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XIV.
Magdalene Maupin an ihre Freundin Graziosa

Ich stand an meinem Fenster und sah zu, wie am Himmel Stern auf Stern aufblitzte, und sog den Jasminduft ein, der auf leisen Windesfittichen zu mir her flog. Meine Lampe, die letzte, die im ganzen Schlosse noch gebrannt hatte, war im Luftzuge verloschen.

Meine Gedanken verloren sich in dämmernde Träume. Halbschlaf umspann mich, aber gleichwohl blieb ich am Fenster, vom Zauber der Nacht gebannt oder aus Versonnenheit und Bewegungsunlust.

Von ihrem Zimmer aus hatte Rosette meine Lampe verlöschen sehen, und da ich im Dunkel war, konnte sie mich nicht mehr erkennen. Sie glaubte, ich sei zu Bett gegangen. Darauf hatte sie gelauert, um eine letzte Verzweiflungstat zu wagen.

Sie öffnete meine Tür so leis, daß ich nichts hörte. Als sie mir bereits auf zwei Schritte nahe war, bemerkte ich sie erst. Gewiß war sie höchst verwundert, daß sie mich noch wach und angekleidet fand; aber sie erholte sich rasch von ihrem Schreck.

Indem sie dicht zu mir trat und mich am Arm berührte, rief sie:

»Theodor! Theodor!«

»Rosette!« sagte ich. »Sie hier! Zu dieser Stunde? Allein, ohne Licht und in diesem Anzug?«

Sie hatte nämlich nichts an als ein ganz feines dünnes Batistnachthemd. Ihre marmorkalten Arme waren nackt. Hinter Spitzen schimmerten ihre Brüste.

»Soll das ein Vorwurf ein, Theodor, oder nur ein Ausruf?«

Ich erwiderte nichts.

»Jawohl,« fuhr sie fort. »Ich bin es! Rosette, die schöne Schloßherrin! In Ihrem Schlafzimmer und nicht in meinem, wo ich sein sollte! Nachts in der elften oder zwölften Stunde! Ohne Anstandsdame, ohne Kammerjungfer, ganz allein! Und beinahe nackt, nur in einem dünnen Nachthemd! Das ist höchst merkwürdig und erstaunlich. Nicht wahr? Ich selber bin darüber beinahe ebenso verwundert wie Sie. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen dies erklären soll!«

Während sie dies sagte, legte sie ihren rechten Arm um mich und zog mich zum Bett, auf das sie sich setzte.

Ich versuchte behutsam mich frei zu machen.

»Rosette,« sagte ich. »Ich will einmal sehen, ob ich die Lampe nicht wieder anzünden kann. Nichts ist trübseliger als ein dunkles Zimmer. Zudem wäre es eine Sünde, wenn ich so gar nichts sehen wollte, wo Sie in Ihrer holden Schönheit da sind. Erlauben sie mir, daß ich ein Streichholz suche und damit eine kleine Sonne aufflammen lasse, die mir erhellen soll, was mir das neidische Duster der Nacht verbirgt!«

»Ach, bitte, nicht! Ich möchte um alles in der Welt nicht, daß Sie meine glühenden Wangen sehen. Ich fühle, wie sie brennen. Ich sterbe vor Scham.«

Sie preßte ihr Gesicht an meine Brust. So blieb sie eine Weile liegen, vor Erregung halb leblos.

Währenddem glitten meine Finger, wie von selbst durch ihr aufgelöstes langes Lockenhaar. Ich zerbrach mir den Kopf, auf welche leidliche Art und Weise ich mich aus dieser verzwickten Geschichte ziehen könne, aber ich fand keinen Ausweg. Ich war in meine letzte Verschanzung gedrängt. Offenbar war Rosette felsenfest entschlossen, mein Gemach auf keinen Fall so wieder zu verlassen, wie sie es betreten hatte. Der gewagte Mangel an Kleidungsstücken bei ihr bewies mir dies zur Genüge. Und ich, ich hatte nur einen leichten offenen Hausrock an, der das Inkognito meiner Weiblichkeit kaum wahren konnte. Somit bereitete mir der weitere Verlauf meines Abenteuers beträchtliche Sorgen.

»Hören Sie mich an, Theodor!« bat Rosette, während sie sich erhob und sich das Haar an beiden Schläfen zurechtstrich. Soviel vermochte ich beim schwachen Scheine der Sterne und der eben aufgegangenen schmalen Mondsichel gerade zu unterscheiden. Das Fenster stand noch immer offen. »Mein Benehmen befremdet Sie. Alle Welt würde mich darum tadeln. Aber Sie müssen bald fort – und ich liebe Sie! Ich kann Sie nicht gehen lassen, ohne Ihnen alles gesagt zu haben. Vielleicht kehren Sie nie zurück. Vielleicht ist es das erste und letzte Mal, daß ich bei Ihnen bin. Wer weiß, wohin Sie gehen. Aber wohin es auch sei, überallhin nehmen Sie mich und mein Leben mit. Wenn Sie hätten bei uns bleiben wollen, so hätte ich zu diesem äußersten Mittel nicht gegriffen. Es wäre mir Glücks genug gewesen, Sie zu sehen und zu hören und still neben Ihnen hinzuleben. Mehr hätte ich nicht verlangt. Ich hätte meine Liebe fest in mein Herz verschlossen, und Sie hätten vermeint, in mir eine aufrichtige gute Freundin zu besitzen und weiter nichts. Aber das ist unmöglich. Sie sagen, Sie müßten abreisen!«

Ich machte eine Bewegung.

»Ach, Theodor, es ist Ihnen lästig, daß ich mich an Ihre Fersen hefte wie ein verliebter Schatten, der auch nichts andres kann als dem folgen, mit dessen Körper er eins sein wird. Es ist Ihnen sicherlich unangenehm, immerdar flehende Augen hinter sich zu wissen und Hände, die sich nach dem Saum Ihres Rockes ausstrecken. Ich weiß das und kann es doch nicht lassen. Übrigens dürfen Sie sich eigentlich nicht darüber beklagen; denn Sie sind selber schuld daran. Ehe ich Sie kannte, lebte ich friedsam, ruhig, beinahe glücklich. Da kamen Sie: jung, schön, heiter wie ein Gott. Sie bemühten sich eifrig um mich und bewiesen mir allerlei zarte Aufmerksamkeiten. Sie waren der ritterlichste, lustigste und galanteste Kavalier. Von Ihren Lippen glitten fortwährend Rosen und Rubine. Was Sie sagten, war immer ein Gedicht. Die einfachsten Worte waren in Ihrem Munde das feinste Kompliment. Ich glaube, sogar eine Frau, die Sie in den Tod haßt, ehe sie Sie persönlich kennt, wird Sie alsbald lieben, wenn sie Ihnen begegnet. Ach, ich, ich habe Sie geliebt vom ersten Augenblick an!«

Nach einer kleinen Weile fuhr sie klagend fort:

»Nachdem Sie erst dermaßen liebenswürdig gewesen, warum waren Sie dann so überrascht, so sehr verwundert über meine große Liebe zu Ihnen? Ist sie nicht die natürliche Folge? Ich bin kein hysterisches Frauenzimmer und kein dummer Backfisch, der jedem beliebigen Schwerenöter nachläuft. Ich kenne die Gesellschaft und weiß, was das Leben bedeutet. Jede andre, und wäre es die leibhafte Tugend, täte desgleichen … Was dachten, was beabsichtigten Sie? Ich nehme an, Sie wollten mir gefallen. Etwas andres kann ich mir nicht vorstellen. Woher kommt es nun aber, daß ich Sie – sagen wir – ärgerlich über Ihren vorzüglichen Erfolg sehe? Habe ich ahnungslos etwas getan, das Ihnen mißfällt? Vergeben Sie mir! Bin ich nicht mehr schön? Haben Sie einen abscheulichen Fehler an mir entdeckt? Gewiß, Sie dürfen viel Schönheit fordern. Aber wenn Sie nicht ganz unglaublich gelogen haben, war ich doch erst schön. Ich bin jung wie Sie und ich liebe Sie. Warum stoßen Sie mich von sich? Sie haben mir so eifrig den Hof gemacht, meinen Arm so selbstverständlich genommen, mir die Hand so zärtlich gedrückt, wenn ich sie Ihnen überließ, und mich mit so sehnsüchtigen Blicken angesehen. Wozu das alles, wenn Sie mich nicht liebten? Sollten Sie etwa so grausam sein, mein Herz in Liebe entflammt zu haben, nur um dann darüber spotten zu können? O, das wäre abscheulich. Das wäre Frevel, das wäre Schändung! Nur ein verdorbener Mensch hat daran Genuß. Von Ihnen vermag ich das nicht zu glauben, so unerklärlich mir auch Ihr Betragen ist. Sagen Sie mir den Grund Ihrer urplötzlichen Wandlung! Ich finde ihn nicht. Was für ein Geheimnis waltet hinter Ihrer großen Kälte? Ich kann mir nicht denken, daß Sie Widerwillen gegen mich empfinden. Ihr Benehmen steht damit nicht im Einklang. Sie haben mir zu stürmisch den Hof gemacht. Gestehen Sie mir! Was haben Sie gegen mich, Theodor? Wer hat Sie so gewandelt? Was habe ich Ihnen getan? Ach, wenn die Leidenschaft, die Sie für mich zu hegen schienen, dahin wäre: meine Liebe bleibt! Ich bringe es nicht zuwege, sie aus meinem Herzen zu reißen. Theodor, seien Sie barmherzig! Ich bin allzu unglücklich! Tun Sie wenigstens, als seien Sie mir ein bißchen gut, und sagen Sie mir ein paar liebe Worte! Das kann Ihnen so schwer nicht fallen, wenn Sie nicht mit einem Male eine unüberwindliche Abneigung gegen mich haben …«

Bei dieser pathetischen Stelle erstickte ihre Stimme in Schluchzen. Sie legte ihre beiden Hände auf meine eine Schulter und preßte ganz verzweifelt ihre Stirn darauf. Was sie mir gesagt hatte, war durchaus richtig. Was sollte ich aber darauf erwidern? Ich durfte die Sache nicht leichtfertig abtun. Das wäre unritterlich gewesen. Rosette hätte sich das auch gar nicht gefallen lassen. Und obendrein war ich viel zu gerührt, um dergleichen fertig zu bekommen. Ich war mir des Unrechts bewußt, mit dem Herzen einer so reizenden Frau gespielt zu haben, und empfand aufrichtige Reue.

Als die Ärmste sah, daß ich keine Antwort hatte, seufzte sie tief und versuchte sich aufzuraffen. Aber, von ihrer Erregung übermannt, sank sie kraftlos zurück. Sie umschlang mich mit ihren Armen, deren Kühle meinen Rock durchdrang, drückte ihr Gesicht an meines und weinte lautlos.

Ich hatte seltsame Empfindungen, als dieser schier unversiegbare fremde Tränenstrom über meine Wangen rann. Es dauerte nicht lange, und auch meine Tränen flossen. In diesem Augenblicke schaute der bleiche Mond durchs Fenster und umwob unser Idyll mit blauer Lichtflut. Die halbnackte Rosette mit ihrem wehen Gesichtsausdruck glich einem Alabasterbild der Trauer, wie man es auf Gräbern sieht.

Ich war bewegt und liebkoste Rosette noch zärtlicher denn damals. Ich streichelte ihr leise den nackten Hals und die blanke Schulter. Sie zitterte unter meinen sanften Berührungen voller Liebesbegehr.

Ich selbst spürte wirres Verlangen. Wollust durchglühte mich. Ich huschte ihr mit der Hand an den bebenden Busen. So zittert ein im Nest überraschter Vogel. Vorher hatte ich sie kaum kühl auf die Stirn geküßt; jetzt wurde ich feurig und suchte ihren halbgeöffneten Mund. In innigstem Kusse blieben wir vereint, ich weiß nicht, wie lange. Ich hatte keinen Zeitsinn mehr. Auch wußte ich nicht, war ich im Himmel oder auf Erden, tot oder lebendig. Das Mousseux der Sinnenlust war mir zu Kopfe gestiegen.

Rosette umwand mich fester und fester mit ihren Armen und ihrem ganzen Körper. Wie im Krampfe preßte sie sich an meinen Leib. Wir hörten nicht auf, uns zu küssen.

Sonderbare Gedanken kamen mir. Wenn ich nicht um meine mir fehlende Männlichkeit Angst gehabt hätte, wer weiß, was für tolle Dinge ich gewagt hätte, um dem Schattenmann, den mein schönes Liebchen in Lust und Glut umarmte, etwas mehr Wirklichkeit zu verleihen.

Ich hatte ja selber noch nie einen Geliebten gehabt. Rosettens stürmisches Begehren, ihre unaufhörlichen Liebkosungen, ihr mir so naher schöner Körper, die zärtlichen Namen, die sie mir unter Küssen zustammelte, machten mich grenzenlos wirr, obgleich mich nur ein Weib in den Armen hielt. Der nächtliche Besuch, die romantische Liebschaft, das Mondlicht, alles das kam mir so neu, so reizvoll vor, daß ich zuletzt vergaß, daß ich kein Mann war.

Endlich raffte ich mich zusammen.

»Rosette«, sagte ich lieb und leise, »du kompromittierst dich schändlich, wenn deine Jungfer bemerkt, daß du die Nacht nicht in deinem Zimmer gewesen bist!«

Statt aller Antwort streifte sie ihre Pantoffeln und ihr Batisthemd ab und schlüpfte rasch wie eine Schlange in mein Bett. Offenbar dachte sie, nur weil ich Kleider anhatte, wagte ich so wenig. Wie konnte sie ein andres Hindernis ahnen? Indem sie mit gutem Beispiel voranging, hoffte das arme Kind, es müsse ihr das so mühsam heraufbeschworene Schäferstündlein endlich schlagen.

Statt dessen schlug es zwei Uhr morgens. Ich befand mich in einer höchst kritischen Lage …

Da knarrte die Tür in den Angeln, und herein trat Bruder Alkibiades. In der Linken trug er einen Leuchter und in der Rechten seinen blanken Degen.

Er ging schnurstracks auf mein Bett zu, hob die Decke, beleuchtete Rosette und begrüßte sie höhnisch:

»Guten Morgen, geliebtes Schwesterchen!«

Rosette rührte sich nicht.

»Teuerste tugendsame Schwester,« fuhr Alkibiades fort, »mich dünkt, du seiest der Meinung, Herrn Theodors Bett sei molliger denn dein eigenes. Ist dies der Anlaß, daß du in selbigem nächtigst? Oder hat es in deinem Kämmerlein gespukt, und du hast dich unter den Schutz besagten Herrns geflüchtet, im frommen Glauben, hier sicher und geborgen zu sein wie in Abrahams Schoß? Fürwahr, du bist klug und weise! Und Sie, Herr Chevalier von Serannes, Sie haben mit meinem Frau Schwesterlein karessiert, als müsse das nur so sein! Mein Verehrtester, ich halte es für nicht unangebracht, wir schauen uns mal ein bißchen näher in die Augen. Ich wäre Euer Gnaden ungemein verbunden, wenn Sie die Gewogenheit dazu hätten. Sie haben meine Freundschaft mißbraucht, weshalb ich meine löbliche Meinung über Hochdero Honneur revoziere. Herr Chevalier, Sie sind ein Schelm!«

Ich hatte nicht das geringste Verteidigungsmittel. Der Schein war wider mich. Man hätte mir doch nicht geglaubt, wenn ich dem Sachverhalt gemäß erzählt hätte, daß Rosette aus freien Stücken in mein Zimmer gekommen war, und daß ich, weit davon entfernt, sie zu verführen, versucht hatte, sie von mir abzubringen. Es blieb mir somit nur die Antwort:

»Herr Marquis, ich stehe Ihnen zur Verfügung!«

Während dieses Wortwechsels war Rosette nach allen Regeln der Romantik in Ohnmacht gefallen. Ich nahm eine mit Wasser gefüllte Kristallvase, in der eine große halbentblätterte weiße Rose stak, und benetzte Rosettens Gesicht mit ein paar Tropfen Wasser, worauf sie alsbald wieder zu sich kam. Da sie offenbar nicht wußte, was sie für eine Miene machen sollte, verkroch sie sich in die Kissen. Ihr hübsches Köpfchen verschwand unter der Decke wie eine Maus im Mauseloche. Wenn nicht hin und wieder ein Seufzer hörbar geworden wäre, hätte man meinen können, die schöne Sünderin oder vielmehr die Schöne, die eine Sünderin hatte werden wollen, sei spurlos verschwunden. Offenbar war sie arg darüber empört, daß sie keine Sünderin geworden war.

Sowie Herr Alkibiades hinsichtlich der Ohnmacht seines Schwesterleins nicht mehr beunruhigt war, nahm er unsern Dialog wieder auf. Etwas friedfertiger denn vorher sagte er:

»Wir brauchen uns ja nicht gleich zu schlagen! Das wollen wir uns für den Notfall aufsparen. Ich mache Ihnen zunächst einen friedlichen Vorschlag. In einem Zweikampf würden Sie vermutlich den kürzeren ziehen. Sie sind blutjung und bei weitem nicht so kräftig wie ich. Somit würde ich Sie kampfunfähig machen oder totstechen. Beides möchte ich nicht. Es hätte wenig Zweck. Frau Rosette, die dort unter ihrer Bettdecke verstummt ist, würde mir das mein Leben lang nicht verzeihen. Wenn sie will, ist sie nämlich bös wie eine Tigerkatze! Das wissen Sie natürlich nicht. Sie sind ihr Märchenprinz, der nur süße Zärtlichkeiten zugeteilt bekommt. Aber zur Sache! Rosette ist frei. Sie ebenso. Und ihr Todfeind sind Sie jedenfalls nicht. Das Witwenjahr neigt sich seinem Ende zu. Die Geschichte ist also riesig einfach. Sie heiraten meine Schwester! Dann darf sie getrost hier in Ihrem Bette bleiben, und ich stecke meinen Degen in die Scheide statt in Ihr Bäuchlein, was weder für Sie noch für mich besonders angenehm wäre. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag?«

Vermutlich habe ich eine schreckliche Grimasse gezogen, denn dieser Vorschlag war von allen Möglichkeiten, die dumme Geschichte beizulegen, die mir unmöglichste. Eher hätte ich meine Schuhe statt mit Senkeln mit Sonnenstrahlen schnüren können …

Alkibiades war erstaunt, daß ich nicht ohne weiteres mit Begeisterung bereit war.

Endlich entgegnete ich:

»Verehrter Herr Marquis, Ihr liebenswürdiger Vorschlag ehrt mich über Gebühr. Die Hand Ihrer Frau Schwester wäre ein unerhörtes Glück für einen jungen Mann ohne Rang und Ruhm. Jeder Andre würde sich an meiner Stelle glückselig schätzen. Indessen … wenn ich die Wahl zwischen Ehe und Zweikampf habe, ziehe ich letzteres vor. Mein Geschmack ist sonderbar. Gewiß, aber ich kann nicht anders!«

Hier stieß Rosette einen schmerzensreichen Klagelaut aus, wobei sie ihren Kopf aus der Decke hervorstreckte wie eine Schnecke die Fühlhörner aus ihrem Häuschen.

»Denken Sie nicht,« fuhr ich fort, »daß ich Rosette nicht liebte. Im Gegenteil. Ich habe aber Gründe, nicht zu heiraten, und zwar Gründe, die Sie unbedingt anerkennen würden, wenn ich sie Ihnen offenbaren dürfte. Überdies ist es zwischen Frau Rosette und mir durchaus nicht so weit gekommen, wie es den Anschein hat. Ein paar Küßchen in Ehren, das war alles! Nun zur Sache, Herr Marquis! Wann findet unser Duell statt? Und wo?«

»Hier auf der Stelle und unverzüglich!« schrie Alkibiades, vor Wut schäumend.

»Das ist doch kaum angängig … in Gegenwart von Frau Rosette!«

»Zücke den Degen, Elender, oder ich steche dich ab!« rief er und fuchtelte mit seinem Mordinstrument in der Luft herum. »Wollen wir nicht wenigstens in ein andres Zimmer gehn?«

»Wehre dich deiner Haut, oder ich spieße dich auf wie eine Fledermaus an die Hoftüre, schöner Seladon! Dann kannst du lange zappeln, ehe du wieder frei kommst! Hol mich der Teufel! Los!«

Er stürzte gegen mich. Ich zog meinen Degen, denn fürwahr, er hätte seine Drohung wahrgemacht.

Zunächst beschränkte ich mich darauf, seine Stöße zu parieren. Rosette machte einen heldenhaften Versuch, sich zwischen uns zu werfen. Wir waren ihr beide gleich lieb und wert. Aber die Kräfte verließen sie, und besinnungslos sank sie vor dem Bett hin.

Unsre Klingen sprühten und verursachten einen Höllenlärm. Da wenig Raum war, standen wir einander viel zu nahe. Ein paarmal fehlte nicht viel, daß mich Alkibiades getroffen hätte. Wäre ich nicht ausgezeichnet geschult gewesen, so hätte mein Leben in der größten Gefahr geschwebt. Denn mein mir durch seine Körperkraft überlegener Gegner war erstaunlich behend. Er ließ keine Finte, keinen Trick unversucht, um mir beizukommen. Aber in seinem Grimm darüber, daß ihm dies nicht sofort gelang, gab er sich mehrfach Blößen. Ich nützte sie zuerst absichtlich nicht aus. Als er aber immer ungestümer und wilder auf mich eindrang, sah ich mich dazu gezwungen. Außerdem hatten mir Kampfesrausch und Klingenglanz die Besonnenheit geraubt. Ich dachte weder an Gefahr noch Tod. Die heimtückische glitzernde Degenspitze vor meinen Augen ließ mich so kalt wie der Knopf eines stumpfen Floretts. Eins nur erboste mich: die Ungerechtigkeit des brutalen Alkibiades. War ich doch tatsächlich unschuldig!

Immer noch wollte ich weiter nichts als ihn am Arm oder an der Schulter leicht verletzen, um ihn kampfunfähig zu machen. Da schlug er eine geschickte Quart, die ich nur ungenügend parierte. Der Stahl durchstach mir den Ärmel. Ich fühlte das kühle Eisen auf der Haut meines Armes. Aber verwundet ward ich nicht.

Zornerfüllt ging ich nun meinerseits zum Angriff über. Ich vergaß, daß ich Rosettens leiblichen Bruder vor mir hatte, und attackierte ihn wie meinen Todfeind. Indem ich einen kleinen Mangel seiner Fechtkunst ausnützte, brachte ich ihm einen festen Flankenstich bei.

Er stieß einen kurzen Schrei aus und fiel vornüber.

Ich hielt ihn für tot; er war aber, was ich nicht annahm, nur verwundet. Er war hingestürzt, weil er beim erneuten Ausfall gestrauchelt war.

Unbeschreibliche Empfindungen bestürmten mich. Daß ich meinen Gegner überwunden hatte, dünkte mich ein Spiel gewesen zu sein. Daß er jetzt aber dalag und daß sein Blut wie ein dünner Faden über seinen Rock rieselte, brachte mich in die höchste Erregung. Selbstverständlich hatte ich gewußt, daß aus einer Wunde keine Sägespäne rinnen würden, und doch war ich in meinem Leben noch nie so betroffen. Es war mir zumute, als sei Unerhörtes geschehen.

Das Unerhörte war nicht, daß Blut aus einer geschlagenen Wunde floß, sondern daß ich diese Wunde geschlagen hatte, ich, ein junges Mädchen einem starken Manne und erprobten Fechter! Und warum? Weil ich die Schwester dieses Mannes verführt haben sollte und ihr – einer reichen und noch dazu entzückenden Frau – hinterher die Heirat verweigerte.

Es war unleugbar eine seltsame Situation: der Bruder anscheinend tot, die schöne Schwester nackt und besinnungslos, und ich nahe daran, ebenfalls hinzusinken!

Ich riß an der Klingelschnur, überließ es Rosette und Alkibiades, die herbeieilende Dienerschaft und die Tante über den geheimnisvollen Vorfall aufzuklären, und eilte in den Stall.

Die kühle Nachtluft tat mir unsagbar wohl. Ich zog mein Roß aus dem Stande, sattelte und zäumte es eigenhändig, sah Sattel- und Zaumzeug genau nach, machte mich reisefertig und saß wohlgemut auf. Dann ritt ich im Schritt durch den Park, von dem ich jeden Weg und Steg kannte. Die tauschweren Zweige der Bäume streiften mich und machten mir das Gesicht naß. Es war mir, als streckten sich alle Äste nach mir aus, um mich zu halten.

Ich hatte keine bestimmten Gedanken. Ich war noch immer im Banne meines Erlebnisses. Ich hatte einen Mord begangen und war nun auf der Flucht!

Ich fühlte mich todmüde.

An einer versteckten Pforte, die mir Rosette auf einem unserer verliebten Spaziergänge gezeigt, saß ich ab und öffnete die Tür, deren geheime Mechanik mir wohlbekannt war. Dann zog ich mein Pferd durch, saß wieder auf und galoppierte, bis ich auf die Heeresstraße kam. Im Trab ritt ich weiter, und als der Morgen graute, kam ich in C*** an.

Das ist die wahrheitsgetreue Geschichte meines ersten Liebesabenteuers und meines ersten Duells.


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