Friedrich Gerstäcker
In der Südsee
Friedrich Gerstäcker

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4.

Toanonga hatte indessen in aller Ruhe der Ankunft eines Bootes von dem fremden Fahrzeug entgegengesehen, und an ihm bemerkte man nicht das geringste von der Aufregung, die unter den Egis selber zu herrschen schien. Daß diese dagegen etwas Besonderes und Außergewöhnliches erwarteten, war augenscheinlich. Waffen wurden herbeigebracht und in der Nähe versteckt, und in Toanongas Hause selber die bis dahin eingepackten Musketen hervorgesucht und geladen, ohne daß sich jedoch der alte Häuptling im geringsten selbst darum bemüht hätte. Er ließ das alles seine Häuptlinge besorgen, und wenn man ihn so dasitzen sah, würde man kaum geglaubt haben, daß all das tätige Leben um ihn her nur einzig und allein von ihm selber ausgegangen sei.

Um die Pagalangis hatte sich indessen niemand bekümmert, und eigentlich war es Toanonga ganz recht, daß sie sich gerade jetzt nicht am Strand befanden. Spund allein kam endlich langsam dort heraufgeschlendert, und ohne sich an die geheimnisvolle Geschäftigkeit der Insulaner zu kehren oder selbst besonders auf das Schiff zu achten, das ihn doch eigentlich hätte interessieren müssen, schien er ein ganz anderes Ziel im Auge zu haben.

Feierlich schritt er auf den alten Häuptling zu, mit dem er sich in seiner Sprache schon recht gut unterhalten konnte. Wenn es auch manchmal ein wenig verkehrt herauskam, verstand doch Toanonga immer, was er eigentlich sagen wollte.

»Ah, Spund,« redete ihn der Häuptling freundlich an, »es ist gut, daß du gerade kommst. Ma Kino steckt wer weiß wo im Busch, und wenn Pagalangis ans Land kommen, muß doch jemand da sein, der mit ihnen spricht; Pagalangis schrecklich dummes Volk! müssen erst immer zu Tonga-Inseln kommen, um die Sprache zu lernen!«

Spund ließ sich ohne weiteres neben dem alten Häuptling nieder und sagte:

»Ja, Toanonga, Pagalangis mögen in manchem dumm sein, aber sie haben doch wenigstens den rechten Glauben.«

»Glauben? Glauben haben wir auch!« sagte Toanonga. »Ich glaube, daß da drüben von dem fremden Schiff gerade jetzt ein Boot abstößt und zu uns herüberkommen wird.«

Spund seufzte tief auf.

»Ach,« stöhnte er, »daß du nur immer an irdische Dinge denken willst, Toanonga! Weißt du denn, was uns bevorsteht, wenn wir plötzlich sterben?«

»Sterben? wer denkt an Sterben!« lachte Toanonga. »Wenn das kommt, ist es Zeit genug, und dann gehen wir hinüber nach BolutuBolutu ist nach dem Glauben der Tonga-Inseln der Aufenthalt der Seligen. Sie denken sich diesen Ort als eine große, wunderbar schöne Insel, mit allen Früchten reich gesegnet, die weit gegen Nord-Westen liegt – so weit in der Tat, daß sie dieselbe mit ihren Kanoes nicht erreichen können. Dort werden ihre Seelen zu Hotuas oder göttergleichen Geistern, die auch – besonders die Seelen der Häuptlinge – imstande sind, Einfluß auf das Leben der Sterblichen auszuüben. Sie erzählen sich, daß einmal ein Boot von den Tonga-Inseln dorthin verschlagen sei, und die Leute wären ans Land gesprungen und hätten sich von den prachtvollen Früchten pflücken wollen, sie hätten aber keine ergreifen können, denn unter ihren Händen wurden sie zu Luft. Auch durch die Bäume, die dort wuchsen, konnten sie gerade hindurchgehen. Sie standen leibhaftig vor ihnen, bildeten aber keinen festen Körper. Ein Hotua kam da zu ihnen und ermahnte sie, die Insel so rasch als möglich zu verlassen, und voll Angst schifften sie sich augenblicklich wieder ein. Der Wind blies auch so günstig und scharf, daß sie Tonga schon nach einigen Tagen erreichten, aber am Ufer angekommen, mußten sie alle sterben. Ihre Körper hatten die Luft von Bolutu nicht vertragen können. An eine Strafe nach dem Tode glauben die Tonga-Insulaner nicht. und werden Hotuas.«

»Ja, Hotuas!« ächzte Spund, »man wird euch be-hotuan! Sieh, Toanonga!« setzte er dann gutmütig hinzu, »du bist sonst ein braver Mann, und ich mag dich gern leiden, und deshalb tut es mir immer leid, wenn ich dich ansehe, und weiß, in welcher entsetzlichen Gefahr du schwebst.«

»Gefahr?« sagte der alte Häuptling und sah rasch und mißtrauisch in die Augen des Seemannes, »und was weißt du von Gefahr?«

»Ich weiß, was hier in dem Buche steht,« sagte Spund, auf die Bibel zeigend, die er sorgfältig unter dem linken Arme trug. »Und daß wir einmal an einen sehr bösen Platz kommen, wenn wir uns hier nicht zum rechten Glauben bekehren.«

»So?« lächelte Toanonga, vollkommen beruhigt, denn die Bekehrungsversuche des Matrosen hatten ihn bisher außerordentlich gleichgültig gelassen. Er selber versuchte übrigens nie einen der Weißen zu der Annahme seines eigenen Glaubens zu bewegen, weil er sich nicht denken konnte, daß Pagalangis auf Bolutu zugelassen würden. Was hätte es ihm also geholfen, seine Zeit damit zu vergeuden? Seine augenscheinliche Gleichgültigkeit gegen die Schrecken nach dem Tode reizte den Matrosen aber nur noch mehr, ihm nachdrücklich in das Gewissen zu reden, und das Buch vor sich auf die gekreuzten Beine legend, rief er aus:

»So? du sagst ganz ruhig: so? wenn wir aber sterben, werden wir nicht mehr so sagen; dann kommen wir an einen Ort, wo da ist Heulen und Zähneklappern und ein schreckliches Feuer, in dem wir gebrannt werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

»Ist das euer Glaube?« fragte Toanonga, »und kommen die Pagalangis wirklich an solchen Platz?«

»Allerdings!« rief Spund, der jetzt endlich des Häuptlings Aufmerksamkeit dahin gelenkt hatte, wohin er sie haben wollte. »Wenn wir nicht fromm und gottesfürchtig auf dieser Erde leben, wenn wir nicht an Gott glauben, wenn wir sündhafte, schlechte Menschen sind, und uns nicht zu dem bekennen, was in diesem Buche steht, dann erleiden wir furchtbare Strafen, Strafen, wo einem jetzt schon die Haut schaudert, wenn man nur daran denkt. Und was sagst du nun, Toanonga?«

Der alte Häuptling hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte dabei langsam mit dem Kopfe.

»Hm, hm, hm!« sagte er dann, » das ist sehr schlimm für Pagalangis!«

»Für Pagalangis?« rief Spund überrascht, den diese Wendung ganz außer Fassung brachte.

Toanonga deutete aber mit ausgestreckten Armen auf die Bai, auf der das Boot der Weißen jetzt, von einem Kanoe begleitet, schon heranglitt, und das Gespräch war dadurch natürlich abgebrochen.

»Verdammter, dickköpfiger Heide!« murmelte aber Spund in sehr unchristlicher Entrüstung halblaut und ärgerlich vor sich hin. »Na, daß du einmal den ganzen Weg bergunter gehst, wenn du stirbst, darauf kannst du dich doch fest verlassen.«

Toanonga nahm aber nicht mehr die geringste Notiz von ihm.

Einer der Egis war wieder zu ihm getreten und hatte ihm etwas ins Ohr geflüstert, und der alte Häuptling stand auf, die Fremden zu begrüßen.

Die Leute im Boot ließen sich jetzt deutlicher erkennen. Am Steuer saß ein Europäer, die vier Rudernden waren aber sogenannte Kanakas, Eingeborene der Sandwichs-Inseln, die jedoch mit den Riemen ganz vortrefflich umzugehen wußten. Einige der Insulaner liefen ihnen entgegen und halfen ihnen das Boot auf den Korallensand ziehen, während sie mit den Fremden ihre Begrüßungen wechselten. Die Sandwichs-Insulaner haben jedoch eine von den Tongas sehr verschiedene Sprache, und die Insulaner konnten sich nicht untereinander verständigen, während der Fremde die Tonga-Sprache vollkommen gut und fließend redete.

Es war eine breitschultrige, kräftige und echte Seemannsgestalt, die den Engländer nicht verleugnen konnte, mit blauen, klaren Augen, wettergebräunten Zügen und festgelocktem hellbraunen Haar. Er ging auch ohne weiteres auf Toanonga, den er bald als den How der Insel erkannt hatte, zu, schüttelte ihm die Hand und redete ihn mit dem üblichen Gruße der Insel an. Auf Spund, der mit der Bibel unter dem Arm nicht weit davon stand, warf er nur einen flüchtigen und wie überraschten Blick – denn der Bursche sah in seiner halb indianischen, halb Matrosentracht, mit dem dicken Buch unterm Arm und dem gar nicht recht dazu passenden breiten Gesicht, komisch genug aus. Er nickte ihm aber nur zu und achtete weiter nicht auf ihn. Hatte er doch lange genug die verschiedenen Inselgruppen besucht, um daran gewohnt zu sein, Missionare und weggelaufene Matrosen auf ihnen zu finden, wenn er auch nicht gleich wußte, zu welcher der beiden so verschiedenen Klassen der Weiße hier gehören mochte.

Seine Absicht war, wie er Toanonga gleich von vornherein erklärte, alles von Kokosnußöl, was auf der Insel vorrätig sei, aufzukaufen und dafür Waren, wie sie die Insulaner gerade brauchten, einzutauschen.

Toanonga hörte ihm aufmerksam zu und sagte ihm dann, daß er die nötigen Befehle dazu geben werde. Damit ließ er den Fremden stehn und wandte sich seinen eigenen Leuten wieder zu, wo bald einer der jungen Burschen, der mit dem Kanoe draußen an Bord des Fahrzeugs gewesen war, an seine Seite glitt.

»Nu, Tibi-ano,« sagte da der Alte, als er weit genug von dem Fremden entfernt war, um nicht von ihm gehört zu werden, »wie viele Weiße sind draußen auf dem großen Kanoe?«

»Noch fünf, Toanonga,« lautete die Antwort, »außer dem hier und noch drei Kanakas. Der hier Kapitän.«

»Ah, vortrefflich!« nickte Toanonga, »sehr gut das! und haben sie Kanonen?«

»Zwei; nicht sehr große.«

Der alte Häuptling schmunzelte vergnügt vor sich hin und warf dabei vorsichtig den Blick umher, sich zu überzeugen, ob seine Anordnungen ausgeführt würden. Neben dem Schiffsboot standen zwei der Egis und sechs oder acht andere Insulaner, während die Kanakas, von einem der Monui-Leute geführt, zu einer kleinen Gruppe Kokospalmen gegangen waren, dort eine Anzahl Nüsse herunterzuwerfen. Der Kapitän des Schoners stand neben Spund, der ihm gerade Bericht über den Untergang der »Lucy Walker« abstattete.

Eben jetzt kam Mac Kringo aus dem nächsten Pandanus-Dickicht und ging auf den Kapitän zu. Zu seinem Erstaunen sah er aber, daß nicht allein eine Menge Insulaner bewaffnet waren, sondern ein Teil von ihnen sogar im Dickicht versteckt blieb. Mit den Sitten der Insulaner bekannt, zweifelte er keinen Augenblick daran, daß sie irgend etwas Böses gegen die Fremden beabsichtigten, und je eher er deshalb die Bedrohten warnen konnte, desto besser.

Der Fremde war indessen mit Spund in ziemlich lebhaftem Gespräch schräg an der Korallenbank hinaufgeschritten. Toanonga hatte ihm eben gewinkt, zu ihm zu kommen. Dort aber, wo der Korallensand aufhörte und der Fruchtboden begann, stand ein kleiner Streifen von Kasuarinen mit ein paar Pandanus-Bäumen und einem Unterwuchs von einzelnen niederen Büschen. Im Schatten derselben lagen etwa acht oder neun Insulaner. Sowie jedoch der Kapitän an ihnen vorüberschritt und hinter dem kleinen Buschstreifen vom Bord seines eigenen Schiffes aus nicht mehr gesehen werden konnte, sprangen diese plötzlich empor und warfen sich auf ihn.

Überrascht, wie er war, gelang es dabei zweien, sich seines linken Armes zu bemächtigen, aber sicher zu ihrem Schaden, denn mit dem rechten schlug er sie, mit zwei rasch geführten Stößen, auch schon im nächsten Augenblick bewußtlos zu Boden. Die Überzahl war jedoch zu groß; ehe er sich gegen die anderen wenden konnten, hingen diese überall um ihn her, und trotz seines wütenden Sträubens fand er sich bald gebunden in der Gewalt der Feinde.

Spund war ein höchst überraschter Zeuge des Ganzen gewesen, und alles so schnell gekommen, daß er wirklich gar nicht einmal daran dachte, dem Landsmann beizustehen.

Mac Kringo, der ebenfalls in der Nähe war, hatte allerdings etwas Ähnliches gefürchtet, aber er übersah auch mit einem Blick, daß sie hier mit Gewalt gegen die Übermacht der Eingeborenen nichts ausrichten konnten, und verhielt sich deshalb gleichfalls ganz ruhig.

»Hallo, ihr Halunken!« schrie dabei der Engländer in der Tonga-Sprache, »ist das eure Gastfreundschaft, mit der ihr einen Fremden bewillkommt, und ihm vorher euer verräterisches Chio do fa entgegenruft? und ihr da,« wandte er sich gegen die Weißen, als er Mac Kringo gerade erblickte, » zwei Engländer und lassen mich hier von den verdammten Rotfellen mißhandeln? Ihr seid schöne Kanaillen! hätte ich nur einen von meinen weißen Leuten hier an Land, ein ganzes Schock dieser braunen Schufte wäre mir nicht zu nahe gekommen.«

Die Kanakas hatten allerdings ihrem Kapitän im Anfang zu Hilfe springen wollen, da sie aber von allen Seiten kriegerische und bewehrte Gestalten auftauchen sahen, wichen sie scheu zurück, es ihrem Führer überlassend, sich allein aus dieser Verlegenheit herauszuarbeiten.

Vollkommen ruhig bei diesem plötzlich hereingebrochenen Kampfe war Toanonga geblieben, der nun erst, als er den Weißen gebunden und unschädlich gemacht sah, zu ihm trat.

»Ist das die Freundschaft, die du mir durch dein Kanoe hast anbieten lassen, wortbrüchiger Häuptling?« rief ihm der gereizte Engländer entgegen.

»Ruhig, mein Freund!« suchte ihn indessen Toanonga zu beschwichtigen. »Du bist jetzt in unserer Gewalt, und es ist außerordentlich leichtsinnig von dir, durch nutzloses Schimpfen einen mächtigeren Feind zu reizen. Wenn wir dir hätten ein Leid zufügen wollen, so brauchten wir dir nur den Schädel einzuschlagen, und die Sache wäre abgemacht gewesen. Wenn du dich aber ruhig verhältst und das tust, was wir von dir verlangen, so hast du nicht allein für dich oder die Deinen nichts zu fürchten, sondern kannst auch nach einiger Zeit deine Reise ungehindert fortsetzen.«

»Und was verlangst du von mir?« fragte der Fremde. »Wenn es etwas ist, das ich erfüllen kann, wär' es doch wohl vernünftiger gewesen, mich auf andere Weise darum zu fragen, als so über mich herzufallen!«

.,Daß du es erfüllen kannst, wußte ich vorher,« erwiderte vorsichtig Toanonga, »nur darauf kam es an, ob du es erfüllen wolltest, und ich hielt es deshalb für besser, mir eben diesen guten Willen vorher zu sichern.«

»Eine verdammt schöne Art!« fluchte der Kapitän, »wenn du dich nur nicht darin geirrt hast!«

»Ich glaube kaum,« sagte vollkommen gleichmütig der Häuptling. »Wie heißt du?«

»Jacobs,« brummte der Fremde verdrießlich.

»Und dein Schiff?«

»Bonito.«

»Sehr gut. Nun sieh, wir brauchen hier auf Monui dein Schiff und deine Kanonen, um nach Hapai hinüberzufahren und die Häuptlinge zu züchtigen, die ihre Verbindlichkeiten gegen uns nicht erfüllt haben.«

»Mein Schiff!« schrie Jacobs wild emporzuckend, »den Teufel auch! das brauche ich selber! und wenn ihr das haben wollt, so holt es euch draußen; seid aber versichert, daß euch mein Steuermann auf eine Art empfängt, die euch nicht behagen wird.«

»Das habe ich mir etwa gedacht,« lachte der Alte, »und dich hier festgehalten, um uns die Mühe zu ersparen. Du bist in unserer Gewalt, wie du recht gut weißt, und meine Egis haben beschlossen, dir das Leben zu nehmen, wenn du nicht nach unserem Willen tust. Fügst du dich aber in das, was du doch nicht mehr verhindern kannst, so verspreche ich dir, daß wir dein Schiff allerdings jetzt nehmen und deine Kanonen gebrauchen werden, daß du es aber wieder bekommen sollst, wenn wir in Hapai gesiegt haben.«

»Der Teufel trau' euch!« rief Jacobs, »und im allergünstigsten Falle hätte ich ein paar Monate von meiner besten Zeit verloren. Nein! Tut mit mir, was ihr wollt, aber das Schiff bekommt ihr nicht. Und darauf verlaßt euch, daß mein Bruder, der Steuermann an Bord des »Bonito« ist, blutige Rache nehmen wird, wenn ihr mir ein Leid tut.«

»Sei vernünftig, Freund! Was kann er uns zufügen?« sagte Toanonga, »er muß froh sein, wenn er unseren Kanoes entgeht. Du hast nur noch fünf weiße Männer an Bord. und der Wind draußen wird schon schwächer. Wenn wir noch ein paar Stunden warten und rudern dann hinaus, so könnt ihr nicht einmal fort, und dann ist das Schiff unser, und du bekommst nie etwas davon wieder.«

Jacobs wollte heftig darauf erwidern, Mac Kringo aber, der indessen hinzugetreten war, blinzelte ihm heimlich zu und sagte dann zu dem Alten:

»Laß mich mit ihm reden, Toanonga; er wird Vernunft annehmen, wenn er einsieht, daß er doch nichts daran ändern kann.«

Toanonga sah den Schotten etwas überrascht an, denn er hatte sein Kommen gar nicht bemerkt und mochte ihm auch vielleicht nicht so ganz trauen. Da er die Fremden aber ganz in seiner Gewalt wußte, schien er dem Vorschlage nach einiger Überlegung beizustimmen.

»Gut, Ma Kino,« sagte er, »sprich du mit ihm.«

»Und was willst du, daß er tun soll?« fragte der Schotte.

»Er soll hinausschicken und die andern weißen Männer an Land rufen. Er mag ihnen sagen lassen, daß sie Messer und Tabak mitbringen, um dafür Kokosöl einzutauschen!«

»Daß ich ein Esel wäre!« rief Jacobs. »Ich soll mir selber die Hände binden, nicht wahr?«

»Seid ihr der Kapitän des Schoners?« fragte ihn der Schotte in englischer Sprache.

»Jawohl, der bin ich. Waret Ihr mit auf der »Lucy Walter«?«

»Ja. – Wieviel Weiße habt ihr noch an Bord, auf die Ihr Euch fest verlassen könnt?«

»Fünf, mit dem Steuermann.«

»Den Steuermann können wir nicht rechnen,« sagte der Schotte, »der muß an Bord bleiben. Wissen die anderen vier mit Gewehren umzugehen?«

»Vortrefflich. Drei sind Franzosen von Taiti, und der vierte ist ein Deutscher. Aber glaubt ihr wirklich, daß die Rotfelle ihre Drohung ausführen würden?«

»Ich fürchte fast, ja. Sie sind sonst gutmütig und friedlich genug, aber jetzt gerade zu einem Kriege gerüstet, und ich möchte Euch nicht raten, sie zum Äußersten zu treiben.«

»Aber wenn ich das Boot ans Ufer kommen lasse, bin ich verloren, denn sobald sie ihre Kanoes hinausschicken, kann mein Steuermann mit den paar Kanakas das Fahrzeug nicht allein halten.«

»Habt Ihr Musketen an Bord?«

»Gewiß.«

Mac Kringo schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder. Toanonga aber, der ein paar Schritte davon entfernt mit einem Häuptling sprach, wurde schon ungeduldig und drehte sich nach ihnen um.

»So wie so ist es eine verzweifelte Geschichte,« sagte da der Schotte. »Gebt Ihr Euch ihnen nicht gutwillig, so brauchen sie Gewalt, und Euer eigenes Leben ist dann in ihren Händen. Mit so schwacher Besatzung hättet Ihr nicht so leicht an Land kommen sollen. Trotzdem ist es doch am Ende noch möglich, sie anzuführen, wenn Ihr Euch verpflichten wollt, uns Europäer von dieser Insel mit fortzunehmen.«

»Wieviel seid ihr?«

»Sechs; und so tüchtige Matrosen, wie Ihr Euch wünschen könnt.«

»Aber hier stehen wenigstens sechzig bewaffnete Insulaner um uns her.«

»Deshalb müssen wir eure vier Leute noch vom Boot zu Hilfe haben.«

»Und dann sollen wir uns mit Gewalt durchschlagen?«

.,Wir müssen es versuchen! Ich weiß wenigstens keine andere Möglichkeit, Euch zu helfen.«

»Und wer bürgt mir dafür, Freund, daß Ihr es ehrlich mit mir meint?« sagte Jacobs. »Ihr habt mich hier ohne Warnung den Rotfellen in die Hände laufen lassen, und wie kann ich wissen, ob Ihr nicht mit ihnen unter einer Decke steckt!«

»Das Mißtrauen muß ich Euch allerdings zugute halten,« sagte Mac Kringo, »und wenn Ihr meinem ehrlichen Gesicht nicht glaubt, habe ich keine weitere Bürgschaft für Euch, als die Versicherung, daß uns allen, oder wenigstens fünfen von uns, der Boden hier unter den Füßen brennt, und wir Gott danken wollen, wenn wir die Insel im Rücken haben. Jetzt tut, was Ihr wollt; wenn Ihr einen anderen Rat wißt, Euch zu helfen, so ist es mir lieb, wo nicht, so sagt mir Eure Meinung bald, denn wie ich sehe, fängt der Alte da hinten an, die Geduld zu verlieren.«

»Ihr habt recht,« sagte Jacobs nach kurzer Pause, »es ist das die einzige Rettung. Im allerschlimmsten Falle kann dann mein Bruder, der Steuermann, doch am Ende noch mit den paar Kanakas und dem Fahrzeug entkommen, sobald er merkt, daß für uns alles verloren ist. Aber auf welche Art kann ich ihm Kunde schicken? Wenn die Insulaner wenigstens meine Leute zurückrudern ließen!«

»Ich glaube schwerlich, daß Toanonga das zugibt,« sagte der Schotte, »denn der günstige Erfolg seiner ganzen List beruht nur darauf, daß die an Bord keinen Verdacht schöpfen. Aber da kommt er selber, jetzt wollen wir gleich hören, wie er sich die Sache weiter ausgedacht hat.«

Toanonga war wirklich ungeduldig geworden, denn da er sich nun einmal mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, das Schiff den Fremden wegzunehmen und zu seinen eigenen Zwecken zu verwenden, erschien es ihm höchst rücksichtslos von dem Pagalangi, daß er ihn auch noch so lange darauf warten ließ.

»Nun mach' rasch, Ma Kino,« sagte er, als er zu ihm trat, »meine Leute wollen nicht länger warten, und wir haben auch keine Zeit zu verlieren, denn der Tag vergeht. Was sagt der Pagalangi?«

»Er fügt sich deinem Willen,« erwiderte der Schotte; »wenn ihr keinem von ihnen ein Leid tun und ihnen das Fahrzeug, sobald ihr es gebraucht habt, zurückgeben wollt.«

»Nun, versteht sich, versteht sich,« erwiderte der Alte, ungeduldig mit dem Kopfe schüttelnd.

»Aber der Steuermann hat Anteil an dem Fahrzeug,« fuhr Mac Kringo fort, »und wird es nicht gutwillig hergeben wollen.«

»Nicht gutwillig hergeben wollen?« lachte Toanonga, »wenn wir die Weißen erst an Land haben, brauchen wir ihn nicht lange zu fragen.«

»Aber wie willst du die an Land bekommen, Toanonga?« fragte der Schotte. »Wer soll hinüberfahren, sie zu holen? Denn eine Flagge haben wir nicht hier, ihnen ein Zeichen damit zu geben.«

»Du hast recht,« sagte Toanonga und sah sinnend vor sich nieder. Den Pagalangi selber durfte er nicht schicken, der wäre natürlich nicht wieder gekommen, und die Kanakas durfte er auch nicht hinüber lassen, da die ja Zeuge des Überfalls ihres Kapitäns gewesen waren.

Mac Kringo, wie einem der anderen Weißen auf der Insel traute er ebenfalls nicht, und das einzige blieb, daß er ein paar von seinen eigenen Leuten hinüberrudern ließ. Dabei konnte er sich aber nicht verhehlen, daß die Fremden kaum einem Befehl Folge leisten würden, der ihnen von den Eingeborenen einer fremden Insel gebracht wurde. Ein paarmal kam ihm freilich der Gedanke, ohne weiteres mit seinem Kanoe hinauszufahren und den Schoner, der doch nicht ohne seinen Kapitän absegeln konnte, zu entern; aber er fürchtete die Kanonen und durfte seine kriegsfähigen jungen Leute, gerade im Begriff, einen Kriegszug zu unternehmen, nicht also gefährden; solange er deshalb hoffen durfte, seinen Plan mit List durchzusetzen, wollte er jede Gewalttat gern vermeiden.

»Spricht jemand bei Euch an Bord die Tonga-Sprache?« fragte da Mac Kringo, während der Alte noch mit sich zu Rate ging, den fremden Kapitän in englischer Sprache.

»Nein, kein Mensch,« sagte dieser.

»Desto besser,« nickte der Schotte und fuhr dann, zu Toanonga gewendet, fort. »Darf ich dir einen Vorschlag machen, die Leute an Bord das wissen zu lassen, was du willst?«

»Allerdings, sehr gern!« rief der Alte, dem damit ein großer Gefallen geschehen wäre.

»Nun gut, so schicke Spund mit zwei Tongaleuten hinüber.«

»Spund?« fragte Toanonga und schüttelte bedenklich mit dem Kopf.

»Spund ist eine gute, ehrliche Haut,« beruhigte ihn der Schotte, »und wenn du dem drohest, du würdest ihm den Schädel einschlagen, sowie er das geringste verriete, warnte er seinen eigenen Vater nicht. Außerdem braucht er gar nichts zu bestellen, denn du weißt, daß die Papalangis die Kunst verstehen, auf ein weißes Stück Zeug Zeichen zu malen, die einem anderen sagen, was er wissen soll.«

»Da kann der Fremde aber daraufsetzen, was er will!«

»Er mag es in der Tonga-Sprache tun, und du kannst dich dann selber überzeugen, daß er nichts sagt, als was du von ihm verlangst.«

Toanonga begriff noch nicht recht, wie das Ganze gemeint sei. Auf Spund glaubte er sich übrigens am ersten verlassen zu können, und wollte jetzt wenigstens sehen, was die Fremden im Sinne hätten. Er gab auch des Gefangenen Hände frei, und dieser ging rasch auf Mac Kringos Plan ein, nahm seine Brieftafel aus der Tasche, riß ein Blatt heraus und schrieb darauf in der Tonga-Sprache: Schicke mir augenblicklich die vier Pagalangis herüber und laß sie Messer und Tabak mitbringen; darunter aber setzte er in Englisch nur die Worte. Verrat! schicke die vier Matrosen gut bewaffnet!

Toanonga hatte neben ihm gestanden und ihm aufmerksam zugesehen, war aber sehr erstaunt, daß der Fremde so rasch damit fertig wurde.

»Und da sollen sie jetzt wissen, was das bedeutet?« fragte er lachend. »Nun wartet, das wollen wir gleich erfahren. Geh' einmal weg, Ma Kino, der Fremde soll mir allein sagen, was er darauf gemalt hat.«

Der Schotte trat zurück, und Jacobs las Toanonga die im Tonga-Dialekt geschriebenen Worte langsam vor. Darauf ging der Häuptling mit dem Zettel zu Mac Kringo und war aufs äußerste erstaunt, als dieser ihm jede Silbe genau wiederholte, wobei sich dieser jedoch wohl hütete, das Englische mitzulesen. Toanonga traute aber noch immer nicht; denn die beiden konnten sich auch über diese Worte vorher verständigt haben. Er ging also wieder zu Jacobs zurück und flüsterte ihm zu, die beiden Worte Monui und Toanonga aufzuzeichnen. Davon konnte Mac Kringo jetzt nichts wissen, als er aber diesem das Blatt zeigte, und der die Worte ohne Schwierigkeit ablas, kannte sein Erstaunen keine Grenzen. Besonders konnte er sich gar nicht denken, daß er Monui gleich erkannt habe, da die fünf sehr auffälligen Bergspitzen der Insel gar nicht darin zu unterscheiden waren.

Er machte den Versuch auch noch mit ein paar anderen Worten und würde sich wahrscheinlich den ganzen Tag damit unterhalten haben, hätte die Zeit nicht gedrängt. Von dem also abgefaßten Briefe versprach er sich aber einen außerordentlichen Erfolg, nahm Spund zur Seite und flüsterte lange und heimlich mit ihm. Spund schien auch mit allem einverstanden und nickte in einem fort mit dem Kopfe. Die beiden Insulaner, die vorher mit dem Kanoe an Bord gewesen waren, wurden dann in dem Boot der Weißen mit Spund abgeschickt, und dieser würdige Mann war jetzt nur in Verlegenheit, wohin er mit seinem Buche indessen sollte. An Land durfte er es nicht lassen; denn die Eingeborenen, die es sich einmal in den Kopf gesetzt, daß es Beschwörungen und Zauberformeln enthalte, hatten ihm schon eine Menge Blätter herausgerissen, wo sie deren nur habhaft werden konnten. Mac Kringo wollte er es auch nicht anvertrauen und beschloß deshalb, es lieber mitzunehmen.

Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Korallensand gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. »Bringe Hilfe, oder wir sind verloren!«

»Ja, aber!« rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden Insulaner ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.


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