Otto Gildemeister
Essays - Erster Band
Otto Gildemeister

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Die trostlose Wissenschaft

(1890)

I.

Die trostlose Wissenschaft, the dismal science, ist die Lehre Adam Smiths. Der Verfasser des Buches »vom Reichtum der Nationen« ist jetzt gerade hundert Jahre tot; wenn er wieder aufleben könnte, würde er, wahrscheinlich zu seinem höchsten Erstaunen finden, daß seine Darstellung des menschlichen Erwerbslebens, obwohl in den Hauptpunkten unwiderlegt, ein Gegenstand weitverbreiteten Hasses, wie er sonst nur auf theologischem und politischem Gebiete zu gedeihen pflegte, wenn nicht äußerster Geringschätzung geworden ist. Die einen finden seine Lehre trostlos, die anderen versichern uns, sie sei tot, abgetan. Ich habe neulich in einer deutschen Zeitschrift gelesen, daß es zu den Ruhmestaten Bismarcks gehöre, der Schule des schottischen Professors das Lebenslicht ausgeblasen zu haben, indem er »die senilen manchesterlichen Existenzen«, die innerhalb der preußischen Beamtenschaft noch jener Schule anhingen, mit starker Hand beseitigte. In der nämlichen Wochenschrift wurde vor kurzem die Schule Adam Smiths so geschildert, daß man annehmen mußte, sie erkläre den Raub für eine berechtigte wirtschaftliche Tätigkeit und das Geldverdienen für den einzigen Zweck des Daseins. Herr Dr. von Schulze-Gävernitz erzählt uns in seinem neuesten Buche, daß die englischen Arbeiterzustände während der ersten vier Jahrzehnte dieses Jahrhunderts unter dem Einflusse der Theorien Adam Smiths sich zu kolossalem Massenelend entwickelt hätten, und bei uns in Deutschland geht die populäre Ansicht dahin, daß die nämlichen Theorien bis zum Jahre 1878 unsere Gesetzgebung beherrscht und unser Vaterland »ausgepovert« hätten. Die Gelehrten der weiser gewordenen Neuzeit hüten sich vielleicht vor solchen geschichtswidrigen Behauptungen; die Theorien Adam Smiths sind in Großbritannien bekanntlich erst gegen das Ende des fünften Jahrzehnts zur praktischen Geltung gelangt, und in Deutschland hat noch niemals, auch zur Zeit der senilen manchesterlichen Existenzen nicht, das Prinzip des freien Verkehrs die Gesetzgebung wirklich beherrscht. Die klügeren unter den Gelehrten richten deshalb ihre Anklage anstatt auf die praktische mehr auf die doktrinäre und namentlich auf die ethische Seite. Merkwürdigerweise widersprechen sie dabei einer dem anderen.

Zum Beispiel. In einem Nekrolog wurde Lorenz Stein ein Hauptvertreter jener Richtung genannt, die ihrer Methode und Anschauung nach zu den Ausläufern der klassischen Nationalökonomie gehöre, zum Smithianismus, »jener Richtung, die nicht von den Tatsachen, sondern von Ideen ausgeht und diese auf dem Wege der Deduktion zu einem für alle Völker und Zeiten passenden Systeme ausbildet«. Dagegen meint Herr Gustav Cohn, daß Adam Smith die wissenschaftliche Schärfe seiner Vorgänger, der französischen Physiokraten, zu Gunsten praktischer Besonnenheit abgestumpft und eine philosophisch höher stehende Theorie nur auf eine Art, wie der gesunde Menschenverstand es mit unannehmbaren Lehrsätzen zu machen pflege, widerlegt habe, ohne ihr auf ihr Gebiet zu folgen. Beide Urteile, so wenig sie miteinander stimmen, haben dieselbe Klangfarbe: Adam Smith ist eine überschätzte Größe; für die Gegenwart kommt er nicht mehr in Betracht; uns kann er höchstens noch ein literarhistorisches Interesse einflößen. Er ist der Gründer der klassischen Nationalökonomie, die für moderne Köpfe ebensowenig Wert hat, wie die klassische Tragödie für moderne Theatergänger. Wie Racine und Corneille von romantischen Poeten, so ist die klassische Nationalökonomie von romantischen Gelehrten überwunden und abgesetzt worden.

Die klassische Poesie der Franzosen hat, wie man weiß, ihre höchste Aufgabe darin gefunden, die Vernunft und den gesunden Menschenverstand in noblen und eleganten Versen zu verkünden, La Rime et la Raison galten ihr als ein unzertrennliches Schwesterpaar. Und gerade deshalb ist sie entthront worden. Von der Poesie fordert man mehr als Vernünftigkeit und Verständigkeit. Eine klassische Wissenschaft aber, das ist doch etwas anderes. Sie für abgesetzt zu erklären, weil sie zu sehr von der Vernunft sich leiten lasse und weil sie die Rechte des gesunden Menschenverstandes selbst den philosophischen Doktrinen gegenüber nicht aufopfere, ist ein Einfall, den man nur wirklichen Romantikern zu gute halten kann, denjenigen, meine ich, die von der Wissenschaft künstlerische Befriedigungen, ästhetische Erregungen, sittliche Erbauungen verlangen, keineswegs aber das, was allein Aufgabe der Wissenschaft ist, Belehrung über die Wirklichkeit der Dinge, Ermittlung der Tatsachen und Erkenntnis der Gesetze, die sich etwa aus den Tatsachen herleiten lassen.

Und in der Tat ist es ein Romantiker, ein Erzromantiker gewesen, der für die klassische Nationalökonomie den Ekelnamen der trostlosen Wissenschaft erfunden hat, John Ruskin, der berühmte englische Kunstprophet, ein Schriftsteller, wie ich gern anerkenne, von seltener und hinreißender Beredsamkeit, aber zu einem Urteil über Wert und Unwert nationalökonomischer Theorien so rettungslos unfähig wie der Sultan von Sansibar zu einem Urteil über den Entwurf des deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs. Er hat gefunden, daß schöne Gedichte einen erfreulicheren Eindruck auf ihn machten als die Schriften Adam Smiths und seiner Jünger, und weil man die Dichtkunst in alten Zeiten la gaie science nannte, hat er die Volkswirtschaftslehre the dismal science getauft, deutlich zu erkennen gebend, daß er keinen anderen Maßstab als den des poetischen oder doch eines dem poetischen ähnlichen Genusses anlegen wolle. Er erhebt den Anspruch an das wirkliche Leben, daß es ihn etwa so berühren solle, wie die Betrachtung der Kunstwerke des Quattrocento oder wie die Vertiefung in den gläubigen, beschaulichen, schwärmerischen Geist mittelalterlicher Kultur; er hat erkannt, daß das moderne England mit seinem gigantischen Industrialismus und seinen rastlosen Konkurrenzkämpfen himmelweit entfernt sei, diesen Anspruch zu befriedigen; er hat zu seinem Entsetzen gehört, daß diese ihm so wichtige moderne Entwicklung von einer wissenschaftlichen Schule als ein Produkt natürlicher, im wesentlichen unabänderlicher natürlicher Ursachen hingestellt werde; daß diese Schule eine Besserung der Zustände nur innerhalb bestimmter Grenzen und nur auf dem Wege eines langsamen, innerlichen Heilungsprozesses für möglich halte, jedenfalls aber vor legislativen Eingriffen als ausnehmend gefährlich und wahrscheinlich nur zu schlimmerem Übel führend, nachdrücklich warne. Dagegen empörte sich seine ganze Seele, sein Schönheitsbedürfnis, sein Verlangen nach Harmonie, sein Mitleid mit dem geistigen und leiblichen Elend der Armen und sein Abscheu vor der prosaischen Engherzigkeit, Plattheit, Geschmacklosigkeit der Wohlhabenden. Und in seinem Ingrimm über die wirkliche Welt sprach er das Anathema über die Wissenschaft, die ihm seine Hoffnungen zerstörte.

Seitdem sind fünfzig Jahre verflossen, und wir können uns nicht darüber täuschen, daß in dieser Zeit die Anschauung Ruskins immer weitere Kreise ergriffen und schließlich auch die theoretische Behandlung der wirtschaftlichen Fragen auf das tiefste beeinflußt hat. Wäre der Wert einer Wissenschaft abhängig von ihrer Popularität, so müßte man einräumen, daß die klassische Schule von der romantischen überwunden worden sei. Wenn auch die große Mehrzahl derer, die in das Anathema einstimmen, die künstlerischen und idealen Gefühle Ruskins nicht nachempfindet, so ist sie doch gern einverstanden, wenn ein so redegewaltiger Apostel ihrer Denkfaulheit, ihrer Gefühlsweichlichkeit, ihrer philanthropischen Interventionslust und namentlich ihrem berechnenden Eigennutz den prächtigen Mantel seiner Rhetorik leiht. Sehr groß ist auch die Zahl der wohlmeinenden Launen, die, ohne sich für das Für oder Wider sonderlich zu interessieren, doch es für anständig halten, sich ablehnend gegen eine Schule zu verhalten, die »den nackten Egoismus auf den Thron setzt«, die »Mitleid und Barmherzigkeit für eine Verirrung erklärt«, die »keinen anderen Zweck des Daseins anerkennt als den Gelderwerb«, und die »dem schamlosesten Konkurrenzkampfe das Wort redet, damit die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden«. Daß nämlich Adam Smith solche und ähnliche Dinge gelehrt habe, das glauben viele, selbst leidlich gebildete Leute, ihren Zeitungen aufs Wort. Kein Wunder, daß auch sie diese Wissenschaft trostlos finden. Wenn solche gläubige Leser einmal die Schriften Adam Smiths aufschlügen und bei der Gelegenheit entdeckten, daß er einen starken Band dem Thema widmet: »Menschenliebe ist das Prinzip aller Tugend«, Daß er Sympathy, auf deutsch Mitleid, als die löblichste aller Triebfedern bezeichnet, so würden sie ebenso verwundert sein wie jener Sizilianer, der von Goethe erfuhr, daß die protestantische Religion die Ehe zwischen Geschwistern keineswegs erlaube.

Ich für meinen Teil finde nicht, daß die Wissenschaft Adam Smiths trostlos sei, wenigstens nicht trostloser als jede methodische Betrachtung des menschlichen Lebens, von welcher sie ja nur einen Abschnitt und nicht gerade den liebenswürdigsten, die gewerbsmäßige Tätigkeit, behandelt. Aber selbst, wenn ich sie ebenso trostlos fände wie Ruskin, so würde ich mich doch hüten, sie deshalb schon für verwerflich, der Beachtung unwert zu halten. Eine Wissenschaft ist nur dann zu verwerfen, wenn sie unwahr ist, d. h. wenn sie entweder von falschen Behauptungen ausgeht oder aus richtigen Tatsachen falsche Schlüsse zieht. Ob die Schlüsse trostlos oder nicht trostlos sind, ist vom wissenschaftlichen Standpunkte aus, das heißt für den, der die Wahrheit wissen will, vollkommen gleichgültig. Wer diesen Gedanken nicht zu fassen vermag, der tut besser, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. »Wer aber einmal die Wahrheit zu Gaste geladen hat« (ich zitiere aus dem Gedächtnis), »der soll auch wie Don Juan Gentleman genug sein, sie einzulassen, auch wenn sie als steinerner Gast erscheint.«

So unheimlich ist es nun in unserem Falle keineswegs bestellt. Die Wahrheiten, die Adam Smith entschleiert hat, sind nicht immer sehr reizend, aber gorgonenhaft werden ihre Züge nur dem erscheinen, der sich diese Welt im allgemeinen als ein Arkadien gedacht hat. Sei dem aber, wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß unser Mißfallen kein Jota von der Wahrheit abzustreichen vermag. Es sollte uns daher nicht so sehr interessieren, ob die Romantiker unsere klassischen Lehrer erbaulich und erquicklich gefunden, sondern ob sie sie widerlegt haben.

Vor einiger Zeit hat Moritz Block, der zu den schwindelfreisten Führern durch die Alpenregionen der Wirtschaftslehre gehört, in französischer Sprache eine gedrängte Übersicht über die Fortschritte verfaßt, welche innerhalb der hundert Jahre seit dem Tode Adam Smiths die von ihm begründete Wissenschaft gemacht hat. Die Fortschritte bestehen 1. in der Widerlegung oder Berichtigung theoretischer Irrtümer; 2. in der feineren Ausarbeitung einzelner Abschnitte, für die der Meister nur die gröberen Grundlinien gezogen hatte; 3. in der Erforschung und Feststellung solcher tatsächlicher Verhältnisse, die vor hundert Jahren noch nicht in die Erscheinung getreten waren. Nun ist es im höchsten Grade überraschend zu sehen, wie ausnehmend wenig Fortschritte unter die erste dieser drei Kategorien fallen. Die weitaus meisten von den neuen Erwerbungen gehören der zweiten und der dritten Kategorie an. Die eigentlich grundlegenden Sätze der Wissenschaft stehen, bis auf einige Meißelungen und Polituren, noch gerade so da, wie Adam Smith sie hingestellt hat. Und die romantische Schule erkennt dies, wenn nicht immer ausdrücklich, doch tatsächlich an, indem auch ihre Schriftsteller da, wo sie rein wissenschaftlich arbeiten, regelmäßig die alten Fundamente benutzen. Wenn man ihre Vorreden liest, sollte man glauben, die Schule Adam Smiths existiere gar nicht mehr; in den Werken selbst dagegen, das heißt in den theoretischen Begründungen, findet man fast immer die verworfenen Steine als Ecksteine wieder angebracht, mitunter ein bißchen verputzt, aber in der Substanz unverändert.

Schon diese eine Tatsache heischt Ehrfurcht und Bewunderung und rechtfertigt das Urteil Bruno Hildebrands, daß Adam Smith nicht allein der wahre Gründer der Nationalökonomie, sondern auch jenen großen Geistern zuzurechnen sei, auf die Schillers Wort Anwendung findet:

»Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun.«

Umso erstaunlicher ist die Tatsache, je größer die Umwälzungen sind, die auf dem Gebiete der Völkerwirtschaft im Laufe der letzten hundert Jahre sich zugetragen haben und von denen Adam Smith nichts ahnen konnte. Das praktische Leben, aus dessen Erscheinungen er seine Theorie herzuleiten hatte, war im Vergleiche mit der Weltwirtschaft der Gegenwart eng begrenzt und höchst einfach; aus dem dürftigen Stoffe aber hat er es verstanden, Gesetze zu ermitteln, die, wie wir sahen, seine modernsten Kritiker als auch für uns gültig anerkennen müssen. Die seit seinem Tode eingetretene riesige Entwicklung der Produktion, der Nutzbarmachung neu entdeckter Naturkräfte, der Transportmittel und der sozialen Verhältnisse hat seinen Nachfolgern einen früher ungeahnten unermeßlichen Stoff für weitere wissenschaftliche Erforschung und Einordnung geliefert, aber das System, das der Meister aufrichtete, hat die Flut neuer Erscheinungen nicht zu erschüttern vermocht. Man darf Adam Smith in dieser Beziehung wohl mit Kopernikus vergleichen, dessen große Entdeckung heute wie vor drei Jahrhunderten die Grundlage aller rationellen Astronomie bildet, obwohl der Entdecker selbst nicht den zehnten Teil der astronomischen Tatsachen kannte, die heute jeder Sternwartenassistent am Schnürchen hat. Auch dem Kopernikus hat eine gewisse Romantik, damals eine theologische, den Vorwurf gemacht, daß er trostlose Dinge verkünde, den Gläubigen ihre Ehrfurcht vor der Schrift und den Frommen ihren Himmel raube, aber der Satz, daß die Erde sich bewegt, ist darum nicht minder wahr geblieben.

II.

Die klassische Schule der Nationalökonomen rühmt sich, gewisse Gesetze entdeckt zu haben, die sich überall als wirksam bewähren, wo innerhalb einer größeren, der ursprünglichen Wildheit entwachsenen menschlichen Gesellschaft Gewerbe und Handelsverkehr stattfinden. Sie behauptet, daß diese Gesetze der Güterproduktion, des Güteraustausches und des Güterverbrauchs deshalb Gesetze zu nennen sind, weil sie von der Natur selbst uns vorgezeichnet sind und nur, wenn die Natur sich änderte, ihre Geltung verlieren könnten. Wir selbst vermögen an diesen Naturgesetzen nichts zu ändern, und insofern mag man sie ehern nennen. Sollte es sich herausstellen, daß sie sich der Verwirklichung unserer Wünsche auf alle Zeit entgegenstellen, so kann man sie auch trostlos nennen. An der Sache ändert es nichts. Es fragt sich nicht, ob die Gesetze ehern oder wächsern, trostlos oder glückverheißend, sondern ob sie richtig formuliert sind, ob sie wirklich, wie behauptet wird, aus der Natur der Dinge sich ergeben. Lassalle hat gemeint oder wenigstens gesagt, daß das Lohngesetz, das den Arbeiter zu ewigem Kampfe mit der Not verdamme, ehern und trostlos sei, und er hat ganz richtig daraus gefolgert, daß man, um es zu stürzen, die Welt auf den Kopf stellen müsse. Um zu beweisen, daß es ehern sei, hat er sich auf die klassische Nationalökonomie berufen; die habe das eherne Lohngesetz entdeckt und verkündigt, und die müsse es wissen. Als ich meinen ersten Artikel anfing, hielt ich es noch für zweckmäßig, an diesem berühmten Beispiel zu zeigen, wie man der Nationalökonomie Kinder unterschiebt, die sie nicht geboren hat. Mittlerweile hat die Sozialdemokratie selbst die Behauptung Lassalles über Bord geworfen, und man braucht sich mit dieser Trostlosigkeit nicht weiter zu beschäftigen. Aber bemerkenswert ist es doch, mit welcher Kaltblütigkeit ein Mann wie Herr Liebknecht das eherne Lohngesetz, nachdem seine Partei es seit Jahrzehnten als ebenso unumstößliche wie entsetzliche Folge der bestehenden Gesellschaftsordnung dargestellt hat, jetzt mit der Bemerkung abfertigt, das eherne Lohngesetz sei eine Fabel und könne, nachdem es seinen agitatorischen Zweck erreicht habe, in die Rumpelkammer verwiesen werden.

Eine so frivole Art wie dem Erfinder und dem Wiederabschaffer dieses Agitationsmittels ist den ernsthaften Männern der neueren, der romantischen Nationalökonomie nicht zur Last zu legen. An die Vorwürfe, die sie erheben, glauben sie aus vollem Herzen; sie möchten gern die schlechte Welt nach ihren Ideen umgestalten, und sie finden es unrecht, daß diesem löblichen Bestreben Hindernisse in den Weg gestellt werden – von der Wissenschaft, wie sie meinen, in der Wirklichkeit aber von der Natur der Dinge und von der Natur der Menschen. Die Hindernisse, die sich auftürmen, wenn der Weltverbesserer ans Werk geht, würden genau dieselben auch dann sein, wenn die gesamte nationalökonomische Literatur niemals vorhanden gewesen wäre. Vorwürfe dieserhalb an die Literatur zu richten, ist nicht viel weiser, als wenn man den Erfinder des Barometers für das schlechte Wetter verantwortlich machen wollte.

Zwei Gründe sind es vornehmlich, die der nüchternen Nationalökonomie so viele Widersacher außerhalb der eigentlichen wissenschaftlichen Arena, bei Politikern und im großen Publikum erwerben. Der erste Grund ist der oben angedeutete, die Auflehnung der menschlichen Macht-, Herrsch- und Verbesserungsbegier gegen natürliche Schranken. Der Zorn darüber, daß unser Vermögen so gering, unsere Materie so spröde ist, läßt sich wohl begreifen, aber er irrt sich in der Adresse, wenn er sich an den Gelehrten ausläßt.

Der zweite Grund ist die Unfähigkeit vieler Leute, zu begreifen, daß eine Spezialwissenschaft wie die Nationalökonomie nur einen abgegrenzten Abschnitt der Wirklichkeit, keineswegs das gesamte Menschenleben, behandeln kann. Fortwährend hört und liest man Urteile wie diese: »Die Herren Nationalökonomen sollten doch nicht vergessen, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt; Menschenliebe, Gemeinsinn, Aufopferung, Begeisterung, Patriotismus existieren in den Augen dieser Theoretiker nicht; was soll man von einer Wissenschaft halten, die unter allen Triebfedern menschlichen Handelns dem Egoismus den ersten Rang anweist? Welch ein Irrtum ist es, anzunehmen, daß es der Weisheit höchster Schluß sei, möglichst teuer zu verkaufen und möglichst billig zu kaufen?« Und so weiter. Ich wünsche durchaus nicht zu karikieren; ich glaube wirklich, die meisten populären Invektiven gegen das »Manchestertum«, wenn man sie auf ihre Quintessenz reduziert, sind nur Variationen eines dieser Sätze. Daß diese Sätze auf Unsinn, auf ein arges Mißverständnis hinauslaufen, ist bei einigem Nachdenken leicht einzusehen. Man wirft der Nationalökonomie vor, daß sie sich nur um ihr Thema und nicht auch zugleich um alle möglichen anderen Themata kümmert. Wer ein Buch über die Bierbrauerei schreibt, leugnet darum doch nicht, daß es auch Weinkeltern gibt; noch weniger behauptet er, daß Bier der Güter höchstes sei. Wahrscheinlich wird er der Meinung sein, daß für die Herstellung eines guten Trunkes Hopfen oder Malz wichtiger seien als die moralische Beschaffenheit des Brauers, aber darum wird man ihm noch nicht nachsagen, daß Moral ihm wertlos erscheine. Eine solche verschrobene Logik wird fortwährend der Nationalökonomie gegenüber angewandt. Soviel ich mich erinnere, ist außer ihr keine andere Wissenschaft dem ausgesetzt; niemand verlangt von der Chemie, daß sie religiöse, oder von der Physik, daß sie Rechtsfragen erörtern solle.

Freilich kann man einwenden, daß Chemie und Physik mit menschlichen Handlungen nichts zu schaffen hätten, die Nationalökonomie dagegen vorwiegend eine Theorie menschlicher Tätigkeit sei und daß für alle menschliche Tätigkeit die Moral in Betracht komme. Zugegeben, es sei dem so; aber niemand wird bestreiten, daß es Tätigkeiten gibt, bei denen die Moral unmittelbar eine verschwindend kleine Rolle spielt und in der Theorie als quantité négligeable behandelt werden darf. Vom Bierbrauen habe ich schon gesprochen; der Raum würde nicht reichen, wenn ich alle Tätigkeiten, die sich in gleicher Lage befinden, vom Stiefelputzen bis zur Berechnung einer Kometenbahn, aufzählen wollte. Wie, wenn die sorgfältige Beobachtung der Tatsachen für die wirtschaftlichen Tätigkeiten im allgemeinen ein ähnliches Resultat ergäbe, würde es dann erlaubt sein, in der Theorie sie zu behandeln, als ob sie in erheblichem Maße unter der Einwirkung der Moral ständen? Die Beobachtung der Tatsachen ergibt, daß im wesentlichen die Rücksicht auf den eigenen Vorteil und auf den Vorteil seiner Familienangehörigen, mit einem Worte der Egoismus den Menschen zur Arbeit und bei der Arbeit, zum und beim Güteraustausche bestimmt. Jedermann setzt dies in der Praxis als selbstverständlich voraus; aller Handel und Wandel, alle Wirtschaftspolitik, alle Gesetzgebung geht von der stillschweigenden Annahme aus, daß die Menschen, soweit ihre tägliche Arbeit und ihr Güteraustausch in Betracht kommt, in der Regel ihren Vorteil, oder was sie dafür halten, suchen. Außerhalb des eigentlichen Erwerbslebens mag man den moralischen Regungen einen noch so weiten Spielraum zuerkennen, innerhalb des Erwerbslebens muß auch der größte Optimist dem Egoismus die Vorherrschaft, wenn nicht die Alleinherrschaft, zusprechen. Eine Praxis, die diese Tatsache ignoriert, führt unfehlbar zum Bankrott; eine Theorie, die diese Tatsache leugnet, ist falsch.

Daß diese Tatsache schön sei, hat wohl noch niemand behauptet, Adam Smith am wenigsten. Vielleicht hätten er und seine Jünger sich vor dem Vorwurfe der moralischen Indifferenz besser geschützt, wenn sie ihre wissenschaftlichen Erörterungen ab und an mit Wehklagen über die Herzenshärtigkeit der Menschen und mit Lobpreisungen der Tugend unterbrochen, oder wenn sie den Gesetzgebern die Abschaffung der Selbstsucht anempfohlen hätten. Ersteres haben sie wahrscheinlich nicht für ihres Amtes oder auch für überflüssig, letzteres für absurd gehalten. Ja, es wäre nicht undenkbar, daß ein philosophischer Geist unter ihnen sich gefragt hätte, ob die Abschaffung der Selbstsucht, wenn sie möglich wäre, wünschenswert sei. Wenn man nämlich die stärkste Triebfeder aus dem Räderwerke herausnähme und sie nicht durch eine gleich starke ersetzte (was doch seine Schwierigkeiten hätte), was würde aus der Welt, aus der Zivilisation, aus der Moral werden? Der Glaube Rousseaus, daß wir durch die Rückkehr in die Eichenwälder tugendhafter und glücklicher werden würden, hat keine Anhänger mehr. Die Nationalökonomie ist keine Tugendlehre, sondern lediglich und ausschließlich eine Lehre von den Tatsachen und den Gesetzen, die sich bei der Beobachtung der Güterproduktion, des Güteraustausches und des Güterverbrauchs ergeben. Sie ist nicht unfehlbar, das versteht sich von selbst, aber was sie als wahr ermittelt zu haben glaubt, muß sie verkünden, ohne alle Rücksicht darauf, ob es schön oder häßlich, erbaulich oder niederschlagend ist. Wenn sie fände, daß Sklavenarbeit mehr Güter schaffe als freie Arbeit, müßte sie es sagen. Glücklicherweise hat sie das Gegenteil festgestellt. Aber gesetzt, sie hätte wirklich den höheren wirtschaftlichen Wert der Sklavenarbeit über jeden Zweifel erhoben, folgt daraus, daß sie die Erhaltung oder die Wiedereinführung der Sklaverei predigen müßte oder würde? Nicht im mindesten. Sie würde erklären, daß die praktische Schlußfolgerung aus ihrer Lehre von Erwägungen, die außerhalb ihres Rahmens liegen, von politischen und moralischen Erwägungen, abhänge. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Die Aufziehung arbeitsunfähiger Kinder und die Ernährung abgelebter, stumpfsinniger Greise ist unwirtschaftlich; sie zerstört Güter und schafft keine. Muß deshalb die Wirtschaftslehre den Kindermord und die Wegräumung der Altersschwachen fordern? Lange bevor es eine Nationalökonomie gab, haben die Völker, wahrscheinlich alle einmal, aus wirtschaftlichen Gründen schwache Kinder und bejahrte Invaliden umgebracht; zum Teil geschieht es noch heutzutage. Aber die moderne Wissenschaft hat nie behauptet, daß immer das wirtschaftlich Richtige auch moralisch erlaubt sei. Wenn sie nicht hinter jedem ihrer Sätze einen Vorbehalt zur Wahrung des moralischen Forums hinzufügt, so folgt sie nur einem allgemein gültigen Stilgesetze, welches verbietet, zu sagen, was der verständige Leser sich selbst sagt.

Ich will übrigens durchaus nicht leugnen, daß Wirtschaftslehre näher an das Gebiet der Moral grenzt und mehr Berührungspunkte mit ihr hat als z. B. Chemie und Physik. Denn beides, Wirtschaft und Moral, sind Elemente des menschlichen Wesens und kommen in der Wirklichkeit, im lebendigen Menschen nicht so streng in Fächer geordnet vor, daß nicht häufig eins ins andere überginge. Aber die Wissenschaft sieht sich genötigt, in Fächer zu verteilen, was die Wirklichkeit nur als Bestandteile eines unteilbaren Ganzen darbietet, weil ohne solche künstliche Sonderung eine heillose Konfusion sowohl für die Forschung als für die Lehre entstände. Alle wissenschaftlichen Disziplinen, die sich mit dem Menschen beschäftigen, machen es so. Die Medizin kümmert sich nicht um die Kunstgenüsse, die Jurisprudenz nicht um die ansteckenden Krankheiten, der Ästhetiker nicht um das Erbrecht, und alle drei nicht um die Sittenlehre, es sei denn, daß sie in ihr medizinische, juristische oder ästhetische Werte vorfände. Ebenso macht es auch die Nationalökonomie. Sie berücksichtigt die moralischen Eigenschaften, die irgendwie auf ihr Gebiet Einfluß üben. Ich will nicht davon reden, daß die ganze Wirtschaftslehre gegenstandslos sein würde ohne die Voraussetzung eines Rechtsschutzes, einer moralischen Institution also, sondern nur daran erinnern, daß Redlichkeit, Treue, Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Sparsamkeit von hoher Wichtigkeit für Produzenten und Konsumenten, für Unternehmer und Arbeiter, für Kaufleute und Bankiers sind. Alle diese Eigenschaften haben einen wirklich wirtschaftlichen Wert, man könnte sagen einen Geldwert, und die Nationalökonomie zollt ihnen deshalb ihre Hochachtung. Aber damit verläßt sie durchaus nicht ihren eigenen Boden, stellt sie sich nicht auf einen moralischen Standpunkt; sie konstatiert lediglich eine ökonomische Tatsache, ohne sich ein Urteil über die sittlichen Werte an sich anzumaßen. Sie wird auch, da sie nicht die Aufgabe hat, die Moral zu verherrlichen, keinen Anstand nehmen, einen Irrtum, den sie durch eine übertriebene Schätzung moralischer Faktoren begangen hat, einzugestehen und zu berichtigen, wie z. B. die früher allgemein geglaubte Lehre, daß das Vertrauen die Grundlage des Kredits sei. Professor Knies hat, wie ich aus der erwähnten Übersicht von Moritz Block entnehme, nachgewiesen, daß im Kreditverkehr das Pfand eine überwiegende Rolle spielt. Könnte doch einmal ein zweiter Knies nachweisen, daß ein ähnlicher Irrtum durch Überschätzung der Macht des Egoismus begangen worden sei. Um gerecht zu sein, muß ich anerkennen, daß das populäre Vorurteil gegen die Nationalökonomie nicht so sehr auf Widerwillen gegen ihre Aufdeckung egoistischer Triebfedern im Wirtschaftsleben als vielmehr auf der Annahme beruht, die Nationalökonomie verherrliche den Egoismus, fordere für ihn eine unbeschränkte Freiheit und dulde keine anderen Götter neben ihm. Wenn diese Annahme richtig wäre, müßten gute Menschen allerdings jeden Umgang mit Nationalökonomen abbrechen und man dürfte in ihrer Nähe nichts unverschlossen lassen. Dem Publikum hat man weis gemacht, Adam Smith und seine Schule ermahne uns, in allen Stücken nur immer den angeborenen Begierden und namentlich der Bereicherungssucht, soweit wir irgend könnten, zu folgen; indem wir so verführen, handelten wir im Einklange mit dem obersten Prinzip der Welt und trügen wir zur Wohlfahrt des Ganzen bei, als welche ja nur die Summe einer Anzahl von Privatwohlfahrten sei. Das Publikum hat diesen Ungeheuerlichkeiten mehr oder weniger geglaubt, wie es vor achtzehnhundert Jahren geglaubt hat, das Christentum bestehe in der Veranstaltung unzüchtiger Orgien und der Abschlachtung kleiner Kinder. Die wirkliche Lehre der Nationalökonomie ist einfach diese: man soll jedem gestatten, bei seinem Erwerbe den eigenen Vorteil zu suchen, soweit dies mit dem gleichen Rechte der anderen und mit dem Gemeinwohl vereinbar ist. Und diese wichtige Einschränkung ist nicht etwa eine Konzession an die öffentliche Meinung, sondern ein notwendiger Bestandteil des Systems; denn wo das Faustrecht herrscht, wo der Raub, die Erpressung, der Betrug straflos sind, wo das Gemeinwesen dem Verderben überlassen wird, kann von »Reichtum der Nationen«, von Volkswirtschaft überhaupt nicht die Rede sein. Es würde ganz leidlich auf Erden bestellt sein, wenn der Egoismus genau nach dem nationalökonomischen Rezepte behandelt würde. Es fehlt noch gar viel daran, selbst in hochzivilisierten Ländern.

Ja, sagen nun die Philanthropen und Weltverbesserer, das wäre vielleicht richtig, wenn jeder einzelne vernünftig genug wäre, seinen wirklichen Vorteil zu erkennen. Ihr Nationalökonomen behauptet, daß jeder wisse, was ihm gut ist, und danach handeln werde, und daß deshalb der Regent, der Gesetzgeber sich um den Erwerb des einzelnen, um seine ökonomische Lage gar nicht kümmern, überhaupt alles gehen lassen solle, wie es eben gehe. Das ist offenbar ein kolossaler Irrtum. Die Erfahrung zeigt, daß sehr viele Menschen Dummheiten begehen und das Gegenteil dessen tun, was ihnen dienlich wäre; sie zeigt ferner, daß da, wo Regent und Gesetzgeber sich passiv verhalten, gleichwohl Armut und Not nicht verschwinden. Erlaubt also uns, den wohlmeinenden Reformern, mit unserer Weisheit tatkräftig einzugreifen; leget das Steuer in unsere Hand!

Darauf ist zu replizieren: erstlich behauptet die Nationalökonomie keineswegs, daß die Menschen, sich selbst überlassen, keine Dummheiten machen; sie meint nur, in Übereinstimmung mit der Volksweisheit, daß jeder selbst am besten weiß, wo ihn der Schuh drückt, und daß der Narr sein eigenes Haus besser kennt als der Weise das fremde. Es liegt nicht die geringste Bürgschaft dafür vor, daß die Gesetzgeber weniger Dummheiten machen werden als die Privatleute; die Geschichte läßt viel eher das Gegenteil vermuten, und im allgemeinen ist es besser, daß der Mensch unter den Folgen der eigenen Dummheit leide als unter den Folgen der Dummheit des Gesetzgebers. Das scheint gerechter und wirkt erziehend. Zweitens verlangt die Nationalökonomie nicht, daß der Staat alles gehen lasse, wie es wolle, sondern nur das meiste. Sie verlangt sogar vom Staate, die wirtschaftlichen Interessen, die von dem Privatbetriebe nicht berücksichtigt werden können, in seine mächtige Hand zu nehmen, Wege, Wasserverhältnisse, die Zukunft des Waldes, Münzwesen und dergleichen. Sie billigt es, daß er dem wirtschaftlichen Egoismus, Leichtsinn und Unverstand Grenzen setze, wo die Gesundheit und die Sicherheit des Lebens und des Eigentums in Gefahr geraten. Sie ist einverstanden, daß er Betriebsarten unterdrückt, die contra bonos mores verstoßen oder die sich als gemeinschädlich erweisen. Mit diesem letzten Einverständnis betreten wir allerdings ein Gebiet, dessen Grenzen sehr elastisch sind; der Begriff der guten Sitte ist wandelbar, und die Gemeinschädlichkeit läßt sich nur selten mit Sicherheit beweisen. Aber das Prinzip wird von der Wissenschaft keineswegs bestritten; die Anwendung ist Sache der Praxis. Richtig freilich ist, daß der Nationalökonom dem Praktiker äußerste Vorsicht und selbst Mißtrauen anempfehlen wird, denn unter der Flagge der guten Sitte und der Gemeinschädlichkeit segeln nicht nur allerlei Phantasten, sondern auch Piraten.

In dieser Vorsicht und in diesem Mißtrauen sind, wie ich nicht bestreiten will, die eigentlichen Manchesterleute, das heißt die englischen Freetraders der Cobdenschen Partei, zu weit gegangen, als ihnen zum ersten Male die philanthropische Richtung unter Lord Ashleys Führung mit Ansprüchen auf Staatseinmischung in die Fabrikindustrie entgegentrat. Um das zu begreifen, muß man bedenken, daß die Welt damals ganz anders aussah und daß Cobden und Genossen eben erst einen heißen Kampf gekämpft und dadurch das Land von einer anderen Staatseinmischung verderblichster Art (von der künstlichen Verteuerung der Lebensmittel durch Schutzzölle) erlöst hatten. Die heutigen englischen Nationalökonomen sind großenteils geneigt, in der Praxis der Staatseinmischung unter Umständen eine Berechtigung zuzuerkennen, aber sie denken nicht im entferntesten daran, damit irgend ein Prinzip der alten Lehre oder gar diese selbst aufzugeben. Ich will zwei Stellen aus Werken angesehener zeitgenössischer englischer Nationalökonomen anführen, die man wohl als den Ausdruck der vorherrschenden Anschauung der wissenschaftlich Gebildeten ansehen darf. Professor Cairnes sagt in seinen Essays on Political Economy:

»Eine Sache ist es, die absolute Richtigkeit des laissez faire, der Vertragsfreiheit zu leugnen; eine völlig verschiedene Sache ist es, das entgegengesetzte Prinzip der staatlichen Bevormundung, die Theorie der väterlichen Regierung aufzustellen. Ich für meinen Teil akzeptiere weder die eine noch die andere Lehre, aber für die Praxis halte ich das laissez faire für die ohne allen Vergleich sicherere Richtschnur. Nur soll man nicht vergessen, daß es eine praktische Regel und keineswegs ein wissenschaftlicher Lehrsatz ist; eine im ganzen gesunde Regel, aber, wie die meisten gesunden Regeln, zahlreichen Ausnahmen unterworfen; eine Regel vor allem, die uns niemals abhalten darf, irgend einen erfolgversprechenden Vorschlag zu sozialen oder industriellen Reformen gewissenhaft zu erwägen.«

F. A. Walker, der in der Befürwortung staatlicher Regelung ziemlich weit geht und die negative Einseitigkeit der strengen Freetraders mit Wärme bekämpft, schließt eine Diatribe gegen diese letzteren (in dem Werke The Wages Question) mit folgenden Worten:

»Bei Erwägung der Folgen solcher Gesetze (nämlich gegen das Übel des Industrialismus gerichteter Gesetze) sollten wir uns stets gegenwärtig halten, wie sehr die Gesetzgebung dem Irrtum und der Korruption ausgesetzt ist; wie unfehlbar die Handhabung der Gesetze hinter ihren Zwecken zurückbleibt; wie viel besser die meisten Resultate durch sozialen Einfluß als durch gesetzlichen erreicht werden; wie bar aller positiven Tugend, aller heilenden Wirkung der Zwang ist; wie oft endlich ein gutes Gesetz ein schlechter Präzedenzfall wird.«

Unter diesem Vorbehalt wird, glaube ich, kein Nationalökonom der klassischen Schule heutzutage sich weigern, in eine Diskussion über staatliche Wohlfahrtsmaßregeln einzutreten.

III.

Ich habe schon bemerkt, daß trotz aller sittlichen Entrüstungen und romantischen Wehklagen die meisten, und zwar die wichtigsten Lehrsätze Adam Smiths und seiner Schule auch von den Modernen, den Sozialpolitikern, sobald sie sich auf wissenschaftliche Erörterung beschränken, als richtig anerkannt werden. Mit einigen Worten will ich noch zeigen, wie wenig im Grunde die moderne Forschung, so verdient sie sich um die Durcharbeitung einzelner Gebiete der Wirtschaftslehre auch gemacht hat, an den leitenden Gedanken geändert oder ihnen hinzugefügt hat. Wenn ich dabei der bereits zitierten Schrift: »Les Progrès de L'Economie nationale depuis Adam Smith« von M. Block folge, so tue ich es, weil der Leser sich dabei am besten steht.

Wie wunderbar, daß eine Theorie, deren Stoff, das Erwerbs- und Verkehrsleben, im Laufe des Jahrhunderts die ungeheuersten Umwälzungen erfahren hat, heute noch wie vor hundert Jahren im wesentlichen unanfechtbar dasteht! Wäre das wohl denkbar, wenn, wie man behauptet hat, die Begründer der Theorie »von einer Idee, anstatt von der Wirklichkeit ausgegangen wären?« Nein, wenn je eine Wissenschaft sich auf gewisse, durch Beobachtung und Erfahrung festgestellte Tatsachen aufgebaut hat, so ist es die klassische Nationalökonomie. Und darauf beruht ihre Lebenszähigkeit. Die Tatsachen der menschlichen Natur bilden ihr Fundament, und diese sind unverändert geblieben. Wovon auch die Theorie handeln mag, von der Preisbildung, von der Arbeitsteilung, von der Konkurrenz, bis herab zu Diskonto- und Wechselkursen, immer und überall leitet sie ihre Gesetze ab aus der Beschaffenheit unserer Natur. »Weil die Menschen so sind, deshalb geschieht dies.«

Der Mensch will vor allem seine Bedürfnisse befriedigen, sodann will er genießen. Seine eigene Befriedigung ist ihm die Hauptsache; auch die seiner Familie ist ihm wichtig. Darüber hinaus reicht das Interesse bei den meisten nur in abgeschwächtem Grade, bei einigen gar nicht.

Die Dinge, deren der Mensch bedarf, um zu leben und um zu genießen, kann er in der Regel sich nur durch Arbeit verschaffen. Doch ist es ihm auch möglich, die erarbeiteten Güter, statt sie zu verzehren, aufzusparen, in Kapital zu verwandeln. Das Kapital erspart ihm eigene Anstrengung, sei es, daß es ihm in Gestalt von Vorräten oder verbesserten Werkzeugen die eigene Arbeit erleichtert, sei es, daß es ihm dazu dient, die Früchte fremder Arbeit einzutauschen. Mit anderen Worten: alles, was der Mensch für sich und die Seinigen braucht und wünscht, ist nur für Arbeit oder für Geld (ersparte Arbeitsfrüchte) zu haben. Eine Ausnahme machen nur einige unentgeltliche Gaben der Natur, Luft, Tageslicht und Sonnenwärme.

Der Mensch liebt die Arbeit nicht. Sie ist ihm ein Übel, das er nur, um einem größeren zu entgehen, auf sich nimmt. Die Sprache selbst zeugt dafür. Jakob Grimm lehrt uns, daß das althochdeutsche arapeit in den Glossaren mit molestia, adversitas, tribulatio wiedergegeben wird. Arbeit bedeutet ursprünglich Widerwärtigkeit. Es ist dasselbe Wort (so befremdlich es dem Laien klingt) wie das slawische rabota, Frondienst, und das lateinische labor, Mühsal. Auch das romanische travail ist ein Name quälender, lästiger Dinge. Das erste Bestreben des Menschen, wenn er sich stärker als andere fühlte, ist es überall gewesen, die Arbeit von sich ab auf die Schultern der Schwächeren zu wälzen. Von jeher hat die Freiheit von dem Zwange, arbeiten zu müssen, als ein Vorrecht der Edlen und als ein beneidenswertes Glück gegolten. Was früher die Edlen waren, das sind heute die Rentner; man beneidet sie, weil sie nicht zu arbeiten brauchen. Man lasse sich nicht irre machen durch Beispiele, wo Menschen in der Arbeit selbst Befriedigung finden oder wo die Arbeit ohne Aussicht auf Befriedigung egoistischer Triebe geschieht; solcher Beispiele gibt es genug, aber im wirtschaftlichen Leben der Nationen spielen sie eine so untergeordnete Rolle wie in der Ernährung des Volks die Rebhühner. Man hat noch nie davon gehört, daß die Herren sich gegen ihre Sklaven aufgelehnt oder daß Arbeiterbewegungen die Verlängerung des Tagewerks bezweckt hätten.

Genau so wie der Mensch die Arbeit als Übel empfindet, betrachtet er den Besitz von Kapital als Annehmlichkeit. Denn durch Hilfe des Kapitals erspart er sich Arbeit. Er behält es deshalb lieber, als er es weggibt, es sei denn, daß er durch das Weggeben eine größere Annehmlichkeit erlangen kann.

Das größte Übel ist für den Menschen hungern und frieren und jedes Genusses entbehren; das zweite ist arbeiten; das dritte seinen Besitz verkleinern, zahlen. Daraus ergibt sich das erste Gesetz der Nationalökonomie, aus dem alle anderen fließen: die wirtschaftliche Tätigkeit ist darauf gerichtet, eine möglichst große Summe von Bedarfsgegenständen und Genußmitteln mit möglichst wenig Arbeit oder je nach den Umständen mit möglichst geringem Kapitalaufwand zu erlangen. Oder in der Sprache des gewöhnlichen Lebens: höchsten Lohn für die Arbeit, beste Ware fürs Geld, leichte Arbeit möglichst hoch bezahlt, gute Ware möglichst wohlfeil.

Diese Formel gilt ganz allgemein für das gesamte wirtschaftliche Gebiet. Aber in unendlicher Mannigfaltigkeit zeigen sich die Tatsachen, in denen sie sich verkörpert. Denn individuell verschieden sind die Bedürfnisse, die Begierden, die Abneigungen gegen Arbeit und Geldopfer. Es gibt keine allgemeine Wagschale, auf der man die Bedürfnisse und die Begierden gegen die Arbeits- und Zahlungsunlust abwägen könnte. Höchstens läßt sich für bestimmte Zeiten und bestimmte Örtlichkeiten erfahrungsmäßig feststellen, wie viel Arbeit oder Geld erforderlich ist, um dies oder jenes Quantum Waren, diese oder jene Dienstleistung ohne Schwierigkeit zu erlangen. Wer diese Wahrheit recht einsieht, wird begreifen, wie völlig aussichtslos der Versuch ist, den »wirklichen Wert« der Dinge zu ermitteln, also beispielsweise ein allgemeingültiges Äquivalent in Gold oder in irgend einem anderen Stoffe für eine Arbeitsstunde zu finden.

Es ist nicht zu leugnen, daß auf diesem Gebiete, dem Erwerbs-, Geschäfts- und Wirtschaftsleben, der Vorteil des einzelnen, der Egoismus, die leitende Rolle spielt. Es ist aber nicht zuzugeben, daß dieser Egoismus an sich unsittlich sei. Er ist zunächst sittlich indifferent, weder böse noch gut, wie Essen, Trinken und Spazierengehen. Es ist nicht notwendig, daß er unsittliche Handlungen begehe, und wenn er es tut, wird die Wissenschaft ihn nicht verteidigen. Auch hindert dieser Egoismus des wirtschaftlichen Menschen ihn nicht, gleichzeitig die sittlichsten Taten zu vollbringen. So selten das letztere vorkommt, so häufig sehen wir doch im wirklichen Leben, daß Geschäftsleute, die sich keinen Pfennig entgehen lassen, außerhalb des Geschäfts freigebig, mildtätig und selbst aufopfernd sind. Wie dem auch sein mag, die moderne Wissenschaft hat an der leitenden Rolle des Selbstinteresses auf dem wirtschaftlichen Gebiete kein Jota zu ändern vermocht; auch sie hat die Welt nehmen müssen, wie sie ist. Selbst die Sozialisten leugnen nicht, daß Adam Smith die Welt richtig aufgefaßt habe; eben deshalb wollen sie eine neue schaffen.

Der erste große Abschnitt der Wirtschaftslehre, der von der Produktion der Güter handelt, ist uns von Adam Smith so hinterlassen worden, daß auch die Gelehrten der sozialpolitischen Richtung nichts Wesentliches daran auszusetzen finden. Bei der alten klassischen Einteilung, nach der zur Produktion drei Faktoren gehören, Natur, Arbeit, Kapital, hat es auch heute noch sein Bewenden. Nur die Sozialisten behaupten, daß die Arbeit die einzige Quelle alles Reichtums sei. Für alle anderen ist es unzweifelhaft, daß ohne die Rohstoffe, die die Natur liefert, die Arbeit unmöglich und daß sie äußerst unfruchtbar sein würde ohne das Kapital, die nicht verbrauchten Früchte früherer Arbeit, Werkzeuge, Maschinen, Häuser, Lebensmittel u. s. w. Man kann sagen, Kapital repräsentiere am Ende doch auch Arbeit, aber praktisch ist der Unterschied zwischen akkumulierter früherer und lebendiger gegenwärtiger Arbeit so groß, daß es sich empfiehlt, bei der hergebrachten Einteilung zu bleiben.

Im Laufe der letzten hundert Jahre ist über den Anteil der Natur an der Güterproduktion mit großem Eifer und Scharfsinn gestritten worden. Vor Adam Smith hatten die französischen Gelehrten den Boden die einzige Quelle des Reichtums genannt, im Gegensatz zu den Merkantilisten, die den Reichtum vorzugsweise in den edlen Metallen erblickten. Ein Schüler Smiths, Ricardo, schied zuerst den Anteil des Bodens von dem der Arbeit und des Kapitals. Den Überschuß an Werten, den der Boden ohne einen entsprechenden Mehraufwand an Kapital und Arbeit vermöge seiner Fruchtbarkeit hergibt, nennt er »die Bodenrente«. Mir scheint, die Theorie ist im Kerne richtig; nur hat Ricardo sie nicht sehr geschickt und allzu einseitig, nämlich nur für den Ackerbau, dargestellt. Moritz Block sagt, die Theorie sei für neue Länder vollständig wahr. Aber mich dünkt, in alten Ländern ist sie nur schwieriger nachzuweisen, weil die Verhältnisse verwickelter geworden sind. Man kann meistens nicht mehr nachweisen, wie viel von den höheren Erträgen eines Ackers alter Kultur und früheren Kapitalaufwendungen, wie viel der natürlichen Fruchtbarkeit zu verdanken ist. Wenn aber in Europa auf irgend einem alten Besitztum plötzlich eine Salzquelle aufbricht, deren Produkt eine jährliche Einnahme gewährt, so entsteht eine Bodenrente, an der weder Arbeit noch Kapital beteiligt sind. Aber von praktischer Wichtigkeit sind diese Kontroversen nicht; nach den bestehenden Rechtsinstitutionen ist die reine Naturkraft des Bodens fast immer Eigentum dessen, dem der Boden gehört, und erscheint in seiner Vermögensbilanz lediglich als ein Aktivum neben anderen. Bei der nächsten Erbteilung oder Veräußerung wird ohnehin die Quelle der Naturrente dem neuen Eigentümer als Äquivalent eines Kapitals angerechnet und verliert für ihn den Charakter eines Geschenks der Natur.

Bei der Lehre von der Arbeit hat Adam Smith vielleicht des Guten zu viel getan. Die außerordentliche Wichtigkeit dieses Faktors der Produktion war vor ihm übersehen worden; er zuerst stellte ihn ins Licht, und wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, er gebrauchte etwas zu starke Akzente. »Er hat der Arbeit zu viel Komplimente gemacht,« sagt M. Block, aber die Irrlehren der Sozialisten, die aus diesen Komplimenten folgerten, daß die Arbeit allein Güter schaffe, haben das Gute gehabt, »daß sie die Wissenschaft zwangen, sich die Tatsachen genauer anzusehen, sich schärfer auszudrücken, ihre Sätze besser zu begründen«. Dies ist ein wirklicher Fortschritt der Nationalökonomie seit Adam Smith, und »man muß gestehen, daß wir ihn ihren Feinden, den Sozialisten, verdanken«. Ich weiß nicht, ob man auch das als einen Fortschritt preisen soll, daß wir uns die Schattenseiten der Arbeitsteilung besser vergegenwärtigen, als Adam Smith es getan hat. Bekanntlich hat er den wunderbaren Vorteilen weitgetriebener Arbeitsteilung eine glänzende Stelle seines Buches, die Darstellung der ihr zu verdankenden Nähnadelfabrikation zur Veranschaulichung benutzend, gewidmet, ohne sich zu fragen, ob nicht etwa mit diesem Vorzuge ein Nachteil in der geisttötenden Einförmigkeit der auf viele verteilten Tätigkeit verbunden sei. Man hat ihm diese, vor dem Eintritte der Dampfmaschinen-Ära wohl entschuldbare Einseitigkeit zum herben Vorwurf machen wollen; meines Trachtens mit arger Übertreibung des Übels. Um dies Übel zu schildern, wählt man die extremsten Fälle; man vergißt, daß auch außerhalb der Fabrikindustrie eine Menge höchst monotoner Arbeit verrichtet wird und von jeher verrichtet worden ist, und man übersieht, daß dieselbe Zeit, die uns das Übel gebracht hat, auch an vielen ihm entgegenwirkenden Einflüssen es nicht hat fehlen lassen. Will man im Ernste behaupten, daß die Arbeiter heute durchschnittlich stumpfsinniger seien als vor hundert Jahren? Mir kommt diese nörgelnde Weisheit so vor, als ob man der großen Erfindung der Dampfmaschine den Rauch aufmutzen wollte, der aus den Schornsteinen aufsteigt. Man sinne lieber auf Rauchverbrennungsmittel!

Was man wirklich der alten Nationalökonomie, namentlich der englischen, vorwerfen kann, das ist eine allzu grobe, allzu materielle Auffassung der Arbeit, unter der sie fast nur die mehr oder minder geschulte Muskeltätigkeit oder die untergeordnetsten Tätigkeiten des Geistes, Aufmerksamkeit, Unterscheidung der Stoffe und dergleichen versteht. Nun ist die Bedeutung der geistigen Arbeit im Wirtschaftsleben unvergleichlich größer als die der körperlichen. Die Muskeln aller Arbeiter der Welt haben den Fortschritt der Zivilisation nicht um so viel gefördert, wie das Gehirn von beliebigen zwölf Erfindern, denen wir die Konstruktion irgend eines wichtigeren Werkzeugs oder die Beherrschung einer nützlichen Naturkraft verdanken. Ohne solche Gehirne und ohne die Intelligenz derer, die es verstanden, die Arbeit in nutzbringender Weise zu leiten, würden die meisten körperlichen Menschenkräfte, die uns zur Verfügung stehen, überhaupt nicht existieren. Eine unzivilisierte Erde könnte nicht ein Zehntel von ihnen ernähren. Diesen Faktor der geistigen Arbeit haben die Engländer zwar nicht übersehen, wie könnte man das? aber sie haben seine eminente selbständige Bedeutung verkannt und ihn nur nebenher, als ein Attribut des Kapitalisten, behandelt. Nun sind aber geistige Arbeit und Kapital zwei himmelweit verschiedene Dinge, die wohl bisweilen in einer Person vereinigt, viel öfter aber getrennt in mehreren Personen angetroffen werden. übrigens gehört derjenige, der diese so bedeutsame Wahrheit zuerst erkannt und scharf aufgezeichnet hat, der klassischen Schule der Nationalökonomie an; es ist der berühmte französische Schriftsteller J. B. Say. Er ist es, der uns die Begriffe »Unternehmer« und »Unternehmergewinn« geläufig gemacht und den Nachweis, der nach ihm von dem Amerikaner Fr. Walter geführt worden ist, vorbereitet hat, den Nachweis, daß der wirtschaftliche Kampf, von dem wir täglich hören, nicht zwischen Arbeit und Kapital gekämpft wird, sondern zwischen Arbeit und Unternehmer, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen Hirn und Muskel. Diese beiden Parteien ringen um den möglichst großen Anteil an den produzierten Werten; der Sozialismus nennt seinen Feind mit einem unrichtigen Namen. Nicht »die kapitalistische Produktion«, sondern »der Unternehmer auf eigene Gefahr und Rechnung« soll durch den sozialistischen Staat vernichtet werden. Ich kann es mir nicht versagen, die Worte herzusetzen, mit denen M. Block die Rolle des Unternehmers charakterisiert. »Der Unternehmer ist es, der die Arbeitsgelegenheiten schafft und vervielfältigt; er ist es, der die Initiative zur Produktion ergreift, der sie leitet und zum Ziele führt; er ist es, der die Versorgung der Konsumenten übernimmt; denn um ihre von ihm vorausgesehenen Bedürfnisse zu befriedigen, arbeitet er, und indem er ihnen Dienste leistet, sichert er sich einen Gewinn. Sein Werk ist es, daß die vielfältigen Bedürfnisse der im Gesellschaftsverbande lebenden Menschen pünktlich und gewissermaßen automatisch befriedigt werden. Und gleichwohl ist sein Gewinn problematisch: wenn er schlecht gerechnet hat, so bleibt nach Zahlung der Löhne, der Miete, der Zinsen, für ihn nichts; er läuft alle Gefahren des Unternehmens, und darum kommt im Falle des Gelingens der Gewinn ganz und ausschließlich ihm zu.«

Der Unternehmer kann das Kapital so wenig entbehren wie der sozialistische Staat. Wenn er selbst keines oder nicht genug hat, so borgt oder mietet er es; der Sozialist nimmt es einfach weg. Adam Smith hat zuerst gelehrt, daß zum Kapital alle Produkte, die wieder der Produktion dienen, zu rechnen sind, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe u. s. w. Diese Begriffsbestimmung gilt noch heute und ist durch die Sozialdemokraten sogar volkstümlich geworden. »Die Mittel der Produktion müssen dem Kapitalisten genommen und der Gesellschaft überliefert werden,« das ist der erste Artikel des Arbeiterkatechismus. Freilich hat Karl Marx das Kapital ganz anders, nämlich ungefähr so definiert, wie der Sprachgebrauch der Börse es verwendet, als das Geld, das zu Handelsgeschäften und zu Lohnzahlungen dient. Aber die Schüler von Marx folgen stillschweigend der Theorie Adam Smiths, die ja auch im sozialistischen Staate nichts von ihrer Kraft verlieren würde, denn offenbar bleibt Kapital Kapital, gleichviel wer darüber verfügt.

Aus dem Begriff des Kapitals ergibt es sich von selbst, daß – solange noch Privateigentum besteht – der Kapitalist, wenn er die Produktionsmittel nicht selbst benutzen will, sondern sie einem anderen zur Benutzung überläßt, dafür eine Vergütung nach Maßgabe der Zeitdauer sich ausbedingen kann und daß der andere in dieser Vergütung einen ihm gewährten Vorteil bezahlt. Das ist die Legitimation der Pachten, Mieten und Zinsen. Allerdings nennt man Zinsen gewöhnlich nur die Vergütung für dargeliehenes Geld, welches kein Produktionsmittel ist. Aber für Geld kann man sich Produktionsmittel anschaffen und Arbeitskräfte in Bewegung setzen; es folgt daher mit Recht den nämlichen Gesetzen wie das produktive Kapital.

Hinter allen diesen abstrakten Begriffen, Natur, Arbeit, Kapital, lebt und bewegt sich der Mensch mit seinem Bedürfen, seinem Begehren, seiner (größeren oder geringeren) Intelligenz. Um von den Schätzen der Natur und der menschlichen Geschicklichkeit sich einen Anteil zu sichern, setzt er seine eigenen Kräfte in Bewegung, seine körperlichen, seine geistigen, seine kapitalistischen, und da er allein nicht alles selbst machen kann, gibt er den anderen von dem Seinigen, damit sie ihm von dem Ihrigen geben. So entsteht der Tausch, der Vater alles Verkehrs und aller Vervollkommnung. Jeder bringt das, was er am leichtesten leisten kann, zu Markte und tauscht dafür ein, was andere besser machen können. Jeder sucht für seinen Beitrag einen möglichst hohen Beitrag der anderen einzutauschen; aus dem Kompromiß der entgegengesetzten Bemühungen um den höchsten Vorteil ergibt sich der Preis. Je mehr Personen dieselbe Leistung zu Markte bringen, je weniger Personen dieser Leistung begehren, desto niedriger wird ihr Preis. Und umgekehrt. Damit haben wir die marktbeherrschende Formel Angebot und Nachfrage und das wirklich eherne Gesetz, daß vielbegehrte, seltene Dinge teuer, häufig vorkommende wohlfeil sind. Das hat die Wissenschaft nicht erfunden, sondern nur klargestellt. Der Vorgang selbst ist so alt wie der Tausch und die Lohnarbeit. Nicht minder alt ist die natürliche Folge dieses Vorganges, daß, wenn eine gewisse Leistung oder Ware selten und deshalb teuer ist, andere sich bemühen, sie gleichfalls zu produzieren, um des höheren Entgelts teilhaft zu werden, daß sie im Falle des Erfolgs dadurch das Seltene häufig und wohlfeil, vielen zugänglich machen, und daß nun unter ihnen ein Wetteifer entsteht, eine gesteigerte Anstrengung, die Sache immer besser und billiger darzubieten. Das ist die Konkurrenz, die man, wie den Tausch Vater, Mutter aller wirtschaftlichen Fortschritte nennen mag.

Das sind die Grundgesetze, richtiger gesagt die Grundtatsachen, von denen die ganze unerschöpfliche Mannigfaltigkeit der wirtschaftlichen Tätigkeiten und Vorgänge beherrscht wird, Produktion, Güteraustausch, Preisbildung und Verteilung des produzierten Reichtums. Viel Eifer und Scharfsinn ist, namentlich in der lebenden Generation, aufgeboten worden, um andere, den menschlichen Idealen besser entgegenkommende Grundgesetze zu entdecken, aber es ist nicht gelungen. Die Tatsachen sind unerbittlich. Man hat unendliche Variationen und Amplifikationen zu dem strengen klassischen Thema komponiert; das Thema selbst bleibt in allen neueren Versuchen dasselbe. Sogar die Zukunftsmusiker, die das Thema verdammen, müssen anerkennen, daß es der Wirklichkeit abgelauscht ist.

Die Wirklichkeit ist nicht schön, weder auf dem wirtschaftlichen, noch auf anderen Gebieten unseres Daseins, und sich verstehe es vollkommen, daß sich im Herzen Empörung und Erbitterung gegen diejenigen, regt, die mit wissenschaftlicher Kaltblütigkeit von schmerzlichsten Zuständen reden, wie der Mediziner von den Krankheiten. Sehr leicht gerät der Kaltblütige in den Verdacht, daß er gefühllos sei. Oder wenn er empfiehlt, die Heilung von dem natürlichen Verlaufe der Dinge zu erwarten, setzt er sich dem Vorwurfe aus, daß er den Naturverlauf wunderschön und herrlich finde. Wie gesagt, ich verstehe diese Stimmung, aber ich muß sie doch ungerecht finden. Kaltblütigkeit ist, wo es auf Ermittlung der wahren Ursachen eines unbefriedigenden Zustandes ankommt, eine wertvolle Eigenschaft, und sie schließt die wärmste Teilnahme für die Leidenden nicht aus. Sodann liegt der Optimismus, dem die Wirklichkeit wunderschön erscheint, ganz gewiß denjenigen, die sich mit dem Studium der wirtschaftlichen Zustände beschäftigen, fern genug. Eins will ich zugeben, daß der Begründer der Nationalökonomie und die ersten Generationen seiner Jünger, weit entfernt, die Wahrheit trostlos zu finden, sich die Entwicklung der menschlichen Wirtschaft unter der Herrschaft der natürlichen Gesetze, wenn man diese nur frei walten lasse, allzu günstig, namentlich zu rasch vorgestellt haben. Sie, und namentlich der Meister, gingen von dem frommen Glauben aus, daß die von einer weisen und gütigen Vorsehung gegebenen Naturgesetze und uns eingepflanzten Triebe, wenn man ihnen unter Leitung der Gerechtigkeit folge, notwendig zu einer schönen Harmonie aller Interessen und einer heilsamen Ordnung der Dinge führen müßten. Gott, so lehrte Adam Smith, hat dem Menschen den Egoismus und die Sympathie und die Vernunft gegeben, um durch sie sich ein würdiges Leben zu gestalten, und wenn er auch nicht geglaubt hat, daß Natur und Vernunft alles Leiden aus der Welt schaffen würden, so hat er doch ihnen eine größere und raschere Heilkraft zugetraut, als sie zu besitzen scheinen. Würde aber der Meister, wenn er aus seinem hundertjährigen Grabe auferweckt würde, heute alle seine Hoffnungen für eitel, allen Fortschritt für aussichtslos, die gefundene Wahrheit trostlos nennen?

Mich dünkt, er könnte denen, die ihm seinen Optimismus vorrückten, zwei triftige Antworten geben. Er könnte erstlich einwenden, daß die volle Probe auf seine Lehre noch nicht gemacht worden ist; wohl hat man in den meisten Staaten seit einigen Jahrzehnten die inneren Schranken, die den Unternehmer und den Arbeiter hemmten, ganz oder zu großem Teile niedergerissen; aber immer noch stehen die Schranken, ja sie werden fortwährend erhöht, die es den Ländern der Erde unmöglich machen, den Mangel des einen durch den Überfluß des andern auszugleichen. Und zweitens könnte er sagen: selbst die halbe Probe spricht zu Gunsten meiner Lehre: denn, obwohl die von mir empfohlene Befreiung der Arbeit und des Verkehrs im Innern der einzelnen Staaten noch ziemlich jungen Datums ist, sind doch die wirtschaftlichen Zustände jetzt, im Jahre 1890, unvergleichlich besser als im Jahre 1790.

Ich wüßte nicht, was dagegen sich Stichhaltiges einwenden ließe. Und noch weniger sehe ich ein, weshalb man für die Zukunft an einem Fortschritt verzweifeln sollte, der in der Vergangenheit, den größten Hindernissen zum Trotz, sich als möglich bewährt hat. Die materiellen Kräfte, die uns zu Gebote stehen, sind unendlich reicher als die, mit denen unsere Vorfahren arbeiteten, und daß die geistigen Kräfte sich in der Schule der Freiheit allmählich vervollkommnen werden, ist eine Theorie, die sich doch auch auf einige Erfahrung berufen kann. Der Trost, der in dieser Betrachtung liegt, ist nicht überschwenglich, namentlich nicht für die Ungeduldigen, die nach dem Genusse trachten, als triumphierende Wohltäter gefeiert zu werden; aber auf der andern Seite ist es Übertreibung, von Trostlosigkeit zu sprechen. Es ist nicht bloß Übertreibung, es ist auch leichtsinnig. Der Weg, den die Wissenschaft ermittelt hat, ist der einzige, der zum Ziele führen kann; bis zu diesem Tage hat noch niemand einen anderen gefunden. Ist es da nicht ein wenig bedenklich, zu behaupten, wenn man es nicht ganz sicher weiß, daß auch dieser einzige gangbare Weg nichts taugt? Raubt man nicht damit der Menschheit die Hoffnung, die Triebfeder aller Anstrengungen für die Zukunft? Ist nicht diese Verkündigung der Trostlosigkeit recht eigentlich eine Aufforderung zum laissez aller, alles gehen zu lassen, wie es geht?


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