Friedrich Gerstäcker
In der Südsee
Friedrich Gerstäcker

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3.

Mac Kringo hatte geglaubt, seinen Weg ziemlich unbemerkt verfolgen zu können. Das, sah er bald, war nicht möglich, denn von allen Seiten kamen Insulaner und besonders Frauen herbei, und zwar die letzteren nur aus Neugierde, einen so seltenen Gegenstand, wie ein fremdes Schiff, zu betrachten. Im Anfange suchte er ihnen auszuweichen, da er aber dadurch Verdacht zu erregen fürchtete, folgte er zuletzt dem offenen Fußweg und unterhielt sich mit denen, die ihm begegneten. Allerdings wurde er einige Male gefragt, warum er nicht am Strande bliebe und wohin er wolle; er gab aber ausweichende Antworten und meinte, es würde wohl noch eine Weile dauern, bis die Weißen ans Land kämen, und er könne vielleicht indessen selber einige Yams aus einem dort in der Nähe liegenden und ihm gehörenden Felde holen, um sie nachher gegen Tabak einzutauschen.

So kam er endlich zu dem Gebüsch, das die Landspitze begrenzte, und einmal dort, traf er auch niemanden mehr, denn die da draußen stehende Hütte lag unbewohnt. Nur die Fischer übernachteten manchmal in derselben, wenn sie von dort aus mit der Morgendämmerung auf den Fang gehen wollten.

An der bezeichneten Stelle fand er übrigens die ihn schon ungeduldig erwartenden Kameraden, und zu seiner Freude auch Lemon, den Jonas in der Nähe der Kanoes angetroffen und dorthin bestellt hatte.

»Donnerwetter! das ist gut, daß du kommst, Lord Douglas!« schrie ihm Legs, der eine mächtige Kriegskeule in der Hand trug, schon von weitem entgegen. »Ich weiß hier ganz in der Nähe ein kleines Kanoe, und in einer halben Stunde können wir draußen an Bord und in Sicherheit sein. Hol' der Teufel das Hundeleben auf der Insel! Ich hab's zum Sterben satt und will mein Lebtag an Monui denken.«

»Unsinn!« sagte aber Jonas, »wenn wir jetzt hier mit einem Kanoe abfahren, schneiden sie uns den Weg ab, ehe wir halb aus der Bai hinaus sind, und dann dürfen wir uns nur jeden Gedanken an Flucht vergehen lassen.«

»Wo ist Pfeife?« fragte Mac Kringo, »den dürfen wir doch auf keinen Fall zurücklassen.«

»Pfeife steckt drüben bei den Kanoes,« rief Lemon, »und näht Segel. Da müssen wir Spund aber auch mitnehmen, und wenn wir warten wollen, bis wir erst alle sechse einmal zusammenhaben, können wir uns auch darauf verlassen, daß wir sitzen bleiben.«

»Jungens,« sagte da Mac Kringo, der indessen gesucht hatte, durch die dichten Mangrove-Büsche einen Überblick nach der inneren Bai zu gewinnen, »mit eurem Plane ist es nichts. Da draußen fährt eben das Schiffsboot, von dem Kanoe begleitet, das heute morgen hinausgegangen ist, durch die Riffe, und das anzurufen, dazu sind wir zu weit entfernt, und es würde auch die Insulaner augenblicklich aufmerksam machen.«

»Und weshalb brauchen wir es anzurufen?« rief Legs ärgerlich, »laß die immer fahren. Wenn wir nur erst einmal an Bord sind, sollen uns die Rotfelle wahrhaftig nicht wieder herunter bringen.«

»Du redest, wie du's verstehst,« erwiderte ruhig der Schotte, »und glaubst du denn, Toanonga hat nicht Verstand genug, die Weißen in dem Falle als Geisel an Land zu behalten? Sowie der merkte, daß wir ihm durchs Netz gingen, machte er die Klappe zu und hätte die anderen fest, und der Kapitän vom Schoner wird uns wahrhaftig nicht mit in See nehmen und seine eigenen Leute dafür zurücklassen.«

»Dann ist die ganze Geschichte wieder faul!« fluchte Legs; »das kommt aber von dem ewigen Trödeln und Beraten her! Erst hat der ein Bedenken und dann der, und dabei bleiben wir richtig jedesmal in der Falle sitzen. Das sag' ich euch, wenn sich mir irgendeine Gelegenheit zur Flucht bietet, auf euch warte ich nicht, denn mit euren überklugen und ewigen Bedenklichkeiten kommt ihr überall zu kurz.«

»Renn' du nur mit dem Kopf gegen die Wand,« sagte Mac Kringo ruhig, »so wirst du schon beizeiten finden, wo du bleibst. Übrigens sei so gut und schrei' nicht so, denn wir sind keineswegs so weit vom Wege entfernt, und deine und Pfeifes Stimme hört man eine Meile durch den Wald.«

»Na gut,« sagte Legs, der Warnung jedoch Folge leistend und nicht so laut als vorher, »wenn du denn so genau weißt, was wir tun und lassen müssen, so erzähl' uns auch jetzt, was nun werden soll, und was du im Sinne hast!«

»Ja, wenn ich überhaupt etwas im Sinne hätte!« entgegnete Mac Kringo, »darüber scheinen wir allerdings einig zu sein, daß wir hier fort wollen, um auf irgendeiner anderen Insel als freie Männer auftreten zu können. Ob das aber mit diesem Schiffe geschehen kann, ist noch die Frage. Wir wissen ja nicht einmal, ob der Kapitän Platz für uns an Bord und überhaupt Lust hat, sich mit uns einzulassen. Manche dieser Herren sind verdammt mißtrauisch, und hüten sich, besonders in der Nähe von Australien, englische Matrosen in größerer Zahl aufzunehmen. Sie trauen nicht, ob es nicht am Ende statt verunglückter oder entlaufener Seeleute entsprungene Sträflinge aus den dortigen Kolonien sind.«

»Ja, wozu sind wir aber dann hier zusammengekommen?« rief Lemon. »Wenn wir nicht wenigstens einen Versuch machen, fährt das Boot wieder ab, und wir bleiben so klug wie vorher.«

»Lord Douglas steckt überhaupt immer voller Pläne, aus denen nie etwas wird!« rief Legs ärgerlich. »Wie klug konnte er damals sprechen, als die »Lucy Walker« noch hier lag! und wäre das Feuer nicht da zufällig ausgebrochen, so schwämmen wir jetzt wieder ganz ruhig mit dem alten Kasten im Eismeer umher und ruderten mit Fausthandschuhen hinter schmierigen Walfischen drein.«

»Ja, aber« . . . wollte Jonas etwas darauf entgegnen, der Schotte unterbrach ihn jedoch und sagte:

»Wenn wir mit dem Maul hier wegzubringen wären, Legs, dann glaube ich allerdings, daß du uns allein helfen könntest. Jetzt aber sei so gut und laß uns mit deinem Unsinn zufrieden, und hört erst einmal meinen Vorschlag. Wißt ihr dann was Besseres, so soll es mich freuen, ich bin gern erbötig, euch Folge zu leisten.«

»Na, da komm' endlich einmal klar, und reib' nicht so lange auf dem Sand herum!« rief Lemon; »die Zeit vergeht, und wir haben wahrhaftig keine übrig.«

»So hört,« sagte Mac Kringo, »ich muß vor allen Dingen jetzt zum Alten, um dort zu dolmetschen, wenn die Fremden nichts von der Tonga-Sprache verstehen. Dort will ich mit dem Steuermann oder wer nun gerade an Land gekommen ist, schon Gelegenheit finden, ein paar Worte allein zu sprechen. Wollen sie uns mitnehmen, dann findet sich auch eine Gelegenheit, fortzukommen, und in dem Fall habe ich selber nichts dagegen, daß wir es zum Äußersten treiben und Gewalt brauchen, wenn wir eben auf keine andere Weise fortkommen können. Können sie uns freilich nicht mitnehmen, dann bleibt es für uns das beste, uns so ruhig wie möglich zu verhalten. Jeder geht nachher wieder seiner Beschäftigung nach, und wir warten eine günstige Gelegenheit ab.

Doch wie dem auch sei, von da drüben werde ich euch ein Zeichen geben, damit ihr wißt, was ihr zu tun habt. Seht ihr jene in die Bai auslaufende spitze Korallenbank, auf der ein einzelner Pfahl steckt? – Die behaltet im Auge. Rudert das Boot dorthin, und winken sie euch von Bord aus, so gilt das als ein Zeichen, daß sie uns mitnehmen können, dann kommt, so rasch ihr könnt, an die Landung, bringt auch irgendeine Waffe mit, im Notfall unseren Weg mit Gewalt zu erzwingen. Bekommt ihr aber von dem Boot kein Zeichen, dann heißt das so viel, daß sie uns nicht haben wollen, und dann versteht es sich von selbst, daß wir für jetzt jeden Fluchtversuch aufgeben.«

»Das klingt doch endlich einmal wie Vernunft,« brummte Legs. »Nun mach' aber, daß du fortkommst, denn mir brennt der Boden schon unter den Füßen. Hahaha, wie sich meine Familie freuen wird, wenn ich heute nicht zum Essen komme.«

»Und was wird aus Pfeife?« fragte Jonas.

»Ihr habt ja Zeit genug, dem unseren Plan mitzuteilen,« entgegnete der Schotte; »kommt ihr mit dem Kanoe, so nehmt ihn ein; im anderen Falle sagt ihm nur Bescheid, aber kommt mir nicht alle in einem Klumpen, sondern verteilt euch hübsch, daß die Insulaner nichts merken. Es muß aussehen, als ob ihr nur zufällig an den Strand kommt. Und jetzt good-bye! wenn das Glück gut geht, sehen wir uns vielleicht an Bord wieder!«


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