Autorenseite

 << zurück weiter >> 

III.

Ich bin der erklärte Liebhaber der Dame in Rosa. Das ist eine Beschäftigung, ein Beruf; etwas, das einem in der Gesellschaft Ansehen verleiht. Seitdem mein Erfolg ruchbar geworden, begegnet man mir mit merkbar größerer Hochschätzung. Die Damen plaudern neidisch-kokett mit mir und geben sich dabei auffällig Mühe. Die Herren hingegen behandeln mich kühl. In den paar Worten, die sie mit mir wechseln, liegt so etwas wie Zurückhaltung, ja Feindseligkeit. Sie wittern in mir den Nebenbuhler, den gefährlichen Gegner, der unter Umständen noch gefährlicher werden könnte. Man bekrittelt meine Art, mich zu kleiden. Ich zöge mich weibisch an, meint man. Ich sei ein Komödiant. Der Schnitt meines Haares sei gesucht. Mein bartloses Gesicht wirke manieriert. Der Stoff meiner Anzüge sei protzig. Damit bemänteln sie ihre eigenen miserabel sitzenden Röcke und ihre Unsoigniertheit.

Alles das ist mir jedoch höchst gleichgültig. Die Damen finden, ich sei sehr adrett und hätte einen exquisiten Geschmack. Damit entschädigen sie mir die Unkosten, die ich mir ihretwegen mache. Denn so naiv ist schließlich keine, daß sie glaubt, meine Eleganz habe keinen weiteren Zweck als mein liebes Ich wunschlos zu verschönern.

Die Dame des Hauses war zunächst sichtlich pikiert über meine Wahl, die selbstverständlich auf sie hätte fallen sollen. Ein paar Tage lang war sie ziemlich bissig, das heißt gegen ihre Rivalin. Gegen mich blieb sie immer nett. Ihre Ärgerlichkeit äußerte sich z. B. in der Anrede: »Verehrteste!« Das klang eigentümlich hart und lieblos. Nur Frauen verstehen sich auf solche Sprachmittel. Einmal sagte sie: »Sie haben recht umrandete Augen. Überhaupt, ich finde Sie völlig verändert!« Ein andermal: »Ihr Kleid sitzt unter den Ärmeln schlecht. Sie haben wohl einen neuen Schneider?« Auf dergleichen Sticheleien verfehlte die andere nicht, sich mit der allerschönsten Bosheit zu revanchieren, wo sich die Gelegenheit bot und nicht bot. Sie zahlte mit Zinsen heim. Indessen nahmen irgendwelche neue Ereignisse die Aufmerksamkeit der verschmähten Hausherrin sehr bald in Anspruch. Der kleine Damenkrieg war beendet, und alles kehrte in seine alte Ordnung zurück.

Wie gesagt: ich bin der Favorit der Dame in Rosa. Aber dies wird einem Manne von Deiner Gründlichkeit nicht genügen. Zweifellos wirst Du zuvörderst wissen wollen, wie meine Schöne heißt. Den richtigen Namen möchte ich diesen Blättern nicht anvertrauen, aber wenn es Dir recht ist, nennen wir sie in Erinnerung an die Farbe des Kleides, in dem ich sie Dir vorgestellt habe: Rosette. Das ist ein hübscher Name. Weiterhin wirst Du, gewissenhaft wie Du in derlei Dingen bist, die Geschichte unserer Liebelei genauestens von Punkt zu Punkt kennen wollen. Diesem Verlangen, lieber Silvio, will ich mit dem größten Vergnügen nachkommen.

Es gibt nichts Düsteres in diesem Roman; er ist rosenfarbig, und wenn Tränen drin vorkommen, so sind es nur Tränen der Lust. Er hat keine Längen und Wiederholungen, und alles geht in ihm seinen Gang, munter und behend, wie dies in einem echt französischen Roman so sein muß.

Rosette, wie wir sie also nennen, ist eine sehr kluge Frau. Vor allem weiß sie den Mann wunderbar zu nehmen. Den ersten Sündenfall zog sie eine gute Weile hinaus, ohne daß ich es ihr übelgenommen hätte. Das muß ich besonders bemerken. Sonst gerate ich nämlich in Wut, wenn ich einen Wunsch nicht gleich erfüllt bekomme. Ich liebe es gar nicht, wenn eine Frau die übliche Zeit überschreitet, die man ihr bis zur Kapitulation gewährt.

Wie das Rosette eigentlich fertiggebracht hat, ist mir selber nicht klar. Vom ersten Augenblick unserer Bekanntschaft an hat sie mir zu verstehen gegeben, daß sie die Meine werden würde. Des war ich denn so sicher, als ob sie mir es mit Brief und Siegel versprochen hätte. Nicht etwa, weil sie in Wort und Wesen zweideutig gewesen wäre. Nein, das ist sie bei aller Ungebundenheit nie.

Im allgemeinen bin ich gegen Frauen, die ich begehre, viel weniger liebenswürdig als gegen die, die mir gleichgültig sind. Schuld daran ist die leidenschaftliche Erwartung der guten Gelegenheit und die Ungewißheit, ob mir der geplante Sturm gelingen wird. Infolgedessen bin ich versonnen und verliere mich in Träumereien. Dadurch verringern sich Geistesgegenwart, Selbstbewußtsein und Verstand. Wenn mir Stunden, die ich mir ganz anders gedacht habe, eine nach der andern verrinnen, dann packt mich unbeschreiblicher Zorn. Ich rede häßliche und bittre Worte, ich werde heftig und rücksichtslos, und ich entferne mich damit hundert Meilen von meinem Ziele.

Rosette gegenüber ist das nicht so gewesen. Die Empfindung, sie widerstrebe meiner Verliebtheit, habe ich selbst bei ihrer Abwehr und ihrem Zögern nicht gehabt. Mit Gemütsruhe habe ich mir ihre kleinen Koketterien angeschaut. Geduldig hab ichs ertragen, wenn ich wieder ein paar Tage länger zu warten hatte. Es lag etwas Sonniges in ihrem Widerstand, das mich tröstete. Aus all ihrer Grausamkeit lachte Menschenliebe.

Rosette ist die erste Frau, bei der ich wirklich ich selber bin. So geschmacklos es klingen mag: ich habe mich noch niemals so wohl gefühlt. Ich bin ungewöhnlich lustig und munter, angeregt durch ihre lebhafte und natürliche Art. Im Grunde bin ich eine elegische Natur, aber in Rosettens Gegenwart zeigt sich dies nicht. Nicht etwa, weil sie – wie mein Freund C*** behauptet – poesielos, das heißt gemütlos wäre. Nein. Aber sie ist so voll Leben, Kraft und Bewegung, sie wandelt so schön sicher über die Erde, daß man gar keine Lust verspürt, Himmelfahrten zu unternehmen. Man lebt mit ihr behaglich und froh wie in einem leichten Traume.

Seit zwei Monaten kenne ich sie nun bereits, und ich habe mich nur in den Stunden gelangweilt, in denen ich nicht bei ihr war. Ehedem war es gerade anders. Die Frauen gefielen mir aus der Ferne besser als in der Nähe.

Rosette ist das gutmütigste Geschöpf, das man sich denken kann, selbstverständlich den Männern gegenüber. Gegen ihresgleichen ist sie eine Teufelin. Sie ist allezeit vergnügt, behend und zu allem bereit, und in ihrer Ausdrucksweise durchaus eigenartig. Ihre überraschenden kleinen Schelmereien sind unerschöpflich. Mit einem Worte, sie ist kein Durchschnittsweibchen, mehr Kamerad und Gefährte denn Geliebte. Wenn ich ein paar Jahre älter und kein so maßloser Romantiker wäre, würde ich mich vielleicht für den Glücklichsten aller Sterblichen halten. Aber so …

Ich bin ein Narr! Nie zufrieden! Niemals wirklich wunschlos und niemals ganz glücklich … Ein halbes Glück? Darf ein Mensch denn mehr begehren? Eigentlich sollte das genug sein.

Die andern Männer beneiden mich um Rosette. Mein Wunsch, eine Geliebte zu haben, ist also allem Anscheine nach in Erfüllung gegangen. Und dennoch ist mir im Grunde nicht so zumute. Wenn ich mich frage, ob ich eine Geliebte habe, so antwortet wohl mein Verstand Ja, mein Herz aber Nein! Gegen die allgemeine Meinung, ich hätte das, was man von uraltersher eine Geliebte nennt, hege ich selber die sonderbarsten Zweifel.

Man könnte hieraus schließen, ich liebte Rosette nicht oder sie mißfiele mir in manchem. Das ist aber keinesfalls so. Im Gegenteil. Ich habe sie sehr gern und finde, sie ist ein entzückendes kapriziöses Geschöpf. Nur habe ich nicht das Gefühl, sie wirklich zu besitzen. Das ists! Dabei hat mir noch kein Weib so viel Vergnügen bereitet. Wenn ich je erfahren habe, was Wollust ist, so war es in Rosettens Armen. Wie stimmt das alles zusammen? Gibt es darauf keine andere Antwort als immer nur: des Menschen Herz ist voller Widerspruch?

Ich habe Rosette Tag um Tag und Nacht um Nacht. Ich brauche nur zu wollen. Ich genieße sie in allen Arten der Liebkosung, wie es mich gerade gelüstet. Nackt oder in Kleidern, im Haus oder im Freien. Sie ist von unverdrossener Gefälligkeit und fügt sich allen meinen Launen, so bizarr sie mitunter sein mögen. Eines abends kam mir ein toller Einfall. Ich spürte Lust, sie im Salon zu besitzen, der zum Empfang von Gästen festlich geschmückt war. Alle Kerzen brannten. Im Kamine glühten die Klötze. Rosette war in großer, sehr kostbarer Toilette; Rosen, Perlen und Brillanten angetan. In ihrem Haar nickten die prächtigsten Federn.

Die verdutzte Dienerschaft bekam Befehl, niemanden vorzulassen. Wahrscheinlich hielt man uns für übergeschnappt. Wir lachten. Was ging uns das an?

Ich war im Gesellschaftsrock, den Federhut unterm Arm, den silbernen Salondegen an der Seite, mein Malteserkreuz am Halse. Ich ging auf meine Dame zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung wie vor einer Prinzessin. Dann nahm ich neben ihr Platz und machte ihr nach allen Regeln des guten Tones den Hof, das heißt ich redete Blödsinn und raspelte Süßholz. Sogar die Verse irgendeines albernen Pathetikers trug ich ihr vor. Kurzum, ich spielte den artigen Zeitgenossen.

Meine Göttin sah aber so allerliebst aus und benahm sich so anbetungswürdig, daß mir diese Rolle bald langweilig ward. Ich gab Rosette einfach einen Kuß. Und nun erging es der schönen Balltoilette schlecht. Die Schultern befreiten sich ihrer Hülle, der Busen entrann dem Mieder, die Füße verließen ihre Lackschuhe, die Beine hüpften aus den Strümpfen. Noch niemals ist ein funkelnagelneues Kleid so mitleidslos zerzaust worden. Es war aus Silbergaze über weißer Seide mit brabanter Spitzen. Rosette legte bei dieser Gelegenheit einen Heldensinn an den Tag, der an einer Frau höchst ungewöhnlich ist. Ich habe das bewundert. Sie sah der Zerstörung mit großartigem Gleichmut zu. Lustig und ausgelassen half sie, wenn sich etwas nicht rasch genug lösen wollte. Das war wirklich Heroismus! Eine Frau kann ihrem Geliebten keinen trefflicheren Beweis ihrer Liebe geben, als wenn sie in einer derartigen Situation gutlaunig darauf verzichtet zu rufen: »Zerknülle mir doch mein Kleid nicht!« Zumal wenn das Kleid neu und kostbar ist. Nebenbei bemerkt: nichts schützt die eheliche Treue einer Frau mehr als ein neues Kleid. Rosette muß mich also entweder ungeheuer lieben oder sie ist eine Lebenskünstlerin ohnegleichen …

Meine Verliebtheit ward Raserei, Verzücktheit. Ich hätte es nicht geglaubt, daß sich der Sinnengenuß derartig steigern kann. Rosette küßte, lachte, zitterte, glühte. Ihre wilden und süßen Zärtlichkeiten raubten mir das klare Bewußtsein. Die Kleider und unsere Lage verhinderten eine innige Berührung, aber ich empfand tausendmal mehr Wonnen, als wenn uns nichts gehemmt hätte …

Ich mußte mich mühsam wiederfinden. Die Glieder bebten mir. Ich schwankte. Rosette ward von Sorge um mich erfüllt. Schimmernde Tränen traten ihr in die leuchtenden Augen. Sie kam mir wie eine Madonna vor. Die eben durchlebte bacchantische Szene war verweht und vergessen. Ich sank vor ihrer Schönheit und Mütterlichkeit in die Knie und küßte ihr demütig die Hände. Wie eine Fürstin ließ sie dies zu. Dies Weib mag verdorben sein, aber ihr Herz ist rein.

Ich habe den Vorfall aus hundert andern herausgegriffen. Somit darf ich wohl, ohne anmaßend zu erscheinen, behaupten: Ich bin der Geliebte einer Frau. Und doch ist es mir nicht so ums Herz. Als ich hinterher allein in meinem Heim saß, war ich wieder der selbstquälerische Gedankenmensch. Ich erinnerte mich klar und deutlich an jede Einzelheit des Erlebnisses. Ich besann mich auf jede leise Nervenschwingung. Und doch war es mir, als sei mir das alles nicht widerfahren. Mir nicht! Vielleicht einem andern! Vielleicht war es ein Traum, eine Vision, eine Fata morgana. Vielleicht hatte ich dies irgendwo einmal gelesen. Mitunter ersinne ich mir Geschichten, Szenen, Bilder. Vielleicht war es solch eine Phantasie?

Meine körperliche Erschöpfung bewies mir das Gegenteil. Mein Diener und mein unberührtes Bett bezeugten mir, daß ich die Nacht außer dem Hause verbracht hatte. Trotzdem hätte ich beschwören mögen, ich sei am Abend vorher zur gewöhnlichen Zeit zu Bett gegangen und bis in den lichten Morgen darin schlummernd verblieben.

Sonderbar! Ich kann seelisch an etwas nicht glauben, was körperlich glatt bewiesen ist. Was soll ich tun? Der Glaube ist ein Gnadengeschenk des Himmels. Ich vermag nicht einmal an die Wirklichkeit zu glauben.

Ich sehne mich unaussprechlich danach, zu leben wie die andern und mich einmal jemandem völlig anpassen zu können. Es mißglückt mir immer von neuem. Ich mag tun, was ich will: die andern Menschen sind mehr oder minder Schatten für mich. Ihr Vorhandensein macht keinen Eindruck auf mich. Gleichwohl fehlt mir durchaus nicht der Wunsch, andre Menschen kennenzulernen, an ihren Erlebnissen und Plänen teilzunehmen. Es gelingt mir nur nicht. Ich wandle unter blassen Schemen. Es dröhnt dumpf um mich. Mehr spüre ich von der Welt der anderen nicht. Ich bin allein und bleibe allein. Niemand wirkt auf mich in gutem oder schlimmem Sinne. Alle erscheinen sie mir wie von fremder Art. Rede ich mit ihnen und bekomme ich halbwegs vernünftige Antworten, so überrascht mich das genau so, als wenn urplötzlich mein Hund zu sprechen begänne und sich mit mir unterhalten wollte. Der Klang von Menschenstimmen setzt mich häufig in Erstaunen. Ich habe Augenblicke, in denen ich mich wie ein Gott dünke, und dann wieder achte ich mich nicht für mehr als den Spatz auf dem Dache oder die Schnecke im Weinberg. In keiner Gemütsverfassung, weder in der heitern noch in der trübseligen, halte ich die Menschen für meinesgleichen. Wenn ich von mir reden höre: »Der Herr Chevalier d'Albert …«, so ist es mir merkwürdig, daß ich das sein soll. Ja, mein Name kommt mir überhaupt wie etwas vor, das gar nicht zu mir gehört.

Besonders im Zusammenleben mit einer Frau habe ich immer bemerkt, daß meine Natur jede Verschmelzung und völlige Vermischung ablehnt. Ich bin wie ein Öltropfen in einem Glase Wasser. Man mag noch so stark schütteln: Wasser und Öl vermählen sich nicht. Selbst im Rausch der Sinne, so allmächtig er ist, bin ich nie bezwungen worden. Die heiße Glut, die steinerne Herzen zu Tränen wandelt, hat mein Ich noch mit keinem andern zusammengeschweißt.

Ich bin wollüstig. Aber meine Seele ist die Todfeindin meiner Sinne. Dieses unselige Paar lebt in ewiger Fehde. Es heißt, Weiberarme seien die stärkste Fessel auf Erden. Mir sind sie ein loses Band. Nie bin ich einer Geliebten ferner, als wenn sie mich an ihr Herz drückt. Ich fühle mich beengt. Ich ersticke beinahe. Das ist alles.

Oft grolle ich mir darob. Ich gebe mir die größte Mühe, nicht so zu sein. Ich versuche, zärtlich, verliebt, leidenschaftlich zu werden. Ich möchte meine Seele im Kusse verschenken. Vergeblich! Ach, welche Qual für eine Seele, der Profanation des eigenen Leibes beiwohnen zu müssen!

Ich habe mir geschworen, mit Rosette ein für allemal festzustellen, ob ich wirklich ein geborener Eremit bin. Ich habe mit mir bis zur Erschlaffung experimentiert und bin so klug als wie zuvor! Bisweilen ist meine Seele in der Leibeslust untergetaucht, die ich bei Rosette stärker als bei anderen Frauen verspürt habe. Aber nur für flüchtige Augenblicke. Alles in allem bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß die Lust über den Hautreiz nicht hinausgegangen ist. Meine Seele blieb unbeteiligt. Ich finde an Rosettens Leib Genuß, dieweil ich jung und heiß bin. Aber dieser Genuß hat seine Quelle mehr in mir als im Weibe.

Rosette ahnt – zu ihrem Glück – nichts von alledem. Sie hält mich für den verliebtesten Toren auf Gottes weiter Erde. Meine ohnmächtigen Wallungen erscheinen ihr als Leidenschaft. Sie tut alles, meine Launen zu befriedigen.

Ich habe alles versucht, mich zu überzeugen, daß ich sie wirklich besitze. Ich habe tief in ihr Herz eindringen wollen, bin aber an ihren Lippen oder an ihren Augen hängen geblieben. In der innigsten Umarmung habe ich mich nicht mit ihr eins gefühlt. Nein, dies Weib ist meine Geliebte nicht!

Umsonst hat sich meine Seele bemüht, ihren Leib zu umfassen. Ich habe meine Lippen auf Rosettens Mund gepreßt, meine Arme in ihr Haar versponnen, ihren schmiegsamen Körper um den meinen gewunden. Ich habe ihren Atem getrunken und die Tränen ihrer Wollust. Je enger ich sie an mich zog, um so weiter weg floh meine Seele. Traurig und mitleidsvoll kehrte sie sich von diesem ihr widerlichen Bacchanal ab.

Ich habe Rosette im Bade besessen, in einer Gondel bei Mondlicht und Musik, im Wagen, der über Stock und Stein eilte, bald von Laternenschein durchleuchtet, bald von Dunkel erfüllt. Ich bin nachts auf einer Leiter zu ihr ins Schlafgemach geklettert, obgleich ich den Haus- und den Türschlüssel in der Tasche hatte. Ich habe sie am hellichten Tage in meiner Wohnung umarmt. Mit einem Wort, alle Welt weiß, daß sie meine Geliebte ist, und nur ich zweifle noch daran?

Wegen all dieser Seltsamkeiten betet mich Rosette an. Sie wähnt darin eine wilde Leidenschaftlichkeit zu sehen, die sich durch nichts zügeln läßt und an jedem Ort und zu jeder Zeit die nämliche ist. Sie erblickt darin einen immer neuen Triumph ihrer Reize und ihrer Schönheit. Ich wünschte, sie hätte recht.

Einmal – es war zu Anfang unserer Liebschaft – glaubte ich zu lieben: eine Minute lang! Eine einzige Minute lang! Wäre es eine Stunde lang gewesen, so hätte ich mich als Gott gefühlt!

Wir waren auf einem gemeinsamen Spazierritt, ich auf meiner Rappenstute, sie auf einem schlankhalsigen schönen Schimmelwallach. Wir ritten eine Allee hochragender Pappeln hin. Warm und goldig flutete das Abendsonnenlicht durch die Bäume. Am saphirblauen Himmel standen zarte Zirruswolken. Gegen den Horizont zu wurde das Blau immer blasser, und ganz in den Fernen ging es in Graugrün über. Leichter Wind fächelte uns den Duft wilder Rosen her. Zuweilen flatterte ein Vogel aus den Zweigen auf und flog über den Weg hin. Von einem Dorfe her, das wir nicht sahen, drang silberner Glockenton zu uns, sanft und voller Frieden.

Unsere Pferde gingen im Schritt dicht nebeneinander. Mein Herz weitete sich, und meine Seele durchströmte meinen Körper. So glückselig war ich lange, ach lange nicht gewesen.

Ich sprach kein Wort. Auch Rosette schwieg. Und doch war zwischen uns ein stilles Einverständnis wie noch niemals. Wir waren einander so nah, daß mein linkes Knie ihr Pferd berührte.

Da neigte ich mich zu ihr und umfing ihren Leib. Sie schlang ihren rechten Arm um mich und lehnte ihren Kopf gegen meine Schulter. Unsere Lippen fanden sich zum köstlichsten Kusse …

Unsere Tiere liefen an langen Zügeln ruhig weiter. Ich fühlte, wie Rosette mehr und mehr zu mir herübersank. Auch mich überkam es wie Schwäche, und ich verlor das klare Bewußtsein.

In diesem Augenblicke vergaß ich alle meine Selbstbeobachtung. Ich dachte nicht mehr an mich. Das blieb so bis an das Ende der Allee.

Da vernahmen wir Hufschläge. Es waren Bekannte, die auf uns zugetrabt kamen und uns alsbald ansprachen. Wenn ich eine Pistole bei mir gehabt hätte, ich glaube, ich hätte sie niedergeschossen.

Ich machte ein häßliches böses Gesicht. Wahrscheinlich wird man mich sehr sonderbar gefunden haben.

Eigentlich darf ich den Leuten nicht zürnen, denn, wenn auch ahnungslos, haben sie mir einen Dienst erwiesen. Sie haben mein Glück in dem Augenblick unterbrochen, da es nahe daran war, vom Höhepunkt wieder hinab in die Banalität zu sinken. Vor diesem Schmerzgefühl ward ich bewahrt. Das Aufhören zur rechten Zeit ist eine Kunst, die wir viel zu wenig üben.

Trotz der Störung oder gerade deshalb hatte ich eine Glückseligkeit erlebt, die nicht in Ekel erstorben war. Rosettens Seele hatte mich durchflutet und mich ganz erfüllt. Nicht nur unsere Lippen, unsere Herzen hatten sich geküßt.

Vergeblich harre ich auf eine zweite Minute solchen Glücks. Erfolglos versuche ich es zur Wiederkehr zu bewegen. Ich bin mit Rosette im prächtigsten Abendsonnenrot ausgeritten. Durch die nämliche hohe Allee. Die Bäume waren genau so lichtumflutet, der Horizont war genau so blaßblau, die Vögel sangen genau so. Aber es war mir, als wären die Bäume fahl und finster, als sähe der Horizont gräßlich grau aus und als kreischten die Vögel laut und unangenehm. Die geheimnisvolle Kraft fehlte, die uns mit der Natur und miteinander vermählte.

Wiederum ritten wir Schritt und ganz wie damals suchten wir uns im Kuß. Aber ach, es waren unsere Lippen, die sich fanden, nur unsere Lippen! Nichts von der Göttlichkeit des Kusses von damals! Des einzigen wirklichen Kusses meines ganzen Lebens!

Seit jenem Tage kehre ich von unseren Spazierritten immer unsagbar trübselig wieder. Sogar Rosette, die eine frohe Natur ist, wird von meiner Melancholie ergriffen.

Nur Weinduft und blendender Kerzenglanz vermag uns unserer Schwermut zu entführen. Wir trinken beide, als müßten wir morgen sterben, Glas um Glas, in tiefem Schweigen, bis wir lachen und unsere Rührseligkeit verspotten. Wir lachen, wo wir lieber weinen sollten!

Warum war ich an jenem Abend so glückselig? Das ist schwer zu sagen. Ich war derselbe Mann, Rosette dasselbe Weib. Es war nicht das erstemal, daß wir zusammen spazieren ritten. Auch nicht zum erstenmal geschah es in der Abendsonne. Nie aber war mir das alles mehr als ein schönes, mehr oder minder leuchtendes Bild. Oft auch waren wir schon durch prächtige Kastanien- oder Ulmenalleen geritten. Worin lag also der wunderbare Zauber? Was hatte die gelben Blätter in Topase und die grünen in Smaragde verwandelt? Wer hatte uns den Herbstabend vergoldet? Perlen in das tauige Gras geworfen? Wer hatte in den Glockenklang Melodien gelegt? Wer hatte so viel Poesie in die Lüfte gemischt, daß selbst unsere Tiere sie empfanden?

Es war der erste Kuß in meinem Leben, den ich nicht als schal empfunden. Die Wirklichkeit ward meinen Träumen gleich. Werde ich je wieder ein Weib, eine Herbstsonnenlandschaft, eine goldene Abendstunde finden, die meine Sehnsucht so voll befriedigt? Noch eine solche Glücksminute und ich will in ihr sterben!

Ich liebe Rosette nicht. Und doch begehre ich keine andere mehr, seit ich sie habe. Wenn sie eifersüchtig sein wollte, so könnte sie es nur auf Traumbilder sein. Aber dergleichen bereitet ihr keine Kümmernis.

In der Tat ist meine Phantasie Rosettens ärgste Feindin. Sie weiß nur nichts davon.

Wenn die Frauen wüßten, wieviel Treulosigkeiten auch der beständigste Geliebte bei aller seiner Anbetung in Gedanken begeht! Aber wahrscheinlich sind sie selber hierin noch schlimmere Sünderinnen als wir Sünder. Denken wir nicht daran!

Wie oft gelten unsre heißesten Küsse einer andern! Wie oft liebkosen wir in einer Frauengestalt ein ganz andres Weib! Wie oft erntet eine Frau Liebe, die eine andre in uns erweckt hat!

Arme Rosette! Wie oft schenktest du deinen Leib der Sehnsucht meiner Träume! Wie oft hast du dir selbst eine Rivalin erschaffen! An wieviel Treubrüchen trägst du unfreiwillig die Schuld!

Du hast niemals geahnt, daß gerade dann, wenn meine Arme dich am inbrünstigsten umfingen, wenn mein Mund sich am glühendsten auf deine Lippen preßte, daß mir gerade dann deine Liebe und deine Schönheit am wenigsten wert waren! Daß ich dir in solchen Momenten himmelweit fern war! Wenn dir jemand verraten hätte, daß meine vor Liebesweh matten Augen sich verschlossen, um deinem Anblick zu entgehen, weil er mir das Traumglück zerstört hätte, dem du die Körperlichkeit verliehst! Nicht mein geliebtes Weib warst du, sondern ein Mittel zu visionärer Lust!

In Rosettens Armen habt ihr mich beseligt, ihr himmlischen Madonnen mit euern lavendelblauen Augen und euern reinen Lilienhänden, herabgestiegen zu mir aus dem Goldgrund altdeutscher Meister! Ihr süßen Heiligen aus glühenden Kirchenfenstern, ihr frommen Märtyrerinnen mit eurem holden Lächeln unter flammenden Blumen! Ihr wunderschönen nackten Kurtisanen auf euren rosenbestreuten Purpurdecken, mit eurem Goldgeschmeide und euren Perlenketten, mit euern Fächern und euern Spiegeln, in denen das Abendgold flackert! Ihr braunen Schönheiten Tizians, die ihr eure üppigen Hüften und festen Schenkel, eure blanken Leiber und geilen Lenden zur Schau spreizt! Ihr antiken Göttinnen, deren Marmorbilder im Schatten unsrer Gärten leuchten! Alle, alle wart ihr mein! Euch alle habe ich besessen! Heilige Ursula, deine Hände hab ich geküßt! In Kleopatras schwarzem Haar hab ich gewühlt …

Schöne Frauen, wenn euer Geliebter zärtlicher denn gewöhnlich ist, wenn er euch ungestümer denn sonst in seine Arme schließt, wenn er sein Haupt in euren Schoß vergräbt und euch dann irren schimmernden Auges anschaut, wenn der Genuß seine Glut noch vermehrt, wenn er eure Worte durch Küsse erstickt, als fürchte er sich davor, sie zu hören: dann seid sicher, daß er kaum weiß, ob ihr da seid oder nicht! In solchen Augenblicken ist er bei einer himmlischen Geliebten, die er in euch zu besitzen wähnt.

Milliarden irdischer Frauen haben Liebe gestillt, die Göttinnen galt. Phantasten können ein Menschenalter zusammen mit einem Weibe gelebt haben, ohne daß sie wußten, wie sie eigentlich aussah. Das ist der Schlüssel zum Geheimnisse der aller Welt unverständlichen Liebschaften gewisser großer und genialer Männer zu unbedeutenden oder obskuren Frauen. Sie hatten ihr Traumbild nicht gefunden. Wozu sollten sie in ihrer Resignation unter den andern erst lange suchen?


 << zurück weiter >>