Ludwig Ganghofer
Schloß Hubertus
Ludwig Ganghofer

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18

Immer schärfer zog der Morgenwind über die Berge gegen das Seetal. Immer dichter trieb er die Nebel zusammen und ballte sie zu schweren Wolken, die sich von den Almen gegen die Wälder senkten. Schwerfällig lösten sie sich aus den Wipfeln, schwammen über das Tal und schlossen sich über ihm zu einer grauen Decke.

Im Seedorf regte sich noch kaum das Geräusch des erwachenden Tages.

Vor dem Brucknerhause saß Mali auf der Bank mit übernächtigem, von Angst entstelltem Gesicht, den Kopf an die Mauer gelehnt, die Hände wie gebrochen im Schoß.

Ihre Sinne schienen taub für das Leben, das sich immer lauter in den Nachbarhäusern regte; doch jeden Bauer, der hinter den Hecken auftauchte, verschlang ihr Blick mit banger Erwartung.

Jetzt kam der Doktor Eisler mit zwei fremden Herren über die Straße her; ihnen folgte ein Diener, der eine mit Leder bezogene Kassette trug. Sie gingen am Brucknerhaus vorüber und nahmen den Weg nach Schloß Hubertus. In der Ulmenallee blieben sie eine Weile vor dem Käfig stehen, in dem die vier Adler unruhig von einer Stange zur anderen hüpften.

Fritz, der von dem Besuche schon zu wissen schien, empfing die Gäste auf der Veranda, flüsterte mit dem Dorfarzt und führte die Herren ins Billardzimmer.

Doktor Eisler ging allein zur Kruckenstube. Vor der Tür zögerte er. Dann drückte er die Klinke nieder.

Nur ein mattes Zwielicht fiel, während die Tür sich öffnete und wieder schloß, in die verfinsterte Stube. Moser erhob sich von seinem Sessel, und Graf Egge bewegte sich im Lehnstuhl.

»Doktor? Sie?«

»Ja, Erlaucht! Guten Morgen!«

»Na also! Endlich!« Graf Egge wollte sich aufrichten, ließ sich aber wieder auf die Kissen zurücksinken, die seinen Rücken stützten. »Es geht aufwärts, Doktor! Jede Spur von Schmerz ist wie weggeblasen. Jetzt machen Sie aber vorwärts, daß ich bald hinaufkomme. Die Auerhähne sind versäumt, ich muß mich heuer mit den Spielhähnen begnügen! – Verwünschtes Nest!«

Der Arzt hatte dem Büchsenspanner ein paar Worte zugeflüstert und ging, während Moser auf den Zehen zum Fenster schlich, auf Graf Egge zu. »Der Schmerz hat also nachgelassen?«

»Er ist weg, vollständig!«

»Das wird die Untersuchung sehr erleichtern. Und um mit der Tür gleich ins Haus zu fallen – gestern abend bekam ich unerwartet den Besuch zweier Kollegen. Es wäre mir lieb, wenn Erlaucht gestatten wollten, daß ich meine Freunde zur Untersuchung beiziehe.«

Graf Egge wurde unruhig. Dann sagte er trocken: »Reden wir ehrlich miteinander! Zwei so alte Hasen wie wir brauchen sich keine Kindereien vorzumachen. Diese sogenannten Freunde? Da ist wohl Ihr Münchner Wundertier dabei, von dem Sie neulich sprachen? Sie haben da ein bißchen auf eigne Faust bestellt? Stimmt das?«

»Ja, Erlaucht! Zu Ihrem Besten, wie ich hoffe,« die Stimme des Doktors schwankte, »und zu meiner Beruhigung!«

»Na also! Auch das noch! Ich beginne mürb zu werden. Wenn Ihre zwei Kathederbonzen dazu beitragen, mich flinker aus dem langweiligen Blindekuhspielen zu erlösen, will ich ihnen dankbar sein. In Gottes Namen, man soll sie holen lassen!«

»Die Herren befinden sich bereits im Schloß.«

»Hui!« Graf Egge lachte müd. »Das klappt wie der Montag auf den Sonntag. Also her mit ihnen. Hoffentlich braucht die Sache keine weiteren Vorbereitungen?«

»Erlaucht können im Lehnstuhl bleiben, ich werde nur die Binde abnehmen.«

Geräuschlos hatte Moser während dieses Gesprächs die Bretterverschalung von der Fensternische entfernt, den dicken Teppich beseitigt, mit dem die Scheiben verhängt waren, und die Läden geöffnet.

Hell brach der Tag in die Stube und umflutete mit seinem Licht den Kranken, der regungslos im Lehnstuhl ruhte, während der Arzt die Binde löste.

Graf Egges Rücken war gekrümmt, seine Gestalt in sich versunken, Haar und Bart wirr durcheinandergezaust. Die gefurchten Züge hatten eine welke, gelbliche Farbe; über die halbe Stirn und die Hälfte der Wangen zog sich, soweit der Verband das Gesicht bedeckt hatte, ein bläulichweißer Streif.

Als die Binde fiel, bewegte Graf Egge blinzelnd die noch etwas geröteten, leicht verschwollenen Lider; dann hob er langsam die Hände, strich mit den Fingern über die Augen und atmete auf. »Endlich!«

Doktor Eisler fragte hastig: »Haben Sie einen Schimmer vor dem Blick? Können Sie sehen, Erlaucht?«

»Aber Menschenkind!« Graf Egge drehte das Gesicht hin und her; dabei blieben die Augen unbewegt – sie waren trocken, ohne Glanz und grau umflort. »Wie soll ich denn sehen können in dieser ägyptischen Finsternis? Machen Sie doch erst die Fenster hell!«

Moser stand wie versteinert vor Entsetzen. Und Doktor Eisler sagte mit gepreßter Stimme: »Wenn Erlaucht gestatten, werde ich die Kollegen rufen.« Er verließ die Stube.

Graf Egge hörte die Tür gehen. »Das ist komisch!« murmelte er, während er das Gesicht mit den starren Augen nach allen Seiten drehte. »Wie hat er denn das gemacht? Mit der Tür? Oder habt ihr den Flur da draußen auch verhängt? – Moser! So nimm doch endlich das schwarze Zeug vom Fenster weg!«

Dem Alten kugelten die Tränen über den Schnurrbart.

Graf Egge wurde ungeduldig. »Das Fenster auf! Die Quacksalber können mich doch nicht in der Finsternis untersuchen. Mach' die Fenster hell!«

»Aber ich bitt, Herr Graf,« stammelte Moser, »ich hab ja d' Läden schon lang aufgmacht, es ist ja hellichter Tag in der Stub!«

»Du bist wohl verrückt?« lallte Graf Egge tonlos. »Oder betrunken?« Mit zitternden Fingern fühlte er an seine Augen. »Das ist doch Unsinn! – Das ist doch Unsinn!« Ein dutzendmal wiederholte er dieses Wort. Da hörte er Schritte im Flur und gedämpftes Gespräch; die Züge vor Erregung wie gelähmt, wandte er die Augen nach der Richtung dieses Geräusches. Er vernahm, daß die Tür geöffnet wurde – und mit grauenhaftem Schreck zuckte es über sein Gesicht.

Kaum hatte Doktor Eisler die Namen der beiden Herren genannt, als Graf Egge heiser fragte: »Sagen Sie mir bitte, Sie sind doch durch die Tür hereingetreten? Da muß doch Licht in die Stube gefallen sein? Und das Kamel hinter meinem Sessel behauptet, das Fenster wäre hell? Ist das wahr?«

Man suchte ihn zu beruhigen. Aus den freundlichen Worten hörte er als Antwort auf sein Frage das Ja heraus.

»Wahr!« Keuchend sprang er auf, krampfte die Hände in seine Brust und schrie mit der Qual eines Gemarterten: »Ich sehe nichts! Ich sehe nichts!« Er taumelte. Vier Hände griffen nach ihm. Zitternd an allen Gliedern, fiel er in den Stuhl zurück.

Er sprach kein Wort mehr; schwer atmend saß er zwischen den Kissen und ließ alles mit sich geschehen; er netzte nur manchmal mit der Zunge die heißen, ausgetrockneten Lippen, und immer wieder rann ihm ein heftiges Zittern durch die Hände, die auf den Armlehnen des Sessels lagen.

Über eine Stunde währte die Untersuchung. Man wollte das grausame Votum in schonende Worte kleiden. Graf Egge schnitt alle tröstenden Umschweife mit der scharfen Frage ab: »Wollen Sie mir kurz die Wahrheit sagen? – Blind?«

»Blind!«

»Und keine Rettung mehr?«

»Keine!«

Graf Egges Arme streckten sich, und langsam schlossen sich die Fäuste. Dann fragte er: »Wäre eine Heilung möglich gewesen, wenn ich früher der Berufung eines Konsiliums zugestimmt hätte?«

»Nein, Herr Graf! Unser Collega stand, als er Ihre Behandlung übernahm, bereits einem vollendeten Prozeß gegenüber. Die mit gärenden Aasteilchen vermischten Exkremente der Raubvögel enthielten eine ätzende Säure, die innerhalb weniger Stunden die Augen zerstört haben muß.«

»Ist noch weitere Behandlung nötig?«

»Nein, Herr Graf! Die Entzündung der Lider ist zurückgegangen. Etwas anderes war nicht zu erreichen.«

»Moser! Stütze mich!« Graf Egge richtete sich auf und verneigte sich. »Ich danke den Herren! Mein Hausarzt wird alles weitere ordnen!« Er streckte die zitternde Hand. »Ich danke Ihnen!«

Wortlos empfing er die Händedrücke der Herren und blieb aufrecht stehen, bis er hörte, daß die Tür geschlossen wurde; dann fiel er stöhnend in den Sessel zurück und schlug die Hände vor das Gesicht.

Moser stand hinter dem Lehnstuhl und wagte sich nicht zu rühren.

Vom Dorfe scholl das Geläut der Glocken. Graf Egge ließ schwer die Hände fallen. »Warum läutet man?«

»Die Kirch muß aus sein. Man läutet zum Wettersegen.«

»Also Morgen? Und draußen scheint die Sonne?«

»Nein, Herr Graf! Der Tag is trüb, alles hängt voll Wolken.« Dem Alten versagte die Stimme. »Es wird bald schütten, mein' ich.«

Wieder Stille in der Stube. Nur die fernen Glocken sangen.

Plötzlich hob Graf Egge das Gesicht und stammelte: »Moser! Reiß mich am Bart!«

»Aber um Gotts willen, Herr Graf –«

»Tu es!« befahl Graf Egge mit gereizter Schärfe.

Moser gehorchte.

»Richtig! Ich spür' es. Alles ist wahr. Ich wache. Und vor meinen Augen bleibt's schwarz. Moser! Moser!« Das klang wie Schluchzen; doch keine Träne netzte die starren, glanzlosen Augen. »Moser! Meine Lichter sind hin! Jetzt hat's ein Ende mit der Jagd!«

Da war es auch mit Mosers Selbstbeherrschung vorüber. »Mar' und Joseph! Mar' und Joseph! So an Unglück!«

»Was tu ich jetzt? Wofür leb' ich noch? Ich soll keinen Berg mehr sehen? Keinen Wald und keinen Baum! Keinen Hirsch in der Brunft! Keinen Gamsbock im Gewänd! Keinen balzenden Hahn auf seinem Ast, wenn er den schönen Morgen ansingt, und wenn ihm die Rosen leuchten! Nichts mehr! Nichts, Moser! Daran sterb' ich! Das ertrag' ich keine Woche. Keinen Tag! Lieber eine Kugel in den Kopf!« Graf Egge wankte keuchend gegen die Mauer und tastete mit den Händen.

Stotternd suchte Moser ihn zu beruhigen und zog ihn wieder auf den Lehnstuhl zurück.

Mit gebeugtem Rücken, zitternd an allen Gliedern, saß Graf Egge zwischen den Kissen und bohrte die Nägel in das mürbe Leder der Armlehne. Mühsam atmend, mit erloschener Stimme, begann er zu sprechen: »Alles schwarz vor den Augen! Und das immer so! Einen Tag um den andern! Das vermag ich nicht auszudenken. Es ist unmöglich! Es muß noch Hilfe geben! Es muß! Die gelehrten Pfuscher haben in hundert Fällen schon einen Menschen aufgegeben. Und dann hat ihm ein Hausmittel geholfen, ein altes Weib. Moser! Moser! Es muß auch für mich noch eine Hilfe geben! Ich will meinen Engel haben, wie der alte Tobias! Moser!« Mit beiden Händen umspannte Graf Egge den Arm des Büchsenspanners. »Moser! Da fällt mir was ein! Bei Schloß Eggeberg – mein ganzes Leben hab' ich an den Menschen nimmer gedacht, und jetzt auf einmal weiß ich seinen Namen – Haneeter hat er geheißen – und ich seh' ihn vor mir, ganz deutlich, mit dem blauen Kittel und der langen Schippe. Moser! Bei Schloß Eggeberg hat in meiner Jugend ein Schäfer gelebt. Der war berühmt in der ganzen Gegend. Der hatte für alles ein Mittel!« Lallend schlug er die Hände ineinander und hob das Gesicht mit den starren Augen gegen die Stubendecke. »Herrgott im Himmel, gib mir, daß mein Haneeter noch lebt!« Wieder tappte er nach dem Arm des Büchsenspanners. »Moser! Man muß hinaufschicken zur Hütte. Schipper soll kommen. Nein! Der nicht! Der hat den verfluchten Horst gefunden. Und damals im Herbst den abnormen Bock! Der hat meine Augen auf dem Gewissen. Und meinen lieben Buben! – Nein! – Den Hornegger laß kommen! Meinen braven Franzl! Der soll mit den Haneeter herschaffen. Auf den Franzl kann ich mich verlassen. Der spart noch am Reisegeld und läuft sich für mich die Füße krumm. Er soll nach Eggeberg fahren. Er soll mir den Haneeter schaffen – oder einen anderen, der mir hilft! Hörst du, Moser?«

»Ja, Herr Graf, ja, ja!«

»Der Franzl, das weiß ich, der Franzl findet einen, der mir helfen kann! Sieh nur, Moser, ich bin bescheiden, ich verlange nicht das ganze Licht meiner Augen wieder! Nur auf fünfzig Schritt will ich sehen können, nur auf hundert, nur so weit, als die Kugel trägt! Ich lebe nimmer, wenn ich nicht jagen kann! Ich lebe nimmer –«

Mit zuckenden Händen griff er in seinen Bart, zerrte und wühlte an seiner Brust und versank immer tiefer in den Kissen. Der Schweiß, der ihm aus der Stirn gebrochen war, sickerte ihm über die starren Augen.

»Moser! Das Fenster auf! Ich brauche Luft!«

Als die Scheiben klirrten und der frische Hauch des Morgens in die Stube strich, atmete Graf Egge tief; dann saß er still, mit brütenden Gedanken unter der gefurchten Stirn, manchmal in raunendem Selbstgespräch die trockenen Lippen bewegend.

Ein gellender Vogelschrei klang durch die Bäume her.

Graf Egge hob das Gesicht; ein irres Lächeln glitt um seine welken Lippen, und die schlaffen Züge spannten sich. Klatschend schlug er die Hände auf die Armlehnen, stemmte sich mit jähem Ruck aus dem Sessel und rief: »Moser! Wir halten Jagd. Bring' mir die Büchse!«

Der Alte schlug vor Schreck die Hände über dem Kopf zusammen. »Aber um Gotts willen! Herr Graf! Wo denken S' denn hin?«

»Bring' mir die Büchse! Ich will vor der langen Nacht meine letzte Jagd noch haben. Adlerjagd!« In bebender Erregung schrie er das Wort vor sich hin. »Dieser verwünschten Brut hab' ich mein Unglück zu verdanken! Ich will nicht, daß sie mir Tag um Tag ihren Spott in die Ohren schreien, während ich mit blinden Augen sitze. Sie sollen nicht leben in meiner Nähe – diesen Tag nicht überleben! Meine Augen sind hin. Aber man schießt nicht mit den Augen allein, ich habe noch meine Hand. Bring' mir die Büchse! Die Büchse!«

Dem maßlosen Ausbruch gegenüber wagte Moser keine Widerrede; bestürzt den Kopf schüttelnd, eilte er davon und brachte das Gewehr und die Ledertasche mit den Patronen. Als ihn Graf Egge in die Stube zurückkehren hörte, streckte er schon die Arme; es zuckte in seinem Gesicht, während er die Hände um Schaft und Lauf der Büchse klammerte.

»Herr Graf!« stotterte Moser in ratloser Sorge. »Ich bitt Ihnen um Himmelswillen, nehmen S' doch Vernunft an!«

»Führe mich!« befahl Graf Egge. »Und Fritz soll den Sessel zum Käfig tragen, nach der Straßenseite, damit die Kugeln gegen die Berge fliegen, nicht ins Dorf. Vorwärts! Führe mich!«

Fritz, der im Flur von Moser schon gehört hatte, auf welchen »Einfall« der »arme blinde Narr« geraten wäre, erschien auf der Schwelle. Sie machten einen Versuch, ihrem Herrn diese »Jagd« noch in Güte auszureden. An Graf Egges Schläfen begannen die Adern zu schwellen – und da taten sie ihm den Willen.

Langsam führte Moser seinen Herrn durch den Flur, über die Veranda, an der plätschernden Fontäne vorüber.

In der Ulmenallee, zwischen Käfig und Parktor, wartete der Sessel. Graf Egge ließ sich nieder und legte die Büchse über den Schoß.

»Moser? Hab' ich hier freien Ausschuß bis zu den Adlern?«

»Ja, Herr Graf!«

»Hängt kein Ast in der Schußbahn?«

»Nein, Herr Graf!«

»Wie weit?«

»Gute hundert Schritt!«

Graf Egge nickte. »Stell dich hinter mich und hilf mir zielen. Er suchte die Patronen, die ihm Moser in die Joppentasche gesteckt hatte, und lud die Büchse. Das alles tat er stumm, mit jenen bedächtigen, zögernden Bewegungen, wie sie den Blinden eigen sind. Dabei glühte die Erregung auf seinem zerfallenen Gesicht.

Seitwärts zwischen den Bäumen stand Fritz mit der Beschließerin und der Köchin; die Leute waren blaß und verstört, flüsterten miteinander und redeten durch Zeichen mit Moser, in dem der Zorn und das Mitleid miteinander rauften; bei allem Erbarmen, das er mit seinem Herrn empfand, ging ihm doch die »Jagd«, zu welcher er da helfen mußt, wider das alte Jägerherz.

Atem schöpfend hob Graf Egge die Büchse und preßte den Kolben an die Wange. »Hab' ich die Richtung?«

»Mehr nach rechts, Herr Graf!« Moser visierte über die Schulter seines Herrn. »A bißl höher! Noch a bißl! Jetzt, mein' ich, könnt's recht sein.«

Der Schuß krachte. Sich vorbeugend, lauschte Graf Egge.

Die Adler saßen ruhig auf ihrer Stange und streckten nur die Hälse.

»Z' kurz haben S' gschossen!«

Der zweite Schuß ging über die Köpfe der Vögel weg. Der dritte traf. Ein Adler stürzte von der Stange und wälzte sich mit schlagenden Schwingen auf dem Boden des Käfigs. Als Graf Egge das Geflatter hörte, lachte er heiser. »Liegt einer?«

Moser schwieg.

Immer rascher folgten die Schüsse, immer heißer brannte Graf Egges Gesicht, und rote Äderchen erschienen im glanzlosen Weiß seiner starren Augäpfel. Rasselnd ging sein Atem, und immer unsicherer hielt er die Büchse. Noch einundzwanzig Kugeln mußte er durch das Gitter jagen, bis es im Käfig still wurde.

»Fertig?«

»Ja, Herr Graf! Und Gott sei Dank, daß alles vorbei is!« murrte Moser. »Jetzt muß ich's ehrlich raussagen: dös is a Stückl Arbeit gwesen, bei dem mir graust hat!«

Langsam nahm Graf Egge die leeren Patronen der beiden letzten Schüsse aus der Büchse, klappte den Lauf wieder zu und stellte die Waffe zwischen die Knie. »Ich will die Strecke sehen. Bring' mir die Adler und gib mir einen nach dem andern in die Hand.«

Moser ging zum Käfig, und weil er den Schlüssel nicht zur Hand hatte, drückte er mit der Schulter das Türchen des Käfigs ein. Er hatte an den vier riesigen Vögeln schwer zu schleppen; einer der Adler bewegte noch matt die Zunge im offenen Schnabel, während sein Kopf und die Schwingen auf der Erde schleiften; hinter Mosers Schritten blieb eine rote Fährte.

Graf Egge verzog den Mund, als ihm Moser den ersten Adler reichte. »Sie riechen wie das verwünschte Nest da drüben!« Seine Erschöpfung gewaltsam überwindend, wog er den Vogel mit freier Hand und nannte die Zahl der Pfunde, auf die er ihn schätzte. So tat er beim zweiten und beim dritten. Als er den vierten Adler faßte, regte sich in dem Tier ein letzter Funke der noch nicht völlig erloschenen Lebensgeister; es streckte den hängenden Fuß und krampfte die Klauen ein. Mit leisem Schmerzenslaut schüttelte Graf Egge die Hand und ließ den Adler fallen. »Willst du noch greifen?« Er lächelte müd.

Moser, der die leeren Patronen von der Erde auflas, hatte dieses Vorfalles nicht geachtet. Als er sich aufrichtete, sah er seinen Herrn regungslos im Lehnstuhl sitzen, die zitternden Hände um den Lauf der Büchse gelegt.

Starr waren die umflorten Augen gegen das Gewölk der Berge gerichtet, und die welken Lippen raunten: »Meine letzte Jagd!« Wankend erhob sich Graf Egge. »Moser! Führ' mich ins Haus!«

Während der Büchsenspanner seinen Herrn am linken Arm faßte und ihn Schritt für Schritt gegen die Veranda führte, sickerte an Graf Egges rechter Hand ein roter Tropfen vom Gelenk über den Daumen.

Als sie zur Fontäne kamen, verhielt Graf Egge den Fuß, und in seinem erschöpften Gesicht zeigte sich der Ausdruck eines quälenden Gefühls. »Her du mein Gott im Himmel! Moser! Was mir jetzt einfällt!« Seine Stimme schwankte. »Mein Kind da drunten – die arme liebe Geiß!«

Das Wort hatte einen Klang, daß dem alten Jäger die Zähren in die Augen schossen.

Als sie in die Kruckenstube kamen, mußte Fritz, der den Lehnstuhl brachte, um das Schreibzeug laufen, und Graf Egge diktierte ihm eine Depesche: »Bitte Rückreise antreten, bin leidend.« Er besann sich und schüttelte den Kopf. »Nein, nicht so! Das muß ihr Sorge machen. Sie erfährt es noch früh genug. Nimm ein anderes Blatt und schreibe: Komm heim, liebe Geiß, habe Sehnsucht nach Dir!« Er lauschte dem Gekritzel der Feder. »Hast du?«

»Ja, Erlaucht!«

»So schreib es noch zweimal ab. Das eine nach Capri, Hotel Quisisana, das andere nach Sorrent, Hotel Tramontano, das dritte nach Amalfi. Und dann lauf zur Post! Tummel dich, Fritz! Tummel dich!«

Seufzend ließ Graf Egge sich in die Kissen des Lehnstuhls fallen und schloß die geröteten Lider.

Einige Minuten später trat Fritz den Weg in das Dorf an, um die Depeschen aufzugeben. Er fand den Schalter geschlossen und mußte die Telegramme dem Seewirt übergeben, der in Ärger zu schelten begann:

»Was? Der Schalter schon wieder zu? Da hört sich doch alles auf! Es tut kein gut nimmer mit'm Praktikanten! Den Dienst versäumt er, den ganzen Ghalt verjuxt er, im halben Monat laßt er sich Vorschuß geben, und da wird ein Ringerl und Ketterl und Banderl ums ander kauft! Mich geht die Sach nix an. Aber sein Dienst soll er in der Ordnung machen! Und wenn's net anders wird, laß ich an gsalzenen Bericht ans Oberpostamt abmarschieren. Oder ich red mit'm Pointner-Andres, daß er amal an End macht! – Ich laß den Praktikanten gleich suchen, Herr Fritz, daß die Telegramme fortkommen. Aber sagen S', was macht denn der gnädig Herr Graf? Geht's besser mit'm Gschau?«

Fritz, der aus dem Unglück seines Herrn keine Neuigkeit für das Dorf herausschlagen wollte, zuckte die Achseln und ging davon. Als er die Lände überschritten hatte, gewahrte er auf der Straße vor dem Brucknerhaus eine erregte Menschengruppe. Zwischen wirr durcheinanderschreienden Burschen und Weibern stand ein junger Jäger mit erschöpftem Gesicht. Unter Flüchen suchte er sich aus den Händen loszureißen, die ihn an der Joppe und an den Armen gefaßt hielten. »Herr Fritz! Herr Fritz!« keuchte er, als er den Diener gewahrte. Gewaltsam wand er sich aus dem Knäuel der Leute hervor und schleuderte ein Mädel zurück, das wie eine Verzweifelte an seinen Arm geklammert hing und nicht von ihm lassen wollte.

»Um Gottes willen!« stammelte Fritz. »Was ist denn?«

Der Jäger zog den Diener im Sturmschritt mit sich fort. Da krampften sich wieder zwei Mädchenhände um seinen Arm, und eine tonlose Stimme lallte ein Wort, das unter Tränen erstickte. Der Jäger geriet in Wut. »Was will denn das narrische Weibsbild allweil?« Ein zorniger Schwung seines Armes befreite ihn und machte das Mädel taumeln.

Schreiend kamen die Leute gelaufen, allen voran eine alte Bäuerin. Sie trug das weinende Netterl auf dem Arm und jammerte: »Mali! Aber Mali! Was treibst denn?«

Mali hörte nicht. Sie war in die Knie gebrochen, raffte sich wieder auf, wankte hinter dem Jäger her und streckte die Hände nach ihm.

»Aber so reden Sie doch!« stotterte Fritz. »Was ist denn geschehen?«

»Die Lumpen, die gottverfluchten! Von unsere Jager haben s' ein erschossen! Am Schneelahner droben liegt er, mit der Kugel in der Brust.«

Ein gellender Aufschrei; dann stand das Mädel wie gelähmt, die Augen weit aufgerissen.

»Mali! Jesus Maria!« kreischte die Nachbarin. Und erschrocken umringten die Leute das Mädel, das wie in ausbrechendem Irrsinn mit den Armen nach allen Seiten zu schlagen begann. »Johannistag!« Die schrille Stimme war von Schluchzen unterbrochen. »Johannistag!« Und verfolgt von den kreischenden Weibern und Burschen, die Schultern umringelt von den gelösten Zöpfen, rannte Mali den Weg entlang, der gegen die Berge führte.

Als sie den Wald erreichte, war der schreiende Trupp noch dicht hinter ihr. Doch als der steinige Bergpfad begann, über den sie hinaufrannte, als wäre der steile Weg die ebene Straße, da blieben die anderen immer weiter hinter ihr zurück. Immer schwächer klangen in der Tiefe des Waldes die lärmenden Stimmen, bis sie untergingen im Rauschen des Wildbaches.

Wie ein gehetztes Wild, ringend um jeden Atemzug, eilte Mali durch den Bergwald empor und den Almen zu. Zwischen Schluchzen lallte sie die abgerissenen Worte des Gebetes, mit dem ihre Seele zum Himmel schrie. Sie stürzte, raffte sich wieder auf, trat in ihre Kleider und riß den Rocksaum in Fetzen. Ehe sie zu den Almen kam, geriet sie in den Nebel, der alle Bäume verschleierte.

Um das offene Almfeld brodelten die weißen Dämpfe, wie der Rauch um eine Brandstatt wirbelte. Immer heftiger setzte Windstoß um Windstoß ein. Und wenn das Brausen durch die wogenden Massen des Gewölkes ging, bekam zuweilen das Grau der Höhe einen so verlorenen Schimmer, als wäre irgendwo dort oben das Licht, der schöne Tag.

Ein dumpfes Dröhnen. In den höchsten Wänden hatte sich eine Lawine gelöst, die den letzten Schnee des Winters von den steilen Felsen hinunterwarf in die Schluchten. Und als hätte den kämpfenden Lenz in der Freude seines Sieges die Lust zu jauchzen überkommen, so setzte der Frühlingssturm mit tosendem Rauschen ein, peitschte die grauen Nebel und riß über den Latschenfeldern das treibende Gewölk entzwei. Ein Stück des blauen Himmels erschien, eine leuchtende, von finsteren Wolken umflatterte Felswand, und ihr zu Füßen das Steinfeld mit der Jägerhütte, deren Schindeldach im Glanz der Sonne wie Silber funkelte.

Nur wenige Augenblicke währte das schimmernde Bild. Dann flossen die Wirbel des Gewölkes wieder ineinander. Es rauschte und brauste der Föhn. Und ein erstickter Laut, wie ein kraftloser Schrei um Hilfe, erscholl durch die grauen Nebel, die der Wind an der Jägerhütte vorüberpeitschte.

Die Tür der Hütte stand offen, und an der Blockwand lehnte eine Büchse mit kotigem Schaft. In der Herdstube kein Feuerschein, kein Laut.

Hinter der Hütte das Geplätscher des Brunnens. Auf dem hölzernen Trog, über dessen Wand das Wasser niedertroff, saß ein Jäger; sein Gesicht war bleich, das Hemd an der Brust und die nackten Knie mit Blut besudelt.

Ein Laut, der aus den grau verschleierten Latschen tönte, machte ihn aufblicken. War's der Wehlaut eines zu Tode verwundeten Tieres? Oder die Stimme eines Menschen?

Mühsam, als wären ihm alle Glieder gebrochen, erhob sich der Jäger und spähte in den treibenden Nebel.

Von dem Steig, der aus den Latschen gegen die Hütte führte, ließ sich Geräusch vernehmen. Im wirbelnden Grau erschien eine verschwommene Gestalt. Sie schien zu taumeln. Nun stürzte sie und raffte sich stöhnend wieder auf.

Der Jäger sprang ihr entgegen. »Jesus Maria!« Das klang wie ein Schreck und dennoch wie heiße Freude. »Mali! Mali!«

Zitternd stand sie, atemlos, bis zur Ohnmacht entkräftet, mit entstelltem Gesicht, und starrte ihn an wie ein Wunder, das vor ihren Augen den Tod in Leben verwandelte. Seinen Namen lallend, taumelte sie auf den Jäger zu. Mit beiden Händen griff sie ihm ins Gesicht, als ginge vor ihren Augen alles unter. Wieder wollte sie seinen Namen nennen und schrie nur einen heiseren Laut – wollte ihn küssen und biß ihn in die Wange, in den Bart, in das Kinn.

»Mali!« Franzl fühlte daß die Arme sich lösten, die seinen Hals umklammert hielten. Er wollte sie umschlingen. Da glitt sie schon an ihm nieder und stürzte wie entseelt zu Boden.

Keuchend warf er sich auf die Knie, riß die Ohnmächtige an seine Brust, schrie ihren Namen und rüttelte den regungslosen Körper.

Sie wollte nicht erwachen.

Schreiend trug er sie zum Brunnen, schöpfte Wasser mit der Hand und wusch ihr das Gesicht, immer wieder ihren Namen kreischend.

Sie wollte nicht hören, nicht erwachen.

Ein brausender Windstoß teilte das Gewölk. Breit leuchtete ein Sonnenstrahl über das Felsgehäng, über die Hütte und über die beiden Menschen hin. Dann schlossen sich die jagenden Nebel wieder, und alle Höhe war grau verschleiert.

Aus der Tiefe des Latschenfeldes tönte ein langgezogener Ruh. Franzl gab Antwort mit gellendem Schrei.

Zwischen den Latschen klirrte der Stachel eines Bergstockes im Geröll, und lärmende Stimmen kamen näher.


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