Otto Gildemeister
Essays - Erster Band
Otto Gildemeister

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Allerhand Nörgeleien

I.

(1890)

Am 26. Oktober las man in allen großen Zeitungen Europas Artikel, in denen die Zahl neunzig eine Rolle spielte. Es war der Geburtstag Moltkes. In der Beurteilung des Mannes herrschte größere Übereinstimmung als in der Behandlung seines Lebensjahres. Die deutschen Blätter, wenigstens die meisten, druckten »90 Jahre«, die Franzosen und die Engländer druckten »quatre-vingt-dix ans« und »ninety years«. Auch im Setzerzimmer gibt es Regeln guter Lebensart wie im Salon. Wie ein wohlerzogener Mann den letzteren nicht im bequemen Hauskleide betritt, so vermeidet der gebildete Setzer es, in einem Schriftwerke vornehmeren Ranges die bequemen Abkürzungen und technischen Zeichen anzubringen, die in Hausbüchern, Marktberichten und statistischen Tabellen an ihrer Stelle sein mögen. Zu diesen nichtsalonfähigen Zeichen gehören, nach der in Paris und London geltenden Anschauung, auch die Ziffern, namentlich die arabischen. Man druckt sie nur da, wo ein Datum, eine Jahreszahl oder eine exakte arithmetische Angabe, die in Buchstaben unübersichtlich sein würde, in Frage kommt. In einem räsonnierenden Artikel, einem Essay, einem Geschichtswerke, vollends in einem Romane oder in einem Dichtwerke englischer oder französischer Sprache wird man – abgesehen von den obenerwähnten Ausnahmefällen – die arabischen Ziffern selten oder nie antreffen. Früher war es in Deutschland ebenso oder ähnlich. Erst in neuerer Zeit hat sich eine Vorliebe für die Ziffern entwickelt, die unserer Literatur, zumal in Zeitschriften, das Ansehen von Rechenbüchern gibt. In einer großen Zeitung las ich kürzlich:

»Das hohe neuvermählte Paar traf gleich nach 2 Uhr ein. Die Glocken ertönten und 21 Salutschüsse wurden gelöst. Das hohe Paar fuhr vom Bahnhofe in geschlossener Galakutsche, unter Vorantritt von 200 Bauern, durch die festlich geschmückten Straßen nach dem Schlosse, wo ein Galadiner von 120 Gedecken stattfindet.«

In einem solchen Reportermachwerke, das die ästhetischen Gefühle nicht lebhaft erregt, mag das hingehen; aber ähnliche Druckweise wuchert leider auch in anspruchsvolleren Schriftstücken. Ich finde in deutschen Novellen und Romanen Stellen wie diese: »Wie alt sind Sie denn? fragte die Gräfin. Leonhard antwortete: 37 Jahre. Nun, versetzte die Gräfin, warten Sie, bis Sie 45 zählen; da ist es früh genug, über die Vergänglichkeit der Dinge nachzudenken.« – »Nehmen Sie einmal Ihre 5 Sinne zusammen.« – »Tief im Walde stand eine Eiche, die 1000 Wintern getrotzt hatte.«– »Freilich, mit der Blüte dieser 18 Lenze konnte die ältere Künstlerin den Wettkampf nicht bestehen.« – »Du sagst, daß du in der Luft der Hauptstadt erstickst; lächerlich, der Mensch braucht nur 15 Kubikmeter täglich, um zu atmen.«

Der zuletzt zitierte Satz mit den Kubikmetern führt auf den wahren Grund, weshalb der Gebrauch der arabischen Ziffern in künstlerisch oder literarisch gehobener Schreibweise Mißfallen, leiseres oder deutlicheres, erregt. Sie tragen einen technologischen Charakter an sich, der an die Schulstube, das Kontor und das statistische Amt erinnert und die Harmonie des Stils, wenn auch nur durch das Auge, stört. In dem aus Buchstaben gewobenen Text nehmen sich die arithmetischen Schulzeichen wie Klexe aus, ungefähr wie auf einem Rasenplätze die gelben Sterne der gemeinen Butterblume, Leontodon taraxacum.

Wer dies allzu subtil finden möchte, den frage ich, was er zu nachfolgenden Beispielen sagen würde. »Es zogen 3 Bursche wohl über den Rhein.« – »Wir haben 16 Fähnlein aufgebracht, lothringisch Volk.« – »Räuber Moor: Ich erinnere mich, einen armen Schelm gesprochen zu haben, der im Tagelohn arbeitet und 11 lebendige Kinder hat... Man hat 1000 Louisdor (oder Ldor) geboten, wer den großen Räuber lebendig liefert. Dem Manne kann geholfen werden.« – »Lamech sprach zu seinen Weibern: Kain soll 7 Mal gerochen werden, aber Lamech 77 Mal.« – »Da aber David wiedergekommen war von der Philister Schlacht, sangen die Weiber gegeneinander und spielten und sprachen: Saul hat 1000 geschlagen, David aber 10 000.«

Die Dissonanz zwischen poetischem Inhalt und geschäftlichem Negligé springt hier so grell hervor, daß auch der Stumpfsinnige sie empfindet. Er fühlt die Geschmacklosigkeit nicht mehr, wo der Kontrast etwas schwächer wirkt. Die Geschmacksregel selbst ist aber für Prosa die nämliche wie für Poesie: sobald sie in die Öffentlichkeit tritt, muß sie ein anständiges Gewand anlegen, und wenn die Schriftsteller selbst auf solche Kleinigkeiten nicht achten, so muß die Druckerei sich's angelegen sein lassen, die korrekte Toilette herzustellen. Das gehört zur Handwerksehre.


Wenn ich Druckereibesitzer wäre, würde ich mich aufs äußerste dagegen wehren, Zeitschriften oder gar Bücher in Oktav zweispaltig zu drucken. Bei Folio- und Quartformaten ist die Einteilung der Seite in zwei oder mehr Spalten, an sich immer ein Übel, nicht zu vermeiden, und wenn nur die einzelne Spalte so breit ist wie der bedruckte Raum gewöhnlicher Bücher, so gewöhnt sich das Auge leicht, beim Lesen sich auf die eine Spalte, die es gerade durcheilt, zu konzentrieren. Wenn aber die Seite einer Zeitschrift ungefähr so breit ist wie die eines gewöhnlichen Buchs und sie dann noch halbiert wird, so wird die Spalte für das Auge zu schmal. Nicht allein wiederholt sich zu schnell der Sprung von Zeile zu Zeile, sondern die Sehfläche des Auges greift auch beständig auf die Nebenspalte über, und es bedarf einer gewissen Anstrengung, die Aufmerksamkeit auf die eine Spalte allein zu richten und nicht allerlei Buchstabengruppen, die zur Seite tanzen, mitzusehen, zumal wenn in der Nebenspalte gesperrte Schrift den Blick anlockt. Soviel ich weiß, sind es lediglich Sparsamkeitsrücksichten, die das Drucken in zwei Spalten veranlassen. Bis man mich aber eines besseren belehrt, muß ich annehmen, daß die so erzielte Raumersparnis äußerst geringfügig ist und nicht entfernt die Störung des Lesers aufwiegt. Mir scheint diese Raumknickerei ein Survival aus verschollenen Zeiten, wo das deutsche Publikum zu arm war, seine literarischen Speisen sich in anständigen Schüsseln servieren zu lassen. Wenn man den etwas erhöhten Raumbedarf durch Weglassung einiger überflüssiger »vermischter Notizen« einbrächte, würde vermutlich nicht ein einziger Leser sich nach den zwei Spalten zurücksehnen.

Eine andere häufige Sünde deutscher Zeitschriften fällt weniger den Druckern als den Redakteuren zur Last. Ich meine die liederliche Art, wie bei Einteilung der durch mehrere Nummern fortgesetzten Schriftstücke, Feuilletonromane, Abhandlungen und dergleichen verfahren wird. Gewöhnlich regiert dabei nur der Meßstock; man hackt den Artikel ab, wenn der berechnete Platz zu Ende ist, mitten in einem Gespräche, mitten in einem Gedanken, und man fängt in der nächsten Nummer die Fortsetzung wieder an, ohne im geringsten sich darum zu kümmern, wie der Leser sich in den Zusammenhang zurückfindet. In französischen und englischen Zeitschriften kommt diese Art fragmentarischer Mitteilung, wenn schon seltener, doch häufig genug vor, um eine dabei beobachtete Regel erkennen zu lassen, die Regel nämlich, daß jedes Fragment ein kleines Ganzes für sich bildet, jedes Stück der Erzählung mit einem Ruhepunkt, jedes Stück Abhandlung mit einem fertigen Gedanken abschließt, und daß die Fortsetzung demgemäß mit dem vollen Tone einer wirklichen Weiterführung anhebt, nicht bloß wie ein zufällig abgeschnittener Brocken sich ausnimmt.

Man schlägt eine angesehene deutsche Zeitung auf; ein Artikel mit der Bezeichnung »Fortsetzung« behandelt irgend ein gelehrtes, künstlerisches oder literarisches Thema; er beginnt mit folgenden Worten: »So wenig wir gegen den letzten Satz etwas einzuwenden haben, so große Bedenken erregt uns der vorhergehende.« Und so geht es Zeile um Zeile weiter, ohne daß man sieht, wovon eigentlich die Rede ist. Oder der Artikel beginnt: »Hier ist nun aber wohl zu unterscheiden: um den Gedankengang des Verfassers richtig zu verstehen, müssen wir eben die angeführten Worte aus dem Höfischen ins Deutsche zurückübersetzen.« Oder so: »Gerade das Gegenteil traf ein, nicht er überzeugte den Freund, sondern der Freund ihn.« Diese Zitate sind wirklichen Blättern entnommen. Ebenso die nachstehenden Anfänge von Romanfeuilletons, das heißt Anfänge von Fortsetzungen:

»Sie fiel ihm ins Wort: Sind Sie dessen so sicher? – Verstehen Sie mich nicht falsch, antwortete er lächelnd.«

»Darauf war er nun durchaus nicht vorbereitet. Aber er faßte sich schnell und sagte.«

»Jawohl, wir Weiber sind nun einmal Barbaren, rief sie vom Sessel aufspringend.«

»Natürlich war es nun verschüttet. Eine solche Äußerung konnte nie verziehen, nie wieder gut gemacht werden.«

»Über diesen Einfall mußte ich denn doch trotz meines Kummers herzlich lachen.«

Ich will das Verzeichnis nicht weiter fortsetzen; in jeder Zeitungsnummer kann, wer Vergnügen daran findet, Beispiele dieser Gattung finden. Man kann allerdings sagen: volenti non fit injuria; wer einwilligt, sich einen Roman einflößen zu lassen wie Arznei, täglich zwei Löffel, der hat keinen Anspruch auf künstlerische Anordnung der Portionen. Das will ich denn auch nicht bestreiten; aber es ärgert mich, daß die Redaktionen nicht selbst den Trieb haben, für eine vernünftige Ordnung zu sorgen. Warum geschieht es anderer Orten, und nur bei uns nicht? Wenn es mit einem nationalen Fehler, wie ich glaube, zusammenhängt, nämlich mit einem gewissen Mangel an Formsinn, so sollte man um so achtsamer dieser Schwäche der Natur entgegentreten.

Ein Beleg für den obenerwähnten Mangel sind auch die unbeholfenen Namen, die in unserer periodischen Presse, und soviel ich sehe, nur in unserer, vorkommen. Namen, die man ohne Unbequemlichkeit nicht zitieren kann, wie Am häuslichen Herd, Im neuen Reich, Zur guten Stunde, Über Land und Meer, Vom Fels zum Meer, und dergleichen mehr. Diese Namen haben weder Genetiv, noch Dativ, noch Akkusativ, und mit einer Präposition lassen sie sich gar nicht konstruieren. Wenn ich sagen will, daß ich in einem dieser Blätter etwas Gutes gelesen habe, so muß ich mich erst besinnen, wie ich das anfangen soll. »In Zur guten Stunde« läßt sich nicht aussprechen. Wenn ich »auf Über Land und Meer« abonnieren will, begegnet mir dieselbe Schwierigkeit, und da lasse ich's lieber. Es ist einfacher, auf die »Illustrierte Zeitung« zu abonnieren. Ohne sprachliche Barbarei kann man sich nicht erkundigen, wer der Herausgeber »von Von Fels zum Meer« sei, noch Wohlgefallen »am Am häuslichen Herd« finden. Derartige Namen sind wie Henkel am Topf, die man nicht mit den Fingern umspannen kann. Ein Franzose würde sie aus Geschmack, ein Engländer aus geschäftlichem Instinkt vermeiden.

Seit einiger Zeit haust in Deutschland eine Vandalenhorde, die es als einen Vorzug betrachten wird, daß man die oben erwähnten Titel nicht deklinieren kann. Denn sie verschmäht es hartnäckig, diejenigen Titel, die einen beugungsfähigen Artikel führen, anders als im Nominativ zu gebrauchen. Sie sagt, schreibt und druckt z. B. statt ein Artikel der Kreuzzeitung, der Herausgeber der Nation u. s. w. ein Artikel von »die Kreuzzeitung«, der Herausgeber von »die Nation«: es steht in »Kölnische Zeitung«. Auch Titel von Büchern, Dramen und Gedichten behandelt sie so; das kommt in »der Taucher« vor; man spielt »der zerbrochene Krug«; man liest »der Geisterseher«. Wahrscheinlich stehen wir hier einer Unzurechnungsfähigkeit gegenüber; aber es ist mir doch zweifelhaft, ob außerhalb Deutschlands ähnliche Tollheiten selbst von Unzurechnungsfähigen verübt werden können. Der Respekt vor der Muttersprache würde einen französischen Narren immer in gewissen Schranken halten.


Respekt vor der Muttersprache. Ich erinnere mich wohl, daß englische und französische Oppositionsblätter ab und an den Stil und selbst die Syntax einer Thronrede, eines ministeriellen Erlasses, eines Gesetzes stümperhaft genannt haben, ich glaube aber nicht, daß man solchen vornehmen Schriftstücken jemals einen gewöhnlichen grammatischen Fehler, eine unrichtige Deklination, einen falschen Pluralis vorgerückt hat. Der preußische Minister des Innern lud neulich in einem Zirkulär »die Herren Mitglieder« des Landtags zur Eröffnungssitzung ein. Ich möchte wissen, ob man im Singular sagt: das Herr Mitglied oder der Herr Mitglied. »Die Herren Eltern« habe ich wohl einmal sagen hören, aber das war im Spaße.

Das deutsche Reichsgesetzblatt sündigt in jeder Nummer gegen die deutsche Grammatik. Es druckt regelmäßig die Schlußformel so: »Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel.« Natürlich muß es »Kaiserlichem« heißen. Hier könnte man einwenden, daß der Kaiser über grammatische Vorschriften erhaben sei, Caesar supra grammaticam; aber das Privilegium erstreckt sich doch nicht auf das Reichsamt des Innern, das den Abdruck der Reichsgesetze zu besorgen hat. Es versteht sich, daß Seine Majestät für diesen falschen Dativ so wenig verantwortlich ist, wie der Herr Minister des Innern für den falschen Pluralis. Die Schuld liegt an den Kanzleien.


Kanzleien gehörten einmal zu den Stätten, an denen man gutes Hochdeutsch lernen zu können glaubte. Das ist aber schon lange her, mehrere hundert Jahre. Heute gilt das Kanzleideutsch für nicht nachahmenswürdig. Aber gleichwohl üben Schreibweise und Sprachgebrauch der Behörden heutzutage einen sehr merklichen Einfluß auf weitere und auch auf literarische Kreise aus. Zeitungsreporter und Parlamentsredner (namentlich die Juristen und die Beamten) gefallen sich in den Wendungen und Kunstausdrücken der offiziellen Berichte und Akten; die Zeitungsredaktionen und Korrespondenten folgen ihnen auf diesem Wege; die anderen Schriftsteller, die ja täglich ihre Zeitung lesen, eignen sich unbewußt die häßlichen Manieren an, und der neue Stil, den man nicht unpassend »den papiernen« genannt hat, bürgert sich allmählich so allgemein ein, daß das Publikum sich an ihn gewöhnt und seine Häßlichkeiten gar nicht mehr empfindet. Wie die im mündlichen Verkehr üblichen einfachen und behenden Wörter in der Schrift nach und nach von anspruchsvollen und unbeholfenen verdrängt werden, davon könnte ich, aus leider sehr langjährigen Beobachtungen, massenhafte Beispiele liefern. Ich will mich auf eins beschränken, eins der garstigsten, auf das Wort »beziehungsweise«. Vor vierzig Jahren existierte es noch nicht; Jakob Grimm hat es noch nicht gekannt; im ersten Bande des Wörterbuchs (1854) sucht man es vergebens. Heute droht es die alten Partikeln und und oder aus dem schriftlichen Gebrauch zu verdrängen. Im Gespräche verwendet es niemand, aber in Zeitungen, Broschüren, Büchern wimmelt es davon, gar nicht zu reden von Gesetzen und dazu gehörenden Motiven. Daß es ein schönes Wort sei, wird wohl niemand behaupten, es ist schleppend, breitspurig, schwerfällig wie kaum ein anderes. Höchstens läßt sich ihm nachrühmen, daß es richtig gebildet ist, nicht geradezu undeutsch, wie »beziehentlich«, das von einigen Querköpfen für das alte lateinische Kanzleiwort respective gebraucht wird.

Respektive war an sich ebenso barbarisch wie beziehungsweise, aber es trug seine Barbarei an der Stirn. Es eignete sich nicht für den literarischen Stil; man überließ es den Juristen und Beamten. Unglücklicherweise zog es die Aufmerksamkeit der Puristen auf sich und reizte ihren Verdeutschungstrieb, der uns mit dem vaterländischen Laute »beziehungsweise« beschenkt hat. So für den allgemeinen Gebrauch zugerichtet, hat das Flickwort seinen Siegeszug durch die deutschen Lande angetreten. Man hat ein exotisches Unkraut akklimatisiert, und nun bedeckt es Felder und Auen. Offenbar fließt es vielen Leuten von selbst, ohne daß sie sich etwas dabei denken, aus der Feder, und sie bedürfen schon einer besonderen geistigen Anstrengung, um das natürliche »und«, »oder« zu setzen. Wenn man darauf achtet, so wird man finden, daß in neunundneunzig Fällen unter hundert die alten Partikeln ausreichen, und daß im hundertsten Falle der Gedanke, den man durch »beziehungsweise« ausdrücken will, durch eine bessere Wendung des Satzes ebensogut und meistens besser ausgedrückt wird. Damit stimmt überein, daß Franzosen und Engländer ganz ungemein selten ihr respectivement oder repectively anwenden. Dieser letzte Satz würde in Neudeutsch lauten: »ungemein selten ihr respectivement, beziehungsweise repectively anwenden.« Man will damit dem Leser klar machen, daß er das eine Wort nur auf die Franzosen, das andere nur auf die Engländer beziehen soll. Aber ich glaube, wer das nicht von selbst tut, dem wird auch das »beziehungsweise« nichts helfen.

In einem Reisefeuilleton las ich neulich: »Vor dem Eintritt in den Garten mußten Damen und Herren bei dem Portier ihre Sonnenschirme, beziehungsweise Spazierstöcke ablegen.« Natürlich, der einfältige Leser könnte sonst glauben, alle Eintretenden hätten beides. Schirm und Stock, geführt oder die Herren Sonnenschirme, die Damen Spazierstöcke. Ein Artikel über die Blitzgefahr enthält den Satz: »Gibt es nun keine Mittel, diese Gefahr zu beseitigen, beziehungsweise wenigstens auf ein geringeres Maß zu beschränken?« Man streiche das Flickwort, und der Satz sagt genau dasselbe wie vorher. Aus dem neuen Militäretat wird berichtet: »Bei der Kavallerie und der reitenden Artillerie wird für die Rittmeister, beziehungsweise Hauptleute (statt und Hauptleute) je ein Dienstpferd gerechnet.« Aus einer großen Berliner Zeitung habe ich folgendes ausgezogen:

»Die Ausbildung in der Handhabung der Takelage hat heute einen sehr veränderten, beziehungsweise verminderten Wert gegen frühere Zeiten. Wir besitzen in den Dampferkorvetten, beziehungsweise Kreuzerfregatten und Kreuzerkorvetten eine mehr als genügende Zahl von Schiffen, welche die Ausbildung im Navigieren unter Segel ermöglichen. Mit der Ausscheidung aller getakelten Schiffe aus der Zahl der eigentlichen Kriegsfahrzeuge ist eine nicht unwesentliche Ersparnis an Unterhaltungskosten verbunden, beziehungsweise es werden zahlreiche Kräfte freigemacht zur Verwendung auf eigentlichen Kriegsschiffen.«

Ich verstehe zwar von Marinesachen nichts, aber so viel wage ich doch zu behaupten, daß dies dreifache »beziehungsweise« fehlen könnte, ohne die dem Laien hier gegebene Belehrung irgendwie zu ändern und zu beeinträchtigen.

Der König von Holland ist gestorben. »Er hatte zwei Söhne, Wilhelm und Alexander, die aber beide schon vor dem Vater, beziehungsweise im Jahre 1879 und im Jahre 1881 verstorben sind.« Beziehungsweise sterben muß eine harte Todesart sein. In gutem Deutsch wären die Prinzen diesem Schicksal entgangen; sie wären entweder »in den Jahren 1879 und 1881« oder (wenn man fürchtete, der Leser könnte glauben, sie seien jeder zweimal ums Leben gekommen) »jener im Jahre 1879, dieser im Jahre 1881 gestorben«.

Man findet, wennschon seltener, das Wort »beziehungsweise«, das seiner Natur nach ein Adverbium ist, auch als Adjektivum angewandt, »die beziehungsweisen Gesetzesstellen«. Aber in diese Abgründe der Roheit will ich nicht hinabsteigen.


Am Ehrentage Moltkes habe ich das Wort Exzellenz so unzählige Male gelesen, daß ich einen wahren Widerwillen dagegen bekommen habe. Exzellenz tönte es aus allen Telegrammen, Exzellenz aus allen Adressen, Exzellenz aus allen Gratulationsreden. Das Glückwunschschreiben des Bundesrats bestand zur Hälfte aus diesem einen Worte, aber auch die von minder hohen Kollegien verfaßten Festschriften zeugten von der Vorliebe, die der Deutsche dem Prädikate entgegenbringt. Selbst die Studenten rieben ihre Salamander auf Seine Exzellenz den Herrn Feldmarschall Grafen von Moltke. Bei alledem hatte ich ein gewisses Mißgefühl, wie man es empfindet, wenn man Zeuge einer unpassenden, wennschon harmlosen Handlung wackerer Leute ist. Mir kam es so vor, als ob es sich nicht recht schicke, einen Unsterblichen so anzureden, wie man die sterblichen Generalleutnants und Wirklichen Geheimräte anredet – an dem Tage, meine ich, wo ihm der Dank des Vaterlandes feierlich dargebracht wird. Im gewöhnlichen Leben geht es natürlich nicht an, den großen Feldherrn so zu nennen, wie die Geschichte ihn nennen wird; wer ihm einen Brief schreibt oder einen Besuch macht oder mit ihm Whist spielt, wird nicht umhin können, Exzellenz zu schreiben oder zu sagen. Aber was dem gewöhnlichen Verkehr angemessen ist, das eignet sich deshalb noch nicht für die große Zeremonie. Es gibt einen monumentalen Stil für die hohen Augenblicke des Lebens, und dieser monumentale Stil besteht zur Hälfte, nämlich von seiner negativen Seite, darin, daß er die alltäglichen, abgegriffenen Höflichkeitsformen beiseite läßt. Für einen Künstler und einen Schriftsteller ist es das Gegenteil einer Auszeichnung, wenn man öffentlich von ihm als »Herr X.« spricht; die Hervorragenden nennt man einfach »Böcklin«, »Gottfried Keller«, »Heyse«. Was im Umgange unhöflich wäre, wird im literarischen Stile höflich. Ein ähnliches Gesetz, aus ähnlichem Grunde erwachsen, gilt für das, was ich den monumentalen Stil nenne, für den Stil, den man auf Votivtafeln und in Adressen an historische Männer anzuwenden hat. Weil es sich um Prosa handelt, so wird dieser Stil sich zwar nicht völlig von der Sprache des gewöhnlichen Lebens entfernen können, aber ihre banalen Formen, zu denen alle Titulaturen gehören, muß er ebenso sorgfältig vermeiden wie den Pomp der Ode. Man beachte, daß die Ode, also die weihevollste und die poetische Form der Festschrift, mit der schwungvolleren Sprache die einfachste Art der Anrede verbindet: sie nennt den Gefeierten Du und mit seinem Familiennamen ohne Zusatz.

Von den ganz großen Namen fällt der Titel ab. Zwischen dem unvergänglichen Ruhm des einen und dem höchst irdischen Charakter des andern entsteht ein Kontrast, der komisch wirkt, – ein Beispiel mehr von der Nachbarschaft des Erhabenen und des Lächerlichen. Man denke sich, Schiller lebte noch und wäre am zehnten November neunzig Jahre alt geworden. Sicherlich würde es Adressen geregnet haben. Würden sie nach dem Muster der Moltke-Adressen gelautet haben? »Hochwohlgeborener Herr, Hochzuverehrender Herr Hofrat! Euer Hochwohlgeboren haben die deutsche Literatur mit einer Reihe von Werken bereichert, die Euer Hochwohlgeboren Namen den fernsten Zeiten ruhmvoll überliefern und für die Deutschlands geeinte Stämme Euer Hochwohlgeboren zu unvergänglichem Danke verpflichtet sind.« Ich gebe zu, daß das »Hochwohlgeboren« noch geschmackloser klingt als »Exzellenz«, aber es ist doch nur ein Unterschied des Grades; der eine Zopf ist etwas dicker als der andere.

Eine gute Festadresse zu verfassen, in gehobener Sprache und doch einfach, ehrerbietig und doch ohne die modernen Höflichkeitsformeln, ist nicht jedermanns Sache; aber man sollte denken, die Aufgabe sei am 26. Oktober leichter als gewöhnlich gewesen. Der würdige Gegenstand erlaubte es, »sonore Worte« zu gebrauchen, ohne der Gefahr der Übertreibung zu verfallen. Und unter dem Schutze der volltönenden Worte konnte man am ehesten das klangarme »Exzellenz« vermeiden.


In Frankreich tobt gegenwärtig der Kampf zwischen humanistischer und realistischer Gymnasialbildung kaum minder heftig als bei uns. In einer der unzähligen, aus diesem Anlasse erschienenen Abhandlungen fand ich zu meinem Verdrusse die Bemerkung, daß von den lebenden Sprachen die deutsche am wenigsten in Betracht kommen könne, für den Unterricht nämlich, »weil ihre Grammatik und Syntax nebelhaft sei«. Als Beweis für diese Behauptung wurde unter allerlei Mißverständlichem auch dies angeführt, daß es im Deutschen keine Regel für den Gebrauch der beiden Partikeln als und wie gebe. Man sage bald »röter als Blut«, bald »röter wie Blut«, bald »so lang als breit«, bald »so lang wie breit«, bald »er spricht nichts als Unsinn«, bald »nichts wie Unsinn«. Diese Beweisführung verdroß mich noch mehr, denn ich mußte mir sagen: der Mann hat recht. Das heißt, er hat recht, wenn man von dem nebelhaften Zustande der Praxis redet; da werden allerdings die beiden Partikeln von nachlässigen Schriftstellern fortwährend konfundiert. Aber er hat doch unrecht, wenn er meint, daß diese Gesetzlosigkeit der Sprache zur Last falle. Unser Gesetz ist ebenso gut und klar wie das französische: als für die Verschiedenheit, wie für die Gleichheit; als folgt auf den Komparativ und auf negierende Wörter, wie auf den Positiv und auf so und derselbe, der nämliche. Die Regel ist ausnehmend einfach und leicht zu befolgen; sie ist sogar noch einfacher und logischer als die französische Unterscheidung zwischen que und comme. Allein dadurch wird unser Fall nicht besser. Mit Recht wird der Franzose mir einwenden: was nützt das Gesetz, wenn eure Schriftsteller es ungestraft brechen? Wie können wir von unseren Gymnasiasten verlangen, eine Sprache zu lernen, deren Regeln im eigenen Lande nicht geachtet werden? In Frankreich wäre ein Schriftsteller und selbst ein Zeitungsschreiber, der comme setzte, wo que stehen muß, ganz unmöglich. Das kleinste Käseblatt würde nichts von ihm annehmen.

Einer unserer berühmtesten Modernen, der siegreich selbst mit den Norwegern konkurriert, schildert uns ein von Mitleid beseeltes Auge mit den Worten: »In seinem Blicke las ich nichts wie Erbarmen.« Das ist das Gegenteil dessen, was er meint; er meint »nur Erbarmen« und er sagt: »nichts was aussah wie Erbarmen«. Ein Mäßigkeitsfreund sagt: »Wir müssen den Alkohol höher besteuern wie in der Schweiz,« und erst aus dem Zusammenhang ersehen wir, daß er uns die schweizerischen Steuersätze nicht als Muster empfehlen, sondern sie als nicht hoch genug bezeichnen will. Ein Verehrer Bismarcks behauptet, »daß niemand die deutsche Frage hätte lösen können wie Bismarck«. Das gibt einen guten Sinn, aber einen ganz anderen, als beabsichtigt ist. Denn er fährt fort: »Nur in ihm vereinigten sich die Eigenschaften, die das Werk erheischte.« Er wollte also sagen: »Niemand als Bismarck.« In den weitaus meisten Fällen, wo wie für als steht, erkennt man freilich sofort, daß ein Schnitzer vorliegt, aber darum sind diese Fälle nicht minder tadelnswert.

Wenn ich sage: das Gesetz ist ganz klar, so weiß ich sehr wohl, daß es nicht immer so gewesen ist. Aber seit Goethe und Schiller hat es sich bei allen sorgfältigen Schriftstellern so festgesetzt und die Logik steht ihm so kräftig zur Seite, daß seine Legitimität nicht mehr angefochten werden kann. Wie im Reiche der Sprache die Kämpfe zwischen altem und neuem Rechte sich vollziehen, gehört zu den geheimnisvollen Dingen. Es ist rätselhaft, wie es zugeht, daß die deutsche Sprache in den Urzeiten und das Mittelalter hindurch höchst korrekt und sauber die logischen Kategorien unterschied, für jede eine Partikel hatte, für die Komparativfälle denn, für die Vergleichung als, für die Frage wie, und niemals die eine mit der anderen verwechselte, genau so wie heute noch die Engländer than, as und how in scharfer Sonderung gebrauchen, und wie dann in einem Zeitalter höherer Bildung, im Jahrhundert der Reformation, auf einmal eine Verwirrung dieser schönen Ordnung eintrat, »Hauptgebrechen neuhochdeutscher Zunge« nennt Jakob Grimm sie, infolge deren das alte Denn vor dem Usurpator Als zurückgewichen und dieser wiederum von dem Frageworte Wie seiner bis dahin beherrschten Gebiete beraubt worden ist. Das Denn wird nur noch bei feierlichen Gelegenheiten aus seiner Zurückgezogenheit hervorgeholt und dem Volke gezeigt, wie ein entthronter König, dem der Hausmeister einige zeremonielle Vorrechte gelassen hat; die eigentliche Regierung führt heute das Als. Aber neuerdings sucht ein Eindringling ihm das neugewonnene Gebiet streitig zu machen: das Wie, nicht zufrieden, sich in vergleichenden Sätzen an die Stelle des Als gesetzt zu haben, trachtet, von der Gunst des großen Haufens getragen, nach der Herrschaft auch in Komparativfällen und ist, wie gesagt, bereits so mächtig geworden, daß es eine förmliche Nebenregierung aufgerichtet hat, zum großen Nachteil der guten Ordnung, die, kaum hergestellt, wieder ins Schwanken gerät. Wäre mit der Neuerung eine Verbesserung oder Bereicherung unserer Sprache verknüpft, so würde ich nicht konservativ genug sein, mich ihr zu widersetzen, umsoweniger, als ja beide Partikeln revolutionäre Usurpatoren waren. Allein das Gegenteil ist der Fall; die Neuerung macht die Sprache ärmer; sie nimmt ihr das Mittel, das sie jetzt besitzt, für zwei verschiedene Verhältnisse zwei verschiedene Konjunktionen anzuwenden: »größer als, ebenso groß wie.«

Man kann mir freilich manche Stellen aus guten Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts entgegenhalten, die dieser heilsamen Ordnung nicht entsprechen. Klopstock und Goethe gebrauchen mitunter noch »als« wie die Alten es gebrauchten, wo wir »wie« setzen:

»und der Geburten zahlenlose Plage droht jeden Tag als mit dem jüngsten Tage.«

Allein diese Altertümlichkeit ist nur ein Nachzucken der früheren gestürzten Ordnung, und sie schwindet mit dem Jahrhundert. Man kann sich auf sie nicht berufen, wie die Staatsrechtslehrer des neuen Reichs sich nicht auf den Westfälischen Frieden berufen können. Den vulgären und außerdem unhistorischen Gebrauch von »wie«, wo »als« stehen müßte, findet man bei unseren Klassikern vielleicht an sechs oder sieben Stellen, einmal bei Lessing, ein paarmal bei Voß, aber solche, der Feder entschlüpfende Nachlässigkeiten begründen keine Regel.


Die meisten Dinge, um die der Deutsche den Franzosen beneiden darf, gehören nicht gerade zu den höchsten Gütern der Menschheit, wennschon unter ihnen allerlei Schätzbares sich befindet. Am wenigsten wird man geneigt sein, auf wissenschaftlichem und gar auf philologischem Gebiete Ursache zu deutschem Neide, unseren westlichen Nachbarn gegenüber, zu vermuten. Und doch ist dies gerade mein Fall. Immer ärgere ich mich und schäme ich mich, wenn ich die stattliche Bändezahl des Wörterbuchs der französischen Sprache von Littré ansehe und mir die Frage vorlege, warum haben wir, die gelehrtesten und fleißigsten Lexikographen der Welt, nichts Ähnliches? Wir haben das Grimmsche Wörterbuch, aber es ist ein unvollendeter Bau, und auch wenn es fertig sein wird, nach Jahrzehnten vielleicht, wird es, darüber kann man sich nicht täuschen, dem Littréschen Werke sich nicht an die Seite stellen lassen. Ich urteile nicht über die wissenschaftlichen Werte, die das deutsche und die das französische Werk umschließt, obwohl ich glaube, daß auch in dieser Beziehung Littré nicht zu leicht wird erfunden werden. Ich vergleiche nur im Hinblick auf Anordnung, Übersichtlichkeit, Auswahl der Belegstellen, logische Entwickelung der Wortbedeutungen, Maßhalten zwischen zu großer Knappheit und Überfülle, kurz, auf alle die Eigenschaften, nach denen der nicht fachmännische gebildete Leser, wenn er über seine Muttersprache Belehrung sucht, zunächst fragt. In allen diesen Punkten ist das französische Werk unserem weit überlegen. Littré nachzuschlagen, sogar darin zu lesen, ist ein Vergnügen, in Grimm ist es eine Arbeit. Schon die typographische Ausstattung erleichtert das Studium des ersteren und erschwert das Studium des letzteren. Daß die Gebrüder Grimm die lateinische Schrift wählten und auch daß sie die Substantiva mit kleinen Anfangsbuchstaben drucken ließen, tadle ich nicht; darin stehen sie ja dem Franzosen gleich. Aber daß sie auch die einzelnen Sätze mit kleinen Buchstaben anfangen lassen, hemmt das suchende Auge. In den längeren Artikeln, die doch meistens die interessanteren sind, hat der Leser eine Masse kleiner Buchstaben vor sich, in der die Interpunktion verschwindet. Die Abteilungen, Unterabteilungen und Unterunterabteilungen sind zwar mit Ziffern und Lettern bezeichnet, aber so wenig in die Augen springend, daß sie zu entdecken gespannte Aufmerksamkeit erheischt. Vollends unglücklich aber war der Einfall, die einzelnen Wörter an der Spitze jedes Artikels und die Leitwörter oben auf der Seite ganz mit Majuskeln zu drucken, wie eine römische Inschrift. Gerade an der Stelle, wo rasches Auffinden leicht gemacht werden sollte, sieht sich der Leser aufs Buchstabieren angewiesen. ABENDDAEMMERSCHEIN, BESCHWERDEFUERUNG, DURCHEINANDERMENGUNG, GEDANKENVERKNUEPFUNG, – so etwas läßt sich ja am Ende wohl entziffern, und auf Grabsteinen mag diese lapidare Schrift sich auch ganz gut ausnehmen, aber sie für ein Nachschlagebuch zu wählen, ist doch eine erstaunliche Verirrung.Als ich dies schrieb, hatte ich vergessen, daß in diesem Punkte auch Littré sündigt. Aber bekanntlich nehmen französische Sünden sich eleganter aus als deutsche. In unserer Sprache, mit so vielen langatmigen Zusammensetzungen, sind die Majuskeln noch unzweckmäßiger als in der französischen.

Man sagt, Littré habe zehn Jahre gebraucht, um seine Arbeit von A bis Z zu vollenden. Er hatte freilich den Vorteil, allein zu kommandieren, während das Grimmsche Wörterbuch von mehreren geschrieben wird. Allein dieser Umstand allein erklärt den Zeitunterschied nicht; letzterer ist gar zu groß. Jakob Grimms erster Band erschien 1854, A bis Biermolke umfassend. Damals dachte ich, jährlich ein Buchstabe, also spätestens 1878 ist das Ende des großen Nationalwerkes zu erwarten. Inzwischen sind Moltke und das Jahrhundert neunzig Jahre alt geworden, und das Ufer liegt noch in unerkennbarer Ferne. Man ist bis Q einschließlich vorgerückt, mit einer bemerkenswerten Lücke, die ich gleich erwähnen werde. Von R, T, V sind ein paar Hefte fertig, das letzte bis Verhöhnen. Der ganze wichtige Buchstabe S fehlt noch, ebenso U mit allen um-, un-, unter- und über-, W und Z mit zahlreichen Wörtern zer-, zu-, zwischen-. Und ferner fehlt noch der ärgste aller Nachzügler, das G. Im Jahre 1878 war dieser Buchstabe bis Gefolgsmann vorgerückt, während der folgenden zehn Jahre ist er bis genug gekommen, und da hat er es auch genug sein lassen. Seitdem hat man nichts weiter von ihm gehört.

Den verdienten Männern, die sich der Fortsetzung der Grimmschen Arbeit annahmen, kann ich, was Wissen und Fleiß anlangt, nicht das Wasser reichen; aber eine schüchterne Bemerkung über ihr Verfahren will ich doch wagen, weil ich mich dabei auf die Gebrüder Grimm selbst berufen kann. Diese nämlich haben das Wörterbuch, das beweisen die von ihnen selbst herausgegebenen drei Bände, sich weit knapper gedacht, als ihre Nachfolger es ausführen. Jakob Grimm erledigt ein so vielseitiges Wort wie bringen auf sieben Spalten, sein Nachfolger verwendet auf gehen hundert. Nun mag gehen gern ein vielseitigeres Wort sein, aber ich meine doch, daß der Inhalt der hundert Spalten sich sehr wohl auf dreißig zusammenstreichen ließe, ohne Schaden zu erleiden. Die unglücklichen Abonnenten des Wörterbuchs würden, glaub' ich, mit einiger Abkürzung sehr einverstanden sein; sie haben sonst keine Aussicht, das Werk vor ihrem Tode binden lassen zu können.


Ob wir unsere besondere Schrift beibehalten oder die sogenannte lateinische einführen sollen, das ist nicht bloß eine typographische und ästhetische, sondern vor allem eine kulturgeschichtliche Frage. Viele meinen, es sei eine nationale Frage (auch Fürst Bismarck, der kein Buch mit lateinischen Lettern liest, scheint der Ansicht zu sein), wahrscheinlich weil wir unsere hergebrachte Schrift »deutsche Schrift« zu nennen pflegen, ähnlich wie man früher (Herr Reichensperger noch) den gotischen Baustil den deutschen genannt hat. Bekanntlich ist unsere sogenannte deutsche Schrift ebensowenig wie der Spitzbogenstil auf vaterländischem Boden gewachsen, und sie ist, wiederum genau wie dieser Stil, während einer langen Periode allen Ländern des westlichen Europa gemein gewesen. Deutsch an ihr ist nichts als das eine, daß, während alle anderen Nationen, die einen früher, die anderen später, zu den einfacheren und schöneren Schriftformen Roms zurückgekehrt sind, die mönchische Verschnörkelung dieser Formen in Deutschland sich behauptet hat. Von der Gemeinschaft, die alle Völker europäischer Zivilisation umfaßt, hält sich nur unser Volk fern, als ob es, wie das russische, nicht dazu gehöre. Bei den Russen ist wenigstens Methode in der Absonderung; sie wollen nicht zur occidentalen Zivilisation gehören: sie wollen orthodoxe Barbaren sein, und wie ihren eigenen Kalender und ihre eigene Tracht bewahren sie auch ihr eigenes Alphabet, das ihre Leute von dem sündigen Westen getrennt hält. Wir Deutschen können ähnliche Gründe nicht anführen; es läßt sich nur aus der Macht des Schlendrians oder aus Gleichgültigkeit gegen die äußere Form oder aus dem Mangel einer tonangebenden Hauptstadt erklären, wenn wir in dieser einen Beziehung hinter den anderen zurückgeblieben sind.

Merkwürdigerweise geht dieses Festhalten am Altfränkischen mit großer Toleranz gegen das Neue Hand in Hand. Ein großer Teil unserer Druckschriften und selbst unserer Tagespresse erscheint bereits in der modernen Schrift, ohne daß dagegen sich Widerspruch erhebt. Gewisse Zweige der Wissenschaft, namentlich die echtdeutsche germanische Philologie, bedienen sich fast ausschließlich der lateinischen Lettern, wie vom Grimmschen Wörterbuche schon oben bemerkt worden ist. Die meisten Zeitungen machen es mit ihren Handels- und Börsenartikeln ebenso. In derselben Schrift wurden bereits im vorigen Jahrhundert Werke der Dichtkunst gedruckt, darunter berühmte, wie Klopstocks Messias, Vossens Homer und Luise. Eine Agitation gegen diese Neuerungen hat sich meines Wissens nie bemerklich gemacht; abgesehen vom Fürsten Bismarck hat nie ein namhafter Mann für die mönchischen Typen Partei genommen. Was den Fortschritt hemmt oder in so langsamem Tempo hält, ist nicht die Kraft des Widerstandes, sondern die Vis inertiae. Wahrscheinlich würde die ganze Reform in einem Tage sich vollziehen, wenn das Reich und Preußen sie für alle amtlichen Publikationen dekretierten. Schwierigkeiten sind nicht vorhanden; das lateinische Alphabet ist jedem Deutschen bekannt und geläufig. Wenn, wie ich zugebe, manche Leser im ersten Augenblicke die deutschen Wörter in anständigem Gewande ein ganz klein wenig fremdartig finden werden, so wird dies Befremden nach einer Viertelstunde, spätestens nach einem Tage, verschwunden sein.

Die Vorteile der Reform sind oft erörtert worden: die Druckereien brauchen weniger Material, der Schreib- und Leseunterricht wird um die Hälfte seines Stoffes entlastet, den Ausländern wird die Bekanntschaft mit unserer Literatur erleichtert, der Absatz unserer Bücher in fremden Ländern gefördert. Die lateinische Schrift selbst ist deutlicher als die pseudo-deutsche, was wir schon dadurch anerkennen, daß wir beim Schreiben von Eigennamen jene vorziehen und sie allein für Signale benutzen. Nur ein Buchstabe macht einige Schwierigkeit, das ß, das im lateinischen Alphabet nicht vorkommt. In den meisten Druckereien hilft man sich mit ss oder mit sz, was gewiß nicht schön ist. Richtig scheint mir, was auch schon vielfach geschieht, für diesen Buchstaben ein besonderes, dem griechischen β ähnliches Zeichen zu verwenden, das sich den Formen des lateinischen Alphabets nicht minder gut anschließt als K und W, die ja auch erst das Bedürfnis germanischer und slawischer Sprachen dem überlieferten Typenvorrat hinzugefügt hat.

II.

(1891)

Nicht Rembrandt, sondern Dr. Gustav Wustmann heißt der Erzieher der Deutschen. Dieser Stadtbibliothekar und Archivdirektor in Leipzig hat unter dem Titel »Allerhand Sprachdummheiten«Allerhand Sprachdummheiten, kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen. Ein Hilfsbuch für alle, die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen, von Dr. Gustav Wustmann, Stadtbibliothekar und Direktor des Ratsarchivs in Leipzig. Leipzig. Fr. Wilh. Grunow. 1891. ein Büchlein ausgehen lassen, dessen Wert sich zu dem Pseudo-Rembrandt, obwohl es wie dieser nur zwei Mark kostet, ungefähr so verhält wie der Nutzen eines Leuchtturms zu dem eines Feuerwerks. Wenn der Absatz eines Buchs sich nach dessen Verdienstlichkeit richtet, so werden die »Sprachdummheiten« wenigstens dreihundert Auflagen erleben, und wenn alle das Buch kaufen, die aus ihm etwas lernen könnten, so werden dreihundert Auflagen nicht einmal reichen. Denn nicht allein alle berufsmäßigen Schriftsteller, alle höheren Beamten, alle Reichstags- oder Landtagsmitglieder, alle Lehrer, Prediger und Professoren, alle Berichterstatter der Zeitschriften, alle, die gelegentlich vor einem größeren Kreise sich vernehmen lassen, nicht allein diese werden für ihre zwei Mark eine Fülle guter Regeln und Ratschläge, nützlicher Winke und Anregung eintauschen, sondern auch – – aber die vorstehend genannten Kategorien umfassen ja im Grunde die gesamte Nation, soweit sie sich über die bloße Handarbeit erhebt. Welcher Deutsche käme nicht einmal in den Fall, sich schriftlich oder mündlich öffentlich vernehmen lassen zu müssen? Und wer würde sich nicht schämen, wenn es ihm zum Bewußtsein käme, daß er bei der Gelegenheit eine Reihe von Sprachdummheiten begangen habe, wie es nur allzu wahrscheinlich der Fall sein wird. Die Verwahrlosung unserer Sprache hat allmählich einen Umfang angenommen, daß man mehr erstaunt ist, die gröbsten Fehler vermieden als sie begangen zu sehen. Es ist keine Übertreibung, oder jedenfalls nur eine gelinde, wenn Dr. Wustmann sagt, man könne blindlings aus dem Schaufenster eines Buchladens ein neuerschienenes Prosawerk herausgreifen und getrost eine Wette darauf eingehen, daß, wo man es auch aufschlage und den Finger hinsetze, in einem Umkreise von fünf Zentimeter Durchmesser um die Fingerspitze ein grober grammatischer Fehler zu finden sei, die Geschmacklosigkeiten ganz ungerechnet! Macht man das Experiment gar an Zeitungen, so ist die Chance, die Wette zu gewinnen, weit größer als die Chance, in der neuen Sklavenbefreiungslotterie eine Niete zu ziehen.

Aber ich habe der Frauen noch nicht erwähnt. Auch ihnen kann man das Bändchen schenken – Weihnachten steht ja vor der Tür – und ihnen das Durchlesen empfehlen. Wenn sie auch weit weniger als die Männer schreiben und öffentlich reden (zur Zeit wenigstens noch), so ist ihre Aufgabe der Sprache gegenüber doch besonders wichtig. Aus ihrem Munde empfangen ja die Kinder den ersten praktischen Unterricht in der Handhabung der Wörter und Sätze; nach ihrem Beispiel modelt sich die Haus- und Gesellschaftssprache, und was auf diese Weise sich dem Ohr, dem Gefühl und der Gewohnheit des heranwachsenden Geschlechts einprägt, übt je nach den Umständen einen vorteilhaften oder einen schädlichen Einfluß auf die nächste Generation aus. Bei allen Kulturvölkern hat man von jeher in den Frauen der guten Gesellschaft die Hüterinnen der richtigen, natürlichen und geschmackvollen Ausdrucksweise gesehen, und wir selbst reden deshalb nicht von einer Vatersprache, sondern von unserer Muttersprache. Im allgemeinen werden auch bei uns die Frauen, sofern sie nicht schriftstellern und nicht in Vereinen auftreten, reineres und namentlich einfacheres Deutsch sprechen als die Männer; sie sind gewöhnlich besser geschützt gegen den verderblichen Einfluß, den die politische Zeitung, das parlamentarische Phrasentum, die bureaukratische und juristische Pedanterei auf Schreib- und Redeweise ausüben. Aber auch sie sind, wennschon in geringerem Maße, der Ansteckung ausgesetzt durch die Männer, mit denen sie sich unterhalten, durch die Romane, die sie lesen, und die Briefe, die sie empfangen. Es ist also nicht überflüssig, auch ihnen den heilsamen Impfstoff, der die Widerstandskraft gegen die allgemeine Seuche verstärkt, darzubieten.

Man muß nicht glauben, daß Dr. Wustmanns Buch, weil er es eine Grammatik genannt hat, langweilig, trocken und mühsam zu lesen sei. Ich würde nicht gerade empfehlen, es in einem Zuge von Anfang bis zu Ende durchzulesen; wenn man es aber so, wie es geschrieben ist, in Portionen zu sich nimmt, wird man es schmackhaft, leicht verdaulich und ungemein nahrhaft finden. Als ein kluger Mann hat der Verfasser seine guten Lehren geflissentlich nicht in der Form einer systematischen Grammatik vorgetragen, sondern sie in dem zwanglosen Tone einer Plauderei mitgeteilt, mit Recht annehmend, daß der Leser da, wo von der eigenen Muttersprache die Rede ist, wo immer noch ein lebendiges, wenn auch vielleicht mißleitetes Sprachgefühl des Schülers dem Lehrer auf halbem Weg entgegenkommt, aus dem munter vorgeführten abschreckenden Beispiel die Regel besser lernen wird als aus dem (für den natürlichen Menschen noch abschreckenderen) Kodex des Erlaubten und des Gebotenen. Bücher, die uns lehren, was die meisten noch leidlich richtig machen, haben wir genug, aber sie haben nichts gefruchtet. Ich will einmal einen anderen Weg einschlagen, sagt der Verfasser unseres Buchs; ich will einmal von den landesüblichen Fehlern und Dummheiten ausgehen, sie in Prozession vorführen und meine Landsleute bitten, sich diese Fratzen und Mißgeburten mit einiger Andacht anzuschauen. Der Abscheu wird doch wohl einige heilen.

Glücklicherweise hat der Veranstalter der Prozession, neben seiner Sprachweisheit Laune, Geist und Temperament genug, um das traurige Schauspiel ergötzlich zu machen. Die Musterung so vieler Gebrechen wäre ein widerwärtiges Stück Arbeit, wenn der Humor des erklärenden Arztes sie nicht fortwährend erheiterte. Denn in der Tat, so auf einen Haufen versammelt, in langem Zuge an uns vorüberschreitend, machen unsere üblichen Sprachdummheiten einen Eindruck, als ob man plötzlich alle Bresthaften, Krüppel, Verstümmelten und Verrenkten eines großen Hospitals oder alle Bettler Neapels in Parade aufziehen sähe. Die falschen Plurale, die kastrierten Dative, die unrichtig deklinierten Adjektive und die unrichtig konjugierten Verba (frug und fragt statt fragte und fragt), die substantivischen Wechselbälge (Freispruch, Eingabe, Entschluß, wo Freisprechung, Eingebung, Entschließung stehen sollte), die Ungetüme (Inbetriebsetzung, Außerkraftsetzung, Zurdispositionsstellung), die Mißgeburten (das unaussprechliche Jetztzeit),Jetztzeit ist wohl die Krone aller Sprachdummheiten, eine in buchstäblichem Sinne unaussprechliche Scheußlichkeit; Gegenwart, Neuzeit genügen dem Bedarfe vollständig, Dr. Wustmann meint, Jetztzeit sei zwar richtig gebildet, aber überflüssig. Ich halte es für ganz sprachwidrig gebildet. Wo gibt es denn zum zweiten Mal ein echtes Substantivum wie Zeit, das mit einem Adverbium zusammengesetzt wäre? Nur verbale Substantiva dulden solche Paarung, und auch sie nicht gern. die Modeausdrücke (durchqueren, das gärtnerische Können, zielbewußt, unentwegt, hochgradig, naturgemäß für natürlich oder selbstverständlich, ganz und voll, auslösen für erwecken oder erregen u. s. w. u. s. w.), die Geschwulste (vereinnahmen, beanlagt, veranlagt), die hölzernen Apparate (fertigstellen, klarlegen, sich beziffern, zur Vorlage bringen und dergleichen für vollenden, aufklären, sich belaufen, vorlegen), die Sinnverdrehungen (das moderne Bedingen, wo man Bewirken oder Verursachen meint, Fortsetzen anstatt Wegsetzen, selten fruchtbar für außerordentlich fruchtbar, also ungefähr für das Gegenteil dessen, was gesagt wird), die Provinzialismen und Austriazismen (benötigen für brauchen, verständigen für benachrichtigen, der Unterfertigte für der Unterzeichnete, allgemein geworden durch die bekannten grotesken Traueranzeigen der Studentenverbindungen, »an die geehrten a. H. a. H. und a. o. M. a. o. M.«, im vorhinein statt von vornherein, beiläufig für ungefähr, nur mehr statt nur noch, »Gedichte von nur mehr historischem Werte«, neuerdings für nochmals oder wiederum, »er hat das oft Gesagte neuerdings zusammengestellt«) – diese und eine Menge ähnlicher Ausgeburten der Sprachroheit hinken, stolpern und stelzen an uns vorüber unter den lustigen Peitschenhieben des Doktors, daß es zugleich ein Jammer und eine Freude ist. Aber diese bilden nur den Vortrab; die Hauptgebrechen, die Sünden wider den Satzbau, die Frevel gegen Syntax und Logik, gegen Sinn und Menschenverstand, folgen in einem zweiten stattlichen Heereszuge hinterdrein.

Ehe ich diesem die Aufmerksamkeit zulenke, will ich kurz erwähnen, daß Dr. Wustmann sich in einer vortrefflichen Einleitung über die Ursachen des Übels äußert. Von diesem selbst sagt er, ich fürchte mit Recht: nie wurde in Deutschland so schlecht geschrieben wie jetzt, und nirgend wird so schlecht geschrieben wie in Deutschland. Wie geht das zu? In der nachklassischen Periode, in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde noch von den Durchschnittsskribenten auf Grammatik, Wortbildung und Syntax eine Sorgfalt verwendet, die uns heute nur noch als Ausnahme entgegentritt. Ohne Zweifel hängt der eingetretene Verfall mit der Demokratisierung des gesamten Lebens, die im Laufe des letzten halben Jahrhunderts immer mehr Fortschritte gemacht hat, zusammen. Die Dampfpresse, der ungeheure Bedarf an Druckereierzeugnissen, die Tagesliteratur (von der man vor fünfzig Jahren nur erst schwache Anfänge kannte) haben eine Masse ungebildeter oder halbgebildeter Menschen in die schriftstellerische Tätigkeit hineingezogen, und die Schreibart dieser neuen Klasse von Literaten hat sich allmählich so breit gemacht, daß sie unserem Schrifttum die eigentliche Physiognomie zu geben scheint. Dazu kommt ein zweites: die Aktenmenschen, die früher ihr Kanzleideutsch unschädlich in geschlossenen Räumen verarbeiteten, sind seit dem politischen Umschwunge und der Einführung des mündlichen Gerichtsverfahrens auf den Markt der Öffentlichkeit getreten und haben die Breitspurigkeit, die Unbeholfenheit und Abstraktheit ihres überlieferten Wort- und Phrasenschatzes auf den allgemeinen Verkehr übertragen. Diese beiden Ursachen erklären vieles, aber doch nicht alles. Bei anderen Völkern haben sich die Dinge ähnlich entwickelt wie bei uns, und doch findet man bei ihnen, bei Franzosen, Engländern und Italienern, keine so allgemeine und keine so arge Verwilderung der literarischen Sprache wie bei uns. Das Übel kennen auch sie; man klagt auch in Frankreich und in England über die Verschlechterung der Prosa, über das Eindringen vulgärer und pedantischer Neuerungen, über den schädlichen Einfluß des Zeitungsstils, aber alles das hält sich doch in engeren Grenzen sowohl quantitativ als qualitativ, und die Opposition gegen das Schlechte macht sich nachdrücklich geltend. Bei uns nehmen die höheren Kreise der Literatur die schlechten Manieren der niederen ruhig, als ob es so sein müßte, an, ohne ein Zeichen von Selbstüberwindung, von Gefühl des Unrechttuns; französische Schriftsteller pflegen, wenn sie einmal ein vulgäres Zeitungswort oder den Jargon der Schule anwenden, sich zu entschuldigen und hervorzuheben, daß sie mit Bewußtsein und ohne Konsequenz sich einer barbarischen Redeweise bedienen. Es muß noch ein besonderer Umstand obwalten, der in Deutschland dem Wuchern des Unkrauts besonders günstig ist.

Heutzutage sucht man gern, wenn irgendwo unerfreuliche Erscheinungen zu Tage treten, den oder die Schuldigen unter den Kindern Israels. Auch Dr. Wustmann zollt dieser Tagesmode einen, wenn auch immerhin nur kleinen Tribut. Als verständiger Mann kann er unmöglich annehmen, daß alle oder auch nur sehr viele deutsche Sprachdummheiten hebräischen Ursprungs seien, aber der Gedanke, daß man wenigstens einen gewissen Teil der Schuld auf die Juden abwälzen könne, scheint für ihn etwas Tröstliches zu haben. Er sagt: »Ein großer Teil unserer Zeitungen, vielleicht der größte und einflußreichste, wird von Leuten geschrieben, die einem fremden Volke angehören, deren Großeltern, ja deren Väter und Mütter vielleicht das Deutsche noch nicht als ihre Muttersprache gesprochen haben! So flink sich auch der Jude, wie in alles, was mit dem bloßen Verstande zu erreichen ist, in die Elemente der deutschen Grammatik findet, so flink er auch seinem Geschreibsel den Schein einer leidlich richtigen Papiersprache zu geben weiß: wo es aufs Sprachgefühl ankommt, bleibt er doch ewig der Fremde.« Ewig ist ein hartes Wort. Also selbst nach Äonen werden die Juden, die unter uns wohnen, nicht wie wir sprechen und schreiben lernen? So böse wird es nun wohl nicht gemeint sein, aber auch mit dem Salzkorn scheint mir die Behauptung unhaltbar; die letzten hundert Jahre unserer Literatur widersprechen allzu deutlich, und die wenigen Beispiele verjüdelter deutscher Sprache, die der Verfasser anführt, beweisen nichts, weil sie teils dem rein Possenhaften angehören, teils ihnen das jüdische Ursprungszeugnis fehlt. »Für silberne Hochzeit zu sagen Silberhochzeit,« meint Dr. Wustmann, »darauf kann zum ersten Male nur ein Jude verfallen sein.« Warum denn in aller Welt? Warum nicht ebensogut ein Landpastor oder sogar ein Hofprediger? Ähnlich verhält es sich mit den angeblich den Juden eigentümlichen Verwechselungen: »Das Landstreichen ist ihm zur zweiten Gewohnheit geworden«, »er fühlte sich in seiner Umgebung nicht heimlich«, »mit sichtbarer Freude«. Vor solchen Ergötzlichkeiten schützt weder Taufwasser noch germanische Abstammung. Das wirkliche Judendeutsch ist etwas ganz anderes als das Deutsch unserer Börsenblätter; es hat mit der Literatur nur insoweit zu schaffen, als es in Lustspielen oder Witzblättern zur Erzielung komischer Effekte benutzt wird, im grellen Gegensatz zum Schriftdeutsch und darum diesem ganz und gar nicht gefährlich. Zur Sache will ich in aller Bescheidenheit meine Ansicht der des Dr. Wustmann zur Seite stellen: daß nämlich wenige Juden gut, die meisten schlecht schreiben, und daß es bei den Christen sich ebenso verhält.

Nein, nicht die Juden sind schuld, sondern wir selbst, wir Deutschen und ein echter deutscher, uns tief im Blute sitzender Fehler oder richtiger Mangel, denn er ist negativen Charakters. Der Sinn für die Form, für die schöne Ordnung, die geschmackvolle Darstellung ist unserem Volke, ich will nicht sagen, von Natur fremd, aber er ist schwach entwickelt und infolge ungenügender Pflege stumpf geworden. Das zeigt sich in mancherlei Dingen von größerer wie von geringerer Wichtigkeit, in der Kleidung, der Einrichtung der Wohnungen, der Anordnung öffentlicher Akte; es zeigt sich namentlich in unserem Verhalten zur Muttersprache. Wenn sie uns nur mit Stoff, rohem Stoff versorgt, fragen wir wenig nach der Zierlichkeit, Sorgfalt und Sauberkeit der Zubereitung, von künstlerischen Anforderungen nicht zu reden. Es ist ganz natürlich, daß die Handwerker schlecht arbeiten, wenn die Kunden zwischen der vortrefflichen Ware und dem Schund wenig Unterschied machen. In einem Lande, wo die Leute von der Speise nur verlangen, daß sie den Bauch fülle, werden die guten Köche selten sein: wozu sollen sie sich viel Mühe geben, wenn der Gast die faden, die ranzigen und die versalzenen Gerichte mit demselben Behagen hinunterschlingt wie die köstlichste Mahlzeit? Die Zahl der Sudelköche wird von selbst abnehmen, wenn das Publikum die verpfuschten Schüsseln entrüstet zurückweist. Die deutschen Schriftsteller werden sich besserer Sprachsitten befleißigen, wenn sie merken, daß die Leser ihnen sonst den Rücken kehren.

Der Mangel, von dem ich hier rede, gehört nicht zu den unheilvollen Gebrechen; durch Erziehung und Aufmerksamkeit läßt er sich entfernen; Sprach- und Stilgefühl können, wo nur der Keim dazu vorhanden ist, durch gute Anleitung zu hoher Feinheit ausgebildet werden. Freilich ist, wo die natürliche Anlage des Volks gering ist, umsomehr Mühe und Strenge vom Lehrer zu fordern. Wir dagegen haben die Folgen des Mangels über uns ergehen lassen, ohne zu protestieren, nostra culpa, nostra maxima culpa. Man könnte freilich meinen, es handle sich bei der ganzen Sache am Ende doch nur um Äußerlichkeiten, ein bißchen Eleganz, ein bißchen Geschmack; der Kern des Lebens bleibe unberührt und die große Arbeit, an die Schale verwendet, sei nicht der Mühe wert. Aber das darf man doch nicht gelten lassen. Es gibt gewiß höhere Dinge als Grammatik, Syntax und Stil; man kann, wie der alte Fritz und Blücher, ein großer Mann und ein Held sein und doch schauderhaftes Deutsch sprechen. Die Nation kann sich aber nicht erlauben, was dem genialen Individuum nachgesehen wird. Die Sprache ist für sie das Vehikel ihres Geistes- und Seelenlebens; zugleich das Kleid und das Werkzeug ihrer Gedanken, und zwischen dem Werkzeuge und dem Gedanken besteht eine Wechselbeziehung; wird jenes stumpf, so verdunkelt sich der andere, und umgekehrt. Die Sprache ist zugleich das Band, das uns mit den Vorfahren und den Nachkommen verknüpft; sie ist ein Heiligtum, weil in ihr unsere großen Männer gedacht, geredet und gedichtet haben. Ein solches wunderbares Besitztum gegen Verunstaltung und Verkümmerung zu schützen, verlohnt sich wohl selbst großer Mühe. Bei anderen großen Völkern betrachtet man die Abwehr der Sprachverderber als eine selbstverständliche, gewissermaßen von der Natur auferlegte Pflicht, als eine Art instinktiver Tätigkeit. Der treffliche Alexander Vinet sagt: »Ist es zu verwundern, wenn ein allgemeiner Instinkt« (er meint leider nur die Franzosen) »mit eifersüchtiger Sorgfalt über Grammatik und Wortschatz wacht, deren Verschlechterung uns mit Sprachverwirrung und Zersplitterung der gesellschaftlichen Kräfte bedrohen würde? Die Sprache in Obhut nehmen, heißt die Gesellschaft selbst bewachen.« Und an einer anderen Stelle: »Die inkorrekten Schriftsteller sind Münzfälscher, deren Operationen den Kredit des Wortes verringern. Achtung vor der Sprache ist beinahe Moral.«


Schopenhauer hat mit unnachahmlicher Prägnanz ausgesprochen, worin schriftstellerische Vortrefflichkeit besteht. »Man brauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge; aber sie machen es umgekehrt.« Ungewöhnliche Dinge zu sagen, ist nun nicht jedermanns Sache, gewöhnliche Worte zu brauchen ist allen natürlich, solange sie selbst natürlich sind. Man soll also, auch dann und namentlich dann, wenn man nur gewöhnliche Dinge mitzuteilen hat, dem Sprachgebrauche folgen, noch gewissenhafter aber als ihm dem Sprachgesetz. Nun ist es wahr, daß die Anwendung dieser Regel nicht so einfach ist, wie sie selbst, denn die Sprache ist nicht eine ein für allemal gegebene unveränderliche Vorratskammer von Vokabeln und Formen, die in genau abgeteilten Fächern, wie die Lettern im Setzerkasten, nebeneinander liegen, so daß, wer nur die Fächer kennt, das, was er nötig hat, leicht aufzufinden und mit unfehlbarer Sicherheit von dem Unpassenden zu unterscheiden vermöchte; sondern die Sprache ist, wie man zu sagen pflegt, ein organisches Gebilde, das seine eigenen Formen und Bedingungen selbständig entwickelt, also verändert, und mit der Zeit fortwährend Altes ausscheidet, Neues sich aneignet, ohne daß man jemals in einem gegebenen Augenblicke bestimmen könnte: von heute an gilt dies und ist jenes nicht mehr zulässig. Der Sprachwächter daher, der das Gesetz und die gute Sitte gegen unbefugte Neuerungen behüten will, muß ein Prinzip aufstellen, nach dem er seine Entscheidungen im einzelnen Falle treffen will. Darüber ist der Verfasser der Sprachdummheiten sich völlig klar gewesen, und er hat, meine ich, den richtigen Standpunkt sehr gut festgestellt.

»In rein grammatischen Fragen,« sagt er, »ist der einzig richtige Standpunkt der konservative, das heißt man muß das bisher Richtige zu verteidigen und zu retten suchen, wo und solange es eingedrungenem oder eindringendem Neuem und Falschem gegenüber irgend zu retten ist; auch in anscheinend verzweifelten Fällen darf man die Hoffnung nicht aufgeben, durch Klärung des getrübten Sprachbewußtseins oder durch Aufstachelung des trägen Sprachgewissens, das Richtige noch zu erhalten. Nur in ganz aussichtslosen Fällen ist der Kampf aufzugeben und dem Neuen, auch wenn es falsch ist, das Feld zu räumen. Wo ursprünglich Einheit und Gleichmäßigkeit waltet, da ist sie streng zu wahren und jede willkürliche Durchbrechung abzuwehren; wo ursprünglich Mannigfaltigkeit herrscht, ist sie zu schonen und jeder öden Gleichmacherei vorzubeugen. ... In logischen Fragen hat die Entscheidung einzig und allein der gesunde Menschenverstand. Wo feine logische Unterschiede, die bisher beobachtet worden sind, verwischt zu werden drohen, da ist ebenso entschieden entgegenzutreten, wie da, wo man sich plötzlich als Dummkopf behandeln und sich ohne alles Bedürfnis Unterscheidungen (Differenzierungen!) aufnötigen lassen soll. Wo aber Logik und Ästhetik um den Vorrang streiten, hat stets die Ästhetik das entscheidende Wort zu sprechen, denn der Gebrauch der Sprache ist eine Kunst, und in aller Kunst sind die obersten Gesetze die Gesetze der Schönheit. Darum ist auch aufs nachdrücklichste alle Unnatur, alle Ziererei zu bekämpfen, wie sie sich oft in gesuchter Kürze, noch öfter in gesuchter Breite, in Schwulst und Überladung äußert.«

Ein Beispiel des eingedrungenen Falschen, gegen das man nicht weiter ankämpfen soll, ist der heute allgemein gewordene Gebrauch des Neutrums zwei für alle drei Geschlechter, während vor hundert Jahren noch die meisten guten Schriftsteller zween Männer, zwo Frauen und zwei Kinder zu schreiben pflegten. Heute gebraucht man zween und zwo nur noch altertümelnd und dann nicht selten falsch: zwo Männer und zween Frauen. Eine unrettbare richtige Form, deren Untergang ich noch mit Bewußtsein erlebt habe, ist die des starken männlichen Genetivs, die gegenwärtig der schwachen Form definitiv gewichen ist. Auf unserem Gymnasium, es sind fünfzig Jahre seitdem ins Land gegangen, wurde es als Fehler angekreidet, wenn ein Schüler schrieb: sie sind voll süßen statt voll süßes Weines, und unser Direktor verfehlte nicht, bei solchem Anlasse zu bemerken, daß der Genetiv »süßen Weines« zwar mehr und mehr einreiße, aber pöbelhaft sei. Wie es geschehen konnte, daß schließlich der Pöbel seinen Willen durchgesetzt hat, ist schwer zu sagen: eine gewisse Mundfaulheit mag dabei im Spiele gewesen sein. Wenn wir nicht acht geben, wird man bald auch die bereits auftauchenden Genetive »allen Sträubens ungeachtet, solchen Frevels unfähig, manchen Erfolges sich bewußt, jeden Unheils gewärtig«, als die einzig legitimen anerkennen müssen, was ein deutlich hörbarer Schaden für die Sprache wäre. Denn ohne Zweifel drücken die heute noch vorliegenden und einzig richtigen Formen »alles, solches, manches, jedes Unheils« den Genetivcharakter deutlicher aus.

Jakob Grimm hat die Besorgnis ausgesprochen, daß die deutsche Sprache allmählich den Genetiv verlieren und durch die Konstruktion mit »von« ersetzen werde, wie die romanischen Sprachen es bereits getan haben und das Englische zur Hälfte ihnen nachtut. Anfänge dieser Ausartung zeigen sich allerdings. Man wird oft genug lesen: Eine Vereinigung von patriotischen Männern, eine Anzahl von wertvollen Gemälden, ein Übermaß von leeren Worten, wo doch der Genetiv auch dem Mundfaulen bequemer wäre. Dies ist einer der Fälle (nicht von den Fällen), wo die Abwehr des Schlechten noch nicht hoffnungslos erscheint.

Eine sonderbare und ungemein häufig vorkommende Mißhandlung des Dativs ist von mir gerügt worden, und zwar zur Beschämung unseres Reichsgesetzblattes, das in jeder seiner Nummern »unter beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel« anstatt »Kaiserlichem« das schlechte Beispiel wiederholt. Dr. Wustmann hat auch diesen Fall, indes ohne Nennung des Reichsgesetzblattes, gebührendermaßen abgehandelt. Von ihm habe ich gelernt, wovon ich keine Ahnung hatte, daß deutscher Tiefsinn diese Sprachdummheit als eine besondere Feinheit in Schutz nimmt, wohl gar als Regel aufstellt. Wenn nämlich mehrere Adjektive vor einem Hauptworte stehen (so lautet besagter Tiefsinn), so muß unterschieden werden: bezeichnen die sämtlichen Adjektiva eine unmittelbar an dem Hauptworte haftende Eigenschaft, so haben sie sämtlich dieselbe Kasusendung. Also »mit frischem, reifem, süßem Obst«. Wenn aber eins der Adjektiva nur dazu dient, dem Hauptbegriff noch eine selbständige Bestimmung in loserem Zusammenhange hinzuzufügen, dann nimmt nur dieses, immer voranstehende Adjektivum die volle, starke Kasusform an, und die anderen laufen in schwacher Form hinterdrein, also: »mit teuer bezahltem frischen, reifen, süßen Obst«. An eine solche Tüftelei hat der Genius der Sprache weder in Deutschland noch in anderen Landen jemals gedacht; überall gilt unverbrüchlich die Regel, daß Kasusendungen sich nach dem Kasus richten und nicht nach inneren logischen Unterscheidungen. Wie unzutreffend die tiefsinnige Theorie sei, kann man am einfachsten zeigen, wenn man sie auf ein weibliches Hauptwort anwendet: »mit teuer gekaufter frischen, süßen Milch« wird niemand aufwarten. Dr. Wustmann weist auch darauf hin, daß es niemand einfalle, im Nominativ oder Akkusativ jene angebliche Regel zu befolgen. Jeder spricht und schreibt: beigedrucktes kaiserliches (nicht kaiserliche) Siegel, willkommene wärmere (nicht wärmeren) Winde. Aber dieser Tage habe ich doch in dem Feuilleton einer großen Berliner Zeitung von einem Stücke gelesen, es sei »ohne starke dramatischen Effekte«. Wir haben alle Ursache, uns nicht in falsche Sicherheit einzuwiegen.

Manche von den Schäden, über die Dr. Wustmann mit Recht klagt, sind älteren Datums, reichen zum Teil bis in die Zeit unserer Klassiker und sogar noch weiter zurück. Sie werden dadurch nicht schöner, aber man kann sie jedenfalls nicht dem lebenden Geschlechte, seiner Roheit, seiner Vorliebe für Gallizismen, seiner Neuerungssucht zur Last legen. Dahin gehört z. B. die allzu häufige Anwendung des Pronomens »derselbe, dieselbe, dasselbe« statt des einfachen »er, sie, es« oder »dieser, diese, dieses«, die in den meisten Fällen denselben, das heißt den nämlichen Dienst besser und behender verrichten, als jenes schleppende Fürwort. Aber es muß irgend ein Grund tieferer Art gewesen sein, der schon vor Jahrhunderten und auch in den Volksmundarten den breiteren Formen »derselbe, selbiger, derselbige« ihre Beliebtheit verschafft hat. Vielleicht erschien »er, sie, es« zu gewichtlos, »dieser« zu nachdrücklich. Wie dem auch sei, der häufige Gebrauch des schwerfälligeren Worts ist entschieden zu tadeln, weil Schwerfälligkeit ohnehin der deutschen Sprache leicht anhaftet und ihr nicht unnötigerweise Vorschub geleistet werden sollte. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man »derselbe« für »der nämliche« sagt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Relativum »welcher«, dem man häufiger begegnet als dem kürzeren und natürlicheren »der, die, das«, – in der Schrift nämlich, denn im lebendigen Gespräch sagt man nicht leicht: »das Buch, welches ich lese, der Mann, welchen ich hochachte, die Stimme, welche ich höre.« Es scheint, daß es dem pedantischen, oder sagen wir gewissenhaften Deutschen ärgerlich war, daß der Artikel und das Relativpronomen dieselbe Schreibform hatten, und daß er es für einen Fortschritt ansah, als man anfing, das Fragewort »welcher« mit dem Relativum zu konfundieren. Im Laufe der Zeit hat man den eigentlichen Sachverhalt vergessen und sich eingebildet, »welcher« sei das korrekte und »der« nur ein geduldetes Wort, während, wie gesagt, die lebendige, gesprochene Sprache das Gegenteil beweist und demgemäß auch die Poesie das »welcher« meidet. Ein seltsames Beispiel von den Launen des Sprachgebrauches ist, daß man da, wo »welcher« richtig steht, es verbannt hat, in der Redensart nämlich: »Ich merke, wes Geistes Kinder ihr seid.« In der bekannten Schriftstelle hat Luther gesetzt: »welches Geistes Kinder«. Niemand würde doch sagen: »Ich weiß, wes Vaters Sohn du bist.« Aber ich habe schon gelesen: »Alle, wes Namens immer, sind willkommen.«

Wenn Alter ehrwürdig machte, so dürfte man auch die beiden Sprachdummheiten nicht allzu hart anfassen, die von allen vielleicht die weitestverbreiteten sind, die sogenannte Inversion, die nach »und« das Verbum vor das Subjekt setzt – »das Wetter war schön, und hatten wir eine vergnügte Reise«, und die Konfusion, die im Gebrauche der Partikeln als und wie herrscht. Jene fehlerhafte Inversion kann sich auf zahllose Beispiele aus dem sechzehnten und allen folgenden Jahrhunderten berufen, aber sie wird sich damit nimmermehr vor einem nur einigermaßen empfindlichen Ohre rechtfertigen. Den Stempel der Vulgarität, den sie von Anfang an getragen hat, kann keine Zeit verwischen; in unseren Tagen tritt er nur deutlicher hervor, weil die Inversion recht eigentlich die Lieblingszier der penny-a-liners und der Börsenberichte geworden ist. Die fortdauernde Verwechselung von als und wie ist geradezu eine Schmach für »ein Volk von Denkern«. Wenn für zwei so entgegengesetzte Begriffe wie für »anders als« und »ebenso wie« nur eine einzige Partikel zur Verfügung stände, so wäre das für eine gebildete Sprache schon recht beschämend, daß aber wirklich zwei Partikeln vorhanden sind, man diese nun aber promiscue für beide Fälle verwendet, anstatt gebührendermaßen jede für den ihr zukommenden Fall, das ist ein wahrer Skandal.

Angenehm überraschte mich, daß Dr. Wustmann es noch für möglich hält, die falschen Adjektiv«, die mit -weise zusammengesetzt sind, zwangsweise, teilweise, zeitweise, vergleichsweise u. s. w. wieder auszurotten. Ich hatte diese Hoffnung aufgegeben, da ich sah, wie dieser Sprachfehler von Jahr zu Jahr sich mehr einbürgerte und auch den besten unter den Jetztschreibenden keinerlei Pein mehr zu verursachen schien. Als ich ein Knabe war, hörte ich meinen Vater manchmal sagen: »Man scheint gar nicht mehr zu wissen, daß teilweise ein Adverbium ist; da lese ich wieder von einer teilweisen Zahlung; es ist ein unleidlicher Unfug«; das war in den dreißiger Jahren. Jetzt, glaub' ich, gibt es nicht mehr viele Väter, die so zu ihren Kindern reden. Ich kam mir immer vor wie der Angehörige eines aussterbenden Geschlechts; denn höchst selten fand ich unter den Lebenden einen, der mir beistimmte, wenn ich erklärte, daß jedes dieser Pseudo-Adjektiva mir Ohrenschmerz verursache. Glücklicherweise scheint Dr. Wustmann bessere Erfahrungen gemacht zu haben. Übrigens reicht auch dieser »Unfug« ins vorige Jahrhundert hinein, und seine ungeheure Ausbreitung verdankt er wohl der Bequemlichkeit, die er gewährt. Aber Bequemlichkeit rechtfertigt keine Sünde, zumal da es nur geringer Gewandtheit bedarf, um dieser Sünde auszuweichen. Ein Fremdwort zu gebrauchen, gilt zwar heute bei manchen für ruchlos, aber es ist eine Kinderei im Vergleiche mit solchen Mißhandlungen der Muttersprache, die ihren inneren Organismus antasten. Partieller Wahnsinn und relative Ehrlichkeit sind kein klassisches Deutsch, aber sie sind weit unschuldiger als teilweiser Wahnsinn und vergleichsweise Ehrlichkeit.

Was, beiläufig gesagt, Fremdwörter betrifft, so hat Dr. Wustmann dies leidige Thema nur gestreift, doch glaube ich sowohl aus den theoretischen Bemerkungen wie aus seiner eigenen Praxis schließen zu dürfen, daß ich, obwohl ein entschiedener Gegner der neuesten Vereinshetze wider die Fremdlinge, mich leicht mit ihm verständigen würde. Vergleiche ich seine Äußerungen mit dem, was ich selbst vor einigen Jahren (1886) gegen den Puristeneifer gesagt habe, so glaube ich ihn und mich so charakterisieren zu dürfen, daß unser beider Sprachgefühl wesentlich übereinstimmt, ihn aber mehr der dumme Mißbrauch, mich mehr die dumme Verketzerung der Fremdwörter beschäftigt hat.

Während des Schreibens wird es mir klar, daß das Material der »Sprachdummheiten« viel zu reich ist, um innerhalb der mir gesetzten Grenzen eine irgend erschöpfende Besprechung zu erlauben. Ich bitte den Leser, sich an das Buch selbst zu wenden; er wird es, wie schon gesagt, nicht zu bereuen haben. Vielleicht wird er hier und da den Kopf schütteln, bei weitem das meiste aber als richtig anerkennen müssen. So wenigstens ist es mir ergangen. Einige Stellen, wo ich ein wenig den Kopf geschüttelt habe, will ich kursorisch noch anführen.

Der Gleichmäßigkeit wegen, weil man sage »im Kreise lieber Verwandten, hoher Beamten, großer Gelehrten«, empfiehlt Dr. Wustmann auch zu sagen: »Was Eigentum französischer Staatsangehörigen, Verein deutscher Industriellen, Einbildung wunderlicher Heiligen«, obwohl in allen diesen Fällen das Hauptwort, das ja im Grunde ein Adjektiv ist, auch wie ein Adjektiv dekliniert werden sollte: »Staatsangehöriger, Industrieller, Heiliger«. Ich muß sagen, hiergegen sträubt sich etwas in mir; selbst »lieber Verwandten«, »großer Gelehrten« empfinde ich als eine Zusammenfügung, bei der etwas nicht ganz in Ordnung ist. Das Sprachgefühl schwankt hier offenbar sehr. Ebenso oder noch mehr widerstrebt mir »ein schönes Ganze«; natürlich von den Lippen und aus der Feder fließt mir »ein schönes Ganzes«, »sein ganzes Inneres« u. s. w., was ja grammatisch unzweifelhaft richtiger ist.

Die Pluralendung -er kommt nicht »nur bei Wörtern sächlichen Geschlechts« vor, wie es Seite 38 heißt. Fast nur, müßte es heißen, da Männer, Reichtümer, Irrtümer, Würmer seit längerer Zeit Sprachrecht erworben haben. »Pantoffeln« ist vielleicht nicht so unbedingt zu verwerfen; obwohl es als Maskulinum »Pantoffel« auch im Plural heißen muß, ist doch das zu Grunde liegende ursprüngliche Femininum (ital. pantofola) eine Rechtfertigung der schwachen Pluralform, ähnlich wie bei dem vom Verfasser angeführten Stachel, Stacheln.

Das Gehalt im Sinne von Besoldung verwirft Dr. Wustmann vielleicht zu kategorisch. »Die gute Sprache kennt nur den Gehalt und die Gehalte.« Aber das Gehalt findet sich bei zahlreichen guten Schriftstellern und heute ganz überwiegend im mündlichen und schriftlichen Verkehr. Die Unterscheidung von »der Gehalt« im Sinne von Wertinhalt u. s. w. ist nicht unvorteilhaft, und ein Sprachgesetz steht dem neutralen Gebrauch nicht im Wege. Gehälter ist nicht schön.

Von Stoffnamen wie Blut, Gold, Fleisch, Wolle u. s. w. bildet unsere Sprache ursprünglich keinen Plural, wie auch nicht von abstrakten Substantiven, Liebe, Haß, Gram, Andacht, Unschuld, Tapferkeit, Reue. Dies ist kein Vorzug, sondern ein Mangel, der uns oft hindert, den behenderen Schritt z. B. der romanischen Sprachen nachzuahmen. Der Handel hat sich, offenbar einem Bedürfnisse folgend und unter ausländischem Einflusse, sicherlich nicht »aus Prahlsucht«, auf eigene Hand den mangelnden Plural für viele Stoffe geschaffen und ihn in Gebrauch zu bringen verstanden, wie mir scheint, ohne Nachteil, vielmehr zur Bereicherung der Sprache. Ich finde es nicht »unerträglich«, daß man, wie schon früher Steine, Weine, Hölzer, Metalle, so jetzt auch Öle, Tabake, Tuche, Garne sagen kann, wenn man eine Mehrheit verschiedener Sorten oder Beschaffenheiten bezeichnen will. Allerdings hat die neue Freiheit ihre Grenzen, die der gute Geschmack hüten muß; Tees, Kaffees, Fleische, Wachse möchte auch ich nicht empfehlen. Aber warum sollte man nicht sagen dürfen: »Er zerstampfte oder zerrieb Getreide, Holz, Knochen und Mohnkerne, mischte die vier Mehle durcheinander und buk einen Kuchen daraus.« Warum nicht: »Verschiedene feine Öle erzeugen diesen Wohlgeruch?« Ich würde sehr zufrieden sein, wenn Haß und Liebe, Lächeln und Lachen sich ebenso leicht von dem Banne des Singulari erlösen und im Chore aufführen ließen wie les amours, les haines, les sourires Frankreichs. Ist es nicht störend, daß wir das Leben eigentlich nicht in der Mehrzahl vorführen können, höchstens in Zusammensetzungen wie Menschenleben? Neuere Philosophen sprechen von den verschiedenen Bewußtseinen, die in einem Individuum existieren; man kann das nicht sagen, aber es ist doch ein Mangel, daß man es nicht kann. Gegen die dummen »Zeichnenbuch, Rechnenbuch« führt der Verfasser die richtigen Verbalzusammensetzungen »Schreibfeder (nicht Schreibenfeder), Spinnstube (nicht Spinnenstube)«, u. a. m. ins Feld, um zu zeigen, daß die Infinitivendung »en« wegfällt und es also analog »Rechen-, Zeichenbuch« (für Rechn-, Zeichnbuch) heißen muß. Dabei erwähnt er auch »Singestunde« mit der Bemerkung, daß man in Süddeutschland auch Singstunde sage. Ich habe auch in Norddeutschland nie anders als Singstunde sprechen gehört und wüßte nicht, wie man sprachgesetzlich die Singestunde rechtfertigen könnte. Auch Schreibepapier und Schreibepult, bloß des Wohlklangs wegen, zu sagen, möchte ich nicht anraten. Im Sprechen hilft man sich über den scheinbaren Mißklang mühelos hinweg, wie bei Schiffahrt, Leuchtturm und vielen anderen Wörtern ähnlicher Bildung.

»Einakter« nennt der Verfasser eine Scheußlichkeit. Mich dünkt, er sollte, schon aus taktischen und pädagogischen Gründen, solche Prädikate für die schwersten Fälle wie Jetztzeit, beziehungsweise und dergleichen aufsparen. Wir sagen Eindecker wie Dreidecker, Einhufer, Einspänner; es wird nicht jedem einleuchten, weshalb Einakter verwerflich und nun gar scheußlich sein soll. Ähnlich wird es manchem mit einzelnen der von dem Verfasser verdammten »Modewörter« ergehen. Die meisten habe ich zur Welt kommen sehen, sofort unausstehlich gefunden und nie in den Mund genommen, z. B. unentwegt, gesinnungstüchtig, humorvoll, vollinhaltlich, gesanglich, stimmlich, erziehlich, kulturell, selbstredend, naturgemäß (im Sinne von selbstverständlich) und noch viele, viele. Dagegen vermag ich den Widerwillen gegen manche andere, wie eigenartig, selbstlos, erheblich, es erhellt, nicht zu teilen. Sie waren schon vorhanden, als ich zu lallen begann, sind also Modewörter nur in sehr weitem Sinne, und ich habe sie von Jugend auf völlig arglos gebraucht. Nun mag es schon wahr sein, daß man diese Wörter durch andere ersetzen könnte, obwohl sich bestreiten ließe, daß eigenartig und eigentümlich, selbstlos und uneigennützig, erheblich und bedeutend, es erhellt und es ergibt sich genau dasselbe besagen: jedenfalls ist es kein Unglück, wenn man für einen Begriff verschiedene Wörter zur Verfügung hat, von denen bald dieses, bald jenes besser in den Vers oder in den Tonfall des Satzes paßt. »Unerfindlich«, das Dr. Wustmann verdammt, hat für mein Gefühl einen leisen Aktengeruch; wenn ich andeuten will, daß auch nach pedantischer, juristischer Prüfung keine Gründe für des Gegners Ansicht zu entdecken waren, sage ich, anstatt »es ist unbegreiflich, weshalb«, mit richterlichem Ernste: »Es ist unfindlich, weshalb.« »Vorstrafen« und »vorbestraft«, ferner »Vorjahr, Vorahnung, Vorbedingung« sollen als unlogisch oder tautologisch auf den Index der verbotenen Wörter gesetzt werden. Vorstrafen gebe ich preis, obschon dies Polizeiwort in der Literatur wenig verkehrt, auch allenfalls sich auf Vorleben (Antezedenzien) berufen könnte. Aber Vorjahr ist doch nicht dasselbe wie das vorige Jahr, so wenig wie Nachjahr dasselbe wie das nächste Jahr; »der Bericht zeigt die Einfuhren aller Jahre, in denen eine Zollerhöhung in Kraft trat, im Vergleich mit den Einfuhren der Vorjahre.« Es gibt Ahnungen, die keine Vorahnungen sind, wie z. B. die Hamlets, daß sein Oheim einen Mord begangen habe. Vorbedingungen sind solche, die erledigt sein müssen, ehe man über die eigentlichen Bedingungen zu verhandeln anfängt. Mir scheint auch, daß zwischen »Anrecht« und »Recht«, zwischen »Beihilfe« und »Hilfe« gewisse Unterschiede bestehen. »Jetzt redet man von Japanwaren, Smyrnateppichen, Neapelmotiven, Weimarlosen.« Ich beanstande nur das Jetzt, als ob solche Zusammensetzungen etwas Neues wären. Man hat doch schon ziemlich lange (der Verfasser führt selbst eine Reihe entschuldbarer Beispiele an) Cypern- und Kapwein getrunken, Mokkakaffee geschlürft und, ich meine, auch Smyrnateppiche ausgeklopft. Die Form ist also überliefert; nur die Gegenstände, deren Benennung man ihr gemäß modelt, sind zum Teil neu, wie die Tanagrafiguren, die Sumatratabake, die Koloradokäfer. Bei diesen Bildungen scheint ein geheimes Sprachgefühl zu walten; sonst würden uns nicht die einen mundgerecht, die anderen (wie Neapelmotive, Weimarlose) geschmacklos erscheinen, aber es ist schwer, die Regel zu entdecken. Die Namen mit Vokalauslaut scheinen sich am leichtesten darzubieten, doch hat man auch Cypern- neben Angorakatzen und Romfahrer neben Mekkapilgern. Beiläufig bemerkt, das getadelte Wort »Bismarckbeleidigungen« ist doch wohl mit bewußter Ironie der Majestätsbeleidigung nachgebildet.

Zum Schluß – denn man muß doch einmal schließen – will ich noch einen Punkt berühren, wo, wie ich glaube, Dr. Wustmann einmal ausnahmsweise eine falsche Regel verficht. Er behauptet, es verrate eine grobe Unwissenheit, es sei ein gemeiner Fehler, nicht deutsch, sondern französisch, zu sagen: »Die Zeitschrift erscheint alle vierzehn Tage«, »alle Augenblicke entstehen Streitigkeiten«, »ein Mann, wie ihn uns die Vorsehung nur alle hundert Jahre einmal schenkt«. Es müsse heißen »aller vierzehn Tage, aller Augenblicke, aller hundert Jahre«. Das war mir völlig neu; niemals hatte ich diesen Genetiv gehört noch gelesen, und auch das Volk hatte vor meinen Ohren nie anders als »alle Naselang« gesprochen. Ich wandte mich in meinem Erstaunen über die neue Belehrung an Jakob Grimm und erfuhr von ihm (Wörterbuch I, 213), daß Lessing »aller sechs Wochen« geschrieben habe für »alle sechs Wochen«. Jakob Grimm selbst hat also den Akkusativ für das Normale gehalten, und ich darf den »Sprachdummheiten«, deren unzweifelhafte Wahrheiten sich zu den hier aufgeführten Zweifel erweckenden Sätzen wie tausend zu eins verhalten, mit meinem Danke den Wunsch aussprechen, daß sie »alle vier Wochen« eine neue Auflage erleben mögen.

 


 


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