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Erstes Kapitel.
Die Erbschaft – wie sie erscheint

Wunderbar ist es mit den Stimmungen, die den Menschen oft so plötzlich und meist ganz unvermuthet befallen! Wer hat jemals ihre Quelle erforscht oder die Regel erkannt, nach der sie den Geist und das Gemüth beherrschen, und wer hat ihnen je einen Zügel anlegen können, um sie in den Schranken naturgemäßer Strömung zu erhalten? Wie aus den Wolken herniedergesendet oder mit dem Winde herangeweht, nehmen sie unser Gemüth im Sturmschritt ein, und wo wir so eben noch trübe, finster oder traurig blickten, sind wir im Handumdrehen heiter, froh, sogar glücklich geworden.

Etwas Aehnliches sollte auch Paul van der Bosch auf dem Wege erfahren, den er an dem bereits geschilderten Morgen antrat, nachdem er das kleine Haus an der Kugelbaake verlassen hatte. War es ihm doch, als er so in der Frühstunde des Tages und in der frischen kräftigen Seeluft dahin schritt, zu Muthe, als ob die vor Kurzem ihn bedrängenden Ereignisse schon längst in den dunklen Schooß der Vergangenheit und Vergessenheit versunken seien, als bewahre er kaum noch eine Erinnerung an sie und als tage ein ganz neues frisches Leben voller Glanz und Freude vor ihm auf, mit dem sein eben beschlossenes sich in gar keiner Weise vergleichen ließ, ja nicht einmal in irgend einer Verbindung stand.

»Doch halt,« rief er sich zu, als er dieser so plötzlichen heiteren Umstimmung mit einiger Verwunderung sich bewußt wurde, »schreiten wir nicht zu schnell mit siegesgewissem Triumphschritt in's neue Leben hinein, noch sind nicht alle Schwierigkeiten hinweggefegt, sogar noch recht große sind zu überwinden, und wer weiß, ob dann endlich noch der Triumph auf unserer Seite bleibt. Eins aber – eins, o mein Gott, das kann ich bestimmt erhoffen – ihr, ihr bin ich nun schon näher gerückt und – heute Mittag werde ich sogar nur noch zwei Stunden von ihr entfernt sein. Doch still, still – nichts von ihr, noch gar nichts von ihr – die Grüße, die ich bringe, werden sie schnell genug erreichen – zuerst habe ich es mit meinem guten Onkel zu thun, er hat die ersten Ansprüche an mich, und ihn will ich erst hören, bevor ich der Meinung der Menschen da unten beistimme und einen Stein auf ihn werfe. Audiatur et altera pars! Das ist die erste Juristenregel, und auch ich will ihr folgen – kein Plan, kein Vorurtheil, kein Entschluß soll mich vorweg in Beschlag nehmen, erst will ich sehen und hören und dann – zu handeln versuchen, wie ich es nicht allein versprochen habe, sondern wie ich meiner Naturanlage, meinem Rechtlichkeitsgefühl nach handeln muß.«

Als er den ihn bedrängenden Gedanken auf diese Weise hinreichend Luft gemacht, hob er die Augen auf und schaute sich den im vollsten Glanze um ihn her prangenden Morgen an. Die frisch aufquellenden Blätter der Bäume und Gesträuche, die Gräser und Halme, die Wege auf dem Deich und noch viel mehr die in den Niederungen waren noch feucht von dem heftigen Regen der verflossenen Nacht, aber die stille Luft war würzig warm und die Sonne wirkte auf Menschen, Thier und Pflanze schon fühlbar und wohlthätig ein. Die Vegetation schien im Ganzen und Einzelnen in dem kurzen Zeitraum von vierundzwanzig Stunden Riesenfortschritte gemacht zu haben, denn die Ferne war schon mit einem lichten grünen Schleier bedeckt und die zahllosen Obstbäume, an denen Paul unterwegs vorüberkam, strotzten von schneeiger Blüthenfülle, ein Anblick, der in dem fühlenden Menschenherzen immer die Empfindung des Wohlseins und der übersprudelnden Gesundheit hervorruft, weil die Natur selbst, indem sie diese Blüthen erzeugt, im vollsten Besitz ihrer Machtfülle und schaffenden Gesundheit sich befindet. Ja, auch Paul van der Bosch fühlte sich an diesem Morgen kräftig und gesund wie nie. Ein fast brennender Arbeitsdrang belebte seinen Geist und stärkte die Kraft seines Willens; mit der hinter ihm liegenden Vergangenheit hatte er gebrochen für immer, sie hatte sich ihm an irgend einem Puncte krank, hinfällig, der Verbesserung bedürftig erwiesen, und jetzt schritt er mit voller Hoffnungsfreudigkeit in eine neue Gegenwart hinein. Und glücklicherweise war diese Gegenwart, wenn er das einzige ihm vorliegende Räthsel in Betreff der Erbschaft seines Onkels ausnahm, reich an neuen Hoffnungsblüthen, wie die Bäume um ihn her, denn wenigstens in Freundschaft, herzinnigster Freundschaft, konnte er mit Denen leben, zu denen er ging, die er zu finden erwartete, und die Freundschaft, die ist schon viel werth und ein göttlich großer und reicher Besitz, wo ein wärmeres Gefühl durch die Machtgebote der Menschen ausgeschlossen ist.

Mit solchen ermunternden und ihn wahrhaft erhebenden Gedanken beschäftigt, hatte er das Dorf Döse mit seinen vereinzelten Bauer- und Fischerhäusern erreicht und nun wandte er sich, immer noch den Deich verfolgend, dem Dünendorfe Duhnen zu, von wo aus in der Regel die Ueberfahrt nach der Insel Neuwerk unternommen wird, wenn man dieselbe zur Ebbezeit auf dem Landwege über das Watt erreichen will. An der idyllischen Wohnung des ehrwürdigen Strandvogts vorüber, der die dortige Rettungsstation befehligt, wandte er sich nun mehr dem Binnenlande zu und schritt munter durch reiche, in die Marschen eingestreute Obstgärten, bis er endlich den kleinen Höhenwaldungen nahte, die schon auf dem Deichwege von Cuxhafen nach der Kugelbaake seinen Blick angezogen und beschränkt hatten.

Auch hier waren überall feste und hohe, mit Gras bewachsene Deiche gezogen und von ihnen herab sah der rüstige Wanderer tief in das vor ihm liegende Land hinein. Aber hier hörten mitunter die Marschen mit ihren weidenden Viehheerden auf und öde Haidestriche, aus kahlem Geestland bestehend, machten sich bemerklich, bis er endlich die kleine Ortschaft erreichte, wo gestern der Professor den heftigsten Regenguß abgewartet hatte.

Hier erfragte er bei einer ihm begegnenden Frau den richtigen Weg nach Betty's Ruh, und diese deutete ihm einen Fußsteig an, der ihn rascher als ein anderer zum Ziele führen würde. Munteren Sinnes und rüstig ausschreitend kam er bald vorwärts, bis er bei einer Biegung des Weges unerwartet auf dem schon aus der Ferne grün erscheinenden Hügel ein ansehnliches, mit einem Thurm verziertes Gebäude emporragen sah, das ihm sein lautklopfendes Herz als sein jetziges Ziel verrieth.

Er blieb einen Augenblick stehen und betrachtete mit scharfem Auge die weit und lieblich sich öffnende Ferne, die ihm ja nun hoffentlich zur neuen Heimat werden sollte. Dann schritt er wieder weiter, bis er endlich die Mauer erkannte, durch welche das Einfahrtsthor zu der Besitzung seines Onkels gebrochen war. Vor demselben angelangt, war das Schloß seinen Blicken wieder entschwunden, aber der alte Thorhüter lag, seine Morgenpfeife rauchend, im Fenster des ihm zur Wohnung angewiesenen Thürmchens und gab ihm auf seine Frage die Antwort, daß dies der Park von Betty's Ruh und Herr van der Bosch zu Hause sei.

»Ach mein Gott,« sagte da mit einem Mal der Parkhüter und richtete sich aus seiner bequemen Lage auf, »sind Sie vielleicht der Herr Neffe des gnädigen Herrn, der schon seit einigen Tagen erwartet wird?«

»Ja, der bin ich – warum seht Ihr mich so verwundert dabei an?«

»Ach, Du lieber Gott, Herr, daß ich mich freue, da ich Sie nun endlich vor mir sehe, darf Sie nicht wundern. Wir freuen uns Alle auf Sie von dem Augenblick an, wo wir hörten, daß Sie kämen, und ich bin nun der Erste, dem diese Freude zu Theil wird.«

Paul konnte nicht anders, er trat an das Fenster zu dem Mann heran, der ein treubiederes Gesicht hatte, und reichte ihm die Hand.

»Ich freue mich auch, daß ich hier bin,« erwiderte er, »aber nun sagt mir, führt dieser Weg zunächst zu meines Onkels Haus?«

»O, o, ich will hinauskommen und Sie führen, mein Herr!«

»Nein, ich will lieber allein gehen und meinen Onkel überraschen. Beantwortet mir nur meine Frage.«

»Ach so – ja, dies ist der Weg und in fünf Minuten werden Sie vor der Halle stehen.«

Paul grüßte und schritt, lustig mit dem Stock in der Luft fechtend, auf dem bezeichneten Wege fort. Auch hier war die Vegetation schon ziemlich weit vorgerückt, nur die Eichen standen noch kahl und grau da; die anderen Bäume aber hatten sich schon mit ihrem frischen grünen Gewande bedeckt und Paul fühlte sich noch mehr aufgeheitert, als er den hohen Wuchs der Tannen und Birken, der Buchen und Eichen und die geschmackvoll in malerischen Gruppen zusammengestellte Anordnung des Ganzen sah. Nur das Unterholz war hier und da etwas wüst aufgeschossen, und der Rasen, als er weiter kam, entbehrte sichtbar der nachhelfenden Menschenhand, obgleich der warme Regen Alles grün und duftig gemacht hatte.

Da stand er wieder still, denn plötzlich öffnete sich der Weg und vor ihm, auf einem allmälig ansteigenden grünen Hügel, erhob sich der massive Bau des neuen Schlosses. Paul's Herz hämmerte heftiger und sein Auge bohrte sich fast in die von Steinen gezogenen Linien, in die Architektur der Giebel ein und blieb zuletzt, nachdem es die Höhe und Breite des Thurmes mit dem goldenen Mercur gemessen, auf dem Balcon und den schönen dorischen Säulen von grauem Marmor haften, zwischen denen oberhalb der breiten Stufen das broncirte Thor von festem Eichenholz sichtbar wurde.

Mit kürzerem Athem schritt der junge Baumeister dem herrlichen Gebäude näher und ein Lächeln freudiger Ueberraschung erhellte wiederholt seine männlich schönen Züge.

»Das ist kein reiner Styl,« sagte er nach längerer Prüfung zu sich, »es sind in Bezug auf die Stellung des Thurmes einige Fehler begangen, aber im Ganzen ist es doch imposant und gefällig. Die hohen und breiten Fenster mit den riesigen Scheiben, die geraden reinen Linien, das Fehlen alles überflüssigen und carrikirenden Schmuckwerks – alles das behagt mir. Ha, es soll ursprünglich ein Bauwerk in holländischem Styl sein, wie der Erbauer ein Holländer war, und das ist es auch, aber die seltsamen Giebel da oben, die das flache Dach verdecken, sind altdeutsch. Ach, ich wünschte, es sähe mich noch lange Niemand, damit ich mich erst so recht nach Herzenslust satt sehen könnte, und in der That, es ist Alles öde und kein Mensch sichtbar. Ich will mich langsam hinter den Bäumen fort bewegen und wo möglich das Bauwerk von allen Seiten betrachten, ehe ich in sein Inneres eintrete.«

Vorsichtig schritt er nun weiter, bog in einen Seitenweg zur linken Hand ein, so daß das Schloß rechts von ihm liegen blieb und beschrieb einen großen Bogen, bis er endlich in einem mit Hyacinthen- und Tulpenbeeten bedeckten Rasenfleck, etwa mitten zwischen dem Mausoleum und der Hauptfront des Schlosses anlangte, wo er nun endlich der fünf großen Fenster des Saales seines Onkels ansichtig wurde, die mit den schön geschwungenen und vergoldeten Eisenstangen so fest verschlossen waren.

»Ha!« schlüpfte es ihm unwillkürlich über die Lippen, »das ist noch schöner und größer als die jenseitige Nordfront. Aber allerdings, sie verräth in dem Erbauer noch mehr den Sonderling als jene. Warum hat er denn nur die Mitte mit wirklichen Fenstern versehen und die Seitenflügel dunkel gelassen, obwohl die blinden Fenster sehr natürlich gemalt und mit Marmor verziert sind. Der Thurm ist nicht übel, das ist wahr, und jetzt sehe ich, warum er nicht in der Mitte steht: er sollte dieser Hauptfront zur ansehnlichsten Zierde gereichen. Das ist ein Fehler, ja, aber er läßt sich entschuldigen. Ha! Was sehe ich da? Wölben sich da an den Seiten des Thurms nicht durch die spitzen Giebel verborgene Kuppeln auf? Wie? Sollte es möglich sein?«

Fast blieb ihm der Athem stehen, er glaubte – und das bereitete ihm eben die größte Ueberraschung – etwas ganz Besonderes in der Bauart dieses Schlosses zu entdecken; aber da sollte seine stille Betrachtung und Verwunderung ihr Ende erreichen, denn in diesem Augenblick war er vom Schlosse aus bemerkt worden und nun erhielt er Zeichen über Zeichen, daß er erkannt und willkommen sei.

Der Professor saß zu dieser Zeit, nichts in der Welt sehend, weder den schönen Morgen, noch den frischen Thau auf dem im Sonnenlicht glänzenden Rasen, vor seinem Schreibtisch. Frau Dralling war im Saale beschäftigt, den Staub von den Möbeln abzuwischen, was sie stets in Gegenwart des Herrn thun mußte, da dieser ja nie vom Platze zu bringen war, wenn er bei der Arbeit saß. Da ging die Alte zufällig an einem Fenster vorüber, warf einen Blick in den Park und sah draußen auf der bezeichneten Stelle einen hochgewachsenen Mann in hellen Reisekleidern stehen.

»Herr Gott!« rief sie laut, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Was ist denn das? Herr Professor, Herr Professor! Kommen Sie doch – sollte das nicht Ihr Herr Neffe, der Baumeister, sein?«

Jetzt sprang der Onkel Casimir wie electrisirt von seinem Stuhle auf und ein Blick von ihm auf den Fremden reichte hin, in demselben den so sehnlichst Erwarteten zu erkennen, wenigstens zu errathen. Mit zitternden Händen, wobei Frau Dralling ihm aus Leibeskräften half, bemühte er sich, das große Fenster, vor dem, er stand, zu öffnen und als es ihm endlich gelungen war, rief er laut in den sonnig flimmernden Morgen sein: »Paul – Paul, bist Du es?« hinaus. –

Paul nahm den Hut ab und winkte herzlich grüßend hinüber, dann, der deutenden Hand des Professors folgend, schlug er den nächsten Weg nach dem Säulenportal ein, wo ihm schon auf der Treppe der Onkel im grauen Schlafrock und neben ihm die laut keuchende Dralling athemlos entgegengerannt kamen.

»Junge, mein braver Junge!« tönte es von den Lippen des vor Freude Thränen vergießenden Alten, – »habe ich Dich endlich? O, komm an mein Herz, da, da – und sei mir zehntausend Mal willkommen!«

Paul stand, ganz erschüttert von diesem herzlichen Empfang, nach der Umarmung vor seinem Verwandten und drückte noch einmal ihm und dann auch Frau Dralling die Hand, die diese, vor Freude zitternd, schon nach ihm ausgestreckt hatte. Dann aber blieb sie, wie ihr Herr, eine lange Weile schweigend vor dem Neffen stehen und schaute ihn mit eben so verwunderten wie glückstrahlenden Augen an, denn, wie sie sich den Herrn Baumeister Paul van der Bosch in seiner vollsten Jugendblüthe auch gedacht haben mochte, sie wie ihr Herr hatte keine Ahnung davon gehabt, daß derselbe ein so großer, kräftiger und schöner Mann geworden sein könne, wie Beide ihn jetzt vor sich sahen.

Der Onkel, nachdem er sich in sein Glück gefunden, hatte ihn unter den Arm gefaßt und führte ihn nun von der äußeren Säulentreppe in die Halle ein. Hier aber blieb Paul unwillkürlich schon einen Moment stehen und warf einen hastigen Blick nach den mit vergoldetem Gitterwerk geschmückten Galerien, der Glaskuppel und den schön geschwungenen breiten Marmortreppen hinauf, wobei ein fast bedrückendes Gefühl ihn beschlich, denn von solcher Ausschmückung, solchem Reichthum und Glanz erfüllt hatte er sich den Wohnsitz seines alten Onkels denn doch nicht gedacht.

»Aha,« rief dieser, vor Freude sprudelnd, »es wirkt schon auf Dich, wie einst auf mich, ich sehe es wohl. Aber komm' nur weiter, das ist ja nur erst der Anfang des Ganzen.«

Er zog ihn durch die drei kostbaren Vorzimmer, die Paul nur langsam und schweigend durchschritt, da es ihm sichtbar an Worten fehlte und bei jedem Schritt ein neuer Anblick ihn fesselte. Kaum aber war er in den Saal getreten und hatte mit raschem, scharfem Blick das Ganze erfaßt, da geschah Etwas, was weder der Onkel noch Frau Dralling erwartet hatte.

Von einer seltsamen Ueberraschung, die fast dem Schreck gleichkam, ergriffen, war Paul stehen geblieben und ließ sein Auge flüchtig von einem Ende zum andern vom Fußboden bis zur Höhe des ungeheuren Raumes schweifen. Dann erhob er die Arme, als wolle er damit in die funkelnde Höhe hinauf streben, in der schon das helle Licht der Sonne spielte, und rief laut:

»O mein Gott, mein Gott, was sehe ich! Das ist ja mein architektonischer Traum, den ich hier verkörpert und verwirklicht erblicke! Ja, ja – ich erkenne ihn wieder – da sind die beiden Kuppeln, die ich mir nie so herrlich wieder construiren konnte – da ist der lichte Mittelraum mit der grandiosen Wölbung, den hehren Fenstern – da ist Alles, Alles, der Schmuck, die Verzierung – wie ich es einst in meinem jugendlichen Traume gesehen!«

Der Professor stand wie versteinert vor ihm. »Wie, das hast Du Alles schon einmal gesehen, mein Junge?« fragte er mit ganz bleichem Gesicht.

Paul lächelte, glückselig, wie er lange nicht gelächelt, und nun erzählte er auch dem Onkel den Traum, den er einst beim Banquier Ebeling im Garten seiner Freundin Betty erzählt hatte.

»Das ist ja seltsam,« sagte der Onkel, als der Erzähler geendigt, »und mir ist es noch nie vorgekommen, daß man etwas träumen kann, was man noch nicht gesehen hat.«

»O ja,« rief da die Dralling, »mir ist es erst gestern ähnlich ergangen und diesen Augenblick fällt es mir wieder ein. Ich habe von dem Herrn Baumeister geträumt, ohne ihn gesehen zu haben, und in meinem Traume sah er gerade so aus, wie er jetzt vor mir steht.«

»Dummes Zeug!« sagte der Professor leise zu der Haushälterin. »Besorgen Sie lieber das Frühstück, denn der Junge ist wahrhaftig durch die Nässe zu Fuß gekommen. Wo ist Dein Koffer, Paul, he?«

»In der Kugelbaake, lieber Onkel, wie Du es mir riethest. Ich muß Dich schon bitten, ihn holen zu lassen.«

»Das soll Alles besorgt werden!« rief die glückliche Dralling und trippelte hinaus, um alle Beine und Arme im Schlosse in Bewegung zu setzen und mit Triumph auszurufen, daß der Herr Baumeister gekommen sei und daß nun eine ganz andere Zeit in Betty's Ruh beginnen werde.

Unterdessen hatte der Professor seinen Neffen in die Mitte des Saales geführt und hier auf einem Sopha vor einem der Kamine mit ihm Platz genommen, wobei Letzterer sich jedoch noch immer nach allen Seiten neugierig umblickte, als ob er sich noch gar nicht von seinem Staunen erholen könne.

Da aber faßte der Onkel noch einmal seine Hand und sagte in einem warmen und die Tiefe seiner Gefühle verrathenden Tone: »Mein lieber Junge, ich kann Dir unmöglich mit Worten sagen, wie groß meine Freude ist, Dich bei mir zu sehen, und ich habe fast die Empfindung, als ob mit Dir eine Art Messias in mein Haus getreten wäre. Auch Du bist überrascht, mich in so wunderbaren und großartigen Verhältnissen zu finden, ich sehe es, und nun kannst Du Dir ungefähr einen Begriff davon machen, wie mir zu Muthe war, als ich zum ersten Mal unter dies hochgewölbte Dach trat. Nun ja, es konnte nicht gut anders sein, ich hatte ja nie in einer großen Stadt gelebt und mit keinem Luxus in irgend einer Art Bekanntschaft gemacht. Ich war ja von jeher nur ein vertrockneter Bücherwurm, der seine Augen nie auf etwas Anderes als seine Buchstaben und Ziffern richtete, und von dem vielgestaltigen Genuß der reichen Menschen hatte ich gar keinen Begriff. So trat ich hier ein und ich war wie benommen von Allem, als ich sah und erfuhr, daß das Alles mir, mir allein gehören solle. Das konnte ich nur schwer begreifen und es wollte mir durchaus nicht in den Sinn. In den ersten Tagen getraute ich mir gar nicht auf diese köstlichen Teppiche zu treten oder mich auf die Sessel von Sammet und Seide zu setzen, weil ich sie zu verderben fürchtete. Auch faßte ich Alles neugierig an wie ein Kind, fragte mich bei jedem Gegenstande, was er wohl kosten könne, und erst allmälig gewöhnte ich mich an Einzelnes, obgleich mir das Ganze noch jetzt unbegreiflich vorkommt. Allein der Mensch gewöhnt sich ja schnell an das Allerseltsamste und so erging es auch mir zum Theil. Nur an Eins konnte ich mich nicht gewöhnen und das hat mir bis jetzt die größte Sorge bereitet, und das ist der Zustand der Verlassenheit und Hülfslosigkeit, in den ich Mich trotz der Anwesenheit und des Beistandes des guten Rentmeisters hier versetzt sah. Ich meine damit nicht die Stille und Einsamkeit, die auf dem ganzen Gute und besonders in diesem Saale liegt, ach nein, die war sogar eine Wohlthat für mich, da ich ja von jeher Ruhe und Stille um mich her geliebt habe. Freilich, als ich hier ankam, war es in dem Park da draußen und hier im Hause nicht ganz so still wie jetzt, es trieben sich genug Menschen darin umher, viel mehr sogar als nothwendig, aber als sie endlich fort waren – denn sie mußten fort – da erst trat diese Ruhe und Stille ein, aber zugleich auch die traurige Rathlosigkeit, der Mangel aller Hülfe bei der Bewältigung von Dingen, in denen ich nie stark gewesen bin. Und als diese Dinge mir nun über den Kopf wuchsen, mich unglücklich machten, da mir auch der Rentmeister, trotzdem er sich die größte Mühe gab, nicht helfen konnte, da vermochte ich es endlich nicht mehr auszuhalten, und – von einem guten Engel berathen, den mir plötzlich die Vorsehung sandte – schrieb ich an Dich und bat um Deinen Beistand, den Du mir nun so freundlich durch Deinen Besuch gewährt hast. So, ja, so steht die Sache, und nun habe ich gleich mein Herz auf einen Schlag erleichtert.«

Er ließ eine Pause eintreten und sah seinem Neffen glücklich lächelnd in das erstaunte Gesicht.

»Warum mußten denn jene Menschen, die ehemaligen Diener Deines Bruders, von hier fort?« fragte Paul mit der größten Ruhe.

»Warum? Ei – doch nein, jetzt noch keine Erklärungen, keine Schilderungen, mein Junge – erst wollen wir uns freuen, uns genießen, uns aneinander aufrichten. Und dann, wenn Du Dich gestärkt hast – es ist ja auch meine Stunde, wo ich etwas zu essen pflege – dann sollst Du meine – nein, unsere Erbschaft sehen, und wenn Du sie gesehen, das heißt, den rechten Begriff davon erhalten hast, dann erst will ich Dir erzählen, was ich Dir erzählen muß, und darauf wird sich ja meine ganze unselige Lage von selbst ergeben.«

Paul, immer noch voller Verwunderung und vergeblich den Schlüssel zu dieser ›unseligen‹ Lage des Onkels suchend, wollte eben etwas entgegnen, als Frau Dralling wieder erschien, den großen Speisetisch deckte und mit Chocolade, kaltem Fleisch und verschiedenen anderen Dingen versah. Während sie aber ihre Arbeit mit fast athemloser Hast verrichtete, flogen ihre Blicke immer wieder nach dem Neffen ihres Herrn hinüber, der, ohne es zu ahnen, so glücklich war, schon bei seinem ersten Erscheinen das Vertrauen der guten Frau Dralling gewonnen zu haben.

»Ja,« sagte sie zu sich, als sie das edle Gesicht des jungen Mannes studirte und seine stattliche Größe im Verein mit seiner männlichen Kraft bewunderte, »ja, ja, der ist ganz so, wie er sein muß, um hier zu helfen und zu wirken. Das ist der Mann, den verdammten Schurken die Hälse zu brechen, die hier im Dunkeln ihr Wesen treiben und unter dem Fell des Lammes den raubgierigen Wolf verbergen. O, hat er nicht ganz die Gestalt und den Wuchs und die Kraft meines seligen Dralling? Bei Gott, ja, und nun weiß ich, warum er mir gleich von Anfang an in's Herz gewachsen ist.«

Bald darauf lud sie die Herren zum Frühstück ein, wobei sie sie nach Kräften bediente. Als Paul aber nach eingenommener Mahlzeit sich gleich an die nähere Besichtigung seiner Umgebung begeben wollte, sagte der Professor:

»Wenn Du meinem Vorschlage folgen willst, so lässest Du Dir erst das ganze Haus von mir zeigen, ehe Du Dich hier genauer umsiehst und Dich von den Dingen unterrichtest, die Du doch näher kennen lernen mußt. Allerdings ist dieser Saal das schönste Gemach im ganzen Hause; aber nicht etwa darum habe ich mich darin häuslich niedergelassen, wie mein verstorbener Bruder vor mir, sondern weil ich hier Alles zur Hand habe, was ich gebrauche, ein Umstand, der namentlich bei meiner Ankunft schwer in's Gewicht fiel. Hätte ich meine Neigung befragen dürfen, wo ich wohnen wollte, so würde ich diesen mir so wenig zusagenden Raum zuallerletzt gewählt haben. Er ist mir zu groß, zu prächtig und ich verliere mich fast darin. Am liebsten hätte ich die Eckzimmer nach der Ostseite da oben bezogen, die sehen meiner alten Wohnung in ... am meisten ähnlich; da finde ich mich zurecht, da verlaufe ich mich nicht und da habe ich für den Winter so niedliche kleine Oefen, die mir hier ganz und gar fehlen und doch viel gemüthlicher sind, als diese schwarzen Marmorkamine mit allem ihrem Tand, an denen man sich versengt, wenn man ihnen zu nahe kommt und die mit ihrer Wärme doch kaum den ganzen Raum auszufüllen vermögen.«

»Dann laß Dir doch ein paar geschmackvolle eiserne Oefen davor setzen, die geben Wärme genug –« warf Paul lächelnd ein.

Der Onkel machte ein erschrockenes Gesicht. »Um Gotteswillen,« sagte er, »fange nur nicht gleich zu bauen an. Wo soll ich denn das Geld dazu hernehmen? – Ja so – davon nachher. Nun laß uns zuerst unsere Reise antreten, wir haben einen ganz hübschen Marsch zu machen und vielerlei bunte Sächelchen zu sehen.«

Frau Dralling war auf ihres Herrn Geheiß schon mit einem ganzen Korbe voller Schlüssel vom Alkoven die Wendeltreppe hinauf in das obere Stockwerk gestiegen, um die Thüren zu öffnen und die Vorhänge der Fenster in die Höhe zu ziehen. Ihr folgten die beiden Herren bald, nachdem Paul von seinem Onkel erfahren hatte, wo er selbst schlief, und daß die alte dumme Person, die Dralling, es durchaus gewollt habe, daß auch der Gast in diesem Alkoven sein Lager aufschlage.

»Du wirst nicht damit zufrieden sein,« fuhr er in seiner Erklärung fort, »und ich verdenke Dir das nicht, denn Du könntest Dir zehn bessere Schlafstätten wählen. Aber wenn Du mir einen Gefallen thun willst, so sprich mit der einfältigen Person selber darüber, ich habe mir schon die Lunge müde geredet, doch sie beharrt auf ihrer Meinung wie ein stätisches Pferd.«

»Warum will sie denn durchaus haben, daß ich mit Dir in einem Zimmer schlafe?« fragte Paul lächelnd.

Der Professor, der eben auf der Wendeltreppe emporstieg, während sein Neffe hinter ihm her kam, blieb stehen, drehte sich um und rief, mit dem rechten Zeigefinger auf seine Stirnfalte deutend: »Weil sie sich überkluger Weise in den närrischen Kopf gesetzt hat, man wolle mich umbringen, um mir die im Saale aufgehäuften Schätze und mein Bischen Geld zu rauben. Kannst Du Dir etwas Unsinnigeres denken, mein Freund? – Du mußt nämlich wissen,« fuhr er weitergehend fort, »sie leidet mitunter an Hirngespinnsten. Außerdem war ihr verstorbener Mann ein Polizeisergeant, und der arme Mensch hat ihr Mißtrauen gegen die ganze Menschheit eingeflößt. Nun bildet sie sich ein, auch mein Polizeisergeant sein zu müssen und liest auf jedes Menschen Antlitz, der in meine Nähe tritt, das Verbrechen des Mordes und Diebstahls. Doch – laß mich nichts weiter darüber reden, es ist reine Zeitverschwendung. Sie wird Dich übrigens bald genug in eine Ecke ziehen und Dir ihre dämonischen Warnungen in die Ohren flüstern. Sapienti sat, nun bist Du genügend darauf vorbereitet.«

Unter solchem Gespräch kam man in den oberen Räumlichkeiten der nördlichen Schloßseite an und hier hörte man auf zu sprechen, da es Vieles und dabei sehr viel Schönes zu sehen gab. Es war nicht der Luxus und Reichthum, der bisweilen fast in Verschwendung ausartete, welcher hier aller Orten zu Tage trat und Paul's Verwunderung erregte, nein, es waren wirklich die mit Geschmack gesammelten und aufgestellten Kunstgegenstände aller Art, die er bewundern mußte. Während man so von Zimmer zu Zimmer weiter schritt, nahm sein Gesicht allmälig eine höhere Färbung an, kaum konnte er fassen, daß ein einziger Mensch allein so viele Schätze besitzen könne, und in diesem Gefühle sagte er, als man die Halle wieder erreicht hatte und in die unteren Zimmer der Westfront getreten war, die den Vorzimmern des Saales gegenüberlagen:

»Das ist ein großartiges Denkmal, Onkel, welches Dein Bruder seiner Jugendliebe gesetzt hat. Ich kann Dir unmöglich die Bewunderung verhehlen, die Alles und Jedes in mir hervorruft. Du bist in der That reicher geworden, als ich es für möglich hielt; alle meine Erwartungen sind bis jetzt weit übertroffen und man könnte versucht werden, zu glauben, daß Du einer der glücklichsten Menschen auf Erden seiest, wenn Schätze und Reichthümer der Art glücklich machen können.«

Der Professor, von diesen Worten tief ergriffen, blieb stehen, seufzte tief auf und sah seinen Neffen mit einer wahrhaft kläglichen Miene an. »Urtheile nicht zu früh, mein Lieber,« sagte er, »sonst bist Du nicht so weise, wie ich es von Dir geglaubt habe und wie Du jetzt sein mußt. Ich habe Dich absichtlich erst hier umhergeführt, damit Du sähest, was ich geerbt, nachher, wenn wir mit Sehen fertig sind; sollst Du auch hören, und dann, wenn es Dir beliebt, theile mir Dein Urtheil mit, und wenn Du mir dann noch einen Glückwunsch zu sprechen hast, will ich ihn dankbar annehmen, obgleich ich wahrhaftig nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Dinge, mögen sie von Gold und von Edelsteinen strotzen, wie hier und dort drüben so viele, sind in meinen Augen nur Gerümpel, wenn sie zu nichts zu gebrauchen sind, und ich, wie ich einmal bin, verstehe sie nicht zu gebrauchen.«

Paul schwieg eine Weile, den dunklen Sinn der Worte bedenkend, die der alte wunderliche Mann eben mit auffallendem Eifer gesprochen hatte; dann aber äußerte er das Bedauern, daß alle diese schönen Räume so leer ständen.

»Bis jetzt, ja,« fuhr der Onkel ruhiger fort, »aber ich konnte doch nicht in dem ganzen Hause wohnen. Von heute an aber, hoffe ich, werden sie nicht mehr leer stehen; Du kannst Dir eine Wohnung aussuchen, so groß Du sie haben willst.«

Hier brach der Professor ab, denn eben fiel ihm ein, daß sein lieber Neffe ja nur auf eine kurze Zeit bei ihm sei, und der Gedanke, daß der kaum Gekommene wieder von ihm scheiden könne, zerriß ihm schon jetzt das Herz. So trat man ziemlich schweigsam wieder durch die drei Vorzimmer in den Saal ein und nun begann Paul mit ruhiger Ueberlegung darin umherzuwandeln und sich jede einzelne Abtheilung desselben, von der Bibliothek anfangend, zu betrachten. Vor allen Dingen aber zog ihn für jetzt noch die architektonische Gestaltung des Ganzen an. Er konnte den freien kühnen Bau der Kuppeln, die anmuthige Wölbung des Mittelraums, den Mechanismus, wodurch die Kuppelfenster geöffnet und geschlossen und die Sonne abgehalten und die Luft zugelassen werden konnte, nicht genug bewundern. Dann kam er auf die Zusammenstellung der Farben zurück, die für sein kunstgebildetes Auge eine so wunderbare Harmonie zu Wege brachten, daß er eben so sehr staunen wie sich freuen mußte – eine Untersuchung und Betrachtung, auf welche der Professor noch niemals verfallen war. Auch die Auswahl der Gemälde, meist Landschaften und Genrebilder aus deutscher und niederländischer Schule, entzückte ihn, eben so die der größeren und kleineren Statuen, Uhren und Vasen und dergleichen mehr, denn der Werth aller dieser Kunstwerke war so bedeutender Art, daß man bei ihrer Betrachtung nicht blos einen flüchtigen Genuß empfand, sondern daß man sie alle Tage mit erneuter Freude und wachsendem Verständniß begrüßen und studiren konnte.

Endlich war man bis zu der Besichtigung des schönen Raumes gekommen, in welchem das Billard stand. Als man auch hiermit fertig war, drehte Paul sich zu dem Onkel um und sagte, indem er auf die mit der gewöhnlichen Eingangsthür correspondirende Thür an der hintern Wand des Saales deutete: »Du hast mich ja nicht durch diese Thür aus den Gemächern der Westseite zurückgeführt. Oder hat der Saal nur jenen einzigen Ein- und Ausgang, wenn wir den an der Wendeltreppe im Alkoven abrechnen?«

»So ist es in der That,« erwiderte der Professor. »Nur durch die Wendeltreppe und jene Thür in der Bibliothek kann man den Saal erreichen oder verlassen. Ich betrachte dies als einen Fehler in der Bauart, der vielleicht der Laune meines Bruders oder der seines Baumeisters seinen Ursprung verdankt; die kluge Frau Dralling dagegen behauptet, diese Einrichtung habe man wahrscheinlich nur deshalb getroffen, um sich gegen Diebe zu schützen, und aus demselben Grunde auch seien so wenig Fenster im Saale angebracht und diese wenigen obendrein so stark vergittert.«

»Dann mag Frau Dralling doch wohl nicht so ganz Unrecht haben, lieber Onkel. Auch ich theile diese Ansicht und schließe daraus, daß das Wichtigste und Werthvollste des ganzen Besitzes Deines Bruders Quentin in diesem Saal enthalten gewesen sei.«

»Darin hast Du allerdings Recht,« erwiderte der Professor, »und ich will Dir nachher, sobald ich meine Erbschaftsgeschichte erzählt habe, auch den geheimnißvollen Ort zeigen, wo mein Bruder – haha! – seine Schätze aufbewahrte, die ja wenigstens aus drei Millionen bestehen sollten, wie man mir lächerlicher Weise in Hamburg und Cuxhafen in's Ohr flüsterte, worüber gleich damals der Rentmeister Hummer, als ich ihm diese Fabel mittheilte, sein Urtheil sprach, indem er sagte: er wisse freilich nicht, wie groß das Vermögen seines Herrn gewesen sei; daß es aber so groß sei, müsse er durchaus bezweifeln, da ja der so rechtliche Quentin sonst eine viel höhere Collateralsteuer für mich, seinen Erben, gerichtlich hätte feststellen lassen müssen, als wirklich geschehen, wie ich mich in Betty's Ruh mit eigenen Augen überzeugen würde. Nun ja, natürlich, das war mir einleuchtend und ich hatte ja auch keinen Augenblick an eine solche Fabel geglaubt, denn – es wäre ja unvernünftig und obenein eine Sünde, wenn ein einziger Mensch drei Millionen in seinem Besitz haben sollte.«

Paul lächelte über dies seltsame Argument des so bescheidenen und uneigennützigen Onkels und erwiderte dann: »Mir hat man auch an verschiedenen Orten gesagt, daß Onkel Quentin ein Millionair gewesen sei.«

»Haha!« lachte der Professor. »Na ja, warte es nur geduldig ab. Von mir sollst Du bald die Wahrheit erfahren, und wenn es Dir Vergnügen macht, kannst Du Dir nachher auf Groschen und Pfennige oder vielmehr auf Mark und Schillinge, wie man hier sagt, das baare Vermögen berechnen, über welches ich jetzt zu gebieten habe.«

Paul nahm wieder seine ruhige Miene an und deutete noch einmal auf die vorher bezeichnete Thür, da er noch immer nicht wußte, wohin sie führte oder wozu sie diente.

»Sie ist wohl nur blind oder verbirgt einen Schrank,« fragte er, »und am Ende wohl nur der Harmonie wegen mit jener dort dem Kamine zur Seite gesetzt?«

Der Professor lachte laut und überaus lustig. »Da haben wir's,« sagte er, »Du fällst gerade in denselben Irrthum wie ich, der ich diese köstlich gearbeitete und so reich mit Gold verzierte Thür auch für eine sehr wichtige hielt. Als ich aber erfuhr, wohin sie führt, habe ich mich königlich über die Narrheiten der Menschen amüsirt. Und Quentin – das ist gewiß wahr – hat auch ein gut Theil davon weggehabt. Na, damit Du nicht länger in Unruhe bist, wollen wir sie einmal aufschließen und erkunden, was sie verbirgt.«

Er ging langsam nach seinem Schreibtisch, zog ein Fach darin auf, welches ganz voller großer und kleiner Schlüssel war, von denen ein jeder auf einem Brettchen seine Bezeichnung trug, und wühlte lange darin umher, bis er endlich den rechten fand. Es war dies ein großer, sehr künstlich gearbeiteter Stahlschlüssel mit einem vergoldeten Griff. Als er diesen Schlüssel zu sich gesteckt, zündete er eine Wachskerze an und nun forderte er Paul auf, ihm zu folgen und einen neuen Theil seines schönen Erbes zu besichtigen, wobei er heiter lächelte und seinen Neffen in völliger Ungewißheit ließ, ob er etwas Kluges oder Närrisches zu sehen bekommen werde.

»Trage Du die Kerze,« sagte der Professor, indem er sie dem jungen Manne hinreichte, »so, und nun folge mir.«

Man war bald vor der bezeichneten Thür angelangt und hatte sie leicht geöffnet. Der Professor schlug einen der schweren Flügel zurück und nun sah Paul eine noch festere Eichenholzthür vor sich, in deren Schloß sorglos ein starker Schlüssel steckte.

»Siehst Du,« sagte der Professor, »ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, die nun folgenden Schlüssel herauszuziehen und einzuschließen. Ich habe dergleichen so schon mehr als genug. Du magst daraus entnehmen, daß ich auch hier nicht so leicht bestohlen zu werden fürchte, wie Frau Dralling, die auch dies Vermächtniß für ungeheuer kostbar hält. Haha! Nun – merkst Du etwa schon Etwas?«

Bei diesen Worten hatte er schon die zweite Thür geöffnet und Paul sah, wie das Licht seiner Kerze eine abwärts führende steinerne Treppe beleuchtete, die augenscheinlich in einen Keller führte, was ihm auch die ihm entgegenströmende feuchtkühle und mit einem eigenthümlichen Dufte geschwängerte Luft bestätigte.

»Ah,« rief er, dem niedersteigenden Onkel folgend, »ist hier etwa der Weinkeller Deines Bruders gewesen?«

»Du hast es errathen, mein Junge, ja, das ist das ganze Geheimniß. Sieht es nicht nach etwas ganz Anderem aus? Ich dachte auch Wunder was ich finden würde, und es war nichts als Wein. Haha! Mein Bruder hat es geliebt, Alles was er zum täglichen Gebrauche nöthig hatte, in seiner unmittelbaren Nähe zu haben, und dazu hat er auch wohl seinen Keller gerechnet. Für mich ist dieser Keller der erste gewesen, den ich in meinem Leben betreten habe, bisher hatte ich nur davon sprechen hören.

Nun sieh da – da sind wir im Allerheiligsten – blicke Dich um und freue Dich, wenn Du ein Liebhaber davon bist.«

Paul schaute verwundert ringsum. Was er vor sich sah, war allerdings ein großer Reichthum – an Wein, denn die großen festgewölbten Räume, die er nach einander durchschritt, enthielten auf zweckmäßig geordneten Brettergestellen einen ungeheuren Vorrath aller möglichen schon auf Flaschen gefüllten Weinsorten, wovon jede auf einem besonderen Schild ihren Namen und das Jahr ihres Ursprungs trug. Paul las nicht ohne einiges Vergnügen sehr edle Namen und vortreffliche Jahrgänge, und da er fast jedes Fach bis auf den letzten Raum gefüllt fand, wandte er sich lächelnd an seinen ihn aufmerksam beobachtenden Onkel und sagte:

»Es ist ja Alles voll – Du hast das Fehlende wohl in letzter Zeit ergänzt?«

Der Professor lachte laut auf. »Hältst Du mich für den Abkömmling eines Bacchanten?« fragte er lustig. »Bei Gott, für mich brauchte der Wein nicht auf der Welt zu sein, da ich ja nie welchen getrunken habe, als bis ich hierher gekommen bin, wo mir die Dralling täglich ein paar Gläser mit Gewalt aufdrängt. Nein, lieber Junge: so, wie es hier liegt, habe ich Alles gefunden, und wenn Du ein Liebhaber von dergleichen Zeug bist, so kannst Du Dir ein Genüge thun. Da, laß uns gleich ein paar Flaschen für heute mit hinauf nehmen, dann braucht sich die Dralling nicht zu bemühen, die jetzt hier das Oberaufsichtsamt führt. Welche Sorte ziehst Du vor?«

Paul war heiter geworden, ohne es vielleicht selbst zu wissen. Er wählte einige Flaschen aus und dann stieg man wieder die Treppe hinauf; der Professor verschloß rasch alle Thüren und warf den letzten Schlüssel mit einer gewissen Geringschätzung in das Schlüsselfach. Im Saal fanden sie Frau Dralling ihrer wartend vor, und als diese die Herren mit einigen Flaschen beladen sah, glaubte sie, sie wollten trinken, und so holte sie gleich Gläser herbei und setzte sie auf den Tisch, an dem sie Onkel und Neffen vorher hatte sitzen sehen. Dann entkorkte sie eine von Paul angedeutete Flasche Rüdesheimer und goß den goldenen Wein, der einen lieblichen Duft um sich her verbreitete, in zwei schöne Crystallgläser ein.

»Ist er denn gut?« fragte der Professor mit seltsam zweifelhaftem Gesicht den Neffen, als dieser an dem Glase roch und dann von dem Inhalt kostete, wobei jener mit gespanntem Lächeln beobachtete.

»Er ist köstlich, Onkel, und Dein Bruder Quentin hat wirklich auch darin Geschmack gehabt.«

»Gott sei Dank!« rief der Professor, »nun bin ich wieder eine Sorge los. Bisher wußte ich gar nicht, was ich mit allen den verschiedenen Vorräthen anfangen sollte, die für meine Gewohnheiten nicht im Geringsten berechnet schienen. Sage einmal – hast Du Dich vielleicht auch dem Laster des Tabackrauchens ergeben?« fragte er mit neugierig heiterer Miene.

»Dem Laster nicht, lieber Onkel, aber ich finde wohl ein Vergnügen daran, eine gute Cigarre zu rauchen, obgleich es mich fast bedünken will, als würdest Du es nicht gern sehen, wenn in diesem Saale geraucht wird.«

Der Professor lachte wieder laut auf und lief spornstreichs nach seinem Schreibtisch, wo er abermals im Schlüsselfach herumkramte. Hastig kam er endlich mit einem neuen Schlüssel zurück, schloß damit einen der Schränke neben dem Kamin auf und sagte: »Da – sieh einmal her – was meinst Du dazu? Mein Bruder hat auch diese Dinger immer zur Hand gehabt, und nun rauche so viel Du willst, – hier gebe ich Dir den Schlüssel zu dem Schrank – mich hindert es nicht und der Rauch zieht schnell zu den Fenstern da oben hinaus.«

Paul war an den schönen Schrank getreten und fand denselben von oben bis unten mit ächten Havannahcigarren gefüllt. Ueber sein Gesicht flog ein heiteres Staunen und er sah bald den Onkel, bald Frau Dralling an, die sich Beide freuten, daß auch für diese Sammlung ein Liebhaber gefunden war. –

Eine Viertelstunde später saßen Onkel und Neffe, zu ernsterem Gespräch gerüstet, auf dem Sopha. Vor ihnen standen gefüllte Weingläser; von Paul's Cigarre stieg in langsam wirbelnden Rauchsäulen ein köstlicher Duft in die Kuppelhöhe, an der Frau Dralling, ohne dazu aufgefordert zu sein, ein Fenster geöffnet hatte.

»So,« begann der Professor, »nun sitzen wir endlich allein, zur Stärkung eine Flasche Wein vor uns – wie mir das seltsam vorkommt, kannst Du Dir gar nicht vorstellen, aber hier ist ja Alles seltsam – die Alte ist in die Küche gegangen und ich könnte Dir nun meine Geschichte zu erzählen beginnen. Indessen habe ich noch etwas Schweres auf dem Herzen und davon muß ich mich zunächst befreien. Also – laß mich einmal mit der Thür in's Haus fallen – für mich ist diese Frage Wichtiger als Du denken magst – auf wie lange Zeit wird Dein Besuch mich glücklich machen? Du hast dich doch hoffentlich auf mehrere Wochen von Deinen Geschäften abgelöst?«

Ueber Paul's bisher so heiteres Gesicht flog ein ernsterer Schatten. Er setzte das Glas, welches er eben an die Lippen führen wollte, auf den Tisch und sagte: »Du sprichst da eine Frage aus, die ich ebenfalls gern zuerst erörtert hatte, und ich danke Dir, daß Du mir darin entgegenkommst. Ich habe gar nicht nöthig gehabt, mich von meinen Geschäften abzulösen, um Dich zu besuchen, sondern man hat es mir sehr leicht gemacht, indem man mich aus freien Stücken diesen Geschäften überhob. Ja, staune nicht zu sehr, ich bin augenblicklich heimatlos, außerdem aber bin ich Herr meines Willens so gut wie meiner Zeit, ich kann bei Dir bleiben, so lange ich will, und ich hoffe so bald nicht wieder von hier fortzugehen, wenn Du mich nicht selbst dazu aufforderst.«

Des Professors Gesicht hatte schon lange ein verwundertes Staunen verrathen. »Wie soll ich das verstehen?« fragte er mit unsicherer Stimme, die vor unterdrückter Freude hörbar bebte.

Paul begann nun seine Geschichte zu erzählen, die der Leser ja kennt, und die mit der Ausweisung aus seinem bisherigen Wohnorte schloß.

Sein Onkel hatte mit wachsendem Staunen bis an's Ende zugehört und nur bisweilen einen lauten Ausruf der Verwunderung oder Beistimmung von sich gegeben. Als der Erzähler aber fertig war, sprang er von seinem Sitze auf, klatschte vor Freuden in die Hände und rief: »Wie, das nennst Du ein Unglück? Ei, wie die Menschen die Dinge im Leben doch so verschieden beurtheilen, je nach dem Gesichtspunct, aus welchem sie dieselben betrachten! Bei Gott, Junge, ich halte das ja gerade für das größte Glück, welches mir –, und vielleicht auch Dir – begegnen konnte. Wahrhaftig, das fehlte nur noch, um mich wieder ruhig und heiter zu stimmen und so – gieb mir die Hand, mein Junge – habe ich Dich ja ganz für mich und mein Haus gewonnen. Natürlich bist Du hier in Deiner rechten Heimat – in doppelter Beziehung – und hier hast Du mich für's ganze Leben. O, nun wollen wir wirklich glücklich mit einander sein, so gut wir es können, und wenn ich den ganzen Firlefanz von Gold, Schmuck und Kunst verkaufen sollte, um mich mit Dir zu ernähren – es soll wahrhaftig geschehen, sobald es nöthig sein wird. Aber Du bist mein, das ist die Hauptsache – so, und nun habe ich den Muth, Dir in aller Ruhe auch meine Geschichte zu erzählen, nachdem Du mir die Deine erzählt hast.«

Paul sah den so ungestüm redenden Onkel, dem die wahrhafteste Freude aus den Augen blitzte, groß an und wußte nicht, was er von seinen Reden denken sollte. Auf der Stelle fiel ihm ein, was Friede Winstrup an der Kugelbaake ihm erzählt, und der Geiz, den man dem guten Professor nachgesagt, nahm in seinen Augen eine immer wunderbarere Gestalt an, die sich freilich in einer sehr natürlichen Weise am Ende der Erzählung darstellen sollte, mit deren Beginn der alte Herr nun nicht mehr lange zögerte.


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