Maxim Gorki
Unter fremden Menschen
Maxim Gorki

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17

Jeden Morgen um sechs Uhr früh brach ich in das Messegelände zur Arbeit auf. Dort traf ich mit interessanten Menschen zusammen – dem grauhaarigen Zimmermann Ossip, der an den heiligen Nikolai erinnerte, ein geschickter Arbeiter war und eine spitze Zunge hatte; dem buckligen Dachdecker Jefimuschka; dem gottesfürchtigen Maurer Pjotr, einem nachdenklichen Gesellen, der ebenfalls wie ein Heiliger aussah; dem Stukkateur Grigorij Schischlin, einem blondbärtigen, blauäugigen schönen Mann, der stille Güte ausstrahlte.

Ich hatte diese Leute während des zweiten Aufenthalts im Hause des Zeichners kennengelernt; sie tauchten jeden Sonntag in der Küche auf, gesetzt, gemessen, mit angenehmen Reden voll saftiger, mir neuer Wendungen. Alle diese soliden Bauern erschienen mir damals brav und gut; jeder war auf seine Art interessant, alle stachen vorteilhaft gegen die bösen, diebischen, ewig betrunkenen Vorstadtbewohner von Kunawino ab.

Am meisten gefiel mir damals der Stukkateur Schischlin, ich wollte sogar in sein Artel, aber er strich nur mit dem weißen Finger über die goldene Braue und wies mich sanft ab: »Es ist zu früh für dich, die Arbeit bei uns ist schwer, gedulde dich ein, zwei Jahre . . .«

Er warf den schönen Kopf in den Nacken und fragte: »Hast du es denn nicht gut? Nun, macht nichts, halt aus, reiß dich nur am Riemen, dann kommst du schon über alles hinweg!«

Ich weiß nicht, ob dieser gute Rat mir etwas genützt hat, jedenfalls behielt ich ihn dankbar im Gedächtnis.

Auch jetzt wieder kamen sie jeden Sonntagmorgen zu meinem Prinzipal, ließen sich auf den Bänken um den Küchentisch nieder und führten, während sie auf ihn warteten, interessante Gespräche. Der Hausherr begrüßte sie fröhlich und geräuschvoll, drückte ihnen die harten Hände und nahm in der Ehrenecke Platz. Rechnungen und ein Bündel Geldscheine erschienen auf dem Tisch, die Männer breiteten Belege und zerdrückte Notizbücher aus, und die Abrechnung für die Woche begann.

Unter Scherzen und allerlei Possen versuchte man sich gegenseitig zu übervorteilen; manchmal geriet man auch hart aneinander, meist jedoch wurde fröhlich gelacht.

»Hach, guter Mann, bist der geborene Gauner!« sagten die Männer zum Prinzipal.

Er entgegnete mit verlegenem Lächeln: »Aber auch ihr, Bestien von Hühnern, seid ganz schön ausgekocht!«

»Ja, wie könnte es anders sein?« gestand Jefimuschka, während der ernste Pjotr hinzufügte: »Was man erarbeitet hat, ist für Gott und den Zaren, zum Leben bleibt einem nur das Gestohlene . . .«

»Das ist es ja, warum auch ich euch übers Ohr hauen möchte!« lachte der Prinzipal.

Sie fielen gutmütig ein: »Uns einseifen also?« – »Uns über den Löffel barbieren?«

Grigorij Schischlin, der den prächtigen Bart mit den Händen an die Brust drückte, bat in singendem Tonfall: »Freunde, wollen wir nicht einfach unsere Aufrechnung machen, ohne allen Betrug? Wenn man ehrlich lebt, hat man es doch so schön und ruhig! Wollen wir, gute Leute, ja?«

Seine blauen Augen wurden dunkler und bekamen einen feuchten Schimmer; er war in solchen Augenblicken wunderbar anzusehen; alle schienen durch seine Bitte ein wenig betreten und wandten sich verlegen von ihm ab.

»Was der einfache Mann ergaunert, ist nicht der Rede wert«, brummte seufzend, den Bauern offenbar bedauernd, der wohlgestalte Ossip.

Der dunkelhaarige Maurer, der sich mit krummem Rücken über den Tisch beugte, sagte mit tiefer Stimme: »Die Sünde ist wie der Sumpf – je weiter, desto schlimmer!«

Und der Prinzipal murmelte im gleichen Tonfall wie sie: »Was mich betrifft – wie's in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus!«

Nachdem sie so ein wenig philosophiert haben, versuchen sie aufs neue, sich gegenseitig zu prellen, und machen sich schließlich nach der Verrechnung, schwitzend und müde vor Anstrengung, zum Teetrinken in die Gastwirtschaft auf, wobei sie auch den Prinzipal einladen.

Ich hatte auf dem Messegelände darauf zu achten, daß diese Leute keine Nägel, keine Ziegelsteine oder Bretter stahlen; jeder von ihnen hatte, neben der Arbeit für meinen Prinzipal, eigene Aufträge, und jeder bemühte sich, mir etwas vor der Nase wegzuschnappen, um es für eigene Zwecke zu verwenden. Sie nahmen mich freundlich auf, und Schischlin sagte sogar zu mir: »Erinnerst du dich, wie du in mein Artel wolltest? Und jetzt – sieh an, wie hoch du gestiegen bist, bist wohl mein Vorgesetzter geworden, wie?«

»Mach nur«, scherzte Ossip, »hüt und bewahre mit Gott deine Ware!«

Nur Pjotr bemerkte unfreundlich: »Da setzt man einen jungen Kranich über alte Mäuse . . .«

Meine Pflichten bereiteten mir arge Verlegenheit; ich schämte mich vor diesen Leuten – sie alle schienen etwas Gutes, Besonderes, nur ihnen allein Bekanntes zu wissen, während ich sie als Diebe oder Betrüger ansehen sollte.

Die ersten Tage mit ihnen fielen mir schwer, aber Ossip bemerkte es bald und sagte unter vier Augen zu mir: »Hör zu, mein Junge, mach nicht so ein Gesicht, es hat keinen Sinn – verstanden?«

Ich verstand natürlich nicht das geringste, fühlte jedoch, daß der Alte das Unsinnige meiner Lage erkannte, und es kam zwischen uns rasch zu einem freimütigen Verhältnis.

Irgendwo in einer Ecke unterwies er mich: »Der größte Dieb unter uns ist, wenn du es wissen willst, der Maurer Pjotr; er hat eine große Familie und ist habgierig. Bei dem mußt du die Augen offenhalten, er verschmäht nichts, kann alles brauchen – ein Pfund Nägel, ein Dutzend Ziegelsteine, einen Sack Kalk. Immer her damit! Er ist ein guter Mensch, gottesfürchtig, von strenger Denkungsart und schreib- und lesekundig, aber er stiehlt gern! Jefimuschka hat's mit den Frauen, der ist harmlos, für dich keine Gefahr. Auch er ist klug, die Buckligen sind alle nicht dumm! Grigorij Schischlin dagegen ist einfältig, der nimmt nichts Fremdes, der zahlt womöglich noch drauf! Er arbeitet ohne Gewinn, jeder kann ihn betrügen, und er die anderen nicht! Lebt ohne Verstand . . .«

»Er ist sehr gutmütig?«

Ossip sah mich an wie aus weiter Ferne und sagte einprägsam: »Sicher, das ist er! Für den Faulen ist gutmütig sein am einfachsten; zur Gutmütigkeit, Bursche, braucht's keinen Verstand . . .«

»Nun, und du selbst?« fragte ich Ossip.

Er entgegnete mit spöttischem Lächeln: »Ich halte es wie die jungen Mädchen – wenn ich Großmutter bin, erzähle ich dir von mir, bis dahin mußt du schon warten! Oder du findest selber heraus, was in mir steckt – versuch's doch!«

Er stellte alle meine Vorstellungen von ihm und seinen Freunden auf den Kopf. Ich konnte schlecht an der Richtigkeit seiner Urteile zweifeln – ich sah, daß Jefimuschka, Pjotr, Grigorij den wohlgestalten Alten für klüger und in den Fragen des täglichen Lebens erfahrener ansahen als sich selbst. Sie fragten ihn in allem um Rat, hörten ihm aufmerksam zu und bezeigten ihm auf mancherlei Art Respekt.

»Tu uns den Gefallen, gib uns einen Rat«, baten sie ihn; eines Tages jedoch, als Ossip nach einer solchen Bitte beiseite getreten war, sagte der Maurer leise zu Grigorij: »Der Ketzer!«

Und Grigorij setzte hämisch hinzu: »Der Hampelmann!«

Der Stukkateur warnte mich freundschaftlich: »Gib acht, Maximytsch, mit dem Alten muß man vorsichtig sein, der wickelt dich im Handumdrehen um den Finger! Solche giftigen Alten können verdammt schaden!«

Ich verstand gar nichts mehr.

Der Maurer Pjotr erschien mir als der ehrlichste und frömmste unter den Menschen; er sprach über alles kurz und einprägsam, seine Gedanken verweilten am häufigsten bei Gott, der Hölle, dem Tod.

»Ach, Freunde, soviel man sich auch müht, worauf man auch hofft, uns allen ist hienieden der Friedhof beschieden!«

Er hatte ständig Magenschmerzen, und es gab Tage, an denen er überhaupt nichts essen konnte; selbst ein kleines Stück Brot rief krampfhafte Schmerzen und quälende Übelkeit bei ihm hervor.

Auch der bucklige Jefimuschka machte einen gutmütigen und ehrlichen Eindruck, wirkte aber immer komisch, manchmal auch blöd, wie ein harmloser Irrer. Ständig verliebte er sich in allerlei Frauen und sprach von allen mit ein und denselben Worten: »Geradeheraus gesagt – keine Frau, eine Blume in Sahne, bei Gott!«

Wenn aus Kunawino die munteren Weiber kamen, um in den Läden die Fußböden zu scheuern, kletterte Jefimuschka vom Dach herunter, stellte sich in eine Ecke, kniff die lebhaften grauen Augen zusammen und schnurrte, den großen Mund bis an die Ohren hinaufgezogen: »Was mir der Herrgott für ein strammes Frauenzimmerchen schickt; daß mir doch solche Freude beschieden ist; nein, wirklich, geradezu eine Blume in Sahne; ich weiß nicht, wie ich dem Schicksal für so ein Geschenk danken soll! Ich verbrenne von soviel Schönheit noch bei lebendigem Leibe!«

Zuerst lachten die Weiber über ihn und riefen einander zu: »Seht euch an, wie der Bucklige dahinschmilzt! Ach du meine Güte!«

Die Spötteleien berührten den Dachdecker nicht im geringsten, sein breitknochiges Gesicht nahm einen schläfrigen Ausdruck an, er redete fort wie im Fieber, und der berauschende Strom seiner schmachtenden Worte machte die Frauen merklich trunken.

Schließlich sagte dann eine der Älteren erstaunt zu den Freundinnen: »Hört euch doch an, wie der Mann sich umbringt – ganz wie ein junger Bursche!«

»Als ob ein Vöglein singt . . .«

»Oder ein Bettler vor der Kirche jammert«, spottete eine, die eigensinniger war und nicht die Waffen strecken wollte.

Aber Jefimuschka sah keineswegs wie ein Bettler aus; er stand stämmig und fest wie ein Klotz, seine Stimme klang immer werbender, die Worte wurden immer lockender, die Weiber hörten ihm schweigend zu. Er schien tatsächlich in seinen zärtlich-benebelnden Reden dahinzuschmelzen.

Es endete gewöhnlich damit, daß er beim Nachmittagsimbiß oder nach Feierabend verwundert den schweren, eckigen Kopf hin und her wiegte und zu den Gefährten sagte: »Was das aber auch für ein süßes Frauenzimmerchen ist – ich habe zum ersten Male im Leben etwas so Liebes berührt!«

Wenn Jefimuschka von seinen Siegen erzählte, prahlte er nicht, spottete er nicht über die Eroberte, wie das die anderen taten; er zeigte sich nur freudig und dankbar bewegt, und seine grauen Augen waren erstaunt geweitet.

Ossip schüttelte den Kopf und rief aus: »Ach, du vermaledeiter Mannskerl! Wieviel Jährchen hast du denn schon auf dem Buckel?«

»Vierzig und vier dazu. Das hat aber nichts zu sagen! Ich bin heute fünf Jahre jünger geworden, es ist, als hätte ich in einem Fluß, einem Gesundbrunnen gebadet, so wohl ist mir zumute, so ruhig ums Herz! Nein, was es doch für Frauen gibt!«

Der Maurer entgegnete rauh: »Warte nur, wenn du die Fünfzig überschritten hast, wirst du deine gemeinen Lebensgewohnheiten noch bitter bereuen!«

»Bist ein schamloser Mensch, Jefimuschka«, seufzte Grigorij Schischlin.

Ich hatte den Eindruck, der Schöne beneidete den Buckligen um seine Erfolge.

Ossip blickte alle unter den gleichmäßig gekräuselten silbernen Brauen hervor an und witzelte: »Jedes Mädchen spinnt seine Fädchen, das eine liebt Hausrat und ähnliche Dinge, das andere Ohrgehänge und Ringe, aber alle werden mal Großmütter . . .«

Schischlin war verheiratet, seine Frau lebte jedoch auf dem Dorf, und auch er liebäugelte mit den Putzfrauen. Sie waren alle sehr zugänglich, alle »verdienten dazu«; zu dieser Art des »Verdienens« verhielt man sich in der hungernden Vorstadt nicht anders als zu jeder sonstigen Arbeit. Der schöne Mann vom Dorf rührte die Frauen aber nicht an, er sah ihnen nur von fern mit eigentümlichen Blicken zu, als ob er jemand bedauere – sich selbst oder sie. Versuchten sie aber, von sich aus anzubändeln, ihn zu verleiten, dann ging er, verlegen lächelnd, fort . . .

»Hol euch der Teufel . . .«

»Was ist denn, du Kauz?« wunderte sich Jefimuschka. »Wie kann man eine Gelegenheit versäumen?«

»Ich bin verheiratet«, erinnerte ihn Grigorij.

»Ja, wird denn deine Frau davon erfahren?«

»Die Frau erfährt immer, wenn du nicht ehrlich gelebt hast, sie, Verehrter, führst du nicht hinters Licht!«

»Wie soll sie es denn erfahren?«

»Wie – weiß ich nicht, aber erfahren wird sie es, wenn sie selber ehrlich gelebt hat. Lebe ich aber ehrlich, während sie sündigt, dann erfahre ich's auch . . .«

»Ja, wie denn?« setzte ihm Jefimuschka zu, doch Grigorij wiederholte ruhig: »Das weiß ich nicht.«

Der Dachdecker zuckte entrüstet mit den Schultern.

»Da hat man's! Ehrlich, aber – das weiß ich nicht . . . Hach, du Schlaukopf!«

Schischlins Arbeiter, sieben Mann an der Zahl, standen sich mit ihm gut – ohne den Vorgesetzten in ihm zu spüren, nannten ihn aber hinter dem Rücken ein Kalb. Wenn er zur Arbeit erschien und sah, daß sie faulenzten, griff er zum Handbrett oder Spatel und machte sich mit artistischem Geschick eigenhändig an die Arbeit, wobei et sie freundlich aufrief: »Los, Jungen, ran!«

Eines Tages, als ich eine ärgerliche Mahnung meines Prinzipals weiterzuleiten hatte, sagte ich zu Grigorij: »Allzuviel wert sind deine Arbeiter aber nicht . . .«

Er schien erstaunt: »Nanu?«

»Diese Arbeit hätte schon gestern, um Mitternacht, beendet sein müssen, aber sie schaffen es nicht einmal heute . . .«

»Ja, das stimmt – werden sie wohl nicht schaffen«, pflichtete er mir bei, schwieg eine kleine Weile und setzte vorsichtig hinzu: »Natürlich sehe ich das alles, aber es ist mir peinlich, sie anzutreiben – sind schließlich alles meine eigenen Leute, alles Leute aus meinem Dorf. Und dann bedenke auch das: Es steht geschrieben – im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, das gilt für alle, auch für dich und für mich. Dabei plagen wir beide uns weniger als sie; nun ja, es ist einem eben peinlich, sie anzutreiben . . .«

Er war ein Grübler; da ging er durch die menschenleeren Straßen der Messestadt, stand plötzlich auf einer Brücke über den Obwodnyj-Kanal still und blickte, an das Geländer gelehnt, lange aufs Wasser, zum Himmel, zur Ferne hinter der Oka.

Man ertappt ihn dabei und fragt: »Was hast du?«

»Wie? Was?« lächelt er verwirrt und erwacht. »Das hat nichts zu bedeuten . . . ich stehe nur ein wenig da und schaue mich um . . .«

»Wie gut der Herrgott doch alles eingerichtet hat«, pflegt er zu sagen. »Der liebe Himmel, die Erde – die Flüsse fließen, die Schiffe fahren. Du steigst auf einen Dampfer und fährst, wohin du willst – nach Rjasan oder nach Rybinsk, nach Perm oder bis Astrachan! In Rjasan bin ich gewesen, geht an – die Stadt, aber langweilig, langweiliger als Nishnij; unser Nishnij ist in Ordnung, hier kann man lustig leben! Auch in Astrachan ist es langweiliger. In Astrachan gibt es vor allem viel Kalmücken, und das liebe ich nicht. Ich mag weder Mordwinen noch Kalmücken, weder Perser noch Deutsche, noch allerlei sonstige Fremdvölker . . .«

Er spricht langsam, seine Worte tasten vorsichtig nach einem Gleichgesinnten und finden ihn auch immer wieder im Maurer Pjotr.

»Ja, Fremdvölker sind es«, sagt Pjotr ärgerlich und überzeugt, »weil Christus ihnen fremd ist, weil sie an Christus vorbeigehen . . .«

Grigorij wird lebhaft, er strahlt.

»Ob dem so ist oder nicht, ich jedenfalls, meine Freunde, liebe das russische Volk, die reinen Russen mit dem offenen Blick! Ich kann auch die Juden nicht leiden und verstehe eigentlich nicht, was der Herrgott mit diesen Fremdvölkern will. Ist mir zu weise eingerichtet . . .«

Der Maurer setzt düster hinzu: »Weise, nun ja, scheint aber doch viel Überflüssiges dabei . . .«

Ossip, der ihren Reden aufmerksam zugehört hat, fällt spöttisch und bissig ein: »Überflüssiges gibt es genug – zum Beispiel eure Reden! Ach, ihr Sektierer! Prügel verdient ihr!«

Ossip bleibt immer für sich, man kann nie recht sagen, womit er einverstanden sein und wann er widersprechen wird. Manchmal scheint er aus Gleichmut mit allen Menschen, mit allen ihren Gedanken einverstanden zu sein; aber öfter noch merkt man, daß sie ihm über sind, daß er die Menschen als halbe Irre ansieht; er sagt dann zu Pjotr, Jefimuschka, Grigorij: »Ihr kleinen Schweinehunde . . .«

Sie lächeln, wenn auch nicht allzu fröhlich und gern, aber sie lächeln.

Der Prinzipal gab mir täglich fünf Kopeken fürs Essen; das reichte nicht ganz, und ich hungerte ein wenig; die Arbeiter, die es bald merkten, luden mich zum Frühstück und zum Nachmittagsimbiß ein, und manchmal forderten mich auch die Artelleiter auf, in der Gastwirtschaft mit ihnen Tee zu trinken. Ich willigte gern ein, es gefiel mir, bei ihnen zu sitzen und ihren langsamen Reden und seltsamen Erzählungen zu lauschen; ihnen wiederum machte meine Belesenheit in kirchlichen Dingen Spaß.

»Hast dich ganz schön mit Büchern vollgeschlungen, bis an den Hals«, sagte Ossip und blickt mich aufmerksam mit seinen kornblumenblauen Augen an; ihren Ausdruck zu erfassen ist schwer – die Pupillen scheinen zu schmelzen, zu tauen.

»Bewahre dir das, häufe es an, es lohnt sich; wenn du erwachsen bist, wirst du Mönch und spendest den Leuten mit deinen Reden Trost. Oder du wirst Millionär . . .«

»Missionar«, verbesserte ihn – aus irgendeinem Grunde gekränkt – der Maurer.

»Was?« fragt Ossip.

»Missionar heißt es, das weißt du doch! Und taub bist du auch nicht . . .«

»Also gut, du wirst Missionar und streitest mit den Ketzern. Oder du gehst selber unter die Ketzer – auch da hast du dein Brot. Hat man Verstand, kann man sich auch von Ketzerei ernähren.«

Grigorij lacht verlegen, während Pjotr in seinen Bart hineinbrummt: »Auch Hexenmeister und allerlei Gottesleugner leben nicht schlecht . . .«

Doch Ossip wirft sogleich ein: »Ein Hexenmeister hat mit dem Lesen und Schreiben nicht viel im Sinn, das paßt nicht in seinen Kram.«

Und er erzählt mir: »Paß einmal auf, hör zu! Da lebte in unserem Amtsbezirk ein Tagelöhner, Tuschka mit Namen, ein dürres, heruntergekommenes Bäuerlein; trieb hin und her wie eine Feder im Wind – bald da –, bald dorthin, war weder ein rechter Arbeiter noch ein Taugenichts! Und der nun machte sich eines Tages aus Langerweile zu einer Wallfahrt auf, trieb sich zwei Jahre herum und tauchte plötzlich in neuer Gestalt wieder auf – die Haare bis an die Schultern, auf dem Kopf ein Käppchen, eine verfärbte Kutte auf dem Leib; glotzte alle an wie ein Barsch und forderte sie hartnäckig auf: ›Tut Buße, ihr dreimal Vermaledeiten!‹ Nun ja, warum auch nicht, sagten sich die Leute und insbesondere die Weiber. Und damit ging alles seinen Gang. – Tuschka war satt, Tuschka betrank sich, Tuschka war voll des Lobes über die Weiber . . .«

Der Maurer fällt ihm ärgerlich ins Wort: »Als ob es darauf ankommt, daß man satt ist und einen weghat!«

»Worauf denn sonst?«

»Aufs Wort kommt es an, auf das, was einer verkündet!«

»In seine Worte bin ich nicht eingedrungen, was das betrifft – da bin auch ich kein Waisenknabe!«

»Den Tuschnikow, Dmitrij Wassiljitsch mit Vor- und Vatersnamen, kenne ich ganz gut«, bemerkt gekränkt Pjotr, während Grigorij schweigend den Kopf senkt und in sein Glas starrt.

»Ich will mich mit niemand streiten«, erklärt Ossip versöhnlich. »Ich sage das alles nur, um unserem Maximytsch zu zeigen, was es da alles für Wege zum Broterwerb gibt . . .«

»Es gibt auch welche, die ins Gefängnis führen . . .«

»Und ob!« räumt Ossip ein. »Nicht jeder Pfad führt zum Popenornat, man muß eben wissen, wann man abbiegen muß . . .«

Er ist immer dabei, gottesfürchtige Leute – wie unseren Maurer oder den Stukkateur – ein wenig zu hänseln; vielleicht mag er sie nicht – dann weiß er es jedenfalls geschickt zu verbergen. Überhaupt ist sein Verhältnis zu den Menschen schwer zu durchschauen.

Jefimuschka scheint er weicher, nachsichtiger gegenüberzustehen. Der Dachdecker läßt sich auf keine Gespräche über Gott, die Wahrheit, die Sekten, das Leid des menschlichen Lebens ein – die Lieblingsthemen seiner Freunde. Er stellt den Stuhl seitlich zum Tisch, damit die Stuhllehne nicht den Buckel behindert, und trinkt gelassen, Glas um Glas, seinen Tee, merkt jedoch plötzlich auf, blickt sich im rauchigen Zimmer um, horcht ins zusammenhanglose Stimmengewirr hinaus, springt auf und ist im Nu verschwunden. Das bedeutet, jemand hat die Gastwirtschaft betreten, dem Jefimuschka etwas schuldet; da er ein gutes Dutzend Gläubiger hat, von denen der eine oder andere schon tätlich gegen ihn geworden ist, sucht er sein Heil in der Flucht.

»Ärgern sich doch, die Käuze«, meint er erstaunt, »als ob ich ihnen das Geld nicht geben würde, wenn ich es hätte!«

»Jammerlappen«, ruft Ossip ihm nach.

Manchmal versinkt Jefimuschka für längere Zeit in Nachdenken; er hört und sieht nichts; sein breitknochiges Gesicht wird weich, die gutmütigen Augen blicken noch gutmütiger drein als sonst.

»Worüber denkst du nach, Haudegen?« fragt man ihn.

»Ich denke mir – hach, wäre ich reich, ich würde eine richtige Dame heiraten, eine Adlige, Ehrenwort, sagen wir eine Oberstentochter! Herrgott, was hätte ich sie lieb! Ich würde bei lebendigem Leibe neben ihr verbrennen . . . Ich habe da nämlich, Freunde, bei einem Obersten das Dach des Landhauses gedeckt . . .«

»Der hatte eine verwitwete Tochter – haben wir schon gehört!« unterbricht ihn unfreundlich Pjotr.

Jefimuschka reibt sich die Knie, schaukelt hin und her, durchfurcht mit dem Buckel die Luft und fährt fort: »Da kommt sie manchmal, weiß und üppig, in den Garten, während ich ihr vom Dach aus zusehe – was soll mir noch die liebe Sonne und was die schöne Welt? Ach, wäre ich ein Tauber und könnte mich ihr zu Füßen stürzen! Geradezu eine himmelblaue Blume in Sahne! Mit einer solchen Dame könnte mein Leben eine einzige Nacht sein!«

»Und was würdet ihr fressen?« fragt Pjotr grob, aber Jefimuschka ficht das nicht an.

»Mein Gott!« ruft er aus. »Was wir schon brauchen! Außerdem ist sie doch reich . . .«

Ossip lacht.

»Wann hast du dich endlich verausgabt, Jefimuschka, du Verschwender?«

Jefimuschka spricht von nichts anderem als den Frauen und arbeitet ungleichmäßig – bald geht bei ihm alles rasch und glatt, bald wieder hapert es, der Holzhammer nietet die Bleche nur recht und schlecht zusammen und läßt dabei Spalte offen. Immer riecht er nach Öl oder Tran; dabei hat er an und für sich einen angenehmen, gesunden Geruch, der an frisch geschlagenes Holz erinnert.

Mit dem Zimmermann zu reden ist immer interessant – interessant, aber nicht angenehm; seine Worte beunruhigen das Herz, und man kommt schwer dahinter, wann er es ernst meint und wann er scherzt.

Mit Grigorij dagegen spricht man am besten von Gott, er hat das gern und ist darin auch fest.

»Grischa«, frage ich ihn, »weißt du auch, daß es Menschen gibt, die nicht an Gott glauben?«

Er entgegnet mit gelassenem Spott: »Wieso denn das?«

»Sie sagen: Es gibt keinen Gott!«

»Hach! Das ist es? Das kenne ich.«

Er verscheucht eine unsichtbare Fliege und fügt hinzu: »Schon bei König David – erinnerst du dich? – steht geschrieben: ›Die Toren sprechen in ihren Herzen: Es ist kein Gott‹. Da siehst du, wie lange schon die Toren darüber reden! Nein, ohne Gott kommt man nicht aus . . .«

Ossip scheint ihm beizupflichten: »Versuche einer, Petrucha den Herrgott zu nehmen – er wird dir zeigen, was eine Harke ist!«

Schischlins anziehendes Gesicht nimmt einen strengen Ausdruck an; mit Fingern, an deren Nägeln eingetrockneter Kalk klebt, streicht er sich über den Bart und sagt geheimnisvoll: »Gott ist in allem Fleische; das Gewissen, der ganze innere Kern sind von Gott!«

»Und die Sünde?«

»Die Sünde kommt nur vom Fleische, vom Satan! Die Sünde ist außen, etwas wie Pockennarben, nicht mehr! Am meisten sündigt, wer viel an die Sünde denkt; denk nicht an sie, und du sündigst nicht! Die Gedanken an die Sünde gibt dir Satan, der Herr des Fleisches, ein . . .«

Der Maurer äußert Zweifel: »Da scheint etwas nicht zu stimmen . . .«

»Es stimmt schon! Gott ist ohne Sünde, der Mensch aber ist sein Ebenbild in Fleisch und Blut. Es sündigt das Fleisch und Blut, doch das Ebenbild kann nicht sündigen, da es Ebenbild ist, Geist . . .«

Er setzt ein triumphierendes Lächeln auf, während Pjotr brummt: »Da scheint etwas nicht zu stimmen . . .«

»Deiner Ansicht nach«, erkundigt sich Ossip beim Maurer, »ist es wohl so – wenn du nicht sündigst, brauchst du nicht zu bereuen, und wenn du nicht bereust, gewinnst du auch nicht das Seelenheil?«

»So wird's schon richtiger sein! Wenn du den Teufel vergißt, verlierst du die Liebe zu Gott, meinten die Alten . . .«

Schischlin trinkt nicht, zwei Gläschen genügen, um ihn betrunken zu machen; sein Gesicht färbt sich dann rosa, die Augen werden kindlich, die Stimme singt.

»Kinder, wie schön doch alles ist! Da leben wir, arbeiten ein bißchen und sind gottlob satt – hach, wie schön doch alles ist!«

Er weinte, die Tränen rannen ihm über den Bart und schimmerten in den seidigen Haaren wie Glasperlen.

Seine häufigen Lobgesänge aufs Leben und diese gläsernen Tränen berührten mich unangenehm – meine Großmutter rühmte das Leben überzeugender, schlichter, weniger aufdringlich.

Alle diese Gespräche hielten mich in ständiger Spannung und riefen eine dunkle Unruhe in mir hervor. Ich hatte schon eine ganze Reihe Erzählungen über die Bauern gelesen und sah, wie wenig der Bauer im Buch dem wirklichen glich. Die Bauern in den Büchern waren alle unglücklich; und – ob nun gut oder böse – an Worten und Gedanken ärmer als die lebendigen. Der Bauer im Buch sprach weniger von Gott, den Sekten, der Kirche, mehr von der Obrigkeit, dem Land, dem Recht, den Bürden des Lebens. Auch von den Frauen redete er weniger und freundlicher, nicht so grob. Für den lebendigen Bauern war das Weib ein Zeitvertreib, allerdings ein gefährlicher – ehrlich durfte man mit ihr nicht sein, sonst gewann sie die Oberhand und verwirrte einem das ganze Leben. Der Bauer im Buch war entweder schlecht oder gut, aber immer ganz da, im Buch, während er in Wirklichkeit weder gut noch schlecht, aber erstaunlich interessant war. Auch wenn er sich noch so sehr zu einem aussprach, immer fühlte man, daß da noch ein Rest blieb, irgend etwas, das er für sich behielt; und vielleicht war gerade in diesem Rest, diesem Für-sich-Behaltenen das Wesentliche.

Von allen Bauern in den Büchern hatte mir der Pjotr aus dem »Zimmermannsartel« am besten gefallen; diese Erzählung beschloß ich meinen Freunden vorzulesen und brachte das Buch in die Messestadt mit. Ich übernachtete nicht selten bei diesem oder jenem Artel, manchmal, weil ich bei Regen nicht in die Stadt zurückkehren mochte, häufiger noch, weil mich der Tag zu sehr ermüdet hatte.

Als ich sagte, ich hätte da ein Buch über Zimmerleute mitgebracht, zeigten sich alle sogleich interessiert, besonders Ossip. Er nahm mir das Buch aus der Hand, blätterte es durch und schüttelte mißtrauisch den ikonenhaften Kopf.

»Scheint doch wahrhaftig was über uns zu sein! Sieh einer die Spitzbuben an! Wer hat denn das geschrieben – ein Herr? Hab ich mir gleich gedacht! Die Herren und die Beamten verstehen sich auf alles. Wo der Herrgott nicht darauf kommt, tut's der Beamte; dazu ist er ja da . . .«

»Du redest unvorsichtig von Gott, Ossip«, bemerkte Pjotr.

»Macht nichts! Für Gott bedeutet mein Wort weniger als für mich eine Schneeflocke oder ein Regentropfen auf meine Glatze. Hab keine Angst – wir beiden können an Gott nicht rütteln . . .«

Er wurde plötzlich unruhig, sprühte bissige Redensarten wie ein Feuerstein Funken und schnitt mit ihnen, wie mit der Schere, alles ab, was ihm widersprach.

Mehrmals im Laufe des Tages erkundigte er sich: »Wir lesen doch heute, Maximytsch? Na schön, schön! Das hast du dir gut ausgedacht.«

Nach Feierabend gingen wir zu ihm ins Artel, um dort zu Abend zu essen; nach dem Abendessen stellten sich Pjotr mit seinem Arbeiter Ardaljon und Schischlin mit einem jungen Burschen, Foma, bei uns ein. Man zündete in der Scheune, in der das Artel übernachtete, eine Lampe an, und ich begann zu lesen; sie hörten schweigend zu, ohne sich zu rühren, aber schon bald sagte Ardaljon ärgerlich: »Nun, ich habe genug!«

Und er ging. Als erster schlief mit verwundert geöffnetem Mund Grigorij ein; die Zimmerleute folgten seinem Beispiel, nur Pjotr, Ossip und Foma rückten zu mir heran und hörten gespannt zu.

Als ich geendet hatte, löschte Ossip sogleich die Lampe – nach den Sternen zu urteilen, war es schon gegen Mitternacht.

Pjotr fragte in der Dunkelheit: »Wozu ist das nur geschrieben? Gegen wen?«

»Jetzt wird geschlafen!« sagte Ossip und zog die Stiefel aus.

Foma ging schweigend beiseite.

Pjotr wiederholte eigensinnig: »Ich frage, gegen wen das geschrieben ist?«

»Das werden die schon wissen!« sagte Ossip und richtete sich auf der Pritsche zum Schlafen ein.

»Wenn gegen die Schwiegermütter, dann ist das ganz und gar nutzlos – die Schwiegermütter werden dadurch nicht besser«, fuhr der Maurer beharrlich fort. »Und wenn gegen Pjotr – auch; er hat für seine Sünde zu büßen. Für Totschlag gibt es Sibirien und weiter nichts! Das Buch ist bei solcher Sünde überflüssig . . . das ist es wohl, nicht wahr?«

Ossip schwieg. Der Maurer setzte hinzu: »Sie haben nichts zu tun; da kümmern sie sich um Dinge, die sie nichts angehen! Wie die Weiber beim Spinnen. Gute Nacht jetzt, wir müssen schlafen . . .«

Er stand einen Augenblick im blauen Rechteck der offenen Tür und fragte: »Ossip, was meinst denn du dazu?«

»Wie? Was?« meldete sich schläfrig der Zimmermann.

»Also gut, schlaf schon . . .«

Schischlin war umgesunken, wo er gesessen hatte. Foma streckte sich auf dem zerdrückten Stroh neben mir aus. Die Vorstadt schlief, von fern drangen Lokomotivpfiffe, dumpfes Poltern von Eisenrädern und Puffergeklirr herüber. In der Scheune wurde in allen Tonarten geschnarcht. Ich fühlte mich unbefriedigt – ich hatte irgendwelche Gespräche erwartet, aber es war nichts damit . . .

Doch plötzlich sagte Ossip leise und deutlich: »Ihr müßt das nicht alles glauben, Kinder, ihr seid jung und habt noch lange zu leben, mehret euern Verstand! Eigner Verstand ist soviel wert wie zwei fremde! Foma, schläfst du?«

»Nein«, meldete sich willig Foma.

»Na eben! Ihr könnt beide lesen und schreiben, also lest nur, aber glaubt ihnen nichts. Sie können alles drucken, was sie wollen – sie haben es in der Hand!«

Er ließ die Beine von der Pritsche hinunter – stützte die Hände auf ihren Rand, beugte sich zu uns vor und fuhr fort: »Wie muß man denn so ein Buch verstehen? Es ist wie eine Anzeige gegen die Menschen! Seht her, sozusagen, wie dieser Mensch ist, der Zimmermann oder wer sonst, aber ein Herr, das ist etwas ganz anderes! Ein Buch wird nicht umsonst geschrieben, sondern zu jemandes Verteidigung . . .«

Foma sagte mit rauher Stimme: »Pjotr hat den Bauunternehmer zu Recht erschlagen!«

»Nun, das darfst du nicht sagen, einen Menschen umbringen ist niemals recht. Ich weiß, du kannst Grigorij nicht leiden, aber diese Gedanken laß sein. Wir alle sind keine reichen Leute, heute bin ich mein eigener Herr und morgen wieder Arbeiter . . .«

»Ich spreche nicht von dir, Onkel Ossip.«

»Das ist alles dasselbe . . .«

»Du bist gerecht.«

»Warte, ich werde dir erklären, wozu diese Geschichte geschrieben worden ist«, unterbrach Ossip Fomas ärgerliche Worte, »es ist eine sehr schlaue Geschichte! Da hast du den Gutsherrn ohne den Bauern und da den Bauern ohne den Gutsherrn! Jetzt schau her – dem Herrn geht's nicht gut, und auch der Bauer hat's nicht viel besser. Der Herr hat seine Macht und mit ihr den Kopf verloren, der Bauer ist zum Prahlhans und Trinker geworden, er siecht dahin und fühlt sich gekränkt – so sieht es aus! In der Leibeigenschaft bei den Herren war es angeblich besser – der Herr versteckte sich hinter dem Bauern, der Bauer hinter dem Herrn, und beide lebten satt und ruhig . . . Ich leugne nicht, es stimmt schon, unter den Herren war das Leben ruhiger – ein armer Bauer war für die Herren unvorteilhaft; sie sahen ihn am liebsten reich, aber dumm, das paßte ihnen. Ich weiß es, hab ich doch selbst fast vierzig Jahre in der Leibeigenschaft gelebt, auf meinem Fell ist manches eingegerbt.«

Ich mußte daran denken, daß gerade so auch der Fuhrmann Pjotr von der Herrschaft gesprochen hatte, derselbe, der sich die Kehle durchschnitt, und es berührte mich sehr unangenehm, daß Ossips Gedanken mit denen des bösen Alten übereinstimmten.

Ossip tippte an mein Bein und fuhr fort: »Man muß Bücher und alle diese Geschichten richtig verstehen! Niemand tut etwas umsonst, es scheint nur so, daß es umsonst geschieht. Auch Bücher schreibt man nicht umsonst, sondern um Köpfe zu benebeln. Alles wird mit Verstand gemacht, ohne Verstand kann man gar nichts – weder den Stamm entrinden noch einen Bastschuh binden . . .«

Er redete lange fort, legte sich nieder, sprang wieder auf und warf in der Stille und Dunkelheit leise mit seinen Reimen und Redensarten um sich.

»Da heißt es, die Herren sind für den Bauern fremde Menschen. Auch das ist nicht richtig. Wir sind die gleichen Leute, nur kommen wir von unten; natürlich, der Herr findet alles im Buch, während ich mir alles zusammensuch, auch hat er am Hintern die weißere Haut, das ist es, worauf er schaut. Nein, Burschen, die Welt muß auf neue Art leben, die Geschichten soll man nur lassen! Soll sich doch jeder fragen: Was bin ich? Ein Mensch. Und was ist er? Wieder ein Mensch. Wie also ist das nun – verlangt der Herrgott von ihm vielleicht mehr als von mir? Nein, vor dem Herrgott sind wir in unseren Abgaben gleich . . .«

Gegen Morgen schließlich, als das Tagesgrauen die Sterne auslöschte, meinte Ossip zu mir: »Hast du gemerkt, auf was für Gedanken ich aber auch komme! Da habe ich was zusammengeredet, woran ich noch nie gedacht hatte! Ihr müßt nicht alles glauben, Jungen, ich habe das nur gesagt, weil ich nicht schlafen konnte, und nicht im Ernst. Da liegt man und liegt und denkt sich zum Spaß etwas aus: ›Es lebte einmal in der Nähe / Eine Krähe / Flog vom Feld zum Hain / Und von Rain zu Rain / Bis die Zeit trat ein / Für die Krähe mein / Da parierte sie / Und krepierte sie!‹ Was ist darin für ein Sinn? Gar keiner . . . Und jetzt schlafen wir mal ein bißchen – ist bald Zeit zum Aufstehen.«

 


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