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IV.

Fünf Monate sind es nun her, daß ich Rosettens Seladon bin. Fünf Monate! Ich könnte ebensogut schreiben: fünf Ewigkeiten. Das ist beinahe ein Wunder. Ich hätte mich nicht für so beständig gehalten. Und sie mich wohl auch nicht. Wir leben wie ein Paar Turteltauben, im zärtlichsten Beieinander, bei ewigem Küssen und Kosen. Es gibt nichts Rührenderes auf Erden. Wir sind ein Herz und eine Seele.

Fünf Monate Gemeinschaft im vollsten Sinne des Wortes! Denn wir waren alle Tage zusammen und fast alle Nächte. Die Tür war für jeden andern Menschen verschlossen. Wer dies liest, den wird es gruseln, wenn er sich das nur vorstellt. Aber zum Ruhme meiner unvergleichlichen Rosette sei es gesagt: ich habe mich nicht groß gelangweilt, und ich glaube, diese fünf Monate werden mir in der Erinnerung die schönsten Tage meines Lebens bedeuten. Ich habe es früher für unmöglich gehalten, daß ein Mann in der bloßen Sinnenliebe in amüsanter Weise immer wieder von neuem gefesselt werden könnte. Es gibt gewiß nichts für den höheren Menschen, was so öde und leer ist wie sogenannte Flitterwochen.

Man kann sich schwer einen Begriff machen, was für Quellen in dieser Frau verborgen sind. In der ersten Zeit strömten die ihres Witzes, nun die ihres Herzens. Sie liebt mich abgöttisch, und sie ist eine Künstlerin, wenn es sie danach gelüstet, den winzigsten Funken zu einem wilden Brande zu entfachen. Das versteht sie meisterlich. Die feinsten Regungen der Seele weiß sie geschickt zu erfassen. Langweile wandelt sie in süße Schwärmerei. Wenn sie merkt, daß ich an ferne Dinge denke, weiß sie meine Sinne auf einem Umwege wieder zu sich zurückzulocken. Das ist erstaunlich! Hierin ist Rosette ein bewundernswürdiges Genie.

Manchmal komme ich zu ihr sehr mürrisch und mißgestimmt, geradezu streitsüchtig. Ich weiß nicht, wie es diese Zauberin zuwege bringt, aber nach ein paar Augenblicken hat sie mich dermaßen verhext, daß ich ihr Liebenswürdigkeiten sage, obgleich ich auch nicht die leiseste Lust dazu mitgebracht hatte. Ich küsse ihr die Hände und lache wirklich herzlich. Und eben war ich noch der bärbeißigste Isegrim! Wie schon gesagt, das ist eine erstaunliche Meisterschaft.

Aber trotzdem kann dieses Turteltaubenidyll nicht so weiter bestehen. In den letzten vierzehn Tagen ist es mir mehrere Male passiert – früher niemals! –, daß ich beim Plaudern mit Rosette eins der Bücher, die gerade auf dem Tische lagen, ergriffen und ein paar Zeilen drin gelesen habe. Rosette hat es bemerkt, und es ist ihr kaum gelungen, ihren Schreck darüber zu verbergen. Daraufhin hat sie alle Bücher aus ihrem Zimmer entfernen lassen. Bedauerlicherweise! Aber ich wage es nicht, Einspruch zu erheben.

Kürzlich bekam Rosette Besuch. Ehedem hätte mich das geärgert. Jetzt nicht mehr. Ich empfand vielmehr eine gewisse Freude darüber. Ein bedenkliches Anzeichen! Ich war beinahe liebenswürdig und ließ die Unterhaltung nicht ins Stocken kommen, während Rosette sie einschlafen lassen wollte, damit der Besucher ginge. Als er sich endlich verabschiedet hatte, machte ich die Bemerkung, er sei ein passabler Mensch. Er plaudere nett. Rosette erinnerte mich daran, vor zwei Monaten hätte ich gesagt, er sei urstumpfsinnig und der gräßlichste Troddel auf Gottes Erdboden. Ich vermochte nichts zu erwidern, denn das sind wirklich meine Worte gewesen. Trotz des sichtlichen Widerspruchs habe ich in beiden Fällen die Wahrheit gesprochen. Das eine Mal störte er eine süße Schäferstunde, das andre Mal ödeten wir uns gerade und hatten einander just nichts zu sagen.

Soweit sind wir also! Aber die Sache ist durchaus nicht einfach, wenn der eine Teil noch liebt und sich an das letzte bißchen Liebe im andern verzweifelt festklammert. Ich bin in der allergrößten Verlegenheit. Ich liebe Rosette nicht, aber ich hege viel Freundschaft für sie und möchte ihr um alles in der Welt nicht weh tun. Sie soll also so lange wie nur möglich in dem Wahne bleiben, daß ich sie liebe. Ich will es so aus Dankbarkeit für alle die Stunden, die sie mir durchsonnt hat, aus Dankbarkeit für ihre Liebe, die meine Lust gewesen! Ich betrüge Rosette. Aber steht dieser gutgemeinte Betrug nicht über der Wahrheit, die ihr Leid zufügen würde f Nie werde ich es übers Herz bringen, ihr zu gestehen, daß wir nicht mehr eins sind. Das bleiche Trugbild von Liebe, an dem sie sich weidet, ist ihr etwas so Köstliches und Teures; sie küßt es in so heißer Inbrunst, daß ich es nicht zu zertrümmern wage. Immerhin fürchte ich, früher oder später muß sie merken, daß alles nur Einbildung war.

Heute morgen haben wir eine Unterhaltung miteinander gehabt, die ich wortgetreu in der Gesprächsform nacherzählen will. Sie beweist meine soeben angedeutete Befürchtung. Wir stehen am Anfang vom Ende.

 

Der Schauplatz: ROSETTENS BETT. Ein Morgensonnenstrahl huscht durch die Vorhänge. Es schlägt zehn Uhr. Rosette hat einen Arm unter meinem Nacken; um mich nicht aufzuwecken, rührt sie sich nicht. Von Zeit zu Zeit richtet sie sich ein wenig auf, wobei sie sich auf den Ellbogen stützt. Den Atem anhaltend, beugt sie sich über mein Gesicht. Das sehe ich durch das Gitter meiner Augenwimpern. Ich schlafe schon seit einer Stunde nicht mehr. Rosettens Nachthemd ist am Hals zerrissen; ihr Haar ist in Unordnung. Die Nacht war stürmisch.

Ich sage mir, dieses Weib ist reizend, so reizend wie eben ein junges Weib, das man nicht liebt, mit dem man aber zusammen schläft.

Rosette (merkt, daß ich nicht mehr schlafe): Garstiges Murmeltier!

Ich gähne.

Rosette: Gähne doch nicht so gräßlich! Oder ich will acht Tage lang nichts mit dir zu tun haben!

Ich: Ach!

Rosette: Es kommt mir vor, mein Lieber, als läge dir nicht viel daran, ob ich die Deine bin oder nicht?

Ich: Doch!

Rosette: Wie leidenschaftslos du das sagst! Aber gut! Verlaß dich darauf, acht Tage lang werde ich dir keinen Kuß geben! Heute haben wir Dienstag. Also bis nächsten Dienstag!

Ich: Ach was!

Rosette: Ach was! sagst du?

Ich: Gewiß! Heute Abend wirst du mich küssen – oder ich sterbe!

Rosette: Du und sterben! Komödie! Ich habe Sie verwöhnt, mein Herr!

Ich: Dann werde ich am Leben bleiben, werde keine Komödie machen und werde nicht verwöhnt werden. Einverstanden! Aber eins bitte ich mir aus. Vermeide das ironische Sie! Ich denke, wir kennen uns gut genug!

Rosette: Ich verwöhne dich wirklich …

Ich: So komm! Gib mir einen Kuß!

Rosette: Nein! Heute in acht Tagen!

Ich: Mach keine Geschichten! Wollen wir uns hinfüro mit dem Kalender in der Hand lieben? Das wäre doch zu kindisch. Also, einen Kuß, mein Schatz, – oder ich werde böse!

Rosette: Fällt mir gar nicht ein!

Ich: So! Du willst, daß ich Gewalt anwende, mein Engel! Schön! Ich werde dich bezwingen! Das heißt, vielleicht, … vielleicht auch nicht …

Rosette: Unverschämter!

Ich: Beachte, bitte, mein schönes Kind, daß ich so artig war, vielleicht zu sagen! Das ist gewiß nett von mir. Aber wir kommen vom Gegenstand ab. Komm! Was soll das heißen, mein Schatz? Wozu die finstre Miene? Ich will einen lachenden Mund küssen, keinen griesgrämigen.

Rosette ( beugt sich über mich, um mich zu umfangen): Wie kann ich lachen, wenn du mir so böse Worte sagst?

Ich: Ich möchte dir sehr liebe Dinge sagen. Aus welchem Grund auch böse Worte?

Rosette: Ich weiß es nicht, aber du hast mir welche gesagt …

Ich: Du nimmst einen harmlosen Scherz für ein böses Wort!

Rosette: Harmlos? Das nennst du harmlos! Und das soll Liebe sein? Weißt du, ich will lieber von dir geschlagen werden als dich so lachen hören!

Ich: Du möchtest wohl, ich solle weinen?

Rosette: Von einem Extrem fällst du in das andere! Weinen sollst du nicht, nur vernünftig reden und nicht so ironisch sein! Das steht dir nicht.

Ich: Es ist mir unmöglich, vernünftig zu reden, ohne ironisch zu sein. Ich muß dich also verprügeln, um deine Gunst zu erringen?

Rosette: Immer zu!

Ich ( gebe ihr ein paar leichte Schläge auf die Schultern): Nein, eher schlage ich mich selber, als daß ich deinen geliebten Leib mißhandle und deinen wonnigen weißen Rücken bläue. Mag ein Weib noch so viel Vergnügen empfinden, wenn man es schlägt, – meine Aphrodite soll keine Schläge bekommen!

Rosette: Du liebst mich nicht mehr!

Ich: Dies aus dem zu folgern, was ich eben gesagt habe, ist nicht gerade logisch. Ebensogut könntest du sagen: Es regnet, darum gib mir keinen Schirm! Oder: Es ist kalt, mache das Fenster auf!

Rosette: Du liebst mich nicht mehr und du hast mich nie geliebt!

Ich: Eine verzwickte Geschichte! Du liebst mich nicht mehr und du hast mich nie geliebt! Darin steckt beträchtlicher Widerspruch. Wie kann ich mit etwas aufhören, was niemals war? Meine hohe Herrin weiß wohl nicht, was für eine große Ungereimtheit sie eben gesagt hat.

Rosette: Ich habe mich so innig darnach gesehnt, von dir geliebt zu werden, daß ich mir selber etwas vorgetäuscht habe. Man glaubt so leicht, was man wünscht. Jetzt aber erkenne ich, daß es Einbildung war. Auch du hast dich getäuscht. Hast Verliebtheit für Liebe gehalten, Begehrlichkeit für Leidenschaft! Das kann jedem Menschen so ergehen. Ich nehme dir das nicht übel. Es ist nicht deine Schuld, wenn du mich nicht liebst. Ich bin nicht verführerisch genug. Ich müßte schöner, heiterer, reizvoller sein. Mein geliebter Poet, ich hätte mit dir zu den Wolken emporfliegen müssen. Statt dessen habe ich dich zu mir auf die bescheidene Erde herabgezogen. Ach, ich hatte Angst, du könntest den Himmel stürmen. Ich wollte nicht, daß Hirngebilde dein Herz verschütteten. Der Verstand ist der Todfeind des Gefühls! So habe ich dich mit meiner Liebe umsponnen. Indem ich mich ganz dir schenkte, glaubte ich, du würdest dir davon wenigstens etwas nehmen …

Ich: Rosette, rücke ein wenig bei Seite! Du bist heiß wie glühende Kohle.

Rosette: Wenn ich dir lästig bin, kann ich ja aufstehen! Ah, du hast ein Herz von Stein! Wassertropfen höhlen den Felsen; aber an dir gleiten meine Tränen spurlos ab. ( Fängt an zu weinen.)

Ich: Wenn du so weiter weinst, werden wir bald statt in einem Bett in einer Badewanne liegen, in einem Schwimmbassin, in einem Ozean! Du kannst doch hoffentlich schwimmen, Rosette?

Rosette: Unmensch!

Ich: So? Ein Unmensch soll ich sein? Beinahe schmeichelhaft! Aber ich habe nicht die Ehre. Bin leider ein regelrechter Spießbürger. Nicht das kleinste Verbrechen habe ich vollbracht. Höchstens eine Torheit. Die nämlich, daß ich dich maßlos geliebt habe! Das ist alles! Willst du, daß ich das bereue? Siehst du, ich habe dich geliebt und ich liebe dich noch, so sehr ich kann. Solange ich dein Geliebter bin, folge ich dir wie ein Schatten. Ich bin allezeit bei dir geblieben, Tage wie Nächte. Große Worte habe ich nicht gemacht. Die liebe ich nicht einmal in der Literatur. Aber ich habe dir tausend Beweise meiner Zuneigung gegeben. Gar nicht zu reden von meiner buchstäblichen Treue. Die ist dir ja bekannt. Erwähnt sei auch, daß ich ein paar Pfund abgenommen habe, seitdem ich der deine bin. Mein Liebchen, was willst du noch mehr? Ich liege bei dir, gestern, heute, morgen. Tut man das alles jemandes wegen, den man nicht liebt? Alles, was du willst, mache ich. Sagst du: Geh! – so gehe ich! Sagst du: Bleib! – so bleibe ich! Mich dünkt, ich sei der trefflichste Geliebte unter der Sonne.

Rosette: Das ist ja gerade mein Kummer: du bist ein Meister der Liebe, – tatsächlich!

Ich: Und das ist ein Vorwurf?

Rosette: Durchaus nicht. Ich wäre viel froher, wenn ich dir Mängel vorzuwerfen hätte.

Ich: Komisch!

Rosette: Nein, sehr traurig! Du liebst mich nicht. Ich kann es nicht ändern und du erst recht nicht. Dagegen ist nichts zu machen. Wahrlich, ich wünschte, ich hätte dir etwas zu verzeihen. Dann würde ich dir eine Gardinenpredigt halten. Du würdest dich schlecht und recht entschuldigen. Und dann würden wir uns versöhnen.

Ich: Das könnte dir passen! Je größer der Streit, um so gründlicher die Versöhnung!

Rosette: Unerhört! Du weißt sehr wohl, daß ich die Anwendung solcher Mittel nicht nötig habe! Wenn du mich auch nicht liebst und wenn wir uns auch streiten, so brauchte ich doch nur zu wollen …

Ich: Aber ja! Ich wüßte keine höhere Huld. Wolle nur mal ein bißchen! Das wäre tausendmal netter als unser endloses Wortgefecht.

Rosette: Du willst eine Aussprache abbrechen, die dich in Verlegenheit setzt! Ich muß aber doch bitten, mein Verehrtester, daß wir uns zunächst damit begnügen, weiter zu reden.

Ich: Zum Verhungern wenig! Das ist gar nicht recht von dir. Gerade wo du so entzückend hübsch bist! Ich spüre Gefühle für dich …

Rosette: Verrate mir das, bitte, ein andermal!

Ich: Halloh, mein Engel! Heute bist du ja eine wahre Tigerkatze! Grausam ohnegleichen! Oder gelüstet es dich danach, Vestalin zu werden? Das wäre ein großartiger Einfall.

Rosette: Warum nicht? Es geschehen manchmal wunderliche Dinge. Auf jeden Fall aber bin ich für dich Vestalin … Merken Sie sich, Chevalier: ich gebe mich nur, wenn ich geliebt werde oder geliebt zu werden glaube! Sie gehören jetzt weder zu der einen noch zu der andern Sorte … Erlauben Sie, daß ich aufstehe?

Ich: Wenn du aufstehst, tue ichs auch. Du legst dich übrigens doch wieder hin. Zu was diese unnötige Mühe?

Rosette: Lassen Sie mich!

Ich: Bei Gott nicht!

Rosette ( wehrt sich): Wollen Sie mich loslassen!

Ich: Meine Gnädigste, ich bin so kühn, Nein zu sagen!

Rosette ( einsehend, daß sie zu schwach ist): Gut! Ich bleibe … Sie zerdrücken mir meinen Arm! Was wollen Sie von mir?

Ich: Das wirst du wohl wissen … Gewisse Dinge darf man tun, aber nicht sagen … Man muß auf den guten Ton halten …

Rosette ( halb bezwungen): Unter der Bedingung, daß du mich sehr liebst … will ich mich ergeben …

Ich: Die Kapitulationsverhandlung beginnt ein bißchen spät, wenn der Feind schon in der Festung ist …

Rosette ( schlingt die Arme um meinen Hals, in wollüstiger Ohnmacht): Bedingungslos! Ich baue auf dein gutes Herz!

Ich: Das einzig Wahre!

– – – – – – – – – – – – – – – – –

Diese Reihe Striche, lieber Freund, sind hier am Platze, denke ich, denn das weitere Zwiegespräch könnte man nur mit den Mitteln der Klangmalerei wiedergeben.

 

Kürzlich saß ich nachts im Park. Der Himmel war fast tageshell und so wunderbar klar, daß man bis in die letzten Tiefen zu schauen vermeinte. Die Milchstraße leuchtete wie wehendes Weiß, als hingen Engelsgewänder da droben.

Der Mond war aufgegangen, aber ein mächtiger Baum verbarg ihn mir. Sein Licht sprühte durch das dunkle Laubwerk in Millionen blitzender Fünkchen. Das Flittermeer auf dem Fächer einer Königin! Flüsterndes Schweigen, verhaltene Seufzer glitten durch den Garten.

Das klingt schwülstig, aber es war so …

Nichts lebte außer mir als das silberblaue Mondlicht. Und doch hatte ich die Empfindung, als seien seltsame schöne Traumgestalten um mich. Obgleich ich allein war, hatte ich nicht das Gefühl der Einsamkeit.

Ich träumte. Ich lebte mit den Blättern, tanzte mit dem Wasserstrahl des Brunnens, huschte mit dem Himmelslichte und atmete mit den Blumen. Ich besaß nicht mehr und nicht weniger Lebensbewußtsein als die Bäume neben mir, die Wasser, die Nachtschatten. Die Landschaft war eins mit mir. Ich glaube, weiter weg kann man sich von seinem Ich nicht entfernen.

Mit einem Male erstarb rings alle Bewegung. Die Blätter rührten sich nicht mehr an den starren Zweigen, der Springquell schlief im Steigen ein und verhielt im Fall, und die Mondlichtflut wurde bleischwer. Nur mein Herz pochte lärmend laut. Plötzlich hörte auch dies auf, und es hob eine solche Stille an, daß man das leiseste Geräusch aus der weitesten Ferne hätte hören können …

Eine Nachtigall begann ihr Lied.

Was sie sang, verstand mein lauschend Herz, als sei mir die Vogelsprache kein Geheimnis mehr. Sie sang die Geschichte meiner Liebe. Genauer und wahrer als der kleine Vogel kann mir sie niemand erzählen. Nicht die geringste Kleinigkeit, nicht die leiseste Feinheit fehlte. Was ich mir nie zu deuten vermocht, was ich nie verstanden, das erklärte er mir.

Mein stummes Traumbild hatte seine Sprache gefunden. Ich bekam auf alle Fragen Antwort. Ich erfuhr, daß ich geliebt wurde, und der schwellende Sang verhieß mir Glückseligkeit. Mir war, als streckten sich mir aus dem Mondenschein die weißen Arme der göttlichen Geliebten entgegen. Pfingstrosenduft berauschte mich. Mein Herz ward übervoll von Liebe. Ich breitete meine Arme aus und drückte den unsichtbaren Geist der Natur an meine Brust, als sei er ein Weib. Ich küßte den Wind, der über meine Lippen wehte. Ich atmete den Odem der leuchtenden Nacht, die mich umschlang …

Ach, wenn Rosette da gewesen wäre! Was für wunderbaren Unsinn hätte ich ihr vorphantasiert! Aber die Frauen sind ja nie zur Stelle, wenn man sie gerade haben möchte.

Die Nachtigall verstummte. Der Mond kroch müde in ein Wolkenhaus. Und ich verließ den Park. Die kühle Nacht vertrieb mich.

Ich fror und bekam den gescheiten Einfall, daß ich mich in Rosettens Bett rascher wärmen könnte als in meinem. So ging ich zu ihr. Den Schlüssel zu ihrem Heim habe ich stets bei mir.

Alles ruhte. Auch Rosette. Schmunzelnd stellte ich fest, daß sie über einem Bändchen meiner Gedichte eingeschlummert war. Aufgeschnitten war es übrigens nicht. Sie hatte die Arme unter ihrem Kopf verschlungen. Halboffen lächelte ihr Mund. Ein Bein war ausgestreckt, das andre ein wenig gebeugt. Eine anmutige ungezwungene Haltung! Sie sah so hübsch aus, daß es mir unendlich leid tat, nicht verliebter in sie zu sein.

Ich bin eigentlich ein recht dummer Kerl. Was ich seit langem begehrt, besitze ich: eine Geliebte, die mein ist wie mein Roß und mein Degen, ein hübsches junges zärtliches kluges Geschöpf. Sie hat keine hochmoralische Mutter, keinen ordengeschmückten Vater, keine mürrische Tante, keinen rauflustigen Bruder. Nicht zu vergessen – was sehr wichtig ist! – ihren doppelteingesargten, unter den Quadern seiner Ahnengruft ruhenden Ehegatten! Somit ist sie frei wie die Luft im Hochgebirge. Sie ist reich genug, um sich mit dem erlesensten Luxus und der ausgesuchtesten Eleganz umgeben zu können. Sie redet nie von ihrer Tugend, dieweil sie Amoralistin ist, und nie von ihrem guten Ruf, als ob es das gar nicht gäbe. Sie hat keine sogenannten guten Freundinnen und behandelt alle Damen, als sei sie ein Herr. Von Platonismen hält sie wenig und macht kein Hehl daraus. Sie gibt entweder ihr Herz oder nichts. Im alten Athen, in Rom oder in Alexandria oder in der italienischen Renaissance wäre sie unzweifelhaft die gefeierteste Liebeskünstlerin ihrer Zeit geworden. Aspasias und Kleopatras Ruhm wäre neben dem ihren verblichen.

Dieses Weib gehört mir. Ich mache mit ihr, was mir gefällt. Ich habe den Schlüssel zu ihrem Haus, zu ihren Gemächern, zu ihren Kästen. Ich öffne ihre Briefe. Ich habe ihr einen neuen Namen gegeben. Sie ist ganz mein Eigentum. Ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Liebe, alles ist mein. Alles das genieße ich bis zum Mißbrauch. Wenn es mir behagt, steht sie bei Nacht auf oder geht sie am hellichten Tage zu Bett. Sie fügt sich mir wie von selbst. Nie merke ich, daß es ihr ein Opfer ist. Nie verzieht sie ihre Miene. Immer ist sie besorgt um mich, immer voller Zärtlichkeiten und immer buchstäblich treu.

Wenn man mir vor einem halben Jahre, damals in meiner Sehnsucht nach einer Geliebten, auch nur aus der Ferne ein solches Weib gezeigt, so war ich toll vor Glück geworden. Jetzt besitze ich dieses Glück und bin kühl und kalt. Ich empfinde nicht mehr, daß es ein Glück ist. Es macht keinen Eindruck mehr auf mich. Mir ists, als sei alles wie zuvor. Und ich bin fest überzeugt: wenn ich Rosette heute verließe, hätte ich sie nach vier Wochen so völlig vergessen, daß ich nicht einmal mehr wüßte, ob sie wirklich in meinem Leben einmal da war oder nie. Und Rosette? Ob es ihr ebenso ergehen würde? Ich möchte es nicht glauben.

Alles das schoß mir durch den Kopf. Eine Anwandlung von Reue überfiel mich, und ich drückte Rosette den reinsten Kuß der Trauer auf die Stirn, den je ein junger Mann einem jungen Weibe zur Mitternachtsstunde gegeben hat.

Sie machte eine leichte Bewegung. Ihr Lächeln ward lebensvoller, aber sie erwachte nicht.

Ich entkleidete mich gemächlich, glitt unter die Decke und streckte mich neben Rosette aus. Die Kühle meines Körpers drang in sie. Sie schlug die Augen auf, und wortlos drückte sie ihren Mund auf den meinen. Dabei schmiegte sie sich so um mich, daß ich im Nu warm ward. Die abendliche vage Wehmut wandelte sich in die süße Wirklichkeit einer Liebesnacht. Von allen den schlaflosen Nächten meines Lebens gehört diese Nacht zu den schönsten. Vielleicht war es die allerschönste.

Wohl werden uns noch immer angenehme Stunden zuteil. Aber sie kommen nicht mehr von selber. Sie sind inszeniert. Ganz zu Anfang unsrer Liebe hatte meine Phantasie keine einsamen Mondscheinpromenaden, keine Nachtigallenmelodien nötig, um zu Liebeswonnen fähig zu sein. Im Netz unsrer Liebe ist noch kein Faden gerissen, aber an manchen Stellen sind die Maschen schon recht dünn geworden.

Noch liebt mich Rosette und tut alles, um das Zerreißen zu verhindern. Aber unglücklicherweise gibt es zwei Dinge auf Erden, die sich niemals befehlen lassen: die Liebe und die Langeweile. Ich gebe mir übermenschliche Mühe, die Müdigkeit zu überwinden, die mich gegen meinen Willen heimsucht. Es geht mir wie den Kleinstädtern, denen in einem Salon der Großstadt Schlag zehn Uhr die Augen zufallen. Ich reiße meine Augen gewaltsam auf, aber es nützt nichts. Ich gewöhne mir eine mir unangenehme Nonchalance an, als wäre ich verheiratet.

Ich schreibe Dir dies auf dem Lande. Rosette hat mich nach ihrem Gute entführt, einem wunderhübschen geräumigen altertümlichen Schlosse, hinter dem ein stattlicher Park uralter Bäume beginnt. Die Landschaft der Umgegend ist idyllisch. Vor dem Herrenhause eine große Terrasse, daran der Garten. Über ihn hinweg hat man den Blick auf ein anmutiges grünes Tal mit einem Flüßchen, das die Landstraße mit ihren Vogelbeerbäumen auf einer einbogigen Brücke überspringt. An ihr klappert eine Mühle. Drüben glänzt ein sauberes kleines Dorf, dessen Schieferkirchturm über die Strohdächer und die rundlichen Häupter der Apfelbäume in die hügelige Ferne lugt.

Alles das habe ich eigentlich erst am nächsten Tage gesehen. Als wir anlangten, dämmerte es bereits. Wir waren müde, tafelten mit prächtiger Eßlust und hatten dann nichts Eiligeres zu tun als schlafen zu gehen, wohlgemerkt, jedes für sich. Wir wollten einmal ordentlich ausruhen.

Im Traume umgaben mich rote Blumen, bunte Vögel und Waldesduft. Ein linder Hauch streifte meine Stirn, und ein Kuß ließ sich darauf hernieder wie unter Flügelschlag. Ich fühlte einen warmen Mund. Das war unmöglich noch Traum! Ich schlug die Augen auf und erblickte Rosettens weißen Hals. Sie hatte sich über mich gebeugt und küßte mich. Ich schlang meine Arme um sie und küßte sie wieder, verliebter denn seit langem.

Sie zog eine Jalousie auf und öffnete das Fenster. Dann setzte sie sich auf den Bettrand und spielte mit meinen Fingerringen. Sie hatte nichts an als ein weites loses Morgenkleid aus blütenweißem Batist. Kein Mieder, keinen Unterrock. Das Haar hatte sie hochgesteckt. Eine weinfarbene Teerose leuchtete darauf. An ihren nackten Elfenbeinfüßchen hingen weite Pantoffeln mit morgenländischer Stickerei.

Als ich Rosette so vor mir sah, ward ich wehmütig gestimmt, daß sie meine Geliebte bereits war, nicht erst wurde.

Vor dem Fenster blühte der Jasmin, und leiser Wind wehte zahllose weiße Blütensterne auf den Teppich des Zimmers. Der süße Geruch drang bis zu mir herüber. Ich sah draußen den lichtblauen Himmel und die wiegenden Wipfel der Bäume und durch ihr grünes Laub den blinkenden Teich im Garten. Die Vögel schwatzten und zwitscherten, piepsten und pfiffen.

Auf dem Kaminsims, in der großen blauen Marmorvase, schimmerte ein voller Strauß von gelben Rosen, vor dem rosigen Marmorfries mit seiner heiteren Schäferszene.

Dazu das junge schöne blonde halbnackte Weib …

Kann man erlesenere Augenweide und holderen Frieden um sich haben? Ich weiß nicht, welche Farben die Gelehrten dem Glücke zuschreiben. Ich glaube, ihm gebühren die zarten blassen Farben. Weiß und rosa. Vielleicht hat es auf seiner Palette noch taubengrau, meergrün, türkisenblau und das Gelb der Marschall-Niel-Rosen. Es malt zart und fein und licht wie die japanischen Maler. Unsichtbare Musik singt leise in seinen Farben.

Andere Naturen mögen an andre Arten glauben. Ich kann mir keine andre denken. Derbes Glück ist mir kein Glück, und derbe Farbe überhaupt keine Farbe. Ich träume von seltsamen Abenteuern, bizarren Leidenschaften, vibrierenden Ekstasen, unmöglichen Situationen.

All das wird mir erst bewußt, indem ich es niederschreibe. Ich war im Genuß verloren. Genuß ohne Nachgrübeln, das ist die einzige eines klugen Mannes würdige Beschäftigung. Nur kann es nicht jeder.

Ich brauche unser Landleben nicht weiter zu schildern. Es läßt sich leicht erraten. Waldgänge, Veilchen, Erdbeeren, Küsse, Schmausereien auf dem grünen Rasen, Lesen unter rauschenden Bäumen, Kahnfahrten, Lachen und Lieder und fernes Echo! Ein arkadisches Dasein!

Rosette überschüttet mich mit Liebkosungen und Zärtlichkeiten. Eine girrende Turteltaube in der Maienzeit. Sie ist meine süße Sklavin. Ich liebe diese unterwürfige Demut, denn es steckt in mir etwas orientalischer Despotensinn.

Und doch – ich wünschte, Rosette gäbe mir Anlaß, daß ich ihr Böses oder Untreue vorwerfen könnte. Manchmal versuche ich einen Streit vom Zaune zu brechen. Ich herrsche sie an, bin hart, ungerecht, häßlich. Sie antwortet mir aber mit so sanften Worten, so schimmernden Augen und einem so liebevollwehen Blick, daß ich mir wie ein Löwe vorkomme, der ein Schäfchen zerfleischt. Ich ärgre mich über mich selber und bitte sie um Verzeihung.

Rosette mordet mich mit ihrer Liebe. Sie foltert mich Tag für Tag unter immer größeren Qualen. Offenbar will sie mich dazu bringen, daß ich sie hasse.

Ich langweile mich zu Tode.

Trotz ihrer demütigen Willfährigkeit ist Rosette meiner genau so überdrüssig wie ich ihrer. Aber sie hat meinetwegen so viel Torheiten vor den Augen der Gesellschaft begangen, daß sie nun vor der ehrsamen Korporation ihrer empfindsamen Geschlechtsgenossinnen nicht diejenige sein will, die es zuerst satt hat.

Offenbar denkt sie: Der junge Mann findet nur noch geringen Gefallen an mir. Naiv und gutmütig, wie er ist, wagt er das aber nicht offen zu sagen. Nun ist er ratlos. Ich öde ihn an. Das ist klar wie der Tag. Aber er stirbt eher an seiner Qual, als daß er mich sitzen läßt. Das bringen Leute seines Schlags nicht über ihr gefühlvolles Herz. Solche Poetengehirnkästen sind voll prächtiger Worte über ewige Liebe und Leidenschaft und bilden sich wunderweiche romantischen Pflichten ein. Aber nichts ist unerträglicher als die Liebkosungen eines Menschen, den man aufgehört hat zu lieben. Deshalb werde ich ihn damit überhäufen, bis er es nicht mehr aushält! Entweder jagt er mich schließlich zum Teufel oder er liebt mich wieder wie am ersten Tage, – was er hübsch bleiben lassen wird!

Das ist wohl ihr Gedankengang!

Er ist nicht übel. Die verlassene Ariadne! Die möchte sie gern spielen. Eine herrliche Rolle! Man wird bemitleidet und gepriesen und hört nichts als Verwünschungen gegen den Unmenschen, der so grausam gewesen, ein solch entzückendes Geschöpf zu verlassen. Man setzt die Maske der schmerzlichen Resignation auf und wird zur wandelnden Elegie.

Eine so liebe schöne gefühlvolle opferfreudige makellose Frau, eine weiße Rose, ein auserlesenes Geschöpf, das jeder Mann kniend anbeten müßte, eine Heilige dermaleinst nach ihrem gottseligen letzten Stündlein, eine solche Perle ohnegleichen grund- und ehrlos zu verlassen, sie zu Tode zu verletzen, – denn daran stirbt sie unfraglich! – das bringt nur ein großer Schurke fertig, der ein Herz von Stein hat.

O diese Männer!

So denke ich mir die gegnerische Kriegslage! Vielleicht stimmt es, vielleicht auch nicht!

Die Frauen sind durchweg Schauspielerinnen. Kann man aber eine so große Komödiantin sein?

Ich möchte es nicht glauben.

 

Meine schöne Schloßherrin hat endlich die Einladungen an ihre Nachbarn und Freunde verschickt. Wir stecken in tausend Vorbereitungen zum würdigen Empfang all dieser Herren und Damen des Hinterlandes.


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