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IX.

Lieber Silvio, es ist so: ich liebe einen Mann. Lange habe ich mich gegen diese Erkenntnis gesträubt. Ich gab den Gefühlen, die ich empfinde, einen andern Namen, kleidete sie in das Gewand reiner harmloser Freundschaft. Ich glaubte, es sei nichts als die Bewunderung, die ich für alle schönen Menschen und Dinge hege. Tagelang trieb ich mich auf dem verlockenden Irrpfade herum, der jede keimende Leidenschaft umgibt. Nun sehe ich mit Schrecken, wohin ich geraten bin. Ich kann es mir nicht verhehlen. Ich habe mich streng geprüft, habe kaltblütig alle Umstände erwogen bis in die kleinste Kleinigkeit. Ich habe meine Seele nach allen Richtungen durchforscht mit der Genauigkeit, wie sie einem die Gewohnheit des Selbststudiums verleiht. Ich wage es vor Scham gar nicht auszudenken, geschweige denn niederzuschreiben. Aber Tatsache bleibt Tatsache. Leider! Ich schwärme für Theodor nicht mit den Gefühlen der Freundschaft, sondern der Liebe. Jawohl, der Liebe!

Du, lieber Freund, mein guter einziger Gefährte, Du hast mir ähnliche Gefühle niemals eingeflößt, und doch: wenn es auf Erden wahre Freundschaft gibt, wenn verschiedene Seelen je einander voll verstehen können, so ist es unsere Freundschaft, so sind es unsre beiden Seelen! Was ich für den jungen Mann empfinde, ist mir unverständlich. Nie hat mich ein Weib so seltsam erregt. Seine helle Silberstimme macht mich nervös und verwirrt mich in der eigentümlichsten Weise. Meine Seele hängt an seinen Lippen und dürstet nach seinen Worten wie die Biene nach dem Seim der Blüten. Ich bebe vom Kopf bis zu den Füßen, wenn ich ihn im Vorbeigehen streife. Abends beim Gutenachtsagen reicht er mir seine wundervolle samtweiche Hand, und all mein Blut drängt nach der berührten Stelle. Noch eine Stunde nachher fühle ich den leisen Druck seiner Finger.

Heute morgen habe ich ihn eine lange Zeit beobachtet, ohne daß er mich bemerkte. Ich stand hinter der Gardine und er an seinem Fenster, das dem meinen gegenüberliegt. Der Flügel des Schlosses, in dem er seine Gemächer hat, ist gegen das Ende der Regierung Heinrichs des Vierten erbaut, halb aus Ziegeln und halb aus Sandstein, nach dem Geschmacke jener Zeit. Das Fenster ist hoch und schmal und hat einen steinernen Balkon. Theodor stützte sich schwermütig auf das Geländer und war offenbar in tiefe Träumerei verloren. Großblumiger roter Damast fiel halbgerafft in schweren Falten hinter ihm bis auf den Boden und bildete einen malerischen Hintergrund. Wie war er schön! Sein braunblasses Gesicht hob sich herrlich von diesem Purpur ab. Zwei dichte dunkle glänzende Haarsträhne hingen ihm über die Wangen wie die Trauben am Haupte der Gorgone. Sein voller Hals war bloß. Er trug einen weitärmligen Morgenrock, der dem Kleid einer Frau ähnelte. In der Hand hielt er eine gelbe Tulpe, die er in unbarmherziger Träumerei zerpflückte. Die abgerissenen Blätter fielen einzeln herab. Ein Sonnenstrahl brach sich in der Fensterscheibe. Das ganze Bild bekam dadurch den warmen Goldton des Giorgione.

In seinem langen Haar, in dem der Wind leicht spielte, dem nackten Marmorhals, dem frauenhaften Gewand und seinen wunderfeinen Händen sah er durchaus nicht wie ein schöner Mann aus, vielmehr wie das allerschönste Weib. Und mein Herz jubelte: Er ist ein Weib! Sicher ist er ein Weib! Und meine närrischen Träume fielen mir wieder ein. Du kennst sie! Was ich da vor mir sah, das war die schöne Dame, ganz so wie sie mir die Vision gemalt: eine vollständige Verkörperung des Urbilds meiner Sehnsucht! Es fehlte ihr nichts: nur war es ein Mann, der da vor mir stand. Aber in diesem Augenblicke hatte ich dies vergessen.

Theodor muß ein verkleidetes Weib sein. Andres ist nicht möglich. Seine selbst für eine Frau ungewöhnliche Schönheit ist nicht die eines Mannes. Selbst Antinous kann nicht so ausgesehen haben. Zweifellos, es ist ein Weib! Beim Teufel, ich bin ein Narr, daß ich mich so quäle! Auf diese Weise erklärt sich alles auf das natürlichste, und ich bin gar nicht so ungeheuerlich, wie ich das glauben mußte. Ach, wenn es so wäre! O Schönheit, wir Männer sind dazu erschaffen, dich zu lieben und kniend zu verehren, wenn wir dich finden, und dich ewig in der ganzen Welt zu suchen, wenn uns jenes Glück nicht zuteil wird. Selbst aber schön zu sein, das vermögen nur Engel und Frauen. Wir Liebenden, wir Dichter, Maler und Bildhauer, wir versuchen dir einen Altar zu errichten. Der Liebende in seiner Geliebten. Der Dichter in seinem Lied. Der Maler auf seiner Leinwand. Der Bildhauer in seinem Marmor. Mehr vermögen wir nicht. Männern ist die Schönheit nicht Eigentum, sondern Augenweide.

Ich kannte einmal einen jungen Mann, der den Leib besaß, den ich selber haben sollte. Er war genau so geformt, wie ich mir mich wünschte. Wo ich häßlich bin, da war er schön. Neben ihm erschien ich wie der mißratene erste Entwurf zu ihm. Er war so groß wie ich, aber schlanker und kräftiger. Seine Gestalt ähnelte meiner, hatte aber etwas Elegantes und Vornehmes, das mir fehlt. Seine Augen waren wie meine gefärbt, besaßen aber einen Schimmer und ein Feuer, die meine niemals haben. Seine Nase war wie meine gebildet, aber vom Meißel eines geschickten Bildhauers verfeinert. Seine Nüstern waren weiter und leidenschaftlicher, die Flügel kräftiger modelliert. Es lag etwas Großartiges darin, das diesem Teile meines Körpers vollständig abgeht. Ich beobachtete ihn, wie er ging und stand und sich vor den Damen verneigte, sich setzte und legte. Alles mit der vollendeten Anmut, die schönem Gleichmaß entfließt. Bisweilen überfielen mich Todtraurigkeit und wahnsinnige Eifersucht. Wenn die Frauen ihn und sein Wesen rühmten, hätte ich ausrufen mögen: Wie töricht seid ihr! Preist mich doch, denn dieser Herr ist ein Plagiat und ich bin das Original!

Die sonderbaren Liebschaften, von denen die Oden der antiken Dichter so viel berichten, erscheinen uns Fremdlingen jener Welt unverständlich, aber sie spiegeln wahre Dinge und für ihre Zeit nichts Ungeheuerliches. Wenn wir in der Schule diese Lieder übersetzten, so lasen wir an Stelle der männlichen Namen darin die Namen unsrer Angebeteten. Aus schönen Knaben wurden hübsche Mädchen. Auf diese Weise wandelten wir den Harem des Katull, Tibull, Properz und Vergil um. Das war eine spaßige Beschäftigung, zugleich der Beweis, daß wir vom Geiste der Antike keine blasse Ahnung hatten.

Ich bin ein Mann aus dem Zeitalter Homers. Die Welt, in der ich leben muß, ist nicht nach meinem Sinn. Ich verstehe die christliche Kultur nicht. Für mich ist Christus nicht in die Welt gekommen. Ich bin ein Heide vom Schlage des Alkibiades und des Myron. Ich pilgre nicht nach Golgatha und pflücke keine Passionsblumen. Das Blut des Gekreuzigten, das die Welt mit einem roten Bande zusammenhält, ist meinethalben nicht geflossen. Ich lehne den Heiland ab. Mein rebellischer Leib sträubt sich, die Hegemonie des Geistes anzuerkennen. Mein Fleisch läßt sich nicht ans Kreuz schlagen. Ich finde die Erde genau so schön wie den Himmel, und ich halte die körperliche Schönheit für die höchste Tugend. Vergeistigung ist nicht mein Fall. Ein Standbild ist mir lieber als ein Gebet, heller heißer Mittag lieber als trübe kalte Dämmerung. Drei Dinge mag ich gern: Gold, Marmor und Purpur – Glanz, Festigkeit und Farbe. Mit ihnen vermählen sich meine Träume. Das sind die Grundstoffe meiner Ideale.

Zuweilen habe ich noch andre Träume. Ich schaue lange Züge ungezäumter und ungesattelter schneeweißer Rosse, auf denen schöne nackte Jünglinge sitzen. Auf dunkelblauem Grunde ziehen sie vorbei wie auf den Friesen des Parthenon. Oder Gruppen junger Mädchen mit Stirnbändern und faltigen Tuniken und elfenbeinernen Musikinstrumenten, die um eine ungeheure Vase tanzen. Nebel und Dunst gibt es da nicht, nichts Ungewisses oder Verschwommenes. Mein Himmel kennt kein Dämmergrau, nur gewaltige haarscharf umrissene weiße Wolken gleich Marmorstücken, von einer Jupiterstatue abgebrochen. Berge mit schroffen Gipfeln und wilden Klüften darunter. Auf der höchsten Spitze thront die Sonne und öffnet weit ihr gelbes Löwenauge mit goldenen Wimpern. Heimchen zirpen. Getreide knistert. Besiegt und matt vor Hitze duckt sich der Schatten am Fuße der Bäume zusammen. Alles strahlt, alles leuchtet, alles glänzt. Jedwede Kleinigkeit erlangt feste Form und spreizt sich keck. Alle Dinge nehmen klare Gestalt und satte Farben an. Es ist kein Platz für die erdenlose Schwärmerei der christlichen Kunst.

Das ist meine Welt!

In meinen Landschaften quellen starke Bäche aus porphyrnen Becken. Im grünen klingenden Schilf, wie es am Eurotas wächst, leuchtet die runde Hüfte einer silberschuppigen Nixe mit wassergrünem Haar. Diana, ihren Köcher auf dem Rücken, mit wehendem Schleier, in Sandalen mit Kreuzbändern, schreitet durch den dunklen Eichenwald. Hinter ihr die Meute und Nymphen mit wohlklingenden Namen.

Meine Visionen sind in vier Farben gemalt wie die Bilder der frühen Meister. Oft sind es farbige Halbreliefs. Ich berühre gern mit den Händen, was ich sehe, und betaste die Rundungen bis in die Winkel. Ich liebe es, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, und gehe mit einem Licht in der Hand rund um sie herum.

Die Frauen schaue ich im Geiste der Antike. Sie sind für mich mehr oder weniger gelungene plastische Schöpfungen. Ich schaue: Wie ist der Arm? – Ganz leidlich! – Die Hände? – Herrliche Linien! – Und der Fuß? – Der Knöchel könnte feiner sein. Die Ferse ist plump. Aber der Busen ist gut angesetzt und schön in der Form. Diese Schlangenlinie da ist wellenweich! Die Schultern sind voll und von Eigenart. Dies Weib ist in vielen Stücken wert, nachgebildet zu werden! Man kann sie zur Geliebten nehmen!

So bin ich immer gewesen! Ich betrachte das Weib mit den Augen des Bildhauers, nicht als Liebender im gewöhnlichen Sinne. Mir gilt die Form mehr denn der Inhalt. Ich glaube, wenn ich die Büchse der Pandora in die Hände bekäme, ich würde sie nicht öffnen.

Nach der Art der Alten sehe ich im Weibe eine zu unsrer Sinnenlust geschaffene Sklavin. In meinen Augen hat das Christentum die Frau nicht erhöht. Für mich ist und bleibt sie ein uns unterlegenes Wesen, von ganz andrer Art denn wir Männer. Ein schönes Spielzeug. Wir verklären das Weib durch unsre Phantasie, beten es dann an und genießen es.

Man wird mich beschuldigen, ich sei ein Frauenverächter. Im Gegenteil! Schätze ich sie nicht außerordentlich hoch ein?

Eines verstehe ich nicht. Warum liegt den Frauen so viel daran, den Männern gleich geachtet zu werden? Ich begreife nicht, wie ein Weib als Mann behandelt sein möchte? Die Frauenemanzipation geht über meinen Verstand. Wenn ich mit im Trienter Konzil gesessen hätte, wo man bekanntlich die wichtige Frage erörtert hat, ob die Frau dem Manne gleich sei, ich hätte ablehnend gestimmt. Ich besitze Liebesgedichte von mir. Wenigstens sollten es einmal welche sein. Dieser Tage habe ich etliche davon wieder gelesen. Ich muß sagen, die modernen Liebesmotive fehlen diesen Versen vollständig. Hätten sie die Form der lateinischen oder griechischen Hymnen, so könnte man sie für Erzeugnisse eines Dilettanten der nachklassischen Antike halten. Ich wundre mich jetzt, daß die Frauen, die sie damals erhalten haben, darüber entzückt und nicht ernstlich erzürnt gewesen sind. Allerdings, Frauen verstehen von Dichtung und Kunst nichts. Und zwar mit Recht. Sie sind Instrumente, aber nicht Melodien. Eine Violine versteht auch nichts von der Kantilene, die ich ihr entlocke.

Seit Christi Zeit ist nicht ein einziges männliches Marmor- oder Erzbild entstanden, in welchem Mannesschönheit verklärt worden wäre wie weiland von den antiken Meistern. Das Weib ist das Sinnbild physischer und psychischer Schönheit geworden. Der Mann war mit dem Tage abgetan, da das Kind zu Bethlehem geboren ward. Seitdem ist das Weib die Königin der Schöpfung. Die Sterne reihen sich als Krone um ihr Haupt. Die Mondsichel ist beglückt, sich unter ihre Füße legen zu dürfen. Die Sonne gibt ihr lauterstes Gold, um ihr Geschmeide zu schaffen. Wenn die Maler den Engeln schmeicheln wollen, verleihen sie ihnen Mädchengesichter.

Vor den Tagen des liebenswürdigen sanften Gleichniserzählers war das anders. Da wurden die Götter und Helden, die verführerisch aussehen sollten, nicht verweiblicht. Sie behielten ihren kräftigen und doch feingliedrigen Typ, aber sie blieben immer männlich, wie weich die Linien auch waren, wie glatt, muskel- und aderlos der Künstler auch ihre göttlichen Formen schuf. Die andersartige Schönheit des Weibes ging vom nämlichen Grundtyp aus. Nur machte man die Schultern abfallender, die Hüften schlanker, die Brüste vorspringender, Arme und Schenkel stattlicher. Zwischen Paris und Helena besteht kaum ein Unterschied. Und so ward Hermaphrodit eine vielgeliebte Erscheinung des heidnischen Himmels.

Der Sohn des Hermes und der Aphrodite ist eine der köstlichsten Schöpfungen der Antike. Man kann sich nichts Entzückenderes denken als diese vollkommen zu einem verschmolzenen zwei Körper, als diese beiden so ähnlichen und doch so verschiedenen Schönheiten, die nun eine – beide überragende – bilden. Sie gleichen sich aus und bringen sich gegenseitig zur Geltung. Kann es für einen fanatischen Bewunderer der Form eine reizendere Ungewißheit geben als die, die ihn beim Anblick dieses Rückens, dieser Lenden befällt, dieser feinlinigen, doch so kräftigvollen Beine? Man weiß nicht: soll man sie dem Gott mit dem beflügelten Schritt zuteilen oder der Diana, die dem Bad entsteigt. Der Rumpf ist die wunderlichste und wundervollste Vermengung. Auf der breiten Brust eines Jünglings rundet sich der anmutige Busen einer Jungfrau. Unter den weiblich weichen vollen Flanken ahnt man männliche Rippen und derbe Muskeln. Der Leib ist für eine Frau ein wenig zu flach, für einen Mann ein wenig zu rund. In der ganzen Körperhaltung liegt etwas Unbestimmtes, Unbegreifliches, Unsagbares, das einen eigenartigen Reiz ausübt. Theodor ist ein ausgezeichnetes Vorbild für jene Art Schönheit. Ich finde aber: das Weibliche hat bei ihm die Oberhand.

Eins ist höchst merkwürdig. Ich denke beinahe nie mehr an sein Geschlecht, sondern liebe ihn, als ob es sein müßte. Zuweilen versuche ich mir einzureden, daß diese Liebe krankhaft sei, und nehme mich selbst streng ins Gebet. Es ist aber nur Lippensache. Ich bin nicht überzeugt davon. Diese Liebe ist mir etwas Selbstverständliches. Jedem andern an meiner Stelle ginge es gewiß ebenso.

Ich sehe Theodor. Ich höre ihn sprechen und singen. Er singt wundervoll. Ich finde unsäglichen Genuß daran. Er macht mir dermaßen sehr den Eindruck einer Frau, daß ich ihn eines Tages im Eifer der Plauderei Gnädige Frau genannt habe; worauf er, so dünkte es mich, etwas gezwungen lachte.

Welche Beweggründe, sich zu verkleiden, hätte er nun aber, wenn er eine Frau wäre? Ich vermag mir dies durchaus nicht zu erklären. Daß sich ein bildschöner bartloser junger Kavalier als Weib verkleidet, wäre mir eher verständlich. Es öffnen sich ihm damit tausend Türen, die ihm sonst hartnäckig verschlossen blieben, und der Mummenschanz führt ihn unter Umständen in endlose ergötzliche Abenteuer. Auf diese Weise kann man zur noch so streng bewachten Geliebten dringen oder mit Hilfe der Überraschung Frauengunst erzwingen. Ich vermag mir aber nicht vorzustellen, welchen Vorteil es einem jungen schönen weiblichen Wesen bringen soll, in Männertracht aufzutreten. Eine Frau kann dabei nur verlieren. Sie darf niemals darauf verzichten, verehrt, verherrlicht, angebetet zu werden. Sie täte dann besser, auf das Leben überhaupt zu verzichten. Denn was ist ein Frauenleben ohne all das? Nichts. Lieber sterben als dies verlieren! Ich wundere mich immer, daß sich altgewordene oder blatternarbige Frauen nicht von der Kirchturmspitze herunterstürzen!

Trotz allem ruft mir eine Stimme zu, lauter und stärker als alle Vernunftgründe, daß Theodor eine Frau sein müsse, und zwar das Weib, das ich erträumt, das ich einzig liebe, von dem allein ich geliebt werden soll. Ja, sie ist es, die Göttin mit dem stolzen Blick und den königlichen Händen, die mir von ihrem Wolkenthron herab gütig zulächelte. Sie ist verkleidet vor mich hingetreten, um mich zu prüfen, um zu erforschen, ob ich sie wohl erkenne, ob mein liebendes Auge ihre Hülle durchdringen wird. So geschieht es in den Märchen, wo die Feen zuerst als Bettlerinnen erscheinen und dann plötzlich in gold- und edelsteinblitzenden Gewändern vor einem stehen.

Ich habe dich erkannt, Geliebteste!

Vom ersten Anblick an. Nun lebe ich erst. Bis jetzt war ich tot. Das Leichentuch ist von mir gefallen. Ich strecke meine mageren Hände aus dem Grabe und hebe sie zur Sonne. Die graue Farbe ist von mir gewichen. Das Blut rast durch meine Adern. Die unheimliche Stille, die mich umgab, ist endlich gebrochen. Das dichte schwarze Gewölke über meinem Haupt ist in der Sonne zerstoben. Tausend geheimnisvolle Stimmen flüstern mir ins Ohr. Heitere Sterne funkeln über mir und besäen meinen Weg mit Goldflittern. Die Margeriten kichern mir zu, und die Glockenblumen flüstern meinen Namen. Tausend Dinge, die ich nicht verstand, begreife ich jetzt. Ich entdecke wundersame Sympathien und Wahlverwandtschaften. Ich vernehme die Sprache der Rosen und Nachtigallen, und spielend lese ich das Buch, das ich vorher nicht enträtseln konnte. Ich finde in einem ehrwürdigen mit Misteln und Efeu umwucherten alten Eichbaum einen Freund. Und das zarte schmachtende Immergrün mit den tränenvollen blauen Augen gesteht mir seine seit langem verhaltene stille Zuneigung. Die Liebe öffnete mir die Augen. Die Liebe zeigte mir der Rätsel Lösung. Die Liebe trat in die Gruft, wo meine Seele tatenlos und stumpf trauerte. Sie nahm sie bei der Hand und führte sie die schmale steile Treppe hinauf und hinaus ins Freie. Alle Tore des Gefängnisses sprangen auf, und zum ersten Male stieg die arme Psyche aus mir empor, aus ihrem Kerker.

Ich lebe ein neues Leben. Ich bin neu geboren. Vor diesem Glückstage glich ich jenen trostlosen japanischen Götzen, die unablässig ihren Leib betrachten. Ich war mein eigner Zuschauer, das Publikum bei der Komödie, die ich selber aufführte. Ich sah mich leben und horchte auf das Pochen meines Herzens wie auf die Schläge einer Uhr. Das war alles. Der Außenwelt Bilder verflossen auf meiner Netzhaut. Und ihre Klänge verhallten in der Muschel meiner unaufmerksamen Ohren. Nichts von draußen gelangte bis in meine Seele. Ich wollte von den Menschen nichts wissen. Ich zweifelte am Dasein der andern und war nicht einmal meiner eigenen Existenz ganz sicher. Mich dünkte, ich sei allein im Weltall. Alles andere sei Rauch, Schall, eitle Einbildung, flüchtiger Schein, bestimmt, das Nichts zu bevölkern. Welcher Unterschied mit meinem jetzigen Zustande!

Wenn mich nun aber mein Vorgefühl täuschte, wenn Theodor wirklich ein Mann wäre, wie alle glauben? Jugend täuscht viel vor. Ich will nicht daran denken. Ich verlöre den Verstand. Das Samenkorn, das auf mein steinigt Herz gefallen, hat schon tausend Wurzeln geschlagen. Unmöglich kann ich es wieder herausreißen. Es ward zum Baum, der längst grünt und blüht. Und erführe ich mit tödlicher Gewißheit, daß Theodor kein Weib, – ich müßte ihn lieben trotz alledem!


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