sich mit meiner Mama gestritten und mich, um sich an ihr zu rächen, behext . . . Hast du dich denn im Krankenhaus nicht gefürchtet?«

»O doch . . .«

Ich wurde mit ihr nicht warm und kehrte ins Haus zurück.

Gegen Mitternacht rüttelte mich die Großmutter behutsam wach.

»Komm schon, du, oder was ist? Tu etwas für die anderen, dann werden deine Hände schneller heil.«

Sie nahm mich bei der Hand und führte mich wie einen Blinden durch die Dunkelheit. Die Nacht war schwarz und feucht, ununterbrochen blies der Wind, als strömte ein rascher Fluß dahin, der kalte Sand faßte nach unseren Füßen. Die Großmutter trat vorsichtig auf die dunklen Fenster eines kleinbürgerlichen Häuschens zu, legte, nachdem sie sich dreimal bekreuzigt hatte, ein Fünfkopekenstück und drei Brezeln aufs Fensterbrett, bekreuzigte sich aufs neue, richtete den Blick zum sternenlosen Himmel und murmelte: »Heilige Herrscherin des Himmels, hilf uns Menschen, die wir doch alle nur Sünder vor dir sind. Mutter und Fürbitterin!«

Je weiter wir uns von unserem Hause entfernten, desto finsterer und toter wurde es ringsum. Der abgründig tiefe Nachthimmel schien Mond und Sterne für alle Zeiten verschluckt zu haben. Irgendwoher schoß ein Hund auf uns zu, blieb vor uns stehen und knurrte, nur seine Augen blitzten in der Dunkelheit; ich drückte mich ängstlich an die Großmutter.

»Halb so schlimm«, sagte sie, »ist nur ein Hund; für den Teufel ist es zu spät, seine Zeit ist vorbei, die Hähne haben schon gekräht!«

Sie lockte den Hund, streichelte ihn und redete ihm gut zu: »Paß auf, Hündchen, ängstige nicht mein Enkelkind!«

Der Hund rieb sich versöhnlich an meinen Beinen, und weiter ging es dann zu dritt. Zwölfmal trat die Großmutter auf ein Fenster zu, um auf dem Fensterbrett ein »heimliches Almosen« niederzulegen; es wurde allmählich Tag, graue Häuser lösten sich aus dem Dunkel, und weiß wie Zucker wuchs über ihnen der Glockenturm der Napolnaja-Kirche empor; die Ziegelumfriedung um den Kirchhof schien durchsichtig wie eine schlechte Bastmatte.

»Ist müde, die Alte«, sagte die Großmutter, »wird Zeit für uns, nach Hause zu gehen! Wenn die Frauen morgen erwachen, hat die Muttergottes für ihre Kinder etwas bereitgelegt! Fehlt es an allem, ist auch noch das Geringste etwas wert. Ach ja doch, Oljoscha, das Volk lebt arm genug, und niemand kümmert sich darum!

An den Herrgott denkt der Reiche nicht,
Ihm ahnt nicht viel vom Jüngsten Gericht,
Ist der Arme für ihn doch nicht Bruder noch Freund,
Er will nur viel Gold sehen vereint.
Dabei wird dies Gold ihn dereinst in der Hölle
  wie glühende Kohle brennen!

So ist das alles! Einer muß für den anderen leben und Gott für alle! Ich freue mich so, daß du wieder bei mir bist.«

Auch ich verspüre ruhige Freude und fühle, ich habe etwas erlebt, das ich nie wieder vergessen werde. Neben mir zittert der rotbraune Hund; er hat eine Fuchsschnauze und gutmütige, schuldbewußte Augen.

»Bleibt er jetzt bei uns?«

»Warum denn nicht? Soll er doch, wenn er will! Warte, ich gebe ihm eine Brezel, ich glaube, ich habe da noch zwei übrig. Komm, setzen wir uns auf die Bank, ich bin ein bißchen müde.«

Wir setzten uns auf die Bank vor unserem Haustor, der Hund lag still zu unseren Füßen und kaute an seiner trockenen Brezel, während die Großmutter erzählte: »Da lebt hier eine Jüdin, die hat neun Kinder zu versorgen, eins immer kleiner als das andere. Ich sag zu ihr: ›Wie du das alles schaffst, Mossewna!‹ Und sie darauf zu mir: ›Ich schaff's mit meinem Gott – mit wem sonst könnte ich es schaffen?‹«

Ich lehnte mich an Großmutters warme Schulter und schlief ein.

 

Wieder eilte das Leben rasch und bunt dahin, der breite Strom der Eindrücke brachte Tag für Tag etwas Neues mit, das mich begeisterte, beunruhigte, verletzte oder nachdenken ließ.

Bald war auch ich nach Kräften darauf aus, sooft wie möglich mit dem hinkenden Mädchen zusammen zu sein, mit ihr zu plaudern oder schweigend neben ihr auf der Bank vor unserem Tor zu sitzen – mit ihr war selbst das Schweigen angenehm. Sie war adrett wie ein Goldhähnchen und wußte wunderschön vom Leben der Donkosaken zu erzählen – sie hatte sich dort bei einem Onkel aufgehalten, der Maschinist in einer Ölmühle war; ihr Vater, ein Schlosser, siedelte schließlich nach Nishnij über.

»Ich habe noch einen zweiten Onkel, der ist beim Zaren persönlich in Dienst.«

An Feiertagen strömte die Bevölkerung der ganzen Straße gegen Abend »vors Tor«, die Burschen und jungen Mädchen zogen zum Friedhof, um Reigenspiele aufzuführen, die Männer verschwanden in den Schankwirtschaften; auf der Straße blieben nur Frauen und Kinder zurück. Die Frauen ließen sich vor den Haustoren nieder, gleich auf dem Sand oder auf Bänken, und erhoben ein lautes Geschrei, zankten sich oder klatschten; die Kinder spielten Lapta, eine Art Schlagball, Gorodki, ein Kegelspiel, bei dem man mit Knütteln nach Klötzchen wirft, oder auch Murmeln. Die Mütter sahen zu und ermunterten die geschickten, verlachten die ungeschickten Spieler. Es war ohrenbetäubend laut und unvergeßlich lustig; die Anwesenheit der »Großen« spornte uns Halbwüchsige an und brachte eine besondere Lebhaftigkeit, eine besondere Leidenschaft in alle unsere Spiele. Aber sosehr wir drei – Kostroma, Tschurka und ich – im Spiel auch aufgingen, der eine oder andere lief zwischendurch zu dem hinkenden Mädchen hinüber, um sich vor ihr zu rühmen: »Hast du gesehen, Ludmila, wie ich mit einem Wurf alle fünf Klötzchen hinausgefegt habe?«

Sie lächelte freundlich und nickte uns mehrmals hintereinander zu.

Früher hatte sich unsere Kumpanei in allen Spielen möglichst beieinander gehalten, jetzt sah ich, daß Tschurka und Kostroma stets auf verschiedenen Seiten spielten und in Gewandtheit und Kraft wetteiferten – oft gab es sogar Tränen und Schlägereien. Eines Tages prügelten sie sich so wütend, daß die Großen eingreifen mußten und sie mit Wasser begossen wie ineinander verbissene Hunde.

Ludmila saß auf einer Bank und stampfte mit dem gesunden Fuß. Wenn die Kämpfenden sich auf sie zuwälzten, stieß sie sie mit der Krücke zurück und rief verängstigt: »Hört doch auf!«

Ihr Gesicht war bläulich bleich, die Augen waren erloschen und wie bei einer Fallsüchtigen verdreht.

Ein anderes Mal verbarg sich Kostroma, als er in einer Partie Gorodki eine blamable Niederlage gegen Tschurka erlitten hatte, hinter dem Haferkasten am Kramladen, hockte dort nieder und brach in lautloses Weinen aus; es wirkte beinahe unheimlich – er biß die Zähne fest zusammen, die Backenknochen traten vor, das knochige Gesicht war wie versteinert, und aus den finsteren schwarzen Augen rollten dicke, schwere Tränen. Als ich ihn zu trösten versuchte, murmelte er schluchzend: »Warte, dem haue ich noch einen Ziegelstein über den Schädel . . . er wird schon sehen, was er davon hat!«

Tschurka wurde hochnäsig, ging in der Mitte des Fahrdamms, wie das nur heiratsfähige Burschen tun, trug die Mütze im Nacken und die Hände in den Hosentaschen; er hatte gelernt, verwegen zwischen den Zähnen hindurch auszuspucken, und verhieß: »Ich werde bald auch rauchen. Zweimal habe ich's schon versucht, aber mir wird übel.«

Das alles gefiel mir nicht. Ich sah, daß ich dabei war, einen Gefährten zu verlieren, und mir schien, schuld daran sei Ludmila.

Eines Abends, als ich auf dem Hof die gesammelten Lumpen, Knochen und allerlei sonstigen Kram auseinandernahm, trat Ludmila mit ihrem schaukelnden Gang, bei dem die Rechte heftig mitschwang, auf mich zu.

»Guten Tag«, sagte sie und nickte mir dreimal zu. »Ist Kostroma dabeigewesen?«

»Ja.«

»Und Tschurka?«

»Tschurka will nichts mehr von uns wissen. Daran bist nur du schuld – sie haben sich beide in dich verliebt und sind sich spinnefeind.«

Sie wurde rot, gab aber spöttisch zur Antwort: »Auch das noch! Was kann denn ich dafür?«

»Warum machst du sie erst in dich verliebt?«

»Ich habe sie nicht gebeten, sich in mich zu verlieben!« entgegnete sie ärgerlich, wandte sich ab, um zu gehen, und fügte noch hinzu: »Sind alles nur Dummheiten! Ich bin älter als sie, bin vierzehn Jahre alt. Man verliebt sich nicht in Mädchen, die älter sind als man selbst.«

»Was du schon davon verstehst!« rief ich ihr nach, um sie zu kränken. »Nimm nur die Krämerin, Chlystows Schwester – ist schon uralt, aber wie sie sich mit den Burschen herumtreibt!«

Ludmila kam noch einmal zurück, sie bohrte dabei die Krücke tief in den Sand.

»Du selber verstehst nichts davon«, begann sie rasch, mit Tränen in der Stimme, und ihre lieben Augen flammten wunderschön auf. »Die Krämerin ist ein liederliches Frauenzimmer, aber bin ich vielleicht so eine? Ich bin noch klein, mich darf man weder anrühren noch kneifen, und überhaupt . . . Du solltest erst einmal den Roman ›Die Kamtschadalin‹ durchlesen, wenigstens den Teil zwei – dann könntest du mitreden!«

Sie wandte sich schluchzend ab und ging. Plötzlich tat sie mir leid – in ihren Worten klang etwas Wahres, das mir noch unbekannt war. Warum kniffen sie meine Gefährten? Und dann behaupteten sie noch, sie seien verliebt.

Am Tage darauf erwarb ich, um meine Schuld vor Ludmila wiedergutzumachen, für zwei Kopeken Malzbonbons, die sie, wie ich schon wußte, gern aß.

»Möchtest du welche?«

Sie zwang sich, ärgerlich zu entgegnen: »Geh, ich will nichts von dir wissen!«

Gleich darauf nahm sie mir die Bonbons doch ab, sie bemerkte allerdings: »Wenn du sie wenigstens in Papier gewickelt hättest – wie schmutzig deine Hände sind!«

»Ich habe sie so oft gewaschen, aber es hilft nichts.«

Sie nahm meine Hand in ihre, die trocken und heiß war, und sah sie sich aufmerksam an.

»Ganz schön verdorben.«

»Und du hast zerstochene Finger.«

»Das kommt vom Nähen, ich nähe viel.«

Eine kleine Weile danach schlug sie mir vor, nicht ohne sich vorher umzublicken: »Hör zu, wollen wir uns nicht irgendwo verstecken und die ›Kamtschadalin‹ lesen, willst du?«

Wir suchten lange nach einem Versteck, aber überall schien es uns unbequem. Schließlich fanden wir, es werde das beste sein, sich in den Vorraum des Badehauses zurückzuziehen – dort war es zwar dunkel, aber man konnte sich ja ans Fenster setzen; das Fenster ging auf eine schmutzige Ecke zwischen einer Scheune und dem benachbarten Schlachthof; dort sah nur selten jemand herein.

Und schließlich sitzt sie seitlich zum Fenster vor mir, das kranke Bein auf der Bank vor sich ausgestreckt, das gesunde am Boden, und ein zerlesenes Buch verdeckt ihr Gesicht; sie bringt erregt eine Menge unverständlicher, langweiliger Worte hervor. Und doch bin auch ich erregt. Ich sitze auf dem Fußboden und beobachte, wie zwei ernste Augen gleich bläulichen Lichtern über die Buchseiten gleiten und sich gelegentlich mit Tränen füllen; die Stimme des Mädchens zittert, während sie allerlei unbekannte Wörter zu unverständlichen Verbindungen aneinanderreiht. Und dennoch greife ich nach diesen Wörtern, drehe sie hin und her und versuche sie zu Versen zu fügen – das läßt mich endgültig den Faden von dem verlieren, wovon im Buch die Rede ist.

Auf meinen Knien döst der Hund; ich nenne ihn Weter, der Wind, weil er lang und zottig ist, schnell laufen kann und wie der Herbstwind in der Ofenröhre heult.

»Hörst du auch zu?« fragt mich das Mädchen.

Ich nicke ein stummes Ja. Das Durcheinander der Wörter erregt mich immer mehr, und immer lebhafter wird mein Wunsch, sie anders zu setzen, so, wie sie in Liedern stehen, wo jedes Wort lebt und wie ein Stern am Himmel funkelt.

Als es dunkel wurde, ließ Ludmila die weiß schimmernde Hand mit dem Buch sinken und fragte: »Ist das nicht schön? Na siehst du.«

Von diesem Abend an saßen wir oft im Vorraum des Badehauses zusammen. Ludmila gab es zu meinem nicht geringen Vergnügen bald auf, weiter aus der »Kamtschadalin« zu lesen. Ich hätte ihr die Frage, worum es in diesem endlosen Buch eigentlich ging, nicht beantworten können – endlos war es schon darum, weil auf den zweiten Teil, mit dem wir begannen, ein dritter folgte; das Mädchen verriet mir, es gäbe auch noch einen vierten.

Besonders geborgen fühlten wir uns bei schlechtem Wetter, vorausgesetzt, es war nicht Sonnabend – sonnabends wurde im Badehaus geheizt.

Draußen regnete es, es bestand keine Gefahr, daß jemand auf den Hof kommen und in unsere dunkle Ecke hereinschauen werde. Ludmila befürchtete immerfort, man könne uns »überraschen«.

»Weißt du, was man dann glauben wird?« fragte sie leise.

Ich wußte es und fürchtete ebenfalls, man könne uns »überraschen«. Wir saßen stundenlang beieinander, unterhielten uns von diesem und jenem, ich gab gelegentlich eines von Großmutters Märchen zum besten, während Ludmila vom Leben der Kosaken am Fluß Medwediza erzählte.

»Hach, wie schön es dort ist!« seufzte sie. »Und was ist hier? Ein armseliges Dasein!«

Ich beschloß, sobald ich erwachsen sein würde, unbedingt hinzugehen und mir den Fluß Medwediza anzusehen.

Bald brauchten wir den Vorraum des Badehauses nicht mehr. Ludmilas Mutter hatte Arbeit bei einem Kürschner gefunden und ging gleich morgens aus dem Haus, das Schwesterchen war in der Schule, der Bruder arbeitete in einer Kachelmanufaktur. Ich fand mich an regnerischen Tagen bei dem Mädchen ein und half ihr wirtschaften und Küche und Stube aufräumen. Sie lachte: »Wir beiden leben wie Mann und Frau, nur, daß wir getrennt schlafen. Wir halten sogar noch besser zusammen; die Männer helfen ihren Frauen sonst nicht.«

Wenn ich Geld hatte, kaufte ich Süßigkeiten, und wir tranken Tee; hinterher kühlten wir den Samowar mit kaltem Wasser, damit Ludmilas zänkische Mutter nicht merkte, daß er geheizt worden war. Manchmal kam die Großmutter herüber, setzte sich zu uns, klöppelte Spitzen oder stickte und erzählte wunderbare Märchen; ging aber der Großvater in die Stadt, dann schlich sich Ludmila zu uns, und wir schmausten sorglos.

Die Großmutter sagte dann wohl: »Ach, wie gut es uns geht! Wenn du einen Groschen hast, lebst du, wie es dir paßt!«

Sie ermunterte uns zur Freundschaft.

»Die Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Mädchen ist etwas Schönes! Nur soll man keine Dummheiten machen.«

Und sie erklärte uns mit ganz einfachen Worten, was »Dummheiten machen« bedeutet. Sie sprach schön, mit viel Herz, und ich verstand sehr gut, daß man Blumen nicht anrühren darf, bevor sie aufgeblüht sind, da man sonst weder Duft noch Beeren von ihnen erwarten kann.

Nach »Dummheiten machen« stand unser Sinn nicht, das hinderte Ludmila und mich aber nicht, von dem zu sprechen, wovon man zu schweigen pflegt. Natürlich sprachen wir davon, weil wir nicht anders konnten – die groben Beziehungen zwischen den Geschlechtern standen uns allzu oft und allzu aufdringlich vor Augen und kränkten uns zu sehr.

Ludmilas Vater, ein schöner Mann von etwa vierzig Jahren, hatte krauses Haar, trug einen Schnurrbart und bewegte die dichten Brauen besonders siegesgewiß. Er war merkwürdig schweigsam; ich kann mich nicht erinnern, je ein Wort von ihm gehört zu haben. Wenn er ein Kind herzte, muhte er wie ein Stummer, selbst seine Frau prügelte er stets wortlos.

An Feiertagen zog er abends ein hellblaues Hemd, Plüschhosen und blankgeputzte Stiefel an, trat, eine große Ziehharmonika am Schulterriemen, vors Haustor und stellte sich in Positur wie ein Soldat beim »Präsentiert das Gewehr!«. Sogleich begann eine »Promenade« an unserem Tor vorbei – eine nach der anderen zogen Mädchen und Frauen wie Entenküken vorüber und blickten verstohlen, unter den Wimpern hervor, oder offen, mit gierigen Augen, zu Jewsejenko hin, während er mit vorgewölbter Unterlippe dastand und sie mit dunklen Augen wählerisch musterte. In dieser stummen Zwiesprache, in dieser langsamen, schicksalhaften Bewegung der Frauen am Mann vorbei war etwas Unangenehmes und Hündisches – es schien, der Mann brauche nur einer von ihnen gebieterisch zuzublinzeln, und sie würde willenlos, wie eine Tote, auf den schmutzigen Sand der Straße sinken.

»Plustert sich wieder auf, der Bock, die schamlose Fratze«, knurrt Ludmilas Mutter. Dürr und groß, mit langem, unreinem Gesicht und – nach dem Typhus – kurzgeschorenem Haar, erinnert sie an einen abgenutzten Besen.

Ludmila sitzt neben ihr und bemüht sich vergebens, die Aufmerksamkeit der Mutter von der Straße abzulenken, sie fragt sie hartnäckig nach etwas aus.

»Hör auf, du Kümmerling, du unglückseliger Krüppel!« murmelt die Mutter und zwinkert unruhig mit den Augen; ihre Augen sind schmal wie bei Mongolen, sonderbar hell und unbeweglich – als wären sie irgendwo hängengeblieben und stünden für immer still.

»Ärgere dich nicht, Mamachen, ist schließlich einerlei«, sagt Ludmila. »Sieh dir doch lieber an, wie sich die Witwe des Bastmattenflechters ausstaffiert hat!«

»Ich könnte besser angezogen gehen als sie, wenn ich euch drei nicht auf dem Halse hätte, ihr freßt mich einfach auf«, entgegnet erbarmungslos und wohl auch unter Tränen die Mutter, während ihr Blick nicht von der großgewachsenen, breiten Witwe loskommt.

Sie ähnelt einem kleinen Haus, an dem sich gleich einer Freitreppe der Busen vorwölbt; das rote Gesicht, von einem grünen Kopftuch abgeschnitten, erinnert an eine Dachluke, in deren Scheiben sich die Sonne spiegelt.

Jewsejenko hat die Harmonika über die Brust gehängt und spielt. Die Harmonika hat vielerlei Stimmen, ihre Klänge reißen unwiderstehlich mit, die Kinder der ganzen Straße kommen herbeigerannt, sinken zu Füßen des Harmonikaspielers nieder und verstummen hingerissen im Sand.

»Warte nur, dir drehn sie noch den Hals um«, verheißt die Jewsejenko ihrem Mann.

Er schielt nur schweigend zu ihr hinüber.

Die Witwe des Bastmattenflechters läßt sich, schwer wie ein Stein, gleich nebenan auf der Bank vor Chlystows Kaufladen nieder und lauscht mit glühenden Wangen, den Kopf zur Seite geneigt.

Über dem Feld hinter dem Friedhof glimmt feurig das Abendrot, auf der Straße schwimmen wie auf einem Fluß große, grellgekleidete Fleischbrocken vorüber, oder es wirbeln Kinder über sie hin; die warme Luft schmeichelt und berauscht. Der über Tag erhitzte Sand riecht scharf; besonders macht sich der fette, leicht süßliche Blutgeruch der Schlachthöfe bemerkbar, während es aus den Höfen, wo die Kürschner hausen, salzig und beißend nach abgeschabtem Fleisch riecht. Das Gerede der Frauen, das betrunkene Grölen der Männer, das helle Kindergeschrei, der Baßton der Harmonika – alles verschmilzt zu einem einzigen dumpfen Klang, in den sich der mächtige Atem der unermüdlich wirkenden Erde mischt. Alles ist roh und nackt und flößt eine große und feste Zuversicht in dieses dumpfe, schamlos-tierische Leben ein. Es prahlt mit seiner Kraft, es sucht gequält und angestrengt, wohin es sie ergießen könnte.

Und gelegentlich trifft einen durch den Lärm ein besonders grusliges Wort ins Herz und prägt sich für immer dem Gedächtnis ein.

»Alle zugleich auf einen einschlagen, das geht nicht. Immer der Reihe nach . . .«

»Wer wird sich unser schon erbarmen, wenn wir selber kein Mitleid mit uns haben . . .«

»Hat denn der Herrgott das Weib zum Spaß erschaffen?«

Es wird allmählich Nacht. Die Luft wird frischer, der Lärm läßt nach, die hölzernen Häuser schwellen an, sie wachsen und hüllen sich in Schatten. Die Kinder hat man nach Hause, zu Bett gebracht, manche sind auch gleich hier am Zaun, zu Füßen oder auf dem Schoß eingeschlafen. Die größeren Kinder werden, je mehr es auf die Nacht zugeht, stiller und weicher. Jewsejenko ist unbemerkt verschwunden, er hat sich gleichsam aufgelöst, auch von der Witwe des Bastmattenflechters ist nichts mehr zu sehen; die baßtönige Harmonika spielt irgendwo weit hinter dem Friedhof. Ludmilas Mutter kauert auf einer Bank, den Rücken gekrümmt wie eine Katze. Die Großmutter ist Tee trinken gegangen zu einer Nachbarin, einer Hebamme und Kupplerin, einem großen, sehnigen Frauenzimmer mit Entennase und einer Goldmedaille »Für die Errettung aus Lebensgefahr« auf der flachen Männerbrust. Die ganze Stadt fürchtet sich vor ihr und hält sie für eine Hexe; sie soll bei einem Brand die kranke Frau eines Obersten und seine drei Kinder dem Flammentod entrissen haben.

Die Großmutter ist mit ihr befreundet; wenn sie sich auf der Straße treffen, lächeln sie sich bereits von weitem besonders herzlich zu.

Kostroma, Ludmila und ich sitzen auf der Bank vor dem Tor; Tschurka hat Ludmilas Bruder zum Ringkampf herausgefordert, sie halten sich umklammert, treten im Sand hin und her und wirbeln viel Staub auf.

»Hört schon auf!« bittet Ludmila ängstlich.

Kostroma schielt mit seinen schwarzen Augen zu ihr hinüber und erzählt vom Jäger Kalinin, einem grauhaarigen, in der ganzen Vorstadt bekannten Alten mit listigen Augen und schlechtem Ruf. Er ist vor kurzem gestorben; man hat ihn nicht im Friedhofssand vergraben, sondern den Sarg über der Erde stehen lassen, ein wenig abseits von den anderen Gräbern. Der Sarg ist schwarz, mit hohen Füßen, der Deckel mit weißer Farbe bemalt; man sieht ein Kreuz und einen Spieß, zwei Knochen und einen Stock auf ihm.

Jede Nacht, sobald es dunkelt, soll sich der Alte aus seinem Sarg erheben und, offenbar nach etwas suchend, bis zum ersten Hahnenschrei auf dem Friedhof herumirren.

»Erzähl keine Gruselgeschichten!« bittet Ludmila.

»Warte doch mal!« ruft Tschurka, befreit sich aus dem Griff ihres Bruders und sagt spöttisch zu Kostroma: »Was faselst du da? Ich habe mit eigenen Augen gesehen, daß man den Sarg vergraben hat; der Sarg oben ist leer, er ist nur für das Grabdenkmal bestimmt. Daß aber der Tote umhergeht, haben sich die Trunkenbolde von Schmieden ausgedacht.«

Kostroma schlägt, ohne ihn anzusehen, ärgerlich vor: »Wenn es sich so verhält, dann geh doch hin und schlaf eine Nacht auf dem Friedhof!«

Sie streiten sich, während Ludmila traurig den Kopf wiegt und fragt: »Mamachen, erheben sich die Toten nachts aus den Gräbern?«

»Ja, sie erheben sich nachts aus den Gräbern«, wiederholt die Mutter, als käme von fern ein Echo zurück.

Der Sohn der Krämerin, Waljok, ein dicker, rotwangiger Bursche von etwa zwanzig Jahren, trat hinzu, hörte sich unseren Streit an und sagte: »Wenn einer von euch dreien bis zum Morgengrauen auf dem Sarge liegen bleibt, bekommt er zwanzig Kopeken und zehn Zigaretten von mir, hält er es aber nicht aus, dann zause ich ihn an den Ohren, solange ich will. Also, was ist?«

Alle schwiegen verlegen still, und nur Ludmilas Mutter sagte: »Was für Dummheiten! Wie kann man Kinder zu so etwas anstiften.«

»Gib einen Rubel, und ich gehe!« schlug Tschurka mit finsterer Miene vor.

Sofort kam Kostroma mit der boshaften Frage: »Und für zwanzig Kopeken bist du zu feige?« Er wandte sich an Waljok: »Biete ihm einen Rubel, er geht ja doch nicht hin, er gibt nur an.«

»Also gut, du kriegst einen Rubel!«

Tschurka stand auf und ging, wortlos und ohne Eile, davon, hielt sich aber nahe am Zaun. Kostroma steckte die Finger in den Mund und pfiff gellend hinter ihm her, während Ludmila aufgeregt sagte: »Mein Gott, was für ein Wichtigtuer! Was soll denn das alles?«

»Wie könntet ihr auch, ihr Feiglinge!« höhnte Waljok. »Da geltet ihr noch als die ersten Raufbolde in der Straße, ihr zahmen Kätzchen . . .«

Es war kränkend genug, seinem Gespött zuzuhören; dieser satte Bursche gefiel uns nicht, er stiftete die Kinder zu bösen Streichen an, erzählte ihnen allerlei häßliche Klatschgeschichten von Mädchen oder Frauen und brachte ihnen bei, sie zu hänseln; die Kinder hörten auf ihn und hatten bitter dafür zu büßen. Aus irgendeinem Grunde haßte er meinen Hund und warf mit Steinen nach ihm; eines Tages gab er ihm ein Stück Brot, in dem er eine Nähnadel versteckt hatte.

Aber noch kränkender war es, zu sehen, wie Tschurka klein und häßlich abzog.

Ich sagte entschlossen zu Waljok: »Her mit dem Rubel, ich gehe.«

Er spöttelte und versuchte mir angst zu machen, hielt aber den Rubelschein der Jewsejenko hin, doch sie lehnte barsch ab: »Ich will nicht, ich nehme ihn nicht an!«

Und sie ging böse davon. Auch Ludmila konnte sich nicht entschließen, den Schein in Verwahrung zu nehmen; das war Wasser auf Waljoks Mühle, er spottete noch mehr. Ich wollte schon aufbrechen, ohne von dem Burschen Geld zu verlangen, aber die Großmutter kam dazu, nahm, als sie erfuhr, worum es sich handelte, den Rubel an sich und sagte in aller Ruhe zu mir: »Zieh deinen Mantel an und nimm eine Decke mit, damit du nicht gegen Morgen frierst.«

Ihre Worte ließen mich hoffen, es werde mir nichts Schreckliches geschehen.

Waljok hatte sich ausbedungen, ich müsse bis zum Morgengrauen auf dem Sarg liegen oder sitzen bleiben, ohne mich von der Stelle zu rühren, was auch geschehen möge, selbst wenn der Sarg ins Wanken käme, während der alte Kalinin aus seinem Grabe stieg. Sprang ich ab, dann sollte ich verloren haben.

»Paß auf«, warnte mich Waljok, »ich werde dich die ganze Nacht beobachten lassen!«

Als ich mich zum Friedhof aufmachte, bekreuzigte mich die Großmutter und riet: »Sollte dir irgend etwas erscheinen, dann rühre dich nicht und bete ein ›Muttergottes, frohlocke‹.«

Ich ging mit raschen Schritten davon, ich wollte möglichst rasch anfangen und alles hinter mich bringen. Waljok, Kostroma und einige andere Burschen begleiteten mich. Als ich über die Ziegelumfriedung kletterte, verhakte ich mich in der Decke und fiel hin, sprang aber gleich wieder auf, als hätte der Sand mich hochgeschnellt. Draußen, hinter der Mauer, erklang Lachen. Irgend etwas in meiner Brust krampfte sich zusammen, ein unangenehmer kalter Schauer lief über meinen Rücken.

Ich erreichte, hier und da stolpernd, den schwarzen Sarg. Er war auf der einen Seite von Sand verweht, während man auf der anderen die dicken Sargbeine frei dastehen sah, als hätte jemand den Sarg anzuheben versucht und ihn erschüttert. Ich setze mich auf das Fußende und sehe mich um – der unebene Boden des Friedhofs starrt voller grauer Kreuze, ihre Schatten strecken sich, holen weit aus und nehmen die borstigen Grabhügel in ihre Arme. Hier und da ragen, als hätten sie sich unter die Kreuze verirrt, schmächtige, dünne Birken empor und verbinden mit ihrem Gezweig die einzelnen Gräber; aus dem Spitzenwerk ihrer Schatten starren Grashalme in die Luft – ihr stachliges Grau wirkt unheimlicher als alles andere! Wie eine Schneewehe bäumt sich zum Himmel die Kapelle auf; klein und matt leuchtet zwischen den regungslosen Wolken der Mond.

Jas' Vater, der »Lumpenkerl«, läutet träge die Stundenglocke; jedesmal, wenn er am Läuteseil zieht, streift das Seil ein Dachblech und läßt es kläglich aufkreischen; danach schlägt kurz die kleine Glocke an; ihr Klang wirkt trocken und traurig.

Behüte uns der Herrgott vor Schlaflosigkeit, fällt mir die stehende Redewendung des Friedhofswärters ein.

Es ist unheimlich. Und aus irgendeinem Grunde auch schwül – ich bin, obwohl die Nacht kühl ist, wie aus dem Wasser gezogen. Würde ich's bis zum Wärterhäuschen schaffen, falls sich der alte Kalinin wirklich aus seinem Grabe erhebt?

Ich kenne den Friedhof sehr gut, ich habe viele Male mit Jas und anderen Gefährten zwischen den Gräbern gespielt. Drüben, neben der Kapelle, ist meine Mutter begraben.

Noch ist nicht alles erstorben; aus der Vorstadt dringt dann und wann ein Lachen oder das Bruchstück eines Liedes herüber. Auf den Hügeln neben den Kiesgruben der Eisenbahn oder irgendwo im Dorf Katysowka schluchzt und winselt eine Harmonika, während an der Friedhofsmauer der ewig betrunkene Schmied Mjatschow vorüberkommt und singt – ich erkenne ihn an seinem Lied:

»Unsrer Mutter kleine Sünden
Sind nicht schwer zu überwinden,
Liebte sie doch niemand sonst
Als den eignen Ehgesponst.«

Es tut wohl, den letzten Seufzern des Lebens zu lauschen, aber es wird nach jedem Glockenschlag stiller, die Stille überflutet alles ringsum wie ein Fluß die Uferwiesen, ertränkt alles, deckt alles zu. Die Seele versinkt in einer grenzenlosen, abgrundtiefen Leere und erlischt wie die Flamme eines Streichhölzchens in der Dunkelheit – sie löst sich spurlos auf im Ozean dieser Leere, in dem nur noch die unerreichbaren Sterne funkeln, während auf der Erde alles entschwunden, unnötig und tot ist.

Ich saß, in meine Decke gehüllt, das Gesicht der Kapelle zugewandt, mit angezogenen Beinen auf dem Sarg; wenn ich mich rührte, knarrte er, der Sand unter ihm knirschte.

Irgend etwas schlug ein- oder zweimal hinter mir ein, dann fiel ganz in der Nähe ein Ziegelbruchstück zu Boden, das war zwar unheimlich, doch ich erriet sogleich – Waljok und seine Kumpane warfen hinter der Mauer mit Steinen nach mir; sie wollten mich erschrecken. Mir konnte es nur recht sein, wenn Menschen in der Nähe waren.

Unwillkürlich mußte ich an meine Mutter denken . . . Eines Tages, als sie mich dabei ertappte, wie ich Zigaretten zu rauchen versuchte, schlug sie mich dafür, und ich sagte: »Rühr mich nicht an, mir ist ohnehin schlecht genug, mir ist entsetzlich übel.«

Als ich meine Strafe weghatte, saß ich hinter dem Ofen und hörte, wie sie zur Großmutter sagte: »Ein gefühlloser Junge, er hat niemand lieb.«

Es war kränkend für mich, das zu hören. Wenn die Mutter mich strafte, tat sie mir leid, es war mir ihretwegen immer irgendwie peinlich – sie strafte nur selten gerecht und nach Verdienst.

Und überhaupt gab es viel Kränkendes im Leben, zum Beispiel dieses Volk da hinter der Umfriedung; sie wußten doch sehr gut, daß ich mich, so allein auf dem Friedhof, doch ein wenig ängstigte, versuchten aber, mir noch mehr angst zu machen. Warum?

Am liebsten hätte ich ihnen zugerufen: Schert euch zum Teufel!

Das war jedoch gefährlich – wer weiß, was der Teufel dazu gesagt hätte! Er war gewiß irgendwo in der Nähe.

Im Sand lagen viele Glimmerstückchen, die matt im Mondschein glänzten; das erinnerte mich daran, wie ich eines Tages auf der Oka auf einem Floß lag und ins Wasser blickte – auf einmal tauchte fast unmittelbar vor meinem Gesicht eine Plötze auf, drehte sich auf die Seite und nahm Ähnlichkeit mit einer menschlichen Wange an; dann streifte sie mich mit einem Blick ihres runden Vogelauges, tauchte unter und versank, wie ein fallendes Ahornblatt pendelnd, in der Tiefe.

Das Gedächtnis arbeitete immer angespannter; es beschwor verschiedene Vorfälle aus dem Leben herauf, als wollte es sich gegen die Phantasie schützen, die hartnäckig allerlei Schrecknisse erfand.

Da rollte, mit harten Pfötchen auf den Sandboden trommelnd, ein Igel vorbei; er war klein und zerzaust und erinnerte an den Hausgeist, den Domowoi.

Ich weiß noch, wie die Großmutter am Herd vor der Ofenhöhlung hockte und murmelte: »Guter Hausherr, treib die Küchenschaben aus!«

Fern über der Stadt, die ich nicht sehen konnte, wurde es heller, die Morgenkühle preßte meine Wangen, die Augen fielen mir zu. Ich rollte mich zusammen und zog die Decke über den Kopf – mochte kommen, was wollte!

Geweckt wurde ich von der Großmutter; sie stand neben mir, zog mir die Decke fort und sagte: »Steh auf! Bist du nicht durchgefroren? Nun, was ist? Hast du dich gegrault?«

»Doch, aber sage es keinem, vor allem nicht den Jungen!«

»Warum darüber schweigen?« fragte sie verwundert. »Wessen will man sich rühmen, wenn es nicht graulich war?«

Wir machten uns auf den Heimweg, und unterwegs redete sie mir freundlich zu: »Man muß eben alles ausprobieren, mein Herzchen, muß selbst alles kennenlernen. Wenn man nicht selber lernt – ein anderer bringt's einem nicht bei.«

Abends war ich bereits der »Held« der Straße, alle erkundigten sich: »War es denn wirklich nicht graulich?«

Und wenn ich sagte: »Doch!«, schüttelten sie den Kopf und riefen: »Na also! Da sieht man's!«

Die Krämerin aber erklärte laut und überzeugt: »Dann war es also gelogen, daß der Kalinin aus seinem Grabe aufsteht! Täte er das, wäre er denn vor dem Jungen zurückgeschreckt? Er hätte ihn vom Friedhof fortgefegt – Gott allein weiß, wohin!«

Ludmila blickte mich mit freundlicher Verwunderung an, selbst der Großvater war offenbar mit mir zufrieden und lächelte immerfort vor sich hin. Nur Tschurka bemerkte finster: »Ihm macht es weiter nichts aus, seine Großmutter ist eine Hexe!«

 


 << zurück weiter >>