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Drittes Kapitel.
Der Spukort auf Betty's Ruh

Die Besichtigung der Räumlichkeiten und des reichen Inhalts des Schlosses von Betty's Ruh, und dann die lange und wichtige Unterredung, welche Onkel und Neffe gleich nach Ankunft des Letzteren gepflogen, hatten das Mittagessen um eine volle Stunde verzögert. Frau Dralling, die in Betreff desselben sonst sehr pünctlich war, hatte sich diesmal absichtlich von jeder Störung der Beiden fern gehalten, da es ganz in ihrem Interesse lag, daß der junge Baumeister, dem sie bereits ihr ganzes Herz zugewandt, von allen Vorgängen auf Betty's Ruh und den verschiedenen Verlegenheiten ihres Herrn in Kenntniß gesetzt werde. Als sie aber endlich die Beendigung der Unterhaltung gewahrte, beeilte sie sich um so mehr mit der Zurichtung der bescheidenen Tafel und lud dann die Herren ein, unverweilt an dem großen runden Tisch in der Mitte des Saales Platz zu nehmen.

Während der Mahlzeit selbst erschien sowohl der Onkel wie der Neffe sehr einsylbig und wenig zu gleichgültigerer Unterhaltung geneigt. Ersterer war von dem vielen Sprechen und der lebhaften Erinnerung an seine erst kürzlich überstandenen Drangsale sichtbar erschöpft, und Letzterer hatte seinen Kopf so voll neuer Gedanken und Pläne, daß er fast nicht wußte, was er aß, und die Augen nur beständig in die Weite gerichtet hielt, als wolle er irgend eine unzweifelhafte Ueberzeugung aus derselben auftauchen sehen, die sich doch so leicht und schnell nicht vor seinem forschenden Geiste erzeugen wollte und konnte.

Als man sich dem Ende des Essens näherte, wagte es Frau Dralling, die wie gewöhnlich die Herren bediente, sich dem Professor gegenüber aufzustellen, ihm freundlich in's Gesicht zu sehen und, zum ersten Mal heute bei Tische, das Wort an ihn zu richten, indem sie sagte:

»Sie haben einen schlechten Appetit, Herr Professor, und ich weiß, woher das kommt. Sie sind müde und abgespannt, und das rührt von dem vielen Sprechen her. Wenn ich Ihnen einen Rath geben darf, so ruhen Sie heute ausnahmsweise ein Stündchen, und damit Sie Niemand störe, mögen Sie sich in den Alkoven begeben und ich werde die Thür des Saales schließen.«

»Ja,« nahm nun auch Paul das Wort, »Frau Dralling hat Recht, Onkel. Eine Stunde Schlaf wird Dir wohlthun und ich werde unterdeß in den Park gehen, mir seine Einrichtung betrachten und dabei den Gedanken nachhängen, die Du mit Deiner Erzählung in mir angeregt hast.«

Der Professor gab seinen Beifall zu erkennen, und so wurde Frau Dralling's Rath bald befolgt.

Der alte Herr hatte sich auf sein Bett im Alkoven gelegt und Paul war in den Garten gegangen, um sein Vorhaben auszuführen.

Es war ein sonniger lieblicher Frühlingstag. Der lange Regen am vorigen Tage und in der Nacht hatte Wunder gewirkt und die warmen Strahlen der Sonne hatten ihre Schuldigkeit gethan, so daß die Bäume und Sträucher in ihrem frischesten Schmuck prangten und die Blumen der Jahreszeit glanzvoll ihre bunte Farbenpracht entfalteten. Dabei war die Luft still, der Himmel ringsum blau und von den weiten Rasenflächen stieg jener duftvolle Frühlingshauch empor, der eben so lieblich wie erfrischend ist und das Herz beruhigt, wie er den Geist mit lebensvollen Ahnungen und Hoffnungen erfüllt.

Nachdem Paul eine Weile vor der Halle umhergestrichen war, die stillen Springbrunnen und ihre Verzierungen betrachtet und dann auch den nahen Stallungen und Wirthschaftsgebäuden seine Aufmerksamkeit geschenkt, wandte er sich der Südseite des Schlosses zu und schlug, gemüthlich seine Cigarre rauchend, den Weg nach dem Mausoleum ein, das er noch nicht in der Nähe gesehen hatte.

Er war von der Anordnung des Ganzen überrascht und auch den einzelnen Verzierungen und Ausschmückungen konnte er seinen Beifall nicht versagen. Man sah auf der Stelle, daß der ehemalige Besitzer von Betty's Ruh vielen Fleiß und viele Mühe auf die Herstellung dieses Platzes und seiner Umgebung hatte verwenden lassen, und auch jetzt noch fuhr der alte Gärtner fort, seine Schuldigkeit zu thun und mit seinen geringeren Kräften und Mitteln die Perle seines ganzen Gebietes in möglichstem Glanz zu erhalten.

Das Grabgewölbe selbst lag unter einem ziemlich großen Hügel, den eine wohlgepflegte Rasendecke überzog, auf einer Insel, die von einem breiten und tiefen Wasserstreifen umgeben war, welcher von einem von Süden heranrieselnden Bache gespeist wurde, von dem auch früher das Wasser in die Springbrunnen geleitet war. Den Uebergang nach dem grünen Grabhügel vermittelte eine starkgebaute schwarze Fähre und außerdem ein kleiner, grün und weiß angestrichener Kahn, die an dem diesseitigen Ufer angekettet lagen, und auf dem klaren Wasserspiegel selbst ruderten zwei Schwäne mit ausgespreizten Flügeln herum, die das stille landschaftliche Bild anmuthig belebten und ihm ein behagliches und friedliches Ansehen gaben. Die in das Wasserbecken sich allmälig absenkenden Ufer waren ebenfalls mit grünem Rasen bedeckt und hie und da erhoben sich daraus einzelne Gruppen dunkler Edeltannen, hochstrebender Pappeln und leise säuselnder Espen, die dem Ganzen eben so wohl einen wohlthuenden Schmuck verliehen, wie sie ihm doch ein ernstes Gepräge ausdrückten. Am Fuße des sanft aufsteigenden Grabhügels waren kleine ovale Blumenbeete angebracht, zur Zeit mit buntfarbigen Hyacinthen und dunkelrothen Tulpen besetzt und mit großblättrigem Epheu zierlich eingefaßt. An der dem Schlosse abgewandten Seite des Hügels lag in einem scharf abgeschnittenen und festgemauerten Erdwall die Eingangsthür zu dem Gewölbe, weit und breit genug, um den Todten, die man daselbst gebettet hatte oder noch betten wollte, einen bequemen Einzug zu gewähren. Die Thür war aus starkem, braungebeitztem Eichenholz gezimmert, mit vergoldeten Eisenbändern versehen und darüber waren in großen goldenen Buchstaben die Worte angebracht: ›Sanft ruhe ihre Asche.‹ Auf dem flachen Gipfel des Hügels aber erhob sich, oberhalb eines granitenen meisterhaft gearbeiteten Fußgestells, der schönste und kostbarste Schmuck des Ganzen, die aus weißem Marmor kunstvoll gemeißelte Psyche, die mit ihren kleinen Flügeln zum Himmel aufstrebt, wohin sie auch die Augen gerichtet hielt, während sie in der Rechten einen vergoldeten und im Sonnenschein hell leuchtenden Kranz trug. Dicht an der Seite dieser Statue stieg inmitten üppiger Epheuranken eine hohe schlanke Trauerbirke empor, jetzt freilich erst im zartesten Blätterschmuck grünend, im Sommer aber, wenn sie erst ihre lang herabhängenden Zweige senkte, einen gar lieblichen und dem ernsten Bilde entsprechenden Anblick gewährend.

Paul, seine Augen nur auf das Denkmal der reinsten und edelsten Liebe gerichtet haltend, umging es von allen Seiten und betrachtete es mit großem Interesse. Hier also ruhte der seltsame Mann, der in frühster Jugend verschollene Stiefbruder seines Vaters, von seinem unruhigen und vielbewegten Leben aus! Und neben ihm lag das arme, in zarter Jugend gestorbene Weib gebettet, dem er sein ganzes Leben hindurch seine Liebe zugewandt und in treuer Mannesbrust bewahrt hatte, das ihn auch wieder geliebt, aber durch den Machtspruch eines nur auf sein Geld stolzen Vaters auf ewig von ihm getrennt worden war! O, wie pochte sein Herz bei diesem Gedanken, denn dieses schon lange schlummernde Weib trug ja auch den Namen, der ihm so theuer war, und sein eigenes Schicksal war in mancher Beziehung mit dem des neben ihr ruhenden Mannes zu vergleichen, da ja auch er durch eine triumphirende menschliche Bestimmung auf ewig von dem Gegenstande seiner Liebe geschieden war.

»Ja,« sagte er nach langer stiller Betrachtung zu sich, »hier, an diesem Orte und wenn ich mir sein Schicksal vor die Seele rufe, verzeihe ich ihm seine Sonderbarkeiten und seine wunderlichen Neigungen, denn hier fühle ich so recht innig und warm, was er gelitten haben muß, ein Menschenalter hindurch, trotzdem ihm das Glück von anderer Seite her so Manches gegeben hat, wonach die Menschen in dieser Welt so oft vergeblich trachten und ringen. Ja, sanft ruhe Beider Asche! Das Leben trennte sie schonungslos und erst der Tod vereinte sie – das ist eine dunkle, dämonische Lehre, die mich tief erschüttert und mit unendlichem Weh erfüllt. Doch nicht verzagt, Paul! Du lebst, Du denkst und kannst also handeln – und wer denken und handeln kann, der darf auch nie die Hoffnung aufgeben, so lange das Ziel der Hoffnung noch nicht unter dem grünen Rasen schläft, wie hier des armen Onkels Liebe, der nicht einmal den Trost fand, der mir noch zu Gebote steht, die noch lebend wiederzusehen, die er für sein kostbarstes Gut auf Erden hielt.«

So weit war er in seinen Gedanken gekommen, als er den Kies des Weges, auf welchem er stand, unter den Füßen eines sich ihm Nähernden knirschen hörte. Langsam drehte er sich um und sah, wie Frau Dralling eifrig auf ihn zukam und ihm schon von Weitem mit der Hand einen Gruß zuwinkte.

»Darf ich Sie in Ihren Betrachtungen stören, Herr van der Bosch?« rief sie ihm zu, als sie in seine Nähe gekommen war, »oder wollen Sie jetzt lieber allein sein?«

Paul lächelte ihr freundlich entgegen, bot ihr die Hand und sagte: »Nein, meine liebe Frau Dralling, Sie stören mich jetzt nicht mehr; ich habe hier bereits meine Andacht verrichtet, wie ich es immer thue, wenn ich in die Nähe von Gräbern komme, in denen Menschen ruhen, die einst ein warmes Herz und darin eine warme Liebe hatten, und das, denke ich, können wir diesen Beiden da drinnen nicht absprechen.«

»Nein, gewiß nicht, Herr van der Bosch. Ich kann Ihnen nur Recht geben. Geliebt haben sie sich und es ist jammerschade, daß sie sich im Leben nicht wiedergefunden haben.«

»Lassen Sie uns nicht mehr von den Todten sprechen, Frau Dralling,« erwiderte er, »uns bieten die Lebenden jetzt ein größeres Interesse, nicht wahr?«

Die kluge Frau sah ihn mit ihren grauen Augen bei diesen Worten scharf an und nickte eifrig dabei. »O,« rief sie, »Sie sprechen eben aus, was mir auf der Seele liegt, und wenn Sie es nicht übel nehmen, so will ich die Gelegenheit benutzen, die mir sehr erwünscht gekommen ist, und Sie gleich im Anfang unserer Bekanntschaft mit meinen dummen Gedanken bekannt machen, wie der Herr Professor in der Regel meine Gedanken zu nennen pflegt.«

»Das meint er nicht so schlimm, wie es klingt,« erwiderte Paul lächelnd.

»O, das weiß Niemand besser als ich, glauben Sie es mir, und es kränkt mich auch so eigentlich nicht, ich bedaure vielmehr, daß gerade der Professor, ein so kluger Mann, die Gedanken einer Frau dumm nennt, die es so gut meint, und deren Gedanken, mögen sie sein, wie sie wollen, er lieber benutzen sollte, um sich aus seinen Verlegenheiten emporzuhelfen – aber das versteht er nicht; nein, nein, das versteht der gute Mann ganz gewiß nicht, und so habe ich die Sache stets angesehen. – Es ist wunderbar mit den Menschen,« fuhr sie fort, da Paul schwieg, »daß manche von ihnen, wenn sie betrogen werden und man es ihnen sagt, doch nie glauben wollen, daß es so ist, und daß sie den Betrug hinnehmen, als gehöre er mit zu ihrem Erbtheil, was doch zum Beispiel hier gewiß nicht in der Absicht des Erblassers gelegen haben kann, nicht wahr?«

Paul wandte seine klaren dunklen Augen auf die leicht in Leidenschaft gerathende Frau und sah sie ruhig und doch mit einiger Verwunderung an. Er war es schon aus früherer Zeit an ihr gewohnt, daß sie, wie man zu sagen pflegt, den Stier bei den Hörnern zu fassen liebte, aber daß sie gegen ihn ohne weitere Einleitung gleich von einem Betruge sprach, dem der Professor, nach ihrer Meinung, unterliege, machte ihn doch einigermaßen betroffen.

»Fahren Sie fort,« sagte er, »und schütten Sie Alles aus, was Sie auf dem Herzen haben. Ich habe gute und willige Ohren und der Weg von ihnen zu meinem Herzen ist gar nicht weit, das glauben Sie mir.«

»O mein Gott, das habe ich mir ja auch gleich von Ihnen gedacht, als ich Sie sah,« rief sie, »und ich habe jetzt wie früher an der Stelle Vertrauen zu Ihnen gefaßt. Woher das kommt, weiß ich nicht, aber es muß Ihnen im Blute liegen, wie es mir im Blute liegt, zu sagen, was ich denke, und so will ich denn gar nichts gegen Sie zurückhalten und Ihnen meine Ansicht der Sache vortragen, wie der Professor Ihnen vorher die seine vorgetragen hat. Doch – kommen Sie nach jener Bank hinüber, da können wir sitzen und in Ruhe plaudern.«

Sie gingen langsam nach der eisernen Gartenbank und nahmen Platz darauf. »Da,« sagte die Dralling, mit der Hand vor sich in die Ferne deutend, »da können Sie auch am Ende jener Kastanienallee das Pachthaus sehen, welches früher das alte Schloß war. Das Mausoleum liegt merkwürdig hübsch, von beiden Häusern aus kann man es in's Auge fassen und überwachen, nicht wahr?«

»Sie haben Recht,« entgegnete Paul, indem er seine Augen in die Ferne richtete und am Ende einer vielleicht vierhundert Fuß langen breiten Allee, die jetzt nur noch wenig von dem jungen Laube der alten elf Kastanien beschattet war, die grauen Steinmassen eines alterthümlichen Gebäudes auftauchen sah.

»Ja,« fuhr die Dralling fort, »in jenem Pachthause wohnt jetzt der eigentliche regierende Herr von Betty's Ruh, der doppelt so viel Einkünfte hat, als der Besitzer selber – der Herr Rentmeister Uscan Hummer – in Wahrheit, ein gewaltiger Mann!«

»Scherzen Sie oder reden Sie im Ernst, Frau Dralling?« fragte Paul.

»Gott bewahre mich vor dem Scherz, wenn ich von dem Rentmeister rede, Herr van der Bosch – der Mann hat nichts Scherzhaftes an sich für mich und wenn ich ihn sehe, wird mir immer sehr – sehr ernst oder eigentlich grimmig zu Muthe –«

»Lassen Sie Ihren Grimm jetzt fahren, liebe Frau,« besänftigte sie Paul, da sie bei den letzten Worten heftig mit den Händen gesticulirt hatte, »und fangen Sie lieber Ihre Erzählung von vorn an; dann gerathen wir ja doch auf den Mann, der Sie grimmig macht, nicht wahr?«

»Gewiß, Sie haben wieder Recht. Na also – ich soll anfangen – und da fange ich mit Ihnen an, der Sie mir jetzt der Nächste sind. Sie sind also jetzt bei uns und werden ganz bei uns bleiben, wie ich gehört habe. Gott sei Dank! da ist mir ein großer Stein vom Herzen genommen –«

»Warum denn?«

»Ei, sehen Sie und merken Sie das noch nicht? Der Herr Professor hat Ihnen ja seine ganze Erbschaftsgeschichte erzählt und ist die nicht merkwürdig genug?«

»Ja, gewiß ist sie das.«

»Nun also – und weiter frage ich: leidet sie etwa an übergroßer Klarheit? O, ich lese es schon auf Ihrem Gesicht. Sie werden eben so wenig daraus klug wie andere Leute. Haha! Nun sagen Sie mir aber, was denken Sie denn eigentlich davon? Halten Sie sie, wie sie sich bis jetzt darstellt, wirklich für ein großes Glück? Nein, wahrhaftig, was Sie auch sagen oder vielmehr verschweigen mögen – ich lese Ihnen die Antwort aus den Augen – Sie denken darin wie ich – und ich halte sie für kein großes Glück. Mein guter Herr hat früher so ruhig und still gelebt, ist immer fleißig und mit sich und seinem Gott zufrieden gewesen, hat keine Sorgen, keinen Kummer gehabt, und jetzt ist das Alles mit einem Schlage vorbei, er kann nicht einmal mehr ruhig arbeiten und weiß oft vor Sorge weder aus noch ein. So, nun habe ich den Anfang gemacht und nun mögen Sie mir sagen, was Sie von dieser Angelegenheit denken.«

Paul mußte sich einige Mühe geben, dieser scharfen Beobachterin gegenüber seine Gesichtszüge zu beherrschen. Mochte er denken oder besorgen, was er wollte, er wünschte für jetzt noch nicht von ihr errathen zu werden und mußte noch viel mehr erfahren, um sich selbst ein einigermaßen begründetes Urtheil zuzutrauen. Darum sagte er jetzt mit möglichst ruhiger Stimme:

»Ich kann Ihnen unmöglich sagen, was ich bis jetzt davon denke, Frau Dralling. Ich sehe bei Weitem noch nicht Alles klar vor mir und kenne die handelnden Personen noch nicht, was doch zu irgend einem Urtheil durchaus nothwendig ist. Gönnen Sie mir also Zeit, ich will mich erst orientiren und vor allen Dingen die Oertlichkeiten, die früheren Verhältnisse im Schloß und die noch aus jener Zeit hier lebenden Menschen studiren.«

»Das Letzte ist die Hauptsache,« fuhr die Dralling fort, »ja, die Menschen müssen Sie studiren, das muß das Allererste sein. Und einen Menschen giebt es hier, den studiren Sie vor allen. Was mich betrifft, so habe ich nicht lange Zeit gebraucht, ihn aus- und inwendig kennen zu lernen – ihn nämlich, den ich meine – und ich meine den ehemaligen Secretair, den jetzigen Rentmeister Herrn Uscan Hummer. Als ich ihn vor zwei Jahren in ... zum ersten Mal uns gegenüber im Fenster liegen und sein pfiffig ehrliches Gesicht mit der demüthig sanften Miene sah, und später, als ich seine feine glatte Stimme hörte, seine horchenden Ohren und seine lauernden Augen erkannte, da war ich fertig mit ihm und wußte, daß in keinem Menschen auf der Welt ein Fuchs oder gar ein Wolf steckt, wenn nicht in diesem – Was der Professor für eine Meinung über ihn hat, fuhr sie leiser fort, als Paul nachdenklich schwieg, so können Sie leider Gottes darauf gar nichts geben. Der gute Mann ist so harm- und arglos, daß das erste freundliche Wort von den falschesten Lippen ihn zu gewinnen vermag. Weil er selbst, was man so sagt, eine Seele von Mann ist, so hält er Jedermann für eine gute Seele; schlechte Subjecte und betrügerische Schurken existiren gar nicht in seiner Buchstaben- und Zahlenwelt, er glaubt Alles wie ein Kind, was die Leute ihm sagen, und er ließe sich von ihnen bis auf das Hemde ausziehen, ohne zu schreien, wenn sie es mit freundlichen Worten thäten. Und dieser Mann, dieser Rentmeister Hummer, der zieht ihn mit freundlichen Worten bis auf das Hemde aus, das glauben Sie mir, denn daß in dem Menschen eine große Teufelei brütet, die bis jetzt noch kein Anderer ergründet hat, selbst sein ehemaliger Herr und die klugen Gerichtsherren da drüben nicht, das ist gewiß, und ich – ich, Thusnelde Dralling, möchte einen heiligen Eid ablegen, daß es so ist – ja, Herr van der Bosch, das ist mein jetziges Glaubensbekenntniß, und mögen Sie von mir denken was Sie wollen.«

Paul hatte den Kopf gesenkt und zeichnete mit seinem Stocke allerhand krumme Linien in den Sand. Als die Dralling schwieg, hob er sein Gesicht in die Höhe und sagte mit erkünstelter Gelassenheit: »Sie bringen da schwere Anklagen gegen den Mann vor und Sie sollten darin sehr vorsichtig sein. Es ist keine Kleinigkeit, was Sie mir im Vertrauen gesagt haben. Vielleicht hassen und beneiden Sie ihn, weil er sich des Vertrauens Ihres Herrn bemächtigt hat, den Sie früher allein beherrschten, und weil mein Onkel – ich möchte sagen blindlings – allen seinen Anregungen folgt. Wie, sollte ich nicht Recht haben?«

»O ja, Sie haben in manchen Puncten Recht, Herr van der Bosch. Einmal hasse ich den Rentmeister wirklich, ja, und aus voller Seele. Zweitens beherrscht er meinen Herrn, Ihren Onkel, vollständig und dieser folgt ihm blindlings – selbst bis in's tiefste Verderben hinein; aber eine Art Neid, wie Sie sich vielleicht denken, beschleicht und leitet mich dabei nicht, sondern ich hasse und verabscheue und verfolge ihn auf Schritt und Tritt, weil ich die feste Ueberzeugung habe, nein, weil ich weiß, daß er meinen Herrn, also auch Sie, um ein großes Vermögen betrogen hat und ihn noch jeden Augenblick betrügt, weil ich sehe, daß er ihn einschläfern und beruhigen will, bis dieser ihm sagt« – und hier ahmte die eifrig Redende die sanfte Sprechweise des Professors nach –: »mein lieber Herr Rentmeister! ich bin zufrieden mit Ihnen gewesen; ich erkenne, daß Sie mir unendlich viel Gutes und Liebes gethan. Meine Erbschaftsangelegenheit ist jetzt geordnet und nun können Sie gehen, wohin Sie wollen, wenn es Ihnen beliebt! – Haha! Und darauf lauert der Schurke nur. Denn hat er den sichtbaren Beweis seiner Ehrlichkeit erst in Händen, womit er alle Welt täuschen kann, dann packt er seine geraubten Schätze zusammen und geht über das Meer, wo ihn kein Hund und keine Katze findet und – der Herr Professor ist beraubt, betrogen, geplündert auf ewige Zeiten, und Sie, Sie Herr Paul – nehmen Sie es nicht übel, daß ich so vertraulich werde, ich meine es gut – Sie mit ihm.«

Paul war von diesen mit einer wunderbaren Ueberzeugungstreue und Sicherheit vorgebrachten Worten mehr erschüttert, als er sich selbst zugestehen mochte. Aber er bezwang sich männiglich und behielt mit dem Aufgebot aller seiner Kraft seine frühere Ruhe bei.

»Haben Sie denn irgend einen Beweis für diese Ihre, den Rentmeister so schwer gravirende Anklage?« fragte er die vom leidenschaftlichen Reden erhitzte Frau. »Wer und was giebt Ihnen das Recht, von diesem Mann so Arges zu denken?«

Die Dralling sah ihn mit flammenden Augen an und lachte dann bitter auf. »Wer mir das Recht giebt?« fragte sie. »Mein Herz, Herr, giebt es mir, mein inneres Auge, mein ganzes Gefühl – ich weiß nicht, wie kluge Menschen das nennen – aber sehen Sie, Herr Paul, wenn ich den Rentmeister nur von Weitem sehe, dann dreht sich mir schon das Herz um – ich möchte auf ihn zueilen, ihm seine glatte Maske vom Kopfe reißen und schreien: Schurke, zeige einmal Dein wahres Gesicht, denn daß es das nicht ist, welches Du hier zeigst, ist so gewiß wahr, wie daß ein Gott im Himmel lebt!«

Paul schüttelte halb ungläubig, halb zweifelnd den Kopf. »Das mag Ihnen Beweis genug sein,« erwiderte er, »aber mir bei Weitem noch nicht, liebe Frau Dralling. Doch werden Sie nur etwas ruhiger, mit übergroßer Hitze kommen wir nicht zum Zweck; wir wollen Alles, was wir kennen und wissen, nicht nur heute, sondern von jetzt an alle Tage recht ruhig überlegen, und ich – darauf verlassen Sie sich – ich werde schon kräftiger handeln als mein Onkel, der seine Geschäfte jetzt in meine Hände gelegt hat – dazu bin ich der Mann und ich habe Zeit und Lust dazu.«

»Und ich danke meinem Gott dafür, denn so habe ich Sie mir vorgestellt, als ich Sie hier eintreten sah. Ja, ich will ruhig sein, Sie haben Recht, den Teufel kann man nicht bei den Hörnern fassen, wie einen wilden Ochsen, denn er kann fliegen und reißt uns am Ende mit in die Luft; aber umschleichen will ich ihn wie eine Katze und ihn belauern, und wo ich ihn auf falscher Fährte ertappe, da werde ich Ihre junge Kraft herbeirufen und dann wird uns das Kunststück wohl gelingen, was bisher noch keinem Menschen gelungen ist.«

»Ich will wünschen, daß es uns gelinge. Sie glauben also, geradeheraus gesprochen, an einen Betrug, der meinem Onkel gespielt ist?«

»O, und an einen recht großen, das versteht sich von selber. Verlassen Sie sich darauf: der Hummer weiß, wo das Vermögen seines verstorbenen Herrn steckt und er hat vielleicht auch das ›Büchelchen‹ – Sie wissen doch?«

»Also davon wissen Sie auch?« rief Paul verwundert.

»O, ich weiß Alles; ich habe ja oft genug gesehen, wie der Professor es in allen Winkeln gesucht hat, wie eine Stecknadel.«

»Das wäre freilich schlimm,« sagte Paul, nachdenklich den Kopf senkend, »doch gewiß ist es nicht.«

»Nein, freilich ist es nicht gewiß und es ist auch möglich, daß der Herr Hummer von dem Buche gar keine Kunde hat.«

»Wann mag er wohl wiederkommen?«

»Ja, das mag Gott wissen!« seufzte die Dralling, »Es sind gestern vierzehn Tage her, daß er ging, ach! mit solcher Lammesmiene und den Professor Gottes Schutze empfehlend. Ich dachte, ja, da ist er freilich besser aufgehoben als in des Teufels Schutz, und das bist Du selber! Da er nun aber über die bestimmte Zeit fortgeblieben ist, so habe ich schon gefürchtet, er sei auf und davon, über alle Berge mit dem ganzen Schatz Ihres Herrn Onkels – und ich würde mich gar nicht darüber wundern, denn er muß endlich eilen, seinen Raub in Sicherheit zu bringen – es wird Zeit.« »Sie sehen allerdings sehr, sehr schwarz!« entgegnete Paul.

»Ich? Schwarz? Nun ja, wenn ich das nicht thäte, müßte mein Seliger nicht Polizeisergeant gewesen sein. Nein, Herr Paul, ich kenne meine Leute, und dieser Herr Hummer, wenn man ihn mit dem rechten Blick betrachtet, ist außen weiß und innen schwarz, und hat ein wahres Teufelsgesicht. Sehen Sie ihn nur an, wenn er sich einmal von Niemanden beobachtet glaubt.«

»Das ist auch mein Wunsch,« erwiderte Paul. »Aber ich möchte ihn eher sehen als er mich sieht, überhaupt ehe er weiß, daß ich hier bin. Wie fangen wir das wohl am besten an?«

Diese Worte brachten Wasser auf Frau Dralling's Mühle. Sie blickte freudig zu dem jungen Manne auf und versetzte rasch: »Das ist sehr einfach, Herr. Wenn er wieder kommen sollte – na, ich zweifle noch daran – so erfahren wir es im Schlosse bald und in der nächsten Viertelstunde wird er beim Professor sein, verlassen Sie sich darauf, denn den behält er immer im Auge und umkreist ihn, wie eine Motte das Licht. Richten Sie es nur so ein, daß Sie nicht im Saal sind, wenn er kommt. Ich gebe Ihnen dann einen Wink, öffne die Wendeltreppenthür im Alkoven und dann steigen Sie von der Galerie der Halle in den Alkoven hinab und hören, was er spricht und sehen ihn sich dabei mit Muße an.«

Paul mußte bei diesem nicht übel ausgedachten Vorschlage unwillkürlich lachen. »Das ist ja aber Spionerie, Frau Dralling,« sagte er, »Sie scheinen wirklich von der Criminalpolizei etwas gelernt zu haben.«

»Gewiß habe ich das. Bisweilen aber, Herr Paul, und zum Beispiel gerade hier ist die Spionerie gut angebracht, wie wollte man denn sonst hinter die Schliche der Menschen kommen? Nun, und finden Sie in dem Mann, den Sie kennen lernen wollen, den Engel, den der Professor in ihm sieht, dann ist es auch gut, dann wird sich eine andere Gelegenheit finden, ihm die Engelshaut abzustreifen – aber ich bin überzeugt, Sie werden mehr mir als dem Professor Recht geben.«

Paul war von der Bank aufgestanden und hatte das Mausoleum noch einmal betrachtet. »Es ist wirklich hübsch erdacht und ausgeführt,« sagte er halb für sich, »und die friedliche Stille rings umher ladet in der That zu ernsten Betrachtungen ein.«

Die Dralling lachte, als sie dies hörte.

»Warum lachen Sie?« fragte er ruhig.

»Na, ich muß wohl lachen, wenn Sie sagen, daß dieser Ort zu ernsten Betrachtungen einladet. Natürlich thut er das und ich begreife auch, warum er es thut. Aber ob auch wohl die Geister und Gespenster der ernsten Betrachtungen wegen hier umgehen?« fuhr sie bitter lächelnd fort.

»Welche Geister und Gespenster?«

»Ah freilich, Sie wissen das noch nicht, Herr Paul,« rief sie lebhaft aus. »Na, dann will ich es Ihnen klar machen. Sie müssen nämlich wissen, daß diese Stelle der Hauptspukort auf dem ganzen Gute ist, und außer dem Gärtner und mir wagt sich kein Dienstbote des Schlosses in die Nähe des Wassers, weil sie alle an Nixen und dergleichen tolles Zeug glauben.«

Paul dachte einen Augenblick nach. »Das erkläre ich mir ganz einfach,« sagte er dann. »Hier liegen Todte begraben und davor haben viele Lebende, besonders ungebildete Menschen Furcht.«

»Natürlich, so wird es wohl zusammenhängen, und darum haben sie den Spuk hierher verlegt. Es soll auch erst so lange hier spuken, als die Leiche des jungen Mädchens da drinnen liegt. Na, ich habe mich nie vor Todten gefürchtet und bin schon zweimal in dem Gewölbe gewesen; einmal mit dem Herrn Professor, als er sich den Sarg seines Bruders ansah, und dann mit dem Rentmeister, der einen Kranz auf den Sarg seines Herrn legen wollte, weil er meinte, es sei sein Geburtstag. Sie können ihm auch einmal einen Besuch abstatten, der Schlüssel liegt oben im Saal bei den übrigen. Es sieht gar nicht schrecklich darin aus. Es ist wie eine hübsche kleine Capelle unter der Erde. Zwei große schöne Särge von Zinn stehen darin und zwei Stühle, und auf dem einen hat oft der selige Herr gesessen, wenn er am Grabe der Dame gebetet hat. Er ist bei offenen Thüren oft stundenlang darin gewesen und die Luft ist ganz rein und frisch, obwohl etwas kühl.«

»Bei Gelegenheit werde ich das Gewölbe besuchen. Also hier soll es spuken?« sagte Paul träumerisch. – »Glauben Sie auch an Spuk?« fragte er plötzlich die ihn aufmerksam beobachtende Frau.

»Ich? Na, da müßte ich nicht Thusnelde Dralling sein! Es giebt keinen Spuk auf der Welt, Herr Paul, Todte gehen nicht um, denn sie können nicht umgehen; aber lebendige Menschen, freilich, die mögen es thun und sie machen oft viel Spuk. Vor den Menschen aber fürchte ich mich nicht, und der soll noch geboren werden, der mich bange macht. Haha! Aber wie gesagt, außer dem Gärtner Barker und mir glauben hier Alle an den Spuk – es sind ja nur dumme Leute und sie haben nie in einer Stadt unter aufgeklärten Menschen gelebt.«

Bei diesem Gespräch waren sie schon von dem Mausoleum fort und dem Schlosse näher gegangen. In dem Augenblick, als sie um die östliche Ecke desselben biegen wollten, kam ihnen ein alter Mann entgegen, der eine Gießkanne in der linken Hand trug. »Da kommt Barker,« sagte die Dralling, »das ist der Gärtner. O Herr, das ist eine treue Seele und gegen ihn müssen Sie freundlich sein. Der steht ganz auf meiner Seite und hat ein Auge auf den Rentmeister wie ich. Er hat ihn nie leiden können, weil er meint, er sei bei dem seligen Herrn ein Fuchsschwänzer gewesen und habe allen Denen, die nicht zu ihm gehalten, das Leben sauer gemacht. – Guten Tag, Barker! Nun was giebt es? Ihr macht ja ein so krauses Gesicht?«

Der Gärtner, der schon von Weitem den rechten Arm wie zum Gruße geschwenkt und damit nach Westen hinüber gedeutet hatte, kam näher. Er war ein ziemlich alter, etwas steifer Mann, mit langen Stiefeln, blauen Kurzhosen und Jacke bekleidet, unter der er ein rothwollenes Hemd trug. Sein Kopf mit den langen grauen Haaren sah ehrwürdig aus und auf seinem gefurchten, sonneverbrannten Gesicht lag der Ausdruck einer behäbigen Heiterkeit, gemischt mit Biederkeit und Selbstgenügsamkeit. Als er den bei den Wandelnden ganz nahe gekommen war und mit seinem treuherzigen Blick Paul scharf in's Auge gefaßt hatte, stutzte er sichtbar und blieb mitten im Gange stehen, indem er die Gießkanne auf den Boden stellte.

»Nun, Barker,« redete die Dralling ihn an, »was blickt Ihr denn so scheu auf? Seht doch, das ist ja unser junger Herr, der Neffe des Herrn Professors – der bleibt jetzt bei uns.«

»Ach Du lieber Gott,« sagte der Alte und nahm höflich seinen zerknitterten Strohhut ab, »das ist ja eine große Freude, aber ich habe mich doch recht erschrocken.«

»Warum denn?« fragte Paul, seine rechte Hand vertraulich auf die Schulter des alten Mannes legend. »Aber setzt nur erst Euren Hut wieder auf, Ihr seid warm, wie ich sehe.«

Der Gärtner sah den Redenden noch immer starr an und konnte sich von seinem Erstaunen nur schwer erholen. »Warum?« fragte er, wehmüthig lächelnd. »O, weil der Herr Neffe dem verstorbenen Herrn so merkwürdig ähnlich sehen – nein, das ist wirklich zum verwundern. So, gerade so ging er aufrecht und fest, als er hierher kam und noch kein Asthma hatte, und eben solche feurige Augen hatte er.«

»Das von Euch zu hören, ist mir angenehm, Barker,« erwiderte Paul liebreich. »Nun, wir wollen gute Freunde sein, nicht wahr?«

»Das wollen wir, wenn es mir erlaubt ist, Herr! Ach, Sie sprechen so gütig wie der Herr Professor und sehen aus wie sein Bruder – das ist ein doppeltes Glück. – Aber was ich vorher sagen wollte,« wandte er sich zu der im Stillen lächelnden Dralling – »ich habe was Neues für Sie. Der Rentmeister ist so eben gekommen und zwar zu Wagen von Dahnen her.«

»Wie? Ist er da?« rief die Dralling, beide Hände vor Verwunderung zusammenschlagend.

»Ja, er muß jetzt schon an seinem Hause sein, und er sah ganz vergnügt aus, als er mir ›Guten Tag, Barker!‹ zurief.«

»Kommen Sie,« sagte die Dralling rasch zu Paul und verabschiedete den Gärtner, der sogleich seines Weges ging. »Nun können wir unsere Verabredung gleich ausführen, es wird keine Viertelstunde dauern, so tritt der Rentmeister in das Schloß.«

Beide schritten eilig der Halle zu, unterwegs aber sagte Paul: »Hier haben Sie schon einen Beweis, Frau Dralling, daß Sie zu schwarz sahen, Ihre Befürchtung, der Rentmeister sei auf und davon gegangen, war ohne Grund, er ist vergnügt zurückgekehrt und tritt sogleich seinen alten Dienst wieder an.«

»Warten Sie es ab, es ist noch nicht aller Tage Abend. Wenn er wieder gekommen ist, so beweist das in meinen Augen nichts, als daß seine Stunde noch nicht geschlagen und daß er seine schwarzen Pläne noch nicht alle ausgeführt hat. Herr Hummer liebt es, in allen Dingen sicher zu gehen, das sagte er bei jeder Gelegenheit; und seine größte Sicherheit ist also noch nicht vorhanden. Haha! Nun Sie aber hier sind, wollen auch wir sicher gehen, und dann wird sich erweisen, wer von uns schließlich am sichersten gegangen ist. Aber jetzt folgen Sie mir auf die Galerie, er darf Sie nicht sehen und kommt gewiß bald.«

Paul folgte ihr schweigend in die Halle und stieg auf ihren Rath ohne Zögern die Treppe nach dem oberen Stockwerk hinauf. Hier wollte sie ihn benachrichtigen, wenn sie die Thür im Alkoven geöffnet hätte, und Paul brauchte in der That nicht lange auf sie zu warten. Sie kam keuchend die Treppe herauf, schloß von innen die Thür eines auf die Galerie führenden Zimmers auf, trat heraus und sagte leise:

»Es ist Alles ganz leicht gegangen. Der Professor sitzt vor seinem Schreibtisch schon lange wieder bei der Arbeit und rechnet. Er hat gar nicht gemerkt, daß ich die Schlüssel genommen habe und dann in den Alkoven gegangen bin. So, nun wissen Sie Bescheid. In diesem Zimmer – da, dort – ist die Thür zur Treppe und nun steigen Sie getrost hinab und setzen sich ruhig auf einen Stuhl. Ich gehe die größte Wette ein, Sie werden nicht lange auf den Besuch zu warten haben.«

Paul war kaum auf die erste Stufe der schmalen Wendeltreppe getreten, als die Thür sich schon hinter ihm schloß, da Frau Dralling besorgte, der Rentmeister könne jeden Augenblick kommen und von irgend Jemanden die Anwesenheit des Neffen ihres Herrn erfahren, weshalb sie ihn selbst im Schlosse empfangen wollte. Um Paul herum war es völlig finster. Da er aber die Treppe und den Ort kannte, wohin sie führte, so stieg er vorsichtig nieder und wenige Minuten später hatte er den Alkoven erreicht, durch dessen schwere und dichte Sammetvorhänge kein Lichtstrahl fiel. Er trat behutsam bis an dieselben heran, zog sie in der Mitte etwas auseinander und blickte mit seltsamer Scheu und einer wunderbaren Empfindung, wie er sie nie gehabt, in den weiten und stillen Saal hinein. Es war ihm zu Muthe, als ob er sich auf unrechten Wegen befände, und doch war Alles so schnell gekommen und der Vorschlag der Dralling war ihm für den angedeuteten Zweck so ersprießlich erschienen, daß er sich keinen Augenblick besonnen hatte, denselben genau zu befolgen.


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