Johann Wolfgang von Goethe
Briefwechsel mit seiner Frau. Band 2
Johann Wolfgang von Goethe

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1807

399. Goethe

Weimar, den 30. März 1807.

Daß uns die liebe Mutter noch als Genien in Worten und Werken erkennt, freut mich recht sehr. Es ist mehr als jemals nöthig, genialisch zu sein, wenn man nur einigermaßen leben und sich des Lebens erfreuen will.

Daß meine liebe Frau glücklich angekommen, war mir sehr beruhigend zu vernehmen. Der Brief, der mir es meldet, kam ganz genau zur Stunde. Er überzeugt mich von dem, was ich voraussah, daß die Zusammenkunft erfreulich sein würde.

Wegen künftiger Abenteuer werde ich wohl in Karlsbad ein Paar hübschere Pistolen kaufen müssen, die gegenwärtigen sind doch etwas zu colossal.

Auf die Erzählung des Vergangenen freue ich mich. Zum Schreiben mag sich unter den gegenwärtigen Umständen wenig Zeit finden. Dagegen will ich mit meinen Nachrichten etwas umständlicher sein. Denn ich halte dafür, wenn man lange auseinanderbleibt, so soll man sich wechselseitig um das Detail des Lebens nicht bekümmern. Hofft man sich aber bald wiederzusehen, so ist es gut, nicht aus dem Zusammenhange zu kommen.

Zuerst also muß zum Lobe der Köchin gesagt werden, daß sie ihre Sachen vortrefflich macht, gute Waare ankauft und sie mit Sorgfalt zubereitet, sodaß wir es uns jeden Mittag können wohlschmecken lassen. Am Grünen Donnerstag hatten wir uns Kohlsprossen bestellt und Honig zum Nachtisch, um dieses Fest recht würdig zu feiern. August hatte selbst Eier roth und hart gesotten.Dieser Satz nachträglich am Rande. Da die Fastenbrezeln alle sind, so bäckt die Köchin allerlei Torten und Kuchen, die ihr nicht übel gerathen. Ein Truthahn ist abgeschlachtet, und andre gute Dinge sind im Vorrath.

Mit dem Keller geht es sehr ordentlich. Der Gnome pflegt mich genau zu beobachten, ob ich etwa mich um ein Nößel irren möchte; und so wirst Du die Tabellen mit dem Vorrath übereinstimmend finden.

Außer den beiden gewöhnlichen Gästen haben wir noch niemand zu Tische gesehen. Lortzing hat das Buchstaben-Kästchen abgeliefert, welches sehr schön gerathen ist. Dafür soll er auch auf den Truthahn eingeladen werden.

Mit der Elsermann und Deny war ich am Grünen Donnerstag zu beiderseitiger großen Erbauung in den Treibhäusern. Und nun muß ich theatralische Neuigkeiten melden, weil bei diesem beweglichsten aller Wesen immer etwas Neues und Unerwartetes vorgeht.

Erstlich also ist heut ›Helene‹, welche Oper Mittwoch wiederholt wird. Sonnabend ›Emilia Galotti‹, wozu der Elsermann ihr weißes Atlaskleid fertig ist, über das sie große Freude hat. Nun sind wir daran, ihr noch ein ächt italienisches Morgenkleid zu den ersten Scenen zu erfinden und zuzurichten. Von Hofe her werden sich auch einige Tunicas einfinden, damit das Einsiedelsche Stück recht zum Glanz gelange. Es wird sich aber verzögern, bis Du zurückkommst.

Haide hat um seine Entlassung gebeten und hat sie erhalten. Er geht mit vorteilhaften Bedingungen nach Wien, worüber denn der Nachwuchs höchlich erfreut ist. Reinholds gehen auf Michaeli ab. Es war an ihnen nichts zu halten. Übrigens hat sich von Truppen und Einquartirung nichts merken lassen. Das Einzige, was uns innerlich beunruhigte, war, daß der Frau Herzogin Mutter Durchlaucht drei bis vier Tage bedeutend krank waren. Nun aber hat sichs wieder gegeben, und baldige völlige Herstellung ist zu hoffen.

Unser ganzes Haus befindet sich wohl, August gloriirt über seinen Ritt nach Erfurt, von welchem die Reiter schon vor Tische wieder zurück waren. Er hat sich gestern in einem neuen Starostenkleid gebrüstet.

Über das gute Wetter, das die vergangene Woche anhaltend war, haben wir uns besonders um Deiner Reise willen gefreut. Jetzt schneit es wieder ein wenig. Wir wünschen die beste Witterung zur Frankfurter Messe und allem Zubehör, empfehlen uns allen Freunden, besonders der Frau Syndikus Schlosser, bitten um ein paar Zeilen manchmal und wüßten wenig mehr zu sagen.

Der Brief aus EisenachÜber gestrichenem Erfurt ist zur rechten Zeit angekommen. – Mittwoch werden die Damen das erste Mal wieder bei mir zum Frühstück sein. Bei Madame Schopenhauer war es ganz unterhaltend. Das junge Bertuchische Paar fand sich daselbst ein. Demoiselle Bardua hat mich nochmals zu malen angefangen.

G.

 

400. Goethe

Weimar, den 3. April 1807.

Obgleich heute kein Brief von Frankfurt angekommen, so will ich doch einen von hier abgehen lassen, um abermals zu melden, daß alles gut steht, und daß man sich des schönen Frankfurt und alles Guten, was dort zu genießen ist, mit Gemüthsruhe freuen kann.

Die Herzogin Mutter ist wieder hergestellt, und von dieser Sorge wären wir also befreit. Von Krieg und Kriegsgeschrei hören wir auch kaum etwas weiter, als was August gelegentlich mit großem Triumph aus der Bayreuther Zeitung erzählt. Was die häuslichen Dinge betrifft, so ist das Spargelquadrat nebst den Rabatten umgegraben, obgleich die Witterung keineswegs günstig ist und wir wieder starken Schnee gehabt haben.

Am Mittwoch ist die regierende Herzogin mit den Damen wieder zum ersten Mal bei mir gewesen, und ich hoffe, diese Unterhaltung bis zu meiner Abreise fortzusetzen.

Die Oper ›Helene‹ ist das zweite Mal mit mehr Beifall gegeben worden als das erste Mal. Morgen bleibt es bei ›Emilia Galotti‹.

Zu dem neuen Maskenstücke ist durch Herrn von Einsiedels Verwendung von Hof her ein prächtiges Kleid für die Elsermann angekommen, weißer Krepp mit guten Silberflintern, Zickzack gestickt, so daß es von weitem wie Zindel aussieht, nur viel blendender. Wir haben es ihr gestern nach Tische angezogen, und sie hätte sich gar nicht wieder auskleiden mögen. Sonntag theile ich das Stück aus. Die Aufführung wird sich aber wohl bis zu Deiner Rückkunft verschieben.

Sonst ist von da- und dorther manches Freundliche eingegangen. Das Vergnüglichste aber wird mir sein, wenn Du Dich mit der lieben Mutter wohlbefindest und glücklich wieder bei uns anlangst. Wenn Du Deine Ankunft genau bestimmen kannst, so wollen Dir die Reiter wieder bis Erfurt entgegen kommen. Lebe recht wohl, empfiehl mich der lieben Mutter und den Freunden und laß bald wieder von Dir hören.

G.

*

 

 

 

*

401. Goethe

Jena, den 22. Mai 1807.

Für das Überschickte danke ich recht vielmals, besonders auch für die schönen Spargel, die Du mir hier bestellt hast. Ich habe dadurch ein ganz einfaches Kunststück gelernt, daß ich, wenn ich künftig hier etwas haben will, die Botenweiber bestechen muß, welche die Dinge nach Weimar tragen, und daß ich sie ihnen bezahle, wie man sie in Weimar zahlt. Denn es ist recht eigen, hier kann man nichts haben. Den Aal bleibe ich Dir auch schuldig; Herr von Hendrich aber will dafür sorgen. Künftigen Montag, den 22., gehe ich weg, und bin wahrscheinlich den Donnerstag in Karlsbad. Hast Du mir noch etwas zu sagen und zu schicken, so sende es mir durch die Botenweiber. Inliegenden Brief schicke sogleich an Hofrath Meyer und laß Dir etwa seine Antwort ausbitten.

Der Mutter Brief hat mir viel Freude gemacht. Ich sende ihn hierbei zurück. Laß es Dir in Deinem Garten wohlsein. Herr von Hendrich hat wohlfeile Zelter. Sollte man nicht eins davon nehmen, um es in dem mittelsten Rondel, wo Deine Tische und Stühlchen stehen, aufzuschlagen? Schreibe mir Deine Gedanken, so mache ich vielleicht bei meiner Rückkunft einen Handel. Gegenwärtig wüßt ich weiter nichts zu sagen, als daß ich Dir wohlzuleben wünsche und von Karlsbad aus bald schreiben werde.

G.

Augusten, den ich schönstens grüße, dient zur Nachricht, daß Karl sein Buch der Buchbinderin Voigt gegeben, welche es, wie er sagt, mitgenommen.

 

402. Goethe

Montag früh um vier Uhr, also früher, als Du diesen Brief erhältst, fahren wir nach Karlsbad ab, und es ist mir denn doch lieb, daß wir von Jena wegkommen. Ich wußte wohl, daß ich nach allem Vergangenen einen Einstand geben mußte, und damit mag es denn auch gut sein. Wenn ich wiederkomme, werde ich mich schon besser in den gegenwärtigen Zustand finden.

Bleibe ja recht ruhig und vergnügt in Deinem friedlichen Thal mit allen denen, die Dich besuchen mögen und können. Es sieht in der Welt sehr toll aus, daß man Gott zu danken hat, wenn man auf einem stillen Fleckchen lebt. Was das Haus und Hauswesen betrifft, verlasse ich mich auf Dich in jedem Falle und gehe ruhig weiter.

Mit dem Zelte hat es sich gar wunderlich gefunden: denn es war eben nicht da, als wir nachsahen. Die Zelter von den Gemeinen lagen in der Kammer, aber das Hauptmannszelt nicht. Du wirst Dich über diesen Verlust in Deiner Laube trösten.

Der Mutter Brief hat mich weit mehr erbaut als der Brief von Bettinen. Diese wenigen Zeilen haben ihr mehr bei mir geschadet, als Deine und Wielands Afterreden. Wie das zusammenhängt, auszulegen, dazu würde ich viele Worte brauchen.

Ich lege ein Blättchen bei, wegen einer Bestellung. Sei so gut und mache sie selbst, denn auf August, den ich demungeachtet herzlich grüße, kann man sich nicht verlassen.

Ingleichen findest Du die Quittung für das Johannisquartal.

Wenn Du Herrn Hofrath Meyer siehst, so grüße ihn vielmals.

Wenn Du einmal herüberkommen willst, wirst Du dem Herrn Major und Demoiselle Huber willkommen sein.

Das schöne Wetter wird wohl noch einige Zeit dauern; wenn wir es vorerst nur auf drei Tage haben, so bin ich schon zufrieden.

Lebe recht wohl und gedenke mein. Wenn alles geht, wie es soll, so sind wir Montags Nacht in Schleiz, Dienstag in Hof, Mittwoch in Eger und Donnerstag in Karlsbad, wohin Du uns mit Deinen Gedanken folgen kannst. Lebe recht wohl, besorge die paar beiliegenden Sachen. Wie ich in Karlsbad angekommen bin, so wird gleich geschrieben.

Jena, den 24. Mai 1807.

G.

 

403. Goethe

Karlsbad, Donnerstags, den 28. Mai,
am Frohnleichnamsfeste 1807.

Daß wir glücklich angekommen sind, will ich durch den rückkehrenden Kutscher sogleich vermelden.

Montags gelangten wir bis Schleiz, Dienstags bis Hof, Mittwoch bis Franzenbad, und heute sind wir bei guter Zeit hier angekommen. Wir hatten das herrlichste Wetter, trockne Wege und also jeden in seiner Art so gut, als man ihn finden kann. Da wir uns nicht übereilten, so war es jeden Tag nur eine Spazierfahrt, und wir konnten nach der Ankunft noch promeniren, Bekannte besuchen und uns umsehen; wie wir uns denn das Egerwasser gegen Abend noch vortrefflich schmecken ließen. An einem reinlichen Festtage sind wir hier in Karlsbad angekommen und haben lange nichts so Friedliches und Anmuthiges gesehen. Wir haben unser altes Quartier ledig gefunden und es sogleich bezogen.

Gegenwärtig sind erst 30 Curgäste angekommen und manche, wie es sich wohl versteht, angemeldet. Das Papiergeld ist seit einem Jahre, wie natürlich, sehr gefallen. Das Kopfstück steht zu 45 Kreuzer. Zwar erhöht man auch die Forderungen, doch, wie es immer geht, nicht in gleicher Proportion. Deßhalb dieser für den Einwohner traurige Umstand dem Fremden, der baar Geld mitbringt, zum Vortheil gereicht.

 

404. Goethe

Aus der Beilage, die Herr von Hendrich sendet, wirst Du, meine Liebe, sehen, daß es uns wohlgegangen und wohlgehet. Nächstens werde ich mehr schreiben. Verzeihe nur, wenn ich die Spitzen nicht gleich mit dem Kutscher schicke, der morgen früh um 4 Uhr wieder abgeht. Wenn ich von hier an die Mutter schreibe, will ich der Sache erwähnen und Dir nachher etwas Gutes entweder mitbringen oder, wenn ich in der Zwischenzeit Gelegenheit habe, schicken.

Ich kann Dir nicht ausdrücken, was wir uns glücklich fühlen, in einem friedlichen Lande, unter guten Menschen, nach unserer Bequemlichkeit und Weise nur diese wenigen Stunden gelebt zu haben. Dem Gemüthe nach ist man schon fast ganz geheilt, und der Körper wird ja auch bald nachfolgen.

Lebe recht wohl. Ich werde von Zeit zu Zeit schreiben. Grüße August und Hofrath Meyer zum schönsten.

Karlsbad, den 28. Mai 1807.

G.

 

405. Goethe

Karlsbad, den 2. Juni 1807.

Da morgen die Post in jeneÜber gestrichenem Ihre Gegend abgeht, will ich ein Briefchen an Dich vorbereiten und Dir sagen, daß ich mich sehr wohl befinde, an Leib und Seele unvergleichlich besser, als da ich von Hause wegging. Wir haben zwar abwechselndes, aber doch im Ganzen sehr angenehmes Wetter, ein sehr hübsches, heiteres Quartier in guter Lage. Bekanntschaften hab ich auch schon gemacht, und so wird das hiesige Leben nach hergebrachter Ordnung fortgeführt. Morgens um 5 Uhr stehe ich auf und gehe an den Brunnen. Zwischen 8 und 9 wird gefrühstückt; dann etwas geruht, angezogen, dictirt, wieder ein wenig spaziert und dann gegessen. Nach Tische wird im Zimmer gezeichnet, gegen Abend auf der Promenade und sonst die Zeit auf eine oder die andre Weise hingebracht. Das Essen ist leidlich, so auch der Wein; doch wird man eben nicht verführt, sich zu übernehmen. Morgen ist unsere erste Woche um, und da wird Zahltag sein. Bis jetzt haben wir sehr ordentliche Rechnung geführt. Heute ist Papier eingewechselt worden; da wir denn für 50 gute Gulden 103 Papiergulden erhalten haben. Über acht Tage sollst Du erfahren, was uns eine Woche kostet.

Von Leipzig habe ich sehr gute Nachrichten. Herr Rath Rochlitz war so freundlich, mir einen recht umständlichen Brief zu schreiben. Durch Genast weiß ich die Einnahme, die auch nicht gering ist, und so ginge denn dieses Unternehmen recht schön. In den vier ersten Repräsentationen war die Elsermann noch nicht aufgetreten.

Hier ist noch wenig Gesellschaft, und die leeren Alleen würden Dir nicht gefallen. Doch werden manche Gäste erwartet. Von Spitzen habe ich noch nicht viel Kluges gesehen; aber einen neuen Einfall, der auf Wohlfeilheit angelegt ist, nemlich Grund mit Zacken, der recht gut aussieht; so habe ich auch weder ächte, noch falsche Granaten bisher gesehen. Viele Läden sind noch zu, und ist alles erst im Anfang. Mehr will ich dießmal nicht sagen, damit der Brief nicht liegen bleibe. Von Achttagen zu Achttagen erhältst Du Nachricht, und ich hoffe, auch von Zeit zu Zeit etwas von Dir zu erfahren. Lebe recht wohl und grüße Augusten zum schönsten.

G.

 

406. Goethe

Da ein Bote nach Weimar geht, so versäume ich nicht, Dir ein paar Stück Spitzen zu schicken. Mit den ausgezackten kannst Du Dich indessen beliebig putzen. Von den andern schickst Du allenfalls 3 Ellen an Lieschen und hebst die übrigen zu weiterem Gebrauch oder zum Verschenken auf.

Dagegen wünsche ich Folgendes:

1. Meine Farbenlehre, welche bei Herrn Professor Kästner oder bei FrauNachträglich über der Zeile Hofrath Schiller sein muß. August wird sie herbei zu schaffen wissen.

2. Die vier Bände meiner Werke. Es liegen noch drei Exemplare in dem Actenschrank in dem Zimmer neben unserer Schlafkammer. Davon nimmst Du eins auf Schweizerpapier, welches leicht zu erkennen ist, weil es weißer ist und die Bände stärker als vom ordinären Druckpapier. Auch liegen zwei Exemplare davon übereinander, anstatt daß vom Druckpapier nur Ein Exemplar noch daneben liegt. Diese Bände zusammen mußt Du wohl in Papier einpacken und mit Bindfaden umschnüren lassen, auch sobald als möglich an Herrn Geheimerath Voigt schicken, weil der Bote bald wieder fortgeht. Du kannst zu dieser Sache Sachsen brauchen, der gut einpackt und bei Geheimerath Voigt die Bestellung machen kann.

Du schreibst mir in Deinem letzten Briefe, Du wollest etwas Gedrucktes, den Geheimerath Wolf betreffend, beilegen; es war aber nicht in dem Packet.

Was von Briefen und Päcktchen in der Zwischenzeit angekommen ist, kannst Du auch mitgeben, nur nicht, wenn es zu groß ist. Wäre aber etwas dergleichen gekommen, so könnte es August aufmachen und mir sagen, was es enthielte.

Von unsern jungen Schauspielern habe ich noch nichts gehört. Übrigens sind alle Reisende, die von Leipzig hierher kommen, mit den Aufführungen, denen sie beigewohnt haben, sehr zufrieden.

Ich befinde mich sehr wohl und wünsche nur, daß es continuire. Ich wünsche, daß ihr auch wohl und vergnügt sein möget.

August soll mir eins von den flachen, spitzwinklichten Glasprismen zu den Büchern packen.

Karlsbad, den 9. Juni 1807.

G.

Die beiliegenden Haarnadel gehören an Durchlaucht die Prinzeß und sind nur an Demoiselle Lorch zu überschicken.

 

407. Goethe

Karlsbad, den 18. Junius 1807.

Sowohl durch den Boten, als durch Herrn von Herda habe ich von Dir zwar kurze, aber doch erfreuliche Nachricht erhalten, daß ihr wohl seid und so gut als möglich eure Einsamkeit genießt.

Daß die Spitzen zur rechten Zeit angekommen sind, freut mich sehr. Die gezackten sind böhmische und die andern sächsische. Die Fabrikationen beider Länder unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, daß jene schönere Muster haben und diese einen gleicheren Grund. Von schwarzen will ich Dir noch etwas mitbringen.

Da einer von den Leuten des Herzogs morgen nach Weimar gesendet wird, so schicke ich Dir zugleich die Granaten mit, die ich Dir angeschafft habe. Die kleinen sind ächt, die großen unächt und werden beiderseits zum Schmuck dienen, besonders so lange die Trauerzeit währt. Übrigens will ich nun mit Kaufen ein bißchen innehalten. Die ordinären Ausgaben sind sehr mäßig, und man kann nicht leicht wohlfeiler leben als hier, wenn man einmal eingerichtet ist. Nur ist die Verführung von allerhand hübschen Sachen so groß, daß man immer etwas einzuhandeln verleitet wird, besonders wenn man damit Freude zu machen denkt.

Von dem Gebrauch des Wassers kann ich noch immer Gutes sagen, und für die Zukunft habe ich auch bessre Hoffnung, da Doctor Kapp, ein alter Freund und vortrefflicher Arzt, sich meiner annimmt, mein Übel wohl überlegt und, wie mir scheint, sehr gut beurtheilt hat. Hauptsächlich läuft alles auf eine sehr genaue Diät hinaus. Ich will noch etwa acht Tage trinken, dann pausiren und baden, und was sonst noch weiter für gut befunden wird. Ich lebe übrigens hier ganz ruhig und vergnügt nach meiner Weise, so daß ich mich gar nicht wegsehne. Ihr werdet ja indessen wohl auch die Zeit hinbringen, und es wird sich diesen Sommer für euch auch wohl noch ein Spatz aufthun.

Schlossern grüße vielmals, wenn er noch bei euch ist. Weiter wüßte ich nichts zu sagen, als daß der Courier, der dieses bringt, in einiger Zeit nach Karlsbad zurückkehrt. Mache daher ein Päckchen für mich zurechte und ersuche ihn, daß er es bei Dir abhole. Mit der Post schreibe ich bald wieder und hoffe, immer etwas Gutes melden zu können.

G.

 

408. Goethe

Karlsbad, den 24. Juni 1807.

Wie ich aus den verschiedenen Briefen, die wir gewechselt haben, ersehe, so gehen die Posten von hier auf Weimar und zurück noch immer sehr langsam; und weil man sich also Nachrichten und Entschlüsse nicht gut mittheilen kann, so will ich Dir voraus sagen, wie ich es zu halten gedenke, damit Du Dich von Deiner Seite darnach richten könnest.

Die veränderte Curart, nach dem Rathe des Doctor Kapp von Leipzig, schlägt mir sehr gut an, und ich will den Gebrauch des Wassers auf diese Weise fortsetzen. Dann soll ich baden, ohne zu trinken, und was weiter für Anordnungen werden gut befunden werden. Auf den Donnerstag sind wir 4 Wochen hier, und ich habe Lust, auf alle Fälle noch 4 zu bleiben, weil ich für mich keinen angenehmern und vorteilhafteren Aufenthalt wüßte. Zugleich ist mir freilich sehr daran gelegen, noch hier am Orte zu beobachten, wie mir der Gebrauch des Wassers im Ganzen bekommt, und Doctor Kapp, der auch noch eine Zeit lang hier bleibt, Gelegenheit zu geben, daß er meine Zustände noch genauer beurtheilen könne. Er hat mir gerathen, wennNach gestrichenem ein [oder in] Spa ich nach Hause komme, Spaawasser zu trinken, und ich schreibe deßwegen von hier aus an die Mutter, daß sie mir eine Kiste verschreiben läßt: eine Bemühung, die Herr Nikolaus Schmidt, oder sonst ein Freund, gern übernehmen wird.

Nun von Dir und Deinen Projecten zu reden, so siehst Du hieraus, daß Du mit Deiner Lauchstädter Tour auf meine Rückkunft nicht warten kannst. Ich gebe Dir also folgenden Rath, daß Du das Haus recht gut besorgest und bestellest, Dich nach jemand Soliden umsiehst, der in Deiner Abwesenheit hereinzieht und etwa Deine Stube und Alkoven bewohnt: denn ich bitte Dich inständig, das Haus nicht etwa Augusten und den Mägden allein zu überlassen, weil uns daraus ein großer Verdruß zuwachsen könnte, der allen Spaß verdürbe und eine schlechte Nachcur gäbe.

Da nun die Schauspieler wahrscheinlich nicht lange dieß Jahr in Lauchstädt bleiben, so hinge es von Dir ab, die Zeit zu nutzen und, sobald Du es für gut fändest, hinzugehen, ohne daß Du weiter bei mir anfragtest, noch wegen meines Ausbleibens besorgt wärest. Es soll mir sehr angenehm sein, wenn Du dort gute Zeit hast und Dich wieder einmal auf alte Weise amüsirst. Seit der Einnahme von Danzig haben wir in unsern Gegenden nicht leicht etwas zu besorgen, und überhaupt bist Du ja so nahe, daß Du in Einem Tage wieder zu Hause sein kannst. Schreibe mir nur, wenn Du weggehst und wie lange Du ohngefähr auszubleiben denkst. Nur stelle jemand, wie ich schon gebeten habe, im Hause an, wäre es auch nur, um mich dieser Sorge zu überheben.

Sonnabend, den 27. Juni, geht der Herzog von hier ab, und ich werde alsdann erst wieder ein recht einsames und stilles Leben führen; auch hoffe ich, noch manches zu thun, wenn nur erst die Trink- und Badecur vorbei ist, und ich mich hier wie auf einem Lustort vergnüglich aufhalte.

Die Schauspielergesellschaft ist endlich auch hier angekommen. Wie sie im Ganzen bestellt ist, kannst Du daraus abnehmen, daß in der ›Camilla‹ unser alter Spitzeder den Herzog und Madame Weyrauch die Camilla gespielt hat. Übrigens ist die Tochter von Spitzeder ein recht hübsches Mädchen geworden, aus der wohl etwas zu machen wäre. Von der Weyrauchschen Tochter will ich nicht dasselbige sagen.

Die Granaten werden nunmehr glücklich angekommen sein, und ich hoffe, sie sollen nebst den Spitzen in Lauchstädt guten Effect thun. August soll ein Paar Pistolen haben. Der Säbel wird schwerer zu finden sein. Überhaupt haben sich die hiesigen Arbeiter gefürchtet, Waffen fertig zu machen, weil sie dachten, man könne sie ihnen, beim Ausbruche eines Krieges, ohne viel Complimente wegnehmen. Von den geschliffenen Glaswaaren bring ich etwas mit, sowohl für die Tafel als für den Theetisch. Denn was den letzten betrifft, so kannst Du ihn künftigen Winter doch nicht ganz entbehren.

Lebe recht wohl und grüße alle Freunde. Von Lauchstädt aus kannst Du schreiben. Denn über Leipzig kommen die Briefe von dort eher hieher als von Weimar. Lebe recht wohl und gedenke mein.

G.

Riemer empfiehlt sich der gnädigen Frau und Augusten bestens.

Unsern jungen Freund Schlosser grüße vielmals und danke ihm für sein Blättchen. Es thut mir leid, daß ich ihn versäume. Desto angenehmer ist mir die Hoffnung, die er uns macht, bald wiederzukommen. Augusten grüße gleichfalls schönstens. Wenn er auch einmal etwas ausführlicher als bisher schreiben wollte, so sollte er gelobt werden.

 

409. Goethe

Durch Herrn Regierungsrath Voigt schicke ich Dir ein Schwänchen zu Deiner Reise nach Lauchstädt. Meine Absicht ist dabei, daß Du diese Dinge theils zu eigenem Gebrauch verwendest, besonders aber auch, daß Du Personen, die Dir gefällig sind, einige Artigkeit erzeigen mögest. Ich habe deßhalb der Kleinigkeiten allerlei zusammengepackt. Das Kästchen selbst solltest Du der Elsermann schenken und mit dem Schmuck der falschen Granaten und des bunten Glases die Theaterfreunde ausputzen, auch mit dem Übrigen nach Belieben verfahren.

Augusten danke für seinen Brief, der etwas länger als gewöhnlich ausgefallen ist, und sage ihm, daß ein Paar sehr schöne Pistolen bestellt sind. Was aber den Säbel betrifft, so haben sie keinen mit metallener Scheide und wollen, wenn man sie bestellte, sehr hoch hinaus. Auch ist es eigentlich nur eine Offizierstracht. Die Säbel, unter denen man hier die Auswahl hat, sind mit damascirten Klingen, die freilich nicht blinken, mit schwarzen Scheiden, das Beschläge polirter Stahl oder verguldetes Messing. August soll mir zunächst seine Meinung darüber schreiben, auch was er für ein Gehänge dazu haben will.

Mit eigner Hand setze ich noch einige Worte hinzu. Ich befinde mich recht wohl, und weil man nach Verordnung des Arztes gar manche Stunde des Tages nichts thun darf, so schleiche ich in den Boutiquen herum, handle Kleinigkeiten, wovon ich Dir einen Transport überschicke. Wenn Du nach Lauchstädt gehst, so mache es Dir recht bequem und vergnüglich, nimm ein hübsches Quartier und sei überhaupt wegen des Aufwandes nicht ängstlich, wir wollen schon wieder was herbeischaffen. Ich bin schon fleißig hier gewesen und werde es zunächst noch mehr sein. Von dem, was ich Dir übersende, behalte für Dich, was Dir Freude macht, das andre verschenke an Personen, denen Du wohlwillst, und die sich gefällig gegen Dich bezeigen. Lebe wohl, gedenke mein, wie ich Deiner gedenke.

Karlsbad, den 1. Juli 1807.

Goethe.

 

410. Goethe

Herr Regierungs-Rath Voigt machte mir Hoffnung, daß er Sonnabends früh Dir mein Schwänchen zustellen wollte. Indessen finde ich Gelegenheit, Dir wieder ein Wort zu sagen, die ich nicht vorbei lassen will. Es behagt mir hier immer besser, ich bin nun eingewohnt, habe aufgehört zu trinken und fange an zu baden. Gegenwärtig wird den ganzen Tag gezeichnet und illuminirt, und Riemer thut ein Gleiches, wodurch wir uns denn ganz gut unterhalten, und noch eine Weile so fort zu leben wünschen. Was meine körperlichen Zustände betrifft, so seh ich wohl, geht es auf eine sehr vorsichtige Diät hinaus, und daß man wachsam sei, ein Übel, das man nicht heben kann, zu dämpfen und Ausbrüche zu verhüten. Zu keiner größeren Reise habe ich Muth und will, so gut es gehen mag, hier des Lebens genießen.

Dabei bleibt mein Hauptspaß, allerlei für Dich auszudenken. Denn ich muß Dir nur verrathen, daß ich Dir noch eine Kopfkette machen lasse von künstlichen Steinen, die so schön sind, als die natürlichen nicht sein können, und welche Dir gewiß viel Freude machen wird. Ich habe das Werk auf allerlei Weise ausstudirt und zusammengeschafft, so daß es recht vergnüglich werden muß. Das Glaswesen kommt auch nach und nach herbei.

Ich möchte Dir noch von einem trefflichen Manne sagen, den ich habe kennen lernen, und dessen Umgang das Beste ist, was ich hier genieße. Er wird nach Weimar kommen, doch wahrscheinlich nicht eher, als bis ich dort bin. Unser Herzog ist noch hier, wohl und vergnügt. Mehr sage ich heute nicht. Lebe wohl, mein gutes Kind, und grüße Augusten schönstens.

Karlsbad, den 3. Juli 1807.

G.

 

411. Goethe

[Karlsbad, 14. Juli 1807.]

Deinen Brief vom 8. aus Lauchstädt erhalte ich heute am 14. Ich will gleich antworten und dieses Blatt mit der nächsten Post fortschicken, so erhältst Du es noch zur rechten Zeit.

Es war mir sehr erfreulich, daß Dich Herr Regierungsrath Voigt noch erreichte und Dir das Schwänchen auf die Reise mitgeben konnte. Sei nicht zu karg mit dem Inhalt des Kästchens: denn ich bringe Dir noch manches Ähnliche mit. Grüße die Elsermann, danke ihr für ihren Brief und sag ihr, sie soll an mich denken, wenn sie sich im Spiegel besieht. Ich habe Mühe gehabt, einen so klaren hier zu finden; in den gewöhnlichen Kästchen sind sie meistentheils streifig.

Genieße Deines Aufenthalts in Lauchstädt aufs beste. Auch habe ich nichts dagegen, wenn Du auf einige Zeit nach Leipzig gehn willst. Was mich betrifft, so habe ich keine Lust hinzugehen. Ich wüßte mir keinen angenehmern und bequemern Aufenthalt als Karlsbad und werde wohl noch eine Zeit lang hier bleiben. Was sonst Jena für mich war, soll künftig Karlsbad werden. Man kann hier in großer Gesellschaft und ganz allein sein, wie man will; und alles, was mich interessirt und mir Freude macht, kann ich hier finden und treiben. Wohlfeil ist es auch. Die willkürlichen, außerordentlichen Ausgaben betragen das meiste.

Sehr schönes Glaswerk habe ich angeschafft, das eigentlich auch nicht theuer ist, womit Du Tafel und Theetisch zum schönsten ausputzen kannst; und sonst ist auch noch allerlei Geld vertändelt worden, für Sachen, womit ich aber doch Dir und andern einige Freude zu machen hoffe.

Der Herzog ist noch hier und gedenkt, zu Ende der Woche abzugehen. Vielleicht kann ich durch seine Leute etwas nach Weimar bringen.

Mit meinem Befinden geht es sehr gut, besonders seit acht Tagen. Doctor Kapp von Leipzig und Dr. Mitterbacher von hier haben sich sehr viel Mühe gegeben, meine Umstände zu erforschen, und, nachdem ich die eigentliche Brunnen-Cur geendigt, mir eine Arznei verschrieben, die ganz wunderwürdige Wirkungen gethan hat. Ich befinde mich seit den letzten acht Tagen so wohl, als ich mich in Jahren nicht befunden habe. Wenn es dauerhaft ist, so wollen wir Karlsbad und die Ärzte loben. Indessen trinke ich noch alle Morgen von dem gelindesten Brunnen einige Becher mit Milch, wobei ich mich den ganzen Tag nach meiner Art beschäftigen kann. Karl macht seine Sache recht ordentlich, und auch von dieser Seite sind wir besser dran als vorm Jahre. Um aller dieser Ursachen willen werde ich noch hier verweilen, weil ich nun erst anfange, recht zu Hause zu sein.

Du brauchst mir deßhalb nicht wieder zu schreiben, bis Du bestimmen kannst, wenn Du wieder in Weimar sein wirst. Dieses melde mir von Lauchstädt oder von Leipzig aus, weil von dorther die Briefe gar ordentlich ankommen. Ich schreibe Dir alsdann gleich nach Weimar, damit Du erfährst, wie es mit mir steht, und was ich weiter vornehme.

Hier wird gezeichnet, gelesen, mineralogisirt und von Zeit zu Zeit eine Promenade gemacht. Das Wetter ist sehr schön, fast zu heiß. Gestern Abend hatten wir ein starkes Gewitter.

Unter die Menschen komme ich wenig; nur insofern ich bei dem Herzog speise und von ihm in die Welt gezogen werde, sehe ich manchmal verschiedene Personen. In die Komödie komme ich auch nicht mehr. Nur die Wiener Stücke sind höchstens auszuhalten. Heute wird ›Fanchon‹ gegeben; Madame Weyrauch macht das Leyermädchen und Spitzeder den Abbé.

Resident Reinhard mit seiner Familie gehen morgen ab, über Dresden, und kommenkommt wahrscheinlich in einiger Zeit nach Weimar. Sei freundlich gegen sie, wenn sie Dich besuchen, und mache ihnen etwa Gelegenheit, jemand zu sehen und kennen zu lernen. An ihm wirst Du einen ernsthaften, sehr verständigen und wohlwollenden Mann finden. Inwiefern Du zu ihr einiges Verhältniß haben kannst, wird sich geschwind zeigen. Sie ist eine gute Mutter und thätige Gattin, aber belesen, politisch und schreibselig, Eigenschaften, die Du Dir nicht anmaßest. Sie kennt Madame Schopenhauer und hofft, auch mit ihr in Weimar zusammenzutreffen. Mehr wüßte ich jetzt nicht zu sagen, als daß ich Dich ersuche, die Herren Wöchner und die übrige Gesellschaft zu grüßen. Unserm Berlinischen Kleeblatt gönne ich Deine Ankunft in Lauchstädt. Aus den Relationen Genastens und des Herrn Rath Rochlitz konnte ich schon merken, wie es eigentlich mit ihnen stand. Es ist eben auch eine Prüfung, durch die sie hindurch mußten. Da sich Madame Beck als Gast bei der Gesellschaft aufhält, so kannst Du ja wohl einleiten, daß die ›Hagestolzen‹ gegeben werden. Lebe übrigens recht wohl und in der Hoffnung eines fröhlichen Wiedersehens.

Abgeschickt den 16. Juli 1807.

Goethe.

 

412. Goethe

[Karlsbad, 23./27. Juli 1807].

Deinen Brief, meine Liebe, datirt: Lauchstädt, den 14. Juli, habe ich am 21. erhalten und daraus mit Vergnügen ersehen, daß es Dir wohlgeht. Es ist immer angenehm, an einen Ort wieder zu kommen, wo man in früherer Zeit vergnügt gewesen ist, in eine Gegend, wo man schon Verhältnisse hat und weiß, wie es daselbst beschaffen ist. Ich sende den gegenwärtigen Brief nach Weimar, daß er Dich entweder daselbst empfange oder kurz nach Dir gleichfalls ankomme.

In meinem Zustand hat sich nichts verändert. Ich befinde mich sehr wohl und kann nunmehr hoffen, daß es dauern werde; wobei es nur darauf ankommen wird, inwiefern ich mich der Ordnung gemäß halten kann, von der ich nun einmal weiß, daß sie mir convenirt.

Nach Wien habe ich wiederholte Einladungen. Graf Purgstall, ein alter Bekannter von Jena und aus der Schweiz her, hat mir sein Haus offerirt, da er sich den Sommer auf dem Lande aufhält, und was dergleichen Anträge mehr sind. Ich lasse mich aber dadurch nicht reizen, weil ich alles, was die Cur gut gemacht hat, durch einen solchen Spaß wieder verderben könnte. Länger hier zu bleiben aber habe ich große Lust, wo ich ganz nach meinem Sinne leben und nach Belieben meiner pflegen kann. Denn die Ärzte gestehen selbst, daß bei Übeln, welche tiefer liegen, und mit denen man schon eine Zeit lang behaftet ist, die vierwöchentliche stürmische Cur wenig heißen will, und daß ein sachterer und längerer Gebrauch vorzüglichere Wirkung thut.

Das Wetter ist außerordentlich schön. Ich sehe wenig Menschen, weiß mich aber den ganzen Tag zu beschäftigen und zu unterhalten.

Frau Stallmeister Böhme und Demoiselle Musculus, Professor Fernow und Doctor Schütze sind auch glücklich angekommen, und es zeigen sich täglich neue Curgäste.

Da wir so unerwartet Friede haben, der sich wohl so bald noch nicht hoffen ließ, so wollen wir auf eine zwar stille und bescheidene, aber um desto gemächlichere Art unseres Lebens den nächsten Winter genießen. Richte Dich darauf ein, daß wir unsere alte Gastfreiheit fortsetzen können. Für hübsches Geschirr, Tafel und Theetisch auszuputzen, ist gesorgt. Auch bringe ich Dir eine silberne Thee- und Milchkanne mit, zu der ich zufälligerweise, ohne sonderliche Kosten, gekommen bin. Der Herzog nemlich, als er wegging, verehrte mir einen Caminaufsatz von Bronce, der für jemand anders bestimmt gewesen war und zuletzt beim Umtausch der Geschenke stehen blieb. Diesen vertauschte ich mit geringer Aufzahlung gegen jene Geschirre, die Dir Vergnügen machen werden. Die Kette ist auch fertig und sieht sehr schön aus. Wenn ich Gelegenheit wüßte, schickte ich sie zum Geburtstage. Doch wird sie Dir auch später Vergnügen machen.

Die Glaswaaren will ich einpacken lassen und mit dem Postwagen fortschicken. Ich adressire sie an Herrn von Hendrich, der sie Dir hinüberspediren wird. Die wunderlichen Salzfässer werden Dir besonders gefallen.

Die Pistolen für August sind auch angeschafft, und so hätte ich denn ziemlich beisammen, was ich mitbringen oder schicken wollte. Ich wünsche, daß wir uns dessen zusammen erfreuen mögen.

Daß Du mit der Theaterwelt, der alten und jungen, in Verbindung bist und bleibst, ist mir sehr angenehm. Ich weiß recht gut, daß alle Händel, die in diesem Zirkel entstehen, gar leicht vermieden oder wenigstens viel schneller abgethan werden könnten, als gewöhnlich geschieht. Wenn ich zurückkomme, werde ich die Sache auf meine alte Weise behandlen. Du kannst alle von mir grüßen und ihnen sagen, daß ich nur wünsche, meine Gesundheit möge auch diesen Winter dauerhaft bleiben, damit ich mich wieder einmal recht ernsthaft und anhaltend einer Anstalt annehmen könne, die so weit gediehen ist, daß es uns denn doch nicht leicht jemand nachmachen wird. Grüße alles zum schönsten und danke Deinem Bruder für die Briefe, die er mir geschrieben, und laß mich erfahren, wie es Dir in der letzten Hälfte des Juli ergangen.


Vorstehendes war geschrieben, als Dein Brief vom 21. ankam. Erst war dieß Blatt nach Weimar bestimmt, nun soll es aber nach Lauchstädt, da es Dich dort noch erreichen kann. Daß Du nicht nach Leipzig gehst, find ich ganz vernünftig. Ich wünsche, daß Du zu Hause alles wohl antreffest, wo Du auch bald Briefe von mir haben sollst, wenn ich mir etwas näher überlegt habe, was ich fernerhin vornehmen will. Nach Wien gehe ich auf keine Weise; ob ich aber gerade oder durch einen Umweg nach Hause gehe, bin ich noch unentschieden. Lebe recht wohl, grüße Augusten und alles in Deiner Nähe. Wenn Du in Weimar angekommen bist, so schreibe mir.

Karlsbad, den 27. Julius 1807.

G.

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413. Goethe

Dein Brief vom zweiten August hat mir viel Vergnügen gemacht, indem ich durch denselben erfuhr, daß Du wieder glücklich nach Hause gelangt bist und alles in gutem Zustande angetroffen hast.

Am 31. Juli schickte ich durch einen Boten einen Brief an August, worin ein Stückchen Spitze für Dich lag; ferner gab ich demselben Boten ein Päckchen mit, worin zwei Salzfässer nach der allerneusten Mode befindlich waren. Ich hoffe, diese Sendung ist glücklich angekommen, so wie Du wohl nun auch einen weitläuftigen Brief vom 27. Juli, den ich nach Lauchstädt schickte, nunmehr wirst erhalten haben. Denn aus Deinem Briefe kann ich nicht vermuthen, daß er Dir noch in Lauchstädt zugekommen sei. Erkundige Dich darnach, denn es wäre mir unangenehm, wenn er verloren gegangen.

Wir haben hier noch immer das schönste Wetter, und mein Befinden ist auch ganz gut. Ich kann mich sehr in Acht nehmen und auf mich Acht geben; welches jetzt die Hauptsache ist, damit ich sehe, wo es hinaus will, und was ich von der Folge zu hoffen habe. Nun möchte ich aber auch Augusten einen Spaß machen, und der sollte darin bestehen. Den 19. oder 20. dieses geht von Jena eine Kutsche leer hieher, welche die Herren Fernow und SchützeSchütz abholen soll. Herr Frommann hat die Bestellung davon. Nun wünschte ich, daß August mit dieser Kutsche herführe. Fernow und SchützeSchütz gehen den 24. von hier ab, und ich würde durch sie den Wagen bestellen lassen, der mich abholen soll. August bliebe alsdann etwa 8 Tage bei mir, und wir wären zusammen Anfangs September in Weimar. Du gibst ihm etwa 20 Thaler in Kopfstücken mit, die er bei seinen 3 Nachtlagern nicht braucht. Es versteht sich, daß Herr Frommann, da der Kutscher ohnedem leer herfahren müßte, einen leidlichen Accord macht, daß August für eine Kleinigkeit herkommt, wie man sonst nur für ein Trinkgeld an die Kutscher eine Retour-Chaise haben kann; wie ich dieses auch in einem beiliegenden Briefe an Herrn Frommann ausgedrückt habe.

Findet also August Vergnügen an dieser Reise, so mag er beiliegenden Brief abschicken, oder mag hinüberreiten und mündlich die Sache abthun. Das gegenwärtige Blatt nimmt Frau Stallmeister Böhme mit, und Du kannst es Freitag früh erhalten. Da sind immer noch 6 bis 7 Tage, ehe die Jenaische Fuhre abgeht. August soll nicht viel mitnehmen, aber doch Schuhe und Strümpfe und einen saubern Rock, daß er sich kann in ehrbarer Gesellschaft sehen lassen. Sollte er jedoch von seiner Thüringer-Waldreise noch nicht zurück sein, oder sonst sich eine Ursache finden, warum ihr seine Reise hieher nicht für räthlich hieltet, so ist das Ganze nur ein Vorschlag und keine Ordre; und er kann sich diesen Spaß aufs nächste Jahr versparen.

In einigen Tagen sende ich einen Kasten ab mit Glaswaaren, auf welchen oben Bücher gepackt sind. Wenn er ankommt, so packe ihn sorgfältig aus. Ich wünsche, daß alles ganz sein möge, besonders die vorzüglich schönen Salatschalen. Die Einladungen nach Wien reißen gar nicht ab, auch nach andern Gegenden in Böhmen. Ich kann mich aber nicht entschließen, meine hiesige Ruhe mit einem andern Aufenthalte als mit Weimar zu vertauschen. Ebenso wenig möchte ich jetzt nach Leipzig; doch ist mirs sehr angenehm, daß Du Dir daselbst gute Bekannten verschafft hast, und daß es Dir überhaupt von der geselligen Seite in Lauchstädt wohlgegangen ist. – August muß nicht vergessen, sich einen Regierungs-Paß geben zu lassen, worin ausdrücklich bemerkt ist, daß er nach Karlsbad gehe, um die Cur zu brauchen. Ferner könnte er die Kofferdecke mitbringen, die bei allenfalls einfallendem Regenwetter immer ein nützliches Reisegeräth ist. Auch soll er uns drei Bouteillen rothen Wein mitbringen, damit wir auch wieder einmal etwas von jener Sorte genießen; dagegen wollen wir sie mit Melniker angefüllt wieder zurückbringen. Weiter wüßt ich nichts hinzuzusetzen als ein Lebewohl dir und allen Freunden.

Karlsbad, den 10. August 1807.

G.

 

Noch ein paar Worte von eigner Hand, um Dir zu sagen, daß mich herzlich verlangt, wieder bei Dir zu sein, und daß ich mich indessen freue, Augusten hier zu sehen. Mir ist daran gelegen, ihn einige Zeit allein um mich zu haben, daß ich nur wieder einmal sehe, wo es mit ihm hinaus will. Riemer geht vielleicht mit Fernow zurück, und wir andern folgen bald.

Was Deine Ausgaben betrifft, so mache sie nach Deiner Überzeugung, ich billige alles. Ich habe mir etwas von Leipzig kommen lassen, weil ich manches kaufte.

Übrigens bin ich fleißig gewesen, habe viel dictirt und bringe gewiß für das Doppelte meiner Ausgaben Manuscript zurück, an Romanen und kleinen Erzählungen. Auch darüber habe ich mir Plane gemacht. Wie mir denn überhaupt meine hiesige Einsamkeit manchen guten Gedanken zugeführt hat.

Ich lege abermals ein Endchen Spitze bei, daß ja keine Sendung ohne eine kleine Gabe komme. Lebe recht wohl, liebe mich und bereite mir einen geselligen Winter.

Den 10. August 1807.

G.

 

414. Goethe

Karlsbad, den 23. August 1807.

August ist glücklich angekommen und freut und verwundert sich an den seltsamen Felsen, warmen Quellen und dergleichen, daß er sogar gleich angefangen hat, zu zeichnen und zu illuminiren, wobei er, wie es im Anfange geht, wo man noch nichts kann, große Freude hat.

Es ist höchst nöthig, daß Du übers Jahr, wenigstens auf eine Zeit, auch mit hergehst, damit Du wenigstens weißt, wovon die Rede ist, weil das ganze Karlsbader Wesen gar nicht beschrieben werden kann. Augusten schmeckt der Melniker vortrefflich. Es ist so ein Wasserweinchen, das leicht hinunterschleicht, und von dem man viel trinken kann. Wir haben ihm den Spaß gemacht, daß eine Harfenfrau, als wir bei Tische saßen, das famose Lied: »Es kann ja nichtnicht so immer so bleiben« zu singen anfing, und was dergleichen Späße mehr sind. Übrigens aber ist es so leer hier, daß in den Sälen Abends kein Kronleuchter mehr angezündet wird und alle gesellige Vergnügungen aufhören. Die Natur ist aber so schön, das Wetter so gut und die Umgebung so ruhig, daß ich wohl noch gern ein bißchen hier bleiben mag. Ich habe den Kutscher bestellt, daß er den 5. September wieder hier sein soll, so daß wir den siebenten nach Jena abgingen, und also in drei bis vier Tagen daselbst wären; da Du denn bald nähere Nachricht haben solltest. Von einem Fall, der jedoch nicht wahrscheinlich ist, will ich zugleich sprechen. Es wäre nicht unmöglich, daß ich nach Töplitz ginge, da denn meine Begleiter allein nach Weimar zurückkehren würden. Ich habe zwar gar keinen eigentlichen Trieb dazu; aber der Herzog hat hier mündlich, und jetzt wieder schriftlich, dergestalt darauf insistirt, daß ich ihn dort besuchen soll, daß ich noch nicht weiß, ob ich es ablehnen kann und werde. Hiervon sagst Du niemanden nichts; ich sage aber nur gern das Mögliche, ja das Unwahrscheinliche voraus, damit es Dir nicht einenNach gestrichenem etwa unangenehmen Eindruck mache, wenn Du etwa den Wagen ohne mich zurückkehren siehst. Denn auf der Post mag ich gar nicht nach Weimar schreiben, weil die Briefe gar zu lange ausbleiben.

Ich wüßte nun weiter nichts zu sagen. Erst wollte ich Herrn Fernow einiges an Dich mitgeben; ich will es aber lieber selbst bringen. Ich befinde mich ganz leidlich, wenn ich von einem Tag zum andern mein Wesen treiben kann; aber zu irgend etwas Außerordentlichem, wo ich nicht ganz mein eigener Herr bin, mag ich mich nicht entschließen. Lebe recht wohl.

G.

Ein Stück Spitzen folgt doch.

 

 

 


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