Otto Gildemeister
Essays - Erster Band
Otto Gildemeister

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Praktisches Christentum

(1891)

Mit den Worten Christentum und christlich ist von jeher ebensoviel Unfug getrieben worden, wie heutzutage mit den Worten national und patriotisch. Vor zehn Jahren ist der Ausdruck »praktisches Christentum« aufgekommen, in den Tagen, als die sozialpolitische Phase der Regierung begann; die Vorlage wegen der Unfallversicherung wurde in den Motiven als eine Erfüllung der Vorschriften des Christentums empfohlen, und in kurzer Zeit bürgerte sich die Mode ein, die gesamte auf Regulierung der Arbeiterverhältnisse gerichtete Tätigkeit der Gesetzgebung als praktisches Christentum zu bezeichnen. Man wollte damit der Sache, die dem irdischen Verstande nicht ganz einwandsfrei erschien, einen Heiligenschein geben, dessen Schimmer die profane Kritik zurückschrecke, und man sprach damit zugleich indirekt über alle Andersdenkenden das Verdammungsurteil aus, daß sie Feinde des Christentums, Rebellen gegen Gott, Verächter des Worts seien. Es ist eine Ironie des Schicksals, daß sich die neuerfundene Phrase gerade an eine Maßregel knüpfen mußte, die dem spezifisch christlichen Gedankenkreise so fern liegt, wie ihm ein Gesetz über Eisenbahnwesen, elektrische Anlagen oder den Handel mit Sprengstoffen nur irgend liegen kann. Die Versicherung gegen die Unglücksschläge und Leiden, die Gottes Vorsehung über uns verhängen könnte, die zu unserem Heile dienen sollen, ist eine menschliche Vermessenheit, für deren Rechtfertigung sich, das bestreite ich nicht, mancherlei Zweckmäßigkeitsgründe, aber ganz gewiß keine Bibeltexte anführen lassen. Auch ist es ein Jahrtausend und weit darüber den Christen nie in den Sinn gekommen, durch Assekuranz dem Zorne des Himmels die Waffe zu entwinden oder abzustumpfen; an dem Alter der christlichen Religion gemessen, ist das Versichern eine höchst moderne Erfindung. Ich selbst, es ist freilich ein halbes Jahrhundert her, habe noch alte gottesfürchtige Schiffsreeder gekannt, die es nicht allein für sündhaft hielten, ihre Fahrzeuge gegen Seegefahr und Kriegsmolest zu versichern, sondern demgemäß es auch unterließen. Wenn eins ihrer Schiffe strandete, sprachen sie wie Hiob, der ja auch nicht versicherte: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!«

Praktisch und Christentum sind eigentlich zwei Begriffe, die einander ausschließen, dann wenigstens, wenn man praktisch das nennt, was auf Erden fördert und nützt, und wenn man vom Christentum in seinem eigentlichen, ursprünglichen Sinne, dessen Inhalt ganz unirdisch, ganz weltfeindlich ist, redet. Nun weiß ich sehr wohl, daß die meisten, wenn sie vom Christentum sprechen, die ursprüngliche, echte Grenze des Begriffs weit hinaus und mitten ins irdische Leben rücken, daß sie eine Entwicklung annehmen, kraft deren die Religion der Apostel sich mit den weltlichen Fortschritten und den veränderten Zeitverhältnissen durch stetige innere Umwandlung in Harmonie setze, gewissermaßen eines Modus vivendi mit der Welt suche, ohne den es ihr unmöglich sein würde, auf die Menschen, von einigen Auserwählten abgesehen, einzuwirken. Mit denen, die sich auf einen solchen Standpunkt stellen, hadere ich nicht, wenn sie den Ausdruck »praktisches Christentum« auf allerlei Menschliches, was ihnen gut und schön oder auch nur politisch nützlich erscheint, anwenden wollen; in ihrem Munde bedeutet er nicht viel mehr, als was man sonst Fortschritt der Kultur, der Zivilisation, der Sittlichkeit nennt, mit der stillschweigenden Bezugnahme darauf, daß der Einfluß der christlichen Lehre auf diesen Fortschritt von höchster, wenn schon nicht immer direkter Bedeutung gewesen ist und noch immer ist. Mehr oder weniger erkennt heute auch die positive Theologie das Gesetz der Entwicklung für die religiösen Normen an; ihre nahmhaftesten Vertreter unterscheiden zwischen Fundamentalem und Nichtfundamentalem in den heiligen Schriften, zwischen dem, was nur örtliche und zeitliche Bedeutung für ein bestimmtes Volk, für eine gewisse Gesellschaftsstufe, für eine vergangene Periode hatte, und dem, was von unvergänglicher Wahrheit ist. Wollte man einem Theologen dieses Schlages die Anwendung des Wortes »praktisches Christentum« verweisen, weil sie im Widerspruche mit einem Ausspruche Jesu oder mit einer Erklärung des Apostels Paulus stehe, so würde er antworten, der Heiland und die Apostel hätten Verhältnisse, die heute nicht mehr zutreffen, im Auge gehabt; lehrten sie im neunzehnten Jahrhundert, so würden sie anders reden; nicht an den Buchstaben solle man sich halten, sondern an den Geist u. s. w. Mit dieser Interpretationsregel kann man so ziemlich allen Einrichtungen und Bestrebungen, die ein humanes Interesse vertreten, die christliche Weihe erteilen, wobei nur der Übelstand bleibt, daß nicht alle über den Begriff des Humanen einer Meinung sind. Wenn ein Tedeum gesungen wird, so gibt es immer Leute, nämlich die Besiegten, die es lästerlich finden, irdische Triumphe mit Gottes Sache zu identifizieren. Ein Richter existiert nicht, der dem einen recht und dem andern unrecht geben könnte, wenigstens in protestantischen Ländern nicht.

Die Katholiken freilich haben einen solchen Richter, und der Buchstabe der heiligen Schrift geniert sie nicht. Bei ihnen ist der Papst das Christentum; was der für christlich erklärt, ist christlich, gleichviel ob es in der Bibel steht oder nicht, ja sogar wenn es einem Bibeltexte widerspricht. Die katholische Kirche hat ebenso deutlich wie die protestantischen Theologen die Notwendigkeit erkannt, ein Mittel zu finden, um den Konflikten zwischen der Lehre des Evangeliums und den weltlichen Bedürfnissen, zumal ihren eigenen, auszuweichen; sie hat sich aber wohl gehütet, die unbedingte Autorität der Schrift preiszugeben und es dem Urteil der Gemeinde zu überlassen, was für fundamental zu gelten habe, was nicht. Jeder Buchstabe der Bibel ist ihr göttlich, unverrückbar, unbedingt maßgebend, aber neben ihm steht, nicht minder göttlich und unverrückbar und unbedingt maßgebend, die Autorität der Kirche, des Papstes, welche Autorität nicht allein den Buchstaben der Schrift so auslegt, wie die Gläubigen ihn verstehen sollen, sondern auch ihm neue Glaubenssätze, neue Vorschriften hinzufügt, die das Gewissen ebenso, wie die Schrift selbst es tut, binden und verpflichten. Ein Widerspruch zwischen Schrift und Papst kann nie existieren; da, wo ein Laie ihn finden möchte, liegt die Schuld an der mangelhaften Erkenntnis des Laien; der Papst braucht nur zu sagen: Es ist kein Widerspruch! und der Widerspruch verschwindet. Auch ist der Ausdehnung dieses Christentums auf weltliche Dinge keinerlei Grenze gezogen, und dem »praktischen« ist daher hier volle Berechtigung und weitester Spielraum gesichert. Zwar wird der Papst wahrscheinlich nie das Äußerste, was ihm zu tun freisteht, auch wirklich tun; trotz aller Göttlichkeit und Unfehlbarkeit gilt auch für ihn der Spruch, daß der Bogen nicht allzu straff angespannt werden darf; aber niemand kann ihm jemals vorwerfen, daß er dem Christentum zuwiderhandle, so weltlich auch das, was er anordnet, dem Nichtkatholiken erscheinen mag. Denn, wie gesagt, das Christentum ist er selbst; er allein weiß, was dazu gehört, und es steht nichts im Wege, daß er es für Sünde erkläre, auf der Eisenbahn zu fahren oder sich des rauchlosen Pulvers zu bedienen. Wenn er tatsächlich keinen so extravaganten Gebrauch von seiner Machtvollkommenheit macht, wenn er z. B. nicht das deutsche Militär-Septennat oder die Aufhebung der irischen Nationalliga für praktisches Christentum, für Forderungen christlicher Moral ausgibt, so unterläßt er es nicht, weil er es nicht dürfte, sondern nur, weil er es für unpolitisch hält, den Bogen so straff zu spannen. Wenn Leo XIII. verkündigte, daß die sozialpolitischen Gesetze Deutschlands praktisches Christentum seien, so würde ich kein Wort darüber verlieren; Roma locuta est, und für die katholische Welt wäre die Sache erledigt.

Ganz anders liegt die Sache aber für diejenigen, die in unserer Mitte, im protestantischen Deutschland, in den alten preußischen Provinzen das Losungswort vom praktischen Christentum aufgenommen und verbreitet haben und es den Gegnern des offiziellen Sozialismus ins Gesicht schleudern. Ich glaube wohl, daß auch unter diesen mancher sich befindet, der, wenn er seinen Standpunkt verteidigen müßte, sich auf die Entwicklungsfähigkeit des Christentums und auf die Notwendigkeit, unter neuen Verhältnissen neue religiöse Ideen in die Welt einzuführen, berufen würde. Mit den praktischen Christen dieser Gattung will ich nicht disputieren. Ich glaube zwar nicht, daß ihr Einwand stichhaltig ist, aber er berührt mein eigentliches Thema nicht, die Frage nämlich, mit welchem Rechte der spezifisch christliche Charakter des modernen Staatssozialismus von derjenigen kirchlichen Richtung behauptet wird, deren Anhänger und deren Presse vorzugsweise das unduldsame Schlagwort im Munde führen. Die Männer dieser Richtung – jedermann weiß, wer darunter zu verstehen ist – leugnen die Entwicklungsfähigkeit des Christentums, weisen die Berechtigung neuer religiöser Ideen zurück, halten sich streng an die in der Schrift enthaltene Offenbarung, an der kein Jota geändert werden darf, und neben der es keine andere religiöse Autorität gibt. Die Bekenntnisschriften der Reformatoren und der Landeskirchen enthalten für sie zwar auch Glaubens- und Lehrnormen, aber nur deshalb, weil angenommen wird, daß sie im vollen Einklange mit der Bibel stehen. Die Männer dieser Richtung verlangen deshalb, daß jeder, der irgendwie von dem orthodoxen Standpunkte abweicht, der namentlich dem Buchstaben der Bibel nicht volle unbedingte Gültigkeit für alle Ewigkeit zuerkennt, fernzuhalten sei von der Kanzel, von der Schule, von kirchlichen Ämtern, vom theologischen Katheder, womöglich auch vom Kultusministerium und der Abteilung für geistliche Angelegenheiten. Die Männer dieser Richtung müssen also – mir wenigstens scheint das klar wie Sonnenlicht –, wenn sie von praktischem Christentum reden, nachweisen, daß diejenigen Staatsmaßregeln, denen sie die Ehre dieser Bezeichnung zu teil werden lassen, sich auf eine Vorschrift der Bibel, bestimmter gesagt, des Neuen Testaments stützen, und daß man durch Widerspruch gegen jene Staatsmaßregeln einem Gebote des göttlichen Worts entgegen handle.

Da es an Texten, die von Zwangsversicherungen reden, ganz und gar fehlt, wird man notgedrungen sich auf den allgemeinen Charakter der evangelischen und apostolischen Vorschriften zurückziehen und behaupten müssen, aus diesem allgemeinen Charakter ergebe sich das Gebot, den unbemittelten Klassen durch Zwangsversicherungen Alters-, Invaliden-, Kranken- und Unfallsrenten zu verschaffen, von selbst und mit solcher Deutlichkeit, daß jede Opposition dagegen ohne weiteres als Ungehorsam gegen den Willen Gottes bezeichnet werden müsse. Freilich würde diese schwere Anklage des Ungehorsams nicht bloß die Manchesterleute, sondern auch alle Regierungen ohne Ausnahme bis zum Jahre 1881 treffen; denn bis dahin ist es keiner einzigen, auch der Kaiser Wilhelms I. nicht, in den Sinn gekommen, dieser angeblichen Christenpflicht zu genügen. Ja, noch mehr, die Kirche selbst, die Moraltheologie aller verflossenen Jahrhunderte träfe der Vorwurf, uns über diese Pflicht völlig im Dunkeln gelassen zu haben. Allein das könnten und müßten wir ja in den Kauf nehmen, wenn im übrigen die Wahrheit der These, zwar merkwürdig spät erkannt, aber unanfechtbar wäre.

Was sagt denn nun über den streitigen Punkt das Neue Testament? Im allgemeinen, meine ich, denn im besonderen, wie schon bemerkt, sagt es nichts. Im allgemeinen behandelt es Armut und Leiden als Dinge, die man gelassen ertragen, sogar als Vorzüge preisen, und um deren Abwendung man sich nicht viel Sorge machen soll. Irdische Güter, irdisches Wohlsein werden durchweg als verächtlich und selbst als verwerflich bezeichnet; der arme Mann ist als solcher der Seligkeit näher als der reiche. Mit dem Allernotwendigsten, Speise und Kleidung, soll der Mensch zufrieden sein; nicht einmal Wohnung und Schlafstätte wird zu dem Notwendigen gerechnet. Die Zukunft soll man ruhig Gott anheim stellen, keineswegs sich gegen ihre möglichen Übel zu schützen suchen. »Unser täglich Brot gib uns heute,« heißt es im Gebet des Herrn, und unter seinen Worten finden wir solche: »Ihr sollt nicht widerstreben dem Übel« – »Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet« – »Sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen; es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.« Das sind Texte, deren allgemeiner Charakter nicht darauf deutet, daß Versicherungsanstalten Gott besonders wohlgefällig wären. Weit entfernt, Vorsorge gegen die Armut zu gebieten, verlangt Christus sogar, daß man sie, wenn man zu den besitzenden Klassen gehört, freiwillig auf sich nehmen soll: »Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe was du hast und gib's den Armen; so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.« Es steht geschrieben, daß der Jüngling, dem der Meister dies Wort sagte, »betrübt von ihm ging, weil er viele Güter hatte«.

Der kirchlichen Richtung, mit der ich es hier zu tun habe, deren Losung die Schrift, die ganze Schrift, nichts als die Schrift ist, gehören Leute an, die auch viele Güter haben oder doch zu der günstiger situierten Minorität zählen, Großgrundbesitzer, hohe Staatsbeamte, Generale, Superintendenten, Pfarrer mit guten Pfründen, sogar auch Bankiers, Fabrikherren und große Kaufleute. Ob diese betrübt sind, wenn sie die Stelle Matthäi 19, 21 lesen, weiß ich nicht, aber soviel ich sehe, rechnen die meisten von ihnen die Befolgung dieses, doch sehr einfachen und nicht mißzuverstehenden Gebots nicht zum praktischen Christentum. Sonst würden wir wohl mehr von frommen Selbstexpropriationen hören. Vielleicht werden diese begüterten Frommen einwenden, daß, wenn jedermann so handeln wollte, wie Christus es vorschreibt, nicht für die Zukunft sorgen, nicht um zeitliche Güter sich kümmern, weder Staat noch bürgerliche Gesellschaft, noch Zivilisation und Fortschritt möglich sein würden. Aber mit dieser Entschuldigung lasse ich sie nicht passieren. Sie hat etwas für sich im Munde der so sehr verdammten Mittelparteien und Protestantenvereinler, die sich ein Christentum nach ihrem Bedarfe zurecht machen, nicht aber im Munde recht- und vollgläubiger Männer, die uns erklärt haben, daß sie sich kein Tüttelchen von der Bibel, vom Neuen Testament wenigstens, abfeilschen lassen. Für sie gilt das Wort: »Was geschrieben ist, das ist geschrieben;« sie müssen den Inhalt der heiligen Urkunden en bloc annehmen. Wenn sie erst einmal anfangen, an den völlig klaren Lebensregeln und Moralvorschriften des Neuen Testaments mit Deutungen, Milderungen und Anpassungen an das praktische Bedürfnis zu rütteln, wie wollen sie dann anderen verbieten, dieselbe Methode auf die weit dunkleren Dogmen, Mysterien und Wunder der Religion anzuwenden?

Nun höre ich von hier aus, wie man triumphierend mir das Gebot der Nächstenliebe, das Christus nächst der Liebe zu Gott für das oberste aller Gebote erklärt, entgegenhalten wird. Ist es nicht der Zweck unserer sozialpolitischen Gesetze, den Kranken und Gebrechlichen, den Witwen und Waisen, den Verstümmelten und den Altersschwachen zu helfen? Ist dieser Zweck nicht in eminentem Grade christlich und steht er nicht im Einklange mit ausdrücklichen Ermahnungen Jesu Christi und seiner Apostel?

Aber gemach! der Trumpf der christlichen Barmherzigkeit sticht meine Karte nicht; denn die christliche Barmherzigkeit hört auf zu existieren in dem Augenblicke, wo sie erzwungen wird. Sie hört ferner auf, wo sie nicht in reiner uneigennütziger Liebe wurzelt, sondern aus Berechnung oder Eitelkeit entspringt. Die schönsten Spenden und Hilfsleistungen verlieren ihren himmlischen Duft, wenn sie dem Wunsche entstammen, gärende Volksmassen zu beschwichtigen, Popularität zu gewinnen, Nebenbuhler zu überglänzen, Wahlstimmen zu werben. Das Volk selbst bleibt dasselbe, welches Motiv immer zu Grunde liegen mag; es kann bei gutem Motiv schädlich wirken, z. B. wenn man aus Menschenliebe Faulenzer füttert; es kann bei schlechtem Motiv segensreich sein, z. B. wenn man aus Furcht vor dem Zorn der Arbeiter ihnen das Leben erleichtert. Aber um im Sinne des Evangeliums ein gutes Werk, ein Werk der Barmherzigkeit zu sein, muß sein Motiv Liebe sein, freie, ungezwungene Nächstenliebe, die das eigene, nicht das Gut anderer Leute, die sich selbst, nicht die Dienste dritter, dahingibt, um fremde Not zu lindern.

Man messe an diesem Maßstäbe unsere Sozialpolitik, und man wird zugeben müssen, daß sie nicht unter den Begriff der evangelischen Barmherzigkeit fällt. Sie mag vernünftig, politisch klug, eine Wohltat für viele sein, – darüber will ich hier nicht streiten; aber von welcher Seite man sie auch ansehen mag, sie ist und bleibt Zwang, ihrem Wesen, ihrem Wirken und ihrem Wert nach. Der Gesetzgeber bringt nicht sich selbst und seine Habe dar, sondern er nötigt andere Menschen, die vielleicht nicht die mindeste Neigung dazu haben, Steuerzahler, Arbeiter und Brotherren, ein vorgeschriebenes Opfer zu bringen, damit anderen Personen in gewissen Fällen eine Unterstützung gewährt werden könne, und wenn sie das Opfer nicht vorschriftsmäßig bringen, nimmt er es ihnen mit Gewalt und belegt sie mit Strafe. Wo steckt denn da die Barmherzigkeit? Bei dem Gesetzgeber, der als solcher nichts opfert?

Bei den Kontribuenten, die bei Vermeidung der Exekution und schwerer Geldbuße hergeben müssen, was sie lieber behalten oder anderweit verschenken möchten? Mit demselben Rechte könnte man den Bankhalter in Monaco und den Totalisator in Longchamps barmherzig nennen, weil vom Spiel- und Wettgewinn einige Prozente den Armen zufließen müssen.

Augenscheinlich waltet auf diesem Gebiet eine Begriffsverwirrung und eine Gefühlsabstumpfung, die freilich nicht befremden kann in einer Zeit, die zur größeren Ehre Gottes und im Dienste der nationalen Pietät und für die Humanität im heißen Afrika Lotterien veranstaltet und mit salbungsvoller Beredsamkeit empfiehlt. Daran ist die heilige Schrift nicht schuld, und auch Luther nicht, der sich keine Mühe hat verdrießen lassen, uns von dem Aberglauben zu erlösen, als ob Gott nach den Werken um ihrer selbst willen frage. Die heilige Schrift aber, das will ich kühnlich behaupten, enthält vom ersten Verse des Matthäus bis zum letzten der Apokalypse keine einzige Stelle, die so gedeutet werden könnte, als ob die von der Obrigkeit auferlegten Beiträge zu wohltätigen Zwecken Werke der Barmherzigkeit, vollbracht von den Beisteuernden wären. Überall wo von diesen Werken die Rede ist, geht die Ermahnung deutlich an den einzelnen Menschen, die um Gottes und der Bruderliebe willen, ohne äußere Nötigung, seiner Selbstsucht einen Stoß versetzen soll. Nicht vor den Leuten soll das Almosen gegeben werden, und die erste Gemeinde in Jerusalem, die eine Art Gütergemeinschaft eingeführt hatte, überläßt es jedem Mitglieds wie viel es und ob es überhaupt etwas opfern wolle. Bekanntlich hat die Gemeinde in Jerusalem bald die Erfahrung gemacht, daß ihr praktisches Christentum für diese Welt nicht zweckmäßig sei; schon Paulus hat sich genötigt gesehen, Sammlungen für sie in Macedonien, Korinth und Galatia zu veranstalten, weil sie ihre eigenen Mittel aufgezehrt hatte. Aber auch er hat sich gehütet, irgend einen Druck auf die Geber auszuüben. An allen Stellen seiner Briefe, wo von diesen Liebesgaben die Rede ist, finden wir nichts als einen Appell an die freie Bruderliebe, keinerlei Drohung, keinen moralischen Zwang. »Die aus Macedonia und Achaja haben williglich eine gemeine Steuer zusammengelegt den armen Heiligen zu Jerusalem. Sie haben's williglich getan.« So schreibt der Apostel den Römern, und er läßt schweigend den letzteren ihre volle Freiheit, ob sie dem guten Beispiel folgen wollen oder nicht. Und den Korinthern sagt er, daß bei den Wochensammlungen für jene Armen »ein jeglicher nach seinem Willkür geben möge, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn den fröhlichen Geber habe Gott lieb.« Man braucht nur den Ton dieser Stimme zu vernehmen, um zu empfinden, daß sie ganz anderen Regionen angehört als denen unserer bureaukratischen Entschädigungs-, Verpflegungs- und Rentenanstalten.

Natürlich ist damit nichts gegen die Vortrefflichkeit dieser letzteren gesagt; sie können, auch wenn sie nicht die Autorität der Schrift für sich haben, durchaus berechtigt, durchaus wohltätig sein. Wer von dieser Berechtigung und Wohltätigkeit überzeugt ist, handelt als rechtlicher Mann, folglich auch insoweit christlich, wenn er die gedachten Anstalten gegen ihre Gegner in Schutz nimmt, empfiehlt und fördert. Aber genau ebenso redlich und ebenso christlich handelt derjenige, der die Anstalten bekämpft, weil er der entgegengesetzten Überzeugung ist, daß sie nämlich ungerecht und gemeinschädlich seien. In gewissem Sinne kann man ja, wenn man will, jedes Handeln, das, von wohlerwogener Überzeugung ausgehend, das Beste der Mitmenschen bezweckt, praktisches Christentum nennen, aber es wird nichts damit gewonnen, da doch die Überzeugungen meistens sehr verschieden sind und die christliche Lehre für die menschlichen Wohlfahrtseinrichtungen nie oder höchst selten bestimmte Normen an die Hand gibt. Man wird in der Hauptsache immer auf die weltlichen Argumente zurückgreifen müssen und höchstens soviel feststellen können, was sich von selbst versteht, daß es unchristlich sein würde, etwas, was man für gut und heilsam erkannt hat, nicht zu wollen, es zu bekämpfen und es für schlecht zu erklären.

In derjenigen Angelegenheit, die uns hier am nächsten liegt, ist über das wünschenswerte Ziel eine Meinungsverschiedenheit eigentlich nicht vorhanden.. Ich kann mir nicht denken, daß – von einigen teuflischen Bösewichtern abgesehen – jemand auf Erden existiert, der nicht allen seinen Mitmenschen in Not, Krankheit und Alter eine sichere Unterstützung und Hilfe von Herzen gönnte. Auch darüber ist wenig Streit, daß der beste, vielleicht der einzige Weg zu diesem Ziele der Weg der Versicherung sei. Der Kampf der Meinungen beginnt erst bei der Frage: soll dieser Weg vom Staate aufgezwungen oder soll, ihn auszubauen und zu benutzen, der Entwicklung der Intelligenz und der wirtschaftlichen Tugenden, Vorsicht, Sparsamkeit, Selbständigkeit, überlassen werden. Der Versuch, den Zwangsweg mit dem Nimbus des Christentums zu umgeben, ist, wie ich gezeigt zu haben glaube, verfehlt und schriftwidrig; es kann sich nur darum handeln, welche von beiden Methoden menschlichem Ansehen nach die bessere ist. Menschlichem Ansehen nach! Die Worte mahnen doch sehr zur Bescheidenheit und Vorsicht vor raschem Verdammen. Ich für meinen Teil halte die freie Methode für die richtige, aber für ihren Erfolg kann ich nicht bürgen, und ich kann nicht leugnen, daß sie langsam operiert. Der Staatszwang hat die schnelleren, augenfälligeren Resultate für sich; ich finde es begreiflich, daß er von vielen vorgezogen wird. Ich hüte mich, diese vielen für schlecht, für Unchristen zu halten, weil sie die Dinge anders ansehen als ich. Aber ich muß sagen, daß es mir angenehm sein würde, ebenso behandelt zu werden. Vielleicht steckt doch in der Abneigung gegen die großen offiziellen Barmherzigkeitsapparate auch ein bißchen Christentum, und nicht bloß, wie man etwas vorschnell anzunehmen pflegt, manchesterlicher Doktrinarismus. Die materiellen Wohltaten, die man obrigkeitlicher Bevormundung verdankt, werden um einen Preis erkauft, der allzu teuer erscheint, wenn man überzeugt ist, daß nur aus der Übung und Entfaltung der eigenen Seelenkräfte dem Menschen das Heil, wahres und dauerndes, leibliches und geistiges, erblühen kann. Denn diese Seelenkräfte, die Selbständigkeit und die Energie, werden unfehlbar gelähmt, wenn ein väterlicher Despotismus ihnen die Freiheit der Bewegung raubt; der väterliche Despotismus beseitigt wohl manche häßliche Geschwüre, aber er schwächt, er erstickt wohl gar die Naturkraft, die allein den Kranken gesund machen kann. Wer dieses Glaubens lebt, steht nicht im Widerspruche mit dem Meister, der uns lehrt, das Unkraut nicht auszuraufen, damit nicht gleichzeitig der Weizen verderbe, und der gesagt hat: »Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an seiner Seele?«

Es gibt keine Wohltat, die den Schaden der Freiheitsberaubung aufwöge! Das ist eine Thesis, die auch heute noch, allen sozialistischen Zeitströmungen zum Trotz, von einer Menge ernsthafter und wohlmeinender Männer, darunter auch aufrichtige Christen, aufgestellt und verteidigt wird. »Ich will lieber ein freies England als ein nüchternes,« sagte Dr. Magee, als man ihn aufforderte, eine Bittschrift an das Parlament, betreffend gesetzliches Verbot des Genusses gegorener Getränke, mitzuunterzeichnen. Man fragt mich: wer war Dr. Magee? Er war Erzbischof von York, und er ist im Mai dieses Jahres gestorben, verehrt und geliebt als einer, der zwar ein Hirt, aber nie ein Beherrscher der Seelen sein wollte.


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