Adolf Glaßbrenner
Bilder und Träume aus Wien
Adolf Glaßbrenner

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Kaffee- und Bierhäuser.

Auf die Frage Wo? steht in Wien das Kaffeehaus. Wo spreche ich dich? – Im Kaffeehause! – Wo werden wir heut nach Tische sein? – Im Kaffeehause! – Wo hole ich Sie mit dem Fiaker ab? – Im Kaffeehause! – Weiß der Wiener nichts Besseres, sei es Morgen, Mittag, Abend oder Nacht, so trinkt er Kaffee; hat er eine Gardinenpredigt anhören müssen, so trinkt er Kaffee; plagen ihn die Gläubiger, und weht ihn endlich die Langeweile mit ihrem giftigen Odem an, so geht er schnell ins Kaffeehaus, läßt sich ein Glas »Melange« geben, stopft sich sein Meerschaumpfeifchen, plaudert oder liest Journale, spielt Whist oder Billard, Tarock, Piquet, Preference, Schach oder Domino, und die Langeweile mag überall ihre Opfer finden, in Palästen und Hütten, in Theatern und Kirchen, in den Pariser Salons wie in der Berliner ästhetischen Tees: durch die Glastüren eines Wiener Kaffeehauses dringt sie nie!

Jeder Stand hat sein Kaffeehaus; nur die ungeheure Zahl der Nichtstuer bringt eine Melange im kaffeehäuslichen Publikum zu Wege. Nicht der Aristokratismus, nicht der Kastengeist sondert die Wiener hier, sondern die Annehmlichkeit Bekannte, Freunde oder Geistesverwandte zu finden. Du kannst zehn Mal vergebens nach der Wohnung eines Wieners gehen, mit dem du Notwendiges zu sprechen, kennst du aber sein Kaffeehaus, so triffst du ihn sicher.

In jenem findest du Kaufleute, hier Beamte, dort Schriftsteller und Schauspieler, hier Handwerker, dort deutsche Juden und hier griechische und türkische, die aus ihren ultralangen, buntbewickelten, silberverzierten Pfeifen dampfen und Geschäfte untereinander machen. Auch die niedrigsten Klassen des Volkes haben ihre Kaffeehäuser, und in allen wird gespielt, geplaudert, geschmaucht und die Langeweile auf jede Weise ferngehalten.

Der Kaffee ist seit dem Jahre 1683, nach der zweiten Türkenbelagerung, das Lieblingsgetränk der Wiener geworden, und noch zu jeder Stunde des Tages schlürfen sie ihn mit einer Wollust hinunter, als seien sie eben von dem glücklichen Feldzuge gegen die bunten Barbaren heimgekehrt. Der Kipfel, ein wohlschmeckendes Gebäck, wie ein türkischer Säbel geformt, erhöht noch die Illusion, und den Wiener kann die kleinste Illusion glücklich machen. Das wissen die Machthaber und machen ihn ungeheuer glücklich; sie wälzen ihn aus einem Genuß in den andern, bis ihm in einem leichten Rausche der Himmel voll Geigen hängt. Aber auf dem Lande und in den kleinen Provinzialstädten sieht es oft nicht so heiter aus, da hängt der Himmel nicht voll Geigen, sondern voll Flöten ohne Löcher.

Die Geschichte Wiens erzählt, daß ein Spion, namens Kollschützky, ein Pole von Geburt, wegen seiner Verdienste um die Kaiserstadt das erste Kaffeehaus in derselben erhalten habe. Und es läßt sich nicht leugnen, daß man noch heuer zuweilen an die Geschichte erinnert wird und gewisse Leute bemerkt, die zwar keine Polen sind, auch nicht Kollschützky heißen, aber dennoch Ähnlichkeit mit demselben haben.

Die Kaffeehäuser sind alle zu ebener Erde, reinlich, elegant, komfortabel, mit blitzenden Geschirren und flinker Bedienung. Auf einer Tribüne in der Ecke des größten Saales sitzt eine niedliche Clio und schreibt mit bleiernem Griffel die Geschichte der Tage, d. h. sie kontrolliert die Marqueure.

Schon früh morgens beginnt das Leben in ihnen und vor ihnen auf der Straße. Die meisten Junggesellen und Hagestolze stärken sich hier, bevor sie an ihre Geschäfte oder zu andern Vergnügungen gehen, durch den Trank der Levante. Sie fordern sich eine Pfeife, in welche der Marqueur einen neuen Federkiel steckt, rufen »Feuer!« und nehmen die Allgemeine zur Hand, um zu wissen, was in der Menschen Länder vorgeht. Nachdem dies geschehen, blicken sie auf, rufen diesem oder jenem Freunde ein »Grüß' di Gott! Servus!« zu, tauschen ihre kritischen Meinungen über die gestrigen Vorstellungen der verschiedenen Bühnen, erzählen sich Stadtneuigkeiten und neue Witze, verabreden sich wegen des Nachmittags, und sehen endlich nach der Uhr, ob noch Zeit sei, drei Partien Billard zu spielen.

»Vierzehn Buben! Vierzehn Könige!«

Wo kamen diese Worte her, die jenen Mann mit der Brille erbeben machen? Aus dem Nebenzimmer. Hier spielen schon zwei Leute Piquet und machen dabei eine so wichtige Miene, als förderten sie das Wohl des Staates, wenn sie einen Sechziger oder einen Neunziger zustande bringen. An ihrer Seite liegen schwarze Täfelchen, auf welchen sie mit weißer gespitzter Kreide den Gewinn notieren. Alles ist so bequem wie möglich eingerichtet; auch der kleine Schwamm zum Löschen fehlt nicht. O Norddeutschland, wie weit bist du trotz deiner Gelehrsamkeit noch zurück! In deinen »Restaurationen« muß man auf den Tischen schreiben und mit den Fingern löschen!

»Feuer!« erschallt es aus jener Ecke; der Marqueur fliegt mit einem brennenden Fidibus herbei und zündet die neugestopfte Pfeife an. »A Packel Tabak!« tönt es von dort, und der Diener aller Herren schließt sein kleines Kabinett auf, und bringt das Begehrte mit schnellen Füßen. Dann dreht er sich um, hilft jenem Stutzer den Rock ausziehen und hängt ihn auf. Das heißt: den Rock.

So, ohne besonders laut zu werden, vergehen die Stunden des Vormittags; wenn aber die niedliche Clio auf weißgedeckten Tischen Suppe, Gemüse, Mehlspeise und Braten gegessen, dann gewinnt das Kaffeehaus einen andern Charakter, es lärmt und tobt, wirrt und summt, wird lebendig wie ein Ameisenhaufen.

Schauen wir zuerst den Billardspielern zu, und treten dann von Tisch zu Tisch.

Zwei Herren, die mit ihren feinen, schneeigen Hemden kokettieren, spielen die Kegelpartie. Es handelt sich hier um den Sturz des Königs und seiner Umgebungen. Der eine Herr hat schon zehn Mal über sein heutiges Pech geschimpft, legt bei jedem glücklichen Stoße seines Gegners das Gesicht in Falten, läuft mindestens zwei Mal um das ganze Billard, bevor das Spielen an ihm ist, stößt schnell zu, ohne zu visieren, und verläßt kein Auge von der grünen Flur. Der andere hingegen ist viel vorsichtiger, viel bedächtiger. Ohne sich durch die üble Laune und Unruhe des Mitspielers im geringsten inkommodieren zu lassen, kreidet er zuvörderst die Spitze des Queues, bis kein Pünktchen des Leders hervorschimmert; dann wirft er einen ungemein ruhigen Blick über das Schlachtfeld, fragt den Marqueur, wie die Partie steht, bückt sich dann ein wenig, legt das Queue auf den Bock seiner Hand, und ist nun bis zum Visieren gelangt. Nun visiert er. Der Gegner trippelt schon lange bei dem Balle umher, auf welchen jener künftig seine ruhige Wut loslassen wird; er kratzt sich in den Haaren, und wartet und wartet, bis sich endlich drüben eine Bewegung ereignet, und die Bälle zusammenschlagen. »Aah!« ruft er dann und sein Gesicht wird glühend rot, »das ist ungeheuer! Nein, das ist merkwürdig! Solch eine Sau!« – »Ja«, antwortet der andere drüben, »das war eine Sau!«

In Norddeutschland ist man, bis auf die Studenten, anderer Meinung. Man hält dort diejenigen Bälle, welche durch Zufall gehen, für Füchse. Ich habe lange darüber nachgedacht und viel gelesen, um zu erforschen, welche von beiden Meinungen die richtige sei, und ich muß mich, ohne meinem Vaterlande zu nahe treten zu wollen, für die südliche Meinung erklären. Denn Raffs Sau sagt in seiner Naturgeschichte mit schlichten Worten: ich lege mich zuweilen in ein Loch usw. Vom Fuchs ist dergleichen nicht bemerkt.

Die Sau gehört überdies zu jener Klasse von Tieren, deren Fleisch den Menschen als Nahrung dient, namentlich denjenigen Menschen, welche sich nicht zur mosaischen Religion bekennen, oder deren Gesetze nicht halten. Das Fleisch des Fuchses aber ist ungenießbar. Auch insofern muß man es gerecht nennen, daß die Österreicher die Sau dem Fuchse vorziehen, und lieber mit ihr einen glücklichen Zufall bezeichnen, als mit jenem.

Hier im zweiten Saale spielt man gleichfalls Billard, also gehen wir direkt nach dem dritten. Wir sind hier auf dem babylonischen Turme; die Sprachverwirrung ist ohnegleichen.

»Fünf und Sieben? Ich muß kaufen!«

»Deux honneurs und zwei Trick!«

»Gardez la reine!«

»Feuer!«

»Erlauben Sie, ich hatte den Skis!«

»Warum gab n's nit den Caval?«

»Melange und eine gestopfte Pfeife!«

»Ich hatte ja die Dame blank!«

»Wem gehört dieser Stich?«

»Ananas und Erdbeer!«

»Hier ist kein Schwamm, Marqueur!«

»Gewaschen! Sie bezahlen's Kartengeld!«

»Zahlen, Marqueur!«

»Präferanzel!«

»Schach dem Könige! Matt!«

»Noch a Glasel Wasser!«

»Ultimo!«

»Ha, ha, ha! Klein Schlemm!«

»I bin Domino; löschen's aus den Strich!«

»Jesus Maria Joseph! Se spielen Piquet? Aah, daas is z'toll! I hab' Ihne drei Mal Piquet zug'worfen! Ne, das ist z'toll! Die Stiche waren alle unser!«

»Aber, erlauben Sie mir! ich dachte, Sie hätten kein Coeur mehr, weil Sie vorher die Dame fortwerfen?«

»Na richtig! Darum mußten's eben Coeur spielen! Wann die Feind' d'Buben und d'Zehne g'habt hätten, hätten's lange g'spielt!«

»Carl, beruhige dich! Du präliminirst!«

»Zahlen, Marqueur!«

Die Glocke schlägt sechs; es wird nach und nach stiller. Die meisten Kaffehausgäste ziehen ihre Röcke wieder an, zahlen das Verzehrte, reichen sich die Hände und gehen in die Theater; ein großer Teil in die Bierhäuser, nur wenige bleiben sitzen und spielen sich satt. Wir gehören zum großen Teil und gehen mitsammen ins Bierhaus.

Die Bier- und Gasthäuser sind durch grüne Tannenreiser bezeichnet, weniger elegant eingerichtet und äußerlich meist so unscheinbar, daß sich ein preußischer Hofrat sicher genieren würde, sie zu besuchen. Wird er aber dennoch bewegt, in die Katakomben der Nüchternheit einzutreten, so fährt er erschrocken zurück, denn zunächst der Türe, sitzen in Hemdsärmeln und geflickten Röcken: Fiaker, Hausknechte, Trödler, Bauerweiber usw. »Hier!« ruft er unwillig und schlägt sich vor die Brust, daß der rote Adlerorden vierter Klasse wackelt, »hier unter diesem Gesindel soll ich mit meinem wohlerworbenen Titel und Orden verweilen? Solcher Glanz in dieser niedern Hütte? Nein, beim Zeus und bei allen Verdiensten, die ich um den Staat habe, das kann ich nicht!«

»Aber, lieber Herr Hofrat, sein Sie doch gescheit! Glauben Euer Wohlgeboren denn, daß die Wiener Plebejer so roh und ungeschliffen sind als Ihre Berlinischen? Euer Wohlgeboren irren sich; der Schnaps hat ihre Seelen noch nicht vergiftet! – Sehen Sie nicht jene feingekleideten Damen dort in der andern Stube; hören Sie nicht ihr lautes Gelächter über die Scherze jener Herren, deren wir uns wahrlich nicht zu schämen brauchen? Sein Sie kein Hofrat, Herr Hofrat, und kommen Sie!«

Noch ist der Besitzer des roten Adler-Ordens vierter Klasse unschlüssig; da naht ein flinker Kellner, verbeugt sich artig und fragt: »Euer Gnaden befehlen? Wollen's Ihne nit setzen, gnäd'ger Herr?« und der geschmeichelte Zivilbeamte macht weiter keine Umstände und folgt uns in das andere Zimmer.

Wir setzen uns und nehmen zuerst die Speisekarte zur Hand. Sie werden bemerken, mein bester Herr Hofrat, daß diese in Wien »Speise-Tarif« benannt ist; alles, was den Bedürfnissen des Leibes angehört, wird hier großartiger als in Preußen behandelt. In Preußen behandelt man dagegen die Bedürfnisse des Geistes großartiger, einziger Herr Hofrat! Dort ist das Land flach, hier das Wissen. Euer Wohlgeboren lächeln beifällig. O wie freue ich mich, daß dieser dumme Witz vor Euer Wohlgeboren Ohren Gnade gefunden. »Aber, was befehlen Sie? Ist Ihnen vielleicht »Lumpelstrudelsuppe« gefällig, oder wollen Sie »Junggansel?« »Böhmische Dalken« stehen Ihnen auch zu Diensten, ebenso auch »Esterhazy-Lungenbraten«. Wenn Sie durchaus »Kälbernes« haben wollen, so muß ich um genaue Angabe bitten: »Hinteres« oder »Vorderes!«

So reißen doch Euer Wohlgeboren den Mund nicht so weit auf; wir haben ja noch nichts!

Herr Hofrat, vielleicht interressiert Sie ein »Wespennest«, oder essen der Herr Besitzer des roten Adlerordens vierter Klasse lieber einen »Scheiterhaufen«? Ich bitte nur zu sagen, ob Sie »Schöpfernes« belieben, »kleine Vögerl«, »gebackene Händel«, oder einen »Rostbraten«?

Richtig, Rostbraten! Das ist ein herrliches Gericht, das wird Ihnen, trotz Jagor, Meinhardt und Beyermann, trefflich munden. Ägidius, komm mal her! Bringe uns zwei Rostbraten, aber ja vorzüglich gut! es ist ein preußischer Hofrat hier, mit einem roten Adlerorden vierter Klasse. Mit Zwiebeln und gebratenen Erdäpfeln; von beiden nicht zu wenig, verstehst? Im einzelnen der Rostbraten nicht zu fett, und im ganzen etwas scharf gebraten.«

»Befehlen's Bier oder Wein?«

»Gott bewahre, nur kein Bier! Das Bier ist Deutschlands Fluch; es macht gleichgültig, träge und zuletzt dumm. Herr Hofrat, Sie trinken vielleicht Bier? Königs, Märzen oder Ächtes? Bringe nur Königsbier, Ägid, und mir bringst a halb Maaß Gumpoldskirchner und a frisches Wasser!

Schauen Sie! Neben uns sitzen sich zwei Herren gegenüber, die den berühmten Zigarren-Tausch beginnen. Ich erinnere Euer Wohlgeboren daran, daß die österreichische Regierung den Tabak selbst fabriziert und weder den Dampf reiner ausländischer noch ungarischer Blätter vertragen kann, oder wenigstens nur gegen furchtbare Angaben. Da nun aber, wie Seine Majestät der Kaiser von Rußland, Nikolaus I., in seiner berühmten Rede an die Munizipalität der Stadt Warschau äußerte, keine noch so gute Polizei imstande ist, jede Verbindung der Einwohner mit dem Auslande zu unterdrücken, und da die kaiserlichen Zigarren so nichtswürdig schmecken, daß ein nicht total patriotischer Gaumen sich gegen sie bäumt, so können sich der Herr Hofrat wohl denken, wie viele feine Zigarren eingeschmuggelt, geraucht werden, und in welchem Range sie hier stehen. Ich gebe Euer Wohlgeboren mein Wort, daß den jungen Wiener Bonvivants, die keine Ahnung von wahrhaften Verdiensten um Menschenwohl haben, ein halbes Dutzend Zigarren lieber sind, als ein ganzes Dutzend preußischer Hofräte. Sehen Sie selbst, wie wichtig die beiden Herren hier den Tausch betreiben.

Sie haben eben das Geschäft des Abendessens beendigt, und schauen sich mit einem Male groß an. Was wollen Sie voneinander? Warten wir die Zeit ab. Ihre Mienen werden immer fragender, ihre Augen immer pfiffiger. Endlich lispelt der eine: »Haben's?«

Der andere antwortet nicht, sondern blinzelt nur freundlich mit den Augenlidern. Beide greifen in die Taschen und holen ihre Zigarrenbüchsen heraus; beide halten eine Zigarre hoch; der Tausch geschieht, und nun wird zur Besichtigung geschritten. Zuvörderst urteilen beide Herren über das Alter der Zigarren und nennen als ihren Geburtsort, wo sie gewickelt sind, Hamburg, Bremen usw. Dann halten sie die Röhren des Dampfes an das Ohr, drücken sie mit Zeigefinger und Daumen, horchen, ob die Blätter ein knisterndes Geräusch geben, und bekommen auf solche Weise Nachricht über das Alter derselben.

Nachdem auch diese Handlung vorüber, wird die Zigarre von dem Ohre getrennt und unter die Nase geführt. Hier erleidet sie Beriechung, und ist auch dieser Akt vorüber, muß sie die Feuerprobe bestehen. Man streift ihre Spitze sechs bis acht Mal durch das Licht und beginnt endlich zu rauchen.

Nach einer kurzen Pause, während welcher man sehr wichtige Gesichter schneidet, wird von beiden Richterstühlen freimütig und ohne Parteilichkeit das Urteil über die lieben Verbrecher gesprochen. »Die Ihrigen sind besser. Wo haben's her?« Der andere nennt den Kellner dieses oder jenes Gasthofes als geheimen Lieferanten, bedauert aber, daß er nur fünfzig Stück habe erhalten können.

Und, glauben Sie mir wohl, Herr Hofrat, daß der junge Herr da vielleicht morgen keine einzige Zigarre mehr hat? Irgendeiner von den Gästen zeigt ihn morgen an, und bevor er sich übermorgen aus dem Bette erhebt, pochen schon die polizeilichen Schnüffler an die Tür, durchsuchen sein ganzes Haus, reißen den Fußboden der Zimmer auf, wenn sie es für notwendig erachten, und nehmen alle Zigarren und jedes Blatt Tabak, sofern der Besitzer keinen Tezelschen Ablaß, keine Bollete vorweisen kann! Das ist wahrhaftig möglich, Herr Hofrat; Sie müssen aber trotzdem der kaiserlichen Regierung nicht zürnen, denn erstens ist der Kaiser selbst ein humaner, trefflicher Mensch, und zweitens – – da ist unser Essen, unser Rostbraten! Beißen Sie zu, Herr Besitzer des roten Adlerordens vierter Klasse!

Aber warum ziehen sich denn Euer Wohlgeboren den Rock nicht aus? Ich sehe, Ihnen ist warm geworden. Genieren Sie sich vielleicht der eleganten Damen wegen, die von jenem Tische ihre feurigen Augen strahlen lassen? Mein Gott, Herr Hofrat, die Engel gehen ja ganz splitternackt, und die Wienerinnen sind viel zu gutmütig, viel zu liebenswürdig, um einem Manne irgendetwas übel zu nehmen.

Eine Hausiererin tritt herein und bietet Lose zu einer kleinen Tabakspfeife feil; eine andere zu einem Gemälde; mit beiden wird ein wenig gescherzt. Wenig aber deutlich. Ein Hausierer hat Bürsten, Zahnpulver, Kämme, kleine Handspiegel, Feuerzeuge, Seife usw., ein anderer quält uns, Hosenträger, Krawatten, seidene Taschentücher und dergleichen zu kaufen. Sie werden alle äußerst grob behandelt und nicht immer mit Unrecht, denn viele von ihnen gehören zur –

Aber, Herr Hofrat, Sie werden ja blaß! Ängstigen Sie sich vielleicht, daß ich hier ungeniert spreche? O deshalb beruhigen Sie sich, edle, zärtliche Seele. Die österreichische Regierung glaubt, daß ihre Prinzipien zur Aufrechterhaltung eines so großen Landes und so heterogener Völker die weisesten sind; sie macht auch kein Hehl aus diesen Prinzipien, wie gewisse andere Regierungen, Herr Hofrat! Sie weiß, daß der freidenkende Ausländer vieles an ihr tadeln muß, was er vielleicht bei näherer Kenntnis als notwendig erkennen würde; sie verfolgt ihn deshalb nicht, sie achtet die heiligsten Rechte des Menschen mehr, als sie glauben macht. – Und das heiligste Recht des Menschen ist freie Mitteilung, freier Austausch seiner Ideen. Selbst die feindlichste Meinung gegen Gott ist kein Verbrechen; der gleichen Wahnsinn findet keine Anhänger. Ein kräftiger, gesunder Staat bestraft niemals Meinungen; nur wo wunde Stellen berührt werden, empfindet man Schmerz und rächt sich! – Herr Hofrat, nicht doch, nicht doch! Ermannen Sie sich doch! Sie werden noch viel politisieren hören.

Hier im Bierhause hat der Wiener Ruhe zum Politisieren; hier ist er der echte deutsche Kannengießer. Weder die Musik der Reunionen stört ihn, noch die klappernden Billardkugeln und Domino-Steine der Kaffeehäuser; hier rücken sie so nahe zusammen, daß sie ihre Bierkrüge kaum unterscheiden können. Die älteren Leute sind lebendig und trumpfen mit der Hand auf den Tisch, die jüngeren sind ein wenig phlegmatisch; läßt sich aber aus irgendeiner Ecke ein Philister hören, so kann man sich darauf verlassen, daß es ein Böhme oder ein Ausländer ist.

Euer Wohlgeboren können auch hier nicht, wie in Preußen, an den Mienen sehen, welcher Beamte hundert Taler mehr hat; ebensowenig treten jene Offiziere so anmaßend und brutal wie die meisten preußischen auf, die schon fünf Jahre dienen. Hier gibt es auch keine adeligen Laffen, die in jeder öffentlichen Gesellschaft über alles die Nasen rümpfen und ihre schafsköpfigen Bemerkungen machen. Hier ist's, beim Himmel, besser sein als bei Ihnen, Herr Hofrat, und wenn auch statt des Fidibus hier Holzspäne zum Anzünden der Pfeifen stehen. Man schreibt hier nicht so viel und so frei, wie in Preußen, aber man lebt hier mehr und freier. Die Holzspäne sind unter dem Herde gefunden worden.

Die Theater sind aus; der Tabaksdampf wird stärker; die Köpfe drängen sich dicht zusammen. Man hört's hier und dort, daß die Löwe und die Henkel vortrefflich gesungen haben, daß Scholz ungeheuer komisch, und die neue Posse spottschlecht war. Man hört ferner »Würstel mit Kreen!« rufen, zwanzig andere Speisen, die Rede O'Connels in der Allgemeinen loben; man hört, wie gern sich die Wiener schrauben und aufziehen, und sieht, wie bald sie sich wieder die Hand drücken und mit einem Kusse die alte Freundschaft besiegeln. Sie sehen, Herr Hofrat, wir selber sind in das laute Gespräch gezogen und werden von diesen fröhlichen, gemütlichen Menschen behandelt, als wären wir seit Jahren an ihrem Tische.

Paff !

Das war ein Champagnerpfropfen, der eben knallte. Herr Besitzer des roten Adlerordens vierter Klasse, jetzt wird die Sache für Sie etwas kitzlich. Ich versichere Ihnen, daß die Unterhaltung in wenigen Minuten einen so liberalen Charakter annimmt, wie ihn Euer Wohlgeboren in Rücksicht auf Ihre amtlichen Rücksichten nicht vertragen können. Der heilige Geist des Jahrhunderts entflammt die gefesselten Zungen; die Throne aller Despoten wanken und brechen; den Männern zu England, Spanien und Frankreich, welche die freie Presse aufrecht halten, wird ein jubelndes Vivat gebracht; den Schuften, welche gegen die Freiheit der Völker schreiben, ein Pereat; das Gottesblut, der Champagner, begeistert die Herzen; man umarmt sich brüderlich im Namen der ganzen Welt: des deutschen Mannes schönste Stunde ist gekommen! –


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