Emanuel Friedli
Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums / Vierter Band: Ins
Emanuel Friedli
Titel Ins

 

Bärndütsch als Spiegel bernischen Volkstums

von

Emanuel Friedli


Vierter Band: Ins

(Seeland 1. Teil)

 


Mit 171 Illustrationen im Text und 10 Einschaltbildern nach Originalen von A. Anker, R. Münger, W. Gorgé, F. Brand, sowie nach photographischen Original-Aufnahmen von Dr. E. Hegg, Dr Ed. Blank und anderen, einer Karte und zwei geologischen Profilen.

Herausgegeben mit Unterstützung der Regierung des Kantons Bern


Bern - Verlag von A. Francke (vorm. Schmid & Francke) - 1914

 

Ins

Gemalt von W. Gorgé

Ins, Moos, Wistenlacherberg, Murtensee

Standpunkt unterhalb des Galgenhubels

Diesen Band widmen
der hohen philosophischen Fakultät der Hochschule Bern
zum Dank für die verliehene Doktorwürde
 
Verfasser und Verleger:
Dr. phil. h. c. Emanuel Friedli
Dr. phil. h. c. Alexander Francke

 

Inhalt des Bandes «Ins»

Vorwort

Übersicht der Lesezeichen

Abgekürzte Ortsnamen

Das Eiland der Juragewässer

Vorblick.

Hoch und Tief im Seeland

Steine, die Brot werden

Wasser und Bad

Im Reich der Lüfte

Versumpfung und Entsumpfung

Seen und See

Die Wasserschaukel

Überschwemmungschronik

Moor und Moos als ursprünglicher Sumpf

Verlandung

Entsumpfungsversuche

Der Dokter Schniider

Die Juragewässerkorrektion.

Im Reich der schwarzen Erde

Moosrechte

Moosweide

Moosheuet

Im Torfmoor

Witzwil im Großen Moos

Weitere Moorkultur

D’Rüstig

Zuckerrüben und Rübenzucker

Die bernischen Kraftwerke im Seeland

Wald, Wild, Weide, Wiese

Wald und Holz

Holzarten

Rodung

Wild und Jagd

Alte Wald- und neue Bergweide

Matten

Von der Ackerkrume zur Brotkrume

D’s guet Land

Pflügen und pflanzen

D’Frucht

Mehl

Brot

Vom Ei zum Käse

Das Eier und die Huen

D’Waar

D’Eißer Cheserei

Häuslichkeit in Ankers Heim

Us Ankers Leebe

Ankersche Personenbilder

Familienleben und Geselligkeit

Des Leibes Fülle und Hülle

Dach und Fach

Dorf und Welt

Das Seeland im Krieg

Bereitschaft

Manöver im Moos

Aus der alten Eidgenossenzeit

General Weber und seine Zeit

Unter fremden Herren und Heeren

Aus der neuen Schweiz

Schwert und Stab

Der Seeländer in der Gerichtsstube

Strafe

Vorbauung

Das Chorgericht von Ins

Verhandlungen

Schlag- und Streiflichter

Quellen, Belege, Verweisungen


 

Motto

Heute verlangen wir von einer mundartkundlichen Arbeit, daß sie tief in der Lokalgeschichte verankert sei. Die Sprache eines Gemeinwesens ist ja nur eine der mannigfaltigen Formen seines Lebens, ist das subtilste Zeugnis seiner Kultur, ist von den übrigen Lebensäußerungen nicht zu trennen. Die Zeiten sollten vorüber sein, da ein Philologe einfach die Lautlehre einer Mundart schrieb, als wäre diese Mundart vom Himmel gefallen. Aber auch der Lokal­geschichts­forscher sollte an der lokalen Sprache nicht vorüber gehen. Er sollte neben Textproben des örtlichen Dialekts vor allem auch das Namensmaterial geben. Und für den Historiker wie für den Geographen muß dabei gelten, daß zu jedem Namen die ortsübliche mundartliche Form verzeichnet werde.
    Prof. Dr. Morf im Bulletin de dialectologie romane 1909 I, 8.9.
.  .  .  .  .  .

Sprachwissenschaft ist nur ein Teil der Kulturwissenschaft. In der Vereinigung von Sprach- und Sachwissenschaft liegt die Zukunft der Kulturgeschichte. Wir wollen die Sachstudien fördern, aber nicht nur die Studien der gedruckten Quellen, sondern vornehmlich die Sachstudien im Volke.
    Wörter und Sachen, herausgegeben von Meringer, Meyer-Lübke, Mikkola, Much, Murko (Heidelberg, Winter). Jahrgang I (1909), im Vorwort.

Vorwort.

Es gibt wohl kaum ein Land, das in verhältnismäßig enger Begrenzung größere Mannigfaltigkeiten aufweist, als der Kanton Bern. Nicht nur die landschaftlichen Unterschiede sind hier fast unvergleichlich, sondern ebenso verschieden sind die in den so viel gepriesenen hohen Gebirgsgegenden und in den Niederungen des Mittellandes angesiedelten Bewohner. Dies ist der Fall sowohl in bezug auf ihre Sitten und Gebräuche, als namentlich auch hinsichtlich der mundartlichen Redewendungen zum Ausdruck ihrer Gefühls-, Gedankens- und Willensäußerungen.

Alle diese Verhältnisse bringt unser «Bärndütsch» zur Darstellung, und zwar durch jeden bis jetzt erschienenen Band für je eine einzelne Ortschaft als charakteristischen Mittelpunkt einer bestimmt begrenzten Gegend, eines Landesteils des Kantons. Die Sprünge von Lützelflüh in die Gletscherwelt von Grindelwald, von da in das aussichtsreiche Guggisberg und von hierin das geschichtlich am weitesten zurückreichende Ins im Seeland, wobei jeder dieser Orte volkskundlich erforscht, nach seinen Eigentümlichkeiten geschildert und, daran anknüpfend, die Mundart gekennzeichnet wird, weisen alle ungemein große Verschiedenheiten auf. Ins steht zu den drei andern Gegenden auch hinsichtlich der Bodengestaltung und Bodenbehandlung und manch anderer Beziehung in besonderem Gegensatz.

Bei der Wahl eines seeländischen Ortes übte Ins deshalb nicht geringe Anziehungskraft aus, weil es die Heimat des großen Malers Albrecht Anker ist, des warmen Freundes seiner Seeländer und gründlichen Kenners von Land und Leuten. Leider starb der ehrwürdige Mann noch vor Beginn der Arbeit in Ins. Diese wäre bei der dem Seeländer angebornen und ausgenötigten Vielgeschäftigkeit wenn nicht unmöglich gemacht, so doch außerordentlich erschwert worden, wenn dem Verfasser nicht andere Gewährsmänner mit freundlichem Entgegenkommen die Hand geboten hätten. Als solche werden hier mit verbindlichem Dank genannt: Regierungsrat Karl Scheurer in Bern, Herr und Frau Direktor Kellerhals-Scheurer in Witzwil, alt Regierungsrat Scheurer und Großrat Gyger in Gampelen, Pfarrer Schneider, Dr. Hagen, Lehrer Probst, die VIII Lehrerfamilie Anker, die Schaffnerfamilie Stucki, Fräulein Helene Schwab in Ins und Rosa Bloch in Vinelz, sowie Pfarrer Wüthrich in Kerzers. Andere Namen gründlicher Sach- und Fachkenner sind im Buch an ihren Stellen angegeben. Auch der Hilfe der Schweizerischen Landes- und der Berner Stadtbibliothek, sowie des Staatsarchivs, deren ausgiebige Benutzung dem Verfasser durch gütige Gewährung der freien Fahrt auf der Direkten Bern-Neuenburg ermöglicht wurde, gedenken wir hier mit bestem Dank.

Den Herren Dr. Emil Hegg, Rudolf Münger, Willy Gorgé und Fritz Brand, die dem «Bärndütsch»-Unternehmen von Anfang an und nun auch in diesem vierten Bande ihre schätzenswerte Mitwirkung angedeihen ließen, zollen wir ebenfalls unsere volle Anerkennung, desgleichen den Herren Dr. Ed. Blank in Erlach, Dr. Dick in Lyß, Franz Rohr, Buchhalter Köhli in Witzwil, Lehrer Willener in Leimiswil und Buchenel in Gampelen, die durch gediegene Beiträge die künstlerische Ausstattung des Bandes, der ihrer heimatlichen Gegend gewidmet ist, ermöglichen halfen.

Der Familie unseres Altmeisters, namentlich Frau Dr. Anker-Rüefli, verdanken wir aufs angelegentlichste ihre Beiträge zum Lebensbild des Verewigten.

Das vielgestaltige Ins und seine nähere und weitere Umgebung boten den, Forscher und Bearbeiter so reichhaltigen Stoff, daß bald nach Beginn der Darstellung an eine Erweiterung des Bandes oder an eine Verdoppelung desselben gedacht werden mußte. Von dieser letztern nahm die Kommission im Einverständnis mit dem Verleger aus leicht begreiflichen Gründen Umgang, machte sich aber um so eher mit dem Gedanken vertraut, eine Ortschaft am linken Ufer des Bielersees, im eigentlichen Rebgelände und an der Grenze von «Deutsch und Welsch», als neuen Ausgangspunkt für das Seeland-«Bärndütsch» zu bezeichnen, und zwar wurde hierfür Twann in Aussicht genommen, wo die Familie Irlet-Feitknecht ihre schätzenswerten Hilfskräfte dem Unternehmen bereits zugewendet hat. Um in den romanistischen Partien des Bandes «Twann» die gegenwärtige, auf eingehende Patoisstudien gegründete Richtung voll und ganz zu Worte kommen zu lassen, dürfen wir uns — wie in zwölfter Stunde auch noch für «Ins» — der freundlich hingebenden Wegleitung des Herrn Dr. Fankhauser von Burgdorf, Gymnasiallehrer in Winterthur, erfreuen. Für die Urgeschichte ist uns die Mitwirkung der Herren Museumsdirektoren Wegeli und Widmer-Stern, sowie der Herren Dr. Groß und Dr. Ischer gesichert. Die für beide Seeland-Bände ausgewählten Materien werden nicht etwa territorial, sondern sachlich verteilt. «Ins» und «Twann» sollen gleichsam Brennpunkte einer Ellipse sein, von deren jedem aus in gegebenen Fällen IX das gesamte Seeland volkskundlich und sprachlich beleuchtet wird. Nur so veranschaulichen wir dessen mundartliche Vielgestaltigkeit und vermeiden wir schablonenhafte Wiederholungen. Der unentwegt tätige und entgegenkommende Verleger, Dr. Alexander Francke, erklärte sich, wie bereits bemerkt, mit der Erweiterung des Planes einverstanden, und die hohe Regierung sagte in verdankenswerter Weise ihre Unterstützung auch diesem neuen Bande zu.

Anläßlich der Berner Hochschulfeier vom 30. November 1912 wurden die beiden an dem «Bärndütsch»-Unternehmen vorzugsweise Beteiligten, der Verfasser, Emanuel Friedli, und der Verleger, Alexander Francke. zu Ehrendoktoren ernannt. Wir freuen uns dessen aufrichtig und zwar um so mehr, als damit bewiesen ist, daß ihre Arbeit in der offiziellen Gelehrtenwelt die richtige Würdigung findet.

So möge es denn dem verdienten Verfasser Dr. Friedli vergönnt sein, sein Lebenswerk, die Sammlung und Gestaltung des reichen Sprach- und Kulturschatzes unseres Kantons durch Vollendung der noch ausstehenden Bände zu einem glücklichen Ende zu führen!

 

Im Auftrag der Direktion des Unterrichtswesens des Kantons Bern

die mit der Leitung des Unternehmens betraute Kommission:

Jakob Sterchi, alt Oberlehrer, Präsident,
Prof. Dr. Heinrich Türler, Staatsarchivar, Sekretär,
Dr. Felix Balsiger, Gymnasiallehrer,
Dr. Otto von Greyerz in Glarisegg.

Bern, im Herbst 1913.

Übersicht der Lesezeichen.

ă ĕ ĭ ŏ ŭ: kurze Vokale, im Gegensatze zu den erinnerungsweise durch Doppelschreibung als lang bezeichneten Stammsilbenvokalen.

á é í ó ú: Träger des Wort- oder Satztons.

a̦: gegen o hin verschobenes a.

ạ: als a statt o zu sprechender Vokal (z. B. Bạum).

ẹ: eng geschlossenes e; z. B. Bẹẹr (Zuchteber) gegenüber Beer (Bär).

ị ụ ụ̈ Ị Ụ: geschlossene Laute,

i̦ u̦ ü̦ I̦ U̦: offene Laute.

ë ï: entrundete ö und ü (vgl. Grindelwald); in älterer Sprache links des Bielersees.

ḁ e̥ o̥: zum «Murmellaut» (romanistischem e) reduzierte Vokale: Erlḁche̥risch, Landero̥n.

ḷ: gelegentlich geschriebenes, zu u vokalisiertes l. (Vgl. Lützelflüh und Guggisberg.)

ṇ’, ṇ: ng. z. B. in Huṇg (Honig).

n͜d = ng, z. B. in Han͜d (Hand).

s̆: als sch gezischtes s, z. B. in Wiflis̆burg.

z̆: als tsch gezischtes z. z. B. in z’letz̆t.

k = gch.

sp = schb (in allen Stellen des Worts).

st = schd (in allen Stellen des Worts).

Hochgesetzte Buchstaben bleiben stumm; sie sind bloß verdeutlichende Anlehnungen an gewohnte Schriftbilder.

Allgemein übliche Abkürzungen:

ahd. = althochdeutsch; engl. = englisch; fz. oder frz. = französisch; gr. = altgriechisch; it. = italienisch; lat. = lateinisch; mhd. = mittelalterlich hochdeutsch; mlat. = mittelalterlich lateinisch.

Abgekürzte Ortsnamen

Br. = Brüttelen.
Erl. = Erlach.
Fh. = Finsterhennen.
Ga. = Gampelen.
Gä. oder Gäs. = Gäserz.
Lg. = Lengnau.
Li. = Ligerz.
Lü. = Lüscherz.
Mü. = Müntschemier.
Si. oder Sis. = Siselen.
Tr. = Treiten.
Tsch. = Tschugg.
Tw. = Twann.
Vi. = Vinelz.

Das Quellenverzeichnis erscheint am Ende des Bandes.

Dem dort mit ausgeführten Müntschemierer Urbar (Urb. Mü.) sind die zehn Initialen dieses Buches entnommen.

Das Eiland der Juragewässer.

Vorblick.

Et vous, dont l’étrange parure
Me retrace l’hiver même au sein de l’été,
Alpes! votre fière structure
Des dons que nous fit la nature,
Doit marquer la stabilité.

Ah! que j’aime vous voir dominer sur les nues,
Quand le soir, à regret quittant ces bords chéris,
Phébus prête au cristal de vos cimes chenues
L’éclat de l’améthyste ou les feus du rubis!

Vous n’offrez aux regards que l’image cruelle
D’un climat triste et rigoureux,
Où l’oeil se perd au loin dans les rochers affreux
Que couvre une glace éternelle.

Mais la paix pour demeure a choisi vos vallons...1

I.

Wie friedvoll in der Tat, aber wie hoheitsvoll zugleich, grüßen die Alpen herüber nach unserm Eiß! Es blinken und es blitzen, von der Abendsonne entzündet, die Firnen vom Titlis bis zum Montblanc und über diesen hinaus bis zur Dent d’Oche. Und es malen, wenn an einem Wintermorgen2 gewaltige Schneestürme über die Hochgipfel dahintoben und in der aufgehenden Sonne die treibenden Schneewolken wie gleißende Flammen züngeln und lecken, die Alpen dem gefesselten Blick einen Weltenbrand vor. Über den dunkeln Zackenrand der weißen Berge wallt rotes Feuer von Osten und erlischt am 2 Wetterhorn vor dem Glast der glühen Kugel. Ein andermal3 umschlingt, vor Sonnenaufgang, ein feuerrotes Band am Morgenhimmel Alpen und Jura als altes Geschwisterpaar. Dann aber beleuchtet die Königin des Tages das von der machtvoll hehren Schwester und dem ruhevoll ernsten Bruder zu gemeinsamer Pflege zwüschen ịịchḁ4 g’noo̥nen Wickelkind. Wir meinen das zwischen Alpen und Jura hingebettete schweizerische Mittelland.

Überschauen wir den bernischen Ausschnitt desselben!

Blick auf Erlach und Chasseral von Vinelz

Vom Signal der Rööti, wie der Höhepunkt der Gäschleren (s̆s̆), des Gästeler, Gästler oder Chasseral geheißen wird, späht der Blick südostwärts. Als Orientierungspunkt dient ihm, wenn der Himmel günstig gelaunt ist, der Münsterturm in Bern. Sein schimmerndes Weißgrau taucht in das Dunkelblau der Aar, die g’strackts gegen Thun hinaufweist, den Schlüssel des Oberlandes. Die verlängerte Linie führt ins Herz des Oberlandes, wo auf Grindelwalds wetterbraune, malerisch verstreute Alpenhäuser und «Schịịrleni» das helmbewehrte Haupt des Finsteraarhorns trutziglich herniederschaut.

3 Zur Linken aber, wie zur Rechten jenes Aarefadens breiten sich die zwei voralpinen Landschaftsgebilde. Aus Lützelflüh und Guggisberg kennen wir ihre wunderlich zerfurchten Bergwellen, auf deren flachen Rücken und sonnigen Gehängen die Hunderte eigenartig bernischer Mittellandhäuser mit Wohnung, Tenn und Stall mit Bühne unter einem Dach wohl abgerundete «Pụrenhööf» und kleine «Tagwanerg’schickli» beherrschen. Die entferntesten liegen, wie im Oberland, Stunden weit ab vom stattlichen oder winzigen Pfarrdorf und dem Verwaltungssitz der einheitlichen Kirch-, Schul-, Einwohner- und Burgergemeinde. Einige solche sind chlịịni Kantönli.

Blick vom Jolimont auf Erlach und die Petersinsel

Nun verfolgen wir den Aarefaden in seiner wunderlichen Bremgartenschleife, seinem Lauf nach Westen und seiner mit der ihn bereichernden Saane gleichlaufenden Richtung. Da reißt sich plötzlich bei Aarberg der Fluß aus seinem Naturbette los, wirst sein silberig glitzerndes Band nach der Mitte des Bielersee-Ufers und endigt im blitzenden Schaumgewirr des Hagnecksturzes seinen der Natur abgetrotzten Lauf. Wir wissen: das ist Menschenwerk. Der das Seeland weit und breit verödende Drache des mäisterloosigen Wassers mußte sich la̦n zäigen: hie dü̦ü̦rḁ gäit’s! und muß nun im 4 Sklavendienste der Blitzkraft Wärme bringen, Licht schaffen, Titanenarbeit leisten.

So seit wenigen Jahrzehnten. Aber Jahrmyriaden zuvor vollendete die Natur selber ein unvergleichlich größeres Segenswerk nach verheerenden Katastrophen. Sie ergoß mit dem Aaregletscher über das öde Schwemmgestein des Urmeeres die nährstoffreiche Bodenschicht, auf welcher nun alle die Berghöfe und Weiler, die durch Bodenbestand unterbrochenen und die stattlich geschlossenen Dörfer des bernischen Mittellandes, sowie des Frienisbergs und seiner Umgebung sich hinbreiten.5

An Machtenfaltung und Machtbereich übertraf aber den Aar-Eisstrom bei weitem der Rhonegletscher. Jenen links und rechts begleitend oder abdrängend, modelte er das Tiefland des Oberaargaus und des Seelandes als nordbernische Seitenstücke und als südliche Fortsetzer der beiden Voralpengelände zu den ausgesprochenen Dorflandschaften.

Die westliche derselben, unser Seeland im engern Sinne, überblicken wir nun schärfer, wenn wir von des Chasserals zackigem und gewundenem Grat stufenweise absteigen nach Präge̥lz, nach dem Twannbärg, nach Schäärne̥lz oder nach der Festi über Ligerz, oder nach dem Pavillon du Genevret (juniperetum, Räckolteren) über Neuenstadt, und schließlich nach dem Juwel der Bielerinsel.

Dieses am Sonntag von buntem Leben wimmelnde Eiland — einst eine Totenstatt wie Jahrtausende nachher der Schaltenräin mit seinen keltischen Grabhügeln — ist am Werktag der rechte Ort, um uns das erstaunlich hohe Alter westseeländischer Siedelungen zu veranschaulichen.

Wir blicken empor nach der Windsaagi über Twann, wo (nach jüngster Vermutung Sachverständiger) an dem vor rasendem Bärgluft geschützten Reginastäin der altsteinzeitliche Jäger aus späteiszeitlichem Kalklöß sein Fụ̈ụ̈rli entzündete. Nachdem der Gletscher die Juraseen ausgehobelt, erhoben sich an ihren Ufern die kunstreich gebauten Pfahldörfer. (S. «Twann».)

Hier wie nirgends erwahrt sich die Stetigkeit der Siedelungsorte.6 Aber wie verschiedenartig umrahmten keltorömische, spätrömische, burgundische, alamanische Ansiedlungen das linke und das rechte Bielerseegestade!

Die Müntschemiergasse von Ins

Di alt Beereschüür = die alti Post
(Nach einem Gemälde von Baumann, um 1830)

Nicht das Volkstum freilich, sondern die Natur sprach hier das erste Wort. Sie lockte aus den zerschlissenen Kreidemantel des Juragehänges 6 den Wịịnbụụr und wies ihm die zutage tretenden Kalksteine an zum Stedtli-artigen Zusammenschmiegen seiner dicht an den See hinangedrängten ein- oder zweigassigen Dörfer, Dörfchen, Weiler.

Rechts des Sees dagegen boten der leicht zugängliche, mächtige Schaltenrăin und der Tschụlimu̦ng (Jolimont) das Holz zu den Mittellandhäusern (S. 3) des Chüehbụụr, welchem Wein und Fisch immer kärglicher den Beutel spicken und den Tisch besetzen helfen. Der rechtsufrige Seeanwohner und der Trockenlandbesiedler unterscheiden sich immer weniger in der Hansanlage. Beide setzten auf den leichten Dachstuhl das schmal- wie breitseitig stu̦tzig Straudach, welches hu̦rtig trochnet, darum nid fụụlet, und dessen Temperaturausgleich im Winter warm gibt und im Summer chüehl. Nach seinem Bauplan richtet sich auch das polizeilich gebotene Ziegeldach. Nur verteilt sich dessen Last über einen viel größer gewordenen Ökonomieteil.

Denn u̦f d’Bühni, wo nicht uf den Meerid, wandern jetzt auch des Mooses erschlossene Schätze, und ihrer wartet en Stall voll Simmendaaleren, deren Milch blühende Chĕsereien auf technischer Höhe behält.

Und im Moos und uf dem «gueten Land», wie gablet und zablet das beim pflanzen und bu̦tzen (jäten), häüen und su̦mmeren! Vierjährige bis achtzigjährige Familienglieder, die tụ̈ụ̈ren Dienstenlöhn ersparend, eilen vielleicht en Halbstun͜d wịt von einem Acherli oder Mätteli, Riemli und Blätzli, Strumpfban͜d oder Hoosendreeger zum andern. Ein in seiner Buntheit nirgends sonst gesehener Wechsel von Formen und Farben malt dem Auge eine Flurzerstückelung vor, welche auch nach längst erloschenem Flurzwang noch lebhaft an die Gewanne der altdeusch sippenmäßigen Dorfschaften erinnert.7

Zu derart zersplittertem kleinbäuerlichem Besitze nah und fern dem geschlossenen Haufendorf tritt ab und zu ein Einzelhof in Gegensatz: die Berggüter des Jolimont (Erlach) und der vordern und hintern Bụdléi (Vinelz), die Talgüter der un͜deren Bụdléi, des Ried und der Mụụrstụụden (Ins), der Fäggen (Brüttelen), der Kanalmühli (Treiten). Ein so alter Hof wie der letztgenannte kam freilich mit der frühern Weid- und Holzgemeinde seines Dorfes in Konflikte (s. «Ackerkrume») und macht es verständlich, wie noch ältere Höfe zu eigenen G’mäinli sich anszuwachsen strebten. Der Gu̦u̦rzelen (curticellum, 7 «Höfchen») gelang dies auf die Dauer nicht; ebensowenig der alten Hüttengruppe Äntsche̥rz, welcher sogar eine eigene Kirchgenössigkeit in Gampelen eignete. Das einzig verbliebene Haus gehört nun der Anstalt Tschugg. Zu eigenen Duodezgemeindchen erwuchsen dagegen die alten Höfe Mụllen, diese Enklave von Erlach, und Gäse̥rz, diese um zwanzig Minuten von Brüttelen entfernte Gruppe der fünf Bauerngüter. Als es deren drei weitere zählte, unterhielt es es äigets Schüeli. Nun bildet es gerne mit Brüttelen eine Wald- und Schuelg’mein, wie von jeher Mullen eine Schulgemeinde mit Tschugg.

Als eigene Dorfgemeinde war bei seiner Gründung Witzwil (s. d.) mit seinen acht Höfen (Linden-, Tannen- usw. Hof) gedacht. Nun ist es Korrektionshaus, wie d’Anstalt z’Eiß und Sant Johannsen für Zwangsarbeit eingerichtet sind. In dem einst gleich reichen und stolzen Kloster Frienisbärg nähren, wie zu Worben, Gemeindsverbände ihre wirtschaftlichen Invaliden. Die noch mehr bedauernswerten Fallsüchtigen aber sammelt die Berner Kirche im einstigen Herrenhụụs Tschugg, wie vorher in dem unmöglich gewordenen Herrenbaad z’Brüttelen. In diesem herbergt nun der Staat erziehungsbedürftige junge Mädchen, wie ebensolche Knaben im Schloß Erlach. Dieses stolze Schloß ist eine der vier seeländischen Burgen, welche in ihren Mauern oder deren Nähe geschichtlich bedeutungsreiche Stedtli bargen.

Ohne solchen Rückhalt ist die Hasenburg oberhalb Vinelz in die Versenkung blasser romantischer Erinnerung getaucht.

Ein so vergangenheits- und zukunftsreiches Stück Erde ist das Seeland, aus dessen unerschöpflicher Lebensfülle wir nun in zwei Bänden en-paar-igi (einige) Einzelbilder herausarbeiten.

 
1 Aus dem einst berühmten Gedicht La vue d’Anet (S. 16 der Mittelpartie der — 1756 erstmals erschienenen — Poésie et opuscules philosophiques) de feu M. le Prof. Lerber, membre du Conseil souverain à Berne. MDCCXCII.   2 Wie am 8. Jan 1912.   3 Wie am 8. Febr. 1912.   4 Diese Schreibung rechtfertigen wir unter «Dach und Fach».   5 Vgl. Dr. Hermann Walsers «Dörfer und Einzelhöfe» mit der Karte S. 39.   6 Vgl. Hoops 1, 42.   7 Vgl. Hoops 1, 41 ff. und bei Walser aaO. den Grundplan von Treiten (S. 12)  
 

II.

Seeländisches Leben im Spiegel seeländischen Sprechens. Ist nun freilich, wie man weiß, dieser Spiegel bei der heutigen Abtragungs- und Ausgleichsarbeit an den Mundarten allzumal z’Blätzenwịịs erblindet, brüchig, rissig, verzogen, so ist das nid hurtig in einem Maße der Fall wie hier. Zum intensiv gesteigerten Weltverkehr kommt das Unglück all der Brände, welche wie 1848 in Ins fast alle mundartkundlich wertvollen Dokumente vernichtet haben.

So gäben die Erinnerungen der «ältesten Leute» eines der eng umzirkelten Seelandsdörfer während der kurzen Ausholungsfrist weniger Jahre kein Buch, wo sich der weert weer (es in die Welt zu setzen). Um so interessereicher wird das Bild sein, in welchem bodenständiges Sprachgut des gesamten Seelandes relieffähige Lebensgebiete einigermaßen 8 widerzuspiegeln vermag. Wir geben darum z. B. in Flurnamen allgemein seeländisches oder doch dem ganzen Amt Erlach eigenes Sprachgut, schreiben das Lebensbild des Generals Weber brüttelerisch und durchsetzen das Kapitel «Witzwil» mit städtisch-erlachischen und gampelerischen Sprachproben, räumen aber immerhin, wie selbstverständlich, in diesem Inser-Buch dem nach Möglichkeit rekonstruierten Eißerisch die Führerrolle ein.

Schloss Erlach

Nach Aberli, ca. 1783

Erleichtert wird uns die Arbeit, wo die dörflich gesonderte Geselligkeit des Seelandes — in welchem keineswegs der Kirchturm, sondern das neuere Schultürmchen und der alte Dorfplatz zur sprachlichen Einheit führt — «gelungene» Ausdrücke von recht lokaler Heertchu̦ft geprägt hat. Solcher Art sind z. B. die Sätze, mit welchen bereits Konfirmanden der nämlichen Kirchgemeinde enan͜deren d’Reed veranteren, was natürlich der Liebi käins Ha̦a̦r schadt. Die Sprachunterschiede werden begreiflicherweise mit der größern Spärlichkeit des Verkehrs noch auffälliger.

So z. B. zwischen Aarberg und Siselen. Ihre Entfernung beträgt fünf Viertelstunden, was zu der wortwitzigen Vertröstung geführt hat: Was säist du, du häigist in dị’m Leeben no käin gueti Stun͜d g’haan? Lauf nu̦mmḁn von Arbeerg uf Si̦i̦selen (oder: von Biel uf Pieterlen), denn hescht en gŭeti Stun͜d!

«Ga̦n Si̦i̦selen sịn se̥ ’gangen, gället!» wiederholt spottend der Aarberger, der, außerhalb des Gebiets der Stammsilbenlängung wohnend, gemäß der eigenen Sprache u̦f Sịselen geit, der die 10 inserischen Mĕrtrụ̈ụ̈be̥lli (Johannisbeeren) als Meertrụ̈̆beli pflückt usw. (Vgl. die Lyßer Proben unter «Moorkultur».)

In der Altstadt Erlach

Mit dem Aarberger aber teilt der Siseler, der bis 1803 dem Nidauer Amt als dem un͜deren G’richt zugeteilt war, das vordere a.1 Auch er wird also, wenn er den kleinen Wagen nicht bequemer wenden kann, d’s Wäägeli hin͜der ụmmḁ traagen. Den eine Viertelstunde entfernten Kirchgenossen aus Feisterhénnen aber, der als Obergrichtlicher von jeher zum Amt Erlach gehörte, läßt er spottend d’s Wöögeli hin͜der u̦mmḁ troogen. Dieser a̦ ist überhaupt ländlich erlachisch, klang jedoch im alten Müntschemier so auffällig als enges o, daß der Inser spottete: Der Koori (Karl) isch in d’Rääben go hocken. D’s Moorei isch in d’Chuchi go d’Soch mochen. Du̦ het es du̦ acht Chochcheli (Tassen) verschloogen. Der Votter het bbouget («gebalgt», geschimpft).

Das ä in «Rääbe» hält die Mitte zwischen dem sehr offenen ä der Zürcher, der Oberhasler usw. und dem ganz engen ẹ, welches in der Galser Schẹẹri oder den Galser Schẹẹrinen («les» ciseaux) bis zum Überdruß wiederholt wird. Von diesen, ẹ in Bẹẹr (Zuchteber) unterscheidet der Inser und der Vinelzer den immerhin als e zu schreibenden, wiewohl offenern Laut in Beer (Bär), ich weer (wäre), Beerg usw.

Waain me̥r haaim? hää — (hein)? klingt des alten Lüscherzers Einladung zum Geleit nach Hause. Die ländlich Erlachischen außer dem alten Strich zwischen Brüttelen und Siselen sprechen äi, hüten sich aber instinktiv, auch altes î oder in in diese Strömung zu ziehen. Kein echter Inser wird sich «Äißer» statt Eißer nennen und etwa von der «Cheeseräi z’Äiß» statt von der Chĕserei z’Eiß sprechen. Äi reicht auch über den Bieler- (nicht dagegen über den Murten-) See hinüber. Desgleichen (außer in Lüscherz) au statt ou. Der Baum ist der Bạum, die Frau die Frạu; Bäume sind Bäüm. Das Heu ist dem Inser Häü, dem Vinelzer Höü, dem Lüscherzer Häi; der Reif am Faß ist dem Lüscherzer ein Räiff, dem Inser ein Räüff, der Weibel letzterm jedoch der Wäibel.

Man sagt nicht Klee, sondern Klee̥! korrigierte ein Inser, der aber erst recht auch ein Müntschemierer oder ein Gäserzer hätte sein können, als Sprachlehrer. Häit er schoo̥n z’Moorgen g’haan? kann der Inser fragen und vom Gampeler zur Antwort bekommen: Nääin, Halbsti̦i̦fel. Klang dieses oo̥ in alter Sprache erst recht breit als u̦ä oder gar als ŭ̦ää, so war der spöttische Bescheid doppelt angebracht.

11 Junge Inser ersetzen diese fallende Zweigipfligkeit der oo̥, ee̥, öo̥, die man sich übrigens keineswegs etwa als durchgreifend denken darf, durch glatte Länge. Sie unterlassen ebenso, gleich den alten Insern des Oberdorfs und selbst noch Jungen in Kerzers der Riemmen z’ziehn, d. h. in angelegentlicher betonten kurzen Sätzen aus den Stimmausklang (die Kadenz) ein eigenes Schwergewicht zu legen. «Warum düngst du deine Reben, da sie doch keine Trauben mehr versprechen?» Und denn d’s Chrụụt? Und d’Boo̥hnäää!

Dieses «Chrụụt» muß man sich also ebenfalls fallend zweigipflig denken, im Gegensatze zum Chrụ̆t, Zị̆t, wị̆t der glatten Rede in Ins, dem Chrụụd und dem Zụ̈tt der am altertümlichsten sprechenden Lüscherzer und Gäserzer.2 Das energische «Nehmen» des schließenden Schlaglautes steht abermals im Zwiespalt mit dem baslerisch weichen Daag, Bụụr in Stärkewechseln wie gueten Daag, Pụụrendochter! Reibelaute klingen auslautend ebenfalls merklich scharf; man ist beinahe versucht, wie Fueß auch Hụụß und wie döörffen auch er daarff zu schreiben. Im Zusammenhang damit steht die Vokalkürzung vor wirklich gedoppeltem ss und ß: en Hụ̆ffen wị̂ßen Haaber. Daß ch die analoge Rolle spielt, liegt nahe. Ebenso die süddeutsche Aussprache des k als ggch außer in inserischen Archaismen wie: das soll der Gü̦ggel bi̦ggen (picken)! Auch die Untertanenschaft und Nachbarschaft des Basler Bistums ist hieran beteiligt. Bloß das alte Dü̦sche̥rz (s̆s̆) und Hălffe̥rmee (Alfermee), das doch seinerzeit seine Zugehörigkeit zur Kirche Sutz in der Kahnfahrt über den See betätigen mußte, spricht noch von Huṇ’gg und Anggen.

Ein ganz besonderes Augen- oder vielmehr «Ohrenmerk» beansprucht das l. Daß statt seiner im Auslaut das ḷ auch hier eingedrungen ist, versteht sich beinahe von selbst. Doch gibt es neben dem Städter auch schlichte, alte Inser, denen Saḷz oder sogar Souz (wie z. B. in Finsterhennen), Voogeḷ u dgl. buchstäblich im Ohren weh tuet. Sporadisch hört man dagegen im ältern Seeland für inlautendes ḷ einen ganz leisen Lippenanschlag; so gehen Safnerer nach Soḷotu̦u̦rn, und so baten um 1880 in einer zu Mullen niedergelassenen Familie Tribolet (Löffel) die Kinder um en chḷäin Broot. Dieses ḷ fiel auch in Tschugg derart auf, daß es auf dem Wege belustigter Nachahmung einige Zeit als «Endemie» die Sprache beherrschte.3 Es fehlte natürlich nicht an witzigen Nachahmern dieses «Tschuggerisch» im übrigen Erlachamt, welche als Lippenprobe das Histörchen dichteten: En Muḷḷer (aus Mullen) ist zum Müḷḷer in d’Mühḷi gfahren. Aber der Sack het in ’men Eggeḷi es 12 Löcheḷi g’haan, und da̦ ist en chḷäi Wäize\n ụụsa g’rü̦ü̦deḷet. Wenn mḁn dään g’mahḷen hätt, es hätt Mähḷ g’gään, mi hätt ḁ-menen Chindḷi drụụs es Weggeli chönnen bachen. Wie dieses ḷ, ist nun auch das im Gegenteil ganz eigenartig scharf und spitz klingende l des Insers am Erlöschen. Wir deuten es erinnerungsweise mit Schreibungen wie Vööge̥lli an, was ja nicht zur Verwechslung mit dem andersartigen, breiten ll des Grindelwaldners und Oberhaslers führen darf. In seiner Intensität hat das Inser l etwas, das an die merkwürdige Mischung des l und r in Kerzers erinnern kann.

Führen wir noch an, daß der Twanner ï̦ber den See ï̦ï̦berḁ luegt, der Gerlafinger aber und gleich ihm der alte Inser uber den See u̦u̦berḁ (der jüngere Seeländer sagt über), so haben wir den Raum dieser Skizze erschöpft. «Twann» wird sie an gegebener Stelle detaillierter ausbauen.

 
1 Beschrieben in Sievers Phonetik.   2 Vgl. Zimm. 3.   3 Gemeindeschreiber Garo in Tschugg  
 

Hoch und Tief im Seeland.

I.

«Seeland» — ein allerdings recht unscharfer Begriff! Dem Namen gemäß ist es ein Gelände, das den Bielersee̥1 mit umfaßt, an die Nordostecke des Neuenburgersee stößt und im Süden den Mu̦u̦rtensee̥ zum unfernen Nachbar hat. Als seine Grenzen lassen sich bestimmen: di alti Aar von Grenchen südwestwärts verfolgt bis zur Mündung der Saanen, und dieser Fluß bis Lạupen; von hier eine westwärts an die Brue̥ijen gezogene Linie und der Lauf dieses kanalisierten Flusses; nach Norden der Karnaal der Zi̦hl und von der Bernergrenze zwischen Lan͜dero̥n und Neuenstadt weg erst der an das Juragehänge angelehnte Seeküstenstrich bis Biel, dann der ebensolche Streif am linken Aarufer bis zur Bernergrenze zwischen Längnau und Grenchen.

Diese Grenzen schließen die Ämter Erlach, Nidau und Büren in sich und schwanken bloß hinsichtlich des zu dem letztem mitgehörenden südöstlichen Juragehänges zwischen physikalischer und politischer Bedeutung. Ebendieses Schwanken läßt die Amtsbezirke Neuenstadt und Biel bald dem Landesteil Seeland, bald dem Landesteil Jura zuerkennen. Die Orte Neuenstadt und Schaffis (Tschaafiz) liegen ja am Seestrich, wie der bezirksweise zugehörige Dessenbärg auf der hoch 13 darüber gebetteten Juraebene. Nicht anders verhält es sich mit Biel und Bözingen gegenüber den Höhenorten Magglingen und Leubringen. Die natürliche Nordostecke des Seelandes bildet der Zusammenlauf von Aare und Emme östlich von Sóllo̥du̦u̦rn, dessen Umgebung so tief in die Seelandsversumpfung und -entsumpfung verstrickt ist.

Aus Erlach

An der alten und neuen Aare sodann liegt Aarbärg als Sitz eines Amtes, dessen westlicher Teil in Land und Volk durchaus seeländisches Gepräge trägt, und dessen gesamter Bezirk wegen der politischen Zusammengehörigkeit gelegentlich ebenfalls in den Betrachtungskreis «Seeland» fällt. (Man denke z. B. an Schüpfen als das bisherige Zentrum des seeländischen Wagner- und Schmiede­meister­vereins.) Entsprechend verhält es sich bei dem Amtsbezirk Lạupen links und rechts der Saane mit einem historisch so wichtigen Ort wie Gü̦mmenen.2 Mit Freiburg teilt sich Bern in das ausgesprochen seeländische Gebiet von und um Cheerze̥rz und teilte es sich bis 1802 in das physikalisch nicht minder seeländische Murtenbiet. Zu diesem gehört das rein freiburgische 14 untere Mi̦ste̥llach (Wistenlach, Vuilly), während der obere Strich am linken Murtenseeufer waadtländisch ist. An den Leiden und Freuden des Seelands beteiligte und beteiligt sich auch der waadtländische Strich der obern Broye über Wịflisburg (Avenches, Aventicum) hinaus bis Bätterlingen (Peterlingen) oder Báijeeren (Payerne). Das nämliche gilt vom Neuenburgischen links des Zihlkanals. Der bildet nun z’dü̦rchwägg (S. 27) die Kantonsgrenze, während über die vormalige Zihl die bernischen Gemeinden Gamplen und Gals häin überḁ g’reckt in die neuenburgischen Gemeinden Samm Pleesi (Saint Blaise), Gŭ̦rnạu (Cornaux), Gri̦ssḁch (Cressier), Spängi̦z (Epagnier), Hụ̈ụ̈seren (Thielle), Waaberen (Wavre).

So wirft, wo der Stoff es unweigerlich mitgibt, unser Buch Streiflichter auf das im weitesten Sinne gefaßte Seeland als einheitliches Naturgebilde. Zumeist jedoch zieht es seine Kreise enger; und als mundartkundliches Werk verlegt es seinen Schwerpunkt nach demjenigen Teil des bernischen Seelandes, in welchem das Bärndütsch nach zwei Seiten hin gegen wältschi (französische) Mundarten sich in höchst interessanter Weise seiner Existenz und seiner Eigenart gewehrt hat, ohne irgendwelchem Chauvinismus zulieb gegen den Strom der Zeit schwimmen zu wollen. Dieser Teil ist das Erlḁchamt. Als südwestliche Bucht des Seelandes in d’s Wältschlán͜d vorgeschoben, spitzt es sich gegen den Vierländerstein beim Fäälbạum (La Sauge) hin zu, an welchem der Kanton Bern, d’s Frịịbe̥rgpiet, d’s Waadtland und d’s Neuenburgischen zusammenstoßen. Die ausgedehnteste Kirchgemeinde des Erlacheramtes aber ist Ins; dies ist bedeutend größer als Gamplen mit Gals, Vinẹlz mit Lü̦̆sche̥rz (s̆s̆), Si̦i̦selen mit Feisterhénnen und selbst als Erlḁch mit Mu̦llen und Schu̦gg (Tschugg). Denn Ins umfaßt die Einwohnergemeinden Eiß, Möntschenmier, Träiten, Brü̦ttelen und Geese̥rz. Nicht die Größe ist es indes, welches uns Eiß (Ins, Anet) als Mittelpunkt der volkskundlich­sprachlichen Arbeit dieses Buches wählen ließ. Es ist vielmehr die schon aus der Inhaltsübersicht hervorgehende, erstaunliche Fülle und Mannigfaltigkeit des Stoffes, welche Ins, diese kleine Welt für sich, als den einen Vertreter des Seelandes geradezu aufdrängt. Der andere wird Twann (Band V) sein; vgl. Vorwort S. VIII.

 
1 Man bemerke ein für allemal unsere stillschweigende Unterscheidung zwischen allgemein seeländischer und speziell inserischer Aussprache von See und See̥, Bärg und Berg, breit und bräit usw. Vgl. übrigens das Vorstehende und das Wortregister.   2 Vgl. Lüthi, G.  
 

II.

Schwankende Grenzen umschließen, wie das Seeland, auch das einen bernischen Landesteil benennende «Ämmentaal» mit seinem Gewirre hoher und scharfer Eggen, und das im engsten Sinne so geheißene 15 Mittelland zwischen Frịịbe̥rgpiet und Emmental. Die gleichlautende Benennung für den Strich zwischen Jura und Alpen ist eine schärfere und paßt zudem weit besser als der Name «Hochebene» zu der formenreichen Oberflächengestalt, an welcher auch das Seeland teil hat. Von solchem Reichtum reden schon die bloßen Namen, deren wir hier zunächst ohne irgendwelche geographische Ordnung und unter Verzicht auf Erklärungen1 eine Anzahl aufführen.

Leiten wir indes die trockene Aufzählung mit einer romantischen Lokalsage ein. Der Wanderer zwischen Vinelz und Lüscherz sieht rechter Hand die Hoofmḁnsflueh trotzig stu̦tzig nach dem Bielersee fallen. Ihre Zinne erstieg in einer düstern Verzweiflungsstunde auf seinem Leibroß ein Besitzer der nahen oberen Budlei, Hofmann mit Namen, und stürzte sich mit verbundenen Augen samt dem Pferd in die schwindlige Tiefe. An Rittergestalten erinnern auch die Burgflueh und die Schloßflueh über Twann. Die letztere gewährt einen prächtigen Überblick der drei Seen und der Aare bis Solothurn. Über Twann liegt die Trömmelflueh, über Pieterlen die Chilchen- und die westlich davon sich erhebende Westerflueh. Zu Brüttelen gehört die geologisch wichtige Flueh (S. 43) über den Flüehstụụden, zu Gals die Flueacheren, zu Ins die San͜dflueh usw. Keltisch-romanisch entsprechen die Formen roc, rocca, roche, Roche, Rochette,2 Rótschetten (Biel), rotzette, rotze, vielleicht auch der Rotzerenstäin als Müntschemierer Flur. Wir lassen einige Namensanklänge folgen. Im Tal von Nugerol lag 1283 das «Lechen» Rochten;3 und Rogget hieß einst ein Ort zwischen der Flueh bei Twann und dem Gut Engelberg. Reben von Engelberg und Rogget kamen 1235 vom Freien Ulrich von Ulsingen an das nidwaldnische Kloster Engelberg. Hinwieder schenkte 1246 oder 1247 Ritter Peter «vom Turm» (der Burg bei Landeron)4 der Abtei Sankt Johannsen die Rebe «Roggetta vor dem Turm».5 1267 erhielt das Johanniterhaus Münchenbuchsee die Rebe von Rochet.6

Gääij (jäh) abfallen kann auch der Räin (Rain),7 während viele der g’räinetigen Flurstücke wie die Räinacher, die Stellen un͜der den Räinen, der See- (Vi.), Rịffli- (Tr.), Schụ̈ụ̈r-, Hogen- (Lü.) und alle die Inser Band-, Häftli-, Zu̦u̦g-, Gịbe̥lli-, Fallen-, Hoh-, Sperr-, Niggiräin und der Schaltenräin (S. 16) sich nicht steiler abdachen als manch ein ụụfgähnd Acher.

16 Der Name Schaltenrăin gilt heute für den ganzen Höhenzug zwischen Ins und Lüscherz.8 «Rain» wird für den Blick z. B. von der Mụụrstụụden nordwärts besonders auffällig erklärt durch die im Sommer sich bunt abhebenden Stufen, welche durch das alljährliche Pflügen der schmalen, langen Ackerstreifen ohne aanfu̦u̦rchen herausgebildet worden sind. Die sehr stu̦tzigen oder stü̦tzigen Räine (steilen Raine, die Stü̦tz) zwischen jenen Streifen bedeuten nämlich immer noch Marchen.9 Zugleich stellen sie augenfällig die Stufen dar, welche mehr oder weniger deutlich auch am großen (1742) und chlịịnen Schallenbärg über Gampelen, am Ri̦mme̥rzberg (Ins), am Stịịgacher (Si.), am Acker der Stịịg ụụf (Gä.) und am Stịịger (Ga.), an den Acheren uf dem Stịịger oder den Stịịgeracheren (Erl.) zu erblicken sind.10

Bloß an den Berghang ist auch gedacht bei den Ha̦a̦lden, also der zu «chieren und helten» (Lg.) stellbaren Halde. (Vgl. die neue Haldenbrügg zu Bern.) Die seeländische Aussprache Hoolen verleitet Ortsfremde, an Hohlweg zu denken. Allein es «haldet»: hoolet an all diesen Stellen in den Hoolen und un͜der der Hoolen, an Hoolenacher und Hoolenmatten, Hoolenreeben, Hoolenstäin, an den Erlach-, Pie̥ro-, Du̦u̦rni-, Heerren-, Münchhoolen oder besser mundartlich: Möönhoolen (S. 34). Dagegen liegen die Hohlirääben zu Tschugg wirklich an einem tief eingeschnittenen Hohlweg. Einen Hohlenwääg hat auch Treiten.

Eine un͜deri Siten gibt es zu Siselen und Finsterhennen.

Der Büel zu Walperswil, der nach alter Deutung auch in «Biel» (vgl. jedoch die ansprechendere Zurückführung aus den keltischen Belenus) wiederkehren soll, erinnert an den Gemeinnamen Bu̦ggel. Ein Synonym dieses buhil, Bühel, Bïel steckt im Hu̦u̦bel (Mehrzahl: Hu̦u̦blen und Hü̦ü̦blen): dem u̦sseren Hubel, dem Mistelacher-, Schloß-, Fäggen-, Baali-, Dählisandhubel.

Gals mit Grissachmoos

Der Fäggenhubel und die Fäggenmatten zu Brüttelen gehören zu dem dortigen Heimwesen die Fäggen, deren Name uns erstmals 164711 begegnet. Die Berner Regierung bewilligte dort 1774 einen Einschlag an Wilhelm Heinrich Löffel und 1776 einen solchen an Samuel Hauen. Bekannter12 ist die Fäggen als Heimat des Generals Weber (s. d.). Was den Namen betrifft, so ist er vielleicht mittelst alter Lautformen wie bi̦ggen (picken), wi̦gglen und Wi̦ggel (s. u. 18 «Dach und Fach») als verdunkelte und damit die Spielform der Fägge erklärende Mehrzahlform von Fäcken deutbar, wozu ein Überblick der Hausstätte von der Brüttelenstraße aus nicht übel stimmt.13 penna aus «pet-sna» (Walde 573) und fëd-ara, Feder. Es wäre dabei all die ausgebreiteten Flügel eines Vogels gedacht, an welche der Rücken und die Abhänge einer Höhe erinnern können, ähnlich wie bei keltischem penn und lat. pinna, penna in Pennelocus. (Über diesen Namen wird anläßlich der Besprechung von «Chablais» (Schăbli) im nächsten Kapitel zu reden sein.) An den Kamm (Chammen) des Hahns hinwieder: die lat. crista, frz. crête gemahnen Namen wie im Greischi (s̆s̆), die Greutschen, schwerlich der Gräschiacher. Einen Chanzel hinwieder erblickt die Phantasie in der ersten Umbiegung der Tessenbergstraße über Twann, während das Chänzeli unfern des Brüttelenbades eine herrliche Überschau des gesamten Alpenkranzes gewährt. Ein prosaisches Gegenstück dazu bieten die eingetieften Erlacherreben in den Mueßhääfen und der Faßboden (Ga. 1811).

Eine eigenartige Namensgruppe eröffnen das Tschü̦ppeli (ein heute zwiefaches Bauerngut) bei Gaicht, der Tschü̦pplisbärg und die Tschü̦ppelirääben über Müntschemier. Man denkt bei ihrem Anblick an die «Kuppe» als ursprüngliche Bedeckung des «Kopfs»14 in Form einer cuppa, coupe. Eine Kuppe im geographischen Sinn ist der Hügel, auf welchem das heute so ansehnliche Dorf Täuffelen sich hinbreitet. (Über den Namen s. «Twann».)

Die Vorstellung eines Höckers (Hooger) scheint zu liegen in dem heute zum Abstraktum verblaßten «hoch»: höo̥ch, altinserisch hööj, und Höo̥chi, uf der Höo̥chi, Höo̥chiacher, Hŏchliebi.

Die Begriffe «hoch» und «bergend» vereinigen sich ebenso im Berg, wie «hoch» und «nährend» in «Alp». Als solche diente einst auch der Wistenlacherberg, häufiger der Gäümḁnen. oder Gäümḁnberg geheißen. Dieser Name erinnert ganz auffällig an den Chaumont alter Urkunden. Hin͜der dem Bärg (Si.) ist eine Partie des Burgwaldes, welcher kurzweg der Bärg heißt. Wir verzeichnen ferner die Chrääijenberg (Br. Ins, Erl., Gals, Mett) und den Bü̦ttenbärg (s. u.), den Gịịrispärg (Si.), den Rimme̥rz- (nach einem Geschlecht Rimi) und den Schallenbärg (Ga.). Galsbärg heißt heute ein Teil und hieß früher die Gesamtheit des anderwärts und besonders in «Deutsch und Welsch» besprochenen Jolimont, alt volksmäßig: Tschụ́limung, Schụ́limung, alt Souslemont oder auch Suslemont, nun natürlich auch Schólimong. Ein Name wie Mụ́ntel 19 und Mú̦ntääni, der Mu̦ntlig und d’s Mú̦ngerụ̈ụ̈, wie Maus über Gümmenen,15 wie Chaumont, Tschú̦mun̦g. Der auf diesem Liebling der Neuenburger 1912 errichtete Aussichtsturm mit Scheinwerferstation zieht u. a. das viel besprochene Möntschemier in seinen Bereich. Die vier ältesten Häuser dieser heute sehr ansehnlichen Ortschaft heißen zum Bärg, wie eine Flur in ihrer Nähe vor dem Bärg sich ausdehnt. Drei jener Häuser lagen schon vor Erstellung der Kerzersstraße in deren Linie. Schönenbärg aber ist angeblich der älteste Name der ganzen Ortschaft. In dieser wohnte 1607 Hans Schönenberg (vgl. den Geschlechtsnamen Guggisberg). Im benachbarten Treiten erscheint 1753 als Burger ein Jakob Schönenberger, und ebendort taucht 1834 das Geschlecht Schönenberger auf. Bẹllmŭnd (bei Nidau) und der Bélle̥gaarten (Bellegarde, Vi., Name einer Höhe mit prächtiger Aussicht) sind parallele Ortsnamen.16 Der heutige Name Möntsche̥mier, Mü̦ntschemier aber geht durch die Formen Menschenmir (1810), Mintschemir (1718), Münschemier (1549. 1749), Münschenmeier (1644), Müntschenmeier (1605),17 Mintschenmier (1577), Müntschimier (1563), Müntschenmier (1409),18 Müntzimier (1396), Muntschimir (1332), Munschimier (1229), Munchimier (um 1225), Munchimir (1221), Munchimur19 (1185)20 auf eine Form zurück, welche durch Jahn ebenso als munitio mira gedeutet werden wollte,21 wie die ungebräuchlich gewordene französische Form Monsmier aus mons mirus.

Unwillkürlich denkt man hier an die Pension Montmirail (oder nach häufigerer Schreibung Mon mirail,22 mundartlich deutsch «Mu̦mme̥raal»)23 auf einer kleinen Erhöhung nächst dem Schloß Thielle auf der Neuenburgerseite bei der Zihlbrücke als der Kantonsgrenze. Denken wir zugleich an den «Spiegel»24 (z. B. am Gurten) als einstigen Ausguck zu militärischen Zwecken, sowie den Chapf und das Chapfli( über Twann, so begreifen wir Jahns Vermutung, es möchte jener «Berg», an welchem Müntschemiers vier älteste Häuser lagen, als Beobachtungsposten gedient haben. Jahn erblickte (1850) an ihm künstliche Auftragungen, welche nun freilich durch die starke Ausbeutung des von Fluß und Gletscher aufgetürmten Kieslagers (s. u.) spurlos weggeräumt sind.

20 Bis indessen eine wissenschaftliche Erklärung felsenfest dasteht, möge man sich an dem doppelten etymologischen Späßchen erbauen, welches wenigstens dem deutschen Namen angepaßt ist. Nach einer entvölkernden Pest (oder einem Erdbeben) berieten die wenigen Überbliebenen, was nun zu tun sei. Sie gelangten jedoch zu keinem gedeihlichen Ratschluß und gingen mit der Klage auseinander: O, mier armen Möntschen, mier! Später flackerte aber doch etwas Lebensmut erst in diesen jungen Männern, dann in jener Mädchenseele auf; es kam zum Wettbewerb mehrerer Herren der Schöpfung um die einstweilen einzige zukunftsfrohe Spenderin einer mündlich besiegelten Zusage: Mü̦ntschi mier! Nein, Mü̦ntschi mier!

 
1 Vgl. dagegen Lf. 3-33; Gw. 3-18; Gb. 1-6; 17-28.   2 Jacc. 388.   3 Font. 3, 350.   4 Auf den «Turm» bei Landeron weist noch heule der Flurname Mont de la Tour, sowie le ruisseau de la Tour.   5 S. «Twann».   6 Mül. 463 f. auf Grund der Font. 2, 155. 283. 678.   7 Vgl. schwz. Id. 6, 979 ff.   8 Der topographische Atlas nennt ihn in unrichtiger Verallgemeinerung «Großholz».   9 Vgl. Kluge 362.   10 Vgl. Steige (1196) für Gsteig b. S.   11 Schlaffb. 1, 145.   12 Ebd. 330 f.   13 Vgl. «Fäcke» als umgestelltes mhd. vëttech (schwz. Id. 1, 728 f.), urverwandt mit   14 Kluge 258, 272.   15 Scheint direkt auf mons zurückzugehen wie etwa fonds auf fundus; vgl. auch chenu (S. 1) aus canus.   16 Vgl. Bellaluex, Bellalui zu Luex = lei (Felswand) und die Lore-lei: nach Jacc. 29; vgl. Kluge 284.   17 Urb. Mü. 46. Ebd. 43.   18 Ebd. 1.   19 Font. 2, 31.   20 Ebd. 1. 478.   21 Jahn KB.; vgl. Mül. 368.   22 Dieses «Mummeral» (vgl. Rudolf im Mummerahl 1806) ist die Gründung eines Tribolet. Sie kam als Château Tribolet an einen Tscharner und 1693 an David Lerber. dann als Montmirail an den Baron General François de Langes de Lubières. Dieser hat, wie man vermutet, den neuen Namen als Erinnerung an sein Heim in Frankreich mitgebracht. Durch die Geschwister von Wattenwyl aus Bern kam die Besitzung 1722 an die mährischen Brüder, und ein Besuch des Grafen von Zinzendorf machte sie zu herrenhutischem Eigentum. Bis zur Stunde ist Montmirail eine stark frequentierte Mädchenpension. Vgl. Quart. 3, 232 242.   23 S. «Rüstig».   24 Aus speculum; vgl. speculari, ausschauen.  
 

III.

Eine Vereinigung von Erhöhung und Eintiefung in der Höhle zeigt uns die im Keltischen so geheißene Balm. Die romanisierte Form Baume (anderwärts: barme) weist Ligerz auf (s. u.) in der Boomen; Baumettes dagegen (1228: Balmettes) wurde an den deutschen Namen Ferenbálm getauscht. Deutlicher als dieses «ferne Balm» (?) drückt der ältere Name «Niederbalm» den Gegensatz zu Oberbalm bei Bern aus.1

Mit planche als langem, schmalem Landstreifen stimmt dem Namen nach die Brütteler Flur im Blantscheli. Die 21 Bräiti bezw. Breiti und die längen Bräiten haben ihr vergrößertes Ebenbild in der Lengnauer- und Grenchener Wịti mit dem Wịtenbärg und der Verkleinerung d’s Wịteli.

Müntschemier hat ein Blattenree, welches wir 1703 als «im Platten Ree» gedeutet finden,2 sowie einen Blattenreeacher, Gals eine Flur im Blattet. Gemeindeutsches Sprachgut sind alle die Taal, Tüelen und Toolen (1688: Duhlen), Schlu̦pf, Schlund und Hell (so heißen zwei Häuser oben im Dorf Brüttelen), letzteres wortverwandt mit der Flur bi der Höhli (Br.). Eine Höhli reicht vom Treitener Rịffli bis in die dortige Boodelen. In der Mitte mannshoch und mit Nagelfluh überdacht, lockt sie von nah und fern zum dü̦ü̦rchḁ­schlụ̈̆ffen Knaben an, welche von Zwäärggen, Steufmüeterli genannt, zu erzählen wissen. Eigenartiger schon klingt der Schrachchen, in Sache und Wort an den emmentalischen «Chrache» erinnernd: die tief eingerissene, lange und schmale, wilde Schlucht. Als Schrachen wird die tiefe Rinne des Brütteler Badbaches bezeichnet. In Gampelen liegt der Fu̦ntenenschrachen. Der Mettletschrachen (Ins) hinwieder, oder kurz der Mettlet (vgl. «Wald, Wild, Weide, Wiese»), ist vor etwa neunzig Jahren durch einen furchtbaren Wolkenbruch, der Rinder und Schafe von der Waldweide herunterschwemmte, ụụsg’frässen choon. Lieblichere Vorstellungen erweckt der Schönengraben, der an welsche Bellevaux u. dgl. erinnert.

Wird hinwieder das stattliche neue Erlacher Heim im Base̥rt (1461: Paser) etwa als au bas vert gedeutet, so erklären sich dagegen aus einem keltischen Wort:3 la combe und alle die Gummen zumal am Jolimont: die Entsche̥rz- (Tsch.), Kali- (Ga.), Rueff- und Mühligummen (Gals); bemerke ferner: d’Gu̦mmen ab (s. «Twann»), die Heerrengummen, die Gummenacheren, das Gummenfälld, die Gummenflueh, d’s Gu̦mmli (Vi.). Ein entsprechendes Wort ist die Schluechten, als Einzahl verstanden.4 Drei solche Schluechten liegen unterhalb Gaicht übereinander. An der Hofmḁnsflueh S. 15) liegt die Hofmḁnsschluechten. Von der Twannbach- und Tụụbenlochschlucht sprechen wir S. 28.

Als ganz welscher Twanner Name erscheint uns die Chroos, alt: die Chraus, was schriftfranzösisch la creuse wäre. Es ist als eine vallis corrosa, ein ausgenagtes Tal (corrodere: ausnagen) gedeutet worden. Die Chroos steigt westlich der Twanner Kirche (s. unsern Härdtraaget 22 im Band «Twann») steil zur Chrooshalden an und führt in eine kleine Einöde, welche bloß noch durch das bewohnte Chroosschụ̈ụ̈rli belebt wird. Vor zwei Jahrhunderten hausten hier noch gegen acht Familien, deren Hütten aber seither verbrannten oder abgerissen wurden. 1427 finden wir das Gut Kroß verzeichnet.

Deutsch klingt hinwieder «Boden» in Ha̦a̦ldenbooden (Ga.) und, wenn es nicht mit dem Volksmund zum nahen Brüttelen-Bad in Beziehung zu bringen ist: in der Boodelen mit dem Boodelenhölzli, Boodelenacher und Boodelenmöösli (Tr.). Zwischen Deutsch und Welsch schwebt dagegen Noods,5 Noos6 (so schon 1225 neben Nos), 1260 Noes, patois Neu. Das Feld Z’lochussen (1774) gemahnt an das Loch als kurzen und schmalen, aber tiefen Taleinschnitt, wie uns das Reegenloch zu erscheinen pflegt. Das des Insers ist d’s Mu̦ttislóch (nach der Ortschaft Motier im Traverstal) oder d’s Bụ̆driloch (über Boudry) oder d’s Greetisloch: das creux du vanvent») in der vallis transversa (1214), dem Val (de) Travers, welches der Inser ebenso als Traafe̥rs benennt, wie er von den Wódrụ̈ụ̈bụụren des Val de Ruz7 spricht.

 
1 Weitere Varianten: barma, boma, borna s. bei Jacc. 27; Brid. 46.   2 Handelt es sich um so etwas wie das im schwz. Id. 5, 906 und in Gw. 550 verhandelte «Reebrett»?   3 Gam (gebogen) romanisiert als Gambe, jambe (Kniebug. dann Bein), jambon usw. Vgl. Lf. 31 f.; Gb. 20.   4 Auch Frisch sagt 1741 «die Schluchte».   5 Jacc. 18. 21. 236. 308. 824.   6 Ebd.   7 Auch Wooderue̥ wird gesprochen, und diese Form erscheint sogar als d’s Booderuer umgedeutscht.  
 

IV.

Die bisher aufgeführten Höhen- und Tiefennamen bewiesen uns die Mannigfaltigkeit der seeländischen Bodengestaltung. Nun suchen wir von dieser selbst ein einheitliches Bild zu gewinnen, um es alsdann vom Standpunkt der Erdgeschichte aus zu verstehen.1

Wie in früherer Zeit (von 1815 bis 1846) das Erlacheramt auch den Bezirk Neuenstadt-Tessenberg mit umfaßte, also an den Chasseral reichte, so stellt sich einem Überblick etwa vom östlichen Miste̥llacherberg aus der ganze Strich über Ins, Erlach, Neuenstadt, Nods, Chasseral 23 als ein Ganzes dar. Das Blickfeld wird quer geschnitten durch Bergzüge, welche gäng ni̦i̦derer gegen den Beschauer hinrücken. Den Horizont bildet eben di Gästleren (der Gestler, vgl. «Siedelungszeugen» im Band «Twann») oder der Chasseral mit dem zu 1609 m ansteigenden, höchsten Gipfel der Rööti. Gleichsinnig verläuft mit ihm der Spitzenbärg (1350 m) zwischen dem Plateau von Teß (800 m) und dem Ilfinger-Tälchen (700 m). Im Engpaß des Jorat, welcher sich zum Gelände von Ilfingen erweitert, tritt dem Spitzberg sehr nahe die Seekette mit den Partien des Twannbärg (874 m), Nidauerbärg, Bözingerbärg. Zwischen Twann und Tüscherz hebt sich, von der Seekette durch die Chroos (S. 21) und die Mulde von Gäicht (Gaicht) getrennt, der Rest eines weitern Bergzuges ab: der Chapf (670 m).

Dem nunmehrigen Jurafuß parallel verläuft, seit dem Eiszeitalter durch den Neuenburger- und Bielersee, die Zihl und Aare scharf von ihm geschieden (s. u.), der stellenweise ertränkte subjurassische Zug. Als La Motte (der Hügel als «Mu̦tten»2 ) durchzieht er den Neuenburgersee in seiner ganzen Länge. Dann beherrscht und ziert er als der bis zu 561 m ansteigende Tschụlimung, Jolimont3 (S. 18) den Landstrich von Gals bis Erlach und gewährt auf der vollen Höhe des Erlḁchbänkli wie auf der halben Höhe des Fasnḁchtfụ̈ụ̈r den unbeschreiblich anmutigen Blick auf seine niedrigere Fortsetzung.

Diese teilt zunächst als etwa eine Stunde lange Landzunge, welche seit der Tieferlegung des Bielersees um 2,2 m sich in trockenen Sommern angenehm begehbar über Wasser erhebt, die obere Seehälfte der Länge nach in zwei Becken. Fleißige Ligerzer ergänzen durch den tiefgründigen und fruchtbaren Boden dieser Zunge ihr spärliches Pflanzland und risgieren mutig die Überschwemmung ihrer strotzend grünen Chabis- und Rüebliblätzen in nassen Sommern. Noch viele 24 Strecken sind allerdings gleich den Uferrändern mit Schilf bewachsen. Aber auch die gewähren im Zeitalter der Milchindustrie als Sträüi einen sehr lohnenden Ertrag. Sie verschafften denn auch der Landzunge den Namen in den Röhrli, in Lüscherz: d’s Inselrohr. Seit alter Zeit heißt die Strecke auch der Heidenwääg, in Ins: der Häiden-weeg. Vormals galt dieser Name, der auch gewissen Strecken der Römerstraßen erteilt wurde (s. «Siedelungszeugen» im Band «Twann»), hauptsächlich der nordwestlichen Strandzunge der Petersinsel als dem breiten Kiesweg zu deren Ländti.4

Alte Zihlbrücke und Zihlschlößli

Nach Aberli, ca. 1783

Die Peters- oder Bielerinsel, auf welche wir später (S. 32) zurückkommen, bildet samt ihrem westlichen Vorbau der chlịịnen oder der «Chü̦neli-(Kaninchen-) Insel» einen Doppelgipfel des subjurassischen Synklinalrückens. Zu 473 m ü. M. ansteigend, erhebt sie sich also 35 m über die nunmehrige durchschnittliche Seespiegelhöhe von 438 m. Am Unterteil des Sees verdeckt und durch die Schụ̈ụ̈ß-Mündung, sowie durch den alten Zịhl-Auslauf abgetragen, setzt sich der Rücken im Chrääijenbärg zwischen Madretsch und Orpund fort und endigt im Büttenbärg (S. 28).

D’s Zihlschlößli, château de Thielle

Diesem subjurassischen und einst am Jolimont und Büttenberg mit dem Jura verwachsenen Zug (s. u.) folgt ein niedrigerer Hügelzug, der nördlich von Lausanne im Mont Jorat anhebt, über das Gelände um Milden (Moudon) verläuft, im Mistelacherberg immerhin bis zu 611 m ansteigt und sich steil zum Broyekanal absenkt. Nördlich 26 desselben durch Eis und Wasser abgetragen (S. 28) und durch das (große) Moos ersetzt, erhebt sich der Hügelzug nordöstlich von Eiß im Schaltenrăin bis zu 595 m und dacht sich gegen Lüscherz und Hagneck hin ab. Zwischen Port und Worben verläuft er im Jäißbärg und Studenbärg, an dessen Südostfuß das römische Petinesca stand.

Ganze Wendung machend, gewahrt jetzt der Beobachter aus dem Wistenlacherberg, wie der bei Milden als schmales Broyetal beginnende und bei Peterlingen plötzlich aus 3,5 km sich ausweitende Niederungszug den Murtensee̥ in sich faßt und über das Große Moos hin der Grenchener Wịti zustrebt. Über Murten hinausblickend, gewahrt er eine Rundbuckel­landschaft, die sich jenseits gegen den Mittellauf der Saane absenkt und zu südwestlichen Fortsetzern Berge wie den Gibloux, zu nordöstlichen Fortsetzern Erhebungen wie den Frienisberg (823 m) und dem Bucheggberg hat.

 
1 Dies wäre uns völlig unmöglich ohne die anschaulich mündliche und die schriftliche Belehrung durch die Herren Dr. Eduard Gerber, Seminarlehrer und Museums­abteilungs­direktor in Bern (vgl. das zu Gb. 28-50 Gesagte) und Dr. Fritz Antenen von Orpund, Gymnasiallehrer in Biel. In bestem Andenken stehen uns die Exkursionen über den Schaltenrain durch eine Anzahl Lehrer und Pfarrer unter Dr. Gerbers Leitung, und über den Jolimont durch den seeländischen Mittellehrerverein unter Dr. Antenens Führung, anknüpfend an dessen uns im Manuskript zugestelllen Vortrag. Von Dr. Gerber kam uns soeben zu: Jensberg und Brüttelen. Zwei Ausgangspunkte für die Molasse-Stratigraphie des bernischen Mittellandes. Eclogae geologicae Helvetiae Vol. XII, No 4 (Avril 1913). Die lithographischen Kärtchen dieser Arbeit bringen wir auch hier beigeheftet. An Literatur sei ferner genannt: Dr. Berthold Aeberhardt († 24. Sept. 1912): Les Gorges de la Suze, (Bienne, 1907) und Notes sur le quarternaire du Seeland (Genève, 1903.) — Dr. F. Antenen: Alluvialbildungen am untern Ende des Bielersees (Ecl. geol. Helv., Jan. 1905). — Dr. Ernst Baumberger: Die Felsenheide am Bielersee (Basel. 1904) und Über geol. Verh. am linken Ufer des Bielersees (Bern, 1895) = Baumb. lB. — E. Baumberger et. H, Moulin: La série néocomienne à Valangin (Neuchâtel, 1899) — Dr. Fritz Nußbaum: Das Endmoränengebiet des Rhonegletschers von Wangen (Bern, 1911) und die Landschaften des bern. Mittellandes (Bern. 1912) = Nußb. M.Probst, die Felsenheide von Pieterlen (Solothurn, 1911). L. Rollier et E. Juillerat, Sur une nouvelle poche sidérolithique à fossiles albiens (Genève, 1902). L. Schardt und E. Baumberger: Über die Entstehung der Hauterivientaschen im untern Valangien zwischen Ligerz und Biel (Ecl. geol. Helv., Aug. 1897). Prof. Dr. Th. Studer: s. u.   2 Jacc. 299.   3 Um 1605 (EB. A 327) als Souslemont gedeutet und ebenso oft: z. B. 1685 und 1718 als Suslemont, 1594: der Berg Sus le mont, 1684: zu oberst am Sulemont.   4 Karl Irlet  
 

V.

Diese ziemlich parallel sich aneinander legenden Hochlandszonen und Tieflandsgürtel1 werden in ihrem südwestlich-nordöstlichen Verlaufe von Flüssen durchquert, die dem großen natürlichen und nun auch künstlichen Entwässerungskanal des Seelands zueilen: der Zi̦hl und Aar mit ihren Ausweitungen des Neuenburger- und Bielersees. In diesen drängt sich die Wasserlinie dicht an den Steilabfall des Jura hinan und zwingt ịịng’chlömmti Weinbaudörfer wie Ligerz und Twann, welche jede Fußbreite des kostbaren Jurakreidemantels (s. u.) z’Reeben aang’setzt häin, ihre hohen und schmalen Burgunderhụ̈ụ̈ser zu volksmäßig so geheißenen Stedtli in je zwei schmalen Parallelgassen aneinander zu schmiegen.

Bis höchstens zwei Stunden vom Jurafuß entfernen sich Zihl und Aare und der Aare-Zihl-Kanal (s. das Entsumpfungskapitel). Erwähnen wir von ihren Zuflüssen rasch die in Sache oder Name belangreichsten. Zunächst die Orbe (1467: der Orbach).2 Diese heißt3 von Chavornay weg la Toile oder la Thielle alt: Tela (12. Jhd.), Teyla (1265), Tayle (1300), oder Tielfluß nebst dem alten Tielgraben (1718.) Vom Ausfluß aus dem Neuenburgersee bis zur Mündung in den Bielersee, früher in die Aare bei Meyenried, hieß der alte Fluß noch 1668 auch Toile4 und heißt der kanalisierte Fluß Thièle oder Zịhl (1212 Cilae, 1718: Tielfluß oder Tielgraben.) Dem Flußnamen,5 der sich in und außer der Schweiz vielfach wiederholt,6 entsprechen 27 Ortsnamen wie Tela (1212), Tele (1311), sowie die Namen Johann, abbas de Tela (1153),7 Cono de Meriaco, monacos, (Mönch) de Tela (1212), Blaise de Thyelle (1518)8 Claude von der Zihl (1555)9 pré apud Telam (1222). Seit 18. Oktober 1895 bildet der Zi̦hlkanal die bernisch-neuenburgische Kantonsgrenze.10

In der Nähe von Châtel St. Denis entspringt die Broye, Brue̥ije̥, sie durchfließt das Broyemoos und den Murtensee und mündet gegenüber Samm Pleesi (St-Blaise) in den Neuenburgersee. Besonders die alte Form Brogia11 (schon im achten Jahrhundert Broia) neben der neuern Brolius12 (1816) scheint sich mit dem ganz andern Wort bruoch, gebruoch, bruochiach zum Sinn von Moorboden13 zu vereinigen. An der Bruch, heißt es denn auch 1491,14 sowie am See soll je ein Marchstein stehen, um ferneren Weidestreit zwischen den Neuenburgischen und Erlachischen zu verhüten. Der Name wiederholt sich 1591 als die Bruch,15 1649 als der Bruch,16 179817 lautet er die Brüsch.18

Dagegen bedeutet der Name der ebenfalls dem Murtensee zustrebenden kleinen Glane gleich all den andern Glâne gemäß gallischem glan19 svw. «Lauterbach», wie Clar-ivue und Cla-ruz, wie Ballaigue (Schönbach, «Schambach») u. a.

Bachtobel, Waldbach, Schlucht bedeutet der keltische Name des Nant, welcher, am gleich geheißenen Wistenlacherdorf vorüber, dem Murtensee zueilt. Nant heißen denn auch zahlreiche Bäche in der Gegend von St. Maurice und in Savoyen, der einstigen «Nantuaten»; bei Viège liegt das Nanztal.

Als «Tränkebach» gedeutet, geht der Biberenbach in den untern östlichen Teil des Murtensees. Als (Vieh-)Tränki (und als Badeort) wird von Ortskundigen eine Stelle am Oberlauf der Biberen namhaft gemacht, wo diese in den um 1646 erstellten Kanal (s. «Entsumpfung») geleitet war und unterhalb der Kanalmühli, bei Treiten, eine zweite Mühle in Betrieb stand (s. «Mehl»20 ).

An die Stelle im Ru̦u̦sel (s. u.) erinnert mit dem Namen ein Bach, der dem «Runsholz» oder Rụ̈ụ̈sche̥lz entstammt, aus Ins und Gampelen durch das Moos in die Broye fließt und den Rụ̈ụ̈sche̥lzberg und -boden durcheilt. Ihm benachbart sind der Mühlli- oder Rötschbach, der Greischi- (s̆s̆ S. 18), Brannten-, Brüel-, Ri̦mme̥rzbach. Auch die Bachtḁlen sei erwähnt.

28 Durch die vallem Susingum21 (610) oder das St. Immertal mit seiner so gleichmäßigen Senkung bis zum gääijen Chehr nach der Taubenlochschlucht fließt die (scheußlich als «Scheuß» verschriftdeutschte) Schụ̈ụ̈ß, la Suze22

Nicht mehr so sanft ist ihr Lauf, wo sie nach der jähen Umbiegung bei Reuchenette (Rü̦̆tsche̥nett) die Weißensteinkette und die Seekette durchbricht, um, bei Bözingen ebenso plötzlich westwärts gewandt, als Mádrätschschụ̈ụ̈ß bei Nidau und als Bielerschụ̈ụ̈ß bei Biel sich in den See zu ergießen. Der zwischen Bözingen und Mett an der Schüüß gelegene Wiesengrund wird der Heidochs oder Eidochs genannt. Der Name erinnert an die Form des Flußbettes. Wie eine Eidechse aus ihrer Höhle, so schlüpft heute die Schüß, in schönem Bogen nach Westen umbiegend, aus der Taubenlochschlucht heraus.

Vor der Eiszeit erstreckte sich dieser Felsdurchbruch über Bözingen hinaus bis gegen Orpund, weil auch der mit dem Jura zusammenhängende Westflügel des Bü̦nttenbärg (S. 24) zu durchbrechen und abzutragen war. Denn die Schüß nagte zuerst die Molasseschichten ihres Bettes aus, um dann auch die Kreide- und Juraschichten anzugreifen.

Die Tụụbenlochschlucht konnte im Jahre 1889 nach hochherzigen Geld- und Zeitopfern von Bieler Naturfreunden den Zehntausenden allsommerlicher Besucher eröffnet werden.23

Ihr umdeutender schriftdeutscher Name frischt zunächst mittelst «Schlucht» die verdunkelte Bedeutung von «Loch» auf,24 welche noch aus dem Emmentaler Rebloch so ersichtlich ist. Zuvor hätte laut alter Deutung «Loch» seinerseits die Dụụben als die rinnenartige Eintiefung verdeutlichend aufgefrischt, welche noch an der Faßdaube, Touwen, frz. douve, aus doga, alttwannerisch Duge, veranschaulicht wird.

Die Mannigfaltigkeit der Reize dieses einstündigen Fußpfades, der eine ganze kleine Welt wilder Romantik und lieblicher Naturspiele vor Augen führt, findet sich in sehr verschiedener Art der Szenerie wieder in der Twannbachschlucht. Diese hat im Jahre 1890 die ebenso mühsame wie uneigennützig auf jeden Taglohn verzichtende Arbeit der Twanner der Welt erschlossen. Ebenfalls ein Querdurchbruch der Seekette, sammelt diese Schlucht die Wasseradern des Dessenbärg.25 29 Der sendet bei starken Regengüssen in das am Schluchtausgang sich öffnende Bärenloch oder Wasserholiloch Wasser, welches dann als reißender Bach der Tiefe der Grotte entströmt. Überwältigend ist der Anblick, wenn das gewaltige Gewölbe seinen Schwall entsendet. Kristallhell quillt das Wasser hervor aus dem Schacht, fast die Brücke erreichend, um sich über große Kalkblöcke in den Twannbach zu ergießen. Einen Reiz anderer Art übte dieser seitliche Durchpaß der Kluftspaltenwasser auf die vormaligen Twanner Bueben. Die häin (um twannerisch zu sprechen) enan͜deren chënnen d’Grin͜den verschla̦a̦n beim erbittert werdenden Streit, gäb d’Chin͜d us dem Wasserholiloch chämmi, oder aber aus dem Holiloch an anderer Stelle des Twannberggehängs. — Völlig unabhängig von der Wasserführung des Twannbachs, entsendet die Gü̦ü̦rschenen als eigenes System von Kluftspalten heute bloß noch hin und wieder eine gewaltige Wassermasse.

Am St. Johannsen

Nach Aberli. ca. 1783

Den Hintergrund der Holilochgrotte erfüllen schöne Tropfsteingebilde, die wie ein System von Prinzipal-Oorgelenpfị̆ffen von der Decke herunterhängen. Ein großes, taufsteinähnliches Tropfsteinbecken oben auf der Kalksintermasse, das von unten wie eine vorgebaute Kanzel anssieht, sowie die der Grottendecke entlang laufenden Tropfsteinkämme, die an gotisches Maßwerk erinnern, vereinigen sich zum Bild der Häidenchilchen, wie diese Opferstätte aus der ältern Steinzeit etwa genannt wird. Den eigenartigen Eindruck des Gesamtbildes vervollständigen der Chanzel: die scharfe Biegung der Tessenbergstraße (S. 18); ferner das Eselsloch, in welchem einst eine Einsiedlerin mit 30 ihrem Esel g’hụshaltet haben soll; sodann die enge, höhlenartige Felsspalte des Lapisloch, die Ankenballen, der Hohlenstäin.

 
1 Nußbaum   2 Urb. Mü. 2, 19. 14.   3 Talent heißt der Nebenfluß. Vgl. Rhv. 1894, 92. 93.   4 Karte von der Weid.   5 Bisher unerklärt.   6 Jacc. 450 f.   7 Font. 2, 22. 99; 4, 488.   8 SJB. A.   9 ABE. 1, 27.   10 Taschb. 1897, 330.   11 Brid. 61.   12 Schwell. 38.   13 Mhd. WB. 1, 270.   14 Gäserz.   15 Schlaffb. 1, 41.   16 Herm.   17 In der helvetischen Staatsverfassung.   18 Vgl. Brụ̈ụ̈sch Lf. 23 und Brụụch GW. 656.   19 Jacc. 189.   20 Nach Niklaus-Probst in Müntschemier.   21 Jacc. 448.   22 Wie ahd. suoßi (süß) zum Begriff «sanft» kommt, lehren frz. doux und doucement. Vgl. den Prediger Heinrich Suso (der «Sanfte»). — Mit der bloß westschweizerischen Schüüß dürfen Rüüß und Riin als mit Recht verschriftdeutschte Reuß und Rhein nicht auf gleiche Linie gestellt werden.   23 Vgl. Aeberhart, les Gorges de la Suze 35f.   24 Vgl schwz. Id. 3, 1021; Kluge 293: Stucke S. 133.   25 Baumb. lB. 41-43; vgl die schönen Einzelschilderungen im «Bund» vom 10., 17., 18. Sept. 1911 von Sch. und von E.B. (Maler Dr. Geiger auf dem Kapf).  
 

VI.

Die Läugenen, welche als Gegenfluß der Schüüß an Längnau vorbei der Aare zufließt, führt mit den Spielformen dieses Dorfnamens: Lengenach (990), Longeaigue (deren etwa 20), Lengnowe (1181), Longieuva (1228), Longa aqua (1260), Lengowa (1281), Leinggowa (1300), Longivue, Longive, Longeau auf aqua (eau) und auf Au. Den letztern Namen, der «wässeriges Eiland» bedeutet,1 trägt z. B. das obstreiche Zehndergut zu Scheuren. Mit ihm verbindet sich die Nebenform2 Ei in der Eiau an der untern Saane. (Damit werden andere Auen in der Nähe unterschieden.) Unfern der Scheuren-Au liegt das Dorf Schwadernau, in welchem die kleine Pflaumenart der Schwadernauerli heimisch ist. Ein mit «Au» sinnverwandtes gutdeutsches Wort warid, Werd, Werder, Werde (1228),3 Werdes (1300) steckt im Namen der Gwerdtmatten zu Nidau, der (vor 1876 zu Lyß gehörenden) Werdthöfe und der zu Frienisberg gezählten Höfe Ober- und Nieder-Werder. An der Werder-Au aber liegt die oberi Insel, sowie bei den Werdthöfen die wildi Insel4 (1343).

Hier haben wir also zwei gutdeutsche und eine aus insula entlehnte Form für den gleichen Begriff beisammen. Die Lehnform Insel aber (die wohl auch eine Halbinsel als stark «isolierte» Landstrecke bedeuten kann)5 wurde bereits 871 herrschend im Namen für eine ganze Anzahl von teilweise zu Gewerbszwecken künstlich unterhaltenen Hervorragungen aus schlimmem Wasserstand. Der Ortschaftskreis Woorben, Jäiß (Jens), Merzligen, Bellmúnd, Wịler und Port trug nämlich die Bezeichnung Inselgau.6 1382 wurde derselbe durch Anna von Nidau, Gräfin von Kyburg, der Stadt Freiburg verkauft.7 1388 kam er als ein Teil der Grafschaft Neuenburg-Nidau an Bern und wurde der Vogtei Nidau einverleibt.8 Kirchlicher Mittelpunkt der genannten Orte war und ist aber das uralte Bürglen (s. im Band «Twann»), und dies lag auf der vorzugsweise als Insel bezeichnten Landerhebung in der Zihl bei Ägerten. Wahrscheinlich hatten die Geistlichen von Bürglen als Besitzer einer Mühle und Walkerei im alten rechtsarmigen Zihlruns mittelst des kleinen Bachs, der vom Ägertenmoos herkommt und bei der alten Brücke in die Zihl ausmündet; eine Strömung um die Insel unterhalten, von welcher 1103 die Rede ist.9 Noch 1816 ist die Rede 31 von der Insel zwischen der Zihl und dem von ihr abgeleiteten Gensbach als Sitz eines alten Räderwerkes zu Schwadernau. (S. 30.) Nördlich von Studen10 gibt es einen Inseleggen, östlich von Scheuren die Oberbürinsel, bei Siselen aber einen I̦i̦selwald und eine I̦i̦selallmend. Eine Zihlinsel bei Orpund wird 1305 erwähnt. Zahlreiche Inseli bedürfen, außer dem zu Nidau, welches das Denkmal Dr. Schneiders trägt, gar keiner solchen Namhaftmachung; wohl aber die der altfranzösischen Form isle (île) entsprechenden Isla (1319), Isle (1323), Ysel, Yselholz (so hießen 1360 die Inselmatten Berns)11 als Überleitung zu verdunkelten Namen. Zu solchen gehört die I̦i̦sleren zwischen Ins und Witzwil als in Aussicht genommener neuer Sitz des Weiberstrafhauses. Die Karte verzeichnet dazu das I̦i̦slerengebiet, die I̦i̦slerendäilen, den I̦i̦slerenkanal, das I̦i̦slerenhölzli.

Die volksmäßige Umdeutung Ri̦i̦sleren beruht auf falscher Trennung der Wortgruppe in der I̦i̦sleren. Es scheint hier ein ähnlicher Fall vorzuliegen wie bei Si̦i̦selen. Nach der Analogie von «Seewil» (1273: Sewile) aus ze Wile, Zewile12 wäre «Si̦i̦selen» zu deuten als «z’Iiselen». (Vgl. umgekehrtes Z-erlach und Z-einigen in «Deutsch und Welsch».) Daß alle die alten Sisilli (um 1160), Sisello (1221), Sisellon (1238), Sisellun (1249), Siselo (1253), Sisille (1265), Siselle (1269), Sizellon (1453), Sisel (152313 ), Sißelen (1718) auf «Insel» zurückgehen, scheinen alle die zu Siselen gehörenden Iiselacher (Inselacker vor dem Holz), I̦i̦selbụ̈ụ̈nden und I̦i̦selzälg, das vom Großen Moos umgebene I̦i̦seli von sieben Jucharten Größe und der I̦i̦seliwald zu lehren.

Die Sage von einem einstigen Ursulinerinnenkloster «Sancta Insula» mit der Abkürzung Sancta ist also zur Namenserklärung unnötig.14

In der Tat hebt sich das langgezogene Dorf von den 442 m des Mooses gleich anfangs um 7 m ab und gewährt mit der von ihm beherrschten Kirche dem Beschauer in der Straßenlücke zwischen Rüntiwald und Pfaffenhölzli den zauberhaften Anblick eines trotzig in sich geschlossenen Burgdorfes. Das Pfarrhaus bietet eine liebliche Fernsicht gegen Morgen, und der bewaldete Berg fällt ziemlich steil nach dem Aarekanal ab.

Was aber z’grächtem eine Insel ist, zeigt in klassischer Weise die heute mit der chlịịnen Insel («Chü̦̆neli-Insel») und dem Häidenweeg (S. 24) zu einer Halbinsel vereinigte größere (36 ha 32 messende) Bielersee-Insel, kürzer gesagt: die Bielerinsel.15 Diese «Insel mitten im See»: Insula medii lacus (1277) oder in medio lacu (1302); in einem Patois: mi-lé,16 hieß 1107 insula comitum: Insel der Grafen (von Nidau). Diese errichteten hier das seit 1319 öfters erwähnte «Gotteshaus St. Peter in der Isla», welch letztere daher in weitern Kreisen als St. Petersinsel am bekanntesten ist. Dieser Name stellt sie der St. Johannis-Insel (1649: Isle de St Jean,17 (St. Johann Insul) gegenüber, welche als Trägerin des Stifts St. Johannsen zu den alten Überschwemmungs­zeiten fast regelmäßig zwischen der Zihlmündung und einem ihrer Arme eingeengt lag, bis die Korrektion sie um einen halben Kilometer vom Bielersee entfernt hielt. Trotz dieser Gegenüberstellung zweier erlauchter Apostelnamen hat bloß die Petersinsel sich ihren Ruf und Namen als d’Insel bewahrt. Das dankt sie ihren unaussprechlichen landschaftlichen Reizen und ihrer stimmungsvollen Stille, aus welcher sie allerdings heute mittelst des regelmäßigen Dampferverkehrs namentlich an den herbstlichen Leesersunntigen herausgerissen wird.

An solchen erfreuten sich aber von jeher selbst ganz vornehme Herrschaften. So schrieb am 6. Oktober 1810 der Twanner Abraham Irlet an seinen Sohn in Bern: «Letzten Sonntag war Madame Bonaparte auf der Insel, es war eine Menge Volk, das man glauben sollte, die Insel wollte sinken. Es waren bei 160 Schif daruf gefahren, keiner zrings um den See blieb daheim.»18

Ruhe und Zuflucht aber suchten vormals auf ihr der Engländer Thomas Pitt, der auch hier begraben sein wollte,19 und der geistliche Würdenträger Spazier aus Preußen.20 Wer dächte aber nicht vor allem an den von der Berner Regierung (welche 1530 den Besitz an den Großen Spital [Burgerspital] abtrat) mit einer Frist von zwei Tagen ausgewiesenen Genfer Rousseau! Immerhin hat dieses gehetzte Wild hier doch, dank der Verwendung des edeln Nidauer Landvogts von Graffenried,21 drei glückliche Spälsommermonde zugebracht.22

Wie gemahnt die «grüne Einsamkeit» dieser bernischen Insel als Zufluchtsstätte eines von Genfer und Berner Protestanten verfolgten welschen Freiheitskämpfers mit der Feder an das «Rasengrün» der zürcherischen Ufen-Au, wo unter dem Schutz des Reformators Zwingli ein deutscher Freiheitskämpfer mit Schwert und Feder seine Ruhestätte fand!

 
1 Kluge 26 f.   2 Schwz. Id. 1, 18.   3 Kluge 490.   4 Mül. 569.   5 Wurstemberger 2, 94.   6 Schn. 35.   7 Ebd.   8 Till. 1, 305.   9 Jahn bei Schn. 35.   10 Schwell. 25.   11 Font. 8, 331. 874.   12 Dr. Singer in Appenzellers «Rapperswil» 16.   13 EB. A 331.   14 Mül. 501-6 gegen Stauff. 64. Übrigens müßte «Sancta Insula» etwa zu «Diiselen» geworden sein, wie St. Alban in Basel das Dalbedoor, Dalbeloch usw. hinterlassen hat, oder wie St. Ursus zum Durs, Dursli geworden ist. Vgl. auch schwz. Id. 8. 1215, sowie Vetter 259.   15 Vgl. L’isle de Rousseau von Wagner und König.   16 Brid. 248.   17 Herm. 227. 283.   18 Aus dem Archiv der Familie Irlet-Feitknecht.   19 Mül. 438.   20 Spazier 146-154.   21 Vgl. BW. 1912, Nr. 26.   22 Vom 1. August bis 24. Oktober 1765. Vgl. den «fünften Spaziergang» der Rêveries d’un promeneur solitaire (schön ausgezogen in Jennis und Rossels schweizer. Lit.-Gesch. I. 230 f.). Im Sonnt.-Bl. d. «Bund» 1912, Nr. 26, leitet Hans Brugger mit einem Gedichte Prof. Schmids Abhandlung über Rousseau ein. Vgl. ferner: Morf im SdB. 1888; Eduard Sprenger, Kulturideale (woraus im Schwzrdorf d. B. Volksz. 1913). Über die Petersinsel vgl. Mül. 431-9.  
 

Marianna Anker: Kurisammis Mueter

Ins

 

 

Steine, die Brot werden.

I.

«Die Eingeweide der Erde reden, wo die Geschichte schweigt.» Sie sagen unter anderm dem Landmann, wie «unter seinem Acker ein zweiter liegt», der nach dem erschöpften ersten neues Brot spendet. Nur muß er es der Natur überlassen, mit mächtigern Mitteln, als Bohrmaschine und Pflug sind, die Erdhülle aufzuwühlen. Das riesenmäßigste dieser Mittel, das freilich auch nur mit der Ung’schlachti des Riesen die Elemente ziellos dürch enan͜deren rüehrt, ist das Erdbeben. Das letzte hiesige ist das vom 16. Oktober 1911. An Heftigkeit tritt dasselbe allerdings hinter frühern weit zurück. Besonders hinter dem Beben bei Twann im nämlichen Jahr 1356, das am 18. Oktober) die Katastrophe bei Basel brachte und auch die Hasenburg (s. «Twann») vollends zerstörte. Von einem andern, das am 8. September 1601 besonders zu Nidau gespürt wurde, lesen wir: Den morgen vor 2 uren ist ein gar mächtiger, starker and erschrockenlicher erdbidem gsin, also daß er vil lüth uß dem schlaf erweckt, hat auch eine lange wyl an einandren gwärt. Gott behüt sin kilchen vor leyd und allem übel, Amen, Amen.1 Am 9. Octobris 1650 spürete man besonders in Aarberg am morgen ein wenig vor den vieren den wyt vmbgehenden Erdbidem.2 Am 1. November des ungewöhnlich starken Erdbebenjahres 1755 wurden die Quellen am Fuß des Jura auf zehn Meilen Weite getrübt und der Genfersee emporgehoben.

Das Beben von 1356 zog den Felssturz der Rappenflúeh oberhalb Twann nach sich. Da̦ isch e̥käins Bäin dḁrvoon choo̥n. Eine Kapelle, heute durch die Chappelenrääben markiert, erinnerte an die Katastrophe. Ähnliche Stellen sind der Ru̦u̦sel auf dem Vingelzberg über Alfermee, sowie der Goldbärg zwischen Vingelz und Biel. Gold wird allerdings hier nicht gegraben, wohl aber bester Kreidekalk. Dem Vordringen des Pickels halfen Gesteinsrisse und die sonderbare Einbettung weicherer und jüngerer Schichten zwischen solidere ältere Kreidebänke (Taschen, S. 37) zur Vorbereitung des Felssturzes vom 6. April 1902. Wie stark die Gegend von jeher solchen Stäinri̦i̦sleten ausgesetzt war, zeigt eben der Name Goldberg, der wie das Goldeli (eine «Rebe» zu Tschugg 1820), wie Goldau, Goldach, Golderen, manch ein Goolḁten,3 Gohlgraben usw. aus altes gall (grober Steinschutt4 ) 34 zurückgeht. Ein Blick auf das Juragehänge zeigt noch manch solchen unheilbaren, offenen Schaden am ausgestreckten Riesenleib. Die letzten Rutsche vom 11. Februar 1910 und 24. August 1912, welche Neuenstadt bedrohten, schienen ihm das sagenhafte Schicksal von Sarbachen (s. «Wald»), der Roggeten (S. 15), des Engelberg5 über Twann zu verheißen. Es blieb jedoch bei der Verheerung von Weinbergen, wie am 11. Juni 1911 im Miste̥llach, wo ein solches verrü̦nnen immerhin empfindlichen Schaden stiftete.

Einen sehr alten Erdrutsch, der nach örtlicher Sage Reben und Häuser mitriß, zeigt über Brüttelen der Schaltenrain. Es ist ein etwa 300 m langes und 100 m breites Trümmerfeld oberhalb der Möönchha̦a̦lden. Da rollte vom Wị̆ßenrä́in, dessen Kamm sich 25 bis 30 m über das abgestürzte Gebiet erhebt, harte Meermolasse (S. 39) ab, wahrscheinlich infolge allmählicher Abschwemmung von unten liegendem Mergel. Daher zieht sich nun ein tiefer Graben zwischen dem Trümmerfeld und dem Absturzgebiet hin und dient dem Jäger u̦f Fuchs und Dachsen als ergiebiges Arbeitsfeld.6

Was hier das abnagende und abschwemmende Wasser vor Zeiten vereinzelt leistete, das verrichtete es in zusammenhängender Riesenarbeit am linken Bielerseegestade zu unschätzbarem Segen für Menschen. Die mehr als 12 m tiefen Sodbrunnen weisen auf eine mächtige Schicht von angeschwemmtem Strandboden, der gleich dem Kreidemantel über ihm den Seewịịn liefert. Auf den Schichtenköpfen der untern Kreide aber, deren Bänke steil gegen den See abfallen, liegen Ligerz, Bi̦pscha̦l, das untere Twann, indes Tü̦sche̥rz (s̆s̆) und Alfermee (Hä́lffermee) auf dem soliden Kreidegehänge ruhen. Ein alter Geschiebekegel aus dem Twannbach, der durch Seesenkung trocken gelegt wurde, gab das Bett ab für di chlịịn Twann, während das östliche Biel, Bözingen und Mett sich aus einem Delta der Schüß ansiedelten. Auf einem durch Torfmoor überdeckten Pfahlbau-Niederlaß endlich richtete sich unter dem uralten Namen d’s Moos das mittlere Twann «hụụshäblich» ein.7

 
1 Pfarrer Niclaus Schöni in Nidau (1598-1611) laut Taschb. 1900, 271.   2 Dekan, Forer.   3 Ganz verschieden von den unter «Herr und Knecht» besprochenen.   4 Vgl. schwz. Id. 2, 216.   5 Mül. 171.   6 Nach Lehrer Blum im «Seeland» 1912, 75.   7 Nach Baumberger.  
 

Studie von Anker

II.

Die derart zutage tretenden Gesteinsschichten des Jura und des einst damit zusammenhängenden Seelandes reden von belangreichen Geschehnissen mehr ruhiger und regulärer Art seit dem Mittelalter der Erde. In dem fast vier Fünftel der Erdoberfläche bedeckenden Meer schwanken (gịgampfen oder gampfen) in ungemessenen Zeiträumen die riesigen 36 Festlandsschollen auf und ab, und jede ihrer Partien tauchte zu ihren Zeiten unter. So im Erdmittelalter die Schweiz. Da wimmelte das Meer von Muscheln, Schnecken, Ammonshörnern, Belemniten,1 Terebrateln usw. Ihre Überreste finden sich als Versteinerungen oder Steinkerne zahlreich in den weichen Meerglen (Meerschlamm) vor, die mit den soliden Kalkbänken des Jura wechsellagern. Gerade diese Kalkbänke ziehen als weitgespannte Mulde unter unserm Hügelland durch, um sich im Alpengebiet, dessen Hauptfalten sie einst einkleideten, wieder zu erheben. Die Kalke treten längs der Seekette als Felsköpfe und Steilhalden zutage, deren Wasserarmut den Jurabụụren die bekannte peinliche Not bringt, deren Sommerwärme aber aus den Mittelmeergegenden die reizvolle Felsenheideflora hergelockt hat. Die Ligerzer Mundart benennt aus ihr das Tschụ́tscherlụsi (das Leberblümchen, Anemone hepatica), das Mụụrtrụ̈ụ̈beli (weißes Fettkraut, Sedum album) und besonders den Fluehsalat (ausdauernder Lattich, Lactuca perennis), dessen junge Blätter im Frühling das erste Gemüse liefern.2

Die obersten, «weißen» Juraschichten (Malm, Korallenkalk) sind als vortreffliches Baumaterial (Chalchstäin, Hertstäin, Sollo̥du̦u̦rner­stäin) von bekannter Dichtigkeit. Die lockern, leberartigen Kalkmergelschichten, haben ihrerseits den Namen Läber, Läberbärg hervorgerufen.

Aus dem Meer emportauchend, süßte der Jura seine verbliebenen Meerlachen aus mittelst geröllereicher Flüsse und reicher Niederschläge (die heute als Zistärnenwasser so sorglich zu Rate gezogen werden). In diesem Brackwasser schlugen sich die grauen Purbeckkalke nieder, welche gelegentlich Geröll und versteinerte Süßwasserbewohner (Schnecken und Muscheln) einschließen. Interessante Purbeck-Aufschlüsse finden wir bei Vingelz und Tüscherz.

Neuerdings un͜derḁ tunkt, nährte der Jura als zwerghafte Genossen fürchterlicher Rieseneidechsen,3 Schnäggen und Muschlen aller Gattig,4 namentlich die wie winzige Schmetterlinge anzusehenden Räbhüendli (Rynchonella multiformis) der Neßleren und anderer Twanner Rebberge. Diese Kalkschalentiere zogen über die geschaffenen Jurastufen den Kreidemantel. Dieser ist allerdings über dem Bielersee bloß noch ein zerfetztes Gewand. Über der Brunnmühli ist er ganz abgetragen. Zwischen Twannerkirche und Kapfgebäude aber gibt er einen Boden ab für das Rebgelände, welches auch sonst auf diesem Nährboden das bekannte treffliche Gewächs erzeugt.

Ebenso geschätzt sind indes die untern Kreideschichten als Baustoff. Eine derselben, nach dem neuenburgischen Hauterive (Altenriff) 37 benannt, aber auch in Grissḁch und Lan͜dero̥n ausbeutbar, liefert (als oberes Hauterivien) den spatreichen, braungelben Gelbstein, Geelbstäin (pierre jaune), geelben Haustäin, der auch in Ins reiche Verwendung findet. Auf Schiffen hergeführt, gab er im alten Twann die so eigenartig sich abhebenden Fensterfassungen ab. Aus ihm sind die Twanner- und die Ligerzerkirche gebaut. Vornehmlich aber verdankt die Stadt Neuenburg dieser pierre de Neuchâtel das von Alexander Dumas geprägte Kompliment, sie sei ein in Butter ausgeschnittenes Kleinod. Unanmutig grell hebt sich von diesem Gelb der rote Kunststein der katholischen Kirche ab.

Den vorzüglichsten Baustein, der namentlich im Ru̦u̦sel ausgebeutet wird und bis im Sommer 1912 auch in der Goldberggrube als marbre bâtard ausgebentet wurde, liefert die unterste Kreideschicht als unteres Valangien. Dieses wird nach dem neuenburgischen Valangin (Valle̥dịịs, -ịs) so geheißen. In 12 «Hauterivientaschen» (z. B. im Holzplatz und in der Boomen, d. i. La Baume bei Ligerz, sowie in der Chroos und am Goldberg) von weicherer Kreide durchsetzt, bildet dieser weiße bis gelbe Stein die haltbarste und vollständigste Gewandschicht. Sie nimmt freilich am Bielersee bis auf 35 m Dicke ab, um dagegen am Salève bis über 100 m mächtig zu werden. Ans solchem faltschen Marmor bestehen die Böschungsmauern des Hagneckkanals und teilweise des Nidau-Büren-Kanals, sowie die Mụụren der Twanner Räben. Bei der Burgfluh liefert dieser marbre bâtard Lithographiesteine.

Daneben fällt der Mörtelkalk in Betracht. Die Lamlinger durften laut Verbot von 1576 auf den Twanner und Ligerzer Matten kein Kalch, kein Stein brächen noch brönnen,5 wogegen 1762 der Ziegler Immer zu St. Johannsen für die Schlösser St. Johannsen und Erlach den Chalch billiger als sonst6 liefern mußte. Auch er verfügte nämlich, wie noch der Galser Chalchofenacher beweist, über ein «calcifurnum», wie er in all den Chaufour, Chéfour, Chuffort, Tsofor weiter lebt und in den etwa 40 Raffour, Raffornet usw. (zu keltischem ra, Kalk7 ) seine Parallelen findet. Der Ofen, Chalchofen von Ligerz bildet die Grenze gegen Neuenstadt8 und damit die der vormaligen Herrschaft Berns. Das oberste Ligerzerhaus aber heißt der Chalchhof. «Kalk schwellen» (1671 für Chalch löschen) und Chalch brönnen für Sack- oder Magerchalch bleiben dort herum in starker Übung.

In der Übergangszeit zwischen Erdmittelalter und Erdneuzeit (im Eocän) entstanden im Gebiet des aus dem Eocänmeer emporragenden Jura festländische Abschwemmungs­produkte in Form einer stark eisenschüssigen 38 Tonerde. Bis zu knapper Abbauwürdigkeit ergiebig findet sich solche in Tälern und Gehängen wie um Delsberg, Oensingen, Olten, Aarau. Eine immerhin 80 cm dicke Schicht bietet die Brunnmühli; schwächer sind die Funde in der Chroos und anderwärts. Es handelt sich um tiefroten, wohl auch rötlichgelben oder grünlichen Bolus, herrührend aus verwittertem, eisenhaltigem, tonigen, Kalkstein, Bei Alfermee gibt es Eisenkörner (Chrü̦ü̦geli) von Erbsen- bis Nußgröße reichlich aufzulesen. Der Betrieb lohnt sich jedoch so wenig wie bei dem begonnenen Abbruch zu Lengnau.9 Dagegen deckten hier Wald und Weide und die Hụụpergrueben die Gemeindeausgaben und machten die Lengnauer Burger g’mäinsstụ̈ụ̈rfrei.10 Der unverbrönnbar Härt, aus Tonsand bestehend, gleich alt und ähnlich entstanden wie Bolus, lieferte als der weit herum bekannte Hụụper11 Schmelztiegel und feuerfeste Blö̆chchli besonders für Ofenplatten­untersätze. Die Burgergemeinde hat die Ausbeutung von neuem an die Hand genommen.

 
1 Frey 211.   2 Baumberger, Feisenheide 6. 8.   3 Dinosaurier, Frey 211.   4 Ebd. 212.   5 Tw. Schlafb. 90b.   6 Schlafsb. 1, 275.   7 Jacc. 374.   8 Mül. 370.   9 Lg. 144; Mül. 312.   10 Lg. 117, Nichtburger zahlen allerdings 6,35 % Steuer.   11 Einen Versuch der Wortdeutung s. schwz. Id. 2, 955.  
 

Studie von Anker

III.

In einer mittlern Periode der Erdneuzeit (im Miocän) versanken anfänglich größere Teile des Jura, so das Basler- und das Delsbergerbecken, unter Meer, um sich von den emporgetauchten Alpen durch starke 39 Flüsse das Hauptmaterial zu der untern Meermolasse zuführen zu lassen. Nach und nach aber tauchten diese Gebiete und das schweizerische Hügelland wieder aus dem Meer empor. Beide wurden durch die Alpenflüsse mit Geröll, Geschiebe und Sand überführt, welche Masse, mächtige Bänke bildend, als untere Süßwassermolasse bezeichnet wird. Im Jura, von dessen südlichem Strich die obern und mittlern Kreidelagen mittlerweile bereits abgeschwemmt waren, überlagerte die bis ins Elsaß hinunterdringende Molasse die unterste Kreide, um aber bis auf kleine Nester z. B. zwischen Tüscherz und Wingreis wieder zu verschwinden. Um so mächtiger wurden ihre Lagen im Seeland, so daß im Laufe der Jahrtausende der erste Seelandsee ụụsg’füllt wurde und verlandete. Schnäggen, deren Hụ̈ụ̈sli man im Ried bei Ins fand, starben aus. Inseln tauchten auf und nährten mit Pflanzenstoffen das schweinähnliche Steinkohlentier (Anthracotherium1 ). So entstanden die Gesteine der seeländischen Berge. Sie erhielten durch diese untere Süßwassermolasse ihren Unterbau und Grundstock bis nahe an ihren Rücken hinauf. Senkrechte Wände wie am Jolimont über Gampelen zeigen, wie der bunte, tonige Sandmergel die lockeren Sandsteinschichten durchsetzt.

Zu San͜dmutten (als Quadersteine, Ofenplatten u. dgl.) ist dieser allzu lu̦gg San͜dstäin unbrauchbar. Es fehlt der kieselige Kitt, der z. B. die Stockernsandsteine so wertvoll macht. Höchstens Material zu Innenmauern2 läßt sich aus den San͜dflüeh zu Brüttelen, Gampelen, Vinelz, Lüscherz und aus der Fasnḁchtflueh bei Nidau gewinnen. Der Mergel hinwieder nährt, wenn er im Winter zum g’frụ̈ụ̈ren und ụụfg’frụ̈ụ̈ren an Hü̆ffen g’läit und im Frühling untergebracht wird, nicht bloß für sich, sondern er bringt auch die andern Düngstoffe zu rascher und nachhaltiger Wirkung. Är isch im Bodenn, was ụ̈ụ̈s der Chees im Magen.

Zwischen Gals und Erlach ladet Gehängelehm als herabgeschwemmtes Produkt der untern Süßwassermolasse (also Alluvium) zur Ausbeutung. Dieser Lätt ist äußerst gut verwendbar für Ofenkacheln und Ziegel. Darum versorgte seinerzeit der Nordostfuß des Jolimont eine ganze Anzahl von Hafnereien (vgl. «Häuslichkeit») zu Erlḁch und Neuenstadt, sowie von Ziegeleien ebenda und zu Sant Johannsen.3 Von allen diesen Unternehmungen hat indessen bloß die zwischen der Chlostermühli und Erlach zu St. Johannsen sich behauptet. Und zwar seit 1626. Vorher stand diese Ziegelei zu Neuenstadt, wohin man den Lehm verschiffte.4 Der älteste dort gefundene Ziegel, einem 40 Ha̦a̦ggen an der Nase, stammt vom Jahre 1426.5 Die Erlacher Ziegelei verarbeitet denn auch, eine zweimetrige Lehmschicht bis zur dünnen Rasendecke hinauf ausbeutend, außer im Februar und März täglich 30 m³ Lehm dreier Qualitäten. Sie lieferte bereits 1762 und sicherlich längst vorher (Dach-) Ziegel, Chemistäinen, groo̥ß Ofenblatten, Mụụrstäinen, B’setziblättli.6 |den Vorzugspreisen von 12, 12, 125, 50, 30 statt 14, 14, 175, 100, 33 |Rappen. Schlaffb. 1, 275. Nordöstlich vom Wistenlacherberg, auf Berner Gebiet,7 lockte eine 5 m tiefe Lehmschicht als toniger Absatz der Verlandung (s. d.) zur Erstellung einer Ziegelei im Kanalhafen, die nur wegen Mangel an geeigneten Transportmitteln nicht gedieh. Dank solchen kommen selbst weniger günstig mit Material ausgestattete Ziegelbrennereien wie zu Fräschelz, Aarberg, Mett, Nidau und die dortige Hafnerei vorzüglich fort. Auf eine uralte Ziegelei scheint das an die Ziegelmatten (Ga.) grenzende Ziegelmoos zu deuten. Erstere, ein Teil der Ri̦mme̥rzmatten, hieß bis um 1875 die «Matten zu Zieglen». Beide Fluren bestehen noch heute aus schwerem Lehm. Ohne Ausbeutung blieben wohl zu allen Zeiten das Lätthü̦ü̦beli, der Läinacher (Lehmacker)8 zwischen sandigen Äckern zu Gampelen und Tschugg, das Läin- und das Läimzälgli (Ga. 1811), die «leimgruben bim wolfenbaum» (1648).9

Von dem brennbaren blaauen Lätt unterscheidet der Volksmund den graaublaauen unter der Torfschicht des großen Mooses. Er gibt den zuverlässigen Baugrund ab für die wuchtigen Anstaltsgebäude, welche man seit einigen Jahrzehnten dank eigener Fundamentierungs­weise in der ehemaligen Wildnis tarf stellen oder abstellen.

Eine widerwärtige Beigabe zum Brenntorf ist der wịß Lätt, den dagegen der Landmann gern als schmutzigen Lätt aus den frischen Ackerfurchen speckig glänzen sieht. Nur darf das sofortige Zerhacken solcher Fuhren nicht zu stark an das mühselige täüffhacken des Rebmanns erinnern, und auch nicht an das Steckenbleiben des Fußes in durchnäßtem Weg und Steg, worüber das Sprüchlein Klage führt:

Gampelen im Lätt,
Wär drinnen ist, dää chläbt.

Als starchen Heert (terre forte) unterscheidet der Landmann den stark mit Lehm durchsetzten Lättheert oder das Lättgrien vom leichten Kies- und Sandboden.

41 Tief unter dem Torf liegt stellenweise Seekreide: See̥chrịịden als vermeintliche Ausschlemmung von Juragestein durch den Bielersee, durch dessen Untergrund die Masse bis ins große Moos gelangt sei. In Wahrheit ist dieses selbst ihr Erzeuger. Denn die wüehligi Vegetation der Mööser überhaupt setzt den vom Wasser mitgeführten doppeltkohlensauren Kalk besonders ausgiebig in einfach kohlensauren um und läßt solchen nesterweise li̦ggen. Wo die Seekreide allenfalls ausbeutbar ist, liefert sie der Ackerkrume unseres Bezirks, welche speziell im Inserboden bloß 2 bis höchstens 5 % Kalk aufweist, eine wertvolle Bereicherung.

Über den Lehm- und Kalkschichten des großen Mooses liegen nun die Verlandungsprodukte des dritten großen Seelandsees oder des Favre’schen lac de Soleure, worüber das nächste Kapitel «Versumpfung und Entsumpfung» eigens einläßlich handelt.

 
1 Knochenreste fand man zu Aarwangen.   2 Stauff. 41.   3 Lign. 47.   4 Von einem Neuenstadter Ziegler hören wir noch 1642. (RM. 1. Apr. Nr. 271.)   5 Ziegeleibesitzer Zbinden.   6 In die Schlösser Erlach und St. Johannsen zu   7 Schn. 79.   8 Vgl. schwz. Id. 3, 1267.   9 Mit der beim Brüttelenbad vermuteten Porzellanerde (Stauff. 74) ist es nichts.  
 

IV.

Wir kehren, nachdem wir aus technischen Gründen das Alluvium gleich hier erwähnt, zur mittlern Epoche der Erdneuzeit zurück.

In einer spätern Periode dieses Miocän drang von Lyon her ein Meeresarm (das helvetische Meer) in das Gebiet des ältesten Seelandsees ein und griff in schmalen Abzweigungen weiter bis München und bis Wien. Zeugen dieser salzigen Fluten sind Meermuscheln wie Cardium (Herzmuschel) und Tapes, für den Inser aber besonders auffällig die etwa als «Vogelzungen» gedeuteten Haifischzän͜d,1 |dessen schöne Kollektion Pfarrer Ischer zu Mett im Chräijenblärg daselbst gesammelt anderwärts Wirbel- und Rippenstücke von Schildkröten.

Alpen und Jura ergossen ihre Ströme mit so mächtigen Geschieben nach der Ebene, daß sie an deren Nordostrand ausgedehnte Delta aufhäuften. Vor diesen entfaltete sich ein reiches Tierleben. Da tummelten sich als altertümliche Nashornart Tapire, deren einer im Sandstein des Wistenlacherberges versteinerte Reste hinterließ,2 ferner die Elefantenart Mastodon mit vier Stoßzähnen, altertümliche Schweinsarten3 und Hirsche4 |den marinen Molasseablagerungen von Brüttelen. Von Prof. Dr. Studer in den Abh. d. |paläontologischen Ges. XXII (1895). in den Riesensümpfen. Mitgewälzte und eingekittete Baumstämme und Riesenäste aber halfen den Geschiebemassen d’s Meer ụụsfüllen. Zugleich mit der Senkung des Meeresbodens trat eine Verbreiterung der Meeresarme ein, so daß die Delta ertranken. Zunächst kamen grobe Gerölle den Meeresboden mit einer bis 10 m mächtigen Schicht zu 42 bedecken. Sie bestehen aus rotem Granit, Jaspis (rotem Hornstein), Porphyren und andern Ergußgesteinen, welche durch den kalkigen Zement der spätern Überlagerungen zu der überaus harten Nagelflueh gepreßt wurden. Ihre Heimat aber wird vergeblich in den schweizerischen Alpenketten gesucht. Die bunte Nagelfluh ist fremdländischen Ursprungs (exotisch): sie kommt von der Südseite der Alpen, vermutlich aus der Zone des Canavesischen, nördlich von Turin.5 Die Geröllieferanten müssen durch Schübe bis ins Gebiet der Stockhornberge6 geschoben und von dort durch das Flußsystem der «Ursaane» und «Uraare» nach dem Seeland transportiert worden sein. Hier durchsetzten sich die Gerölle mit den Schalen kleiner Lebewesen des Meeres und gestalteten sich zur Muschelnagelfluh. Wie zierlich stellenweise deren Gebilde ausfallen konnten, zeigt die Fassung der nördlichen Kirchentüre zu Ins. Solche Flueh bildet die Rücken des Mistelacherhu̦u̦bel und des Tschụlimung (Jolimont). Sie tritt da und dort zutage in der Nähe des Brüttelenbaad und, was für unsere Gegend besonders wichtig ist, in den Bausteinbrüchen der Flueh bei Brüttelen, sowie in den alten Mühlsteinbrüchen der Mue̥leren bei Ins. Diese hießen vormals mulera apud Ines (1282), molaria in Hiselgove (S. 30), «Muchöhrle» (1850), «Mucherlen» (1776).7 |Katasterplan von Ins; vgl. aber Muucheerlen unter «Holzarten». Es gibt eine Staatsmue̥leren und eine G’mäinsmue̥leren nahe dem Brüttelenbaadweegli. Die letztere ist wieder eine doppelte: eine oberi und un͜deri (1757) Eißergrueben. Von der Staatsmuehlern heißt es 1396 und 1397: Meister Nägeli zahlt der Herrschaft Savoyen von jedem gehauenen Mühlstein je nach der Größe 6 bis 17 Schilling.8 Die Stadt Bern als neue Besitzerin seit 1475 erklärte dann 1492: Der Mühlisteinbruch zu Ins, genannt die Muleren, ist Meiner Gnädigen Herrn Lächen. Ist verliehen an Hentz Brünoß und Hentzen Gweren, beide von Ins. Sie zahlen von jedem Stein 12 Schilling. Sie sollen aber die Grube nit lassen lähr stahn. Kündungsfrist der Empfaher: ½ Jahr.9 Der Zins begreift sich aus den Kosten von 200 Franken unseres Geldes für einen Mühlstein, der g’hauen werden mußte und nicht b’brochen werden durfte. Bern handelte auch hier als Erbe der Grafen von Neuenburg.

Ihrer Vermittlung war schon die Erstellung der Sarkophage in einem Erdhügel zu Wileróltigen aus Inserstein zu danken.10 Graf Rudolf verwilligte 1230 den Mönchen zu Hauterive das Recht, jährlich 43 zwei Mühlsteine aus dem Bruch «am Schaltenrain» zu beziehen. Wenige Jahre später lautete die Erlaubnis auf vier Steine.11 Aus dem nämlichen Bruch «im Inselgau» (S. 30) durfte seit 1258 die Abtei Sant Johannsen ihren Bedarf decken. Die Vergünstigung ward 1279 bestätigt.12 Seit 1351 bezog auch die Gottstatter Klostermühle zu Mett ihre Steine aus Ins.13 Aber die Platten fanden ihren Absatz selbst in Bern. Zeugen doch davon die Fußmauern des Berner Münsters nördlich vom Haupteingang! An der Rịịff (nahe der Inser Strafanstalt) wurden die Platten auf dem um 1850 fahrbaren Münzgraben (s. u.) verschifft, um über Broye und Neuenburgersee auch nach dem Waadtland (La Vaux und La Côte), ja «bis Savoy» und «ins Gruyereland»14 zu reisen. Auch der Bielersee trug solche Frachten, nachdem die Zufahrt nach Erlach ermöglicht worden. Das geschah 1791. Wenigstens beschloß in diesem Jahr die Regierung: Damit die Mühlisteinen von Inß nicht mehr durch die Gamppelen Straß, sondern durch die Straß von Innß nacher Erlach biß an den See geführt und abgelegt werden könnind, ist die Ins-Erlach Straß zu verbessern.15

Die Franzosenstäinen aus der Champagne, welche um 1860 selbst in der Brütteler Mühle Einzug hielten, wie dann erst die Walzen der modernen Mühlenmechanik legten auch diesen Erwerb lahm. Die beiden Besitzer der Eißergrueben ziehen nun ihr Brot statt aus den Steinen der Grube aus den Schollen ihrer Äcker,

Auch die Brütteler Flueh (546 m) sah früher täglich zwanzig und mehr Zü̦ü̦g talwärts fahren. Der Brütteler-stäin diente als geschätzter Baustein für Brückenfundamente, Steegendritten, Brünnentröög u. dgl. Nun hat auch hier die Zementindnstrie die Ausbeute auf ein Minimum beschränkt, und die beschwerliche Abfuhr tut dazu ein Übriges. Wie 44 sehr es schad drum isch, zeigt das 1911 aus Brüttelerstein erbaute stolze Brütteler Schulhaus und ein 1912 in die Nähe gestelltes Bauernhaus. Die schöne Wị̆ßi dieses Materials wiegt den Vorteil des Inserstäins auf, daß dieser herter ist und geegen Booden zue, wo er in Wasser zu liegen kommt, gäng herter wi̦i̦rt.

Äinenweeg gewinnen die Besitzer des Brüttelenbruchs aus demselben noch hü̦̆t zum Taag Brot, indem ein Geschlechts­nachfolger des Peter Küffer (1607 für Chüeffer), ein Hagestolz, im Dienst der Eigentümerfamilie als Stäingrüebler, Stäinhạuer oder Stäinbrächer und gelegentlicher Petrefaktenlieferant arbeitet. Frühern Vorgängern halfen wenigstens ihre Eheweiber mit dem ysen (1668) oder steckysen (Heebịịsen) hantieren, um schwere Stücke «vfzebühren» (ụụchḁ-z’bü̦ü̦ren oder z’lü̦pfen). Dabei entspann sich gelegentlich (z. B. 1668) Zwiespalt,16 in welchem durch Werfen von Abfällen: Schi̦i̦feren, G’schü̦ü̦fer erprobt wurde, auf welcher Seite das stärkere Geschlecht zu suchen sei.

 
1 Zu sehen im naturhistorischen Museum Bern und im Museum Schwab zu Biel,   2 Favre. (594).   3 Sus antiquus; Chaeromorus sansoniensis.   4 Dicroceras furcatus; das Aceratherium. Vgl. Die Säugetierreste aus   5 Nach Argaud   6 Vgl. Gb. 34 f.   7 Zimm. 2, 8 nach d. Archiv Mü. und altem   8 Taschb. 1901, 14.   9 Kopie im Schlaffb. 48 f.   10 Jahn KB. 9.   11 Font. 2, 106. 271.   12 Ebd. 2, 468; 3, 247.   13 Ebd. 7, 560.   14 Hermann.   15 Schlaffb. 1, 233. Vgl «Weg und Steg»   16 Chorg.  
 

V.

Über der 10 m dicken Nagelfluhschicht liegt eine ungefähr 60 m mächtige Decke weichen, bläulichen und geelben Sandsteins. Diesen Bestand zeigt sie noch im Schaltenrä́in, indeß sie im Brüttelerbruch vom Gletscher (S. 46) fortgeschwemmt ist. Nur nordöstlich von Brüttelen sind noch 20 m Höhe zu sehen dank der Aufschließung durch den S. 34 beschriebenen Bergsturz.

Als oberste Schicht der Meeresmolasse breitet sich über der Weichmolasse Muschelsandstein. In Ins und Brüttelen ist er ebenfalls durch den Gletscher (S. 46) wegrasiert worden; dagegen zeigt er sich in kleinen, mit Muscheln und Haifischzähnen durchsetzten Geröllen an der Knebelburg des Jensberges, also über dem altrömischen Petinesca.

Das Abfließen des helvetischen Meeres hatte die Bildung eines zweiten Süßwassersees zur Folge. In diesem lagerte sich die obere Süßwassermolasse ab. Sie besteht aus Sandsteinen, wechselnd mit Geröllen, durchsetzt mit Süßwasserschnecken. Am Jäisbärg und Bü̦ttenbärg zeigt das Gestein auch Zimmtblätter, sowie eine Menge kleiner bis 2 cm langer, spitzer Schnäggenhụ̈ụ̈sli.

VI.

Durch die nördliche Erdabplattung und daher südwärts gerichteten Landabstluß1 bewirkt, staute sich während der jüngern Erdneuzeit (im Pliozän) ein durch wiederholten 45 Gegendruck in Falten gelegter Erdgürtel auf, von welchem Alpen und Jura einen kleinen Teil bilden. Falten dieser Art zeigt in immer kleinerm Ausmaß der südöstliche Jura in seinen oben (S. 22) betrachteten Zügen des Chasseral, Spitzenberg, Seekette, Kapf, Chamblon-Büttenberg. Selbst zwischen Buechibärg und Büren besteht ein Faltengewölbe. Wie also das nordwestliche Mittelland und speziell das Seeland die Faltung des Jura in sich hat ausklingen lassen, so bildet es zugleich den tiefsten Strich des gesamten Mittellandes. Dieses erhebt sich von 500 bis 600 m Meereshöhe in einer mittlern Steigung von 16 ‰, zu den 1200 bis 1400 m am Nordsaume der Alpen. Der hiermit gegebene starke Fall der Alpenflüsse brachte eine besonders tiefgründige Molasse-Aufschüttung des seeländischen Bodens mit sich, die in den höchsten Erhebungen wohl an die 1200 m Mächtigkeit erreicht.

Auf einstige Erhebung von noch mehr als 1200 m deutet schon das Fallen der Meermolasseschichten des Schaltenrain gegen Nordosten um 27°. Das kann nur von einem Gegendruck herrühren, den eine hohe Überwölbung des Jolimont ausübte. Und daß eine solche bestand, lehren die Schichten desselben, welche auf der Südseite gegen Norden, auf der Nordseite gegen Süden einfallen. Die hierdurch angezeigten Luftsättel ergeben Bogen, die auf dem jetzigen Rücken des Jolimont als der einstigen Muldentalsohle anhoben und gegen Süden hin die Talung um Vinelz vielleicht 3-400 m hoch, die entgegengesetzte um Sant Johannsen ebenfalls 3-400 m überwölbten. Daß dem so ist, beweist mit ihrer Schichtenstellung eine dem Schaltenrain vorgelagerte Anhöhe. Sie ist der Rest des Südschenkels einer Molassefalte, deren Nordschenkel in der Südflanke des Jolimont steckt. Genau so liegen die Verhältnisse am Büttenbärg als dem nordöstlichen Endpunkt einer subjurassischen Mulde (Synklinale), deren Schenkel bis auf ihre heutigen Reste abgetragen worden sind.2 Wodurch und wie?

 
1 Tayler bei Berdrow 1912, 91 ff.   2 Nach Dr. Antenen.  
 

VII.

Dank der Faltung waren die Alpen im Beginn des Eiszeitalters (das sich hieraus von selber erklärt) gegen 1500 m höher als jetzt, und noch am Nordfuß des Jura erhob sich Basel zu 800 m oder mehr.1 Nun sind Alpen und Jura imposante Ruinen geworden und werden es noch mehr, indem sie ihren Abschwemmungsschutt der Niederung zuführen.

Von jeher und stetsfort taten und tun dies Flüsse. Wie die vormals (S. 28) bis Orpúnd vordringende Schnụ̈ụ̈ß in ihrem Unterlauf und in der Schlucht die basse terrasse ablagerte, so überschüttete die Aare mit den Schottern der basse terrasse das Aaretal und die Niederungen zwischen Su̦tz und Lattrigen, zu Möntschemier, Si̦i̦selen, 46 Walperswịl, Büel, Stụụden, zu Cheerze̥z, Fräsche̥lz, Challnḁch, Baargen, Lyß, Bueßwị́l.2

Der Haupt-Fuehrmḁ war allerdings der Rhonegletscher, welcher in seinem stärksten Vorstoß im Gebiet des Seelandes erst vor 1300 m Höhe Halt machte, also den (1609 m hohen) Chasseral nicht überschritt. Beim letzten Vorstoß, der in unserer Region bloß 970 m erreichte, sandte er einen Hauptarm bis nach Wangen a. A. Bei seinem Rückzug teilte er sich am untern Ende des Sees in verschiedene Lappen, deren einer bis zum Pfarrhans Gottstatt und zum Totenhof Muntel reichte. Er deckte die Bielerseefalte, die Mulden von Teß, Ilfingen, Gäicht mit tiefem Schutte zu, der sich mit dem unterliegenden Kalkmergel zu dem fruchtbaren Untergrund für Wald, Weide und Rebland mischte. Im Seeland, das sein Zungenbecken ist, legte er eine tausend Meter dicke Eiskappe über den Molassegrund und vernichtete natürlich für lange Zeit alles organische Leben. Auch das von Alpentieren, wie den Murmeli, welche die eisige Kälte als des Eisstroms Vorbote nach dem Seeland hinunter getrieben hatte. (Murmeltier­knochen­reste fanden sich in einer Griengrueben z’Stụden.)

Das lange Lagern durchweichte das überdeckte Gestein und beförderte das Abschwemmen der weichen Massen, indes die harten als Inselberge stehen blieben. In der Bewegungsrichtung des Gletschers na̦a̦ch t na̦a̦ch ansteigend, brechen sie blötzlig ab. So modellierte der Gletscher den Schaltenrä́in, Tschụ́limung, Mistelacherhubel, Jäißbärg, Büttenbärg, Bụ̈ụ̈renbärg zu den scharf umrissenen Aame̥ssen- oder Ome̥ssenhụ̈̆ffen mit der jetzigen g’streckten Oval- oder der annähernden Rundform. Namen wie Romont (rotundus mons), oder Rŏtmúnd, wo die Rottmunger wohnen, heben sich mit dieser Bedeutung ab von den Rotenberg (1379), Rougemont (Rötschmund).3

47 Wie als Meißel, arbeitete aber der Gletscher auch als Schụụflen und als Hobel. Er höhlte das Becken des Großen Moos und das vielmal größere, aber niemals tiefe des zweitmaligen Seelandsee, von den Gelehrten als Solothurnersee (lac de Soleure) bezeichnet. Dann aber gliederte er den letztern durch seine Rückzugsmoränen ab. Eine erste solche sperrte bei Solothurn den rasch austrocknenden Wangensee ab, eine zweite das Solothurnerbecken, das ebenfalls in kurzem versandete und verschlammte. Das Absperrungsmaterial bestand bei der letztem Gliederung 1. aus den Moränen zwischen Grenchen und Pieterlen, 2. aus den Moränen bei Längnau und Pieterlen, 3. aus einem Wall, der zwischen Orpún͜d und Saafneren sich vom Fuß des Bü̦ttenbärg in einem Bogen über Gottstḁtt auf das rechte Ufer des Nidau-Büren-Kanals hinüberzieht und von hier die Anhöhe zwischen Zi̦hlwịịl (-ị́l) und Brügg gewinnt; 4. aus einer letzten Wallmoräne, die sich an den Westabhang des Jäißbärg lehnt und von hier in einem Bogen den Pfeidwald und den Brüggwald gewinnt.

Mittlerweile schob die Aare oberhalb Aarbärg ihren Schuttkegel vor. Dieser half einer weitern Rückzugsmoräne bei Wavre, die einer Molasseschwelle aufgelagert ist, den noch verbliebenen Jurasee in die drei heutigen Becken teilen: den Neuenburger-, Bieler-, Murtensee̥.

Aber allen drei gäit’s an d’s Leeben. Das erfuhr und erfährt zunächst der Bielersee. Der streckte anfänglich noch einen schmalen Arm hinder dem Büttenbärg dü̦ü̦rch als Pieterlensee. Dieser verlandete aber zu dem heutigen Pieterlenmoos, etwa wie es mit der Tessenbergmulde geschehen ist, deren östlicher Teil den Twannbach speist. Ursache war der Schuttkegel der Schüüß.4

Ein Hauptbestandteil desselben ist eine 4 bis 5 m dicke Bank von feinzelligem Kalktuff, welchen das fein zerstäubte, harte Flußwasser absetzt. Solcher Duft bei Mett zeugt vom frühern Vorrücken der Schüß. Er findet sich auch am Chilchenhubel zu Pieterlen und bildet, von den Römerquellen abgesetzt, das Tufflager als den Büel, nach welchem die darauf stehende Altstadt von Biel gerne gedeutet wird. Sachverwandt ist der Tropfstäin im Twanner Holiloch und Wasserholiloch.

Der noch verbliebene Bielersee̥, welcher mit seiner Fläche von 43 km² den Fünftel des Neuenburgersees ausmacht (wie der Murtensee den Achtel), dankt seinen längern Bestand der vom Rhonegletscher ausgehobelten 48 Vertiefung. Die schützt ihn immerhin nicht vor dem Endschicksal, daß sein Oberteil vom Heidenweg aus ganz verlandet, der Unterteil von der Schüß aus völlig verschlammt und versandet. Dann haben seine Anwohner keine Triftig (Gelegenheit) mehr, einem, der «Augen hat und nicht sieht», zuzurufen: Du fin͜dsch nid Wasser im See̥! Und wer eine schwere Verschuldung von sich ablehnt, kann dann nicht mehr mit Fug sagen: Wäre ich wirklich schuldig, es weer nid Wasser im See̥ g’nueg, für ’s abz’wäschen!

 
1 Berdrow 1912, 104 nach Lepsius.   2 Aeberhardt, der mitten in diesen Forschungen für immer seinen Hammer niedergelegt hat.   3 Mém. et Doc. 22, 253.   4 Dr. Antenen  
 

VIII.

Was die Gletscherzeit durch Erstarrung des organischen Naturlebens an scheinbarem Rückschritt mit sich gebracht, holte sie ein durch Erweckung und Erziehung des intelligentesten aller Wesen und durch Schaffung eines trefflichen Nährbodens. Die (gekritzten) Rollkiesel, Lätt und San͜d (vgl. die San͜dacheren) und Mergel der Grundmoränen schufen jene hauptsächlich aus Lättgrien bestehenden Hügelzüge von Eiß, Möntschemier, Treiten, Feisterhénnen, Si̦i̦selen, Walperts- oder Walbe̥rtswil, Fräsche̥lz, Challnḁch.

Indem hier Naturkräfte den wilden Heert1 der an sich unfruchtbaren Molasse mit Pflanzennährstoffen siegreich überschütteten, taten sie im großen, was unsere Strafanstalten mit ihren reichen und billigen Arbeitskräften im kleinen tun. Besonders beim Grien abtecken heben diese die Humusschicht der Kiesbänke sorgfältig ab und auf, um damit toten Boden z’überfüehren, z’b’heerten oder nach einem heimisch gewordenen Ausdruck der Kulturtechnik — z’kulmatieren (S. 39). Diese künstliche Nachhülfe ist eine um so wertvollere Arbeit, da gerade um Ins und Müntschemier die Moränendecke zwischen den genannten Zügen sehr dünn geraten ist.2 |Gutachten über die neue Friedhofanlage von Ins. In Ins verloren ging |leider die von Pfarrer Gottfried Ischer in Mett, der als Theologe und als |Geologe gleich groß gewesen ist, äußerst sorgfältig ausgearbeitete |Monographie des Insergeländes anläßlich der Vorstudien für die Wasserversorgung. So z. B. im Blantscheli (Br.), wo der Rebbauer den Härd bloß enchlei chann obenfü̦ü̦r chrääberlen und d’Rääben un͜derḁ schaaren.

Wenn nicht der private Landwirt bei ebensolcher Arbeit grad ob sịm Flị̆ß müeßt verlumpen, so wäre die Überführung aller unserer Niederungen mit Lättgrien ein außerordentlich gedeihliches Werk.

In anderer Art grienig (kiesig) oder san͜dig (1702: sandächtig, in Mụ̈. san͜dochtig, wie dick- und dünnlochtig, schwarz-, wị̆ß-, 49 roo̥tlochtig, usw.), wohl auch mit Blü̦ttersan͜d (Sandkot) durchsetzt, sind große Teile unseres Bezirks dank den Überbleibseln eines alten Gletscher­schmelz­flusses, der durch die Seelandsfurche zog. Es handelt sich hier um Abrieselungen aus den Schotterzügen von Alpengeröllen, dürchmischlet mit gelben Jurageröllen (S. 38), wie namentlich die sieben Griengrueben von Ins sie zeigen. Das ist das S. 45 angezogene Wassergrien.

Solche als Schottergruben ausgebeutete Kiesbankzüge besitzen die Orte Eiß, Müntschemier, Treiten, Si̦i̦selen, Walpertswil, sowie östlich des Mooses Cheerze̥z, Fräschelz, Challnḁch, Lyß. Seltener und eben darum namengebend lagern solche Kiesbänke an Orten wie Gryon (Grien; vgl. die Gryonne: den Griesbach, la Grosière, von groise, Gries).3

Was an den genannten Grienchöpf der Bodenkultur verloren geht, holt die vielgestaltige Technik ein, sowohl mittelst Beschotterung der Bahnen, Straßen und Wege (Stra̦a̦ßengrien), als im Hochbau. Man denke an die Zimäntwarenfabriken zu Lyß und Müntschemier und an die 1912 neben dem Bahnhof Ins in elektrischen Betrieb gesetzte internationale Betonmasten-Industrie. Die genannten Orte, sowie z. B. Stụụden, das seinem Grien seine Gemeinde­steuer­freiheit verdankt, tragen darum auch zu ihren Kiesbänken Soorg wi zum Zucker. Ins z. B. belegt seine g’mäinen Griengrueben am Fạuffe̥rzweeg und im Chu̦chche̥lli immer wieder mit Verbot. Dieses Chu̦chche̥lli ist eine Einhöhlung, welche Kindern zum sonntäglichen Haushaltungsspiel dient, von dem in «Dach und Fach» aufgeführten Stäübi-Sammi aber als Wohnung benutzt wurde.

Solche Wertschätzung ist vollauf begründet durch die außerordentliche Herti des Kieses. Der ist so hert, daß er bloß gruebengrüen verarbeitet werden kann: frisch, wie der feuchte Erdboden der Grube ihn liefert. Der Ausdruck erinnert an die grüeni Säüffen: Seife, die noch nicht abgelagert ist und darum unvorteilhaft gekauft wird; an das grüen Fläisch im Gegensatze zum geräucherten und gelagerten; an die grüeni Wunden, welche immer nicht ansheilen und vernarben will.4 |Stucke 71) zu grô, engl. grow (wachsen). Die Härte ist kalkhaltigem Wasser zuzuschreiben, das den Boden durchsickerte und die Sandsteinbrocken zu einer Art natürlichen Betons zusammenkittete. Besonders harte Partien heißen Kiesgalle. (Vgl. die «Niere» als fremder und andersfarbiger, harter Einsprengling.5 ) Solche Chi̦i̦sgallen, Stäingallen heißt auch Gallen-, Gaalen-, 50 Gallstäin. (Vgl. den Gallsteinacher, 1786: Galßstein, am Totenhof zu Brüttelen).

Unvermutetes und plötzliches Losbrechen solcher verwachsener Kiespartien von kleinem Geriesel bis zu Kubikmetergröße kann zu Unglücksfällen führen, wie letztmals am 6. November 1910 in einer Inser Steingrube.6

 
1 Mhd. der hërt, des hërdes. Zur Sache vgl. Gb. 44.   2 Vgl. das Croquis von Prof. Isidor Bachmann in seinem (einem Chorg. beigelegten)   3 Jacc. s.v.   4 Gr-ünen gehört eben, wie auch Gr-as (Kluge 183 f.,   5 Schwz. Id. 2, 204.   6 Jahresber. Witzwil 1911, 2.  
 

IX.

Wi wenn d’Möntschen sötti wüssen, wer ihnen die an sich so eintönige Molasselandschaft zu einem so vielsagenden «Antlitz der Erde» umgeschaffen, wer ihnen den Grund und Boden für ihr Mues und Broo̥t vorbereitet, und wer ihnen das Material für eine lohnende Industrie so z’hụ̈̆ffenswịịs hingesäet, hat der Rhonegletscher da und dort en Wị̆sịtenchaarten la̦n li̦ggen. Die sind, der Größe des Gebers angemessen, ordentlich groß und mehr handfest als handlich geraten. Auch ist ihre Schrift für Uneingeweihte rätselhaft. Kenner jedoch haben sie entziffert und damit die Herkunft festgestellt.

Der Hohlen Stäin ob Twann, in der Nähe der reichlich mit Findlingen besäeten Twannbachschlucht, ist Montblanc-Granit. Den 270 m³ großen Block hat die Burgergemeinde Twann dem naturhistorischen Museum in Bern einsichtsvoll geschenkt. Montblanc-Granit ist auch der Längstein über dem Gottstatterhụụs bei Biel.

Der 8 m³ große Block am Jäisbärg über Studen, im Pfahl daselbst, ist ein Granitporphyr. Sprenglöcher weisen auf eine früher beträchtlichere Größe.

Im Namen an die Tụ̈ụ̈felsburg erinnernd (einen künstlich geschaffenen, jäh zu 20 m emporsteigenden Kegel mit abgeflachter Spitze mitten im Wald zwischen Goßliwil und Rütti bei Büren), liegt in schwer auffindbarem Versteck auf dem Jolimont die Tụ̈ụ̈felsburg oder Tụ̈ụ̈felsbu̦u̦rdi. Die Naturforschende Gesellschaft Bern hat sie mittelst Inschrist als ihr Eigentum erklärt. Der Gottseibeiuns hat diese Arkesingneiß-Blöcke, deren größter 315 m³ mißt, aus dem Bagnetal im Wallis hergetragen, um sich eine Burg zu bauen und von dort unbeachtet auf das Tun und Treiben der Erlacher und Tschugger, der Gampeler und Galser aachḁ z’glụ̈ụ̈ßlen.

Unbedeutend erscheinen neben ihm die Inser Findlinge hin͜der Pfarrers Ịịnschlag, sowie an der Müntschemiergasse gegenüber dem «Fisch» (der jetzigen Wirtschaft Heinrich Schwab).

51 Unsere Hauptbetrachtung gilt begreiflich dem 25 bis 27 m³ groß erscheinenden porphyrartigen Walliser Granitblock1 |für Erhaltung erratischer Blöcke, verfaßt von deren Präsident Dr. Eduard |Gerber, gehört er zu den Arollagneißen. nahe der Straße Eiß-Müntschemier. Die bernische Findlingskommission fand sich bewogen, diesen als rechten Feldstein so vor aller Welt offen auf dem Müntschemierfälld da liegenden Koloß in besondere Obacht zu nehmen und unter die Aufsicht von Oberlehrer und Major Blum in Müntschemier zu stellen.

Von jeher war dieser Block: der groo̥ß Stäin (1648) immerhin vorwiegend ein Gegenstand sinnender Betrachtung, wenn nicht harmlosen Kinderspiels. Auf erstere deutet schon sein Name. Von unbekannt hohem Alter redet der Name Häidenstäin.2 So heißt auch ein Findling im Länghólz. Vor ihm hausen kleine grüne Männchen.3 Flechten und kümmerlich gedeihende Moose benennen manchen erratischen Block als graauen Stä́in, Graauenstäin. Ein solcher, nach dem vier Häuser bei Feisterhénnen den Namen führen, und an welchen beiderseits die Graauenstéinmatten stoßen, bildet die Grenze zwischen Finsterhennen und Si̦i̦selen und schied damit vormals zwischen den Grafschaften Erlach und Bargen (Nidau).4 Unterhalb Magglingen liegt, der Burgergemeinde Biel gehörend, der graau Stein, wo d’Chin͜d drun͜der fü̦ü̦rḁ g’grabt wärden. Der graue Stein zu Dotzigen hat zum Nachbarn den mit Gletscherschliffen gezeichneten blaauen Stein. Mit der Benennung Zäichenstäin ist der Versuch angedeutet, aus den mehr oder weniger regelmäßig scheinenden Ritzen und Vertiefungen einen Sinn zu erschließen. Und der Auffassung der schalenähnlichen Vertiefungen zumal auf dem Scheitel des Blocks als Einmeißelungen für ausgegossene (keltische) Trankopfer gilt die hauptsächliche, ja heute einzige Bezeichnung «Schalenstein». 52 Die inserischen Umformungen dieses Namens: Sallenstä́in, Sóllenstäin, Sóllerstäin reden wohl von verdunkelter Vorstellung der Schale.

Die Opferidee, mit welcher allerdings die der Verhextheit konkurriert,5 setzt also die Deutung unseres Steins derjenigen der Teufelsbürde strikt entgegen. Drollig jedoch erneuert sich an allen Riesensteinen der mythologische Zug vom Giganten, der in seinen «Siebenmeilenstiefeln» von Berg zu Berg setzte. Är het an den Zeefen (der Zeefen ist die Zehe) gäng ḁlso öppis wi n es Stäinli g’spǘ̦ü̦rt und nid g’wüßt, was das och isch, bis er entlig der Hoḷzbööden6 (Holzschuh) abzoogen und ụụsgleert het. Du̦ ist du̦ das der Sallenstä́in gsịịn, wo uf dem Müntschemierfälld ligt.

Ein anderes dit-on knüpft sich an die starke Isoliertheit solcher Hartsteine, deren Umgebung und Unterlage oft so weit weggewaschen ist, dass es äim isch, si müeßi wagge̥llen. Das wird denn auch wirklich behauptet vom Waggelistäin oder Schwungstäin bei Gäicht,7 sowie vom Gnepfstein auf dem Pilatus, vom Palet roulant au Vuilly, von der Pierra rauland de Burtigny.8 Der Zwölfistein über Biel neigt sich in jeder Quatembernacht (mit der ein Vierteljahr beginnt), wenn’s Zwölfi schla̦a̦t.9 Die Nachprüfung dagegen trotzig herausfordernd, chehrt sich der Sallenstäin allima̦l, wenn er g’chöört (oder g’höört) Mittág lụ̈ten. Ja, er tut das sogar drụ̈ụ̈ Ma̦a̦l, gleich wie der Palet roulant, welcher übrigens seinem Entdecker, dem Sekundarlehrer Jakob Süßtrunk in Murten (1840-1909),10 |erschien 1910 in Murten (bei Strüby) eine anmutvolle Lebensbeschreibung mit |Süßtrunks sympathischem Bild. den deutschen Namen Süeßtrunkstein verdankt. Doch, jene Herausforderung ist lauter Schein und Trug. Das erfuhr ein Inserknabe, dem der verfängliche Doppelsinn des «wenn» (das zeitliche quand und das bedingende si) entging. Er lies mit achtungswert gründlichem Forschersinn auf das Müntschemierfeld für ga̦n z’luegen, göb e̥s denn so sịịg. Dem Spott seiner Kameraden zuvorkommend, redete er sich daheim aus, jää der Stäin häig’s nid chönnen g’chöören, der Luft häig ’s lụ̈ten verweeijt. Hätte auch hier, wie unter der pierre à bot (Krötenstein) zu Perabot,11 sich en grooßer Chrott verborgen gehalten, so wäre ein verchlü̦̆pfen als Erklärung des Nichtbemerkens dankbarer gewesen.

Unser Müntschemiererblock findet aber auch praktische Gründe zu seiner Erhaltung. Wie trefflich orientieren sich an ihm die Besitzer der 53 zerstückelten und zerstreuten Fluren! Da liegen, wie schon 1648 und 1678, 6 Mäß Acker oder ½ Juchart usw. «by Schallenstein», bim Sallenstäin, hin͜der dem Sallenstäin, voor am Sallenstäin.

Und die Kinder aus all den Nachbardörfern am Sonntag Nachmittag! Was wäin me̥r machen? Chöömet, mier gangen zum Sallenstäin! Da thronen wir zu Dutzenden auf dem Pyramidenstumpf, und denn rü̦tschen me̥r äins hin͜der dem an͜deren d’Chrinnen abb; das gäit wi n en Pfịịl! Für Knaben sodann, die schon etwas von Zwingherren­schlössern gehört haben, ist der Stein (wie der «Stein» zu Baden) eine solche Burg. Da jagen sie etwa mit dem losgelösten Vordergestell eines im Felde ruhenden Selbsthalterpflugs eine gute Weile um das Schloß herum. Dann geht’s auf genagelten statt gesattelten Rappen in möglichst lautem Trab die steilen Rinnen, das heißt: d’Schloßsteegen empor, bis die oberste Schale erreicht ist. Die dient als Feldkessel: in ihr wird soldatenmäßig g’chöcherlet,

Den vollsten Reiz des Blocks für die Kinderwelt zeigt seine (freilich nicht allzu feinfühlige) Hereinziehung in das Riti-Rößli-Lied:

Hụ̈ppen Hụ̈ppen Rösse̥lli!
Z’Bern isch es, Schlösse̥lli,
Z’Sollo̥du̦u̦rn es Gloggenhụụs,
Luegen drei Jumpferen ooben ụụs,
Äini spinnt Sịịden,
Di an͜deri hächlet12 Chrịịden,
Di dritti tuet der Gatter ụụf.

Schịịn, schịịn, Sunnen,
Z’Bern über den Brunnen,
Z’Eiß über den Sallenstäin!
Moorn chunnt ụ̈ụ̈ser Vatter häim,
Bringt mier es Weggli häim
Un dier en Schü̦ü̦bel Dräck an d’s Bäin.

Variante:
...
Di dritti luegt, ob niemmer chöo̥m,
Wohl! da̦ chunnt es Gịịgerli,
Das het ganz dräckigi Höösli aan.
D’Frạu wott ihm si nid wäschen.
O, di fụụli tonners Chlappertäschen!

 
1 Nach dem für 1909 erschienenen Jahresbericht der bernischen Kommission   2 Vgl. Gw. 571.   3 Jahn KB., 80.   4 Ebd. 23.   5 Ebd. 22.   6 Interessantes Beispiel vom Vordringen der Mehrzahl- und Einzahlform, wie in der «Strümpf».   7 Ebd. 76.   8 Jacc. 546 nach J. Olivier, canton de Vaud 333 f.   9 S. Bl. S. 1913, Nr. 9-11, mit drei Abbildungen.   10 Über diesen verdienstvollen Lehrer und Naturforscher   11 Jacc. 338.   12 Spassig sinnlos statt «schnätzlet».  
 

 

Wasser und Bad.

I.

So unfruchtbar die Molasse an sich ist: sie bildet dank der Saugkraft und der Undurchlässigkeit ihres tonigen Sandmergels einen trefflichen Quellenhorizont, während ihr durchlässiger Sandstein als Filter dient. Eine Dürren-Mátt gibt es in Siselen, wie die Dürrenrääben zu Gampelen und Tschugg. Dafür zählt man auch hier nicht wenige Stellen, wo Wasser ụụchḁ sü̦̆chcheret (sickert) oder ụụsḁsooderet. So kommt es in tiefen Lagen zu Gießen (kleinen ständigen Wasseransammlungen1 ), 1312 Gissynei, Gesseney, als Dorfname nochmals verdrängt durch den Landschaftsnamen Saanen. Zimm. 2, 145. welche früher auch im Seeland zum ịịnbri̦tschen und schwellen: zum Anbringen von Schwellinen für z’wässeren anlockten. Einen Wässerungsstreit zwischen der Gemeinde Siselen und ihrem Bürger Schwab mußte 1704 Bern schlichten.

Aus Ins

In den Ausschwemmungen über dem Molassegrund herrscht also ein gewaltiger Wasserreichtum, der schon aus Stu̦u̦bentäüffi, jedenfalls 55 aber aus höchstens 5 m Tiefe heraufgelockt werden kann. Stellen, wo es zu eingesteckten Röhren ụụfḁ rạuchnet, laden zur Anbringung eines einfachen Pumpwerks ein. So im Púmpenacher zu Brüttelen, im Geometerdeutsch als «Baum»- oder «Pumpbaumacher» erklärt. Pumpen ist der gut seeländische Name für Sood. Manch einen Brünnen uf der Witi u̦ssen würde nach älterer Vermutung2 der jurassische Name Chappate als das caput, das Haupt, den Anfang, den «Ursprung» eines Hausbrunnens hinstellen. Es gibt eine Flur im Tschäppit zwischen Ins und Vinelz, einen Tschäppitacher zu Vinelz und zu Treiten. Zu Gütern umgewandelte Fluren dieses Namens in dem wasserarmen Jura konnten leicht ihre Bezeichnung Tschäppat, Tschäppät (so zu Bözingen) auf den ersten Eigner übertragen.

Heute verdanken der eigenen Wasserversorgig, welche nunmehr im ganzen Seeland nach den Errungenschaften der neusten Technik ins Werk gesetzt ist oder wird, bereits viele Ortschaften d’s Wasser (in Stall und Küche). Im Jahre 1913 sind das an sich wasserarme Si̦i̦selen, sowie Feisterhennen, Treiten und Brüttelen am Werk, eine Brütteler Quelle zu gemeinsamer Wasserversorgung heranzuziehen. Im Verlaufe des letzten Jahrzehnts haben die Gemeinden Schu̦gg, Gamplen, Gals, Vine̥lz, Lü̦sche̥rz, Müntschemier und das kleine Mụllen Hydrantenanlagen erstellt. Erlḁch besitzt seine Wasserversorgung schon seit dreißig Jahren (s. u.). Müntschemier het d’s Wasser seit 1910, Eiß si̦t Anno Feuf. Das Réserwaar für die Hauswasserversorgung und für die 29 Hydranten von Ins liegt in Herre̥chs-Mátten unten am Gäichberg. Die Quelle heißt (der Ort) in der Fŏvarschen (s̆s̆). In Ortschaften aber wie Ins flossen vor solcher Versorgung und fließen noch jetzt neben ihr stattliche Dorfbrünnen, zu gemeiner Viehtränke und zu polizeilich geordnetem Waschwerk mächtige Wasserstränge in die riesigen Tröög aus Sollo̥duurnerstäin oder aus Zimänt werfend. Der Brünnen (in Erlach sagt man: der und die Brunnen)3 ist also auch hier nunmehr der läüffig Brünnen, mit Zurückdrängung des Grundbegriffs der Quelle. Nur alte Flurnamen reden noch im Sinn der Gampeler Fu̦ntenen (woher die Namen Fu̦ntenen-Rääben, -Graben, -Schrachen) von einem Ha̦a̦ldenbrünnler, einer Brünnelizälg, einer Brünnmatten, einem Scha̦a̦fbrünnli, einem Bandbrünnen und dem Graafenbrünnen, einem Acker beim Schụ̈feli- (1662), Galgen- (1662), Schwarz-(1855), Fạufferts- oder Fạuggers- (1701 auch Fauwerts-), Chächs, Ludiß (1663) -Brünnen, Maartis 56 Brünnli, von Reben bei dem Brunnen von Schaffis (1386), vom Schänzlisbrunnen (1533: Schändelsbrunnen) zu Twann, vom Spülbrunnen vor dem obern Tor zu Biel (1361).4 Der Chlingelz (1648: Klingelz-) Brünnen an der Gampelenstraße rauschte zu Zeiten weit umher vernehmlich. Zumal in stiller Nacht het er förmlich g’chlingelet. In ältern Urkunden wird er als «lebendiger Brunnen» bezeichnet. Auf Tuffgehalt deuten Namen wie bi’m herten Brünnen (1647: Hertenbrunnen) zu Brüttelen.5 Um einen «Gutenbrunnen» (vgl. «Muffetan»)6 handelt es sich in vollstem Maße bei Holzmüeterlis Brünnli am Ostrand des Eschenwäldchens bei der Mụụrstụụden. Der heimelige Name gilt den zwei schweigsamen, menschenscheuen kleinen Frạueli, welche auf dem Weg der Zwergensage in die neolithische Zeit der Mongoleneinwanderung zurückreichen. Von einer einst vollständigen Sage ist bloß noch der Rest erhalten, welcher folgendes erzählt: Nahe dem Haus Jampen am Ende der Möntschemiergassen war eine Gruppe Eißer mit Hanf räiten (Abziehen des Bastes mit der Hand) beschäftigt. Die beiden Holzmüeterli näherten sich halb neugierig, halb furchtsam. Plötzlich wurde eins der beiden erhascht und zur Kurzweil ins Dorf geführt. Das andere konnte ihm bloß noch Nachrufen: Sie mögen dich fra̦a̦gen, wás si wäin, seeg ämmel ain Sach nie: für waas der wị̆ß Haaber sịịg.7

Jedenfalls also findet, wo noch heute nötig, der Brünnengreeber oder Brünnenmäister leicht Wasser. (Ein solcher wurde um 1832 in Lüscherz mit jährlich 2 Kronen 10 Batzen bezahlt.) Er bedarf dazu weder des neuen Deinertschen Mikrophons, noch der alten Kunst des Wasserschmeckers, der seine fischbäinigi8 oder haasligi Rueten spielen läßt. (Um 1828 lebte in Ins der Wasserschmecker Schmutz, ein geschickter Mann, aber ein Hudel.)9 Wie gut, wenn auch auf Jurahöhen statt des Zị̆stäärnenwassers «lebendes Wasser» auf solchem sich entdecken ließe!

57 Sicherer ist allerdings die Häufigkeit als der Einzelreichtum der Quellen. Es gibt neben wasserreichen Brunnen auch Brünneli, welche bloß e̥n e̥ren Eerbs groo̥ß chöo̥men. Daher war 1639 Bern zufrieden, wenn Erlach dem Amtmann wenigstens Erbs groß Schloßbrunnenwasser gewährte.10 Eine Gutsverschreibung aber forderte 1780, daß der Brunnen eine «zwey lotige Röhre voll Wasser» liefere. Das sollte heißen: ein Röhrchen, in welchem eine Bleikugel von zwei Lot11 Schwere genau Platz hat. Das gute Schließen der (noch nicht papiernen, nicht einmal ịịsigen oder heertigen, sondern bloß erst) holzigen Dünkel mit eisernem Dünkelring und das fleißige Entfernen der Strangen von Conferva reticularis (barba de fontanna) war hierzu ein strenges Erfordernis.

So stattlich aber die meisten Dorfbrunnen aussehen: des künstlerischen Schmucks entbehren sie wie anderwärts auf dem Lande. Ein Twanner Brunnenstock trägt das Dorfwappen. Damit erinnert er in gewisser Beziehung an die Jaquemars (Jaques et Mars) in Neuenstadt, will sagen: das mit den Figuren der Apostel Jakobus und Markus gezierte Brunnenpaar. Vom Brunnen, welchen der durch sein tragisches Schicksal bekannte, 1749 zu Bern enthauptete Samuel Henzi aus seiner Besitzung in der oberen Budlei zu Vinelz hinstellte, sind bloß noch dislozierte Einzelteile vorhanden.

 
1 Nach solchen benennt sich Gießenen, 1228 Gissinai, 1285 Gissine,   2 Vgl. Zimm.   3 Kluge 73; schwz. Id. 5, 660; Gb. 307 ff.   4 Font. 8, 389. 630.   5 Schlaffb. 1, 145.   6 Über Bnunfotan, 1490 Boffetan, 1445 Monfetan aus Bunfontana (1270), Bonnefontaine. Stadelmann im Arch. Fbg. 1900, 368 f.   7 Zur Aufhellung vgl. Gb. 517, Note 65.   8 Eine solche besitzt Karl Irlet.   9 Kal. Ank. — In lustiger Verspottung des Streits zwischen sehr seltener Veranlagung und häufigem Schwindel läßt Favre 164 mittelst der Haselrute im Moosheuhaufen Mahlzeiten finden.   10 Schlaffb. 1, 138.   11 Vgl. Kluge 294.  
 

II.

Kleine mineralische Beigaben zum Wasser stempelten auch einige Seelandsquellen zu Gesundbrunnen. So in dem 1301 erstmals verurkundeten Woorben1 samt dem Neúbad. Eine Zeitlang ward auch das Längnauer Bad besucht, bis das benachbarte Bachtelenbad zu Grenchen es verdrängte. Durch Abbrennen dem abrịịßen zuvorgekommen ist am 23. November 1909 das alte, aber längst aufgegebene und schließlich auch nicht mehr bewohnte «Dettligenbad» bei Aarberg, am Platze des einstigen Frauenklosters Tedligen (s. «Twann»). Es war eins 58 jener Fräßbeedli nach Art des noch bestehenden zu Lụ̈terswịl im Buechibärg.

In mancher Hinsicht ein Prototyp hochmoderner Vergnügungsorte war dagegen das einstige Brüttelenbaad, und zwar derart, daß es uns auch noch in den Chorgerichts­verhandlungen begegnen wird. Noch reden von ihm der Baadwääg, das Baadguet, der Baadbach und (1757) der Baadacher. Der kleine Gehalt des Badbaches an kohlen-, schwefel- und phosphorsauren Mineralien2 verschaffte ihm zunächst einen gewissen Zulauf aus der Umgebung zum baaden und schräpfen, wofür 1658 der Baader Hans Wißler, um 1668 der Baader Hans Geißler zur Verfügung stand. Wie die Stadt Erlach ein eigenes Badhaus hatte, so befand sich auch zu Ins eine alte Badanstalt, die durch einen Schräpfer bedient wurde. Im Baadchasten konnten die kranken des Landgerichts Ins unentgeltlich baden und sich schröpfen lassen. Die Kosten wurden aus dem Ertrag des zugehörigen Waldes, die Baadersboodelen genannt, bestritten. Der seit 1481 auf demselben lastende Bodenzins von einem Schilling wurde später losgekauft. 1850 kam der Wald an die Burgergemeinde. Diese verzichtete aber auf das Bad, das längst nicht mehr besucht worden war, obschon es sich seit dem 18. Jahrhundert bis zum Brand von 1848 im Gemeindehaus befand.3

Studie von Anker

59 Solche nur zu «offizielle» Unterbringung eines Bades kam dem einigermaßen abgelegenen Brüttelenbad mit seinen Gelegenheiten zu dem so häufig geschilderten «Badeleben der guten alten Zeit» zu statten. Dies um so mehr, da der alles umfassende Tagespreis von 4 bis 5 Franken um 18434 ein gewisses high life auch für bescheidene Börsen zuließ.

Das Brüttelenbad als Bad (bis 1877)

Die Lage des Platzes lockte bereits 1652 einen Ludwig Baudritsch, sich vom Berner Rat um 10 b Bodenzins das Brüttelerwasser hinleihen zu lassen. Die «Herbrig zur Losierung der Baderleuten»5 baute er aber doch nicht, und der im nämlichen Jahr sich meldende Konzessionär Matthys Wäber durfte bloss «by der Pinten Wyn usschenken, doch ohne Ußhenkung eines Schilds.»6 Das im Gut des Ammann Wäber entspringende Badwasser aber wurde 1654 diesem übergeben, weil Baudritsch «es in schlechten Ehren haltet».7 1667 durften die Kinder des N. Wäber das unterm 11. Dezember 1652 bestätigte Wirtschaftsrecht von Treiten nach Brüttelen versetzen. Eine «komliche 60 Behausung für die Badegäste unter Aushenkung eines Schilts»8 ward neuerdings zu bauen bewilligt. Das Badhaus samt Zubehörde kam 1722 an Hauptmann Albrecht Gürtler von Bern,9 um 1730 an Fürsprech Rudolf Kasthofer von Bern. Dieser ließ 1737 das noch bestehende steinerne Gebäude aus soliden Gewölben aufführen und gab ihm die Scheune bei. Regierungs­statthalter Müller von Nidau erhöhte die Zahl der Zimmer auf zwanzig und die der gewölbten Badchämmerli auf zehn. Auch sonst vergrößerte er beide Gebäude und vermehrte sie durch eine zweite Scheune, durch ein Kaltbadhaus, ein Gebäude für Douchen und zwei Wellenbäder. Schöne Anlagen und Spazierwege, Baum- und Gemüsegärten vollendeten die Einrichtung derart, daß das Kaltwasserbad Brüttelen sich zu einem schönen Erfolg aufschwang. Am 25. Oktober 1818 wurde es versteigert. Um 1860 kaufte Dr. Juillart das Bad und baute es zu einer neuen Kaltwasser­heil­anstalt um. 1877 verkonkursiert, fiel es an die Erben Müllers zurück. 1886 übernahm der bernisch kirchliche Ausschuß für Liebestätigkeit das verlassene Herrschaftsgut und wandelte es zu einer Anstalt für Epileptische um. Als diese 1890 nach Tschugg versetzt wurde, machte die bernische Regierung ans dem Brüttelenbad eine Erziehungsanstalt für Mädchen.

Das war ein empfehlenswertes Ende des Heerrenbaad, zu welchem dies und jenes Fräßbeedli in charakteristischen Gegensatz tritt oder trat. Denn nicht alle diese vermochten es, durch Aufwart mit Föörnli, Chalbsbra̦a̦tis, Schlụ̈fferli und süeßer Nịịdlen bei der weiblichen Aristokratie der Bụụrsami Tag um Tag Ee̥hr ịịnz’leggen und damit eine erdrückende Konkurrenz auszuschalten oder auszuhalten. Es gehörte und gehört hierzu eine raffiniert schlichte Gediegenheit des Betriebs.

Da gibt’s käini Menus, wo im Chuchiwältsch dem Hördöpfelstock pomme purée seegen. Dḁrfü̦ü̦r tuet ’nḁ n aber d’Pụ̈ụ̈ri, wo och grad Wi̦i̦rti isch, mit dem Mosterli (auch Hördöpfelstungger genannt) sälber stunggen und uf der Blatten aanrichten halb so höo̥ch wi d’s Stockhorn. Käin chef de cuisine brụụcht in wị̆ßer Chu̦tten und Chappen sich chon z’spienzlen, und käin Chällner tuet in der schwarzen Chutten mit längen Fäcken umenan͜deren fäcklen. Portier isch erst rächt e̥käiner da̦, für in e̥ren Sekunden en iederen Gast bis in di innersti Täüffi von der Seel und vom Gäldseckel z’dürchluegen. An sị’m Platz, und noch am Platz von sächs anderen isch der Hane̥ß, oder guet eißerisch der Höüß da̦, nid öppḁ der Jean oder der Schang. Der Höüß g’schi̦i̦rrnet d’s Lịịsi und spannet’s aan, wenn öpper am Bahnhof 61 isch z’räichen. Der Höüß nimmt d’Föörnli oder d’Pfärid10 us dem Trog fü̦ü̦rḁ und nimmt si ụụs. Dem Gü̦ggeli hạut der Höüß, ohni ’s z’marteren, mit dem Handbieli der Chopf ab. Und d’Schueh putzt der Höüß, daß si glänzen wi n en Spiegel. De̥rwịịlen rụụmt d’s Röo̥si du̦ssen und di̦nnen ụụf und bettet und wü̦scht. Dḁrna̦a̦ch gäit es sich gläitig ga̦ z’wägmachen, steckt es Lạubenneege̥lli oder es Márgrịtli voor ịịhḁ in d’s gu̦feriert Mänte̥lli und gäit ga̦n särivieren und lạuft mit denen vollen Blatten und leeren Täller wi d’s Bịịsenwätter. Was chann da̦ am Ụụfwaart noch manggen?11

 
1 Gohl, die Mineralquellen von Worben (1854); Heilquellen 311 f.   2 Nach Pagenstechers Analyse von 1839.   3 Stauff. 73.   4 Prospekt von Besitzer Müller und Badearzt Gyger, mit schönem Bild.   5 RM. 112/189; 20. Febr.   6 RM. 115 bis 163; 11. Dez.   7 RM. 120/53. 184; 30. März und 1. Juli   8 TSB. u./G. UU 248; 20. Febr.   9 Ebd. EEE 683; 15. Sept.   10 S. im Twanner Kapitel «Fisch».   11 Nach Redaktor Rutsch  
 

Im Reich der Lüfte.

I.

Ein einziger Blick auf das Kartenbild des Seelandes macht glaubhaft, daß letzteres an hi̦lben (milden) Örtlichkeiten nicht allzu reich ist. Allerdings ist sein Gesamtklima so mild, daß in dem 436 m hohen Wi̦tzwị́l das du̦ssen schaffen fast das ganze Jahr durch möglich ist, und daß in dem von 473 bis 497 m ansteigenden Dorf Eiß eine Pflanze wie die Yucca im Freien der Winter mag haan. Auch ist es eine bekannte Rede, e̥s sịịg im Seeland um e̥nen Chu̦tten weermer weder z’Beern.

Das ist dem Umstand zu danken, daß die Seen Wärmespeicher sind. Während des Sommers erwärmt sich das Wasser bis zu einer bestimmten Tiefe; im Winter gibt es die Wärme langsamer als die trockene Erde an die Luft ab. So kommt es, daß über dem linken Bielerseeufer die Reben bis auf Schärne̥lz (Cerniaux, 614 m) gedeihen. Es wird denn auch der Jura­gewässer­korrektion zugeschrieben, daß der seeländische Weinbau an Sicherheit des Ertrags und daher an Ausdehnung zurückgegangen ist.

In der Tat vollzieht der Wärmezustand des heutigen Seelandes starke Pendelausschläge bis zu recht empfindlichem frischen (es frischet), ja bis zum staaren (erstarren) der Finger, drum auch bis zum recht häufigen Erfrieren der Reben im Vorsommer, und anderseits bis zu fast unerträglicher Hochsommerhitze im Moos. An diesem starken Wechsel beteiligt sich ein reiches Leben im Luftmeer.

Da gibt es alle Abstufungen vom leisesten lü̦ftlen bis zum luften, dass mḁn chụụm meh chann sta̦a̦n, bis zum wüetigen G’walt des Sturms, dessen Toben auch Welsche mit sturma bezeichnen. Der 62 zweimalige Sturmschaden in den Wäldern vor und nach Neujahr 1912 ist noch in aller Erinnerung.

Wie anderwärts, heißt auch hier sowohl der Wind, wie speziell der Westwind: der Luft, und man orientiert sich: lufthalb dem und dem Ort, wie bịịsenhalb, sunnenhalb und beerghalb oder beergsịts, schattenhalb oder Schattsịten. Ehemals bezeichnete man die Südrichtung als alpenhalb, oder (1540) «alpwindshalb» neben «oberwindshalb»1 die Nordrichtung als gästlerenhalb. Vgl. «berg windts halb» 1573. (Gäserz.) Als Reegenluft indes unterscheidet man den letztern deutlicher vom Nordwestwind als dem Beergluft, dem Südwest- oder Südwind als dem Frịịbe̥rg- oder Murtenluft und vom Nordostwind als der Bịịsen.

Der Frịịbe̥rgluft zieht (bla̦a̦st) nicht häufig, was dem Inser meist auch lieber ist. Im Sommer bringt er gern Gewitter und, wie im Frühling, zudem jenen anhaltenden Regen, der die Pflanzen zu vorschnellem Wachstum anreizt, um sie dann der Erschöpfung preiszugeben. In die Weinberge bringt er obendrein Fäulnis der Beeren. Nimmt er aber, ohne Regen auftretend, den Charakter des Föhn an, so tröchnet er ụụs wie der guggisbergische «Schịịrbiluft»,2 wie der séchard, setschar, setzar des Genfersees. Bloß im Frühherbst ist er willkommen, für d’Trụ̈ụ̈bel machen z’rịffen.

Als Freundin der Reben im Vorsommer gilt dagegen die Bịịsen, weil sie durch fu̦rtbla̦a̦sen der feuchtwarmen Nachtdünste dem faltschen Meltạu das Gedeihen unmöglich macht. Es gilt dies jedoch bloß von der chalten Bịịsen, welche von Biel her gegen Ins zu bläst, aber freilich auch den See mit ihren Launen nicht verschont. Zumal im Nachwinter kann sie einige Tage lang wild über den See tollen und die kalten Wasser zu hohen, schaumgekrönten Wogen aufpeitschen, die sich donnernd am Ufer und den Dämmen brechen. Aber so lang d’Bịịsen gäit, g’frụ̈ụ̈rt der See̥ ni̦i̦d. Da sie jedoch gleich allen strengen Herren nur kurz regiert, kann das Wasser überraschend schnell ruhig werden und gefrieren: Der Nordwind zieht dem Wasser einen Harnisch an.3 Von der kalten unterscheidet sich sehr stark die über Kerzers her wehende Beernbịịsen, schwarzi Bịịsen. Gleich der bisa, (als welche auch eine schwarz- und hohlwangige, hohläugige Weibsperson bezeichnet wird)4 und der vouairai des Genfersees stürmt sie hie und da im Begleit der gefürchteten Gewitter einher. Im Winter aber bringt sie Tauwetter. — In Richtung und Charakter zwischen beiden Bisen die Mitte haltend, bläst ein Nordostwind im Winter oft schneidend 64 kalt, indes er im Frühling Regen bringt, damit die Baumraupen sich rasch entwickeln läßt und Ausfall der Obsternte verschuldet.5

Studie von Anker

In allen Spielarten aber vermag die Bise Flugsand bei 300 m weit durch offene Fenster in die Stuben zu werfen. Wo sie zum Ersatz der Kellertiefe San͜d aanschüttet, ist sie freilich eine willkommene Gratisarbeiterin.

Hören wir ein Loblied auf die Bise von einem Stadtberner,6 der von Müntschemier gegen Erlach wanderte. ... Vom Jura sich es dḁrhaar choo̥n z’ziehn wi di wildi Jagd. Es het äi’m fast der Aa̦tem verhaan. D’Teligraafendröht häin g’su̦u̦rret und men’gist g’sungen wi mit eren höo̥chen Wịịberstimm, und d’Teliffondröht häin mit emen täüffen Paß drịịn ịịchḁ g’oorgelet. Über d’s Moos enwägg het där Luft g’chụttet wi der Tụ̈ụ̈fel. Und wo n en Saarbaum uufrächt ’bli̦i̦ben isch, wi äiner, wo öppis uf ihn sälber het, da̦ het er sich doch müeßen chrümmen, wi vor emen alten Landvogt. Jä, das ist eeben d’Bịịsen! En Chrääij, wo ụụfg’floogen isch, isch grad un͜der äinisch öppḁ zwänz’g oder driß’g Schritt hin͜dertsich tri̦i̦ben worten. Nummḁn ḁ-neren Leerchen het’s nụ̈ụ̈t ta̦a̦n; di isch bolzgradụụf g’schossen und het mit emen lustige Liiri liiri lii di Mụ́sig von denen Dröhte wit ubertönt. Aber mich het blötzlich öpper im Äcken ergriffen, und um mich ummḁ isch es under äinisch ganz schwarz worten. En unerchannti Wulchen, wo ihren Schatten bis uf den Booden aahḁ g’woorffen het und di ganzi Bräiti z’ringet um ụụsg’füllt, het vorwärts g’jagt, wi d’s wüetig Heer. Wo si isch furt gsi̦i̦n, isch di ganzi Geegent wit und bbräit ḁlsóo̥ äintönig grüengeelbi vor mer g’leegen, dass man zwüschen den Matten und dem Wald und den Flüeh fast gar käin Un͜derschäid g’merkt het. Das chann eeben nummḁn d’Biisen. Si zieht, ḁlso z’seegen, d’Landschaft us enan͜deren, während däm der Föhn d’Bergen z’seemenstooßt und d’Farben von der Landschaft glaariger macht, weder daß si sịịn.

Ein zweiter und für die Westschweiz eigenartiger Hauptsendling des Jura ist der von Nordwesten blasende Beergluft: der jorat oder joran, jorran, dzorran, djoran, djorrein,7 gelegentlich umgedeutscht: der Jurten. Unsere Gegend kann ihn vom Chasseral (von der Gäschleren, vom Gästeler) oder vom Chaumont (Schụ̆mung) her erhalten. So oder so kann er blasen, daß der Welsche sagt: il faut un joran à décorner les boeufs;8 der Deutsche: es frißt äi’m fast d’Ohren abb. Der weiß drum auch, warum ihm dieses Haus oder jener Garten du côté du joran9 oder (1498) devers joran (wie devers bize, devers 65 vent) liegt. Tritt aber der Bergluft am Abend auf, so herrscht am ganzen folgenden Tage schönes Wetter. Weht er am Morgen, so ist Regen sicher. Mi soll sich nu̦mman d’rụf achten! oder: Mi soll sich däm beachten! Nicht so sicher ist dies beim Wehen über Tag. Zudem gefährdet solches, namentlich bei heiterm Himmel, im Frühling die Blüte und den Fruchtansatz des Obstes, im Vorsommer das Blühen der Reben und im Herbst das vollsaftige Ausreifen der Früchte. Diese springen ụụf und weerten stäinig.

Von besonderer Tragweite ist dieser Nordwestwind für die Schifffahrt. Er ist es wegen der Heftigkeit und der überraschenden Unberechenbarkeit, womit dieser Fallwind als Gegenstück und verkleinertes Abbild des Alpenföhns und speziell des in Neuenburg bekannten uber10 von den steilen Gehängen des Jura zu Tale stürzt. Er gleicht hierin nicht sowohl dem gemilderten jorasson, als vielmehr der überaus heftig von Südost her blasenden vaudairs des Genfersees.11 Da windspi̦i̦let’s; da wird, wie auf den Juraseen, d’s Wasser in d’Höo̥hi g’lüpft und ’träit, und die Schiffer finden oft kaum Zeit, die Segel einzuziehen.

So konnte es zu Wasserhosen wie am 3. Juni 1912, besonders aber zu jenem fürchterlichen Unglück des 25. Juli 1880 kommen. An diesem prächtigen Sonntag überfiel der Jorat die auf der Heimfahrt begriffenen Fahrgäste des kleinen Bielerseedampfers Neptun zwischen Petersinsel und Engelberg urplötzlich und versenkte siebzehn Personen aus Ligerz, Twann und Biel rettungslos in die Tiefe, indes der nach dem Ufer schwimmende Sekundarlehrer Zigerli der Erschöpfung erlag und nur zwei Gerettete vom Schrecken des Geschehnisses erzählen konnten.

Letzteres ist übrigens nicht ohne Vorgänger. Am 24. August 1609 an Sant Bartholomei märkt sind zu aben um die 8 uren 7 personen, 4 von Twan, darunder ein Vater und 2 sön des gschlächts Perro und 3 von Wingreiß in einem Thuner heimwärtz zu faren vorhabens gsin, welche ein luft ergriffen, und sind die 4 von Twann und 2 von Wingreiß ertrunken, der eine aber, Joseph Rößeli (Rö̆ßelet, Rosselet) gnampt, har sich am Thunerli erwütscht und ist durch den luft an das land triben worden.12 Schon neun Jahre zuvor ereignete sich ein ähnliches Unglück. Am 20. April 1600 sind zu Gerlafingen 10 personen in ein thuner in gsessen und hand gan Thwan fahren wöllen. Do hat sy ein gächer (gääijer) bergwind erwütscht, den Weidling (Wäidlig) umgeschlagen und sind 7 personen ertrunken.13

 
1 SJB. A 162.   2 Gb. 57.   3 Sirach 43, 22.   4 Brid. 40.   5 Stauff. 25.   6 Bh. im «Intelligenzblatt»   7 Bull. 3, 14 ff. von Gauchat; Brid. 117. 207: Neuchâtel 19.   8 Favre. 151.   9 An der Umdeutschung «Jurten» ist auch der Jorat zwischen Lausanne und Milden beteiligt.   10 «Weißwind», albaria (aus dem hellbesonnten Süden): Bull. 2, 64-67.   11 Brid. 402.   12 Schöni im Taschenb. 1900, 275.   13 Ebd. 271.  
 

Suuri Hämmi (Studie von Anker)

II.

Das bewegliche Leben in der Atmosphäre bringt dem Seeland gemäß dem alten Spruche

Morgenroot
Bringt G’witter vor dem Aabenbroot1

auch nicht seltene Gewitterkatastrophen, welche der strotzenden Vegetation zusetzen, dass e̥s Sün͜d e̥l2 Schaad isch. So den Hagel am 4. Juni 1910 im Erlacher Amt und ain 19. Juni 1911 im Nidauer und Büren Amt. Hören wir einen Augenzeugen3 über die unerhörte Heimsuchung der Dörfer Tschu̦gg, Gampelen und Gals am erstgenannten Tage.

Wär noch an dém Tag us denen grüenen Wälder und saftigen Matten uf dem Scholimong aachḁ choo̥n isch dürch Schụgg dü̦ü̦rḁ geegen Gamplen zue und di prächtigen Reeben am Räin g’seh het, und denn uf dem Gamplenmoos äin Wäizenacher fast am anderen aan, und witer u̦ssen die Matten mit dem büürstendicken Gras und dḁrzwüschen di Mŏsgeerten mit den hööchen Eerbs und denen Bohnen, wo schon ̣ụuhḁ g’chleeberet sịịn, däm het d’s Heerz im Liib müeßen lachen. Und von allem dĕm isch am Aa̦bend äm halbi achti nụ̈ụ̈t meh gsi̦ịn! In e̥ren Bräiti von e̥ren gueten Halbstun͜d alls verhaaglet und i’n Booden ịịhḁ g’schlaagen. — Wi isch das choo̥n? Um den sibnen ummḁ sin dicki, schwarzi Wulchen dahaar choo̥n von dreinen Sịten: vom Jura hee̥r über Lan͜dero̥n und über den Scholimong, vom Mistelacherberg hee̥r über 67 Witzwil, und vom groo̥ße Moos hee̥r über Eiß dem Scholimong na̦a̦ch. Mit dém Zug het’s aang’fangen. Un͜der äinist isch es choo̥n und het g’sụụset und gru̦mpụụßet und g’rumplet und ’bbrätschet und ’zwickt ganzi zwänz’g Minuten lang in äi’m furt. Es het nid chönnen höören. Dier chönnet e̥uch dänken, wi di Lụ̈t dem verbrätschen von allnen ihrnen schönen Sachen häin zueg’luegt, wenn si uberhaupt häin döörffen luegen. — Wo’s du äntligen, äntligen isch vorü̦ü̦berḁ gsi̦i̦n, wi het das ụụsg’see̥hn? Di ganzi Geegent en einzegi chalti, tooti Landschaft wi mitts im Winter. Hagelstäinen sin da̦ g’leegen bạumnußgroß und häin der Booden überdeckt en Schueh höo̥ch, dass mḁn noch z’moornderisch ganzi Hampfelen het chönnen z’seemenleesen. Käins grüens Bletteli nienen, käin ganzer Halm! Und d’Bäum g’see̥hn drịịn, wie wenn si n en Schwarm von Häümeeder (oder Häügümper) verfrässen hätt, oder wi wenn en Fụ̈ụ̈rsbrunst über si g’gangen weer.

Es bestätigte sich an diesem Unglückstag, wie überhaupt die Moore mit ihrem ansehnlichen Wassergehalt zu den hauptsächlichen Herden des Hagelschlages gehören, und wie insbesondere der Gewitterzug zwischen Neuenburger und Bielersee einerseits und dem Voralpenland anderseits zur Auslösung von Hagel geneigt ist.4 Hindert doch hier kein hinlänglich dichter und geschlossener Wald wie zum Beispiel zwischen Neuenstadt und Tschaafis oder Schaafis (Schaffis) den Aufstieg heißer Luftströme zu der 8000 m hohen Grenze der untersten Temperaturschicht, wo in der plötzlichen Abkühlung um vielleicht 10° die Graupeln sich bilden! Drum: nu̦mmḁn gäng der Waldsḁum la̦n sta̦a̦n, wie nachhaltig man auch schwenti (Kahlschlag und Rodung übe)!

Der Wassergehalt vom Moos und See zieht och d’s Wätter aan, dass es ganz bränzelig schmeckt und dass es schießt (daß der Blitz einschlägt), ohne daß damit die Gefahr von dem höher gelegenen Eiß abgewendet würde. Gerade in der Umgebung des Kirchenhügels het’s innert fü̦fz’g Ja̦hr sächs Ma̦a̦l ịịn g’schlaagen und zwöo̥ Mannen ’troffen. So am 4. August 1883 den Peter Widmann. Das Fehlen von Blitzableitern auf den Häusern ist daher nicht recht verständlich.

Bei dem beträchtlichen Abstand der plötzlich eintretenden Extreme von häiß und chalt ist es begreiflich, daß den Geschossen von Blitz und Hagel der Panzer der winterlichen Eisdecke an gelegentlicher Mächtigkeit entspricht. Sehr erklärlich ist es, daß in den von Binsen eingeschlossenen Uferpartien des Sees das seichte Wasser leicht gefriert und mit seinen prächtigen Eisflächen jeden Kleinen, der nid en Gfrü̦ü̦rlig isch, 68 anlockt. Nicht so bald dagegen ist der offene See ịịngfrooren. Am ehesten geschieht dies, wenn bei einer Winterkälte bis auf etwa 17° die Bise den See in seinen Tiefen aufwühlt, zum wochenlangen Rauchen und Dampfen bringt, dann plötzlich eine windstille, sternenhelle Nacht eintritt, und gar etwa im Weedel «das Mondlicht breitet weiße Seide ringsumher».5 Dann bildet das bis in beträchtliche Tiefe abgekühlte Wasser auf dem Bielersee eine einzige Decke, welche erst «bei aufschließender Witterung» (1703) einbricht. So 1297.6 So 1599, wo man zu Nüwenstatt holtz und ganze lantfaß mit wyn über den See führte, und wo die gfrüre gwärt hat bis in den mertzen.7 So gefror auch 1766 der Bielersee derart, daß am 8. März die Effekten des in Twann aufziehenden Pfarrers Hemmann durch achtzehn Knaben auf Schlitten von Nidau her über den See gezogen wurden.8 1846/47 het man schweeri Mistfueder von Neuetstadt uf Erlḁch über den See̥ g’füehrt. Von früech im Christmonḁt (Dezember) 1879 bis ụụsgehnds Meerzen 1880 war der See ohne Unterbruch gefroren. 1895 gefror dieser in der Nacht vom 8./9. Februar, um erst zu Ende März aufzutauen. Am 25. Februar fuhren fünf Erlacher mit Schlitten und Pferd nach der Petersinsel und kehrten wohlbehalten auf dem nämlichen Wege zurück. Den Kampf mit dem Ịịsch aber nimmt das Dampfschiff auf, und zwar selbst dann, wenn es auf einer Erlach-Neuenstadt-Fahrt von vier Stunden statt von zehn Minuten eine 5 cm dicke Kruste durchschlagen muß.

Bloß etwa alli hundert Jahr äinisch friert dagegen der Neuenburgersee gänzlich zu. So zu Ende Februar 1830 während einer Woche. Etwas häufiger g’frụ̈ụ̈rt der Teil zwischen dem Einfluß der Brue̥ijen und dem Ausfluß der Zi̦hl. Solche Zịịselplätz lööken dann allemal Hunderte an zum Schlịịffschueh fahren und zum zịịferlen oder zịịslen. Am 25. Januar 1880 gab es Wettschlịịff­schuehnet auf dem Bielersee.

Kärglich sind dagegen die Eisspuren zu Lande verteilt, wenn man nicht an die obligaten Ịịschzäpfen der Dachrinnen und Brunnröhren (die Cheerzen: chandelles, tsandaile, tschandeile, der Ormondtäler) denken will. Um so lieber, aber auch um so verhängnisvoller, streuen Früh- und Spätfröste ihre schimmernden Besuchskarten über die längst ergrünten Fluren hin und verbrönnen unzählige zarte Pflanzen. Die Rebgelände der Wị̆ßenmatten tragen ihren Namen von dem dort am schnellsten sich ansetzenden Rịff.

69 Wie aber derselbe im Frühling mit tödlicher Sicherheit innert zwei Tagen abg’schweicht wird, so bleibt auch der Schnee̥ selten länger als etwa drei Tage liegen.

Dagegen kann es selbst im Seeland d’s ganz Jahr schneijen, wenn’s im Mäien schneit. Warum sollte denn nicht auch hier der Satz gelten:

Es isch käin Aberellen so guet,
Er schneit dem Hirten en vollen Huet.

Dafür gilt die Vertröstung, Aberellenschnee und Scha̦a̦fmist sịịgi guet für d’Hạuse̥d (Hanfsaat). — Unheimlich genug aber stürmte am Aschermittwoch (3. März) 1824 ein Gụx (un couss, une coussa),9 der einem Vater und einer Mutter von je fünf Kindern das Leben kostete. Der Bern-Bot David Neuhaus von Lützelflüh in St. Blaise und Katharina Sterchi von Lützelflüh, die ihre Kinder in Areuse (Traverstal) besuchen wollte, gedachten auf ihrem Weg über Aarberg mit Roß und Wagen in Siselen über Nácht z’blịịben. Der (in der Folge bestrafte) Wirt wies sie weg. Die Leutchen fuhren in chịịdiger Nacht gegen St. Blaise. Aber na̦a̦ch bi’m Sallenstäin verlor das Pferd bei dem fürchterlichen Schneesturm den Weg und geriet in die Nähe der großen Nußbäüm. Mann und Frau wollten zu Fuß weiter und schliefen ermüdet 70 ein, um nicht wieder zu erwachen. Bei der Beerdigung sah die Frau noch so frisch aus, daß der Arzt eigens bezeugen mußte, si sịg g’stoorbben.10

Es ist nach allem ein Ereignis, wenn der Erlacher zu seiner umfänglichsten Schaufel greifen muß, um gan Schnee z’schụ̈̆ffelen. Dagegen wird er ab und zu eine Stooglen vom Schuhabsatz schütteln und durch mauerhohe G’wäächten da und dort eine Schneestange als Wegweiser ausstecken müssen. Schlittweeg aber für Fuhrwerke und zum schlittlen für die Schuljugend ist daher eine recht seltene Gabe von Wintern wie etwa dem von 1898 und von 1911. Eher kommen Skiläüffer auf ihre Rechnung, wenn sie fleißig den Beerimätter (oder Bä̆ro̥metter) zu Rate ziehen und den Neuschnee der Bergwälder abwarten. Bleiben aber diese fern, so wagen sich lebende Wesen anderer Art auf die sonnenbeschinene Fläche. Winzige Insekten aus der Gruppe der Springschwänze, den Gletscher- und den Wasserflöhn verwandt, kriechen unter dem Laub der Wälder hervor, überdecken in ganzen Schichten die besonnten Halden und machen so aus dem weißen schwarzen Schnee̥.11

Das Ausbleiben einer lange haftenden und den Boden gründlich durchtränkenden Schneedecke macht sich im Frühling und Sommer als Tröchcheni (1698: Tröckene) fühlbar, wofern nicht der Regen in die Lücke tritt. Der tiefgründige Sand- und Humusboden in und um Ins mag allerdings d’Tröcheni lsó guet haan (aushalten), daß z. B. 1865 vollkörnig Gerste ohne jeglichen Regen ausreifte, und der züntroo̥t Waasem zwar wenig, aber sehr gutes Heu und eine Masse Emd ergab.

Für den Weinberg aber ist, wie das nämliche Jahr 1865 und neuerdings 1911 beweist, trocheni Hitz das ideale Wetter bis in den Herbst. Da soll der Neebel dem Winzer d’Trụ̈ụ̈bel saftig machen und dem Landwirt d’Rüeben machen ụụfz’g’schwellen. Umso unwillkommener grụppet besonders der Moosnebel und der (Zihl-) Brüggnebel über Moos und Seen so brịịdick, dass mḁn chönnt Chuechebịtzen drus hạuen; oder mi chönnt Neegel ịịnschla̦a̦n und d’Überziejer drann ụụfhänken. Da grị̆fft er d’Lụ̈t aan und hocket ’nen uf d’Brust. Die Schiffsleut des Murtensees aber kann er gelegentlich aus dem Kurs bringen. So am 27. Januar 1911. Da̦ hat mḁn chụụm zwänz’g Schritt vor äi’m annḁ g’sehn. Di Mannschaft, wo der Schrụụbendampfer «Morat» us der Wäärchstatt von Neuenburg ummhr het uf den Murtensee̥ g’füehrt, het schon am Na̦chmittag 71n Ort fast nid g’fun͜den, wo d’Brue̥ijn i’n Neuenburgersee lạuft. Di Mannen sin bi zwoo̥n Stun͜den an dem Blätz ummḁn und annḁ g’irret. Und iez häin si am Aa̦bend noch söllen der letz̆t Kurs uf dem Murtensee̥ machen. Der Kompaß häinn si langist nụ̈ụ̈t meh ’bbrụụcht g’haan und häin iezen nid rächt gwüßt, was dḁrmit machen. So häin sie ob dem z’rugg (-fahren) e̥s baar Stazionen verfählt und nid e̥mal d’Ländti von Murten g’fun͜den. Si sịn bis uf Muntelier aachḁ gfahren und häin bis spa̦a̦t in d’Nacht ịịnhḁ dürchn Neebel dü̦ü̦rch g’hoornet. Erst na̦chdäm si sich drei Stun͜d häin verpäätet g’haan, sin si ummḁ n an d’s rächt Ort choo̥n. Unbewußt stärkeres Rudern mit der rechten Hand kann auch beim schifflen bei Nebel im Bogen herum und damit irre führen.

Studie von Anker

In anderer Weise wird die Lage peinlich, wenn nicht bloß der Nebel aanfa̦a̦t tröpflen, sondern die Wulchen ihren Regen ergießen! Es regnet en Sturm oder es Stürme̥lli, es chunnt es Stü̦ü̦rme̥lli Reegen, oder aber en Pfleedereten; oder es sü̦ü̦dlet, daß die Niederschläge die Abschleeg (Rinnen) der Straße füllen! Die durstige Erde aber trinkt und tränkt ihre Kinder, die Milliarden Pflanzen und Tiere, wieder für einige Zeit, wenn auch nur von der Hand in d’s Mụụl. Nur der Bịịsenreegen schadet blühenden Pflanzen und besonders Reben. Man sieht es darum ungern, wenn d’Bịịsen chunnt chon lööken (den Regen herlockt). An einzelnen Stellen jedoch legt der Boden in der Tiefe geheimnisvolle Vorräte von Wasser an und wird, je nachdem er solche an die Oberfläche abgibt oder zurückbehält, zum 72 Wetterpropheten auf lange Sicht. Ein solcher Offenbarungsort guter und böser Zeiten ist der wohlfeil Brünnen bi’m Bándbrüel (1809) un͜der der Rịff in der Grueben bi der Anstalt (dem Zwangsarbeitshaus) z’Eiß, (wohl zu unterscheiden von der Ryff bei Murten). Lạuft deer aan, so gibt’s en böo̥si Zi̦t; trochnet er ịịn, so gibt’s en gueti. Und zwar fließt er bei trockenstem Wetter oft lang und ausgiebig, bei nassem dagegen nicht. G’loffen isch er z. B. in dem außerordentlich trockenen Sommer 1911. In den Zeiten des starken einheimischen Getreidebaues beobachteten ihn die Müller aufs genauste, und si richteten nach ihm ihre Käufe ein. Das war jedenfalls g’schịịder als, wie man um 1642 tat, sich von reichen Herbstblüten und Rosen Pestilenz la̦n z’ brofizeien.

So bewahrheitet sich der Spruch, daß d’s Wätter sich lieber zahlt, weder d’Lụ̈̆t.

Motiv vom Bielersee bei Erlach

 
1 Lg. 179.   2 Das u des eingekürzten «und» mechanisch als herzustellendes eḷ gedeutet.   3 Im «Emmentalerblatt».   4 Vgl. Dr. Maurer und Prof. Heß im Stat. Jahrb. d. Schweiz, 1910.   5 Widmann. Der Heilige 55.   6 Mül. 586.   7 Schöni im Taschenb. 1900, 279.   8 Schlafb. Tw. 30.   9 Favre (595). Brid. 88.   10 Kal. Ank.; ergänzt durch die Leichenrede des Jakob Füri, Ober-Schullehrer zu Innß, am 6. März. (Im Besitz von Baumeister Füri in Ins.)   11 O. S. im «Bund».  
 

Versumpfung und Entsumpfung.

Seen und See.

Zu den anziehendsten Aussichtspunkten des Inser Geländes gehört, dem ominösen Namen zum Trotz, die vorspringende Ecke der Galgenstụden über dem einstigen Inser Heiligtum Sankt Jodel. Sie gewährt einen lieblichen Gesamtüberblick des Bieler-, Neuenburger- und Muurtensee̥. Auf dem Insfeld gegen Erlach und anderwärts bieten sich ähnliche bezaubernde Ausblicke. Einen nach dem andern faßt der Besteiger des Bergli (Petit Mont) auf dem Mistelacherberg (Mont Vuilly) ins Auge, wenn er die terrassenartig erhöhten Seiten des großen Dreiecks beschaulich abschreitet. Die Fülle eines nächtlichen Zaubers aber gewährt der Bielersee mit seiner dicht geschlossenen Beleuchtung zumal des linken Ufers dem Beschauer auf dem Erlachbänkli (S. 23), wie der Neuenburger- und der Murtensee mit den städtischen Lichtermeeren dem Bewunderer auf der Pfarrhausterrasse zu Ins. Sind die Wasser hier wirkliche «Spiegel» ihrer Ufergelände, so erscheinen sie wie lebende Wesen dem an oder auf ihnen gemächlich Verweilenden. «Es lächelt der See», und er «lockt» (löökt) den Badenden, den Fischer in die Tiefe. Er zürnt im Sturm, und er lịggt wieder ruhig da, wie im Schlafe Chopf und Füeß und Armen in Gestalt von Buchten ausstreckend.

Zumal von einem «Seehaupt» redet die Sprache wiederholt. Es gibt ein solches am Starnbergersee, ein Capolago am Silsersee und am Luganersee. 74 Der italienische Name ging hervor aus Caput laci (statt lacus). So hieß um 826 die spätere, 1236 neu gegründete Neapolis oder Villa nova, Villeneuve, «Neuwenstatt zu oberst an dem Lacu Leemanno in dem Chablaix».1 Chablais oder Chablai (1145) aber ist die französische Fortsetzung des «Caput laci», wofür wir 921 (pagus) Caputlacensis lesen. Wie nahe lag es nun aber, gleich der waadtländischen Neuwenstadt oder Villeneuve zwar zufällig nicht d’Neuenstadt oder Neuveville als Haupt des Bielersees, wohl aber die Stadtgemeinde Neuenburg oder Neufchâtel mit einem solchen provinzartigen Seestrich auszustatten!

Denkwürdig ist übrigens, daß für Goethe2 Neufchâtel eins war mit Neuveville. Auch lag ihm St. Blaise «zu oberst des Neustädter Sees»; warum denn nicht bei der unübersehbaren Länge des Sees Neuenburg ebenfalls.

Wirklich begegnet uns seit dem 12. Jahrhundert häufig ein neuenburgisches «Moos Chablays» (1537) oder «das gros Moos Chablaix» (1549. 1550).3 Ein 1537 erlassener und 1569 vidimierter Beschluß antreffend Rechtsame der Gmeind Cudrefin auf dem moos Chablays besagte: Die von Cudrefin dürfen auf dem Moosgebiet von Praz, Nant, Sougie (Sugiez), Chaumont, Lougnourroz (Lugnorre) bloß mit ihren Rossen darfahren, aber nicht Lischen mäyen, ohne denen von Neuenburg, Erlach und Ins und Mithaften ihr Recht dazu bewiesen zu haben.4

Ein solches «Chablays» erstreckte sich zwischen dem Unterlauf der Broye einerseits, den Hügeln von Ins und dem Jolimont bis hin zur Zihl anderseits.5 Noch Dr. Schneider6 spricht regelmäßig vom Großen Moos als dem Chablaismoos. Der Name beschränkte sich jedoch inzwischen auf drei Abschnitte: am Neuenburgersee zwischen Gụ̆derfịị (Cudrefin), Schwarzgraben und Ins, am südlichen und am nördlichen Strand des Murtensees.7 Heute fristet noch ein konzessionierter Einschlag der Vinelzer bei Sugy zur Not den Namen Schăblee. Wie dieser aber echt mundartlich lauten muß, zeigt das Schăblĭ̦ als der von der Eisenbahn durchschnittene Studenwald zwischen den Moosteilen von Gampelen und Ins. Es ist gleichbedeutend mit Affenwald und Gịrịtzimoos. 1797 wird das Chabli Mooß zu Gals erwähnt.8

Lüscherz am Bielersee

Nach Aberli, ca. 1783

So konnte der Begriff des «Seehauptes» sich verschieben und verdunkeln, obschon mit dem ästhetischen sich ein eminent praktisches Interesse verband. Der Ort, welcher einem See den Namen erteilte, maßte sich damit die einzigen oder doch ersten Rechte über dessen Fischreichtum an 75 und stellte sich gegebenenfalls mit seinen Ansprüchen unter den Schutz der eigenen Oberhoheit. So erklärte seinerzeit der Herzog von Mailand: Bei uns heißt der Lago di Lugano vielmehr der Lago di Porlezza.9 Der Murtensee ward noch 1844 in seiner ganzen Ausdehnung als Staatsgut von Freiburg beansprucht, während Waadt das gewöhnliche internationale Uferrecht ausüben wollte. Im August paßten freiburgische Landjäger den waadtländischen Jägern und Fischern auf. Es kam zum Kampf mit Flinten und Pistolen; es kam zu schweren Verwundungen: zu Murten wurde ein Jäger, zu Wiflisburg ein Landjäger gefangen. Der Tagsatzungsvorort mußte beide Stände zum Frieden mahnen.10 Es geht daraus hervor, welcher Ernst hinter dem Kampfe lag zwischen den Namen Muratensis lacus (981)11 oder Lacus de Mureto (1297)12 und Lacus de Aventicensis,13 bis er zeitweilig den hohen Namen an den des «Üechtsee» tauschte.14 Der Bielersee hieß, als Nugerol (s. «Twann») blühte, der Nirvezsee (1127), Nuerolsee (1221), der See zu Neurol (1249), Neurolsee (1249), Nyrulsee (1297). «Fischerordnung für den Nydauersee» heißen dagegen die bezüglichen Erlasse der Berner Regierung aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Ja, bereits 1452 stellte diese fest, der See heiße nicht Bieler-, sondern Nidauersee.15 Der Bischof von Basel als Herr von Biel erklärte seinerseits: Bis zum Nidauer Kalkofen steht der See unter Biel; von da bis Rudeval im Neueuburgischen gehört er der freien Allmend von «Neustatt». Der Rat der Stadt Luzern entschied: 76 der See gehört den drei Städten Biel, Neustadt und Nidau.16 Da dies delphische Orakel über den Namen nicht entschied, schwankte derselbe fortwährend zwischen Nydouw See (1497), Nidauerseuw (1530), Nydauersee (so noch 1852 konsequent bei Stauffer) und Bielsee (1287), lacus de Byello (1365),17 Bielersee (so von 1318 an immer häufiger und nun ausschließlich). Auch Erlach, sollte man denken, hätte sich am Streit um den Namen beteiligt. Wir finden jedoch ein einziges Mal: 1442, den «Erlacher See bei St. Johannsen» erwähnt.18 Als Bezirkshauptort erreichte es wenigstens, daß man selbst in größerer Nähe des Murten- und Neuenburgersees vom Bielersee als dem See̥ schlechthin spricht. So erklärte eine Inserin vor Chorgericht, wer Kinder begehre, sölle überen (überhr, hinüber) an See gahn dienen. Umgekehrt dingen Twanner ihre sommerlichen Weinberg­arbeiterinnen us dem Äänerland, d. h. aus der Gegend rechts des Bielersees. Der Inser dagegen versteht unter dem Eenerlan͜d nun doch nicht den Strich links dieses Sees, sondern die Umgebung von Kallnach und Kerzers östlich vom Großen Moos.

Neue Gesichtspunkte eröffnet uns die Namensverschiedenheit des Genfersees, der bloß in seinem Unterteil lac de Genève, im ganzen aber lac Léman, wie bereits römisch (seit Ausonius) lacus Lemannus heißt. Diese Bezeichnung stellt aber das herrliche Gewässer als eine «Schlammlache» (limus, lìmnĕ) hin,19 wie auch schon lacus (lac) und Lache urverwandt sind. Es erinnert dies an den «Behälter für lebende Tiere»: das virarium, welches zum Weiher, Wäier, Bruederswäier und zur Wäiermatten geworden ist, sowie an die Glu̦nggen (Pfütze). Diese bedeutet in der bekannten Litotes den atlantischen Ozean, und zwar nicht bloß wegen der spassig vorgestellten Kleinheit, sondern gleich sehr wegen der Trübheit des Wassers. Auch das «blaue Meer» und der «blaue See», der «Meersee» (marisaiws) Wulfilas erscheint in der Urbedeutung einerseits als der kotige Morast, anderseits als die schreckhaft anstürmende Flut.20

Diese Doppelvorstellung, welche von der eingangs dargelegten so unfreundlich absticht, entspricht aber vormaligen Zuständen, von welchen sowohl Ortsnamen wie geschichtliche Zeugnisse uns nur zu reiche Kunde geben.

Die spätrömische costa, unsere «Küste» und die Ufergegend La Côte, die ältere Coûta mit den etwa zwanzig Coutax usw. geben die Grundformen ab zu Weiterbildungen wie costale, costal, Costel, Costalet21 usw. 77 Hieraus erklären sich alle die Ortsnamen das (oder nun häufiger: der) Gostel zu Treiten, Erlach, Vinelz, Ins (1267: der Ort Costel bei Ins).22 Dieser Inser Gostel (den übrigens heute nicht einmal alle eingebornen Dorfbewohner kennen) hat freilich mit keinem See zu tun, falls nicht das alte Dorfstraßenstück zwischen den beiden Schmieden (das «Zü̦ü̦belengäßli») als Wegstück für nach der Rịịff verfrachtete Mühlsteine (S. 43) und andere Waren gedacht ist. Um so deutlicher ist der Name anderwärts. Besonders auffällig zeigen der vordder und der hin͜der Gostel unterhalb des steilen Aufstieges von Erlach her nach dem Dorfe Vinelz, mit welchem Rechte noch 1802 auch der letztere Ort als eine Seegemeinde galt.23 In Erlach werden die verschiedenen Gostel in der verdunkelten Mehrzahl «Göstel» als Einheit so zusammengefaßt, daß man sie als der ober und der un͜der Göstel neu unterscheidet.

Bis zur Anstaltsfiliale Ins aber ließ der Murtensee früher öfter sein Wasser vorrücken. Wie häufig das geschah, zeigt die dortige Rịịff (frz. rive) als Namensschwester derjenigen zwischen Stadt und See von Murten. Das hinderte nicht, sogar un͜der der Rịịff (1678), wie dann erst bey der Ryff (1795), im Rịịffbooden, am und hin͜der dem Rịịffweeg Matten und Äcker anzulegen; und schon 1668 gab es Reben an der Ryff, welche um 1809 sich auf 13¼ Mannwerk erstreckten. Auch hier bietet der Genfersee mit seiner den Ryffwein zeitigenden Gegend La Rive das Namensmuster. Zwischen rive und der Grundform ripa vermitteln alte Schreibungen Ripue, Belripue, Haulte Ripue (Altenryf, Hauterive zu Freiburg und Neuenburg).24 Altaripa ist ebenso die Grundform des solothurnischen Alte̥rich, Alteri, Altri, geschrieben Altreu. Die Justingersche Schreibung Altrüwe führt aber über die Formenreihe ruvu, rua, roué mit der Angleichung des i an den Lippenlaut. An diese Formen erinnert auch die 1911 zu Büren geschlagenen Ortschaft Reiben, neben dem Namen Peter Ripper.25

Wie ferner an der Erlacher Ländte die Wirtschaft du Port zur ausgiebigen Herzstärkung vor der Meerfahrt nach Neuenstadt oder gar zur Bielerinsel einladet, so waren einst die Nidauer zur geistlichen Wegzehrung an das Kirchlein in Port gewiesen. Dieser heute umgekehrt in Nidau eingepfarrte kleine Schulort am Aare-Zihl-Kanal muß demnach als Landungshafen (portus) des bis dorthin reichenden Bielersees ein bedeutender Stapelplatz gewesen sein.

Studie von Anker

Wie nun alle diese historisch bedeutsamen Chablais, Gostel, Ryff, Port romanischer Herkunft sind, so benennt man französisch auch die 78 prachtvolle Erlacher Allee am Landungsplatz; und nur noch als Quai bezeichnen sogar Zürich und Luzern, geschweige Neueuburg ihre kunstvollen Uferbauten, deren eigentlicher Name doch grunddeutsch der Kai, die Kaje26 lautet. Auch die von der «Zukunftsstadt» Biel verheißungsvoll begonnene Seeanlage nächst dem Seefels, welche dank dem herrlichen, freien Platz einst zu den schönsten der Schweiz zählen kann, heißt natürlich Quai.

Der berndeutsche Sprachschatz langt hier eben noch zur Ländti, und zwar so weit, daß er auch dem Bücherdeutschen mit «Ländte» aushilft. Von einer alten Schifflänti mitts im Moos nahe der Murtenbahn redet der Volksmund. Aber schon das im Stadholz als dem Platz des Klosters Gottstatt erhaltene «Gestade» klingt heute der Mundart gleich fremd wie «Ufer».27 Dagegen kommt in Erlacher Urkunden aus dem 14. Jahrhundert die Bezeichnung an dem Stad mehrfach vor. Sie gilt offenbar dem Platz des jetzigen Unterstädtchens Erlach. So weit erstreckte sich der See, bis Auffüllungen (Bü̦ü̦rinen, s. u.) ihn zurückdrängten. Der Staden heißt in der Bodmerschen Grenzbeschreibung für den Kanton Bern von 1702 der Grenzstein bei Portalban am Neuenburgersee.28

79 U̦u̦rchig dụ̈tsch erscheinen uns Flurnamen für stagnierende Gewässer ohne richtigen Ablauf, wie der Sack29 und Un͜dersack bei Studen, welcher an die «Sackgasse» und an den sac d’aigue (Wassersack) erinnert. Vom Seebooden-Gebiet aber und von dem Gut Seewịl zu Vinelz, welches nicht wie das zu Rapperswil als ze Wîle30 zu deuten ist, sprechen wir anderwärts.

Auf solche zeitweilige Überflutungen war schon die alte Berner-Regierung aufmerksam, und sie suchte mit Erlassen einzugreifen wie dem von 1670 an die Amtmänner von Erlach und St. Johannsen:31 Es ist auß der Erfahrung bekannt, daß der Neuenburgersee gegen Inns und Gampelen von Zeit zu Zeit zunimmt und sich hinablaßt (sich ummḁ aachḁla̦a̦t). Wie sonderlich bei deme zu sechen, daß der noch vor wenig iahren der enden zwar im Wasser gesächene panerstock anfenklich auf unßerem territorio muß aufgestellt worden sein. Solchem einbruch aber so weit möglich vor ze sein (voor z’sịịn), wie weit unßer territorium sich erstrecken thüeye, habend wir gut und Nothwendig befunden zu befelchen, deß einten und anderen ohrts hart unden am See, und also zu oberst an unßerm territorio etliche Zeileten (Zịịleten) und strich Sar- und Fällböüm (s. u.) setzen und pflanzen zu lassen, also daß ob denselben gegem Waßer ein Wehri von geschüttetem grienn zwischen zwei zeünli32 gemacht werde, die wellen auffzehalten, welche sonsten dise böüm niderstoßen und außwurtzlen wurden (wu̦u̦rdi). Eine ähnliche (Vorwehri) soll der Zill (Zi̦hl) nach entstehen, damit dardurch das Port (bord) vest gemacht und der einbruch deß wassers erwehrt werde. Ihr werdet aber zur verrichtung dieses befelchs die bequäme Zeit zebeobachten wüßen, namblich die kleine (Chlịịni) deß Wassers, und wann es noch nicht gefroren, oder gegen außzeit («Ustagen»), sobald eß entfroren ist.33

Laut gegenteiliger alter Zeugnisse lagen gewisse Partien längs des rechten Ufers und im östlichen Unterteil des Neuenburgersees beständig trocken. Noch um 1830 fanden sich hier in der Tiefe des Wassers Tannen, die an der Luft bald zerfielen.34 Diese Stellen dienten den Pfahlbauern zu zahlreichen Niederlassungen. Eine derselben, so bedeutend und berühmt, daß sie als Musterstation der zweiten Eisenzeit gilt, heißt La Tène.35 Heute sind die erwähnten Stellen auffallend seicht: dünn; und das eben besagt der Name La Tène: tène ist lateinisches tenuis und 80 deutsches dünn. Überhaupt aber heißt die Untiefe eines Gewässers nahe am Ufer d’s Dünnen.

Wird hier in Zeiten großer Trockenheit der Sandboden bloß gelegt, so wirft ihn der Westwind, welcher als der Luft (s. o.) dreimal länger und heftiger weht als die übrigen Winde, zunächst zu einem Wall auf: zu einer Düne, einer Dünni.36 Neue Flutzeiten aber wälzen einen Teil des Sandwalls weiter landeinwärts, wo er abermals aufs Trockene gerät, bis eine folgende Wassergröße ihn neuerdings bearbeitet. So unterscheidet man37 vom Vanel am Zihlkanal aus die drei Wäḷḷenschleeg der Ịịsleren (also des «Inselgebietes»), des Mauri (in der Umgebung des Nußhofs) und der Räckhoḷteren beim Tannenhof. Gleicherart sind der Dählisandhubel, welcher zusammen mit dem Ịịslerenhölzli einen 1,5 km langen, niedern Hügelzug bildet, sowie die ebenfalls zu Bauzwecken trefflich geeigneten Grienchöpf (S. 45) längs des Großen Mooses.38 Das anmutige Naturgebilde des Dählisandhubels soll nun aber vor weitern entstellenden Abgrabungen geschützt werden.

Im Vinelz- und Erlacher-Brüel

Ein Wellenschlag großen Stils, der dem obern und freien, nicht durch den Jolimont gehinderten Endteil des Bielersees gelungen ist, heißt 1212 Landerun, d’Langeren, d’Lan͜deren, die Landeren (1347), der Ort «zur Landeren» (1549. 1641) oder «zu der Landern» (1453), (le) Landeron (seit 1325). Einen Ort ès Landerons gibt es auch im Bezirk Moudon,39 also nicht an einem See. «Landeron» ist eben eine Verkleinerungsform aus keltischem «landhâ», land, lann im Sinn unserer «Witi», urverwandt also unserm germanischen «Land».40 Aus dem allgemeinen Begriff der «Weite», welche sich in «les landes» als Heide wiederspiegelt, spaltete sich aber im Keltischen der Begriff der eingefriedigten Fläche: des Hofs, der Wohnung ab (vgl. le Land als Gut im freiburgischen Essert). Und dieser Sinn von «Landeron»41 wird durch die Geschichte bestätigt. Nachdem nämlich Nugerol als die Weinberg-Villenreihe zwischen Neuenstadt und Landeron42 zerstört war, plante Graf Rudolf V. von Neuenburg einen neuen festen Platz als Gegengewicht zu dem von den Basler Bischöfen (S. 74) an den Bielersee vorgeschobenen Platz Neuenstadt. Der in seinem Sinn handelnde Nachfolger Rollin wies den Umwohnern der Abtei St. Johannsen «une lande» an: la terre dite le Landeron, damit daraus eine Stadt mit 81 Mauern und Graben (zugleich zur Ableitung der Zihl in den Bielersee), mit Toren und Türmen und Brunnen erwachse. 1324 stund dieser Schutz einer außerordentlich charakteristischen doppelten Häuserreihe da.43 Seither bietet sowohl die Altstadt gegen die Zihl hin, so keck mitten in das Grissachmoos hineingestellt, wie auch der gegen Lignières (Lịnieri) hin ansteigende älteste Stadtansatz einen Anblick, der an malerischer Stimmung seinesgleichen nicht findet. Mit dem neuern Langeren aber pflegt auch Ins nicht unbedeutenden Wagenverkehr.

So weit haben stumm gewordene, aber zu neuem Sprechen erwachte Örtlichkeitsnamen uns das langsame Schaukelspiel der Juraseen vorzuführen vermocht.

 
1 Herm. 156.   2 Briefe an Frau von Stein, W. Fielitz I. S. 190.   3 Schlaffb. 1, 10 f.   4 Ebd. 132-4.   5 Jacc. 64; Favre. 515.   6 Schn. 78 ff. und danach Fr. Schr.   7 Fr. Schr. 563.   8 SJB. D 313.   9 Lieb. 26.   10 Till. F. 2, 205.   11 Font. 1, 276.   12 Zeerleder 2, 457.   13 Lieb. 117.   14 Ebd. Oder getauscht haben soll: schwz. Id. 1, 84.   15 Lieb. 125.   16 Eidg. Abschiede 2, 256-8.   17 Font. 8, 641, 644.   18 SJB. A 455.   19 Jacc. 229.   20 Kluge 422. 308. Vgl. «Isolierte Wurzeln» in WuS I.   21 Jacc. 111. 145.   22 Font. 2, 697.   23 Probst. III.   24 Herm. 207.   25 Font. 8, 816.   26 Vgl. Hildebrand in Grimms Wb. 5, 35.   27 Als «us-far» gedeutet von Kluge 470.   28 Eine der besonders wertvollen Mitteilungen des Orts- und Geschichtskenners alt Regierungsrat Scheurer.   29 Pars nemoris quod vulgo Saccus dicitur (1196: Font. 1, 492.)   30 Appenz. 16.   31 Schlaffb. 1, 198 bis 200.   32 Vgl. «Chratte» Lf. 64.   33 Der Erlaß illustriert zugleich die von den Gnädigen Herren bei den Landvögten vorausgesetzte Intelligenz.   34 Schn. 67.   35 Der Landwirt Dietrich im Vanel diente uns als freundlicher Führer.   36 Angleichung wie etwa «Bienenkanal» s. u. «Düne», aus keltischem dün (Schutzhügel) ist urverwandt mit «Zaun».   37 Nach Dietrich.   38 Ein tz-Artikel im «Bund» schreibt die Sanddünen im Großen Moos dem (erst durch die Schutzwaldungen gemilderten) Nordostwind zu.   39 Jacc. 221.   40 Kluge 276.   41 Jacc. 221.   42 S. im Band «Twain».   43 Jacc. 15; Rhv. 9, 353.  
 

Die Wasserschaukel.1

Gleichwie der Mensch der Aatem zieht, so tuet es die Erde, und so die ausgedehnte Wasserfläche. Die Erde «atmet» all Daag zweu 82 Ma̦l wie die See und der See im bekannten Flut- und Ebbespiel. Dieses macht sich auf dem Bodensee bemerkbar als «Rụuß», auf dem Genfersee als les seiches,2 auf dem Neuenburgersee in Ausschlägen3 von je 0,3 und 0,6 m. Auf den viel kleinern Seen von Biel und Murten wird begreiflich erst der alljährliche Wechsel von Hoch- und Tiefstand sichtbar, wie die von Mitte Mai bis August wirksame Schneeschmelze nebst den Gewitterregen ihn mit sich bringt. Eine Periodizität von öppḁ n alli zeechen Ja̦hr, in welchen d’s Wasser höo̥ch chunnt, wird von betagten Seeländern behauptet und durch Ereignisse der Jahre 1848, 1856, 1867, 1876 bestätigt, durch Hochwasser­katastrophen wie 1910 allerdings wieder durchkreuzt. Umfassendere Perioden (die etwa mit den Brücknerschen von 33 bis 35 Jahren im Zusammenhange stünden) lassen sich aus den Aufzeichnungen für die Juragewässer nicht errechnen. Vollends wandelt sich, was wir von Tief- und Hochwasserständen seit der neuern Steinzeit wissen, für uns in eine einfache lange Reihe von Geschehnissen.

Die fünf bis sechs Fuß tief unter dem Torf der Mööser von Epsḁch und Täuffelen aufgedeckten Pfahlbauten (siehe im Band «Twann») sind sprechende Zeugen eines Standes der Juragewässer während der jüngern Steinzeit, der tiefer war, als heute nach der Entsumpfung. Gleiche Zeugnisse bieten die fünf Fuß tiefen Pfahlbau-Kulturschichten unter ebenso tiefer Bodendecke in der Nähe des Fäälbaums rechts der Broyemündung, um St. Johannsen (Hansen) und unterhalb der Zihlbrügg, wo also das Gewässer volle 3 m unter der heutigen Oberfläche stand. Westlich von Poort lag der Pfahlbauboden 3 m und lagen die verkohlten Pfahlspitzen 3-4 m unter dem Mittelwasser vor der Korrektion.4

Aber noch die römischen Kolonien und Verkehrswege liegen bis 2 m tief unter den heutigen Torfschichten. So die Straße Challnḁch-Büel, die große Militärstraße durchs heutige Hagneckmoos, der Mạuriweeg im Gampelenmoos. Die Straße von Altreu (Alte̥rich, Alteri, Altri) nach Grenchen und Lengnau lag nach dem Befund des Geologen Hugi von 1819 feuf bis acht Schueh unter der Erdoberfläche. Hören wir den hochverdienten Mann5 hierüber selber.6

Studie von Anker

83 Das Stück der alten Römerstraße7 von Altreu nach Petinesca und an den Bielersee heißt zwischen Grenchen und Staad der Därten.8 Und zwar unterscheidet man der chlịịn und der groß Därten. Ein Stück heißt der Witidärten. Bis zur Versteigerung ums Jahr 1848 hatten Altricher und Grenchener das Recht, das Gras der beiden Därten alljährlich vor der Heuernte in sechs großen Zügen zu mähen. Vormals besaß dieses Recht der Weibel von Grenchen, welcher zum Mähen die größten Mähder mit den denkbar längsten Sensenwörben anstellte. Nun bedeckt der kleine Därten das 6 Zoll bis 1 Fuß tiefer liegende und 3 bis 4 Fuß mächtige Bett der Römerstraße. Dieses ist hier aus sandigem Kalkgetrümm und tuffartigen Massen, wie die benachbarten Bäche sie bieten, gebaut. Weit besser ist das Material der durchschnittlich bei 8 Fuß tiefer liegenden Straßenfläche am großen Därten. Es stammt aus einem anliegenden, uralten, wohl bei 20 Fuß tief gewesenen, aber wegen Überschwemmung aufgegebenen Geröllager: einer Griengrueben also, welche «heute» (1854) als Lacken einen herrenlosen Sumpf bildet. Die Mischung von Geröll und Erde ist aber stellenweise bloß in die Dammerde eingeknetet, ohne ein festes Stäinbett zu bilden. Für Solidität sorgte dagegen die bisweilen mehr als 7 Fuß hohe Aufbettung von Ton-, Pflanzen- und Moorerde.

84 Dieses Straßenstück ist also uralt, während das 8 Fuß höhere unter dem kleinen Därten in Übung blieb bis 1375, in welchem Jahre die von den Bernern verjagten Gugler (s. im Kriegskapitel) zur Deckung ihrer Flucht die Altreubrücke hinter sich verbrannten. Dieses Altreu, Altri, Alta ripa («Hochufer») aber bildete eine Erhöhung mitten in der Aarebene und deckte für das hier errichtete römische Castrum den Übergang über die Aare. Dieser Fluß schwemmte jedoch allmählich das halbe Festungswerk weg und vernichtete auch die dazu gehörige Kornkammer, welche in üblicher Weise aufs sorgfältigste in die Erde eingebaut war, und deren Boden zu Altreu etwa 3¾ Fuß unter dem mittlern, ¾ bis 1 Fuß unter dem tiefsten Wasserstande lag.

Nun stunden 1854 die verbrannten Pfahlspitzen der 1375 zerstörten Altreubrücke etwa 2½ Fuß tiefer als der tiefste Wasserstand, dessen sich Professor Hugi erinnern konnte. Zugleich aber beobachtete dieser Forscher, wie die Aare hier ihr altes Bett verlassen hatte, von der Emmenmündung an mehr rechts durch den Schachen floß und erst unterhalb Wangen wieder d’s altnen G’leus aufnahm. Der Emmenschutt häufte sich eben an, engte den Aarelauf ein und drängte ihn nordwärts ab aus dem Gebiet der Molasse in das des obern Jurakalkes. Da aber die Kalkfelsen ob Attisholz ihm wehrten, sich tiefer einzufressen, sprengten die zornigen Wassergeister ihre Fesseln und rächten sich durch Überflutungen wit über Sollo̥du̦u̦rn ụu̦chḁ. Erst nach langem probieren gelang ein Durchbrechen des Kalkgebiets, so daß die Wasser auch hiena̦chḁ Sollodurn wieder sanken. Allein die Emme setzte immer wieder ihre Schuttkegel an und brachte bloß innert der Jahre 1570 und 1799 37 fürchterliche Überschwemmungen.9 Der träge Lauf der untern Aare hinwieder überflutete die ausgeglättete Ebene neuerdings mit Schlamm, mit Ton und Feinsand, und wenn mḁn ’nḁ ḁlsó la̦a̦t machen, «kann er in Jahrhunderten für die Landeskultur zum verheerenden Gespenste werden.»

Solche Überflutungen, mitunter ganz schwach und oft kaum bemerkbar, haben das Gebiet der untern Aare im Lauf der Jahrhunderte in so hohem Maße gehoben, wie der Unterschied der beiden Därten es augenfällig zeigt.

Deuten hier zwei Humuslagen auf zwei (nur nicht periodisierbare) Zeiten der Überschwemmungen und des trockenen Tiefstandes, so lassen sich an den verschiedenen Grienschichten des Römerstraßenstücks zwischen Gampelen und Gụ́derfịị (Cudrefin) nicht weniger als sieben Überflutungen nachweisen.10

85 Das Seeland der Westschweiz ist eben noch in ganz anderem Maße als das untere Aaregebiet verheerenden Wasserzuführungen ausgesetzt. Das zeigt schon Kochers Nachweis,11 daß, wenn das Aarebett seit fünf Jahrhunderten bei Altreu drei Fuß gestiegen ist, es sich bei Lyß wohl um 20 Fuß gehoben hat.12 Zwei Meter unter dem Boden aber entdeckte Dr. Schneider in seinem Vaterhause zu Meienried ein Ampeli und andere Zeugen einer römischen Feuerstätte.13 Wie viel mehr aber noch besagen die seit Jahrzehnten bis heute aus dem Lättboden unter und zwischen den Torflagern ausgegrabenen Stöcke und Stämme großer Äichen!

Die Gründe einer viel mächtigern Überflutung des Seelandes liegen auf der Hand. Was für das untere Aaregebiet die Stauung durch Kalkfelsen, bedeutet im Seeland der plötzliche Gefällsbruch beim Eintritt aus den Gehängen in die Ebene, anläßlich welcher äußerst zahlreiche Bäche und Flüsse massenhaftes Geschiebe teils löön lịggen, teils Strecken weit vor sich herwälzen.

Äußerst lebhaft, ja heftig stürzen zumal aus dem waadtländischen Jura eine Reihe Bäche talwärts, um dafür auch farbige Namen abzubekommen, wie Jaccard deren vorführt: d’s Tụ̈ụ̈feli (la Diablaz), d’s Häxli (la Vaudaisaz),14 der Nụ̈ụ̈dnu̦tz (la Niocaz, la nigaude), der Spötter, der die Nachgeahmten veranteret (la Gabière).15 Energisch ziehen die Rua, Rue ihre Fu̦u̦ren (Furchen, rugas), welche sie da und dort als Chaval, Chavalet zu einer Hü̦li (Höhlung, cava) erweitern. Dieser Crau, Croset, Creusier schaabt (vgl. creux, crosus, corrosus aus corrodere), und La Rogne, Rogneuse g’naagt. So kommt es bis zur Schluecht: der Rija, der keltischen rhig, der in Rịịhenbach («Reichenbach») und Rịịhenstein verewigten altdeutschen rîhe, sowie dem zu secare, seyer, seihi (tief einschneiden) stellbaren Seyon Neuenburgs.16

Das solchergestalt gegrabene Bett (bedum, Bied, bief)17 des kindlichen Flusses führt als Schwarzwasser (Noiraigue, Neiraigue, Neirivue, als altiberische dub («Dinte»), Doubs18 oder als die lehmige Rot (Aiguerosse, Rozaigue, Rougève, Rogive, Rogivue) allerlei Gemengsel mit, wenn es nicht als Wịßbach (Albeuve, Erbivue, Erbogne, Aubonne)19 auf seinem «glesigen Rüggen»20 die Morgensonne sich hell abspiegeln läßt.

Studie von Anker

86 Wie sehr hängen aber diese Bächlein und Bäche von der Witterung ab! Als Raraigue können sie eben noch einen Wasserfaden (fil, Fille, Fillinaz, Fiolet21 usw.) darstellen, ja als Sécheron völlig ịịntrochchnen, um gleich beim ersten Gewitterregen das Achtzigfache ihres Durchschnittsmaßes zu Tal zu senden. So ergossen die Brue̥ijen und die kleine Glane bei niedrigem Wasserstand kaum 1000, bei hohem aber bis 24,000 Kubikfuß in den Murtensee; die Aarberger Aare bewegte sich zwischen 2100 und 39,500.22

Wie stellen es nun die Flüsse an — wie nehmen si ’s fü̦ü̦r? —, um so gewaltige Wassermengen durch die plötzlich angetretene Niederung zu wälzen? Sie machen (gleich all den mäanderartig krummen Orbe) Chrümm (Chrümp). Die Fluren im Chrummen, Chrummenacher bei Studen, Schwadernau, Walperswil können ebenso erklärt werden, falls nicht etwa ein wortverwandter Name für Weideverschlag23 dahinter steckt. Am untern Teil der Ortschaft Meinisberg machte die Zihl plötzlich eine Wendung nach Süden und gelangte so von der linken Talseite (dem Bü̦ttenbärg entlang) an die rechte (bei Büren), um hier fast rechtwinklig (im Winkel, im Sänkel) in 87 die Aare zu fallen. Sie bildete damit — unweit der Hẹll — das Häftli24 oder das Hägni, das Hägnifälld. Gleicherweise lautet der mundartliche Name für Hagneck («Hageneck»): Hagni (S. 3). Der Name ist berühmt geworden durch den Hagneckkanal. Ebenso wurde durch die Korrektion der Lauf der Zi̦hl oberhalb St. Johannsen durch Abschneiden des Gri̦ssḁch-Chrumm (Chrump) von 5000 aus 3000 m eingekürzt, der Lauf der Brue̥ijen zwischen Sugy und La Sauge (Fäälbạum) von 22,000 auf 17,000 m. So stark het mḁn vergreederet. Noch aber zeigt eine Stelle unweit des Neuhof einen besonders starken Bogen des Flusses.

Wie nun erst bei der Einmündung des stürmisch «rauschenden Flusses»: der Sar-ona, Sarine oder San-ona,25 Saane in den keltisch par excellence so geheißenen «Fluß»: die Aar (410: Ara, 1234: Hara, 1271: Ar neben Arula 343, Arola 598, Arar 778, 1235!26 )

Nun veranschauliche man sich weiterhin auf der Reliefkarte den gewaltigen Erguß der so reich vermehrten Aare in die Niederung zwischen Aarberg und Bargen, die Ablagerung des wenigstens 3 km langen, mitgewälzten Schuttkegels in die Fläche zwischen Aarberg und Walpe̥rtswil, und das Umwenden des Flusses gegen Büren und Solothurn!27 Bis Dotzigen fiel die des Schuttes entledigte Aare neuerdings um 1¼ ‰, dann aber fast plötzlich nur noch um 0,07 und unterhalb Meyenried bloß um 0,04 ‰. So konnte hier die Aare oft höher stehen als der Neuenburger- und Bielersee.28

An das untere Ende des letztern aber wälzte die bei Bözingen so plötzlich sich wendende Schụ̈ụ̈ß (S. 28) ebenfalls einen Schuttkegel, der bis an den Bü̦ttenbärg reichte und das von Mett bis Lengnau reichende Pieterlenmoos zu bilden vermochte, welches nun mittelst der Lengenḁch entwässert wird. Dank diesem Schuttkegel der Schüß fand die dem Bielersee entfließende Zi̦hl ebenfalls beinahe kein Gefälle bis Brügg, dann aber plötzlich ein sehr starkes bis zur fast senkrechten Umbiegung gegen Meyenried, wo sie ihr Wasser und Geschiebe mit dem der Aare vereinigte. So wälzten, gleichsam alle Augenblicke des «Stuehlgangs» entbehrend und verstopft, die trägen Massen sich bis Altreu hin. Ein Querdamm von bloß 24 m über dem mittlern Aarestand bei Solothurn hätte die ganze 110 km lange Ebene bis Peterlingen und Entreroches in einen See verwandelt.29 Der Neuenburgersee̥, welcher sich bei niedrigstem Stande 59,35 und bei höchstem 61,35 m über dem Durchschnittsstand des Genfersees (375 m) erhob,30 hätte also seinen 88 bemerkenswerten Einfluß auf die zwei kleinern Seen verloren. Der besteht noch jetzt 1. darin, daß der normal 2 m höhere Murtensee̥ bei großem Hochwasserstand der Broye seinen Abfluß vom Neuenburgersee zurückempfängt: es isch, wi wenn d’Brue̥ijen obsig lief (S. 93); und daß 2., wenn der Neuenburgersee̥ en Zoll stịgt, der Bielersee̥ en Fueß höo̥cher chunnt, was bereits innert 24 Stunden der Fall sein kann.

Die höchst verschiedene Gefälleverteilung gab nun aber das Unheil der Überschwemmungen verschiedener Gebiete zu verschiedenen Zeiten in bisweilen furchtbarer Ausgiebigkeit zu kosten.

 
1 Quellen dieses Versumpfungs- und Entsumpfungskapitels: die im Literaturverzeichnis aufgeführten Werke Bähl., Fr. Schr., Gespr., Schn. u. a.; dann die hier ein für allemal genannten Zeitungen und Broschüren, welche von Herrn Architekt Schneider in Bern, Sohn von Dr. Schneider, pietätvoll gesammelt wurden und sorglichst verwahrt werden: Basl. Nachr. 1904, 288; 1908, 292; Sonnt. Bl. 1907, 3; 1908, 41. 43. Bern. Tagbl. 1902, 538; 1908, 496. Bern. Tagw. 1908, 233. 248. Biel. Tagbl. 1908, 248. Bund 1906, 567; 1907, 36; 1908, 496; 1909, 495; 1911, 313. Bundeskal. 1881, 166 bis 172. Démocr. 1908, 9602. Emmenth. Bl. 1908, 85. Emm. Nachr. 1907, 8. Fortbildungssch. 1893, 7. Fürs Schweizerh. 1904, 52. Gaz. de Laus. 1881, 163. 164. Handels-Cour. 1903, 78. 214. 219; 1906, 307; 1907, 18; 1908, 242. 247. 248. N. Hausfr. 1904, 4; 1907, 20. Hink. Bot 1901. Intell.-Bl. 1905. 12; 1906, 332; 1907. 184; 1908, 79. 291. J. de Genève 1908, 223. Oberaargauer 1855, 97. Schwz.-Bauer 1904, 57. 94; 1905, 4. 97; 1906, 99; 1907. 7; 1908, 83-85. Kal. 1906, 103-8. Schwz.-Fam. 1908. 4. N. Sol. Woch. (s. a. Literaturverz.) 1911, 35-44 mit der wertvollen Korresp. zw. Schneider und Amiet und derj. zw. Schneider und Hugi. N. Zürch. Ztg. 1904, 208. 209. — Antw. v. G. Bridel an Delarageaz, Soloth. 1866. Correct. d. eaux du Jura p. Delarageaz, Laus. 1866. Eur. Wanderb. 204/5. A. Kocher, gew. Obering. d. K. Bern: Die Versumpfung des Seelandes durch Ochsenbein und die Entsumpfung desselben durch La Nicca, Bern 1865. Observ. s. la correct. d. eaux du Jura, p. La Nîcca, Berne, 1866. Dr. Schneiders Vortrag vor d. Vorbereitungs­gesellschaft (s.u.) am 28. Sept. 1871. Dess. Bericht an den bern. Reg.-Rat vom 30. Sept. 1871. Fritz Schumacher von Brüttelen: Karl Koch (Bern. 1906), S. 89-101. Ber. d. schwz. Dep. d. Innern betr. d. Wasserstand d. Juraseen im Frühj. 1888. Trop tard, p. Ph. Suchard père, Neuch., 1880. Außer der Anvertrauung all dieser Literatur verdanken wir Herrn Architekt Schneider, sowie seinen Schwestern, Fräulein Johanna und Ida Schneider, Vorsteherinnen einer Mädchenpension an der Effingerstraße in Bern, wertvolle mündliche Mitteilungen.   2 Brid. 348 nach Saussure’s Voyages dans les Alps.   3 Schn. 67.   4 Fr. Schr. 561.   5 Vater des Pfarrers in Arch und Großvater des Geologie-Professors in Bern, sowie des Pfarrers und Entomologen in Gottstatt. Den edelsinnigen Forscher kennzeichnet der Schluß des Briefes vom 24. März 1854 an Dr. Schneider, der ihn um seine Rechnung gebeten hatte: Für mich nehme ich nichts; und wenn ich Ihnen ferner dienen kann, wird es mich sehr freuen. Er anerbot überhaupt kräftige Milhülfe am Korrektionswerk. Vgl. seine Gletscherforschungen Gw. 50 ff.   6 An Hand des NSW. 1911, 337 ff.   7 S. in «Twann».   8 Svw. langgestreckter Streifen, verwandt mit frz. dard (Stachel, Spieß).   9 Man lese Schn. 37. Vgl. Lf. 55 ff.   10 Nach a. RR. Scheurer.   11 Koch. 55.   12 Vgl. Schwzfd. 1817, 34.   13 Schn. 80.   14 Es ist an die Waldenser als Ketzer, dann als Hexen gedacht; vgl. das Bildungskapitel in «Twann».   15 Jacc. 181. 202. 307. 492.   16 Jacc. 435.   17 Ebd. 137.   18 Ebd. 137.   19 Ebd. 17.   20 R. v. Tavel, Lombach 108.   21 Ebd. 543.   22 Schn. 65.   23 Gb. 270.   24 Vgl. Gb. 423. 456.   25 Nach Jacc. 414 f.   26 Ebd. 1. 14.   27 Schn. 78.   28 Schn. 84.   29 Schn. 66.   30 Schn. 67.  
 

Überschwemmungschronik.

Als nacheiszeitlicher Stausee1 breitete sich von Entreroches bis Altreu der große eine Seelandsee. Allein die Schuttkegel, welche die Orbe gegen Iferten, die Brue̥ijen gegen Wiflisburg, die Aar gegen Chḁllnach, Si̦i̦selen und Solothurn hin wälzten, sowie die Vertorfung (S. 103 ff.) der angrenzenden Sümpfe verkleinerten die Seefläche. Indem jedoch die Aareschuttmassen über die Flächen von Ägerten und Studen sich festsetzten, gerieten sie in das Zihlbett hinein, was den einen Flußarm vollständig verstopfte, den andern in seiner Sohle um mehrere Fuß erhöhte. So floß die Zi̦hl in den Bielersee zurück, anstatt u̦s ĭhm ụsḁ. Es gab in den Jahren 350 bis 650 einen neuen, zusammenhängenden See von Orbe bis Biel und von Wiflis̆burg bis Walpe̥rtswil. In Wiflisburg drang das Wasser unter der alten Kirche durch bis in die Grüfte der Bischöfe, was im Jahre 581 das zü̦ü̦gle des Bischofs nach Lausanne veranlaßte. Noch heutige Anzeichen2 deuten darauf, daß auch der Neuenburgersee damals vom Chamblon bis unterhalb Zihlbrügg reichte, und der Bielersee von St. Johannsen bis zum Pfeidwald bei Brügg. Ja, ein Übergreifen dieses Sees nach Osten und zeitweilige Abschnürung eines eigenen Hagneck-Epsach-Sees, sowie sogar eines Brüttelenseeli,3 die allerdings immer nur dünn (seicht) gewesen sein können, wird durch die tiefen Mööser dieser Striche bewiesen. Als einzige menschliche Wohnung in der angrenzenden Moorwüste erscheint lange Zeit die Karnaalmühlli (s. u.). Aber die war zu Zeiten völlig isoliert. So hat 1663 ein Inser wegen des Wassers nit zu der Canalmühli mögen.4

Aus Siselen

90 Aus solch schwankender Abgrenzung der Seen (S. 47) erklärt sich die Volksvorstellung von deren unterirdischem Zusammenhang.5 Eine Idee, die übrigens keineswegs us dem Tierbuech isch.

Jahrhunderte hindurch schweigend, versetzt uns die Geschichte mit einem Mal ins Jahr 1318, wo Solothurn in bekannter Weise der Belagerung entging. Die Aare war bis zu dieser Stadt zurückgestaut worden durch die Emme, die schon damals ihre Herrschaft als «Eggiwylfuehrmḁn»6 ausübte, wenn auch das Treiben der einstigen «Schächler»7 sie erst nachmals zu ihren fürchterlichsten Ausbrüchen (S. 84) reizte.

Die große Überflutung von Dotzigen im Jahre 1440 war nur ein Vorspiel derjenigen von Peter und Paul 1473, wo ein Wolkenbruch die Brücken von Bụ̈üren, Aarbä̆rg und Laupen fortriß. Am 6. August 1480 aber häin d’Lüt ob Sollo̥durn müeßen uf Bäüm und Hu̦u̦blen ụụchḁ fliehn. Am nämlichen Tage wurden die Priester Berns beordert, mit Sakramenten die Aare zu beschwichtigen.8 1550 lag Nidau etliche Wochen lang im Wasser,9 und 1579 het der Pfarrer von Nidau müeßen uf emen Schiffli z’Bredig fahren.

1634 zeigte der Bielersee am Wassertoor z’Neuenstadt einen Stand, der den höchsten des 19. Jahrhunderts noch um 36 cm übertraf. So kam es zur Ablagerung mächtiger Geschiebe namentlich zwischen Aarberg und Dotzigen, welche auch die Gegenden von Schụ̈ụ̈ren, Schwadernau, Stụụden, Ägerten in beständige Überschwemmungs­gefahr setzten. Das veranlaßte in diesem Bereich eine Reihe Sicherstellungen von Wasserwerken, die doch nur ein Leben von der Han͜d in d’s Mụụl bedeuteten. Um 1560 flüchteten sich die seit längerer Zeit in Gottstatt betriebenen Mühllinen und Walkinen nach Zi̦hliwịl und von da nach Brügg, sonderbarerweise aber um 1666 die Mühlen von Altreu an die Zihl nach Schụ̈ụ̈ren.10 Die letztern taten dies, weil Solothurn seine Schanzen und seinen Spital in die Aare hinaus gebaut und dem also gestauten Fluß jeglichen Zug genommen hatte: ein klassisches Versumpfungswerk.

Es nahte die Mitte des 17. Jahrhunderts mit seiner furchtbaren Jahresreihe 1649 bis 1652. Gleich am Neujahr 1649 ist, wie Predikant Forer in Aarberg berichtet, angehender nacht der Aarenfluß vom nüntägigen Rägenwätter vnd windt also vnd dermaßen groß vnd hoch angloffen, daß das waßer die ysernen ring an den Jöcheren vnder der oberen Brugg Ein schuh hatt überstigen vnd synen vil In den pfruontboumgarten kommen. Am 6. Juni wiederholte sich die schädliche wunderliche Wassergröße der Aaren. Was mehr weder ein guter werckschuh 91 höher als die letzte. Man hat obenuß alles vych vß den Schüwren salvieren, Im Siechenhuß vß den vnderen gmachen In die oberen fliechen müßen und allenthalben der orten mit schiffen vnd weydligen über die Zühn fahren können. Ist gsin ein ellend vnd Jammer.

Im Jänner 1651 ist währent drei Tagen von Nidau dännen bis ga̦n Sollo̥durn achḁ äin See̥ gsi̦i̦n. So stand denn auch in Aarberg die Aare am 2. bis 6. Januar eines ziligen (kleinen) halben Schuchs hoch. Am 2. November des nämlichen Jahres erreichte sie daselbst infolge einer Schneeschmelze beinahe den Boden der un͜deren Brügg. Am nämlichen Tag gieng gegenüber der Leimeren ein Schiff unter, das aus dem Oberland 136 Zentner Eisen nach Brugg führen sollte. Gleich Tags darauf hat die noch steigende Wassergröße das annoch vnabgetröschne Korn In ettlichen Schüwrenwölben (?) bach-naß gemacht vnd vermuhret (g’macht vermụụderen), nit wenig fruchtbare schöne böüm ellendigelich entwurzlet, häg vnd zühn verführt und zerbrochen, den mist (reverenter) entckrefftiget vnd entsetzt, alle vor der oberen Brugg vß stehende Schüwren Inwendig verwüstet, fünfzig vnd nün schaaf, Ein Impp (Imbt), zwölf stuck Rindtvychs samt einem bock (reverenter) vnd Krämer-Esel cläglich ertrenckt, vberige fahrhaab aber mit angst vnd noot, kümmerlich errettet worden. Dann Burgerschaft vnd Schifflüt voll vnd toll gsin vndt miner Wahrnung nit gevolget, da namlich Ich Ihnen by der abdanckung vmb die Siben zuvor trüwhertzig anghalten, man söllte Ihmm selber (sich selbst) mit dem trunck schonen vnd das streng Rägenwätter wol ynbilden (sich in seiner Tragweite vergegenwärtigen), vff daß, wann es In der nacht noot thüy, Jedermänigelich einanderen z’troost kommen könne. Wär also (bei solchem Verhalten) kein einziges höüptlin nit zgrund gegangen Im fall Sie mir gevolget hätten.

Neue Verheerungen richtete die Aare 1718 und 1721 zwischen Büren und Worben, 1722 zu Dotzigen und Büetigen an. 1776 wurden zu Dotzigen drụ̈tụụsig Jụche̥rten überschwemmt.11 Meienried erlebte fürchterliche Hochwasser 1801 und besonders 1816, in welchem traurigen Jahr die ganze Gegend zwischen Entreroches und Solothurn wieder unter Wasser lag. Da drang die 21 Fuß und 8 Zoll zu hohe Flut der Zihl und Aare zu Meyenried in die Wohnstuben, umspülte die Bettstatten der noch Schlafenden, schwemmte das Heu von den Wiesen, verderbte Fruchtbäume und Reben, schwemmte in gewohnter Weise die gute Erde weg, während sie an deren Platz Sand oder Schlamm hinbreitete. So wịt d’Aar isch chon z’flu̦u̦deren und ụụsḁg’heit 92 isch, het di schlammigi Ankenmilch d’s Land ersäüft und ruiniert.12 Der äint het der an͜der müeßen tra̦a̦gen.

So auch in der Gegend des jetzigen Bahnhofs zu Ins. Dieser Ort erhielt am 31. Januar 1817 von der Bettagssteuer für bedürftige Wasserbeschädigte 1427 Franken; ein weiterer Drittel blieb für nachträglichen Ausgleich im Schloß.13

Selbstverständlich war von einem entscheednen mittelst solcher Beträge keine Rede. Andernorts aber het’s gar nụ̈ụ̈t ’geen, so wenig wie 1802 in Tüscherz-Alfermee, wo die Überschwemmung einen Schaden von 10,639 L. angerichtet hatte. Da̦ isch der Staat z’arm g’siin, öppis z’geen.14 Gegenteils kamen nicht wenige Bauernfamilien um den letzten Rappen des Ertrags ihres sauren Schweißes und wurden zur Auswanderung getrieben;15 so ein älterer Mann mit sechs starken Söhnen. Die Katastrophe von 1828 s. unten. 1830 zählte man innert 84 Jahren 39 Überschwemmungen.16 Am 7. August 1851 ertrank Jean Samuel Zigerli zu Ligerz im eigenen Hause, indem er die vom Hochgewitterregen eingestoßene Haustüre festhalten wollte. Es gibt dies einen Begriff von der Wassernot dieses Jahres, welche der «Seeländerbote» vom 5. August 1851 ergreifend schilderte.

Die ganzi Ebeni von Aarbeerg dännen bis ga̦n Bụ̈ren und ga̦n Sollo̥durn achḁ isch ä́in enziger See̥. Öppḁ zeechen Minuten obenfü̦ü̦r Arbeerg het sich d’Aar dü̦rḁg’frässen; d’Lüt, wo von allnen Sịten sịn chon häḷffen, häin’s nid mögen erwehren. Von der Brügg z’Arbeerg bis in d’s Dorf Bargen isch nid äins Hụụs ganz ’bli̦i̦ben. D’Stra̦ßen von Arbeerg gḁn Murten und gḁn Biel sin an män’gem Ort ganz ụusg’frässen. An păr Hụ̈ụ̈ser sin d’Fundament un͜derwä́schen, und in äim lạuft d’Wasser dü̦rch d’s Tenn dü̦ü̦rḁ, dass es iez nummḁn noch en täüffer Graben isch. Von Büel bis Arbeerg het mḁn z’dürchenwägg Lüt g’sehn mit dem halben Lịịb im Wasser sta̦hn, für das g’määiten G’wächs (Getreide) us dem Dräck ụụsḁ z’ziehn. Das, wo noch isch g’stan͜den g’si̦i̦n, ist wi mit der Troole (Walzen) i’n Booden ihḁ ’drückt. Vill Hördöpfelblätzen sind verruiniert. Chappelen, Worben und Stụụden sin förchterlig heerg’noo̥n worten, aber Schwadernau, Schụ̈ụ̈ren und Meienried, wenn’s mü̦glich ist, noch vịịl herter. Zwüschen Gränchen und Sollo̥durn isch alls under Wasser.

In Safneren, erzählt der 91-jährige Fischer Lieni Hans zu Ägerten, stieß man mit dem äußersten Handgriff der Schalten auf ein Getreidefeld. In Un͜derworben aber fuhr man mit dem Weidlig 93 vor das Stubenfenster der Frụtschi-Mueter, der das Wasser bereits der Stubenboden g’lü̦pft g’haan het, um sie und ihre in die Bettstatt geflüchteten Ziegen zu befreien.

1856 ist d’s Wasser in d’s Stedtli Erlḁch ịchḁ g’lü̦ffen. Die zwischen Neuenburg und Murten kursierenden Dampfschiffe schlugen der grad Weeg ịịn, statt dem Lauf der Broye zu folgen. Die sehr ni̦i̦deren und dazu (S. 86) stark geschlängelten Ufer dieses Flusses, der zwischen Murten- und Neuenburgersee höchstens um einen Fuß fallt, waren immer sehr bald überflutet. Das überschwemmte Land wurde wie schwummig und ist nach dem Ablauf der Gewässer z’seemen­g’schmu̦u̦ret, während Fluß und Seebett durch Geschiebe sich erhöhten.17 In solchen Jahren wurde das im großen Moos gesammelte und heimgefahrene Heu bis uf d’Läiteren der Wagen von Sumpfwasser durchnäßt und mußte zu Hause neuerdings ’tröchchnet werden. Die solcher Fahrten noch ungewohnten Stieren (Ochsen) wurden mit Gewalt dü̦ü̦rchg’schläikt. Die sie führenden Buben aber hatten sich mit Vergnügen der Hosen entledigt, um nach vollbrachtem Fuhrmannsdienst dem Fischen in den Gießen des eben durchfahrnen Moors obzuliegen.18

Da konnten sich auch Szenen wiederholen, wie die von 1870. Von den u̦sseristen Hụ̈ụ̈ser z’Gamplen isch man im Wäidlig ga̦n Neuenburg g’fahren. In menen Husgang het mḁn en Hecht g’fangen, wi früecher äinist im Schuelhụụs z’Witzwil. Aber dört ist noch n es lustigers̆ Stücki passiert. Däm G’husman in dér Hütten, Schnịịder het er g’häißen, het der Wäibel sollen ga̦n pfänden. Aber weege’m Wasser het er nid zum Hụụs zu̦cha chönnen. Är het sị’r Pflicht gemäß dem Schuldner g’rüeft, är söll choo̥n. Aber dä het richtig zum B’schäid g’geen: Chumm du zu mier, wenn d’öppis von mme̥r willtt, ich han mit dier nụ̈ụ̈d! Und der Wäibel het richtig müeßen umchehren, ohni öppis chönnen ụụszrichten. Es war dies im nämlichen Jahr 1870, wo Eisenbahnzüge wegen Überflutung nicht fahren konnten, und wo auch zu mancher Wohnung jeglicher Weg ist verhạuen gsi̦i̦n (versperrt; vgl. das Verhau).

Den Übergang von heiteren Episoden zum düsteren Grundzug unserer Chronik bildet die Notiz, daß auch 1888 d’Aar ụụsg’heit ist und einen Kumédiwa̦a̦gen umwarf, der bewohnt war.

Am 17. bis 19. Januar 1910 und wieder im Sommer des nämlichen Jahres gaben der noch nicht korrigierte solothurnische Teil der Aare19 und die damals noch nicht richtig funktionierende Nidauerschläüsen, welche in dem launassen Winter und Sommer mit all der an ihr geübten «Pegelei» dem Wasser nid isch Mäister worten, 94 zum vorletzten Mal dem Seeland die alten Überschwemmungsnöte zu kosten. Die in verschiedenen Dörfern aufgebotenen und für ganze Nä̆chte uf’s Bigeet (piquet) g’stellti Fụ̈ụ̈rwehr vermochte nicht, das Eindringen der Fluten bis in die Häuser zu verhindern. Der unerschöpfliche Seeländerhumor, welcher doch bereits durch ein schlimmes Weinfehljahr auf eine harte Probe gestellt war, tröstete sich über den Schaden von eren Millionen mit dem Hinweis: He nu, so het man doch iez ämmel Wasser im Chäller, wenn nid Wịịn. Ein fragloses Glück im Unglück aber war dem Landwirt beschert: Das het d’Mụ̈ụ̈s im Boden schön ’butzt!

Eitel Kummer, Sorge und Not waltete in diesem Sommer 1910, wie in geringerm Maß auch schon sü̦st, über dem neuen Landgut Seewịl zwischen Vinelz und Lüscherz.

Aber selbst das durch den neuen Däntsch gesichert geglaubte Hagneckmoos wurde noch am 14. Juni 1912 von einem Aareeinbruch überflutet, dessen Höhe die von 1910 um mehr als einen Meter übertraf. Auch das Epsḁchmoss geriet zu beiden Seiten des Kanals unter die gelben Wogen, welche auf weite Strecken jegliche Kultur vernichteten. Hier vermochten nicht einmal die durch Sturmglocken aufgebotenen Fụ̈ụ̈rwehren, welche gleich den Zugpferden chnäütäüff im Wasser stunden, die Wasser in ihr Bett zurückzudrängen. Man mußte sie sich selbst verlaufen lassen.

Je und je richtete auch die Saanen Unheil an. Sie floß 1632 teilweise links der altberühmten Gü̦mmenenbrü̦gg, 1673 in einem drị̆ß’g Schritt breiten Bett durch die Äcker von Laupen. Schwellinen von 800 Schritt Länge und 30 bis 40 Schritt Breite riß sie weg. In der alten Amtsschriiberei stand das Wasser sächs Schueh höo̥ch. Es reichte bis Chlịịngü̦mmenen.

Da mußten alle Gemeinden von Bümpliz bis Wiflisburg Fuhrungen leisten: en iederer Bụụrenhof zweu Roß und 1 bis 2 Mann. — In Laupen aber wanderte alles aus bis auf fünfzig Familien. Die blieben so arm, daß sie nid enma̦l der Brüggenzoll häin chönnen zahlen (oder b’sălen, wie man dort herum sagt). Der Unterhalt der Laupener Brücke ward deshalb vertschööderlet (liederlich vernachlässigt). So konnte es geschehen, daß 1743 en Gụtschen mit sannt dem Gụtscher und vier Roß ịịn’brochen ist und in die Saane fiel. Die ruinierten Wälder boten vorderhand nicht einmal Holz zu einer neuen Brücke. Die Regierung erbot sich, e̥s Fahr einzurichten. — Auch die Überschwemmung von 1852 verwandelte Gümmenen in eine Wüste.20

 
1 Favre im Arch. phys. Genève, 15. Dez. 1883.   2 Schn. 34.   3 Schn. 32.   4 Chorg.   5 Vgl. Gw. 46.   6 Lf. 55 ff.   7 Lf. 57-61.   8 Till. 514.   9 Schn. 38.   10 Schn. 38.   11 Schwell. 35.   12 Vgl. die Versumpfungsnot Lg. 111-113.   13 Probst 111.   14 Probst 130.   15 Schn. G. 6.   16 Ebd 5; Lg. 112.   17 Schwell. 36.   18 Fritz Stucki.   19 Sch. 89; a. RR. Scheurer   20 Lüthi G.  
 

 

Moor und Moos als ursprünglicher Sumpf.

I.

Wer nach einer der fürchterlichen Überschwemmungen etwa von der Gästleren oder vom Gästler (Chasseral) aus morgenwärts blickte, hatte zu Füßen die ganze Jurakette entlang und vor sich bis an den Nordrand der Alpen äins e’nzigs Meer.1 Dies «Meer» war Moor, sachlich wie sprachlich genommen. Das mit lat. măre und franz. mer urverwandte «mâr» mit dessen hochdeutscher Ablautform Muor und der von uns entlehnten niederdeutschen Form «Moor»2 soll, ganz wie «See» (S. 76), den3 Ursinn eines trüben, schlammigen Gewässers haben. Enger abgegrenzt, bedeutet «Moor» das im Verlanden (S. 103 ff.) begriffene Wasser in seinem Mittelzustand von halb Wasser und halb Heert. Die Verlandung vollzieht sich aber am augenfälligsten mittelst der Moosgewächse im Sinn des lat. muscus, frz. mousse, germ. «mussa», und der alemannischen Ablautform von Moos: der und das mies, das Miesch.4 So erklärt sich der Übergang des Begriffs von Moor in den von Moos:5 das von Miesch gänzlich differenzierte schriftdeutsche Wort geht mit neuer Bedeutung in den schweizerischen Sprachschatz über. Der Vorgang erinnert an die Begriffsverschiebung von «Ried».6

Solches Ried (s. u.) gehört neben Wald. Weide, Wiese und Ackerland zum Gut eines größern Gebirgsbauern; und ähnlich besitzt z. B. ein Inser Bauer Ackerland, Wiese, Feld, Wald und Moos, in Müntschemier: Moo̥s. Auch der Staat Bern besitzt im Seeland Moos: eben Staatsmoos (s. u.). Ja, das Moos wird dem übrigen Landbesitz als einer zweiten Einheit gegenüber gestellt (vgl. «d’s guet Land»).7

Die vormalige Unbewohntheit des Mooses und seine Entfernung von den Wohnungen der Besitzer führten von selbst zu zahlreichen Teilbezeichnungen wie Großhubel-, Stierenhubel-, Band-, Muttli-, Reusche̥lz-, Wäid-, Heu-, Ziegel-, Chloster-, Lü̦schi (s̆s̆)-, Un͜der- und Ober-, Feisterhénner-, Groß-, Figeli-, Neu- (1754), Elsen-, Tschiggis- (1648, 1776) usw. -Moos oder -Möösli, Mü̦ü̦sli (Lü.). Das letztere speist die Dorfbrunnen von Lüscherz. Die Mehrzahl Mööser lautete 1335 «Müser» (vgl. das Guggisberger Mü̦̆sli).

96 Als kommunaler oder privater Besitz, der in anstoßende Gemeindebänne übergreift, erscheinen das Ins- oder Eiß-, Vinelz-, Gampelen-, Erlach-, Brüttelen-, Geeserz-, Grissḁch-, Gals-. Chloster-, Bargen- usw. -Moos. Die Namen Brüttelen- und Hagneck-Moos haben, wie Epsḁch-, Brügg-, Mádrätsch- oder Maade̥rịtsch-Moos, neben dieser örtlichen und rechtlichen noch eine physikalische Bedeutung: es wird durch sie auf Isoliertheit der Moosstücke hingewiesen. Ein Blick auf die Moorkarte der Schweiz von Früh und Schröter lehrt jedoch, wie im Gegensatze zur Zersplitterung des übrigen schweizerischen Mooslandes8 unser Seeland das größte einheitliche Moorgebiet der Schweiz aufweist. Alle die genannten Teile gehören entweder zum zentralen Gebiet des Grŏß Moos, oder sie lagern sich ihm — sei’s fester, sei’s lockerer — an. Das zentrale Gebiet ist ein durch Strand- und Schuttwälle geformtes schmales, langes Dreieck, dessen Spitze bei Büel liegt, indes der eine «Schenkel» über Walpertswil, Si̦i̦selen, Eiß (Ins) nach dem Neuenburgersee hin verläuft, der andere über Fräschels und Cheerze̥z gegen den Leuenberg am Murtensee sich erstreckt. Der Name «Großes Moos» ist übrigens ein sehr wandelbarer. Wir finden 1647 dem «kleineren Mößli» bei Brüttelen das «größere Mooß» gegenübergestellt. Aber dem Inser ist d’s Groß Moos derjenige Großteil des Großen Moses, der nicht als Heumoos (s. u.) und als Mŏsgeerten (s. «Rüstig») Privaten gehört. Der gesamte von der Entsumpfung betroffene Komplex heißt bei den Anwohnern einfach d’s Moos. Sie halten es damit natürlicherweise wie einer, der mitten im Walde stehend diesen vor lauter Bäumen nicht überblickt und daher nicht unterscheidend von diesem oder jenem -wald, sondern nur vom Wald redet. Die dörfischen Inser wohnen nördlich und westlich vom Moos; im Osten desselben: eenet dem Moos (jenseits desselben) hausen als Eenerländer (S. 76) die von Kerzerz, Fräschelz und Kallnach. Diese unterscheiden sich sehr selbstbewußt von den in umgekehrter Richtung «ä̆net dem Moos» wohnenden Mööser, welche mit ihrer Dialektfärbung mööseren.

 
1 In Schn. 1 äußerst lebendig geschildert.   2 Mhd. WB. 2, 1, 240; Kluge 308. 318; Grimm WB. 6, 2515 ff.   3 Allerdings in WuS. I lebhaft bestrittenen.   4 Graff 2, 868; mhd. WB. 2, 1, 167; schwz. Id. 4. 467 ff.   5 Kluge 319; Grimm WB. 6, 2518 ff. wo älter nhd. «der Moos» als Anlehnung an «der» musc-us und an «Sumpf» aufgezeigt wird.   6 Gb. 87.   7 Näheres in Kap. III.   8 Der Jura zählt 131 bestehende, 357 erloschene Moore, das schweizerische Mittelland 1529 und 2538, das Alpen- und Voralpengebiel 423 und 486. Fr. Schr. 250.  
 

Aus Gampelen

II.

Die sehr schwache Senkung dieses großen Mooses, welche sich bloß zwischen 0,7 und 1,25 ‰ bewegt und im Mittel 0,8 ‰ beträgt, begünstigt mit ihren Ungleichheiten das verhocken von Lachen außerordentlich. Es gab vor der Korrektion Stellen, welche in gewisser Beziehung 97 an die oft auch höher gelegenen broil, buil, Breuil, Breux,1 les Brues (bei Lamlingen) erinnern. Aus dem Deutschen klingen an diese Formen an: Brüel und Broye. Brüel geht über breuil zurück auf brog-ilo, Verkleinerung aus broga.2 Dies keltische Wort bedeutete einen eingegrenzten Bezirk,3 seine Verkleinerung brog-ilo ein «Gebietchen» speziell als umzäunte Wiese außerhalb von Dörfern. Sie nahm das von diesen abfließende Brunnen- und Hofraumwasser auf und spendete mit dem dadurch genährten Gras dem Vieh das erste Grün.4 Ähnlich wird breuil erklärt als grande prairie près du château seigneurial, que les serfs ou vassaux devaient faucher et récolter pour les seigneur.5 In obigem Sinne hatten z. B. Madretsch bei Biel und Geicht über Twann ihren noch so geheißenen Brüel. Es gibt ferner einen Galsbrüel und (1757) einen neuen Brüel zu Gals, einen Erlach-, Vi̦ne̥lz-, Gäserz-Brüel, und in Ins ist der Name mehrfach vertreten. 98 Am Ban͜dbrunnen an der Inser Rịịff (S. 77) liegt der «Bann»: der Ban͜d oder Zbang oder Zwang (vgl. «Twing und Bann») im Brüel, oder der «Brüel gegen den Band», der «Bandbrüel». Es gibt einen Innßbrühl (1688), genauer einen obern (1809) und einen untern; ferner die Galser Brüeldäilen, den Inser Brüelbach und den Brüelwuer, die Brüelmatten, die Brüelzälg (1661) und das Brüelzälgli.

Ein (wortfremder) Anklang an das unverkleinerte broga lautet (der und das) bruoch und (das) bruochich6 mit der Bedeutung Moorboden, woran «das Brụụch»7 erinnert. Ein «acher hinder der Brụụcheren» liegt zu Ins. An die Stammform «Bruch» aus «brechen» denkend, frischte man sich Brụụch als der Bru̦chch auf und dehnte die Umdeutung auf das Bru̦chch aus. Es ist ja wahr genug, daß man im Moor ịịnbricht (s. u.). Daneben fehlt in älterer Sprache nicht die Bruch als die Brue̥ijen oder die Broye. «An der Bruch» (S. 27) sehen wir 1409,8 1491, 1575 und noch öfter (S. 27) die Weidrechte der Berner und Neuenburger aufeinander stoßen. Neben dem Flußnamen Broye, 1295 Bruya, erscheinen 1274 auch die Formen Brodia, Brovia neben Brogilus9 (S. 97). An der Brouïa (des Patois) wohnt der Brouïard, Broyard und die Broyarda, und das Broyard ist einer der drei freiburgischen Dialektkreise.10

Neben den immerhin auch mit Gesträuch bewachsenen und durch solches einigermaßen ụụftröchneten Stellen lagen offene Pfützen. Kein größerer Wasserzufluß frischte sie wenigstens auf, wie dies doch im Orbe- und Broyemoos geschieht. Bloß Moosbäch wie der von Büel, Walpertswil, Epsḁch, Täuffelen, Brüttelen und die S. 27 genannten Wässerchen durchziehen das große Moos regelmäßig. So konnte Überschwemmungs­wasser als Morast, dick wi n en Brii, Jahre lang offen blịịben hocken. Auch solche Sümpfe und Pfützen hätten benannt werden können wie solche der fernern Umgebung. Da liegt über dem Gü̦ü̦rlenwald zwischen Gampelen und Tschugg ein schönes, fruchtbares Plateau, dessen Name die Gü̦ü̦rlen11 auf die gleiche einstige Versumpfung deutet wie etwa diejenige des vom Schaltenrain her versumpften Brüttelenbadmooses, das unter dem gegenwärtigen Anstaltsvorstand rasch der richtigen Kultur entgegengeht. — Ferner gibt es ein aus lat. puteum oder puteus (Graben, Wasseransammlung, 99 vgl. franz. puits, Ziehbrunnen) entstandenes Wort «der Butz»12 neben «die Pfütze». Von dem Gampeler «Orth, so Inn Wälltsch Buz vnd Inn Tütsch giessen heißt, biß an das Closter» St. Johannsen reichte um 1238 des Grafen von Neuenburg «recht, so er im Wasser gehept». Es gab übrigens einen grossen und einen kleinen Buz.13

Im Unterdorf Gampelen

Ohne Verschiebung aber existiert neben Pütze (1711) (was freilich vielmehr eine selbständige Form «die Buttlen»14 und ein Ort «hinter den Buttelen zu Vinelz»:15 Gu̦ttelen ist), wobei an unreine Flüssigkeit (Jauche, Sumpfwasser od. dgl.) gedacht worden ist. Wie nun z. B. Butter und Buder als verkümmertes Geschöpf, Buttlen und Budlen als Rauschbeere16 gleichbedeutend sind, so kann zunächst die un͜deri Bụdlei zu Vinelz sehr wohl als ein vormaliges «Sumpf-Eiland» gedeutet werden. Noch weist die lange und hohe Mauer an der neuen Straße auf den Schutz dieses Herrschaftsgutes vor dem ehemals bis dorthin angedrungenen See, der regelmäßig beim Rückzug Kotlachen hinterließ. Aus Vereinigung 100 in einer Hand wird die Benennung der oberen Budlei beruhen, welche um 1670 einem Emanuel Gaudard, 1730 einem Johann Rudolf von Diesbach und seit 1737 dem 1749 in Bern enthaupteten Samuel Henzi (S. 57) gehörte. Der Zukauf des sonst als Rụụchen Acher bezeichneten Berggutes hat später noch die Unterscheidung der obern Budlei in die vordderi und hin͜deri veranlaßt. Nahe der obern Budlei liegt das Budleiholz oder das Bú̦dlig (1701: der Budlit, 1527: der Wald Budlet).17

Im Morast uf Misthu̦ụrden z’schifflen und z’fischen war das eifrig geübte Gewohnheitsrecht der Rangen aus all der Anwohnerschaft des Großmooses. Sollte es auf sauberem Wasser sụ̈ụ̈ferliger zugehen, so bediente man sich der Wöschbü̦tti aus dem Ofenhaus. Jäger hinwieder, welche den Schnepfen und Kibitzen (s. «Wild und Jagd») nachstellten, mußten beim Fäälbạum, sowie zwischen Gals und Gu̦rnau (Cornaux) sorgfältig von einer Pöschen (s̆s̆: S. 112) zur andern Ggümp nehn, um nicht in Tümpel zu fallen.18

Mit nächtlichen Windlichtern versehen, hätten sie wohl recht wirksam die Irrwische (S. 104) vorgestellt: die fụ̈ụ̈rigen Mannli, die waadtländischen porta-bouenne (porteurs de bornes),19 welche als Marchstäinversetzer fünfz’g Ja̦hr lang müeßen ummḁ choo̥n und als chanta-bouenne um d’Marchstäin ummḁ tanzen.

Als Verletzerinnen zwar nicht legaler, aber moralischer Rechte mußten nach alter Überlieferung die alten Jumpferen im Moos den von ihnen Verschmähten d’Hoosen blätzen.20

Dieser einen komischen Szene, welche in das bernische Sibirien verlegt wird, stehen aber eine Reihe düsterer gegenüber. Der um die Nachbardörfer streichende schwarz Hun͜d, der jedem ihn Erblickenden im Lauf des Jahres den sichern Tod bringt, führt über zu der teuflischen Gestalt des Räuberpintenwirts Schabeck, der endlich sterbend unter Hinterlassung eines pestilenzialischen Gestanks zu einem Wandloch hinausfuhr.21 In besonders unheimlichen Mitternächten aber, zumal am Silvester, tanzten Gäister an der Spitze von Häxen und Hexern um ein Feuer, das eine unsichtbare Macht angezündet hatte. Halb auf bloßes Hörensagen hin, halb im kindlichen Spiel mit dem bewußt Gruseligen benannten die Schüler von Ins den jeweils von ihnen aufgebauten Schneemann oder Schneebären als den Gäisterchünig.22 Wer diese von Favre so lebensvoll und lebenswahr geschilderten 101 esprits du Seeland waren, wußten die Ortskundigen genau genug: es waren die in dem furchtbaren, mehrere Stunden lang und breit sich ausdehnenden Nebel hülflos Verirrten und Umkommenden, welche ihre Hülferufe nach den weit entfernten Umwohnern schickten.23 Die Dichte der winterlichen Erddünste brach oder entstellte die flehenden Stimmen, so daß sie bestenfalls als die Laute unerkannter Wesen gedeutet wurden. Wem nicht bestimmte Anhaltspunkte wie die Räckolderen24 kund waren, und wer nicht sogar einen unfehlbar sich orientierenden Hun͜d25 zum tröstlichen Begleiter hatte, war verloren. So die zwei liebenswürdigen Studenten Py und Manon aus Neuenburg, welche am Neujahrsmorgen 1837 nach fröhlicher Schlittschuhfahrt bei einer der alten Torfhütten aufgefunden wurden. Der von Wistenlach kommende Stallknecht Benoit entdeckte die Leichen und brachte sie auf einem Schlitten nach Ins. Die energischesten Wieder­belebungs­versuche waren umsonst; begreiflich: Stiefel und Beine waren zu einem Stück Eis verwachsen. Torfspuren verrieten, daß sie in Torfgräben gefallen und nach verzweifelter Anstrengung, sich herauszuarbeiten, der Erschöpfung und Kälte erlegen waren.26

Auf dem Lätthubel im Moos, eine halbe Stunde vom Dorfe Ins entfernt, fand man am 28. Dezember 1886 die am 18. August 1879 geborne Maria Egger von Lengnau erfroren. Bei seinen Eltern im Pintli (s. u.) zu Witzwil wohnend, wollte das Kind seine Großmutter im Linderguet (s. u.) besuchen, verirrte sich aber hülflos im Nebel.

Einstweilen am Leben bleibend, gingen jahraus, jahrein in den Grenzbereichen des Mooses andere gespenstische Gestalten um: Menschen mit zitternden, bleichen Lippen, mit totenfarbenem Gesicht, mit strahlenlosen Augen, in denen keine Wärme mehr glänzte;27 Kandidaten des Todes, der nach den Überschwemmungen von 1816 und 1817 einzig im Kirchspiel Bürglen innert sechs Monaten 1/32, der Bevölkerung wegraffte (also mehr als in großen Städten die Cholera), und der auch in Gals heftig wütete.28 Ebenso standen Weidetiere (s. u.) in Menge um. Mensch und Vieh litten folternde Schmerzen durch das dem Malariafieber verwandte chaḷt Weh: das Frühlings-Wechselfieber, welches gewöhnlich im Juni und Juli in Närvenfieber überging und jede Ortschaft des Seelandes durchschnittlich alle 18 Jahre einmal durchseuchte.29 Dieses nahm an Heftigkeit und Ausbreitung zu bis im Oktober, um im Frühling wieder als Wechselfieber auszubrechen. Als solches mit Gaffee vertrieben, schlug es in ein gallig-nervöses Fieber um. Am 102 gefährlichsten war diese Krankheitsgruppe für kräftige Männer: die het’s am hertisten g’noo̥n! Wer aber an andern Infektionen litt: an Bla̦a̦teren (Pocken), Scharlḁch, Maaseren und Röötlen, erfuhr eine bösartige Steigerung derselben. So namentlich 183130 und 1832. Da starben bloß in dem kleinen Orte Gals 39 Kinder an den Masern. Auch Kulturpflanzen erfuhren die verheerenden Wirkungen der Moosluft: Der Wäizen het der Rost überchoo̥n, weil die giftigen Dünste sich noch weit über die Grenzen des Mooses erstreckten; d’Chü̦ü̦rbsen (Kürbisse als vormals beliebtes Suppengemüse) und d’Boo̥hnen sin im Augsten schwarz worten.31 Allerlei Unrat des Mooses wurde nach den Dörfern und Höfen verschleppt.

Mooshüsli zu Müntschemier

Nußbäume und tiefer gelegene Reben aber wurden von den Früh- und Spätfrösten des Mooses erreicht, und der Moosnebel hielt namentlich am Morgen die Sonne so lange zurück, dass mḁn im Summer (d. h. in der Getreideernte: s. «Frucht») noch d’s Ịịsch het müeßen von der Seege̥zen sträipfen.32 Der naß Moosboden het’s eben wi der Lättboden: är wird lang nid warm. Di nassi Tu̦u̦rben isch noch im Summer ịịschchalt, so daß man Wịịn und Wasser drinn chann z’chalten tuen.33 Aber isch es denn äinist warm, denn gibt’s denn en 103 grụ̈ụ̈seligi Hitz drinn. Mi mag si so von den Änglefen dännen (von 11 Uhr weg) fast nid haan (aushalten). Hitzschläge im Moosheuet sind keine Seltenheit. Die schwarze Torferde erwärmt sich so rasch, dass mḁn ganz guet noch im Brachmonḁt chann Hördöpfel setzen. Im höo̥chen Summer chann alles dü̦ü̦r’ werten. Mi het nu̦mman Tu̦u̦rbenstạub in der Naasen, un͜der den Füeß chrụ̈ụ̈spelet’s von vertrappeten Flächten (Becherflechten: Cladonia u. a.). In den Überschwemmungs­jahren aber entlädt sich die heiße Luft in Hochgewittern mit Hagelschlägen.

So wirkte das große Moos als Sumpf: Sumft, als sumftigi Wildnis. Welch unendliche Wohltat der Natur, daß sie im Laufe von etwa anderthalb Jahrtausenden allmählich den Sumpf in ein Moor verwandelte, indem sie einen Teil der giftigen Pesthauche in einer reichen Vegetation festlegte! Wie vollbrachte sie dies?

 
1 Jacc. 53.   2 Du Cange 1, 733; Graff 3, 282; mhd. WB. 1, 267; schwz. Id. 5, 594-7.   3 Die «Allo-brogen» bewohnten ein «anderes Gebiet» als die Helvetier, wie das «ali-saß», Elsaß, Elsịß ein «anderer Sitz» ist als das mit der Schweiz schutzverwandte und schließlich ihr zugehörige Basel.   4 Vgl. schwz. Id. a. a. O.; Studer 72.   5 Brid. 59 mit dem Hinweis auf Karls des Großen Kapitular de villiès.   6 Mhd. WB. 1, 270.   7 Gw. 656; Lf. 90.   8 Urb. Mü. 4.   9 Jacc. 55.   10 Brid. 60, wo der Flussname von kelt. brw (source, rivière) als offenbare Schallnachahmung de Brodelns hergeleitet wird.   11 Ahd. das gor (Mist: Graff 4, 236) zu mhd. (WB. 1, 530) gir gar gâren gegorn, sowie waadtl. gor (Pfütze). S. a. Zimm. 2, 4.   12 Schwz. Id. 4, 2027; Kluge 350.   13 SJB. A 453.   14 Schwz. Id. 4, 19I7.   15 Nach Zimmerli, der auf «Butzle svw. Gudle» (schwz. Id. 2, 125) hinweist.   16 Schwz. Id. 4. 1915 u. f. 1036. 1037.   17 EB. A 355.   18 E. v. Fellenberg bei Fr. Schr. 584.   19  Brid. 299.   20 Favre 136. Andere Strafarbeiten im Giritzemoos, wie Saagmehl z’seemenchnüpfen u. dgl.: Schwz. Id. 4, 470-2.   21 Favre 137.   22 Ebd. 247.   23 Ebd. 167. 277.   24 Ebd. 268.   25 Ebd. 277.   26 Favre 282; das Genauere: Kal. Ank.   27 Schn. G. 16.   28 Ebd. 17.   29 Kocher 13.   30 Ebd. 17. ff.   31 Schn. 75.   32 Schn. G. 11.   33 Favre 144.  
 

Verlandung.

I.

Im Großen Moose seit der Römerzeit,1 anderwärts2 Jahrtausende vorher: seit dem Zurückweichen der Gletscher, vollzog sich allmählich ein Vertorfungsprozeß, dem nun meist Abbruch geschieht durch Sträüi määijen und durch Bodendurchlüftung mittelst Ackerbaus. Vertorfung ist ein Zerfall von Pflanzenstoffen, welcher wegen starken Sauerstoff­abschlusses durch Wasser und starker Wärmeverminderung im Boden sehr langsam und sehr ungleich weit vor sich geht.3 Sehr leicht vertorfen Erlen und Birken. Doch kam beim Wasserleitungsbau in der Unterstadt Erlḁch ein sechzehnjährig gewordener Erlenstrauch4 zum Vorschein, den die zwei Meter hohe Sanddecke sehr gut erhalten, den aber das Grundwasser ganz schwarzbraun gebeizt hatte. Das Fundstück endete dummer Wịịs im «Krematorium» eines häuslichen Herdes. Zääij ist auch das Wurzelgeflecht zumal der Schwarzerle; nach Zerstörung des Stammes g’seht das noch ụụs wi n en Dra̦htbeesen. D’Birchenrin͜den findet starken Schutz an ihrem Gamfer; das Harz verleiht der Rin͜den, den Bollen und Zäpfen, sowie den Na̦a̦dlen der Roo̥t- und Wị̆ßdannen, der Dehlen und Leerchen große Widerstandskraft. Aber aus den ausgegrabenen Äichen, deren man 15 Fuder auf fünf Jucharten und anderwärts hundert Stück auf 25 Jucharten vorfand, 104 chann mḁn mit dem Griffel schrịịben! In Kefikon (Thurgau) dem Moos enthobenes und getrocknetes Eichenholz ließ sich verschreineren.5 Dies gilt natürlich von den Stämmen (die man, teilweise mit Axtschlägespuren behaftet, denkwürdigerweise immer mit den Wü̦ü̦rzen ostwärts, mit den Nest (vgl. der Nast: Ast) westwärts in den lättigen Mutterboden ịịngwachsnig findet). Die vor der Entsumpfung prall und straff gespannte, zähe Rasendecke des Mooses hielt sie Jahrtausende lang verborgen. Erst die Durchlüftung des kultivierten Bodens ließ sie allmählich emporquellen und lieferte das bis ins Mark hinein chohlschwarzen Brennmaterial von mittelmäßiger Güte z’Hụ̈̆ffen-wịịs auf den Feuerherd, wie man heute vor allnen Hụ̈ụ̈ser chann g’sehn.

Ein Ergebnis der Vertorfung ist Sumpfgas und Schwefelwasserstoff, worauf die Irrlichter (S. 100) beruhen. Merkwürdig ist ferner die Auflösung von Gesteinen, welche unter den Torf zu liegen kommen, mittelst der Humussäure. Besonders wird ihnen der Chalch entrissen. Bildet aber die Unterlage Ton (Lätt), so werden die Eisenverbindungen in höherm Maße gelöst, und der Lehm wird auffallend blaaugraau oder blaau.6 Aber auch manch ein «Rotwasser» (S. 85) schreibt sich von daher. Am wichtigsten freilich, nämlich für die Moorkultur (s. u.), ist die Beobachtung, daß der sämtliche Boden des Großen Mooses als Niederungsmoor reich an Stickstoff ist.7 Erhebliche Beiträge liefert hierzu all das G’schmäüs (Geschmeiß) der Breemen (Bremsen), Fläügen und Mü̦ggen mit ihrem sehr langsam sich zersetzenden Hautpanzer (Chitin). Wer die Größe des Insektenheeres überschlägt, das in einem trockenen Sommer schon außer dem Moos das Arbeiten zur Qual macht und daraus einen Maßstab für die entsetzliche Geschmeißplage im Moos entnimmt, glaubt gerne an die Beträchtlichkeit einer solchen Stickstoffquelle. Er tut es aber erst recht, nachdem er von insektenfressenden Moorpflanzen gehört hat. So vom rundblätterigen Sonnentau (Drosera rotundifolia),8 vom Fettkraut (Pinguicula vulgaris), vom Wasserschlauch (Utricularia vulgaris).9 Die ins Wasser getauchten Pflanzen und Pflanzenteile vermehren bei ihrer Zersetzung den Stickstoffreichtum. So wird die Moorkultur der kostspieligen — tụ̈ụ̈ren — Beschaffung dieses wichtigen Pflanzennährmittels enthoben (s. u.) und kann um so besser wirtschaftlich gedeihen. Der Pferdezüchter weiß noch eine andere Nebengabe des Torfmoors zu würdigen: d’s Tu̦u̦rbenwasser isch gar g’sun͜d für bụụchstöößigi Roß (mit Lungenemphysem behaftete Pferde).10 Es ist «gesund» sowohl als Ernährer von Schilfpflanzen, wie 105 der süßen Röhrli (Phragmites communis), die dem Pferd so sehr zusagen, wie auch als Trinkwasser. Es schmeckt allerdings keineswegs angenehm: es isch nid abaartig guet. Allein es ist dank der Wirkung von Humussäuren beinahe bazillenfrei und wirkt geradezu antiseptisch. Diesem Umstand ist ja auch die vielfach so treffliche Erhaltung der Pfahlbautenfunde zuzuschreiben. Der von Würmern11 erzeugte Torfmull aber, mit Recht als die beste Einstreu geschätzt, tötet sogar Cholerabazillen. Zum Glück steht solcher Gesundbrunnen auch nicht so rasch ab. Ein Torfmooslager (Sphagnetum, S. 111) kann zwänz’g Ma̦l so vill Wasser iinsụụgen, wi n es trochchen wä̆gt, und es Turbedmoos, wo zeechen Schueh täüff isch, chann Wasser ụụfnehn wi n es si̦i̦ben en halber Schueh täüffs Réserwaar.12

 
1 Fr. Schr. 379.   2 In Moränenlandschaften wie Herzogenbuchsee-Aschi und Burgdorf-Bern, in Zäziwil-Tägertschi, Walkringen-Enggistein, Sinneringen-Stettlen, Gümligen, im Gürbetal, in Albligen. Ebd. 259.   3 Ebd. 161; Berdr. 9, 113 f.   4 Laut Bestimmung durch † Sekundarlehrer Simen in Erlach.   5 Fr. Schw. 175.   6 Ebd. 170.   7 Kell. 17.   8 Schmeil Bot. 38 ff.   9 Ebd. 41.   10 Lf. 250.   11 Fr. Schr. 158.   12 Ebd. 183.  
 

Studie von Anker

II.

Verfolgen wir nun in kurzen Zügen den Aufbau des Torfmoores.

In trockenen Sommern erwärmt sich die oberste Schicht ruhiger Gewässer außerordentlich stark.1 Da̦ verfrụ̈ụ̈rt mḁn nid b’im baaden. 106 Besonders warm wird begreiflich die Uferbank. Diese heißt d’s Wị̆ßen, weil hauptsächlich aus ihr der Chalch des Seewassers sich niederschlägt. Daß zumal die Juraseen reich an Kalk sind, läßt sich erwarten.2 An hohen Wasserpflanzen, wie den Röhrli (Schilf), deren Name in den Rohrmatten und -acheren (Mü.) sich wiederholt, setzt sich der Kalk in Krusten an und wird, durch blaugrüne Algen gefärbt, zum förmlichen Wasserstandsmesser. Grüne Algen hinwieder sorgen dafür, daß man bei niedrigem Wasser der Chalch och g’hörig in d’Naasen überchuunt. Armleuchteralgen nämlich (Characeae), die sich mit ihren Wurzelhaaren in der Dünni (S. 80), aber auch in Gräben und Tümpeln am Boden festsetzen und wie Armleuchter verzweigen, bilden förmliche Rasen und saugen so viel Kalksalze ein, daß sie verheien. (Grünalgen sind es auch, welche z. B. auf dem Silvrettagletscher den «roten Schnee» erzeugen.)

Blaualgen hinwieder schweben frei auf der warmen Seefläche. Der Rotsee im Kanton Luzern «blüht», von solchen Algen bevölkert, bald tiefrot, bald wieder vitriolgrün. Der Mu̦u̦rtensee̥ aber trägt zeitweilig das vielgenannte Burgunderbluet. Ein Name, der ebenso an den 22. Juni 1476 erinnert, wie das «Schweizerbluet» des um St. Jakob an der Birs wachsenden Rotweins an den 26. August 1444. An Tod gemahnt diese Massengesellschaft des roten Schwingfadens (Oscillatoria rudescens) insofern, als der Fischbestand durch sie aufs höchste geschädigt wird. Chlịịnni Fisch, die von diesem färbenden Stoffe fressen, werden betäubt und sterben bald ab; man findet sie in großer Menge toot am Ufer liegen. Die Gräten solcher tootnigen Fisch3 sind rot, wie wenn sie Krapp genossen hätten. Das Fleisch größerer Fische aber büßt an Festigkeit und Genießbarkeit ein.4 Selbst der Fischer leidet darunter, wenn in der Sommerhitze der chaarten-still See̥ solcher Algenansammlung volle Ausdünstung gewährt: das pestet, dass es ni̦d-mme̥hr schön ist.5 Anmutiger als solches Naasenfueter ist allerdings die Augenweide. Geradezu prächtig ist es, wenn, wie am Bi̦ịsentaag des 8. Juni 1911, um Mittag zwei Drittel des Seespiegels über und über in roter Färbung erglühen und besonders zwischen Montelier und Nant in tiefrotem Schein aufleuchten, der dann in Braunrot übergeht.6 Da müssen die Myriaden zylindrischer Fädchen, deren eins 6-8 Tausendstel Millimeter lang und noch nicht 0,005 mm dick 107 ist, ihre ganze fabelhaft rasche Vermehrungskraft entfalten. (Ein Faden kann sich durch Querteilung der Zellen in kurzer Zeit verzehnfachen.)7 Man begreift dabei aber auch, wie diese Alge den Zürichsee seit dem November 1898 so stark bevölkerte, daß sie das Filtrierwerk der Wasserversorgung gefährdete.8

Wie Gallere̥ch sehen andere Blaualgen-Kolonien aus, die den Lebertorf (S. 114) bilden helfen.

Aus Müntschemier

In den Juraseen stäit ohne Wurzeln frei im Wasser, ohne jemals über dieses emporzutauchen, die Hornblattart Ceratophyllum submersum9 und bildet oft ganze Dickichte aus Trieben, die gegen 3 m messen. Dagegen schwümmt im stillen Gewässer z. B. um Lan͜dero̥n und im Brüggmoos der Froschbiß (Hydrocharis morsus ranae), indem er gleich der Seerose (S. 108) seine schön gesonnten Blätter aus dem Wasserspiegel ụụsspräitet, die weißen, zarten Blüten dagegen drụs ụụchḁ streckt. Waagrecht unter der Wasseroberfläche hinziehende Ausläufer bilden 108 an ihrem Ende wieder neue Pflanzen, wenn sie nicht über Winter sich nach der frostfreien Tiefe flüchten. Ähnlich machen’s die verwandte «Krebsscheere» und die durch frühere fabelhafte Vermehrung die Schifffahrt gefährdende «Wasserpest», die aber gerade damit außerordentlich mithalf, d’s Wasser sụụfer z’haan.10

Dasselbe bleibt daher auch klar: lụụter, wenn es nicht ụụfg’rüehrt und durch die von den bisher genannten Pflanzen gebildeten schlammigen Niederschläge getrübt wird. Die im folgenden genannten Gewächse dagegen verlanden die Gewässer nach und nach, indem sie sie mit ihren Zerfallprodukten sättigen und allgemach in den Moorzustand überführen. Wir trafen bereits (S. 107) die Armleuchteralgen in dieser Tätigkeit. Besonders aber beteiligen sich an ihr: zunächst das im Bielersee bi’m baaden den Schwimmern so heimtückisch die Glieder umstrickende Häxenchrụt (Nixkraut, Najas major), sowie die umgekehrt so lieblichen See̥roo̥sen, die aus dem schwarzen Moorwasser sich besonders malerisch ausnehmen. Die eine ihrer Gattungen: die Teichrose (Nuphar) bildet riesenhafte Wurzelstöcke. Am Grund eines verlandeten Torfstichs im Brüggmoos fand Früh ein riesenschlangen­ähnliches, armsdickes, schwarzes Ungetüm von 2 m Länge und 10 cm Durchmesser.11 In Uster wurden auf dem Markte Stücke solcher Gebilde zu fünfzig Rappen als krampfstillendes Mittel verkauft. Sie sollten aus dem Nil stammen;12 eine Mystifikation, welche durch die Verwandtschaft unserer Zierpflanze mit der berühmten — eßbaren — Lotusblume ein gewisses Gewicht erhielt. Diese heißt Nymphaea Lutus; und Nymphaea alba ist die weiße Seerose, diese herrliche Zier des stillen Weihers, des schilfumkränzten Teiches, des blinkenden Sees.13

Und en merkwürdigi Pflanzen isch e̥s! Si macht en ganzen Hụ̆ffen Wü̦ü̦rzen, wo si sich dḁrmit täüff im Schlamm ịịnhänkt wi d’Wi̦derhööggen von menen Anker. Denn la̦a̦t si ihren armsdicken Stammen so schlump wi n es Säili im Wasser ummḁ fahren, dem Zug na̦a̦ch. Mit denen groo̥ßen Bletter het si’s schier gar wi d’Änten mit ihrnen Feederen: die häin obenna̦a̦chḁ en Überzug von Wachs, dass d’s Wasser chönn dü̦rch di Chri̦nne̥lli am Rand ablạuffen, wi ab den ịịng’ööleten Feederen. Un͜derna̦chḁ si d’Bletter violett g’färbt; wḁrum? für dass si so vill Sunnenliecht dü̦ü̦rḁ lööiji (durchlassen), wi nu̦mmḁn mü̦ü̦glich und in Weermi umwandli; sü̦st (sonst) chönnti si nit das Wasser alles verdunsten, wo dürch di groo̥ße Luftlöcher ịịchḁ gäit. Die müeßen drum da̦ sịịn, für dass di groo̥ßen Bletter mögi schwümmen. Im Winter, wenn denn der Stammen i’n Boodenschlamm achḁ gäit ga̦n schla̦a̦ffen wi 109 d’Mu̦u̦rmeli im Häü, da̦ gangen denn richtig d’Bletter och z’rugg, aber si weerten schon chlịịnner, wenn d’s Wasser aanfa̦a̦t min͜deren; si nehmen denn d’«Landform» aan.14 Wenn si denn im Summer ummḁ (wieder) groo̥ß und schweer sịịn, chönnten si bi däm umma̦fäcklen vom Stiel liecht abrịịßen. Aber dḁrfür ist óch g’soorget dürch die Ha̦a̦rsteernen im Sti̦i̦l innen, wo deen (diesen) fester machen und d’Luftrụ̈ụ̈m enchläin g’staabeliger (steifer), so daß sie erstaaben.

In den Pfahlbauzeiten kam z. B. im Moosseedorfsee auch die (der Nachtkerze, der Fuchsia u. a. verwandte) — eßbare — Wassernuß (Trapa natans) vor.

Wie form- und farbenreich gestaltet sich solches Pflanzenleben! Um so wertloser sind die gestorbenen Gebilde, da sie im Verein mit kalkreichen tierischen Überresten einen ganz schlächt brönnigen Schlammtorf liefern.

Größern Wert schon haben als Leichen die Bildner eines aus dem Schlammtorf liegenden, schiefer­kohlen­artigen Pechtorfs (Bäächtu̦u̦rben). Das sind die Bewohner seichter, höchstens 3,5 m tiefer Ufersäume. Hierher stellen sich zunächst — aus der Familie der Ried-, Schein-, Halb-, Sauer- oder Moorgräser — verschiedene Simsenarten; vor allen Heleophylax15 (oder Scirpus) lacustris und Schoenus nigricans. Beide beanspruchen den Galser Namen Chatzenwaadel (wie dagegen baselländisch das Equisetum, genannt wird), die Inser Namen Stöörzli, Bi̦ns oder Bi̦ms, die Bezeichnung Bienz um Brügg und Ägerten. Und zwar sagt man, im Gegensatze zum alten Deutsch,16 das Bins, Bims, Bienz. Zur Zersetzung kommen fast bloß die luftblattlosen Halme, aus welchen wie aus Scheiden die zum heften der Reben präparierten walzenartigen Blätter gezogen werden. Das Binsicht macht oberflächlich liegende, langsam wachsende Wurzelstöcke, aus welchen reihenweise die bis 4 m hohen Halme entsprießen.17 Jene durchziehen netzartig, aber in lockern weiten Maschen (in groo̥ßen, lu̦ggen Lätschen) den Seegrund. Die Halme sind weich (lin͜d) und brechen bis zum Grunde ab.18

Ein ganz anders wirksamer Schlammfänger und damit Torfbildner ist das Schilficht, welches bloß noch bis 2,5 m tief in d’s Wasser gäit, dafür aber dank seinen Luftblättern sich weit ins trockene Land hinein erstreckt. Es gibt daher schilfichte Weiden, welche nach ihrem Aussehen den Namen Neypraz (prés noirs)19 führen. Die Moore aber 110 bestanden vor der Korrektion hauptsächlich aus Schilf mit Erlen, Eichen und Rottannen, nebst Seggen. Vor allen ist das gemeine Schilf: Rohr, Röhrli, Si̦mpelirohr, Si̦mpeli,20 Phragmites communis, zu nennen. Die unglaublich tief sich eingrabenden und meterweit kriechenden Wurzeln erlauben den sehr bestockungsfähigen Stengeln auch, sich bis zu einer Höhe von 5 m zu erheben, ohne daß noch so heftige Stürme sie verheien oder machen z’g’heien. Die Innenflächen der Blattscheiden und die Oberseiten der Hälm sind nämlich glatt, so daß der Wind sie wie Wetterfahnen in seine Richtung stellt und dü̦ü̦rch si dü̦ü̦rḁ fahrt. Darauf beruht auch ihr ungemeiner Nutzungswert. Als Schwümmelen büschelweise unter die Brust gebunden, halten sie den Neuling im Schwimmen über Wasser. Halbwüchsig oder aber gefroren, in beiden Fällen also mü̦ü̦rb, liefern sie eine geschätzte Einstreu, und die Gemeinde Erlach löst alljährlich aus dem im Sommer versteigerten Schilfertrag von ihrem Strandgebiet am Häidenweeg e̥s Häidengält. Die ausgereiften Halme dagegen werden im ganzen Seeland mannigfach verwendet. Sie geben Treibbettdecken und Schilfwände ab; die letztern lassen sich zu außerordentlich zierlichen, dabei lustigen und luftigen und doch ziemlich wetterfesten Gabineetli zusammenstellen. In Verbindung mit Roggen- und Weizenstroh gibt das Schilf den Mischel ab, der die besten Strohdächer lieferte. Das Schilf 111 lieh diesen die Festigkeit, machte sie aber gern rutschen (z’rü̦tschen), wenn nicht die zum ni̦i̦derbin͜den dienenden buechigen Nestli (Ästchen, Zweige) und die stützenden buechigen Latten sehr geschickt angebracht waren.21

Gyger Ruedis, Gampelen

Einen interessanten Gesellschafter findet das schon an sich äußerst gesellige Schilfrohr am Rohrkolben, Typha latifolia und angustifolia: an der Chnospen (s. u.) oder dem Schleegel, Trummelschleegel, der im Stadium trockener, schwammiger Markentwicklung gelegentlich ebenfalls als Schwümmelen (S. 110) dient. Seine Blätter sind in zwei bis drei Windungen ’drääijt wi n en Strụụben, so daß sie den Wind in allen Richtungen aufzusaugen und zu brechen vermögen. Bei heftigen und plötzlichen Windstößen aber verlängert sich die Blattschraube, so daß auch der heftigste Sturm seine Kraft an die sinnreichen Gebilde verschwendet: är chann ’nen nụ̈ụ̈d machen, und die doch so massigen Blütenkolben (Bụ̈̆ßeli) kommen nie zu Fall.

Ist solch interessanter Selbstschutz ein Gegenstand scharfer Beobachtung, so sind dagegen die schwärzlichen Kolben Objekte des Kinderspiels. Auf die Feier des 1. August als Fackeln in Betrool ’tunkt, brennen sie stundenlang, und an Weihnachten in gleicher Weise entzündet auf Eisflächen gelegt, geben sie ein ebenso zauberhaftes («brillantes»), wie billiges Fụ̈ụ̈rweerk ab.

So sind Schilfrohr und Rohrkolben die flottisten Beherrscher des Strandes, aber auch noch mit ihren Leichen die wirksamsten Verlander. Sie liefern sogar eine eigene Torfart: den Schilftorf. Dieser kennzeichnet sich durch auffällig große Wurzelstöcke, die noch wenig zersetzt sind, und durch das mieschig, schwummig ụṣg’sehn. Damit ist der erste Übergang geschaffen zum «geformten» aus dem formlosen Torf. Der letztere besteht aus völlig zersetzten Tier- und Pflanzenresten, ist im Boden briilin͜d und sieht graulich aus. In der Luft dagegen wird er schwarz und hert wi dünni Mụụrstäinblatten, zerfällt jedoch bröcklig zu Tu̦u̦rbeng’wü̦ll oder -grü̦ll. Der Basttorf oder die Ha̦a̦rtụụrben, welche u. a. aus dem zierlichen Bụ̈̆ßeli: dem schmalblättrigen Wollgras (Eriphorum angustifolium), jenem Riedgras mit der seidenhaarigen Blütenhülle, besteht, gehört bereits zu den «geformten» Arten, welche gemeinsam als «Fasertorf» benannt werden. Ist hier Heidekraut der hauptsächlichste Gesellschafter, so hilft dem Büßeli neben Birken und Erlen das Sumpfmoos (Sphagnum) die Ịịsentu̦u̦rben oder den schweren, schwarzen Specktorf bilden. Dieses Sumpfmoos ist übrigens ein wichtiger Bildner von Hochmooren, wie z. B. zu Leuzigen.22

112 Dagegen wird die Mieschtu̦u̦rben, eine anderwärts vorkommende Fasertorfart, fast allein durch Laubmoose gebildet.

Eine vierte Hauptart des Fasertorfs, nämlich der Rasentorf oder die Wü̦ü̦rzlitu̦u̦rben (Radicellentorf), beschäftigt uns nun im folgenden vorzugsweise.

Unter diesem Rasentorf und über der Seekreide (S. 41) gibt es da und dort eine ungeformte Torfart, welche für sich eine dünne, leicht abreißbare Schicht bildet, wie ein hartes, rotbraunes und bald schwarz anlaufendes Käppchen über der Kreide sitzt und daher Chäppelitu̦u̦rben genannt wird.23 Die Untersuchung dieser Torfart zeigt neben Chitinskeletten (S. 104), Seerosen (S. 108), Sporen von Faarn (worunter das Wurmbulver als Sporen des Aspidium filix mas) usw. auch Reste von Schilf und besonders von Seggen, welche einen so wichtigen Bestandteil des Rasentorfs selber bilden. Am bekanntesten ist unter diesen das Dra̦htgras: die steife Segge (Carex stricta), deren außerordentlich zähes Wurzelgestrüpp den Boden fast unpflügbar macht. Ihre zahlreichen Ausläufer leisten aber auch den unsagbar wichtigen Dienst, daß sie den Flugsand der Dünen durchwachsen und festigen. Ebenso sind es hauptsächlich Seggen, welche aus dem Sumpf und aus den vom Vieh festgetretenen Weidewegen als Pöschen (s̆s̆) hervorstechen. Diese Pöschen, welche als winzige Inselchen aus dem Sumpf hervorragten und dem Moosjäger wie «von Fels zu Fels den Wagesprung zu tun» gestatteten, sind uns bereits S. 100 begegnet. Hie und da begründeten sie Flurnamen. So gibt es zu Nidau die großen Böschen und die Schafböschen, zu Ins die Böschere̥tten, zu Gampelen die Böschentäilen. Als Böschenrụ̈ter neckte man die Bewohner einer erlachischen Ortschaft.

Vollendete Verlandung hat zum Ergebnis das Flachmoor, ins Praktische übersetzt: die seeländische Streuewiese mit ihrem Bestand von Pfeifengras: Molinia coerulea (schwarzi Schmaalen, die vom Pferd sehr gern abgeweidet wird), von Wiesenschwengel (Festuca rubra fallax), Hundsstraußgras (Agrostis canina), feister Trespe (Bromus erectus) oder Bu̦u̦rst. Hart wie diese ist auch der zu den Chatzensti̦i̦len­rịi̦berli (in Kerzers als das Fä̆grụ̈ụ̈sch, s̆s̆) gebrauchte Schachtelhalm:24 Equisetum hiemale mit seinen kieselhaltigen Sommertrieben.

Unter den echten Gräsern figuriert das Timotee- oder Wiesenlieschgras (Phleum pratense). Nun bedeutet aber schon altdeutsches lisca25 sowohl Segge wie Binse, Schilf und Farnkraut; und auch das Liesch oder Lisch, 113 die Liesche oder Li̦schen (s̆s̆)26 ist ein wirres Durcheinander rauher Sumpf- und Flachmoorgewächse, die höchstens für Pferde und Schafe als Trockenfutter sich eignen. Gewöhnlich verwertet man sie als Einstreu, Sträüi, in bessern Sorten aber als Ersatz der Matratze. Die Füllung der letztern besteht ja ebenfalls zumeist aus Lischen, wenn diese auch als Seegras (Carex brizoides) in den als Vịper und Gräng d’Afe̥rịgg (crin d’Afrique) unterschiedenen Sorten vom Mittelmeerstrand herkommt. Bei hohem Wasserstand meterhoch gedeihend (und daher anderwärts als «Röhrli» mit dem Schilf in eins genommen), dient die Lische im Verein mit dem Bins (S. 109) zur Anfertigung von Türvorlagen durch geschickte Inser Frauenhände.

Studie von Anker

Eine ganze Reihe Flurnamen sehen aus, als deuteten sie auf einstiges Vorherrschen der Lische. Man denke an das Lü̦schḁch hinter der Mauerstaude (1537, 1688), das Brüttelen-Lü̦schḁch (1809), den Lüschḁchweeg und die Lüschiacheren, den «Acker in Leüschelz» (1795).

 
1 Sie stieg im Juni und im August 1862 auf dem Neuenburgersee bis auf 22½°, auf dem Murtensee während sieben Augusttagen 1861 auf 24, ja zweimal auf 25°. Der Zürichsee zeigte in 16 m Tiefe 11,6°, an der Oberfläche 22°. (Fr. Schr. 195.)   2 Wirklich zeigen in 1 l Wasser der Murtensee 0,224 g, der Bielersee 0,1665 g, und der Neuenburgersee 0,131 g gegenüber den blossen 0,00 des Thunersees, den 0,0865 des Genfersees usw. (Fr. Schr. 194.)   3 Toot steht prädikativ, tootnig attributiv.   4 Weltchronik 1912.   5 Fischer Auguste Faßnacht in Muntelier.   6 Vgl. Berner Intelligenzblatt.   7 Vgl. Prof. Dr. Fischer über die Seeblüte des Murtensees. 1906.   8 Fr. Schr. 28; Allg. Schwzrztg. 1896, 40; N. Zürch. Ztg. 1899, 273. 299.   9 Bei Schmeil 246 anhangsweise nach den Ulmengewächsen behandelt.   10 Schmeil 319.   11 Fr. Schr. 39.   12 Ebd.   13 Schmeil 13.   14 Ebd. 15.   15 Dieser neuere Gattungsname bedeutet sinnvoll den «Sumpfwächter» (to hélos: der Sumpf).   16 Dem scirp-us entsprach «der» pinuß, bineß, binß (Graff 3, 130; mhd. WB. l, 137). «Die» Bimeß. Binße, Binse (schwz. Id. 4, 1414 f.) wird singularisierte Mehrzahl sein.   17 Schön illustriert; Fr. Schr. 43.   18 Ebd. 42.   19 Jacc. 306.   20 Vgl. «simbel» = rund: Gw. 6.   21 Zimmermeister Hämmerli.   22 Fr. Schr. 585.   23 Ebd. 209.   24 Man merke also: Chatzenstiilen = Schachtelhalme, Chatzenwaadlen (in Gals) = Binßen (als Mehrzahl).   25 Graff 2, 281.   26 Schwz. Id. 3, 1459.  
 

III.

Der nämliche Mangel bedeutender Flußströmungen, der die Versumpfung des Seelandes begünstigte, hat also auch die Bildung mächtiger Torflager hervorgerufen. Beim Bau des Hagneckkanals durchschnitt man folgende Schichten:

Obendru̦ff Miesch (und zwar Torfmoos) in etwa 0,3 bis 0,5 m dicker Lage; dann schwummigi Tu̦u̦rben 0,3 bis 3,0 m; unter dieser Wü̦ü̦rzlitu̦u̦rben 1-2 m, zu unterst Ịịsentu̦u̦rben (Pechtorf) 1-2 m uf blaauem Lätt (S. 40).1 Dieser ruht auf Flötzsand. Der Rasentorf besteht hauptsächlich aus einem Gemisch von Segge, Schilf und Erle. Auch Birchenrin͜den ist fü̦rachoo̥n. Ab und zu begegnet ein Tannenstamm, und gegen die Tiefe zu fast reines Miesch, nämlich Astmoos (Hypnum).

Im Grissḁchmoos gibt es eine interessante, etwa 400 m breite Einfassung eines von Südwesten her streichenden Kanals. Da liegt über Sand, welcher Wasser führt, ein Torfmoorstück, wo un͜der den Füeß walpelet und auch nach wiederholter Auffüllung immer wieder sinkt. Die ½ m dicke Oberschicht zeigt einen roten Wurzeltorf aus Schilf, Astmoos, Segge und Schachtelhalm (Chatzensti̦ilen), Kerngewebe und Pollen von Seebinse usw. Die genannten Pflanzen nebst Seerosen bilden eine zweite Schicht von 1 m; dazu kommen Blütenstaub von Roo̥ttannen (Picea), Birke, Lin͜denbluestbạum oder Lin͜den (Tilia) usw. Eine folgende Schicht von 1 m zeigt einen grünlichblauen, krümeligen Lebertorf, der aus zahlreichen Algenkolonien (S. 106) bestand. Diese hatten sich in dem ursprünglich vom Bielersee abgeschnürten Teich («Seefenster») unter den Stengeln von Wasserrosen und Schilf oder Binsen geborgen. Aus dem durch sie gebildeten Lebertorf siedelten sich neben den Seerosen Seebinsen und eine Art Schachtelhalm an (Equisetum limosum). Mehr und mehr schwanden Seerosen und Seebinsen, und ein durch Astmoose innig verfilzter Bestand von Schilf, Seggen und Schachtelhalmen wob die schwimmende Decke, durch welche schließlich der Teich mit dem übrigen Moor auf gleiche Höhe gebracht wurde. Eine darüber gewachsene Decke von schwarzen Schmaalen (ein molinetum) wurde als Futter für Pferde und Galtvieh gemäht. Vielfach aber war sie durchsetzt mit Schwarzgeertig (Faulbaum als Rhamnus Fragula), Röhrli (Schilf), Schwengel (Festuca rubra fallax), Gänse-Fingerkraut (Potentilla anserina) usw. Die Masse wurde nicht selten im Winter durch dazu autorisierte und beaufsichtigte Kinder, die ja so gern 115 bụube̥llen, ab’brönnt, um auf diese alte primitive Weise der Boden z’mesten.2

Noch einige Proben aus unserer Nähe. Vom Schwarzgraben über das Schăbli (Chablais), über die Greeblidäilen, die groo̥ßen Däilen bis zu den vollen Däilen (s. u.) östlich der Landstraße nach Murten breiten sich große, im Herbst rötlich anlaufende Ebenen von schwarzen Schmalen (molinia). Das Gebiet von Müntschemier ist, gleich der Umgebung von Ins, aus der Einförmigkeit seiner Winterlandschaft herausgehoben durch die melancholisch fahlen, im Sommer aber strotzend grünen Grabenwächter: die halb haushohe Salix alba, den Fäälbạum.3 Die Wirtschaft zum Fäälbạum (à la Sauge) an der Broye zeigt, wie die Weißweide auch im Moorgebiet heimisch ist. Daß der Baum alle vier Jahre g’stü̦mmelet werden darf und damit einen großen Teil des Brennholzbedarfes deckt, verleiht ihm bei der wachsenden Holzfeuerung einen großen wirtschaftlichen Wert. Aus diesen, Grund, sowie zur Schonung des Waldes (s. d.) ordnete 1727 die Regierung allgemeine Fäälbäum-Anpflanzungen im Großen Moose an. Ebenso der Erlen und der Birchen. Bloße Zeugen einer fernen Vergangenheit sind dagegen die Äichen von 2 m Durchmesser am Wurzelstock und von 28 m³ Inhalt. Besonders solche Stücke nähern sich der Dauerhaftigkeit,4 von welcher aus S. 103 f. erzählt ist.

 
1 Schn. 79.   2 Fr. Schr. 573 f.   3 (Mhd. WB. 3, 213) val, valwer (vgl. Graff 3, 468) ist svw. bleich, entfärbt und urverwandt mit lat. pall-idus, gr. poliós (grau) usw. Neben nhd. fahl (Kluge 123) hat die Mundart die flektierte Form als falb (oberhaslisch falw, wie Mälw = Mehl usw.) generalisiert; ebenso die Entlehnung it. falbo, frz. fauve. Umgekehrt: geel = gelb   4 Schn. 205; Schwell 39; Stauff. 6.  
 

IV.

Zum Schluß noch eine Vergleichung zwischen der Pflanzenwelt des Großen Mooses, auf welche vor der Entsumpfung das Weidevieh angewiesen war, und derjenigen nach der Entsumpfung.

An Pflanzen ersterer Art zählt Dr. Schneider1 auf: Verschiedene Wolfsmilcharten, Sumpfläusekraut, Schaftelen verschiedener Arten, Wasserwegerist (Alisma Plantago), Buschwindröschen (Anemone nemorosa), verschiedene Hanenfüeß, Wasserschaftheu (Chara vulgaris), Wasserschierling (Cicuta virosa), Herbstzeitlose, Egelkraut (Drosera rotundifolia, S. 104, und longifolia), wilder Aurin (Gratiola officinalis), Wassernabelkraut (Hydrocotyle vulgaris), Taumellolch, Hundskohl (Mercurialis perennis), Myosotis scorpioides, Einbeere (Paris quadrifolia), Wassermerk (Sium latifolium), Seeschierling (Phellandrium aquaticum).

116 Ihnen stellen wir die folgenden zwei Auslesen charakteristischer Pflanzen2 gegenüber. Zunächst aus dem Torfmoor bi’m Birkenhof:

Die Orchidee Helleborine atropurpurea (Epipactis rubiginosa), dunkelrote Sumpfwurz. Reseda lutea, gelber Wau, wilder Residaat (-át). Das Nelkengewächs Silene angustifolia (inflata), gemeines Leimkraut, d’s Chlöpferli. Euphorbia Cyparissias, Cypressen-Wolfsmilch. Oenothera biennis, zweijährige Nachtkerze. Das Rosengewächs Rubus caesius, blaue Brombeere oder Steinbeere, der Tụụbenspi̦ck. Vicia Cracca, Vogelwicke, d’s Voogelhäü. Pirola rotundifolia, rundblättriges Wintergrün, en Art Buebenchru̦t. Das Ölbaumgewächs Ligustrum vulgare, Rainweide, Hartriegel, Dintenbeere, d’s Gäißbeeri. Convolvulus sepium, Zaunwinde, wị̆ßi Winden. Das rauhblättrige Symphytum officinale, Schwarzwurz, Wallwurz, Beinwell, Beinwurz, d’Waḷḷwü̦ü̦rzen; die Wurzel wird g’schabt und uf enes Lümpli ụụf’drückt, um Wunden (früher sogar Knochenbrüche!) zu heilen. Das ebenfalls rauhhaarige Echium vulgare, gemeiner Natterkopf, Bŏrätsch; gibt T’hee für d’Nieren z’butzen. Das Nachtschattengewächs Solanum Dulcamara, Bittersüß, Süeßbitterholz. Der Rachenblütler Rhinanthus crista galli (Alectorolophus minor), kleinerer Klappertopf, d’s wild Läüenmụ̈ụli. Die Geißblattgewächse Viburnum Opulus, Schneeball, di wildi Schneeballen, und Lonicera caprifolium als verwilderte Spielart. Valeriana officinalis, echter Baldrian, Katzenkraut, Tannmark, Tannenmaarg. Die Korbblütler Erigeron acer, scharfes Berufskraut und Centaurea Jacea, Wiesenflockenblume, der Pi̦mpernäll. Der Becherfrüchtler Quercus Robur, Stiel- oder Sommereiche, d’Äichen als kleiner Sämling. Humulus Lupulus, Hopfen, di wildi Hopfen. Die Spargelgewächse Asparagus officinalis, Spargel, di wildi Spaarglen, und Polygonatum officinale, Weißwurz, Salomonssiegel. Die Rispengräser Arrhenatherum elatius, Wiesenhafer, französisches Raygras («Franzosen-schmälen»);3 Bromus erectus, aufrechte Trespe; Agrestis canina, Hundsstrauß, «Fioringras»; Molinia coerulea, Besenried, die als Futtermittel gute schwarzi Schmaalen (S. 114). Die Riedgräser Carex flacca (glauca), schlaffe Segge, welche auf schlechte Futtergrasstelle deutet; Helcophylax (Scirpus) lacustris, Seeflechtbinse; eine Art Schwü̦mmelen (S. 110); Eriophorum angustifolium, schmalblättriges 117 Wollgras, Bụ̈̆ßeli (S. 111). Eine Art Orchis, Knabenkraut, Buebenchrụt. Die Schachtelhalme Equisetum hiemale, Schaftheu, Schaftelen und E. palustre, Sumpfschachtelhalm, Duwock, Chatzensti̦i̦l: eine giftige Pflanze, welche schon vielen Schafen und anderen Weidetieren den Tod gebracht hat.

Aus dem Strandgebiet bi’m Fäälbạum: Ranunculus Flammula, brennender Hahnenfuß. Wịßi und geelbi Wasserroosen (S. 108). Hypericum perforatum, Tüpfel-Hartheu, Johanischrut. Lythrum Salicaria, großer Weiderich. Schwümmelen (S. 110). Die den Rosengewächsen verwandte Potentilla reptans, kriechendes Fingerkraut, Feuffingerchrut; Rubus fruticosus, Brombeere, d’s Brombeeri auf erhöhten Stellen, die durch Blätterfall anderer Pflanzen entstanden sind und damit auf guten Boden deuten. (Vgl. Tụụbenspi̦ck S. 116.) Voogelhäü (S. 116). Der Lippenblütler Thymus Serpyllum, Quendel, Feldthymian, wịlder Bchölm. Plantago lanceolata, Spitzweegerich oder -weegerist, für Tee gegen Lungenschwindsucht fleißig gesammelt. Die Labkräuter oder Klebkräuter Galium palustre, verum und Mollugo werden alle als di Chlịịbe̥ren oder das Chlịịbe̥rli bezeichnet, weil die schwachen, aber in der Eintracht ihre Stärke findenden4 Stengel mit ihren zahlreichen kleinen rückwärts gerichteten, stachligen Nebenblättern überall Anhalt suchen und besonders lästig beim Häü zetten sich in der Gabel verwickeln. Namentlich G. Mollugo, das gemeine Labkraut, beherrscht in trockenen Sommern seine ganze Umgebung. Das sieht der Landwirt ungern, weil die Pflanze wegen ihres Geruchs und Geschmacks vom Vieh gemieden wird. Nicht umsonst ist das Labkraut ein Familiengenosse des Waldmeisters und des Krapps, aber auch des Kaffees und der Chinarinde.5 Im Strandboden verschlụ̈̆fft sich die Pflanze. Ferner: Tannenmaarg (S. 116). Senecio paludosus, Sumpfkreuzkraut. Pi̦mpernäḷḷ (S. 116) und Hieracium Pilosella, langhaariges Habichtkraut. Äichen (S. 103), auf ein Hügelchen gerettetes Pflänzchen. Birchen und Erlen sind als Zukunftswäldchen angelegt in der Voraussicht, daß sie Überschwemmungen von nicht allzu langer Dauer überstehen. Salix repens, kriechende Weide. Hopfen (S. 116), energisch um eine Erle geschlungen, deutet gleich dem Wachholder (S. 118) aus kalkhaltigen Boden. Rumex acetosella, kleiner Sauerampfer, der Sụụrimụụs. Lilium martagon, Türkenbundlilie. Spaarglen (S. 116), wohl von der unfernen Pflanzung hergeweht. Trummelschleegeḷ (S. 111). Gräser: Holcus lanatus, wolliges Honiggras, wegen seines Geruchs vom Vieh gemieden; ebenso Anthoxanthum 118 odoratum, Geruchgras, welche als Strandpflanze sehr auffällig fische̥llet (nach faulen Fischen riecht); Briza media, Zittergras, das Zitterli. Ein Dähli (kleines Föhrchen, Pinus silvestris) ist ertrunken, und ein Wachholderstrauch (Juniperus communis) kam als Leiche angeschwemmt. Der Wachholder heißt die Räckoḷteren, Räckeldoornen oder Haageldoornen. Er besetzt namentlich hinter dem Tannenhof eine Düne. Das Aroma verbrannter Zweige und «Beeren» schätzt jedermann, wenn es gilt, die Nase gegen eine allzu starke Unbill zu schützen. Und wer liebt nicht Räckolterbeeri im Sụụrchrụt? Diese Scheinbeeren, d. i. die unter sich verwachsenen drei obersten Fruchtblätter der Zäpfchen, welche in den Achseln der Nadeln sitzen, lassen sich aber bekanntlich nur alle zwei Jahre als genießbar pflücken. Die fleischige, schwarzbraune, blau bereifte Beere bleibt im ersten Jahr grün. Drum entledigte jener Inser sich eines einfältigen Mädchens, welches mit seiner Umwerbung nid het wellen lu̦ggla̦a̦n, endlich mit der Vertröstung: Ich nimmen dich denn, wenn denn d’Räckolterbeeri alli rị̆ff sịịn.6

 
1 Schn. G. 26.   2 Nach sachkundiger Auswahl durch Herrn Direktor Kellerhals in Witzwil und gütiger Bestimmung durch Herrn Prof. Dr. Fischer in Bern, dem wir auch die kritische Durchsicht dieses Verlandungskapitels aufs wärmste verdanken.   3 Lf. 75.   4 Schmeil 198.   5 Ebd. 199 f.   6 Die Hütte aus Wachholder als Schutz vor dem schwarzen Tod: Oberholzer, Thurgauer Sagen 86.  
 

Entsumpfungsversuche.

In der Moorbildung leistete die Natur ihr Mögliches, um die Stauwasser der übertretenden Flüsse und Seen durch ụụftröchnen mittelst Pflanzenwuchses an völliger Versumpfung zu hindern. Für sich allein aber het si dóch nid mögen g’fahren. Menschengeist und Menschenhand mußten von anderer Seite her eingreifen und müssen es immer noch tun, um der Versumpfung das positive Werk einer gründlichen Entsumpfung entgegenzusetzen.

Das taten denn auch schon die Römer, wenn gleich bloß im Dienst ihrer militärischen Verkehrszwecke. Um nämlich das große Pfahlwerk der durch das große Moos führenden Militärstraße (S. 82) vor Überschwemmung zu schützen,1 unternahmen sie den (1878 entdeckten) Anfang des Hagneckstollens oder -tunnels. Dieser verläuft eine Strecke weit annähernd in der Richtung des heutigen Hagneckdurchschnitts und weicht dann etwas westwärts vom Bieler See gegen das Moos hin ab. Er ist 1,6 - 2 m hoch. Die Breite mißt im Fuß 1,20 - 1,30 m, in dem bogenförmig abgerundeten Scheitel 0,80 m. Mehrere hundert Fuß tief in das Molassegebiet eingetrieben; und fast bis ans andere Ende des 119 Hügels fahrend, sollte dieser Römertunnel offenbar zunächst den für sich bestehenden seichten See des Epsach-Täuffelenmooses (S. 82) abgraben2 und damit die erwähnte Straße schützen. Den weitsichtigen Plan vereitelte jedoch die mangelnde Nivellierkunst: die Tunnelsohle beginnt volle 2 - 2,3 m über dem höchsten Wasserspiegel des Hagneckkanals.3 Es war daher kein Schaden, daß die Alemannen die Vollendung des Werkes störten und die Verschalung aus Lärchenholz fast ganz häin la̦n verfụụlen.

Erst aus der Zeit des kleinburgundischen Königreichs scheinen alemannische Vorkehren gegen Versumpfung aufzutauchen. Solche galten unter Rudolf I. von Strättlingen der Abwehr des Aaredurchbruchs unterhalb Worben und bei Studen, wo der Fluß gegen die Ruine von Petinesca hin wiederholt Gießen vorgetrieben hatte. Er wurde gezwungen, seine Vereinigung mit der Zihl wieder weiter unten zu suchen. So konnten die Abhänge von Jäiß (Jens) bereits bebaut werden, konnten im 11. Jahrhundert Neuenburger das Chablais (S. 74) beweiden, durfte 1091 der Lausanner Bischof Kuno von Oltingen sein Kloster St. Johannsen auf dessen Moorgrund abstellen, wagte 1338 der Neuenburger Graf Rudolf II. das Städtchen Nidau in den dortigen Sumpf hineinzubauen.4

Von da an vernehmen wir nichts mehr von Vorkehren gegen Versumpfung bis zum Jahr 1646. Da baute Bern seinen Aarbergerkanal. Der führte von Aarberg über Siselen und Müntschemier nach der Broye und mittelst dieser in den Neuenburgersee. Die Venner von Graffenried und Stürler wurden als dessen Directores bezeichnet.5 Es frägt sich allerdings, ob das «kleine Rom» diesen Nachfolger des Hagneckstollens nicht viel eher oder sogar bloß zu militärischen und zu Handelszwecken gebaut habe.

Wir lassen über das immerhin interessante Werk dem zeitgenössischen Aarberger Predikanten Forer das Wort.

Donnstag den 17. April 1845 ward von Meinen gnädigen Herren Räthen vnd Burgern zu Bern erkennt, von hinnen auß der Aaren durch das mooß hinauff In die Broy Einen Canal zmachen. Am 16. Mai 1645 ward der Canal angfangen, bey dessen graben mann vil mutwillens getriben. Sonderlich von der Herrschaft Burgdorf har. Im Hornung (Hoorner) 1646 ist die große Canal-Schleüße In der Äbischern Byfang zwüschen der Cappellen vnd Walpersweyler Straß, zu Endt deß Jänners angfangen, aufgmacht worden. Am Pfingstmontag 18. May 1646 gegen dry vhren (geegen den dreien) nach mittag hat Mr. Jacob 120 Emmenes, der Canal Zimmermeister,6 ein Holländer, allhier vnderthalb der oberen Brugg, deß Ersten mals von der Aaren das wasser durch die kleinere brütschen (Bri̦tschen) der halbschlüßen In Canal louffen laßen. Am 9. July 1646 hatt mann zum ersten mal Im Canal von der halben Schleüßen nechst bey der Aaren biß zur ganzen Schlüßen obenfür (oobenfü̦ü̦r, oberhalb) mit dem garn gvischet. Da mire (mier), dem Prädicanten vnd Scribenten, der allererst hecht darauß worden ist, so villicht (vĭ̦lĭ̦licht) etwas mehr alß anderthalbpfündig ist gwesen. Am 8. Augusti 1646, alß die Sonn begundte Zgnaden gahn,7 ließ obvermeldter Mr. Jacob Emmenes von der Aaren das Wasser deß Ersten mals zvollem (z’vollem, vollends) durch den Canal dem moß zuo louffen. Mittwochens den 12. Augusti hat der Thuner Hanß, ein Schiffman von Bern, vmb die halbe viere (äm halbi vieri) gegen dem Abend das erste mal ein halb Schiff (e̥s Schiff halb voll) mit Siben Zigen vnd einem lähren vaß geladen, vß ter Aaren In Canal gführt, dem Oberen See zu. (So heißt der Neuenburgersee im Gegensatze zum Bieler- als dem untern See.) Am 11. September 1648 hat man zErst mal ein Schiffeten mit Salz, von dreyßig vaßen, den Canal hinab allhar gebracht, vnd die Aaren hinauf nacher der neüwen Brügg gezogen, allwohin es aber erst am Sonntag Zmittag kommen, daß also hiedannen (von hiedännen) biß dort hin dritthalben tag verbrucht worden. Montag den 26. Oktober hatt mann angfangen die Erste Schiffeten mit Weyn von hier nahe der neüwen Brugg (Neubrügg) auf Bern zu ferggen, da mann aber est am Donnerstag (Donnstḁg) dar kommen.

Groß mag der Jubel über die Errungenschaft gewesen sein — aber o wetsch! Bereits nach zwei Jahren stellte sich das erste Verhängnis ein.

Am 10. Oktober 1648 Ist die Canal Brugck gegen Walperzwyl zuo vnfürsehentlich nidergesunken vnd hat der äneren (jenseitigen) Waagböümen einer ein schön roß ztodt gschlagen, was Christen Glaßers, deß Cronenwirts vnd Bürgermeisters zuo burgdorf, deßen Karrer auch schier wär druf gangen. (Dies dru̦ff ga̦a̦n klingt heute roh).

Studie von Anker

Am 3. November 1651 hat infolge der furchtbaren Wassergröße (S. 91) das Canalwerck mercklich übel glitten. Deß Canals schaden 122 ward über drü Tusent Cronen groß gschetzt, der Brüggen, Schlüßen vnd ynwürffen halb.

So rasch ist das Unternehmen fú̦tụ̈ụ̈ g’gangen. Noch deutet hie und da eine kleine Einsenkung, hin und wieder auch ein Stück Laden, womit der Karnaal ist ịịnta̦a̦n gsi̦i̦n, auf dessen erloschene Existenz. Sowohl eine derartige Verschalung, wie auch den scharffen Eggen zwischen Aarberg und Siselen vor der Wendung gegen Müntschemier nach der Mitte der untern Broye würde ein des Mooses kundiger «Zimmermeister» wohl vermieden haben.

Während des Baues rührten sich die Anstößer für Wahrung ihrer Lokalinteressen, wie aus den folgenden Verfügungen des Berner Rats vom 23. Juni 1646 hervorgeht: Demnach unser von Arberg in den Neüwburgersee gezogene und gemachte Canal nechst vor dem Dorff Müntschenmier derselben Gemeind und Pursame Erdterich und Mattland also berührt und angegriffen, daß vermittelst solchen Canals selbiges Erdterich verminderet und also ihnen denen von Müntschenmier umb so viel ein abgang verursachet, Sie aber dargegen vertröstet worden, daß solcher abgang Ihnen vermittelst anderen Erdterichs von gemeinem Mooß werde ersetzt werden, und nun Sie hierüber sich auch deß erbotten und dahin verbunden, daß Sie den nechst vor Ihrem Dorff ins Moos und Biß an Canal gehenden zur Endladung allerhand Sachen dienstlichen Steinweg (Stäinweeg) in Ihrem Costen in gutem wesen erhalten wellend, habend wir Ihnen von unserem Gemeinen Moos ein stück abmessen und abstecken lassen. Namblichen soll dieses anfachen änet dem Canal 250 schritt weit von demselben (um für dessen Erweiterung Raum zu behalten), und soll gegen Mittag und dem Ditschengraben sich 400 schritt in die Breite erstrecken. Die Länge von 1200 Schritt (gegen dem Inßmoos hin) brachte den Quadratinhalt aus 96-100 iucharten. Die weil aber die hindersäßen und Tagwner nicht in gleicher beschwärd der Fuhrungen halb sitzen, wie die Pauren, sollen die pauren (Bụụren) den halben Theill vorauß nemmen und dan am andern halben Theill ein jeder (en iederer), er seie paur oder tagwner, gleich viel haben. Das Heu ab dem Stück darf nicht verkauft werden, sondern ist so weit müglich auf die lächengüeter ze verwenden. Auf das gesammte Stück entfallen 10 Pfund rechts erkantnus und boden zinßes.8

Auch den Gemeinden Treiten, Finsterhennen, Lüscherz und Brüttelen machte der Canal unkomligkeit (Unchummligi). Daher erhielt Brüttelen 1647 ein ansehnliches Stück Moos: 1648 entfielen 123 an Treiten zirka 32 Jucharten gegen ein Pfund Bodenzins,9 an Finsterhennen 21 und an Lüscherz 18 Jucharten.10

Ein Flurstück zu Siselen trägt noch heute die Bezeichnung u̦ssert dem Karnaal.

Zu Anfang des 18. Jahrhunderts tauchte nochmals der Plan eines Kanals von Aarberg nach dem Murtensee auf, wurde jedoch wieder fahren gelassen:11 es het nụ̈ụ̈d drụs ’geen.

Das Maß aber, in welchem die Berner Regierung sich um die Moosentsumpfung als solche kümmerte, geht gleich aus einem Erlaß von 1652 hervor. Da wurde einfach von Beern ụụs bifohlen, den Grienkopf am Auslauf der Zihl aus dem Neuenburger See auszuheben und durch einen Graben d’Zihl z’greeden. Ebenso wurden 1674 klagende Orte am Bieler See kurzer Hand angewiesen, ’s Zihlbett z’rụụmen. Ein ernstlicherer Angriff vom 31. Mai 1680 auf die Grienchöpf zwischen Schwadernau und der Mühlischwelli z’Brügg, wozu die Regierung fünfzig aargauische Graber berief,12 mußte von den beteiligten Gemeinden bezahlt werden. Nidau und Erlach leisteten daran je 100 Kronen, Biel 61, Neuenstadt, Ligerz und Twann je 50, Lan͜deren und Grissḁch zusammen 50. Ebenso mußte der Pfarrer von Bürglen als Besitzer des Mühlenwerks zu Brügg auf seine Kosten die erwähnte Schwelle um 24 Chla̦fter la̦n chü̦ü̦rzer machen.13 Auch all dieses Geld ist nụmman zum Pfäister ụụs g’heit g’si̦i̦n.

Nun wurde doch am 7. Dezember 1702 die Korrektion der Zihl zwischen Brügg und Meyenried ins Auge gefaßt. Die Regierung bewilligte dafür 200 Thaler und beauftragte den Stücklieutnant Samuel Bodmer mit einem Plan und Grundriß. Ein solcher lag am 30. Mai 1704 vor und faßte ins Auge: einen neuen Durchbruch der Zihl bei Bürglen, und einen neuen Durchbruch von einer Aar zur andern, um vom Wirbel aus das Häftli (S. 87) abzuschneiden. Am 16. November 1704 aber sah ein größerer, für seine Zeit sogar ingeniöser Plan vor: einen geraden Durchbruch bei Bürglen, zwei Durchschnitte bei Gottstatt und einen großen Aaredurchschnitt bei Büren. Allein dieses Städtchen erhob energischen Protest, und der Rat beschloß am 8. November 1705: die Vergredung der Aare soll unterlassen werden14 (d’s vergreederen soll un͜der weegen blịịben).

Nachdem 1718 und 1721 die Aare zwischen Büren und Worben neue Verheerungen angerichtet und Orpund um Ableitung der Zihl 124 gebeten hatte, setzte Bern am 12. März 1721 eine fünfgliedrige Aaredirektion ein. Diese nahm am 10. November 1722 neue Klagen aus Dotzigen und Büetigen entgegen, bewerkstelligte ein paar Augenscheine, ließ einiges Grien räumen,15 und Geometer Reinhard het näüen soḷḷen en Plan machen. Nach dieser glorreichen Tätigkeit legte die Aaredirektion sich auf ihren Lorbeeren zur bleibenden Ruhe.

Eine Rückstauung der Zihl in den Bieler See zu Ende 1733 brachte zu wege, daß nach zehn Jahren (1743) durch Stephan Kocher in Büren ein neuer «Plan des Aaren-Runß von Arberg bis Büetigen-Einung in Grund gelegt» wurde.

Neue Verheerungen im Frühling 1749 veranlaßten den Rat zum Befehl an den Artilleriemajor und Feldzeugmeister Anton Tillier, er solle über das ganze Überschwemmungs­gebiet «ein Generalsystema mit dem Niveau aller Orte abfassen und vernünftige und alte Leute» (altni Lụ̈t) über ihre Meinung abfragen. Durch schlechte Instrumente irregeführt, fand der gelehrte Ratsherr das Gefälle Nidau-Meyenried fast dreimal so hoch wie 1704 Bodmer. So verwandelte sich dank der bis 1758 von ihm geleiteten Räumung der Schwelinen bei Brügg und der Kanalisierung des Mooses von Nidau bis Port, sowie des Nidauer Städtchens, dies letztere glücklich in ein kleines Venedig. Eine während der Arbeit eintretende, überaus große Überschwemmung legte wie zum Hohn dar, was für feuftụụsig Chronen geleistet worden sei.16 Zum Überfluß und Überdruß sangen bis in die letzten Achtzigerjahre die Nidauer Fröschen, welche neben Fischen die Kanäle belebten, ihre Loblieder auf die ihnen so sehr zusagende neue Heimat.

1760 berief die Regierung den Walliser de Rivaz zum Studium der neuen Notlage. Dieser Wasseringenieur dachte an eine Tieferlegung des Bieler Sees, verbunden mit einem neuen geraden Zihlbett vom Pfeidwald (bei Brügg) bis Schwadernau zwecks Umgehung der dortigen Grienköpfe. Seine Pläne wurden — durch wen? — hin͜derḁ p’hackt (unterschlagen) und vernichtet. Die nämlichen Vorschläge Mirani’s von 1771, vermehrt durch den Vorschlag, den Schuttkegel der Schütz bei Nidau abzutragen, blieben ebenfalls ungehört; desgleichen die Pläne von Werkmeister Hebler (1775) und Lanz (1780). Ein leidenschaftlicher Hauptrufer der Opposition war der Landschreiber Abraham Pagan in Nidau. (Näheres über ihn in «Twann».) Der setzte zwei Jahre nach der neuen Landesnot vom März 1776 (S. 91) es durch, daß unter seiner Leitung mit Hülfe großer schwerer Rechen einige Jahre 125 lang Grien aus dem Flußbett bei Brügg geschafft wurde, um die Mühli und Walki bei Brügg lahm zu legen. Kosten: 8015 Kronen. Natürlich ist auch das nụmmḁn den Mụ̈ụ̈s ’pfi̦ffen gsi̦i̦n.

Im großen Jahr 1789 griff Geometer Schumacher Bodmers Idee von neuem auf. Umsonst. 1801 wehrte unter der helvetischen Regierung immerhin ein gewaltiger Damm (Däntsch) das fürchterliche Hochwasser zu Meyenried einige Zeit ab, indes von den 44,000 Franken, die 1811 für Kiesaushub bei Brügg ausgegeben wurden, ein guter Teil in die Taschen des Unternehmers Böhlen floß.17

Als 1816 die ganze Gegend zwischen Entreroches und Solothurn wieder unter Wasser lag, häin si du̦ z’Bern eenen och in d’Hän͜d g’spöüt, für iez entligen öppis Rächts z’machen. Allein auch (und erst recht) die Restaurations­regierung ließ es bei einigen kleinen Arbeiten bewenden. Selbst die 1818 vorgelegten Pläne der Oberstleutnante Karl Koch und Tulla,18 welcher die Linthkorrektion projektiert hatte, von Professor Trächsel, sowie den Ingenieuren Oppikofer und Hauptmann erlebten die Schicksale der frühern großen Entwürfe. Ja, als 1823 nach einer neuen Überschwemmung ein seeländischer Abgeordneter in Bern eine Bittschrift überreichte, het mḁn e̥n aangschnạuzt: glạubet e̥r denn, di Lụ̈t da̦ eenen sigen ’s weert, dass mḁn söve̥l Gält für si geeb?19

So het mḁn geng uf d’s früschen d’Sach la̦n tscheederen. Es brauchte Einen, der durch fortwährendes stü̦pfen d’Lüt g’längwịịlet und an ’nen g’rangget het, bis si’s ni̦mmehr’ häin chönnen verranggen: bis sie endlich, um den unermüdlichen Dränger und Mahner nicht mehr hören zu müssen, d’s Wasser, wo ’nen anfangen in d’s Mụụl ịịchḁ g’lü̦ffen isch, sich erst vom Halse, dann von den Knien und schließlich aus den Schuhen schafften.

Die Not des Landes schrie nach einem Mann, der sie als seine Not auf seine Schultern lud, und der mit der ganzen Größe seines Herzens, dem hellen Lichte seines Verstandes und der selbstlosen Hoheit seines Willens ihre Hebung zu seinem Lebenswerke machte.

 
1 Mül. 248; Anz. N. 8, 39; 1875, 615.   2 Schn. 32.   3 La Nicca bei Schn. 205.   4 Schn. 35.   5 Schlaffb. 1, 145.   6 Man denke an das Grundverbum zu «Zimmer», welches z. B. gr. démain lautet und allgemein «bauen» bedeutet (Kluge 507.)   7 «Gnade» geht zurück auf idg. neth (neigen) und gelangte über den Begriff der Herablassung zu dem der Huld und Gunst. (Vgl. Kluge 177.)   8 Schlaffb. 1, 141; Urb. Mü. 47-49 (beides natürlich in Abschrift).   9 Schlaffb. 1, 145 f.   10 Ebd. 147-9.   11 Jahn KB. 11.   12 DMS. 26, 498.   13 Schn. 39.   14 Vortrag von Dr. J. H. Graf in Neuenstadt 1902.   15 Graf 3.   16 Schn. 70.   17 Sch. G. 5.   18 Schumacher 91 f.; Kal. Ank.   19 Sch. G. 6. (Inserisch.)  
 

Der Dokter Schniider.

(23. Okt. 1804 — 1880, Jan. 14.1 )

Der Dokter Hans Ruedi Schnịịder chunnt von Mäienried und isch döört uụf̣g’wachsen. Das Mäienried isch es Döörfli und es äigets 126 chlịịns Bụụren-G’mäinli zwüschen Gottstatt und Bụ̈ụ̈ren, und het och G’mäinschaft mit bee̥den. Z’Breedig gangen (oder solli) d’Lụ̈t uf Bụ̈ụ̈ren. Aber wil das es alts, berüehmts Stedtli isch mit fürnähmmen Lụ̈t drinn, schicken d’Mäienrieder ihri Un͜derwịịsiger (Katechumenen) mit den bụ̈ụ̈r’schen Chläider und Holzbööden lieber uf Gottstatt. Dört brụụchen si sich min͜der z’schinieren und fin͜den lieberi Bekanntschaft mit den Schụ̈ụ̈rer und Orpun͜der und Saafnerer.

Deenen von Safneren wohnen d’Mäienrieder greedi gegenüber, und d’Zi̦hl häin si zwüschen innen. Noch nid lang gäit en Flurbrügg d’rü̦ber. Aber zu Schnịịders Zịten het mḁn nummḁn mit Wäidligen chönnen zu n enan͜deren choo̥n, und das isch och flị̆ßig g’schee̥hn. Bsun͜ders z’Herbstzịten häin di jungen Bu̦u̦rsch enan͜deren Wịsịten g’macht für z’luegen, weelchi Öpfel und Bi̦i̦ren und Chi̦i̦rßen besser sịịgi. Da̦ het’s denn richtig nid chönnen fehlen, dass mḁn och probiert het, wélcher stercher: die us däm groo̥ße Dorf Safneren oder die us dem chlịịnen Dörfli Mäienried. D’Mäienrieder häin’s män’gisch gnueg müeßen g’spü̦ü̦ren, dass ihreren min͜der sịịgi und sịn verchlopfet und g’chnü̦tscht worten öppis grụ̈ụ̈sligs. Aber äinisch, wo n es dụ och gar z’strụụb ’gangen isch, häin d’Mäienrieder en Chriegslist ersinnet. A-nemen Daag, wo d’s Wasser ganz täüff isch gsi̦i̦n, fahren si uf ihrem Wäidlig gegen d’Safnerer zue. Die, nid fụụl, chöo̥men ’nen uf ihrer groo̥ßen Baarchchen etgeegen. D’Mäienrieder ruederen und ruederen drụf los geegen en Sandbank zue, wo nu̦mmḁn sie g’chennt häin. Döört häin si ihrers chlịịnen, liechten Fahrzụ̈ụ̈g hurtig us dem Wasser g’rissen und sich dḁrmit in menen G’stụ̈ụ̈d versteckt. D’Safnerer fahren richtig schön ŭ̦f der Sandbank ụụf und e̥bstecken (sie sin e̥bstochen) und häin nid g’wüßt, wo ụụs und wo̥raan. Jez d’Mäienrieder hai u̦f si mit Grien! Si häinlsó gründlich mit den Fi̦nden abg’rächnet, daß die sin froh g’si̦i̦n, ihrer Fründen z’weerten, und dass es na̦ch ’m Chrieg en längen Fri̦i̦den g’geeben het.

Dennzuma̦l het der Schnịịder Ruedi der Aanfüehrer g’macht — der Bụụrenbueb als Primus inter pares. Sin Vatter isch Säiler g’si̦i̦n und Wi̦i̦rt uf der Galeeren. (Das war die ehemalige Meienrieder Wirtschaft, das Stelldichein der Schiffleute und besonders der zum raselieren [s. im Band «Twann»] herangezogenen Mannschaft.) Där Vatter Schnịịder het ḁlsó gueti Säili (Seile) chönnen machen für d’Schiff aanz’bin͜den, dass ’nḁ d’Schifflüt von Bern häin wellen zúe ’nnen löo̥ken. Aber är hed g’säit: Nääi, ich gangen nid mit mịịnen drụ̈ụ̈ Mäitli an d’Matten ga̦n wohnen! (Hụ̈t döörft er iezen das ganz freeve̥li.) D’Mäienrieder häin ihm daas höo̥ch aang’rächnet und häin das g’schịịd Mannli zum G’richtssees g’macht.

127 Der Ruedi het glịịn (bald) la̦n merken, daß ’s us ihm och öppis rächts well geen. Aber was? Das Chin͜d ist von Sächsnen d’s Jüngsten gsiin, und d’Mueter — Anna Schluep von Rütti bi Bụ̈ụ̈ren — isch früsch gstoorbben. Dḁrfü̦ü̦r (en revanche) het sich d’s Meedi (Magdalena), di eltist Schwester, sịịneren mit abartiger Liebi aang’noo̥n. Drum isch der Ruedi och so n es fründlichs Buebli worten, wo sich gäng z’erst für di an͜deren g’wehrt het, göb für ihn sälber. Wo n er us der Schuel choo̥n isch und ’nḁ der Vatter uf Les Ponts in d’s Wältschen ta̦a̦n het, hed äär’s den Lụ̈t döört gar Donners2 guet chönnen. Wo n er achtendzwänz’g Ja̦hr spööter (1848) im Neuenburgerpụtsch döört hed müeßen ga̦n hälffen Oordnig machen und ämmel och bi Les Ponts vo̥rbii choo̥n isch, het ’nḁ d’Frạu Robert, sịn alti P’hänsionsmueter, uf der Stell ummḁ g’chennt und g’rüeft: Eh, miṇ Ggott, das isch ja̦ ụ̈ụ̈ser Ruedi!3

Daß där g’weckt Bueb ämmel afḁngen en gueti Schuel haan müeß, isch bi’m Vatter en ụụsg’machti Sach g’sịịn. En chlịịni g’mischti Schuel (kleine Gesamtschule) het Mäienried schon lang sälber. Aber der Ruedi het in d’Stadtschuel z’Büüren müeßen. «Sekundarschuel» het mḁn Anno̥ denn noch nid chönnen seegen. Es hed mäistens nu̦mmḁn äiner döört Schuel g’haan, wo hed Pfărrer g’studiert und noch käin Posten g’fun͜den. Üụ̈ser Schnịịder het äinenweeg dört vill g’lehrt; mi g’seht’s noch us Rächnigen und Ụụfsätz von der Zi̦t na̦a̦chḁ.

Aber daß der Bueb öppis Höo̥chers söll weerten, ist dḁrmit noch nid g’säit g’si̦i̦n. Der Vatter und d’s Meedi häin im Si̦i̦nn g’haan, en Beck us ihm z’machen. Das hätt ’nen ’s richtig chönnen, den Schifflüt zum Seewịịn och all Daag äigets früsches Broo̥t fü̦ü̦rḁ z’geen! Weeder (indes), der Vatter het sich doch du̦ an͜ders b’sinnt und der Bueb g’fra̦gt, was ihn dunki. «En Ttokter!» säit deer’.

128 Guet, der Vatter het mit e̥-nemen Abịtee̥gger z’Nidau g’akke̥rtiert und der Jung zúe n ihm ta̦a̦n, dass e̥r d’s dokteren lehri.4 Aber die zwöo̥ sịn schịịnt’s ụs enan͜deren choo̥n, und der Ruedi isch gḁn studieren an der Akademịị z’Beern. En Hochschuel het’s döört erst Anno̥ Vierendrị̆ßgi ’geen. Dḁrfüür sịn an der Akademịị gäng bloß öppḁ n um di füsz’g Medizinstudänten ummḁ g’si̦i̦n, fast alli us der Schwiz. Und ụ̈ụ̈ser Schnịịder Ruedi von Mäienried het grad alsó, wi en chläin spööter der Stämpfli Köbi von Schüpfen, ung’schiniert töörffen im geelben halblịịnigen Bụụrenchuttli dḁrhee̥r choo̥n und sich z’dü̦ü̦rchenwägg zụụchḁ la̦a̦n, wo öppis rächts isch z’luegen und z’loosen g’si̦i̦n.

So het der Schnịịder drụf los g’studiert, daß d’Schwaarten häin g’chrachet. Und zwar neben der Medizin och noch Geologịị bi’m Studer Beerni. Das isch ihm du̦ für sịns Korräkzionsweerch öppḁ komód g’nueg choo̥n!5 Dḁrbịị isch er en fröhlicher, heiterer Bu̦u̦rsch g’si̦i̦n und het als Zofinger alles mitg’macht, wo n ĭhm di mageren Batzen von da̦häimen erlạubt häin. — Schon Anno Vierendzwänzgi het er en guldigi Brịịsmedaljen überchoo̥n für n en Arbäit über d’s impfen. Aber du̦ isch er noch drụ̈ụ̈ Ja̦hr uf Berlin, uf Göttingen und uf Barịịs. Nachhee̥r het er z’Bern d’s Examen g’macht.

Du het er z’Nidạu d’Abitee̥g g’chạufft und sich döört mit acht Dublonen (zu Fr. 22.85) Wartgält nebe’m Doktor Locher und neben zwöo̥nen Gü̦tterlidökter ni̦i̦der gla̦a̦n. Da̦ het’s iez g’häißen, der Meeren (Mähre) in d’s Augen luegen! Gält het er e̥käins meh g’haan. Aber es isch ämmel ’gangen; d’Lụ̈t sịn zúe n ĭhm.

Und in witeren Kräisen het mḁn och n e̥s Augen uf ĭhn g’haan. Är isch Anno̥ Dreienddrị̆ßgi Groo̥ßra̦a̦t worten, und Anno̥ Achtenddrị̆ßgi isch er in d’Regierig choo̥n. Daas isch du̦ hingeegen (wahrlich) en großi Ee̥hr g’si̦i̦n fü̦ü̦r ĭhn! Aber äär hed’s schweer g’noo̥n und gar nid öppḁ begehrt, nu̦mmḁn z’fụụlhun͜den. Wi hed äär (1849) e̥-menen Fründ g’schri̦i̦ben? «Die Stelle eines Regierungsrats und Direktors des Innern ist eine fürchterliche Arbeitsanstalt.»

Und doch het där düechtig (höchst arbeitsame) Maan nebe sị’r strängen Beruefsarbäit und sịịnen Vatterpflichten (s. u.) och noch für an͜deri Sachen Zịt g’fun͜den und g’noo̥n. Jää, wenn äiner wi der Schnịịder Ruedi und wi der Bundesraat Schenk6 bis um Mitternacht schaffet und am Moorgen äm feufi schon ummḁ us den Feederen schlụ̈̆fft,7 denn mag n e̥s mäṇ’gs ’geeben’!

Torfmoos im Hochsommer

Gemalt von F. Brand

129 Der politisch Umschwung von Anno̥ Äinenddrị̆ßgi, wo ihn het an d’s Rueder g’stellt, ohni dass äär’s hed g’suecht g’haan, het dän jung Maan begrị̆fflich8 och starch hee̥ra gnoo̥n. Aber är ist bi allem en b’sunnener Maan ’bli̦i̦ben. «Freiheit mit Arbeit und mit gediegenem Fortschritt!» het’s bi n ihm g’häißen. Und da̦ draan het e̥r sich g’halten. Schwindler het er ĭhm (sich) zeechen Schritt vom Lịịb g’halten, aber ehrlichi Flüchtlingen wi der Mazzini9 und b’sun͜ders der Mathy10 hed är warm in Schutz g’noo̥n. Bee̥d Mannen si̦n g’hetzti Wild g’si̦i̦n, bis si sich äntlig häin chönnen seedlen in Gränchen, «diesem Ort ungefüger Dorfmenschen, deren Häuptling der allmächtige Badbesitzer Vater Girard war, einst selber ein heimatloser Flüchtling.» Dem Mathy het er Arbäit zue g’haan, wo n er het chönnen. Är het ihm g’hu̦lffen das Blatt gründen: «La jeune Suisse, die junge Schweiz, ein Blatt für Nationalität,» dụ̈̆tsch und französisch neben enan͜deren (en regard). Es isch vom 1. Häümoonḁt 1835 bis am 23. Häümoonḁt (Juli) 1836 gäng am Mi̦dwuchen und am Samstḁg z’Biel ụụsḁchoo̥n.11 Der Mathy isch d’Seel vom Blatt g’si̦i̦n. Är het ĭhm (sich) fast d’Fingeren voor ab gschri̦i̦ben, wo an͜deri dütschi Flüchtlingen sich als Vaganteng’schmäüs und Spionen zụụchḁ g’la̦a̦n häin. Von deenen het ’nḁ du äiner: der von Schmiel, der Hălúngg, der Polizei verra̦a̦ten. Da̦ isch där sịịn und hoo̥chgebildet Maan, wo du̦ spööter badischer Minister und di rächti Han͜d vom Großherzog worten isch, als Un͜dersuechungs­g’fangener in d’Hän͜d von menen Roschi choo̥n und en längi Zit in der Schwiz umma tri̦i̦ben worten.

Wi der Schnịịder sich söttignen Mannen hed aang’noo̥, so isch er och für di g’fangenen Freischeerler von 1845 ịịng’stan͜den. Aber vom Freischaarenzuug sälber, wo der Ochsenbäin im alten Stadthuus z’Nidạu het z’seementrummet, hed äär nụ̈ụ̈t wellen.

Dḁrfü̦ü̦r isch er für di inneren Angelägenhäiten i’n Strick g’hanget, so starch er het chönnen und mögen. Är het g’schri̦i̦ben und g’redt wegen der U̦u̦swanderig (1846-50) und für den Freihandel, het 1848 und 1851 (d’s sälb Ma̦l in London) di schwịzerischi Industrịị-Ụụsstellig g’läitet. 130 1856 het ihm der internazional Kongräß in Brüssel12 en Médalien verehret.

Aber denn (damals) isch er dụ schon lang nị-mme̥hr an der Regierig g’si̦i̦n. Wo’s Anno̥ Füfzgi umg’schlaagen het, isch der Schnịịder fü̦ü̦rig (überflüssig) worten. Als Berner häin si ’nḁ nụ̈ụ̈d meh chönnen brụụchen — aber du̦ als Äidgenoß wohl! Schon 1843 isch er nebe’m Neuhụụs von Biel an d’Tagsatzig choo̥n gsi̦i̦n, und 1848 het ’nḁ der Oberaargạu als Nazionalra̦a̦t g’wehlt. Da̦ het er du̦ für d’Entsumpfungs­weerch, wo mer denn noch äxtra (S. 134 ff.) dḁrvon wäin reeden, mit si’r ganzen Chraft chönnen in d’s G’schirrn li̦ggen.13

Und doch isch er du als zweuendsächzgjehriger Maan den Lüt döört och z’altner gsi̦i̦n. Es isch ihm in der chu̦u̦rzöötmigen Politik ’gangen wi an͜deren altnen Lụ̈̆t ooch: si häin ’nḁ un͜der d’s alt Ịịsen g’heit. Mi het ’nḁ 1866 i’n Nazionalra̦a̦t och nü̦mmen g’wehlt. Iez het er dụ der Groo̥ßra̦a̦t (das Mandat als Großratsmitglied) och grad ab’geeben. Aber en Maan, wo si̦’r Leebszị̆t d’s Schrịịbpult het lieber g’haan weder d’Rĕdnerbühni; en Maan, wo noch als höo̥chster n Äidgenoß (Tagsatzungs­präsident 1847) nụ̈ụ̈d hed g’chennt weder schaffen und schaffen; en Maan, däm d’s Vatterland alles und sịn P’härson nụ̈ụ̈t isch g’si̦i̦n: deer isch ohni Groll in d’s Privatleeben z’rugg, groo̥ß wi der Ruedolf von Erlach, wo sịns Schwärt bi Lạupen het ụụs’dienet g’haan.

Und für den Schnịịder het’s erst du rächt z’tüen ’geen! Am glịịchen Mittág, wo n er vernoo̥n het, är sịg als Regierungsra̦a̦t dḁrvón g’heit worten, hed äär an si’r Hụsdü̦ü̦r im ụsseren Bollwärk Nummero 263b14 im ersten Stock sịs Teefeli ụụsg’hänkt: Dr. J. R. Schneider, Arzt und Wundarzt. Sprechstunde: 1-2 Uhr. Und es het sich bịị n ĭhm erwahret: Wenn ä̆in Dü̦ü̦r zue gäit, so gäit en an͜deri ụụf. Är het z’tüen g’haan fü̦ü̦r und g’nueg. Alles het zu dem g’schickten und fründlichen alten Maan wellen. Und nid lang isch es ’gangen, so isch er Inseldokter (Arzt am Inselspital in Bern) worte. Das isch er drị̆ßg volli Jạhr lang ’blịịben, und dämm Amt hed äär Ja̦hr ụụs Ja̦hr ịịn der ganz g’schlaagen Daag g’widmet.

D’ Entsumpfung ist dennzuma̦l du̦ g’sicheret g’si̦i̦n: är het d’Chatz dürch den Bach g’schläikt g’haan. Är hed richtig g’mäint, är erleebi’s ni̦mme̥hr. Aber dier (ihr) vilicht! het er zu sịịnen Chin͜d g’säit. Und iez? Wi von me̥nen Beerg aachḁ het er sịns Leebensweerch chönnen überluegen von denen Unglücksja̦hr aan, wo über sins Mäienried iin’brochen 131 sịin. Är het sich z’ru̦ggb’sinnt an Anno̥ Sächszechni (S. 91) und erst rächt an d’s Achtendzwänzgi, wo d’s Wasser z’mitts in der Nacht den brav ält Wü̦ü̦rzengreeber Toni bi’m schwellen het furtg’rissen. Da̦ het er g’schwooren, käin rüejigi Stun͜d meh z’haan, bis das Uug’hụ̈ụ̈r der mönschlichen Macht mües folgen.15 Und si̦i̦der het er als rächten Berner nid lu̦gg g’la̦a̦n, bis d’s Werk ämmel in der Hạuptsach isch fertig g’si̦i̦n. So het er den Übernamen «Sumpfschnịịder», wo n ĭhm der Nassauer Fürspräch und Profässer Snell aang’hänkt het,16 mit Ee̥hren ụụfg’leesen und ’träit.

Je̥z het es sich für den rị̆ff alt Maan noch um enen Sumpf in an͜derem Si̦i̦nn g’handlet. D’Insel (der Inselspital) het schon denn gäng und ggäng z’weenig Platz g’haan. Aber der Schnịịder het g’wüßt, wie machen. Wenn so n en armer Tụ̈ụ̈fel sü̦sch och gar nienen isch aanchoo̥n (nirgends Unterkunft fand), so het sich noch der Papa Schnịịder sịịner erbarmet. Wenn äiner am steerbben g’sin isch und sich d’Inseltü̦ü̦r voor ĭhm zueta̦a̦n het, so het der Schnịịder g’luegt, ob äär öppḁ noch in sị́’r Abtäilig chönn un͜derḁ schlụ̈̆ffen. Käin Müej isch ĭhm z’vill g’si̦i̦n und käin verdrü̦ssigi Sach en z’wi̦i̦deri Sach. Ihm isch es aber och zum groo̥ßen Däil z’verdanken, daß d’Zahl von den Inselbett zwüschen 1831 und 1900 von 115 uf 387 g’sti̦i̦gen isch, und 1870 in der kantonalen Nootfallstu̦u̦ben uf 245.

Anno̥ n Achtzähhundert­nụ̈ụ̈nendfüfzg häin si der Schnịịder zum Presidänt von der medizinisch-chirurgischen G’sellschaft von Bern g’macht. Da̦ het er en iederi Sitzig mit e̥-me̥nen Vortrag ịịngläitet, wo n er flị̆ßig het g’studiert g’haan. Zum Bịịspi̦i̦l über die Chrankhäit von den Zünthölzliarbäiter in Frutigen (die Phosphornekrose). Dḁrbịị het er och chönne schaarffi Witzen machen. 1863 häin im Großen Ra̦a̦t e̥s baar (einige) g’suecht dü̦rḁz’drücken, dass mḁn d’s dokteren frei geebi. Da het der Schnịịder g’schri̦i̦ben: He nu, so machet’s, wenn nu̦mmḁn d’Schwindler g’str̦a̦aft chöo̥men!17 Aber wenn der wäit d’«Naturärzt» mit den padentierten Dökter glịịch stellen, so machet denn och, dass es Naturfürsprächen gibt, und Naturpfarrer, und Naturoberrichter und Naturkommandanten.

Aber wi hätt och n en söttiger (solcher) Maan deenweeg (so) chönnen für ihrer Sächs schaffen, wenn äär nid sit dem achtendzwänzgisten 132 Ja̦hr en söttigi Stützi an si’r Frạu g’han hätt! Lucie Marie Dunand häißt si. Ihrḁ Vatter isch us dem Gänferbiet g’sịịn, aber un͜der dem (ersten) Napolion als Konscribierter dürch Ängländer z’Hamburg (wi mḁn säit) uusg’schiffet worten. Von dört häin ’nḁ sini Wanderungen uf Schŏpfoo (Chaux-de-Fonds) g’füehrt. Da̦ hed äär es schöns Uhreng’schäft ’gründet und isch en rịịchen Maan worten. Aber bi allem het är öppis Feisters b’halten und ist en sträng konservativer Royalist g’si̦i̦n, wo sich erst spa̦a̦t mit sị’m Tochtermaan verständiget het. Dḁrfü̦ü̦r ist di Lụ̈ssịị es heerzigs Frạueli gsi̦i̦n, und ihri Seel en täüffen, täüffen See̥, wo der Maan tụụsig und tụụsig Sorgen und Verdruß drinn het chönnen versänken. Und nid nụmmḁn daas: si het ihrers ganz schön18 Wịịberguet dem Maan für sins groß Leebensweerk g’opferet. Und was nid in denen Sü̦mft (Sümpfen) vom Seeland verlochet worden isch, für daß di iezige Moosbesitzer ’s tụụsigfach umma̦ chönnen uusḁgraaben, das het di Schwindeldiräktion19 von der Owétschbahn g’frässen, wo 1857 als «Ostwestbahn» ist g’gründet worten. Der Schniider isch eeben 1859 Verwaltungsra̦a̦ts­bresidänt worten und het sich dḁrmit das Kumplimänt von menen Fründ erworben: Mi mues di̦i̦ch drụ̈ụ̈ Ma̦a̦l b’schị̆ssen, göb dẹ n äinist ụụfhöörst, e̥-menen Mönsch z’fast z’trạuen!

Aber das alles het der bodenlosen Liebi und Treui von dér Frạu nụ̈ụ̈d g’schadt. Si ist nu̦mmḁn um so inniger mit ihrer Familie z’seemengwachsen: ihrem Maan und si’r gäisteschranken Schwester, und ihrnen Chin͜d: zwöo̥ Söhn und si̦i̦ben Döchteren. Von «Frạu Regierungsra̦a̦t» und settigen T’hitlen het si nu̦mman gar nụ̈ụ̈t mögen g’chöören; si het nụ̈ụ̈d begehrt z’sịịn weder en tụ̈tschi Stauffacheren und en römischi Cornelia.

Si het dem Werk von ihrem Maan neben ihrem Gält och noch ihri G’sundhäit g’opferet. Der Su̦mft het eren Skorbut bbra̦a̦cht, und dürch d’Aanstrengig von ihrnen Augen het si an Netzhụtablöösig ’glitten feuf Ja̦hr, bis si 1889 g’stoorbben isch.

Ihri letsti gueti Zit het si noch an d’Pfleeg vorn Maan g’wändet, wo infolg von sinen Aansträngigen an͜derthalbs Ja̦hr isch un͜derliibschrank gsịịn. Sächsenddrị̆ßg Wuchen het mḁn ihm g’wachet, und drei Wuchen lang het er dụ noch ịịrr g’redt. Der Dokter Dättwyler, sịn Dochtermaan, Assistänt und Nachfolger, und der Theodor Kocher von Bụ̈ụ̈ren, iez där berüehmt Chirurgii-Profässer, na̦ch däm di alti Inselgaß 133 z’Bern der neu Namen Theodor Kocher-Gasse träit, häi ’nḁ g’hulffen pflegen. Und är het albḁ in sinen Schmeerzen g’säit: O, ich bin so z’fri̦i̦den mit ’nen! sịn sie’s ächt mit mier ooch?

Aber so lang er noch n e̥s Gli̦i̦d het chönnen rüehren, het er sich z’seemengnoo̥n und isch ụụf ga̦n schaffen. Es isch ĭhm noch äins am Heerzen g’leegen: d’G’schicht von der Entsumpfung, daß si denn spööter nid schlächt darg’stellt weerti. Är het sịner Notizen und sịner Lesefrücht, wo n er si̦t sị’r Juget mit erstụụnlichem Flịịß g’sammlet und wunderbar schön g’oordnet g’han het, erleesen und het sinen Döchteren «das Seeland der Westschweiz» diktiert, wo mier hie so vill zitieren. Dḁrna̦a̦ch het er am G’schri̦i̦bnen g’fielet und g’fielet, bis dass es das wunderbar tiefgründig und gedankenriich Weerk worten isch.

Es ist d’s Testamänt von menen Maan, von däm mit Rächt und schön g’säit worten ist: Schicksalsschläge haben ihn getroffen, aber nicht gebeugt; sein Herz blieb allezeit voll Ideale.

Am siibenzeechenten Jäner 1880 het mḁn ’nḁ us dem Hụụs an der Spitalgaß 40, wo n er die letsten paar Moonḁt gwohnt isch, ụụsḁ’träit. D’Lịịcht (die Leichenfeier) ist grụ̈ụ̈slig en äinfachi g’si̦i̦n, undr äinfach Grabstäin redt bloß vom «gewesenen Inselarzt». Dḁrfü̦ü̦r häin d’G’mäinden vom Seeland «den Rettern aus großer Not» dürch di Bildhauer Lanz, Laurenti und Bocchetti un͜der den Bäüm uf dem Inseli z’Nidau es würdig äinfachs Dänkma̦a̦l g’setzt und am 18. Wịịnmonḁt 1908 un͜der groo̥ßer Betäiligung vom Seeländervolch bis ụụchḁ zum Bundesra̦a̦t Müller von Nidau ịịng’weiht. En Spitzsụ̈ụ̈len us wị̆ßgraauem Jurachalch, meh weder feuf Meter höo̥ch, zäigt dem Schnịịder sịn fịịn und schaarff g’schnitt’nen Chopf mit dem leebenswarmen Uusdruck und den dürchgäistigeten Zü̦ü̦g von sị’m G’sicht mit der Naasen, wo so etschlossen vorspringt und den Augen, wo so äigen lächlen. Un͜der Schniiders Bild ist d’s Halbrelief vom La Nicca (S. 135) in Stäin ịịngla̦a̦n. Der Sockel isch g’schmückt mit Wasserroo̥sen, Bịms (Binsen) und Röhrli (Schilf) und «ein alter, behäbiger Frosch sitzt vergnüglich auf einem großen Seerosenblatt».20

Am Gibelfäld vom Lin͜denhof, wo der Notar Wyß z’Lyß (s. u.) als Musterguet in en versumpfti Wildnis bi Woorben het ịịchḁ gstellt, dö̆rt stan͜den di Wort über e̥-menen sinnvollen Doppelbild vom Gehri: Der Lindenhof ist eine Frucht der Seelandsentsumpfung, ein Denkmal zu Ehren des Patrioten Dr. Joh. Rud. Schneider und aller übrigen Männer, die an dem großen Werke gearbeitet haben.

 
1 Vgl. BB. V, 241-253: Biographie von Dr. Bähler.   2 Nicht mehr als Fluch empfunden.   3 Eh, grand Dieu, c’est notre Ruedi!   4 Bähl. 10 f.   5 Schn. 4.   6 Nach der Biographie von Dr. Kummer.   7 Bemerke: schlụ̈̆ffen, g’schloffen oder g’schlü̦ffen.   8 Bemerke: (be-)grị̆ffen, (be-)grị̆fflich, aber: der Begri̦i̦f.   9 Der 1808-72 lebende Rechtsgelehrte Giuseppe Mazzini von Genua, Verfasser von «Glaube und Zukunft». Nach Vereitelung der Grenchener Generalversammlung eines etwa dreihundertköpfigen Geheimbundes, der als «das junge Deutschland» von der Schweiz aus das deutsche Volk «von seinen fürstlichen Erdengöttern befreien» wollte, ward Mazzini mit andern fremden Flüchtlingen gefangen und ausgewiesen und der als «Robert» zubenannte Gymnasiallehrer Ernst Schüler von Bern, Leiter des Zentralausschusses, verhaftet und entsetzt. Till. F. 1, 840 ff.   10 Karl Friedrich Wilhelm Mathy (burgundisch statt Mato) lebte 1807-68; vgl. seine Biographie von Gustav Freytag (Leipzig, 1870).   11 Ein Bogen in größtem Format.   12 Congrès international des réformes donanières am 22. bis 24. September.   13 Wie das alle Kräfte aufbietende Roß.   14 Heute Nr. 23.   15 Der Bieler Maler August Kunz nahm dieses Ereignis zum Ausgangspunkt für sein Festspiel zur Verherrlichung des Schneiderschen Entsumpfungswerks, dessen fünfmalige Aufführung in vollbesetzter Festhütte dem Schützenfest in Büren vom Sommer 1910 ein einzigartiges Gepräge verlieh.   16 Bähl. 22; Lg. 112.   17 Mit «kommen» (wie it. venire) konstruiert man das Passiv in Vinelz, teilweise im Laupen-Amt, und in Guggisberg. Vgl. «Twann».   18 Sogar mit unbestimmtem Artikel sagte der Inser: es guet Wiibervolch; es neu Dach; es alt Huus; es donnerwätter es toll Huus; es voll Faß u. dgl. Vgl. das unflektierte Adjektiv im alten Deutschen, wie es im heutigen Englischen ausschließlich gilt.   19 Bähl. 81 f.   20 Aus dem hübschen Aufsätzchen einer Schülerin des Sekundarlehrers Christian Marti in Nidau, welcher dort 1910 gestorben ist.  
 

 

Die Juragewässerkorrektion.

Hier, wo ihr steht, war Sumpf. Ihr, Enkel, dankt es den Vätern,
Daß sie die Gegend des Fluchs schufen in Segen euch um.1

I.

In dem ereignisreichen Umschwungsjahr Äinendrị̆ß’g (1831) gründeten einige Männer des Amtes Nidau nach Schnellschem Muster2 den dortigen Schutzverein zur Wahrung der Volksrechte. Als nun aber im nämlichen Jahr der 1824 erstellte Schụ̈ụ̈ßkanal zwischen Mett und Bielersee, welcher Biels Umgebung vor den Ablagerungen des Flusses sichern sollte, sich durch die neue Überschwemmung als jämmerliches Stückwerk erwies, da erklärte der Handelsmann Gabriel Schmalz: Sicherer Grund und Bbooden isch ụ̈ụ̈ses érst Rächt!

Das het ’zogen. Der Schutzverein gestaltete sich um zur Entsumpfungs­kumission und stellte sich unter die Führung Dr. Schneiders. Der entfaltete sofort eine lebhafte Tätigkeit. Er erwirkte sich am 27. Februar 1833 die sehr verbindlich gehaltene Zustimmung der Berner Regierung und versicherte sich der Mithülfe von Männern wie Dr. Anker in Ins und Amtsschreiber Bühler in Erlach, Amtsrichter Stauffer in Gampelen, Tierarzt Huber in Büren. Trotz einem sehr stürmischen Wetter versammelten sich am 13. März 1833 in Murten bei 120 Personen, darunter 4 von der Regierig und 3 Groo̥ßrööt.

Zündend wirkten hierauf Zschokkes «Schweizerbote» vom 2. Mai 1833, Schneiders in diesem Buch so oft zitierte «Gespräche» von 1833, und die S. 129 besprochene «Junge Schweiz», welcher neben Schneider auch Männer wie Louis Grosjean, Ernst Schüler und Neuhaus in Biel, Landammḁn Funk in Nidau, Weingart, Hubler, Ochsenbein zu Gevatter stunden.

Die neue Überschwemmung vom Januar 1834 rief den Versammlungen vom 19. Oktober in Murten und vom 26. Oktober in Aarberg. Da ließ man durch den Wasserbaumeister Lelewel Tullas Plan erneuern, durch möglichste Trennung von Aare und Zihl die Zurückstauung der letztern gegen die Seen zu verhüten. Der Plan wurde zwar nicht ausgeführt; er hat aber doch mit seinem Weitblick und seiner Großzügigkeit jeden fernern Gedanken an ungenügende Lokalkorrektionen3 aus dem Felde geschlagen und dem genialen Projekt La Nicca, die Aare in den Bielersee abzuleiten, zu dessen schließlicher Durchführung die Wege geebnet.

 
1 Von Riva, bei Schn. 71.   2 Till. F. 1, 344.   3 Schn. 66.  
 

II.

Richard La Nicca (16. August 1794 - 1883, 21. August)1 ist der Spross eines bereits 1367 zu Chur eingebürgerten und dann auch auf dem Heinzenberg heimischen Geschlechts Marugg.2 1383 erscheint zu Chur ein Hans Marugg, genannt Nick. Der Zuname, welcher aus Nicolaus gekürzt ist und rätisch Nicca lautet, wird als ursprünglicher Geschlechtsname der Ehefrau zu deuten sein. Als solcher mit «La» behaftet3 (wie auch wir z. B. die Fäisli, die Fäislinḁ sagen), verblieb der Name dem sich abzweigenden und selbständig werdenden Geschlecht La Nicca4 oder einfach Nicca. Aus den stillen und bescheidenen Leutchen erwuchsen dem Bündnerland eine Reihe Pfarrer. Als solcher diente auf verschiedenen Pfründen auch der Vater des seinen, intelligenten, willensfesten, aber durch den längen Stäck seines Dorfschulmeisters in Entsetzen gejagten Richard. Der Vater gab daher seinen sechsjährigen Eltisten nach Masein, wo derselbe in kurzer Zeit vom Un͜deristen der Oberist worden isch, und den Fünfzehnjährigen in die Kantonsschule Chur, wo er anfänglich mit seinem altväterischen Zopf («die Zü̦pfen», die Trü̦tschen) auf den blühend blonden Locken (Chrụụslen) die Spottsucht herausforderte. Zwischen beiden Schulzeiten stählte er seinen Mut in der Überwindung schroffer Felsen und gefährlicher Hochwasser des Rheins. Auf solch schreckhaften Wegen suchte und erlangte er später, nachdem er in Italien ein Schweizerregiment geführt und seine in Tübingen erlangten mathematischen Kenntnisse durch das Studium oberitalienischer Tiefbauwerke vertieft hatte, die reiche und feine Oberstentochter Ursula Fischer. Zur Hochzeit knatterten die Minen im «verlornen Loch» der eben von ihm gebauten Viamalastraße. Nach bloß zweijährigem Eheglück studierte er weiter in München und wurde darauf Oberinschinöör des Kantons Graubünden. Indes seine neue Ehefrau, Cäcilie Hösli († 1854), des schönen Heims zu St. Margareten bei Chur waltete und jede Heimkehr des Mannes und Vaters zu einem Fest machte, betätigte nun La Nicca seine allerorten überlegene Kraft im Osten 136 und Westen der Schweiz. Nachdem er dieselbe 1840 in seinem neuen Plan zum Linthwerk glänzend erprobt, anerbot ihm (am 12. September 1840) die Vorbereitungs­gesellschaft der Jura­gewässer­korrektion deren Oberleitung. Er nahm sie am 6. Oktober an und arbeitete, obwohl viele schwierige, aber ehrenvolle Aufgaben dazwischen fielen, in an͜derthalb Ja̦hr sein geniales Projekt (s. u.) aus. Bundesrat Schenks und Dr. Schneiders «beinahe kindliche Freude» über Anerkennungen wie die der Obersten Fraisse und Dufour (des nachmaligen Generals) entschädigten den feinfühligen Mann für die nun wie Wurfgeschosse gegen ihn geschleuderten Bemängelungen hämischer und unberufener Kritiker.

Berufungen selbst aus Deutschland ablehnend, hat La Nicca sich bis 1882 der Oberleitung der Juragewässer­korrektion gewidmet und als 87jähriger Greis durch die schlicht sachliche Beschreibung dieses Werkes5 unbewußt und ungewollt sich selber ein Denkmal aufgerichtet. Bis ans Ende geistig klar, stets ohni Spiegel lesend, außer in der schweren Erkrankung nach dem Tode seiner zweiten Frau nie das Bett hütend, überschritt er die Schwelle des neunzigsten Jahres. Am letzten Lebensabend ließ der große Mathematiker und Techniker sich Lavaters «Herr der Tage und der Nächte» vorlesen, tat einen ruhigen Schlaf, überstand einen kurzen Beengungsanfall und starb.

 
1 Über sein «Leben und Wirken» schrieb seine Tochter. Frau Bänziger, an der Hand nachgelassener Papiere ein schönes Buch (Davos, 1896)   2 Nach Muoth, Über bündnerische Geschlechtsnamen I, 23. Erwahrt sich die von Muoth bestrittene, aber von La Niccas Tochter behauptete czechische Herkunst des Geschlechts, so könnte dieses durch die Gegenreformation, welche mit dem dreißigjährigen Krieg anhob, zur Auswanderung nach dem reformierten Bündnerland getrieben worden sein. (Prof. Dr. Bähler, Pfarrer in Thierachern.)   3 Vgl. Lamartine, La Rochefoucauld, Lafayette, La Fotaine, La Harpe, La Bruyère, La Marmora usw.   4 Wie leicht das vor der streng polizeilichen Zivilstandsordnung möglich war, zeigen die noch in sie hinein reichenden oberländischen Geschlechts­erteilungen nach der Mutter. (Z. B. oberhaslisch Egger statt Gertsch.)   5 Schn. 175-208.  
 

III.

Das 1842 von La Nicca aufgestellte, aber wegen ungünstiger Aufnahme durch die nichtbernischen Kantone wieder fallen gelassene Projekt1 wollte die ganze Talebene von Entreroches und von Peterlingen bis Solothurn vor Überschwemmung sichern, entsumpfen, kultivieren und mittelst einer Wasserstraße dem Verkehr erschließen. Unter Schneiders Mitwirkung wurde dann der vereinfachte Plan entworfen, die drei Juraseen z’vertäüffen (tiefer zu legen) und d’Aar i’n Bieler See z’läiten, die mittleri und un͜deri Zi̦hl, sowie die Brue̥ijen zu kanalisieren.

Glücklicherweise fand dann das endlich angenommene Projekt verständnisvolle Ausführung durch den eidgenössischen Oberbauinspektor von Salis, den Oberinschinöör Gustav Bridel von Biel (1826 bis 1884) und dessen Nachfolger Karl von Graffenried. Diesem blieb namentlich die Erstellung des Hagneckkanals vorbehalten, mittelst dessen die Aare von der Rappenflue (zwischen Radelfingen und Aarberg) nach dem Hagni (zwischen Lüscherz und Täuffelen) und über das Strandgebiet des Bielersees hinaus in diesen hinein geleitet wurde. Fast in mene Senkel (rechten Winkel) empfängt der See in der Mitte seiner Nordostflanke an der Stelle seiner größten Breite den Aanpụtsch des 7300 m langen, an der Sohle 60 m breiten und um 1,4 ‰ fallenden Kanals, der im 900 m langen Hagneckdurchstich das 137 Gefäll auf 3,75 ‰ erhöht und die Sohle auf 36 m verengt.2 Diesem kleinen See mit bloß 42,2 km² Oberfläche, der obendrein mit einer Spiegelschwankung3 bis zu vollen 2,83 m diejenige des Neuenburgersees buchstäblich auf die Dezimalwaage setzt (S. 88), einen solchen Wasserschwall zuzusenden! Da̦ mues er ja̦ ü̆berg’heijen wi di chochchigi Milch us der Pfannen! So und anders höhnten die Gegner (S. 138) La Niccas. Der Mann aber wußte es besser, und vor ihm schon viele Fachgenossen. Hatten nicht bereits alte Berner die Lütschine im Brienzersee, die Kander im Thunersee, die Linth im Wallenstattersee «lahm und zahm gemacht»? Hatte nicht unterhalb des letztern vor 1783 die wilde Maag (der «Mattenbach») sich verheerend in die Linth ergossen,4 um als «Linth-Maag», Lindmag,5 Limmat, badnerisch Limmig,6 dem Zürchersee zu entfließen? Da planierte der bescheidene und tüchtige Berner Geometer Hauptmann Andreas Lanz von Rohrbach (1740 bis 1803)7 das Linthwerk in der Gestalt, wie der herrliche Eidgenosse Hans Konrad Escher von der Linth unter unzähligen Hemmnissen es bis zu seinem Tod (9. März 1823) durchführte, und wie es 1828 glücklich vollendet wurde. Auch La Nicca hatte dem Werk zwanzig Höhenjahre seines Lebens gewidmet. Um so näher lag es ihm, die schon von Tulla, 1816 von Oberst Karl Koch und in anderer Weise von Mathey projektierte Ableitung der Aare in den Bielersee im Hagneckkanal zu verwirklichen. Längst kannten ja Wasserbaukundige die «Retentionskraft» der Moore, Gletscher und Seen, d. i. deren Vermögen, in großem Ausmaß ’s Wasser z’bhalten. Und zwar ist diese Kraft bei dem kleinen Bielersee mit Hilfe des durch den Zihlkanal mit ihm verbundenen Neuenburgersees so groß, daß er die höchstmögliche Wassermasse von 1500 m³ in der Sekunde aufzunehmen und dafür bloß zirka 810 m³ zu entlassen imstande ist.8 So viel und noch viel mehr faßt aber mit Leichtigkeit der Nidau-Büren-Kanal mit seiner Uferkantenweite von 96 m, seiner Sohlenbreite von 66 m, seiner größten Tiefe von 8 m in der Mitte der Sohlenausschalung und seinem Gefäll von 0,2 ‰. Bereits während seiner Erstellung, im Jahr 1873, senkte sich der Bielersee um etwa 2,40 m. So konnten denn 1874 durch den Zihlkanal mit 31 m Sohlenbreite, 4,80 m Normaltiefe und 0,14 ‰ Gefäll der Neuenburgersee auf den heutigen Mittelstand, und der Murtensee durch den Broyekanal mit dessen Breite von 16,20 m und dessen Gefäll von 0,14 ‰ um 1,80 m gesenkt werden.

 
1 Schn. 176.   2 La Nicca bei Schn. 178 f.   3 Schn. 68.   4 Täubner.   5 Tschachtlan.   6 691 Lindimacus, 1245 Lindemage, 1530 Lintmagt.   7 Über ihn: Biographien für Kulturgeschichte der Schweiz von Dr. Rudolf Wolf (Zürich, 1860). III, 357-372.   8 Schn. 207 f.  
 

IV.

So die Grundzüge des Werks. Wie einfach erscheint es uns nun, da wir es in seiner Vollendung überblicken! Und doch ging seiner Ausführung eine lange peinliche Wartezeit voraus, in welcher Schneider die ganze Energie des bernischen nụ̈ụ̈t na̦a̦ch la̦a̦n ins Feld führen mußte. Zunächst regte sich gegen jegliche Entsumpfung überhaupt der ganz gemeine, schmutzig Eigennutz. Reiche wollten das abträglicher werdende Moos nicht mit Armen teilen,1 Moosanwohner nicht mit entferntern Gemeindebürgern, die zu besserer Geltendmachung ihrer Rechte gelockt wurden.2 Die gefürchteten Kosten machten La Niccas erstes Projekt so verhaßt, daß 1839 Oberstleutnant von Sinner und Fürsprech Ochsenbein beim Begehen des Entsumpfungsgebiets tätlich bedroht wurden: mi isch mit Mistgablen uf si los.3 Burgerräte von Büren und von Nidau4 häin ta̦a̦n wi d’Tụ̈ụ̈flen, wie schon 1773.5 Ja der alte Schneider selbst mußte noch 1866 in öffentlicher Versammlung ĭhm lan wü̆est seegen.6 Ochsenbein ward aus dem überzeugten Anhänger La Niccas 1864 ein demagogischer Bekämpfer, der freilich durch Ingenieur Kocher eine feine und schlagfertige Widerlegung erfuhr.7 Besonders gehässig äußerte sich der Waadtländer Aymon de Gingins-La Sarraz,8 während andere Waadtländer und Freiburger alli Chösten häin g’luegt den Berner ụụfz’salzen.9 Eine ruhig sachliche Gegnerschaft La Niccas, nicht aber der Korrektion als solcher, entfalteten Männer wie Hugi (S. 84) und Friedrich Zehnder10 von Gottstatt (1850 und 1852).

Um so treuere Freunde fand La Niccas Plan unter der großen Mehrzahl der Männer, bei denen es schon 1833 geheißen hatte: iez mues öppis ga̦a̦n! Gemeinde um Gemeinde, sowie wohlhabende Geistliche des Seelandes (worunter Zehnder), und hochsinnige Berner Patrizier11 hatten damals Aktien gezeichnet. 1839 war die Vorbereitungs­gesellschaft gegründet worden, an welcher sich u. a. der angesehene Lehrer und Spitalgutsverwalter Alexander Stucki in Ins beteiligte, und die am 29. September 1839 unter dem Regierungs­statthalter Jakob Probst von und zu Ins sich konstituierte. (Diesem Mann von seltener und selbst in seiner engern Heimat viel zu wenig bekannter Geistesgröße widmen wir im Band «Twann» ein eigenes Kapitel.) 1843 trat nach langem Schwanken die Berner Regierung auf La Niccas Seite über.

Da hemmten die konfessionellen und politischen Kämpfe, sowie neu auftauchende Projekte die Ausführung des Werkes, bis endlich Männer wie die Regierungsräte Weber, Stockmar, Kummer, Rohr, und wie der 139 Bundesrat Schenk ’s häin g’macht z’rücken. Am 25. Juli 1867 het der Bund feuf Millionen g’sprochen und damit auch die beteiligten Kantone g’stü̦pft, das Ihrige zu tun.

Am 18. August 1868 wurde mit dem ersten Spatenstich der Hagneckkanal in Angriff genommen, und am 18. August 1878 sollte d’s erst Aarenwasser dḁrdü̦ü̦rch lạuffen. In eigenwilliger Durchkreuzung des chronologischen Zirkels begann es aber damit am Tag vorher, um den zu festlicher Eröffnung versammelten Herren der Bauleitung und der Regierung noch ein letztes Mal zu zeigen, dass ääs denn äigentlich gäng noch Mäister sịịg. Mit solcher Mäisterschaft verband aber die vernunftlose Naturgewalt eine Höflichkäit, die den an Ehrenbezeugungen doch sehr gewöhnten Menschen nid e̥ma̦a̦l z’Si̦i̦nn choo̥n isch. War doch der Tag des vorzeitigen Aareeinbruchs zugleich der Geburtstag des Aarebezwingers La Nicca! Ein eilig und geschickt angelegtes Faschinenwerk het aber doch dem Wasser der Mäister ’zäigt.

Erst am Boort des Durchstichs, dann auf der prächtigen (allerdings in der Folge zweimal unterspülten und drittmals erneuten) Hagnibrügg, welche einzig unter all den Korrektionsbrücken nicht einen us dem Schu̦bladen usḁzognen «Ladenartikel» darstellt, schaute auch unser Dr. Schneider dem Lauf der gezähmten Wasser zu. Ich g’seh’s denn ni̦mme̥hr, aber vị̆li̦cht erläbit dier’s deenn! hatte er (vgl. S. 130) seinen Kindern erklärt. Doch, da stand ja der Vierund­siebzig­jährige, die Rechte gestützt auf den Knopf des zwischen die Knie geklemmten Panamarohres. Unter dem Schopf des Panamahuts aber qualmte der Rauch einer ordinären längen Grangßong (Grandson-Zigarre). Fritz, lueg, ich rạuken! rief er dem Sohn entgegen, der ihm eben eine ausgesuchte Havanna darreichen wollte. Galt sie doch dem Mann, der angesichts der furchtbaren Meyenrieder Katastrophe von 1828 (S. 131) als Jüngling g’schworen het, e̥käine Siggaaren meh aanz’rüehren, bis 140 d’Aar i’n Bielersee̥ la̦uffi! Der erste Stumpen seit fünfzig Jahren blieb freilich auch der letzte: är het ĭhm nid guet ’ta̦a̦n. Um so erhebender war für den Mann der Überblick des erschlossenen Jurageländes (S. 23) und der innere Überblick einer fünfzigjährigen Geschichte, der er den Stempel seines Geistes aufgedrückt.

 
1 Schn. S. 22.   2 Ebd. 24.   3 Bähl. 37.   4 Schn. S. 122.   5 Schwzrfrd. 1817, 55.   6 Bähl. 37.   7 Ebd.; Schn. 155 ff.   8 Schn. S. 168.   9 Ebd. 164.   10 Ebd. 122.   11 Ebd. 54.  
 

V.

Für Schneider durfte das Korrektionswerk (welches z’längsem und z’bräitem darzustellen wir uns versagen müssen) vollendet heißen — für sein Nachgeschlecht nicht.

Vorerst brachte neben der unmittelbar guten Folge: der Herabsetzung des Wasserspiegels und damit dem Wegfall der Überschwemmungen, das Korrektionswerk den Anwohnern noch große Lasten. Die waren insofern zu den Chösten herangezogen worden, als sie den Mehrwert ihres Grundeigentums als Kostenanteil häin müeßen ịịnzahlen. Dieser Mehrwert betrug ungefähr vier Millionen Franken. Es ergab sich daraus die Folge, daß die Kosten des gesamten Werks ungefähr je zu n emen Drittel vom Bund, vom Kanton und vom beteiligten Grundeigentum getragen werden mußten.

Der Mehrwert verteilt sich aber auf das ganze Entsumpfungsgebiet ganz nid glịịchlig. Am schweersten wurden naturgemäß die eigentlichen Moosdöörfer betroffen. So mußte Gals 238,000, Gamplen 371,000, Eiß 768,000 Franken bezahlen. Die Summen sollten in zehn Jahresraten abgetragen werden. Und das bedeutete vorläufig eine Ausgabe, ohni dass mḁn öppis dḁrfü̦ü̦r g’han het. Das trocken gelegte Moos gab in der Eersti nicht nur keinen größern Ertrag, sondern sogar min͜der weder vorhee̥r. Bis es einigermaßen kultiviert war, het’s eben richtig noch Ja̦hr ’brụụcht! Zudem hatte man den Fehler gemacht, die endgültige Festsetzung des Mehrwerts und die Verteilung auf die einzelnen Grundstücke bis nach Vollendung des ganzen Werkes zu verschieben. Da diese Vollendung jahrzehntelang auf sich warten ließ, wurden die Zustände unhaltbar: es het nid-mme̥hr soo̥ chönnen ga̦a̦n. Der Große Rat mußte einschreiten und neue Grundlagen für die Liquidation des Korrektionswerkes schaffen. Er tat es im Dekret vom 3. März 1882. Bei der Beratung derselben legte Finanzdirektor Scheurer in seiner klaren Vortragsweise dar, wi d’Sach sịịg:

Nicht nur die Größe der Mehrwertschatzungen, die jeder Grundeigentümer zu bezahlen hat, ist für ihn lästig. Was hauptsächlich lästig ist und die Kalamitäten im Seeland, den ökonomischen Niedergang 141 dieses Landesteils, die massenhaften Liquidationen daselbst hervorgerufen hat, das ist der Umstand, daß die Grundeigentümer nid wüssen, was si schulldig sịịn! Deshalb hat das beteiligte Grundeigentum in Handel und Wandel gar keinen Wert mehr. Es gilt nụ̈ụ̈t meh, und es wott’s niemmer! Niemand kauft ja Land, auf dem eine Last liegt, die man in ihrer Ausdehnung nicht kennt. Aus gleichem Grunde lassen die Grundstücke sich nicht verpfänden: es wott niemmer Gält drụf geen. Es ist deshalb ein Minimum der Forderung, und es entspricht der ersten Billigkeit und Staatsraison, daß man den Leuten so schnell wie möglich ausrechnet, was sie schuldig sind, fü̦r daß si chönni zahlen! Und das um so mehr, weil der Mehrwert gar nid da̦ isch! Bei kultivierten Grundstücken freilich, die früher überschwemmt wurden und nun nicht mehr überschwemmt werden, ist der Mehrwert sófort da. Aber im eigentlichen Moosland — und das ist das Hauptterrain, das in Frage steht — kommt (wie bereits bemerkt) der Mehrwert erst den künftigen Generationen zugut. Die jetzige hat nur den Nachteil davon. D’Lụ̈t chönnen ni̦d-mme̥hr Lische määijen, denn die ist abgestorben. Sie können nicht von hü̦̆t uf moo̥rn jedes Stück Moos mit Heert oder Mist überführen, denn das chost Gält! Abgesehen davon, daß man nid e̥ma̦a̦l Lụ̈̆t hätt für’s enan͜deren na̦a̦ch (sofort) z’machen. Sie haben also vorderhand nur Schaden davon, weil sie große Summen zahlen müssen, ohne daß ein wirklicher Mehrwert da ist. Wenn unter solchen Umständen das Land tief darnieder liegt; wenn Liquidation sich an Liquidation reiht; wenn, wo früher in zehn Jahren nicht zehn Geltstage oder Ganten vorgekommen sind, nun in einem Jahre hunderte vorkommen; wenn Tausende von Grundstücken in den letzten Jahren an Gantsteigerungen gebracht worden sind, ohne verkauft werden zu können, so nimmt’s äim’ nid wun͜der!

Das neue Dekret schrieb vor, es seien zunächst die Mehrwertschatzungen endgültig festzustellen und auf das Grundeigentum zu verteilen. Den Eigentümern wurde eine Frist von 25 Jahren eingeräumt zur Tilgung ihrer Mehrwertbeiträge. Im fernern übernahm der Staat die noch ungedeckten Kosten und zugleich d’s ganz Un͜dernehmen mit Aktiven und Passiven, sowie den auf eine Million Franken erhöhten Schwellenfonds.

Seit jenem Dekret ging die Entwicklung des Unternehmens durchaus regelmäßig vor sich. Die Unsicherheit mit ihren schweren Folgen schwand; die jährlichen Zahlungen wurden geleistet, und heute ist die ganze Mehrwertschuld bis auf einige hundert Franken getilgt. Daß 142 aber jetzt ein wirklicher Mehrwert vorhanden ist, zeigen die Bodenpreise. Vor drị̆ßg Ja̦hr war das Moosland sozusagen unverkäuflich; vor zwänzg Ja̦hr noch wurde für die Juchart etwa 400 Franken bezahlt. Heute gilt gut gelegenes Land im Moos 1500 und mehr Franken die Jucharte.1

Aber im Fortgang des Werkes selber isch noch iez lang nid alls, wi’s sịịnlltt! Mier stan͜den noch mitts drinn in der Arbäit. Seit 1912 können endlich die durch Ingenieur Wolf von Nidau umgebauten Nidauer Schläüsen richtig funktionieren; aber die in La Niccas Plan inbegriffene Korrektion der Aare zwischen Büren und Solothurn läßt noch auf sich warten.2 Die außerordentliche Seespiegelsenkung hat die Uferwände ihres vom Wasserdruck gewährten Schutzes beraubt; dieser muß durch rationelle Uferverbauung ersetzt werden. Im Mistenlach eenen sin si draan, und am Bielersee wird mḁn och dranhin müeßen. Sonst fällt das dem See mit Mühe und Kosten abgerungene Land dem «Zahn» des Wassers wieder zur Beute, und die Schiffe häin Müej z’länten.3

Die mit einem Aufwand von fast achtzĕchen Millionen4 den drei Seen abgewonnenen 31,6 km² und die dem Sumpf entrissenen 137 km² kulturfähigen Landes mit einem Mehrwert von wenigstens drị̆ß’g Millionen5 wären ebenfalls halb verloren, wenn nicht seit dreißig Jahren die Binnenkorrektion ständig arbeitete. Aus dem der Koräkzion zur Verfügung stehenden Schwellenfonds einer Million Franken werden die dem Staat Bern gehörenden Binnengreeben — die Bienenkanäl um Ägerten — regelmäßig g’rụụmt oder ’putzt. Das ermöglicht nicht bloß die nötigen Wasserableitungen nach den Flußkanälen der Broye und Zihl, sondern auch eine richtige Regulierung des Wasserstandes je nach dem Untergrund und dem Nutzpflanzenbestand. Streuerieder z. B. werden durch Wasserstauung möglichst lange im Nassen erhalten, während richtige Entwässerung das Moor zu einem ausgezeichneten Acker- und Gartenland gestalten hilft. Entwässerter Moorboden schlückt d’s Reegenwasser alsó ggläitig ịịn, dass mḁn uf der Stell nach ’m Reegen ummḁ chann ga̦n z’Acher ga̦a̦n und hacken, während es auf gleich behandeltem höherm Boden nid wolltt höören dräcken und chnätten. Welchen Vorteil ferner das Moosland in trockenen und heißen Hochsommern mit seinem allzeit feuchten 143 Untergrunde bietet, lehrte das Jahr 1911 am Bestand der Naturwiesen. Während der verbrannte Rasen höherer Lagen roo̥t wi nen Ziegel ụụsg’sehn het, het daas uf dem Moos g’gruenet wi im Früehlig.

Es handelt sich also um ein richtiges karnaalen, ein tsonollā oder chenollā, wie ein Patois sagt. Während nämlich «der» (oder selten «die») römische cănālis als Röhre und später als Halbröhre im Welschen sich als Chenal, Chenau6 usw. neben Zenal, Zinal, Tsinal7 usw. fortsetzt, tut es dies in den deutschen Lehnformen als kánăli, kanel, Chänel (so heißt in Tschugg das den Chänelbach [Mŭ̦llen- oder Mühlibach] speisende Gelände), aber auch im technischen Fremdwörterschatz als «Kanal». Hieraus machten die Anwohner und Bewohner des Entsumpfungslandes sozusagen emphatisch Kărnaal,8 woneben vereinzelt Knaal zu hören ist. Muster solcher Karnääl zeigten ihnen die von der Korrektions­gesellschaft erstellten und unterhaltenen Seekanäle oder Einmündungskanäle9 bei Sugiez (500 m), Fäälbạum (1400 m), Roothụụs (-ụ̆́-) (1200 m) und St. Johannsen (200 m). Sie liegen so tief, daß sie noch bei einer Wasserstandssenkung um einen Meter nid uf d’s Trochenen cheemi. Daneben unterhält d’Korräkzion auch eine Reihe Binnenkanäle. Für weitere Kreise seien bloß Namen erwähnt wie: der Hauptkanal (11,400 m) und der Sịtenkanal (6000 m); der Feisterhennen- (3000 m), der I̦i̦sleren-(5000 m), der Seeboden- (4000 m), der Ziegelhütten-, der Stierenbụ̈ụ̈nden-Ka(r)naal.10 Durch sein Benennungsmotiv interessant ist der Name Suezkanal. So heißt bei den Tschuggern erst für z’G’spaß, dann u̦s G’waanig der durch Länge und Tiefe stattliche, aber allerdings auch chöstlig (kostspielige) Kanal, der sich zwischen ihren Feldern und ihrem Waldteil hinzieht.

Als obrigkeitliches Werk begegnete uns S. 119 ff. der 1646 erstellte Aarbergerkanal, der noch 1714 als der «Canal» schlechthin «zum Wegführen von Moosheu aus der Gemeinde Ins nach dem Welschen»11 erwähnt wird. An ihm liegt die Kanalmühli (s. u.). Kurzlebig wie er, waren auch Binnenkanäle aus dem 18. Jahrhundert, deren nicht wenige nunmehr als unbrauchbar aufgefüllt werden. Andere, wie der Bị̆nị̆tsch als Fortsetzung der Bi̦i̦beren (S. 27) bedürfen dringend der Erneuerung. Ihr Hauptmangel ist zu geringes Gefälle, zu große Tiefe und Breite. Der letztere Fehler, nun großenteils behoben durch 144 Schlammsammler, wie z. B. im Elsenholz und in den Lü̦schimatten bei Brüttelen, haftete auch den ersten Korrektionskanälen an, weil e̥s den im Akkord arbeitenden Erstellern dran gg’leegen gsi̦i̦n isch, möglichst viel des einbedungenen Torfraubes einzuheimsen. Die schlechten Böschungen (Boort, talus) berasten sich nicht, stürzten bald ein (sịn z’seemengheit) und brachten neue Versumpfung. Die Witzwiler Strafanstalts­verwaltung ließ daher neben den alten Kanälen neue graben, hielt sie bloß 0,8 bis 1,2 m bräit und 50 bis 100 m von enan͜deren.

Daneben gibt es nun Gemeinden wie Schu̦gg (S. 143) und Eiß, Flurg’nossenschaften wie Gals und Brügg-Mett-Orpun͜d, Entwässerungs­gesellschaften wie Erlḁch-Mu̦llen-Schu̦gg, welch letztere sich z’seementüen, um versumpfte Bezirke z’drenieren und d’Greeben z’rụụmen, letzteres durch verdingen, wenn nicht im G’mäinweerch. In Angriff nahm oder nimmt man so das Glausit bei Erlach, den Bäumlisacher, die Lochmatten, die Hööhiacheren usw. Als Gräben (Greeben) kommen in Betracht: der Schwarzgraben (4800 m), der Münz- oder Mu̦u̦niengraben (kurz: d’Münz), der Neugraben, der Groschan- (Grosjean)-Graben zu Treiten, der Bruedersgraben zu Ins, der Läng-, Elsen-, Schweeli-, Steegenmatten-, Mettel-, Tromgraben (1549), der chrumm oder der Wahl- (1723) oder Waalengraben (1549). Der letztere scheidet zwischen Müntschemier im Amt Erlach und dem welschen12 Wistenlach.13 Eine Weiderechtsgrenze ist auch der Trom-,14 d. h. Quergraben, sowie der Treitener Scheidgraben. Vgl. dagegen den Seiten- oder Kollateralgraben nahe der Zihlbrücke.

Innerhalb der Gemeindemarchen galt es durch Gräben Privateigentum zu schützen. Das Müntschemierer Urbar ist voll von solchen Bestimmungen und Vorbehalten, auf deren Wiedergabe wir verzichten.

Auf die Breite solcher Gräben deutet ihr gelegentlicher Namenswechsel mit «Kanal». So im Schwarzgraaben, im Erlacher Stadtgraben (1726),15 in den Vorflutgreeben16 als den S. 143 erwähnten Seegräben.

Bei Landeron

Ausdrücklich ein «wahren» und «wehren» bedeutet «das»17 oder der Wuer, alt die wuore18 und (vgl. die Häusergruppe an der Limmat in Zürich) die Wüere. Abzuwehren gilt es auch hier sowohl Übertritte der Regen- und Schmelzwasser aus ebenen Wiesen, wie von Verletzern 145 des Besitzrechtes. So stooßt 1708 ein Matten im Brühl an den andern Bandwuhr (Bannwuer vgl. S. 72), 1801 eine andere an den Fauggerswuer. Sorgsame Landwirte erneuern daher auch diese leicht überschreitbaren Gräben allwinterlich mit der Wuerachs oder (gleichbedeutend) dem Wuerflueg.19

Auf häufig betretenen Stellen muß der offene Abzugsgraben durch Röhreneinlagen ersetzt werden. Eine solche Acken (1780: Akten als Umdeutuug aus aquaeductus), deren Akenhohl (eiserne Verbindungsstücke zwischen den irdenen Röhren) man noch um 1865 in Wileroltigen holen mußte, charakterisierte z. B. 1778 das Aktenächerli zu Müntschemier. Ein weitverzweigtes System solcher Röhren fordert das trenieren (drainieren, rassagni, rassani), wie z. B. die Besitzer der Lumpen-, Sand-, Spitzäcker und Allbrachmatten zu Erlach es 1911 vornehmen.

Das Verbauen einreißender Wasser heißt wie anderwärts schwellen. 1700 ist von der Schwelle (Schweelli) in Mullen die Rede, aber in dem Sinn, daß sie (gleich dem Mühliwuer) das gestaute Wasser auf das hohe Mühlrad leitet. An einem Dammstück an der alten Zihl liegt der Tentschacher.20 Matten und Mattenstücke sind der Müntschemier-Tentsch und d’s chlịịn Tentschli bei der Kanalmühle. Zu Treiten gehören auch die g’meinen Tentschen. Statt des vergessenen «Däntsch» sagt man heute der Walm oder Damm, das Wälmli oder Dämmli. Von hervorragender sachlicher Wichtigkeit ist die Erhöhung der Dämme zwischen der Walpertswil- und Hagnibrügg im Jahr 1913.

Einen Gegensatz zum Erdaushub zwecks Wasserab- oder auch -zuführung (S. 142) bildet das Aufschütten wässeriger Plätze bis zu gesicherter Trockenlegung. So schafft man an der Nordseeküste die Wurten als Baugrund. Bern hat seine «Schütti», das Seeland seine Bü̦ü̦rinen. Von Reben in den Bührenen zu Twann ist 1779, von Rebbührenen zu Neuenstadt 1557 die Rede. Der Bischof von Basel besaß die letztern und vermehrte sie (1633), mußte sie aber der Stadt Bern mit 18 Saum Weißwein verzehnten.21 Eine Bü̦ü̦ri am Jolimont besaß um 1574 Rudolf Marti.22 Zu Erlach und Lüscherz gibt es je ein Gut in der Bü̦ü̦ri (zu bü̦ü̦ren, svw. heben), zu Lüscherz auch eine Matte, das Bü̦ü̦reli genannt. Neuenstadt und Landeron haben heute ihre levées, 146 und zu Vinelz gehört eine Lääve̥nen, deren Hersteller gleich dem der Erlacher Bü̦ü̦ri zum Lohn seines Fleißes sein Vermögen eingebüßt hat.23

 
1 Regierungsrat Scheurer, Vater und Sohn.   2 Vortrag von alt Regierungsrat Scheurer zu Ins am 16. Okt. 1910.   3 Intelligenzblatt.   4 Genau: Fr. 17,740,103.82   5 Nach Ingenieur Albert Dänzer-Ischer in Bern in der einläßlichen Zuschrift vom 8. November 1911 und dem gedankenreichen Aufsatz «Technische Entsumpfung in den Nummern 3 und 6 des Berner Schulblattes vom 20. Januar bis 10. Februar 1912.»   6 Jacc. 83.   7 Das Walliser Hüttendorf in einer Gumm (combe) über Conthey: Jacc. 534 f. 94.   8 Vgl. kartolisch, norddeutsch Karnickel u. dgl.   9 Schn. 194; Kell. W. 21.   10 Vgl. für technisch Genaueres: Schn. 204.   11 EB. A 771.   12 Vgl. Walch. Wahle, welsch in Gb. 272.   13 Urb. Mü. 16.   14 Ebd. 17.   15 EB. A 301.   16 Kell. W. 21. Sie waren erstmals von Regierungsrat Scheurer vorgesehen.   17 Vgl. mhd. WB. 3, 804-515.   18 Ebd. 825 f.   19 «Wuerpflug» als Wuhraxt ist vielleicht ursprünglich etwa wie «der Flueg im Äcken chehren» (Lf. 99), eine sarkastische Hindeutung auf das mühsam tiefe Einschneiden in die Erde, das eigentlich der Pflug leisten sollte, aber begreiflich nicht kann.   20 Vgl. Lf. 65.   21 NB. 1, 569 (19. Aug. 1633).   22 SJB. B 581.   23 Die sachliche Zuverlässigkeit dieses Abschnitts verdanken wir der gütigen Schlußdurchsicht des Herrn Oberingenieur von Gaffenried.  
 

Im Erlach-Brüel

Im Reich der schwarzen Erde.

Moosrechte.

I.

In das Grŏß Moos, welches rund 13,200 Jucharten umfaßt,1 teilen sich die Kantone Bern, Freiburg, Waadt und Neuenburg. An (u̦f) das Moos stoßende Gemeinden zählte Bern vor der Entsumpfung 24: 14 aus dem Amt Erlach, 4 aus dem Amt Nidau, je 3 aus den Ämtern Lạupen und Aarberg. Von den andern 24 Gemeinden waren 13 freiburgisch, 10 neuenburgisch und 1 waadtländisch.2 Über seine 6500 Jucharten erklärte Bern von vornherein sein Obereigentumsrecht. Übrigens durften, wie Dr. Schneider als bernischer Direktor des Innern durch sein Fragenschema vom 12. Februar 1849 feststellte, alle diese Gemeinden das Moos in gleicher Weise nutzen oder nutzgen (Si., Tsch.), wenn nicht ụụsnutzgen bis zum ụụshu̦nggen («aushonigen»). Die Nutzung bestand in der Regel im «Weiden, Mäyen und Häüwen» (1549); ein G’stäüd (G’stụ̈ụ̈d) aber schenkte lang vor 1650 Bern den Insern und Müntschemierern, daß sie es gemeinsam äferen, nutzen, mit gehörntem gut darein fahren, weiden, darin holtzen und ihren Frommen darin schaffen. Über den nachmals geteilten Besitz mußte jede der beiden Gemeinden einen Bannwart (Bannḁcht) setzen.3

Sehr häufig waren aber solche Gemeindsnachbarschaften Gegenstand langwieriger Prozesse. So mußten 1547 die von Erlach denen von 148 Finells helffen, das moos zweg zu bringen.4 Hinwieder sollte Ins, das von seinem überflüssigen Streuiland jeweils viele Jucharten verbrönnt het, auch die Erlacher lassen strauwen und häüwen5 (1520). Ins hatte aber 1520 dessitweegen auch Streit mit Sougye (Sugy, Sụ̈schi), Chaumont,6 Zur Matt (Praz) und Mi̦ste̥lach (Môtier).7 Bereits 1510 zankte Ins deß Moos halb auch mit Lugnoroz (Lugnorre) und mit Murten,8 sowie wegen Vmbgelt und Feldfahrt mit Sougie, Nant und Lupra (Praz).9 Auch Möntschemier ward 1549 von den Wistenlachern10 und 1556 von Murten verchlagt. Sei jenes Futhers und streüwe oder Lischen mangelbar, so möge es bei Murten darum bittlich ankehren, soll aber nicht sogar Raub ab fremdem Gut verkaufen.11 1575 wurde zwischen beiden Anstößern g’maarchet. Die Land-March ging von der March Funderlin aller grede (Greedi) nach an ein Eichene Suhl12 (Sụ̈ụ̈len, Pfosten), dann gegen dem Fählbäum an das ort, da die Bruch (Broye, S. 27) ihren außgang hatt.13 1617 aber war diese eichine seule nieder gesunken und verursachte neben dem Pintschgraben neuen Streit.14 Kurz, wie alle diese Händel, besprechen wir hier auch die mit Neuenburgern ausgefochtenen aus der Zeit, da das Bernische über d’Zihl übera g’reckt het. Durch die Festsetzung des Zihlkanals als Kantonsgrenze und Vergreederig vom Gri̦ssḁchchrumm (vgl. den Aarbärgerchrump in «Twann») fielen etwa 90 ha Grissḁchmoos von Gals an Grissach. Dagegen wurden das Roothụụs und das Zihlschloß (La Thielle) bernisch. Früher mußten die beiderseitigen Regierungen wegen Veltfahrt, Wunn und Weidgängen anderswie der Chuechen däilen. So 1491 zwischen Neuenburg einerseits, Erlach, Ins, Gampelen und Gals anderseits. Da wurden die Weidrechte durch zween (zwöo̥) Marchsteine geschieden: einen am See und einen gegen demselben an der Bruch (Broye, s. o.). Wegen Schädigung gepfändetes Überlaufsvieh mußte von den Neuenburgischen mit 300 Pfund ụụsḁglööst werden. Dagegen durften letztere auch auf Berner Gebiet «gantz unersucht und unbekümberet Mayen und Häüwen».15 In solche Vergünstigungen wollten, gestützt auf angeblich im Jahr 1336 erworbene Rechte, auch die zur Landeren sich einflicken (sich ịịchḁschlịịchen), wurden aber 1549 darauß gewiesen.16 Den andern Neuenburgern aber wurde 1550 das Recht verweigert, aus dem moos Chablaix (S. 74) Banwarten 149 (Brenars) zu setzen. «Damit jedoch dester baß (baas) gehüetet würde, ließen wir zu Bern uns erbitten, daß wir mit ihnen nach Imbiß17 (am 18. April 1550) nidersitzen (Sitzung halten) und darob underredens hallten und Inarticulieren18 und lugen (luegen; mier wäin luegen, mier wäin öppḁ luegen), wie der sach zethund» (wi das öppḁ z’machen sịịg, wi n es sich öppḁ lööi angattigen,19 dass es dḁrggegen g’seei).20 Man kam überein: Neuenburg darf dem Vogt von Erlach zwei Banwarten (Bannḁchten, speziell: Fälldbannḁchten oder Fälldhirten) in das Schloß presentieren, der ihnen auch den eyd geben (diktierend eingeben und damit abnehmen) solle, falls er sie als tüchtig erfindet. Gepfändetes Vieh aber sollen sie nach Erlach bringen. Von jedem Haupt oder Stuck erhalten sie, wie von allter har, 4 Pfenning, und dazu von den dem Vogt verfallenen Bußen unter 3 Pfund je 10 Schilling.21 Die Bannwarte übten jedoch ihr Amt derart aus, daß die Herren von Bern nit zufrieden gsin. «Dan unß dardurch unsere Herlichkeit (Herrschaft) geschwecht und merklicher im bruch (Einbruch) begägnet, daß wir nun nit dulden noch gestatten wellend, dass die Bannwarten auf unßerem Ertrich in unßeren hochen und nideren gerichten und Herlichkeiten gewallt und grichtszwang brauchen 150 und üben.» Gleichwohl durften laut Beschluß vom 8. Juni 155222 auch noch die Nachbarn von Sant Bläsy und ander in der Vogtei Zihl (Thielle) auff dem großen Erlach Mooß Chablaix weiden und mäyen. Und das zwar In ansechen ihrer diensten, so sie unß mit Reisen (Mannschaftszuzug im Krieg) von ihr Herschaft wegen bewiesen haben und fürder zethünd gutwillig zesein erpotten. Sie sind daher gleicher gestalt wie unßer Undertanen und die von Neuenburg berechtigt, aus dem Moos zu weiden und mäyen. Jedoch dürfen diejenigen Herschafftleüth der Vogty Zihl, so nicht burger seind der Statt Neuenburg, mit ihrem Vech allein zu Zeiten der Nodt und wan sie nit fürkommen (auskommen; heute ist fü̦ü̦rchoo̥n: genesen und am Leben bleiben), auff das Groß Moos fahren, und sonst in kein Wäg (in käinen Weegen, keineswegs). Auch dürfen sie erst zehn Tag nach St. Johanns des täüffers tag (also am 4. Juli; s. u.) Lischen mäyen, und zwar bloß für eigenen Gebrauch, so daß sie die nicht verkauffind. Und das alles auß sondern gnaden und unter der Bedingung fernerer guter Dienste, mit uns zureisen, und auß craft deß ewigen Burgrächten, so zwischen den Herren graffen von Neuenburg und unß auffgericht ist.

 
1 Schn. 94.   2 Stauff.   3 Urb. Mü. 49-52.   4 Schlaffb. 1, 101.   5 Ebd. 73-75.   6 Es ist der Chaumont am Nordabhang des Wistenlacherberges gemeint.   7 Ebd.   8 Ebd. 62-66.   9 Ebd.   10 Urb. Mü. 18.   11 Ebd. 21.   12 Ursprüngliche Einzahlform zur ursprünglichen Mehrzahl «Säule».   13 Urb. Mü. 24-27.   14 Schlaffb. 1, 173-5.   15 Urb. Mü. 3; Schlaffb. 1, 43-47.   16 Schlaffb. 1, 107-116.   17 Vgl. zürcherisch «nach’m Imbig» = nachmittags, der Imbiß = das z’Imis also (wie z. B. emmentalerisch) als Mittagsmahl verstanden. Vgl. unser Nahrungskapitel.   18 Vgl. «Kapitulieren» im Ursinn.   19 Vgl. «Gattung» im Ursinn des Angepaßten (Kluge 161), wozu gattlig und ungattlig: der Kon-venienz zuwider.   20 Wie Nuet und Feederen (vgl. Lf. 186) einer Fuge.   21 Schlaffb. 1, 117-124.   22 Ebd. 128-131.  
 

II.

Vom Grŏßmoos het mḁn d’s Häümoos un͜derschäiden. Dieses erstreckte sich bis zur Mu̦u̦nien1la Monnaie», der Münzengraben S. 144) d. i. zum Hauptkanal. Von dört isch mḁn denn in d’s Wältsch Moos choo̥n: in d’s Miste̥lachermoos. Das Heumoos unterstand der Mooskumission (1787) und wurde nach der im Seeland auch bei Privatgütern üblichen Formel drụ̈ụ̈ sächs nụ̈ụ̈n in Leechen g’geen. Das heißt: wenn nicht nach drei oder nach sechs Jahren aufgekündet wird, so gilt die Pacht für neun Jahre. An den Platz der Verpachtung trat mit der Zeit die alljährliche Versteigerung des Heumooses nach Parzellen. In solche teilte z. B. Eiß seine dreitausend Jucharten. Sie wurden zusammengefaßt in Komplexe, welche man als so und so beschaffene oder gelegene «Teile» benannte. Von der Ins-Murtenstraße und -bahn durchschnitten, grenzen sie nordwärts an die Inser Mŏsgeerten (Moosgärten). Diesen Moosgärten entsprechen teilweise die Reienmatten (Mü.): heute svw. Pflanzbụ̈ụ̈nden. Bis 1871 bekam jeder Müntschemierer Burger eine Reienmatten, einen Riedacher, 151 ein Stück Pfaffenmatten, eine Moosallmendmatten und eine Spitzallmendmatten.

Für weitere Kreise sind bloß die folgenden Namen von Interesse. Wie im Großmoos die Allme̥nden und die (dem Wucherstier der Gemeinde vorbehaltenen) Stierendäilen lagen, so im Heumoos die Armendäilen, di chu̦u̦rzen, längen, groo̥ßen und die zur Ausgleichung bestimmten vollen Däilen und alle die folgenden. Nach der Lage sind benannt: die (Haupt-) Karnaaldäilen und die Grĕblidäilen, die I̦i̦sleren- und die Neumoosdäilen; auch Gampelen hat I̦i̦sleren-, sowie Moos- und Böschendäilen. Nach charakteristischer Bewachsung: die Räckeldoornen- (Wachholder-) däilen, als die hin͜deren und die vordderen unterschieden (vgl. die Hin͜dernịderteilen zu Finsterhennen); die Wịịdendäilen, die Pöschendäilen (S. 112). — Wịịdenteilen hat auch Gals, Allmeliteilen (nebst Halbbrünnen-, Baach-, Neumoos-, Hụụs-, Eerliteilen) auch Siselen. Auf altes Eigentum Eingewanderter deuten die (schon 1800 erwähnten) Jerne̥ttäilen zu Gampelen, aus welcher Gemeinde noch folgende der Verwaltungsart angepaßte Ausdrücke geholt seien. Jeder Burger, der jeweils auf 1. März als Inhaber von äigentem Fụ̈ụ̈r und Liecht ausgewiesen ist und zwänz’g Fränkli für Moosnutzung erlegt, hat das Recht, alljährlich auf alle die verschiedenen Moosteile z’stäigeren und als Inhaber eines schlechtern Stücks Besserig z’stäigeren oder uf Besserig z’stäigeren. Das aufgegebene Stück ist dann der G’mäin g’fallen (verfallen, auf sie zurückgefallen). Etwa 50 Jucharten Burgergut sind zu diesem Zweck als Wächseldäilen eigens vorbehalten, und die überwäärffenten Däilen im Neumoos dienen, ähnlich der Ụụsbesserig zu Siselen, zur Ausgleichung stattgefundener Inhaberwechsel. In Treiten und Lüscherz gibt es Schuelteilen, in Erlach und Gampelen d’s Rundi, in Gampelen noch speziell d’s Gampelenrundi, sowie d’s hin͜der und d’s vorder Schuelrundi, erinnernd an die Inser Rundidäilen, in Finsterhennen (1701) das Runti als Waldstück. Das vorder Schuelrundi stößt an das Rundi oder le Rondet, wie weit herum in der Ründi auch die Krümmung des Broyekanals (S. 86) heißt. Sonst aber bedeutet das Rundi gleich dem Rondet oder Rondez (auch bei Delsberg) lediglich den («abgerundeten», arrondierten) enclos: Ịịnschlaag im Moos, der mittelst Graben und Zaun der gemeinen Nutzung entzogen wurde. So das Neuenburger Rundi am untern Ende der Broye. Bis zur Parzellierung im Jahr 1880 gab es in Mü. auch den Schuelblätz.

 
1 Volksmäßig daher gedeutet, daß die 1476 aus Murten fliehenden Burgunder gerufen hätten: Mon Dieu, mon Dieu!  
 

III.

Wie der Staat unabgetretene Moosreviere, z. B. das Schwarzgraben- und das voraussichtlich mit neuem Zuchthaus überbaute Islerengebiet sich als Eigentum vorbehält, sind umgekehrt grosse Moosteile längst in Privateigentum übergegangen. Anstößerische Eigentümer taten sich je und je zu Korporationen zusammen, um ihr Gebiet durch Drainage (trenieren, S. 144) und Weganlagen (weegen) zu verbessern. So erst kam es zu den prächtigen Mooserträgen, von denen später die Rede sein wird. Aber auf welch mühsamen Umwegen! Diese bestanden zunächst in Einschlags­bewilligungen an Gemeinden: an Erlach für den Brüel (1549)1 bei der Foffneren (Fa̦a̦feren, 1639)2 und für 100 Jucharten im Moos (1771);3 an Gals für 14 Jucharten (1762); an Finsterhennen für 30 Mannsmeder (1526)4 und für das Bundimöösli (1761).5 Die eigenmächtigen Einschläge aus den Jahren 1521 bis 1526 aber mußte Finsterhennen wieder außwärffen. Die Matten sollten (dem Weidgang frei) außliggen,6 weil die Einfristung nicht in aller gepühr und bescheidenheit7 (wie 1639 in Erlach) geschehen war. Vereinzelte Einschlags­bewilligungen galten Privaten: eine von 1774 an Pfarrer Gerwer zu Vinelz für eine Matte im Glausit, und eine von 1776 an Sattler Bloch für 3 Mäß (ein mit drụ̈ụ̈ Mees Getreide zu besäendes Ackerstück) im Blochsgäü. Eine ganze Reihe Flurstücke tragen von daher die Namen Ịịnschlaag, Moosịịnschlag, Lüscherzer­ịịnschlaag (zu Treiten), sowie die Neumoosbụ̈ụ̈nden (Beunde, s.u.) und die Erlacher Brädelen-, Vinelz-, Weier-Bụ̈ụ̈nden,

 
1 Schlaffb. 1, 105.   2 Ebd. 139.   3 Ebd. 314 ff.   4 Ebd. 92 ff.   5 Ebd. 266.   6 Ebd. 90 f.   7 Ebd. 139.  
 

Moosweide.

Wie noch heute stellenweise im Jura1 herrschte bis 1798 auf den altbernischen Feldern und bis zur Entsumpfung im Moos die Gemeinweide. Auf solche, an denen auch Städter teil hatten, deuten Namen wie Galmiz (Charmey) unweit Murten. Denn Charme (1285) und Chalmeis (1228), Chalmitis (1242) gehen zurück auf calamus (Rohr, Röhricht).2 Um fremdes Eigentum zu schonen, mußte der Auftrieb zur 153 Weide laut Geboten von 1549 und 15843 mit Tribner ruten (mit der Treibrute)4 geschehen. Auch war über sehr weichen Boden eine gute Hurt (Hu̦u̦rd)5 zu machen: ein Geflecht von Stangen und Ruten. So befahl eine Verordnung von 1552.6 Danach sind die Hurdtmatten (1710) und ist eine Matte bei der Hurd im Inß Brühl (1735) zu deuten.

Besonders lässige Hut der Schafe konnte zu Verdrießlichkeiten führen, die (z. B. 1657) vor das Chorgericht gezogen wurden.

Solche Verdrießlichkeiten pflegten daher zu rühren, daß da und dort eine Haushaltung ihre Tiere selber hüten wollte, statt sie von den Gemeindehirten (s. u.) schlecht besorgen zu lassen und obendrein empfindlich hohe Weidegebühren zu zahlen. Die lasteten besonders schwer auf den Hin͜derseeßen. Darum zogen die letzteren vor, ihre Tiere daheim im Stalle zu füttern7 und damit — wohl am Lịịb z’bhalten.

Das wurde freilich manchenorts als Auskneifen gedeutet und zu verhüten gesucht. So 1816 in Tschugg. Da mußte auch, wer dem Hirten ein Tier oder mehrere nid un͜der d’Rueten g’geen het, seinen Anteil am Hirtenlohn entrichten.

Das zog gleichwohl mancher der Gemeinweide vor. Warum? Die Kühlein der Burger sịn am Aa̦bend hungeriger und eländer häin choo̥n, weder daß si am Morgen z’Wäid g’gange sịịn.8 D’Mooschüehli, milcharm, strụụb und schlächt, sịn z’ringset um d’s Gspött9 von den Meeridlüt gsi̦i̦n, Für z’zieh het’s 154 drụ̈ụ̈ Roß brụụcht, wo iezen äins, und auch so konnte manch eine Moorstrecke sich ähnlich benennen wie der Roßschinteracher zu Tschugg.

Die zuträglichen Gräser und Kräuter waren bald einmal bis uf d’Wü̦ü̦rzen abg’nagt. Dann ging es an ein schaalen,10 und zwar derart erbärmlich, daß «der Schäli» i. S. v. Hungerleider als Schimpfwort diente, welches 1669 vor Chorgericht eingeklagt wurde. (Auch die ältesten Inser kennen «Schäli» und «schalen» nicht mehr.) Die ausgehungerten Tiere verloren ihren gesunden Instinkt und vergriffen sich an ausgemachten Giften. Sie soffen, da nicht einmal das doch gesunde Tu̦u̦rbenwasser (S. 104) zu finden war, an heißen Tagen aus Pfützen. Sie fraßen Wolfsmilch, welche die Milch rot färbte, und wovon diese gleich der Butter und dem Fleisch im bekannten Doppelsinn des Wortes schlächt g’schmeckt het. Sumpf- und Schlamm-Schachtelhalm häin noch im Häü gstunken. Sie brachten die tra̦a̦genen (tragenden) Tiere zum ergeeben (verwerfen). In andern Fällen riefen sie gleich dem Hahnenfuß, dem Läusekraut, der Wolfsmilch und andern Kräutern Entzündungen, Blutharnen, Koliken, Dü̦ü̦rchlauf11 hervor. Der Sonnentau und der gleißende Hahnenfuß (Ranunculus Flammula) brachten tödlichen Scha̦a̦fhuesten und Eeglen;12 die letztere Pflanze het d’Leebere entzüntet, und der giftige Hahnenfuß (R. sceleratus) brachte d’s chalt Fụ̈ụ̈r: ein Zittern und Schaudern auch (S. 101 f.) der Tiere, wobei die größeren Adern am Bauche stark anschwollen. Auch der Seidelbast (das bois gentil des Wistenlacher Berges), der Nụ̈ụ̈ntööter und der Wasserschierling (Cicuta virosa) verursachten große Viehsterben.13 Zu solchen führten aber nicht bloß an sich giftige Pflanzen, sondern schon die sehr kleinen rostähnlichen Schwämmchen (Rostpilze), welche in regnerischen Jahren sich auf Gräsern und Kräutern ablagerten und langsame Blutzersetzung herbeiführten.14

Das Schrecklichste aber kam von der gierigen Atzung saftiger Stellen des Schindangers (S. 155): die brachten den Milzibran͜d. Um das Unheil voll zu machen, wurde das Fleisch der daran gestorbenen Tiere wohl gar ausgeschlachtet und gegessen, was z. B. 1827 die tödliche Krankheit auch auf Menschen übertrug. Ja der gesamte Viehstand der damals heimgesuchten Familie stand an Milzbrand um.15

Aber auch das nicht direkt schädliche Futter war doch arm an Nahrungsstoffen. Insbesondere war es kalk- und kieselarm. So wurden die Weidetiere knochenbrüchig. Es kam vor, daß Stieren (Zugochsen) mitts uf der Stra̦a̦ß ịịng’heit sịịn. Auch die Winterfütterung 155 besserte an der Sache nichts, da es an eingeführten Futtermitteln noch fehlte, und das für Brot erforderliche helig Chorn Tieren zu verabreichen für Sün͜d gegolten hätte.

Die schlechte Weide brachte allerdings den indirekten Vorteil, daß jung verkaufte Tiere, an besseres Futter gestellt, zusehends ’trüejt häin, guet ta̦a̦n häin. Allerdings nur, wenn ihre Entwicklung nicht von vorn herein i’n Grund-Bóden ạchḁ vertụ̈ụ̈flet worden ist. Und wie oft war das der Fall!

So gingen im Moos Pferde, Kühe und Schafe zu Hunderten: hụ̈̆ffeswịịs, zu Grunde.16 Einzig im Jahr 1758, nach einer fürchterlichen Überschwemmung, fielen im Amt Erlach über 200 Rindviehstücke, und nur 16 Kälber blieben am Leben.17 Entsetzliche Seuchen, die aber auch dem Gedanken an Selbsthülfe endlich Durchbruch verschafften, kamen 1831 über Siselen, Müntschemier u. a. Orte.

Daß unter solchen Umständen der Hexenglaube immer neue Nahrung fand, und daß der und der aufs Korn genommene Mensch die verunglückten Tiere verhäxet haben sollte, ist begreiflich. Scheu ging man insbesondere an den Schindallmenden und am Schinter-Ịịnschlaag vorüber. Der bis um 1890 zugleich als Schaarpfrichter amtierende Schinter uf der Flue über Brüttelen (welches «Wasenhaus» (1806)18 nun von der daherigen Servitut befreit werden soll) galt wie überall als verfehmt, als «der Verschmechte» (1659). In der Kirche mußte er, scharf kontrolliert, z’hin͜derist hocken. Auch seine Frau, die «Wasenmeisterin» (1661), und seine ganze Familie waren von dieser «Schmach» mit betroffen. Man begreift daher, daß immer nur Auswärtige, wie z. B. 1753 Niclaus Hotz, der Roth Schinter genannt,19 sich als «rev. (reverenter, salvo honore, nit z’seemenzellt) den Wasenmeister» betiteln lassen mochten. So 1663 in den langen Verhören vor Chorgericht wegen Eheversprechens mit des Wasenmeisters Tochter. So unterm 7. März 1658 in der Abmahnung, den Abdecker zum Götti zu gewinnen, weil ein expresses Mandat der Obrigkeit solches verbiete. So in den Verhören vom 23. Dezember 1649, warum der Weibel und ein Gefährte so vngschücht (ung’schochen) mit dem Schindter trinkend. Für solche Vertraulichkeit wurden beide um 10 Schilling gebüßt; selbst die Trinkgemeinschaft an einer Holzfuhr kostete am 6. März 1653 fünf Pfund. Auch der Nachweis, es habe der Schinter sin besundern ort, wie auch besunders glas vnd spys (sịns b’sun͜derig oder abaartig Glas usw.) gehabt, schützte nicht vor weitläufigen Verhandlungen (19. Mai 156 1650). Und einer, dem am 6. April 1501 neuerdings syn häßliche g’selschaft vnd gmeinschaft (reverenter) mit dem Wasen Mr: fürghalten worden, ward wegen trotzigen Verhaltens bis auf sein Geständnis im Schloß eingekerkert.

Daß solcher Waasenmäister alle Tage in seinem Revier het z’tüen g’haan, het äin gar nụ̈ụ̈d abaartigs dunkt. Und wie man das heute so schwer empfundene Fallen eines Haustieres aufnahm, zeigt die folgende Äußerung des Besitzers einer im Moos versunkenen und erstickten Kuh: Die het’s g’suecht! Si ist schon meṇ’gen Tag mit eren schwarzen Schnu̦u̦ren häi’m choo̥n!

Auch solches Versinken eines armen Stucks in den unputzten Greeben war eben etwas Gewöhnliches. Es mußte noch viel heißen, wenn der Hirte einen Unfall rechtzeitig gewahrte und um Hülf ’brüelet het. Dann nahte mäṇgisch es Dotzend Mannschaft mit Schụụflen und Säili. Mit jenen wurde g’lochet, damit es gelinge, die Seile um den Leib des Tieres zu schlingen und es unter boorzen und bäärzen ụụsḁz’ziehn. Es fragt sich bloß, ob diese Mühe sich nicht auf Tiere beschränkte, wo n es «sich der weert» isch gsi̦i̦n, zue nnen Soorg z’geeben (oder z’haan).

So die Weide. Daß als Weidetiere hauptsächlich solche des Rindviehgeschlechts auf sie angewiesen waren, geht schon aus dem Bisherigen hervor. Wir fügen bei, daß im Moos aufgefundene Büffelzähne von 3-4 cm Länge und 2 cm Breite, sowie im Untergrund von Iferten entdeckte Knochen von Elchen20 unter den Beweisen für einstigen Tiefstand der Juragewässer (S. 82 f.) mitzählen.

Nach solchen Wildtieren sah sich natürlich bloß der Jeeger um. Erst zur Haustier-Herde gehört der Hirten.21 Der tritt uns freilich von der 157 alten Moosweide her ganz nid in dem poetischen Gewand entgegen, ohne welches wir uns den Hirten nicht denken zu können meinen. Da ist nichts von Jauchzen und Sennengruß zu vernehmen, nichts vom Zusammenleben von Tier und Mensch, wenig nur von Glocke und Halsband22 u. dgl. Wenn es tringelet, so geschieht es bloß am Glockenzug des Krämers und im Herrenhaus, sowie an der Hand des in der Dorfgasse ausrufenden Weibels. Besser stimmte zur alten Moosweide das spelken und verspelken (scheuchen und wegscheuchen), das versenken schüchterner Tiere, und das jeuken als jagen im transitiven, wie freilich auch neutralen Sinn. Aus das jeuken als wildes umenan͜deren fahren des Jeuki verstunden sich die Herde und der Hirte gleich gut. Als Hirten nahm man Rangen, deren Betragen oft schlingelhaft genug war, oder auch Ältere, mit denen gelegentlich das Chorgericht sich zu befassen hatte. So 1590. Da hieß es: Die Hütter sind gewarnt, das si nit vßfarind mit dem gutt zwischen den beiden zeichen des lütteß (Läutens zum Gottesdienst), vnd mit iren Kinden redind, das si nit über das gutt und lütt schwerind und böß redind.

Von der Art der Jungen, Dummhäiten z’spi̦i̦len, erzählt man noch jetzt Müsterli wie diese. Wi si Gott erschaffen het, rannten sie bei sommerlicher Mooshitze den von oder nach Sugiez fahrenden Fuhrwerken nach, um mit un͜derleggen, spannen oder unverblümtem bättlen Geld zu ergattern. Erhielten sie nichts, so erhoben sie das G’mụụl:

Der Herr ohne Geld
Gehl dreimal um die Welt,
Geht dreimal ums Haus
Und fallt eenen aacha i d’s Sch—.
Und der Heer, der Beer het e
Chuuppen (Eiterbeule) am — usw.23

Die Burschen bildeten unter sich eine Art Genossenschaft mit Statuten, welche sie als ungeschriebene gerade um so strenger einhielten. Insbesondere galt dies vom Paragraphen über die Erlangung der Mitgliedschaft. Moospöschliwaasen (S. 112) wurde an Ort in kleine Stücke zerschnitten. Wer im stande war, es Dotzend von solchen mit dem Mụụl Stück um Stück vom Boden herauszuheben und auf ein Häufchen zu legen, gehörte fortan zur Gilde. Die Aufnahmsurkunde war schwarz auf braun in dem über und über mit Torferde beschmierten Antlitz zu lesen.

Nach der guten Seite hin schlimm und du̦rchtri̦i̦ben (beides also im Sinn von «gescheidt») mußte aber doch wenigstens der Stierenhirten 158 sein, der jeweils am Morgen äm vieri g’hoornet het. Denn häin denn d’Lüt d’Waar alli ụụsḁgla̦a̦n, na̦chdäm si d’Chüeh häin g’mulchen g’haan. Das grŏß Moos bis zur Brue̥ijen war ein Weidegebiet, das der Verantwortung namentlich für die wertvollern Stuck doch schụụderlich vill brachte. Sie mit gutem Gewissen übernehmen hätt der Hundertist nit chönnen.

Wie Büffel-, fanden sich auch Pferdezähne im Moos. Weit jüngern Datums sind die um Port und Brügg dem Torfmoor enthobenen Roßịịsen. (Die Römer kannten unsern Hufbeschlag nicht.) Auf Pferdeweide deuten auch Namen wie Marais aux chevaux bei Cornaux. Weidende Pferde und namentlich Füllen gehörten bis zur durchgreifenden Moorkultur durchaus zur Charakteristik des Mooses. Man zählte im Jahre 1816 neben 842 Hornviehstücken 250 Pferde.24

Eine Anzahl der letztern, mit bräiten Ịịsen b’schlaagen, kam allmorgendlich aus dem Waadtländischen über die Broye geschwommen, um uf dem See, d. h. aus dem (bernischen) Seestrand innenfü̦ü̦r dem Gatter die zuckersüßen Röhrli, Seeröhrli (Schilf, S. 110) abzuweiden. Zu ihnen gesellten sich, uf d’Wäid g’spelkt, die einheimischen Rosse, auf welchen ihre jugendlichen Hirten nach Art der Gauchos ohne Sattel und Zaum, sogar stän͜dligen, herangesaust kamen. Übrigens ritten auch Mäitli, bloß der Halfteren als Zügel sich bedienend, im Galopp. Um auf solchem nicht vom hohen Schilf abg’sträipft z’weerten, mußten sie sich am Chammha̦a̦r haan.

Als sommerliches Nachtlager diente gelegentlich für Mensch und Vieh der Feerig (Pferch) auf offenem Feld. Schon das Dröölnagelbett, wie humoristisch die Viehstreu über der aus schmalen Rundhölzern gefertigten Pritsche heißt (vgl. die Stierefeederen), wäre für den Hirten ein unstatthafter Luxus gewesen. Unter einer mit Tuch bedeckten Bännen nächtigte der Scha̦a̦fhirten oder Schööffer, an welchen die Schööfferacheren erinnern,

Waren seine Tiere auf diesem oder jenem guten Scha̦a̦fblatz etwa schneederfreesig geworden, so verging ihnen solch wählerisches Gehaben im Moos gründlich. Und wie manches Tier ging hier sogar in seuchenfreien Jahren zu Grunde, wenn e̥s G’chü̦ppeli, Tschöppeli etwa über eine rutschende Kanalböschung hinjagte und rettungslos versank! — Im Jahr 1871 wurde die ganze vierhunderthäuptige Herde englischer Schafe des vormaligen Witzwilergutes (s. u.) zweimal rü̦ü̦dig. Dreißig Stück mußten wegen Erbrụụden (1670) zur Unzeit geschoren werden und gingen im Winter ein.

159 Alle Morgen ferner mußte der Säühirten die schwyn außtryben (1668) und den schwynen hüten (1646),25 was natürlich der alte Kanzleistil mit «rev.» zu vermerken nicht unterläßt. Da bekanntlich d’Säüen chläin wi d’Möntschen, wenn nicht sogar besser behandelt sein wollen (was keine noch so entrüstete Ablehnung: ja̦, Tü̦ü̦felsdräck und Lewatööl! wirksam bestreitet), bedürfen sie auch eines bessern Obdachs. Als solches diente, nahe dem Dorf Ins, der Säüeggen. Schon der gleichbedeutende Name im Sank deutet auf die hi̦lbi Lage der Örtlichkeit, welche heute mit etwa vierzig Mannwerk Reben und den für ihre Bearbeiter bewohnbar gemachten Spitalscheuern bestanden ist. An die bessere Haltung der weidenden Borsteriche erinnern auch die Schwịịnbaadi und die einstige Siseler Säumatten.

Es gab also im Großen Moos Stieren- und Scha̦a̦f- und Säühirten. Zu ihnen aber gesellte sich, als der geprüsteste, der Genshirten. Im Lengnauermoos hütete dieser Änten und Gens26 zusammen. Im Erlachischen dagegen macht die zahme Ente ihren zoologischen Namen «Hausente» zur vollen Wahrheit, indeß die Wildänten ebenfalls ungehütet das Moos mit seinen Greeben zum Nachtlager wählt. Aber so balld es aanfa̦a̦t taagen, flụ̈ụ̈gen si ụụf und roden sich hụ̈̆ffenswịịs z’seemen uf dem See̥. Gräben und Bäche suchen ja im Winter auch Gänse auf; und die Feststellung, daß einer an einer Angelegenheit mitbeteiligt sei, kleidet sich in die Redensart: er het óch Gens im Bach. Allbekannt ist das Genslichrụt (Potentilla anserina). Schlechter Wein heißt spöttisch Gensenwasser. Auf die G’freesigi der Gans gründet sich das Kinderspiel «Gens fueteren». Dem zwischen die Knie Geklemmten wird ein kleiner Leckerbissen nach dem andern in den Mund gesteckt, bis er plötzlich durch etwas Widerwärtiges enttäuscht wird. Eben auf die Gefräßigkeit aber rechnete der alte Gänsezüchter. Am wenigsten wegen des Gansenäi; mehr schon wegen der Gensenfeederen, besonders aber um des Gänsebratens willen. Daher alle die sommerlichen Weideplätze für die allzeit schwịtigi Grasfresserin: das Gensenallmendli zu Gampelen; das Genseng’leeger und der bis 1870 beweidete Gensenblätz in Finsterhennen; die Pré de l’Ouye, d’Oyau, Louye, Louyes, Louyaz.27 Auch auf den Gensenachcheren von Ins und in dessen Moosanteil schnatterten einst meh weder tụụsig Gens in den Freßpausen ihr vielsagendes Gágagaag und Gigagaag der Unterhaltung, ihr Gang! als Schreck- und Warnruf, 160 ihr leises Gangangang als Marschlied, oder den einsilbigen Jammerton der abgekommenen Jungen.

Schon um 1852 war freilich ihre Zahl auf den Zehntel gesunken, und noch später war etwa ein sommerlicher Bestand von nemen Dotzend die Regel. Da für die Betti (Betten) die Daunen noch nicht so leicht käuflich waren, mußte man doch Gens ru̦pfen (altinserisch: rạupfen, wie man noch strạupfen, Chi̦i̦rßen strạupfen, abstrạupfen sagt), in halbjährlichen Ru̦pfen ihnen d’Feederen nehn. Etwa zwei Tiere behielt man über Winter zum Züchten.

Die Jungen, welche zum Fressen noch äußerst unbeholfen sich anließen, aber bereits zwäüdeegig ’badet häin und mit ihrem muntern Wesen viel Vergnügen bereiteten, konnten aber selbst in den deckten Hüennerferigen nicht sorglich genug vor den Chrääijen geschützt werden. Es mußte also ein sehr wachsames kleines Mädchen sein, das, mit emen Bitz Broo̥t im Sack ausgestattet, in der fast bloß mit Gänsekraut bewachsenen Flur bim Bandbrünnen die Bruetgans und die ihr anvertrauten eigenen und fremden Gensli überwachte.

Trotz den Kulturschädigungen, um deren willen die Gänse ungern gesehen wurden,28 hat ihren Besitzern jeweils uf’s d’s Neuja̦hr en schöner Profit ụụsḁg’luegt. Galt doch in Neuenburg und etwa auch in Biel jedes der Tiere, die als groo̥ßi Dotschen im Moos zu rascher Mast gelangt waren, g’chöpft und g’ru̦pft (g’rạupft) fünf bis acht Franken.

War das aber auch ein Zug ins Moos am Morgen und vom Moos am Abend! Das ging im richtigen Gänsemarsch, die Läitgans als die vu̦u̦rteristi an der Spitze, die andern etwa von der jeweiligen Nachfolgerin mit dem Schnabel am Schwanze gepackt. Das geschah bisweilen so derb, daß die Gebissene mit lautem Quack! uufgumpet isch.

Am Morgen rief der Hirte durch die Dorfgassen: Géns ụụs! Géns ụụs! Die Eigner brauchten nur mit einem Riegelruck die Ställe zu öffnen, und ohne Verzug watschelte das vom Haus zur Gasse, Trüpplein um Trüpplein zur Herde sich sammelnd, wie hundert Bächlein zum Fluß und Strome. Am Abend löste die Schar auf umgekehrtem Wege sich wieder auf, nachdem die ung’hụ̈ụ̈rig g’freesigen Dierer etwa mittelst vorgetäuschten Hetzens durch einen der außerordentlich gefürchteten Hunde: Deei, dee, dĕ dĕ, Beeri! zu schleunigem Verlassen der Weide bewogen waren. Ung’häißen begab jede Gans, die nicht eine Gans 161 war, sich nach dem heimischen Stall. Die Eigner kennzeichneten allenfalls ihre Tiere mittelst eines um ein Bein geschlungenes Bändli oder eines in eine Schwimmhaut gestanzten Löchli. Im lieben Fri̦i̦den gingen übrigens diese Märsche nicht etwa ab. Die Gensenmännli, Ganser, Geeber hatten auf jedem Hin- und Herweg mit enan͜deren es Hüenli z’rupfen und häin enan͜deren erbissen öppis grụ̈ụ̈seligs. Einmal in Wut geraten, zischten sie, die Federn sträubend, so daß diese sin fü̦ü̦re̥rtsich ’gangen, mit vorgestrecktem Hals heftig an, was ’nen nu̦mmḁn i’n Weeg choo̥n isch, Menschen und namentlich Katzen. Wagten sie gegen erstere keine Schnabelhiebe in die Waden, so häin si mit den Fäcken drin g’schlaagen, dass es fast g’chlöpft und g’chnatteret het wi n es Rottenfụ̈ụ̈r, und daß auch der Nervenstarke verchlü̦pft isch. U̦f Chin͜d, wo sich g’förchtet häin vor ’nen, sị di donnstigs Tierer gsịị wi Tụ̈ụ̈fle. Si häi si bim Zụ̈ụ̈g (Gewand) p’hackt und nen mit den Fäcken d’Chnäü blaau g’schlaagen. U̦ber (über) Fuehrweerch u̦u̦berḁ (ü̦ü̦berḁ), erzählt eine greise Inserin, sị si̦ g’floogen und häin d’Roß erschụ̈ụ̈cht.

Weniger Verdruß erlebte der Hirt auf der Gänseweide, falls er nicht einem vom tödlichen Gensenpfi̦ffi (Pips) ergriffenen, also verhäxeten29 Tier behufs rascher Rettung die aus dem Stielknorpel entstehende Verhöo̥hig abzuschneiden oder auszurupfen hatte,

Ụụstrags Handels (schließlich) het er denn es chlịịns Löhnli uberchoo̥n. Darzue het er en iederen Morgen, und am Sunntig noch äxtra, döörffen in eren iederen Hushaltig ga̦n en Bitz Broo̥t ịịnziehn.30

Über anderweitige Hirtenlöhnung belehrt uns die Gampeler Gemeindsrechnung von 1800. Danach gebührte beyden Hirten jedem ein mas Wein und für 1 batzen Brot. Dazu hat man ihnen der Hụszins zalt mit 2 Kronen 12 Batzen 2 Kreuzer.

162 Das war die alte Mooswäid. Welchen Gegensatz bildet zu ihr z. B. die Weidepraxis der Strafanstalt Witzwil auf ihrem entsumpften Weidegebiet! Hier tummelt sich während der ganzen Vegetationszeit das gesamte Rindvieh, das innert der Jahre 1898 und 1910 von zirka 100 aus 742 Stück angewachsen ist, während die Zahl der Schafe in derselben Zeit von 400 aus 30 zurückgegangen ist, ja eine Zeitlang auf Null reduziert war. In einem so ausgedehnten Betrieb lohnt sich eine mäßige Schafhaltung eben doch insofern, als die von keinem andern Weidetier und von keiner Sense erreichten Gräser und Kräuter in Fleisch und Wolle umgesetzt werden können. Von Weideplätzen aber wie dem Groo̥ßhubelmoos wurden die Schafe durch die Gu̦sti (Jungrinder) verdrängt. So wird der Rasen verbessert, der Boden gefestigt und vereebnet, und die immerhin zur Genügsamkeit erzogenen Tiere geben die für bessere Weide doppelt dankbaren Milchkühe und Zugochsen. Rationell abgegliederte Weidebezirke, den Alplägern analog, sorgen aber dafür, daß geng gnueg z’frässen da̦ isch.31 Zudem bessern Chrü̦üsch (Kleie) und Salz, bei naßkaltem Wetter auch Heu, die Nahrung zweckmäßig auf.

Aber mehr: Witzwil32 besitzt seit 1900 nun auch eine Alp im geläufig gewordenen Sinn der Höhenweide. Es ist die Simmentaler Alp Kilei, von welcher wir später Näheres berichten.

 
1 In den Freibergen, in den Münsterschen Gemeinden Les Bois, Geneveyes, La Joux   2 Verschieden von keltischem calmis, was eine wegen Steilheit meist unbeweidete, dafür gemähte Berghöhe bedeutet. Vgl. Gauchat im Bull. 1905, 1-15; Thomas in Romania 21, 9, 1. Verwandte Namen: Jacc. 74 f. 81.   3 Urb. Mü. 19. 32.   4 Vgl. Gw. 329.   5 Schwz. Id, 2, 1604.   6 Urb. Mü. 10.   7 Schn. G. 21.   8 Ebd. 22.   9 Ebd.   10 Vgl. Gb. 165.   11 Kocher 15.   12 Gb. 280. Vgl. die Katastrophe in Frankreich im Regensommer 1910.   13 Schn. G. 26.   14 Ebd. 27.   15 Stauff. 58.   16 Ebd. 21.   17 Ebd. 27; Schwell. 36.   18 Es gehörte der Landschaft Ins: LBI. 71.   19 Chorg.   20 Sowie das im Herbst 1913 zu Gampelen gefundene Hirschskelett.   21 Also schwach gebogen (wie «der Hase» u. dgl. in Gb.), wie mhd. hirte = Hirte, ahd. hirti, als -ja-Stamm aus hërdô = Herde abgeleitet: der zur Herde Gehörige. (Kluge 209.)   22 Gb. 196 ff.   23 Kal. Ank.   24 Schwzfrd. 1816, 225.   25 Der Wemfall erklärt sich aus der Grundbedeutung (Kluge 217) «schützend zur Seite stehen». Dem Dativus commodi gesellt sich der ältere (z. B. Luthersche) Genitivus causae bei.   26 Lg. 115.   27 Jacc. 241. 315 (zu auca, oie).   28 In Fleurier mußten sie 1675 innert acht Tagen abgeschafft werden. (Jacc. 315.)   29 Stauff. 57.   30 Mündliche Schilderungen von Reubi-Ruedi und Frau Schumacher.   31 Schwz. Alpstatistik 14, 158 f.; Stat. 02, 2, 226 f. 278 f.   32 Kell. W. 18.  
 

Moosheuet.

Der heutige Milchlieferant manglet brav Sträüi. Solche gewähren ihm vorab die Binsen und die (Schilf-) Röhrli, welche am Bodensee und an der Nordsee sorgfältig kultiviert werden1 und im Seeland wenigstens einen wertvollen jährlichen Raub liefern. Der sarkastisch so geheißene Woorbenweizen2 könnte aber nach gelungenen Versuchen auch als Nahrung für Schweine, Schafe und Rinder dienen, wenn er nach Art der Heufeimen eingesäuert würde.

Mit großem Erfolg hält denn auch jeweils im Juni die bernische Staats­forst­verwaltung am Strandboden z. B. des Faane̥l eine Schilfstäigerig ab. Die ebensolche am Häidenweeg aber verzinst jeweilen den Preis, welchen Erlach 1893 für das «Sumpfstück» bezahlte, um den vollen Viertel. Sehr abträglich fällt auch die Lische aus, wenn sie in günstigen Sommern meeterig (meterhoch) wird. Im Winter werden 163 Binsen und Schilf als g’froorni Sträüi über d’s Ịịsch g’määit,3 damit sie nicht mit ihrer Steifheit (Gstaabeligi) den Chüeh d’Ụtter verstächi.

Ebenfalls in den Juni fällt die Moosgraas- oder Mooshäüstäigerig der Gemeinde Ins über sieben Parzellen vor Bruedersgraben, sowie sieben in den Grĕbli- und den groo̥ßen Däilen. Auch hier handelt es sich also um ein nehn, was’s gibt. Immerhin macht sich der Übergang vom Sumft zur Dauerwiese bemerkbar durch das Auftreten mittelguter Futterpflanzen wie des wolligen Honiggrases, des Besenriedes4 (Molinia, S. 116) und des Sauerampfers (das Sụụrimụụs geheißen).

Verschieden von diesem Häümoos (S. 150), in welchem natürlich die Ersteigerer chönnen ga̦n häüen, wenn (wann) si wäin, ist das Grŏß Moos als der Schauplatz des einstigen Mooshäüet. Mit diesem und der vorbeschriebenen alten Mooswäid ist seit der Entsumpfung und Moorkultur ein charakteristisches, wiewohl wirtschaftlich keineswegs zu vermissendes Stück seeländischen Lebens verschwunden.

Im grŏßen Moos het chönnen ga̦n määijen, was het wellen. Nur nicht vor dem zeechenten Häümoonḁt.5 Vormals galt als zeitliche Grenze der erst Augsten, noch früher der zeechent Augsten (Lorä́nzen), und um 1575 die Zeit nach dem 24. Juni («St. Johanns des Täufers Tag»).6 Zuletzt waren der frühste und der späteste dieser Termine eingeräumt. Der Mooshi̦i̦rten, Moosbannḁcht (Moosbannwart) oder Moostụ̈ụ̈fel, wie er im Gepolder der über seine Strenge Erzürnten geheißen wurde, wachte darüber, daß das Määijrächten nicht zur Unzeit ausgeübt wurde, und dass alls in der Oordnnig zuegang. Drei Daag und drei Nächt durfte man dem Moosheuet obliegen. Doch war es den aus weiter Ferne Hergekommenen lieb, d’s Häü grad am glịịchen Daag chönnen z’nehn. Das war bei schönem Wetter auch möglich, wenn mḁn d’s Häü rächt ’gḁumet und gäng dran g’fochten het.

Das het alben zaablet! Und Fräüd het mḁn ghaan in däm Moos! Denn da̦ het mḁn mäṇgisch noch rächt brav chönnen häüen, wenn mḁn sich darzue g’han het. Das geschah denn auch. Man durfte erst um die Mitternacht des ersten eingeräumten Tages beginnen. Allein, mi isch schon am Aa̦bend ga̦ ịịchḁ- oder ịịnschla̦a̦n, d. h. zur unbestreitbaren Abgrenzung des in Beschlag genommenen Stücks mit einem hin und wider geführten Sensenstreich ga,n zäichnen, wo mḁn dü̦ü̦rḁ 164 well. Drụụf isch mḁn denn aafḁ ga̦n ringsed um määijen. Mit Wịịderüete̥lli als Zi̦i̦l wurden wo möglich zuvor die Strecken, die man mit ’dingeten Häüer zu bewältigen hoffte, abg’steckt. Andere hatten vielleicht die nämliche Strecke sich ausersehen und bekriegten nun den, wo isch der ehnder oder eeijer gsi̦i̦n. Mit het enan͜deren g’sablet mit den Seege̥zen. — Die gleich im Moos übernachtenden Mäder hatten ihre Hausgenossen längst verständigt, wo’s öppḁ dü̦ü̦rḁ gang, damit diese ihnen ohne langes Suchen das Frühstück zutragen können. Obendrein het mḁn als Erkennungszeichen denn öppḁ n en Rächen ụụfg’steckt und en roo̥ten oder en wị̆ßen Naasenlumpen dran g’hänkt, oder en Schmaalenschü̦ü̦bel (Schmielenbusch). Denn het mḁn deenn, für zum ässen doch och chläin Schatten z’haan, zwo Gaablen ụụfg’steckt und g’schläsmets (welkes) Gras drüber ghänkt.

Nächtlicherweile, oder wie im Wịtiheuet auf der Grenchener Weite wenigstens rächt früech drịn z’hauen empfahl sich auch sonst. Die mageren Greesli («die Sụụreloudiohee und wị̆ßen Lischenzötteli drüber wi Watten»)7 mußten vom Tau g’hörig iing’säüffet werten. Süst isch d’s Gras ummḁ n ụụfgstan͜den, und kam höchstens den kleinen Na̦a̦chḁstumper zu gut für d’Chü̦ü̦neli. Im Moos bekam es wenigstens en g’schleeberigen Überzug, der es auf die Seite legte. Da hieß es also: ferm fü̦ü̦rahạuen in groo̥ßen Halbmöönd.8 Aber bis am Aa̦bend äm sächsi het eben doch müeßen g’määijt sịịn.

Di Lüt häin das aber och los g’haan! Schon ihri Seege̥zen sịn dḁrna̦a̦ch gsi̦i̦n. Mi het ’nen na̦a̦chg’redt, si siigi verhäxet. Ämmel lang het mḁn mit nen chönnen määijen ohni z’wetzen. Und och d’s Mụụl het mḁn nid lang und nid mäṇgist g’wetzt: wenn z’ringsed um isch g’määijt g’si̦i̦n, het mḁn hurtig es Mụụl voll ịịcha g’stoppet und umma drịn g’schlaagen, wi wenn nụ̈ụ̈d meh guet weer. Äm zeechni het’s Broo̥t und Wịịn ’geen, und gege’n Aa̦bend isch der Häüermäister ga̦n en Suppen chochen.

165 Aber wo het mḁn den g’schla̦a̦ffen, wenn mḁn män’gi Stun͜d von häimen dännen isch gsi̦i̦n? He, da̦ het man schon wehrend dem z’Immbis hurtig en Hụ̆ffen von däm g’määiten Gras, wenn müglich d’s chü̦ü̦rzisten ’zettet, für dass mḁn äm Aa̦bend chönn dru̦ff li̦ggen. Si häin wohl g’wüßt, dass es en Chalberei weer, uf dem bloßen Booden z’ubernachten und denn Sumpffieber (S. 101) oder G’süchti oder süsch öppis Tụ̈ụ̈fels Tumm’s ụụfz’leesen. Drum häin si en Mooshütten z’weg g’macht:9 si häin us dem Häü ḁlsó z’seegen drei Mụụren ụụf’bịịget und di mittlistilso gmacht, daß das Ganzen ung’fehr wi n es Roßịịsen ụụsg’sehn het. Uf der vierten Sịịten het mḁn chönnen d’s Segel von däm Wäidlig, wo mḁn drinn isch ü̦berḁ g’fahren, drü̦ber hänken, un͜derḁ schlụ̈̆ffen und schla̦a̦ffen — wenn’s denn notti10 us dem Schla̦a̦f öppis g’geen het.

Mi mues eeben wüssen, daß von Ruej nid vill het chönnen d’Reed siin. Ämmel äiner het geng müeßen wachen und d’s Fụ̈ụ̈r schalten, wo mḁn vor dem Lager aan’züntet het, für gäng z’wüsse, was öppḁ gang. Da̦ isch gäng öpper parat gsi̦i̦n, für anderen ga̦n Häü z’stehlen.11 Das het chönnen bluetigi12 Händel absetzen; und äinisch isch äiner von Wileroltigen dḁrbii ’töödet worten.

Am zwäüten und am dritten Mittag het mḁn denn in der Mooshütten13 och g’suecht z’schla̦a̦ffen — wenn’s ämmel öppis d’rụụs ggeen het weege’m G’schmäüs von denen Müggen und Flöo̥h, wo äin verbissen häin öppis grụ̈ụ̈sligs, und weegen der förchterligen Hitz. Öppḁ die häin vilicht en chläin chönnen es Nü̦ckli nehn,14 wo z’mäṇgisch dä zinnig Wịịnbächer, wo na̦’m z’Mitdaag15 umg’gangen isch, häin an d’s Mụụl g’hänkt. Das ist drum gar e̥s tu̦u̦rstigs z’Mitdaag g’siin: di gröösti hin͜deri Hammen us dem Cheemi achḁ, und dü̦ü̦rri Boo̥hnen dḁrzue, wo mḁn dahäimen ganz langsam g’chochet g’han het. Da̦ het denn der Vater sịns schweer Sackmässer fü̦rḁ g’noo̥n, het’s an menen groo̥ßen Stäin g’wetzt und denn Bitzen abg’hạuen so groo̥ß wi n en chlịịnni Han͜d. Dḁrna̦a̦ch het er d’s Mässer umma g’macht zuez’chlöpfen und dännen ta̦a̦n und g’rüeft: So, nehmet iez, langet zue!

Z’Mittág z’schla̦a̦ffen häin en Däil so wi so nụ̈ụ̈d bigährt. Denen isch es um’s jaagen z’tüen gsi̦i̦n. Si häin gwüßt, dass es in den Sü̦mft Luivögel (in der Bedeutung Kronschnepfe) gibt und Strandläüffer, in den Röhrli Rallen und Wildänten und Kriechänten. Und da̦ häin si schon wehrend dem häüen dḁrfür g’sorget, daß d’Büchsen nid 166 z’wit dännen sịịg, wenn’s zum z’Mitdaag hoorni. Di g’schoßnen Dier het mḁn denn grad am Mittag drụụf im Moos ’kalatzet. Di ụụsg’noo̥nen und g’rupften Änten het mḁn an ere Schnuer vor dem Fụ̈ụ̈r ’bbra̦a̦tet (oder ’bbra̦a̦ten). Deer, wo der Choch g’macht het, isch öppḁ n uf eren g’höögerigen Tannenwü̦ü̦rzen g’hocket und het sich mit dem Rüggen a’n Stamm aan’drückt. Mäṇgisch het e̥s denn öppḁ noch n en fäißen Hecht g’geen. Dään het mḁn deenn in der Äschen b’breeglet und Hördöpfel dḁrzue! Dass e̥s bi all däm kalatzen nid an ung’wäsch’nen G’spässen g’fehlt het, brụụchen me̥r nụ̈ụ̈t z’seegen.

Aber wenn’s denn mit den Häüfueder gegen häim zue g’gangen isch, denn isch es denn mit der Fräüd am Mooshäüet ụụs g’si̦i̦n! Schifflen wi d’Seebụtzen (s. im Band «Twann») het mḁn nit dḁrmit chönnen, und Weegen sind längs Stück käiner gsi̦i̦n. Mi het müeßen über Sumft und Moos fahren, wi mḁn het chönnen und mögen. Da̦ het es ’s en iederen Augenblick chönnen gee, dass der Wa̦a̦gen bis zu der Achs ịịngheit isch und d’Stieren (Zugochsen) bis an d’Chnäü. Ja̦, mängisch het’s d’Wöögen (Wagen) ̣ụụsg’leert, und denn het mḁn müeßen äin Büntel um der an͜der tra̦a̦gen, gäb mḁn ummḁ n es Fueder het chönnen en Bitz wịters ferggen.

Aber erst rächt en trụụrigen Mooshäüet isch denn das g’si̦i̦n, wenn’s gäng g’reegnet undng g’reegnet het, bis der Karnaal über isch. Denn het mḁn denn mit den Häübeeren (Heubahren) das nassen Gras müeßen bis zum Bandbrunnen ferggen, für’s dört luegen z’deerren. Über den Karnaal isch en Steeg g’gangen, daß d’Lụ̈t häin drüber chönnen. Aber wär denn vill het z’häüen g’haan, het’s denn uf enen Wa̦a̦gen g’laaden und Stieren oder Roß aangspannet; die häin denn durch d’s Wasser müeßen. Di g’waaneten Roß, die sịn albḁ noch g’läitig g’gangen, und mi isch äinfach uf si ụụfg’hocket. Aber di ung’waaneten! Wenn’s in däm lin͜den Boden un͜der ’nen g’la̦a̦n het, denn häin si sich grụụsam g’förchtet und häin zaablet und sị dḁrmit gäng täuffer drịn choo̥n. Mi isch mit den Stieren besser g’fahren. Aber bis mḁn die het dü̦rch d’s Wasser g’jagt g’haan, das het g’spu̦ckt! Da̦ het mḁn denn richtig óch mit ’nen dü̦rch d’s Wasser müeßen watten. Und wenn d’s Wịịbervolch schon het der Chittel ụụfg’steckt, so het’s doch der ganz Daag von z’oberist bis z’un͜derist ab ĭhm ’tropfet, und d’s Hemmdli het en Schleegel g’haan von Dräck. Aber ämmel den Mäitli het das nụ̈ụ̈d g’macht! Die häin noch di blụtten Füeß dü̦rch den Läiterwa̦a̦gen dü̦ü̦rḁ g’steckt, für si chönnen dü̦rch d’s Wasser z’schläiken. Es nimmt äi’n nu̦mmḁn Wun͜der, dass mḁn nie nụ̈ụ̈t (keine Krankheit) ụụfg’leesen het.

167 Äntlich isch denn äin Wa̦a̦gen um der an͜der in d’s Dorf ịịchḁ g’fahren. Da̦ häin d’Lụ̈t zu allnen Pfäister ụụsḁ g’luegt. Und d’Mannen sịn mit der Pfị̆ffen im Mụụl chŏn dḁrhee̥r z’trappen und häin es Hämpfe̥lli Häü ergriffen und g’lost, gob es chrụ̈ụ̈spe̥lli (leise rausche) und ’s an d’Nasen g’haan und öppḁ g’säit: He wohl, es isch noch rächt es stịffs Häüli! oder denn: O wetsch! das isch wüest b’reegnet! es g’seht ụụs, wi wenn’s si̦i̦ben Mal hätt g’chöört (an Samstag Abenden) Fụ̈̆ra̦a̦bend lụ̈ten! Nu̦mmḁn d’Bueben häin nụ̈ụ̈t dḁrzue g’säit. Die häin g’hu̦lffen abladen wi d’s Bịịsenwätter, und geb (bevor) der Häüstock an d’First ụchạ g’gangen isch, sịn si bi’m daarleggen («fu̦ḷḷen»)16 drü̦ber überḁ g’gumpet wi d’Fü̦lli (Fohlen) uf der Wäid.

Ganz andere Bilder bietet nun die Heuernte auf dem entsumpften, mit bessern Gräsern bestandenen und ordentlich fahrbar gemachten Moos. Da kann man in guten Juni- und Julitagen Hunderte schwerer Fuder sich langsam heimwärts bewegen sehen.

 
1 Fr. Schr. 331.   2 Vgl. die Wachholderbeeren als «Schwantebuechchriesi»: Gb. 234.   3 F. im Berner Intelligenzblatt.   4 Besonders bemerkbar auf dem Gut von Notar Wyß in Lyß (s. u.).   5 Frau Schumacher.   6 Urb. Mü. 75.   7 Lg. 177.   8 Ebd.   9 Favre. 545.   10 Ungefähr svw. «wirklich».   11 Favre. 157.   12 Ebd. 143. 175.   13 «Aux grand Hôtel du Chablais»: Favre. 132.   14 Ebd. 127.   15 Bemerke: das z’ Midaag als Mahlzeit, der Mittág als Tageszeit.   16 Vgl. Lf. 81.  
 

Im Torfmoor.

Es brönnt im Moos! Diese Schreckenskunde ließ sich zwischen Kerzers und Ins schon mehreremal vernehmen. So seit dem 24. April 1893, wo 200 Jucharten Tu̦u̦rben mit Vernichtung bedroht waren,1 und ihr etwa 50 Jucharten bei Cheerze̥rz binnen vierzehn Tagen wirklich verfielen. Es ging allerdings bloß minderwertiges Material zugrunde. Am 9. Juli 1902 zerstörte ein neuer Brand 3-4 ha zwischen Witzwil und Sugy; ein größerer Schaden konnte durch Aufwerfen von Greeben verhütet werden. Kleinere Brände entstehen etwa in heißen Sommern wie 1911 durch das ụụsleeren von Breemencheßlen (an die Wagendeichsel gehängte Kessel voll rauchender Stoffe zur Vertreibung der die Pferde quälenden Bremsen).

Turbenhütten im Insmoos

Unwillkommene Zeugnisse der Brennbarkeit des Torfs! Die Tu̦u̦rben, dies verzwoorgget Gewirr halbverwester Pflanzenreste (S. 103 ff.), ersetzt denn auch im Seeland das immer teurer werdende Brennholz zu sehr großem Teil. Und wäre nicht der durch tü̦ü̦rbelen2 ausgebeutete 168 Boden nachher ein trefflicher Ackergrund, so läge die Frage nah, göb es sich nid wurd räntieren, den Torfboden als solchen sich erneuern zu lassen, wie den Waldboden. Zumeist müßte allerdings der zwischen Praktikern und Theoretikern waltende Streit, göb’s z’machen sịịg, erledigt werden. Jene behaupten: Ja̦, diese: Nääin! Die letztern weisen auf das 7 km lange und 1,4 km breite Brüttelen-Hagni-Epsḁch-Walpertswil-Moos hin und sagen: solche si̦i̦benmeetrigi Tuurbenblätzen, die beim Vorüberfahren selbst unschwerer Wagen wie eine federnde Matratze auf und abwiegen (waggelen), konnten erst im Verlauf von anderthalb Jahrtausenden entstehen, und das erst noch bloß unter günstigsten Umständen.3 Und da der Stoff wi täüffer wi besser isch, während Schichten von bloß öppḁ n en Schueh Täüffi höchstens guten Gemüsedünger und brauchbare Turbensträüi liefern, ist für lohnende Torfausbeute eine gewisse Mächtigkeit erforderlich. Dagegen behaupten Praktiker: Jä wohl! Us Sumpf gibt’s gäng u̦mmḁ Tu̦u̦rben! Und zwar so rasch, dass es sich in acht Ja̦hr guet um enen Schueh lü̦pft, b’sun͜ders wenn der Wasen blịịbt. So erneuert sich in 50-70 Jahren ein Torflager in alter ansehnlicher Dicki. Unser Gewährsmann4 wies zum Exempel auf die Hofmatt hin, wo Belassung des Abraums und einer untersten Torfschicht sozusagen als Tu̦u̦rbensa̦a̦mmen das «Wunder» bewirkten. Als Fluren so benannte Tu̦u̦rbensti̦i̦chen zu Siselen und (einst dem Faane̥l zugehörige) auf dem Witzwiler Gebiet können den 169 Beweis nicht mehr erbringen. Auch nicht die von Witzwil und Tannenhof (auf welch letzterm im Sommer 1912 444 m³ Torf sin ụụsa ’ta̦a̦n woorten).

Vor der Urbarmachung bieten die ausgebeuteten Stiche noch den Nebengewinn von Ịịsch (Eis als gefrornes Tu̦u̦rbenwasser), sowie die Gelegenheit zum schlịffschuehnen und zịịben, zịịslen (glitschen), wohl auch zu weihnächtlicher Illumination (S. 111).

Im Turbenstich Witzwil

Die Urproduktionsart des Tu̦u̦rben stächen aber vergegenwärtigen wir uns nun auf einem Torfstich in der Nähe der Tuurbenhütten, welche auf dem Gampelenmoos sich zu einem kleinen Hüttendörfchen vereinigen.

Die Arbeit vollzieht sich von aanfangs Mäien bis z’letst im Augsten. Vorher ausgehobener Torf würde den Spätfrösten des Mooses erliegen und als erfroornig sich durch rote Farbe verraten. Zu spät ausgehobener Torf la̦a̦t sich nimmehr deeren. Die vier Monate müssen also in strammer Arbeit ausgekauft werden; sei’s bei der schwülen Mooshitze, wo der Schwäiß z’Bächli-wịịs von der Stirnen und vom ganzen G’sicht aachḁ rü̦nelet und d’Fläügen und d’Muggen äim fast frässen; seis unterm tollen Dahinfegen der Winde oder unter 170 anhaltendem Sprühregen. Nu̦mmḁn wenn’s grandig chunnt, gäit mḁn z’Scheermen.

Der Tüürbeler oder Tuurbenstächer beginnt mit dem Abmessen einer Aushubbreite von acht Fuß; das ist der Karnaal. Seine Länge ist die Breite des für den Sommer in Arbeit genommenen Stücks. Rasch wird der Wasen abg’hacket und der schlecht vertorfte Tuurben heert abg’schụụflet, bis ’s aanfa̦a̦t glänzen. So wird eine etwa fußtiefe Abrụụmeten zu beseitigen sein. Das heißt abdecken. Nun kommt das voorstächen. Der Voorstächer: eine fußhohe und sechs Zoll breite spatenartige Schụụflen mit bequemer Handheebi am Sti̦i̦l mit starker Dülle, dient mit Hülfe des Mees zum Bestimmen des Gängli. Das ist die Länge eines frischen Torfstückes, eines Tu̦u̦rbenbitz oder kurzweg: einer Tu̦u̦rben (vgl. «das Brot» und «der Käse» als Laib). Sie beträgt zwölf Zoll (36 cm) bei drei Zoll Breite und drei Zoll Höhe, welche Maße beim Eintrocknen auf zwei Drittel oder gar die Hälfte zurückgehen werden. Das Gewicht aber schwindet, wenn es sich um gute, schwarze Ịịsentu̦u̦rben handelt, von etwa sechs Pfund auf ein halbes Pfund.

Neben Wasser, das beim Trocknen des Torfs von 90 auf 15% zurückgehen kann, zeigt der letztere 8-10% mineralische Beimengungen, die beim verbrönnen als Tu̦u̦rbenäschen zurückbleiben. Sie veranlassen mit ihrer Färbung die volksmäßige Unterscheidung von schwarzer und roo̥ter Tu̦u̦rbe. Jene gilt als älter und fester; diese wird zugleich als schwu̦mmelig («schwammicht») bezeichnet und von der wu̦lligen unterschieden (S. 111 ff.).

Nun wird das Tu̦u̦rbenschụ̈ụ̈feli zur Hand genommen: eine an geebigem Stiel befestigte Schnịịdi von Torfstücklänge mit rechtsseitig senkrecht aufgesetztem Öhri von Torfstückhöhe. Beide sind scharff wi Rassiermässer, ohne jemals der Schärfung zu bedürfen; solche erteilt ihnen während der Arbeit die Humussäure des Torfs.

Das Stächen vollzieht sich stötzligen: senkrecht von oben hinunter mit dem etwas abweichend eingerichteten Stötzligịịsen, oder li̦ggligen: waagrecht mit dem Li̦ggligịịsen. Die erstere Grabart empfiehlt sich für zeeijen (zähen), die letztere für brü̦ü̦chigen Torfstoff. Jene bedingt einen Stächerlohn von Fr. 1.40, diese einen solchen von Fr. 1.60 für hundert Höck zu je acht Torfstücken.

Man möchte stundenlang zusehen, wie dĭ̦fig das Werkzeug durch den speckig glänzenden dicken Brịị fährt, und wie es Stück um Stück in elegantem Schwung dem jungen, wohl noch schulgenössigen Abnehmer zuwirft. Dieser faßt sie mit erstaunlicher Sicherheit auf, so daß kaum 171 eines verheit, und schichtet (bịịget) sie im Stooßbeerli, um sie auf den nahen Tröchniplatz zu verbringen. Je zwäü Gängli geen en Beereten.

Zum Trocknen werden die Stücke um einen kurzen Pfahl als Stütze recht dü̦ü̦rchzü̦ü̦gig ụụfg’höcklet, falls nicht ein ganz trockener Sommer das deerren in Monatsfrist ohnedies ermöglicht, und wo nicht eigener Verbrauch das derart erleichterte Einzählen unnötig macht. Denn hundert Höck zu acht Bitzen machen einen Meter (m³) aus, der ab Ort etwa fünf Franken zu gelten pflegt. Danach bemessene Ladungen, von 2 m³, auf rasselndem Gefährt nach Neuenburg gefahren, werden dort unter dem Namen bauche, umgedeutscht als Tu̦u̦rbenbu̦sch, entgegengenommen.

So ein Tröchniplatz mit dicht nebeneinander aufgeschichteten Höck kann an stark bewölkten Spätsommertagen sehr wohl aus einiger Ferne wie eine kleine Kumpanei Soldaten mit Kapút und p’hacktem Sack anzusehen sein. Das machten in den westschweizerischen Truppenübungen des Septembers 1911 Soldaten der «blauen» Armee sich zunutze. Sie hingen solchen Höck weiße Bänder um, wie die Truppen der feindlichen Armee sie markierend um den Helm trugen. Richtig erschöpfte eine regelrecht ausschwärmende Waadtländer Kompagnie erst ihre Munition mit Salven auf die mit stoischer Ruhe jede Annäherung Erwartenden, und dann die letzte Kraft mit wütendem Bajonettangriff. Nun erst sịn sie drüber ịịntroolet, wie mḁn si g’fụxt häig.

Torfstücke, die in nassen Sommern trotz fleißigem chehren nie z’grächtem trochnen wäin, zerkrümeln leicht zu Tu̦u̦rbeng’rü̦ll. Solches wird hin͜der dem Horn bei Kerzers zu Tuurbencheesli oder Modeltu̦u̦rben geformt: eine Prozedur, die sich besser lohnt, als die 1857 zu St. Johannsen begonnene Kondensation und das zu Hagneck versuchte künstliche tröchnen. Auch die zu Brügg in Betrieb gesetzte Stächmaschinen verdrängte nicht die Handarbeit, deren Geduld und Intelligenz in manch einem Gewerbe doch immer noch oben ụụs schwingt.

 
1 Taschb. 1896, 261.   2 Diese Verbalbildung festigt die Dialektform Tu̦u̦rben, welche gleich it. torba, frz. tourbe usw. sich an die im niederdeutschen «Torf» erhaltene Lautstufe t- lehnt. Vor derselben sind die altalemannischen Verschiebungsformen (Graff 5, 706) mit z-: zurba, zurft, zurf, zturf, zcruf, zuruft, surfo, curffo, curffodi wieder verschwunden. Die Grundbedeutung war: (verworrner, verfilzter) Rasen. Kluge 461. Vgl. noch das Zu̦u̦rpfiwääsen unter «Rüstig».   3 Schn. 75.   4 Wie Reinhard in Ins, dem wir die meiste technische Belehrung während seiner ungestört fleißigen Arbeit verdanken. Vgl. auch Le Foyer domestique 1899, 126 f.  
 

Witzwil im Großen Moos.1

I.

Der Maler Anker stellt im «Sonnenuntergang» einen würdigen Greis2 dar, welcher, unter dem mächtigen Chestenenbạum der 172 Pfruendhụụs-Terrasse zu Ins sitzend, mit stillem Sinnen ausschaut über die vor ihm ausgebreitete Mooslandschaft. Gedachte wohl der einsame Beschauer von seiner luftigen Höhe aus der Wandlungen, durch welche die stundenweite Ebene gegangen ist?

Wenn man von Einst und Jetzt im Großen Moose redet, so mäint mḁn mit dem «Äinst» in der Regel die Jahre vor der Jura­gewässe­rkorrektion (S. 81 ff.),

Zeugen der Urgeschichte gibt es eben im Moos z’seegen weenig. Doch reden dört um enan͜deren, wo d’Brue̥ijen i’n Neuenburgersee̥ lạuft, noch vorhandene Pfööl von einer Pfahlbausiedelung (siehe «Twann»). Nicht weit davon finden sich so viele Bruchstücke römischer Zieglen, daß man wohl auf eine dortige Milidärstazion schließen darf. An ihrem täüffen Stäinbett ferner erkennt man die Römerstra̦a̦ß von Aventicum nach dem Jura, welche als der Mạuriweeg, das Mạuri, das Mạur den oberisten Däil des Großen Mooses durchquert. In der Nähe des Gütchens Tonkin3 stößt sie an die Broye. Hier zeugten noch vor wenigen Jahren starke Pfähle von einer römischen Brügg. Ob die Burgunder, welche 1476 sich von Murten flüchteten, diesen Übergang ebenfalls benutzten, chann mḁn richtig nịmmehr seegen. Beim acherieren aufgefundene Münzen aus jener Zeit beweisen jedenfalls, daß die einsame Gegend von den damaligen kriegerischen Ereignissen am Fuß des Jura ebenfalls berührt wurde. Die bei der Urbarisierung des Mooses in großer Zahl zutage geförderten Eichenstämme (S. 103 f.) lassen vermuten, daß in weit zurückliegenden Zeiten das Moosrevier mit Wald bedeckt gewesen sei. Es bildete damals vielleicht (v’lịcht) das Jagdrevier der am Neuenburgersee angesiedelten Pfahlbauer. Ein Dorado der Jäger (s. u.) blieb es jedenfalls bis in die Zeit, wo es entsumpft wurde. Es war wohl in der Hitze der Geflügeljagd, als einem Jäger das gläserne (gleesig) Pulverhorn mit der Jahreszahl 1794 verloren ging, welches der Pflug hundert Jahre später wieder zutage gebracht hat. Die Geflügeljagd besonders war dankbar in der oftmals überschwemmten Niederung. Und wenn auch heute die Änten und Schnepfen (Einzahl: der Schnäpf) auf dem bebauten Land ihr Heimatrecht verloren oder aufgegeben haben, so bildet doch der einsame Seestrand dem Broye-Damm (Walm) entlang eine so günstige Wohn- und Nistgelegenheit der Wasservögel, daß sie sonst 173 nirgends (nienen) in der Schweiz in so vielen Arten sich ansiedeln. Ihnen ist daher ein bedeutender Landstreifen als ungestörte Heimstätte gesichert worden.

 
1 Den (zumeist wörtlich wiedergegebenen) Grundstock dieses Abschnittes bildet der autoritative Aufsatz «Die Kultivierung des Großen Mooses mit besonderer Berücksichtigung der Domäne Witzwil», von Herrn Direktor Kellerhals. Eingeflochten sind als sachlicher Beitrag: Erinnerungen an den Hauptbegründer und Namengeber Witzwils; als sprachliche: Mundartformen aus Gampelen und (die Lebensskizze von Notar Witz) aus Erlach. Vgl. auch Le Foyer domestique 1899, 155 ff.   2 Pfarrer Haas in Gampelen († 1896).   3 Launenhafte oder launige Erinnerung an den deutsch-chinesischen Feldzug von 1901; vgl. «Tripolis» am Münster-Grenchen-Tunnel, «Krim», «Yalta», den «Suezkanal» zu Tschugg (S. 143), die Pension Montmirail (Mụmmeral) bei Epagnier (S. 19), und die verschiedenen Ló̆reenen (Lorraine) zu Tschugg, die Coopersche zu Bern usw.  
 

II.

Im Herbst und Frühjahr war das Moos meist Sumpf und See. Wenn aber das Wasser endlich sich verlaufen hatte (sich verlü̦ffen g’han het), so lag wochenlang eine graue, trostlose Einöde da, bis dann unter dem Einflusse sommerlicher Hitz die Streuegräser (Scha̦a̦fgaarben, Gäisläiteren, Röhrli d. i. Schilf, die schlechte, scharf schneidende Saareten, S. 109) sich schnell und üppig entwickelten. Innert kurzer Zeit bildete sich eine grüne, wogende, zum Schnitt reife Wiese. Dann entfaltete sich für einige Zeit ein reges Leben auf der sonst so stillen Weite (S. 163 f.). Lange vor Sonnenaufgang rauschte die Sense. Ein Mäder suchte den andern an Fli̦nggi (Schnelligkeit) zu überbieten. Die Ernte war jedoch im Verhältnis zur Wịti oft gering. Ja, in trochenen Ja̦hr het’s gar nụ̈ụ̈d geen. In nassen Summeren denn hingegen so vill, dass mḁns nid alls het mögen g’määijen. Denn sịn denn im Früehlig Bueben g’gangen und häin’s aanzüntet. Hunderti von Jụụcherten häin da̦ ’brönnt.

War aber auch die Ernte klein: sie erforderte mindestens keine Opfer. Es ist daher begreiflich, daß in den umliegenden Ortschaften die Jura­gewässe­rkorrektion anfangs durchaus nicht als Wohltat begrüßt wurde (S. 138), da einerseits der Heu- und Streueertrag stark zurückging, und anderseits die interessierten Ortschaften hohe Beiträge an das Kulturwerk leisten mußten (S. 140 f.). Mit der Regelung der Wasserverhältnisse blieben eben die periodischen Überflutungen aus, und den Gräsern und Streuepflanzen wurden die wichtigsten Wachstums­bedingungen entzogen. In dem trocken gelegten Boden gelangten sie nicht zur Entwicklung, und das kümmerlich sprießende Gras lohnte kaum mehr die Mühe des Mähens.

III.

Heute erscheint es uns nun als selbstverständlich, daß die Jahr für Jahr unabträglicher werdenden Moosflächen mit ihrem schwarzen Heert zum Tragen reicher Ernten wie geschaffen schienen, und daß die Idee aufkam, sie in fruchtbare Äcker und Wiesen umzuwandeln. Immerhin war solches Unternehmen ein gewagtes. Die Bevölkerung der Moosdörfer gewöhnte sich doch lange nicht an den Gedanken, daß dort nun gepflügt (z’Acher g’fahren), g’sääit und g’summeret werden sollte, wo während Jahrhunderten die Natur allein Meister gewesen war.

174 Einige tatkräftige und weitschauende Männer verwirklichten aber doch den Gedanken, und zwar sogleich in kühner Ausdehnung.

An der Spitze der Vereinigung standen Gutsverwalter von Fellenberg-Ziegler, Gerichtsschreiber Rösch, Sachwalter Wildbolz, Bankpräsident und gewesener Bundesrat Stämpfli, sowie der Notar und Rechtsagent Friedrich Emanuel Witz (14. September 1819 -1887, Februar 14) von und in Erlach. Dieser war die Seele der Unternehmens.

IV.

Sịn Vatter, der Húetmacher-Witz, isch en einfacher Maann gsi̦i̦n und het us dem Suhn och n en einfachen Schrịịber wellen machen. Dḁrfür het er ’nḁ, wo n er z’Erlḁch isch us der Schuel choon gsi̦i̦n, zu ’menen Notar z’Nidau in d’Lehr ’gääben. Der Jakob Stämpfli von Wengi, der spääter Bundesrat, het óch grad mit ihm g’lehrt; und von dắ här isch är mit ihm äng befründet bli̦i̦ben sịr Läbtig. Schrịịber hein richtig schon denn die beiden nid gäng ’dänkt z’sịịn. Si hein nääben zuechḁ d’s Rächt g’studiert us Lịịb und Lääben; der Bụụrensuhn Stämpfli für Fü̦ü̦rspräch und der vermögenslos Witz für Rächtsagänt und Notar.

Notaren het’s denn im Erlach Amt nid so mäṇgen ’gään wi iez. Drum het der Witz dran dänkt, in si’m Vatterstedtli es Bụ̈roo ụụfztuen. Aber an der Sprachgränzen het er richtig och müeßen französisch chönnen. Wi het er das fü̦ü̦rg’noon ohni Gält? Är isch uf guet Glück uf Lŏ́sane und het sich dört bi̦ si’m Brueder Sammeel es ganzes Jahr lang als Chällner verdinget. Dḁrmit het er richtig d’Sprach guet und gründlich g’lehrt, besser wi mängs P’hänsionsdöchterli, wo vil Gält fü̦ü̦r i̦ns ’zahlt wirt. Är het in Verhandlungen, wo Dụ̈tsch und Wältsch wi Chrụt und Rüeben dü̦rch enanderen ’gangen isch, gäng an ei’m müeßen der Dollmätsch machen. Dän glịịch Flịịß und Ịịfer het er du och g’haan für sịns Bụ̈̆roo. Är het di G’schäft, wo mḁn ĭhm het übergään, prompt und g’wüssenhaft erlediget; und balld het’s fast e̥kein Brozäß im 175 Amt und drum ụmmḁ g’gään, wo nid ein Partei ihn g’noon het, und sälten en Verschriibung, wo n är nid ’berchoon het.

Aber sị’r ganz apartigen Taatchraft und sị’m g’meinnützigen Sinn, wo nid hurtig sị̆nes glịịchen g’funden het, isch di Bürotäätigkeit z’weenig g’si̦i̦n. Es het noch öppis anders müeße dḁrnääben gaan, wenn e̥s ihm schon kein Profit ịịntreit het.

Är het zur Wasserversorgung der Aanstooss ’gään und bi der Erstellung mitg’hu̦lffen.

Für Verdienst in d’s Stedtli z’bringen, het er d’Uhrimacherei ịịng’füehrt. Da̦ het mḁn noch di ganzi Uhr g’macht von der Schalen aan bis zum na̦chḁtraagen im Schịleedäschli. Der Herr Brennịịsen (Brenneisen) und sịn Dochtermaan Hochuli hein du̦ di schöni Industrịị wịter g’füehrt und dem Stedtli erhalten, wenn och in anderen Branschen (Pierristerie, s. im Band «Twann»).

Darna̦a̦ch het er alls aang’setzt, für dem Stedtli us sị’r Wältabg’schi̦denheit und us sị’r abg’fahrnen Laag ụsḁz’hälffen. D’s «Dornröschen» het ụs sị’m längen, längen Schlaf sollen erwachen und sịn früecheri Bidụ̈tung ụmmḁ ’berchoon. Drum, wi der Witz isch i’n Burgerraat und i’n G’meinraat choo, spööter och i’n Großraat und i’n d’Verwaltung von mehreren Anstalten, het er g’luegt, en richtigen Verchehr z’wäägz’bringen. Erlḁch, wo jetzen von Eiß mit der Bahn uf Bärn und Neuenburg chann fahren und über Neuenstadt im Summer bis gan Biel mit eren ganzen Flottillien von Dampfer und Dampferli, het denn noch nụ̈ụ̈t g’haan weder d’Segelschiff und Barchen für wenn öpper dän dräckig Umwääg über Landeren g’schü̦ü̦cht het. Da̦ het är dran ’tri̦ben, dass en Hafen und en Ländti erstellt worden isch und het nid lu̦gg g’laan, bis en Dampfschiffverbindig zwüschen Erlach und Neuenstadt in’s Läben g’rüeft worden isch. Wo d’s ersten Dampferli «Union» g’fahren isch, het er das schon ni̦mme̥hr g’sehn; aber är het doch vorhär noch alles schön chönnen z’wäg reisen und zum Abschluß bringen.

176 Und wo n äär du̦ fast sịns ganzen Vermögen het im Moos (S. 182) verlochet g’haan, het er doch noch eins g’meinnützigs Wärk g’stiftet. Wo dürch d’Jura­gewässer­korräkzion der Heidenwääg isch über d’s Wasser choon (S. 23), hein du d’Lüscherzer um d’Petersinsel um müeßen gan chehren, wenn sie mit dem G’mües hein wellen uf Neuenstatt z’Märit fahren. Für jetzen denen di verlorni Verbindung mit der anderen Seehälfti wider z’gää, het der Witz en Kanal la̦n graben, wo si jetz mit den Schiffli wider dü̦rḁ chönnen. Wil ihm z’grächtem niemmer het wellen hälffen, het är dän Durchstich völlmig uf eigeni Chösten gemacht.

Jez verstanden mer erst, us welchem Geist ụsḁ äär hinder sịns Hauptwärk isch, wo sịn Namen treit. Äär und der Jakob Stämpfli, sịn Studienfründ, hein der glịịch groß Sinn g’haa: der Uuswandererstrom zrụggz’halten und denen Tụụsigen von früschen, jungen Chräften, wo däänwääg dem Land verloren gangen, es neu’s Amerika in der Heimat aanz’wịịsen. Und denn het mḁn z’Bärn ja och all Tag di Blaauhụ̈sler us dem Zuchthụụs an der Aarbärgergaß und am Bahnhof annḁ gseh z’Chu̦ppelenwịịs mit den Lastwäägen denen Öölgötzen und sälbstgrächte Pharisäer an der Nasen vorbịị fahren und der Rästen vom Ehrg’füehl, wo si noch g’han hein, verlü̦ü̦ren. Da̦ hein sie ’dänkt: Was an denen z’retten isch, chann nummḁ gerettet wärden, wenn si dem Pavel ab der Nasen und us den Mụ̈ụ̈ler sịịn. Und so het mḁn schon denn sụ̈ụ̈ferlichn Gedanken g’fasset, wo du̦ frịịlich erst vill spääter verwirklichet worden isch (S. 183 f.); d’s Zuchthụụs g’hört in d’s großen Moos! Mir machen dört en Mueterkolonịị und gäben si als neus Amerika in Lächen denen entlassenen Strääffling, wo wider wein z’Ehren choon und in der Wält niemmer hein. Und die im Zuchthụụs solli denn gäng neui Kolonịịen gründen, bis d’s Moos däwääg bevölkeret isch.

Dḁrfü̦ü̦r isch der Witz och dem Doktor Schnịịder (S. 125 f.) mit Liib und Seel bịịg’standen. Är het di hinderhält’schen und mißtreuen Lụ̈t für d’Entsumpfung g’suecht z’gwinnen, wi n er chönnen und mögen het. Und wi der Schnịịder der Entsumpfung d’s Läben und ’s meist Vermögen (S. 132) g’opferet het, so het der Witz ämmel sịns Gält in d’s entsumpften Moos g’steckt, für daas der Kultur z’erschließen.

r Maan het, für daas z’wääg z’bringen, d’s Mönschenmü̦glichen ’taan. All Daag isch är in das Moos ụsḁ, für ga̦n z’luegen und ga̦n z’bifählen und ga̦n z’sorgen. Späätistens am fụ̈ụ̈fi isch er ụụf und in d’s Büroo ga̦n d’Sach rüsten für d’Schrịịber. Nachhär isch er uf sịns Burbaki-Schü̦meli, wo n er den Franzosen Anno Einendsi̦i̦benz’g het abg’chauft und zwääg g’fueteret, und hụ̈ụ̈! furt di zwoo Stund in d’s Moos!

177 Wḁrum z’trotz däm ung’hụ̈ụ̈ren Flịịß, wo n er och hie zeigt het, us däm Moos z’erst noch nụ̈ụ̈d het chönnen wärden, wei mer jetzen g’sehn. Är sälber het under däm Mißerfolg am meisten g’litten. Aber är isch ụụfrächt ’bli̦i̦ben. Wenn är schon in däm Witzwil sins Vermögen verlochet und däm Undernähmen zächen volli Jahr von sị’m Läben g’widmet het, so isch er sich dessen nie g’reuig g’si̦i̦n. Där Mißerfolg het ’nḁ drückt, aber nid erdrückt und nid erbitteret. Das het d’Freud an der Arbeit chönnen, und d’Freud am Würken für d’s G’meinwohl, wo ihn nit verlaan het bis an sịn Tod.

V.

Witz und seine Genossen gründeten eine Aktien­gesellschaft und erwarben von verschiedenen Gemeinden das mehr als zweutu̦u̦sig Jụụchḁrten große Gebiet, welches als oberistern Eggen des Großen Mooses bis an den Neuenburger See sich hinzieht. Eben Witzwil.

Die Aktien, welche sie wegen Erschöpfung der eigenen Mittel nicht für sich behalten konnten, an Mann bringend, schritten die Unternehmer hoffnungsvoll an ihr Werk. Zu einer Zeit, wo alle Welt geblendet war durch die riesigen Erfolge des Ackerbaus auf dem jungfräulichen Boden Amerikas und der «schwarzen Erde» von Rußland («Rueßland»)! Was Wunder, daß sie von vornherein annahmen, auch das neue n Amerika brụụchi nụmmḁn z’Acher fahrens, um zu einer Goldgrube in Form einer Kornkammer zu werden. Nun handelte es sich aber dort um Böden mineralischen Ursprungs, welche in den Niederungen der Flußgebiete angeschwemmt waren, während das Große Moos pflanzlichen und tierischen Ursprungs ist (S. 106 ff.). Es ermangelt mithin vollständig (kompleet) der zum Pflanzenbau unumgänglich notwendigen Mineralstoffe.

Dies festzustellen, hätte es, wenn nicht eines G’studienten, so doch eines geübten Praktikers bedurft. Allein, in ihrem Optimismus dachten die Gründer von Witzwil wohl nicht daran, der Boden la̦n z’ un͜dersuechen. Si häin drum nid chönne wüssen, daß seit 1865 der Gutsbesitzer Rimpau in Kunrau (Preußen) mit großem Erfolg ähnlichen Moorboden urbarisierte und bewirtschaftete, so daß sie sich an seinem Landgut hätti chönnen es Muster nähn. Statt dessen stellten sie selber kostspielige Versuche an, wo ’nen tụ̈ụ̈r choon sịịn.

Wenn ihnen aus diesem optimistischen Vorgehen ein Vorwurf gemacht werden kann — si sịn halt en chläin drịn g’sprungen, anstatt als gueti Berner z’dänken: nụmmḁ nid g’sprängt — so sprechen für sie gewichtige Entlastungsgründe. Z’erst aanfḁn mues 178 mḁn säägen: Um jene Zeit, ụụsgehnds der Sächz’gerja̦hr, beschäftigten die wissenschaftliche Erforschung und die Kultur des Moosboden die Gelehrten noch nicht. Sodann waren die künstlichen Düngmittel noch nicht bekannt, die Salzlager in Staßfurt noch nicht erschlossen. Die Kalisalze feierten überhaupt erst im Jahre 1912 ihr «fünfzigjähriges Jubiläum». Verschwịịgen denn, daß damals jemand in der Stadt Bern an die im Jahr 1914 endlich ins Werk gesetzte Kehrichtabfuhr nach dem Strandboden von Witzwil gedacht hätte. Es fehlte somit an den Grundbedingungen zum Gedeihen des Unternehmens. Endlich waren weder die Hauptgründer noch die Betriebsleiter Fachleute. Eeben drum hätte man freilich der Unternehmung den anfänglichen Charakter eines bescheidenen Versuchs geben sollen. Statt dessen fuhr man gleich mit vollen Segeln aus in das unbekannte Land. Es wurde alsbald so viel Erdreich erworben, wi mḁn nu̦mmḁn het chönnen überchoon. Es geschah schon, damit nicht anstoßende Eigentümer nach Erkenntnis der Erfolge ihren Moosbesitz mit den ergü̦ggeleten Vöörtlen angeblich eigener Erfindung bearbeiten. Gerade so gemeinnützig veranlagte Männer wollten verhindern, daß pfiffiger Eigennutz ohne eigene Opfer sich die teuer bezahlten Erfahrungen der Pioniere zunutze mache. Und die Ereignisse der folgenden Jahre kamen ihnen entgegen. Die von ihnen geübte Ausdehnungspolitik stellte sich in den Dienst einer geradezu idealen Gemeinnützigkeit: für den vom Staate Bern eben jetzt in vollem Ernst angestrebten Zweck eines rationellen Strafvollzuges war ein so großes arrondiertes Gut mit so viel Arbeitsaufgaben wie geschaffen (S. 183).

Zu dem Ende mußten freilich eine Reihe Aufwendungen, die weder für die Gegenwart noch für die Zukunst Vorteile brachten, gründlich aus dem Gutsbetrieb ausgeschaltet werden. Gründlich, weil eben sie den Ruin des Unternehmens beschleunigt hatten und damit als Warner für die Zukunft dastanden.

Der Dampfflueg zunächst konnte trotz den eigens für ihn errichteten Stationen nichts ausrichten, weil einmal n lu̦gg Booden die schwere Last auch so nicht trug, und weil die begreiflich nun erstmals zum Vorschein kommenden eisenharten Äichenstöck und -stämme (S. 104) den mit Vehemenz durch seine Furchen gerissenen Flueg verchäibet und verplitzget und i’n Grund-Booden aachḁ vertụ̈ụ̈flet häin (S. 189). Man mußte ihn wieder zu veräußern suchen, wi mḁn chönnen und mögen het.

Ein fernerer Mißgriff war die massenhafte Einführung reinrassiger fremder Schafe (von frönden Scha̦a̦f) statt der Aufzucht und Haltung von rụụchen Tier, welche das schlechte Moosfutter (S. 153 ff.) wirklich 179 mit Profit in Wolle und Fleisch für bäuerlichen Gebrauch umgesetzt hätten. Die angeschafften Vließträger gingen auf dem Torfboden allesamt zugrunde (S. 158) an den Eeglen: am Leberegel. (Vgl. die Tschugger Flur im Ägelwasser.) Mehr Glück hatten die Unternehmer mit den Stieren: den Zugochsen, deren schwere Arbeit und deren Gedeihen durch Verabreichung besseren Futters ermöglicht wurde.

Mit den großen Guano-Ankäufen ferner wurde das Geld buchstäblich verlochet; denn dieser teure Dünger war grad d’s Gäägendäil von dem, was der schon an und für sich stickstoffreiche Moorboden (S. 104) brauchte.

Die Ziegelei endlich, welche in der entferntesten Ecke des Gutes: am Ufer der Broye, angelegt worden war, het sich nie g’räntiert. Wohl gebrach es ihr an gutem Lätt in nächster Nähe (Nööchtsḁmi) nicht; allein es existierte kein Zufahrtsweg.

Der Brue̥ijenkanaal war allerdings für die Befahrung mit Baarchchen, also auch mit eigenen Lättbaarchen, angelegt worden; aber seine Offenhaltung isch z’tụ̈ụ̈r choon. Auch die Seeschiffahrt konnte nicht in Betracht fallen, weil in den von ihr berührten Gegenden niemmer Ziegel g’manglet het.

VI.

Ein unglücklicher Stern also schien über dem Unternehmen zu walten. Erst auf seinen Ruinen konnte das neue Witzwil sich erheben und zu der gegenwärtigen Entwicklung gelangen. Hierzu mußten neue Wege eingeschlagen werden. Allein in sehr mancher Hinsicht konnte doch auf dem Fundamente weiter gebaut werden, welches die ersten Besitzer gelegt hatten.

Denn ein großzügiger organisatorischer Geist war ihnen eigen. Und nicht planlos, sondern in wohlerwogener Strategie hatten sie sich die Urbarmachung und Besiedelung der Einöde ausgedacht. So, wie die Wege vor vierz’g Ja̦hr angelegt, die Wohn- und Wirtschaftsgebäude auf dem Gut herum verteilt wurden, bewährt sich die Disposition noch heute. Und für das Verwaltungsgebäude hätte sich kaum eine bessere, glücklichere Lage finden lassen. Wohl in der Rücksicht auf den Baugrund wurde es nicht in den Mittelpunkt des Gutes gestellt, sondern an die westliche Peripherie, wo eine dem Strandboden entlang sich ziehende Sanddüne einen etwas verhööchten und trochenen Platz zu wählen erlaubte.

An der mit großen Opfern ausgebauten Stra̦a̦ß, die seit den Sechzigerjahren als Verbindung mit dem Mistelach das Moos durchquerte, 180 wurden drei Wohn- und Ökonomie­gebäude g’stellt. Ebenso ein Schuelhụụs, das freilich seinem Zwecke nie gedient hat, sondern Mieter aufnahm, wie z. B. einen Torfgräber namens Schnegg, und daher Schnäggenhụụs oder Schnäggenhof geheißen wurde. Ein vierter «Hof» kam an das Ufer der Broye, zwischen den «Fählbaum» und die bereits erwähnte Ziegelei zu stehen. Eine (seither z’seemen g’heiti) Schööfferhütten fehlte natürlich nicht. Ebensowenig aber ein Wirtshaus: das nun von einer Aufseherfamilie bewohnte Wi̦i̦rtshụ̈ụ̈sli oder Pịntli, welchem es seinerzeit an Zuspruch nicht gebrach, wenn der Wirt etwa einen Sackgu̦mpet oder Weggliässet veranstaltete.

Aus allem ist ersichtlich: die ganze Anlage sah eine dörfliche Entwicklung vor. Und da das Dorf einen Namen haben mußte, tauschten die Unternehmer unter sich die Vorschläge Witzwil, Stämpflishụ̈ụ̈seren, Wildbolzried aus. Mit Recht trug der erste der Namen den Sieg davon; und die zeitweilige Benennung nachbarlicher Ansiedlerhütten als Negerdorf konnte ihm nur zur Folie dienen,

Mittlerweile wurden auch den verschiedenen Höfen sinnvolle Namen erteilt. Man entlieh sie dem Kranz von Bäumen, der in eigenartiger Weise jeden der Höfe umgab. Lin͜denhof hieß der Hauptsitz; an die Landstraße kamen der Nuß-, Platanen-, Tannen-, Eschen-, 181 Ulmenhof zu liegen. Nur dem Haus an der Broye blieb der prosaische Name Neuhof.

Wilhelm Stämpfli von Wengi, der Sohn des Bundesrates, und Jakob Klening von Vinelz, der spätere Direktor der landwirtschaftlichen Schule Rütti, waren die ersten Verwalter des Witzwiler Gutes. Sie bewohnten den Lindenhof. Diesen kennzeichneten balld äinisch als den Hauptsitz der Anlage ein geräumiges Wohnhaus, ein sorgfältig angelegter Garten, sowie ein Bạumgarten, der mit den besten Kern- und Steinobstbäumen bestanden ist und durch dicht (dick) gepflanzte, schnellwachsende Äschen (s̆s̆) geschützt wird.

Emmentaler und Buchholterberger waren die ersten Pächter (Lächenmannen) der verschiedenen Höfe. Allesamt Lụ̈tli aus den bescheidensten Lebenskreisen, hatten sie wohl gehofft, auf dem schwarzen Boden der Ebene ihr Chorn mit weniger Mühe bauen zu können als an ihren heimatlichen steilen Halden («stotzigen Hạulen», stụtzigen Hoolen, S. 16). Allein, weniger noch als die Leiter der Gesellschaft selber, vermochten sie dem Moos reiche Ernten abzugewinnen. Mit tü̦ü̦rbelen (S. 169) und durch Raubwirtschaft mußten sie sich durchbringen; und es zeugt von zääijem Ausharren in schwieriger Lage, daß sie sich mit der Zeit gründlich akklimatisiert und ihren Nachkommen das Moos zur Heimat gemacht haben. Für die Witzwil-Gesellschaft bedeuteten natürlich die der 182 Verhältnisse unkundigen, stets mit Schulden ringenden Pächtersleute mehr eine Last als einen Gewinn. Mit ihren Zinsen stets im Hin͜derlig, hatten sie nichts zu verlieren, als im Jahre 1879 der Gältstag angerufen werden mußte.

VII.

Verschiedene Banken (Bänk), die meistbeteiligte Eidgenössische Bank an ihrer Spitze, übernahmen Aktiven und Passiven der aufgelösten Gesellschaft, und Jakob Klening, der technische Leiter, dirigierte nun das Ganze bis zu seiner Wahl als Direktor der Rütti. In der Anstellung seines Nachfolgers Niklans Burri hatten die neuen Besitzer von Witzwil eine überaus glückliche Hand. Obschon nu̦mmḁn en äinfacher Bụụr, oder vielleicht gerade als solcher, wußte er aus der Domäne zu machen, was unter den damaligen Verhältnissen nu̦mmḁn isch z’machen g’si̦i̦n. Er unterließ kostspielige Experimente und nahm nicht mehr Land un͜der den Flueg, als er mit den vorhandenen Mitteln richtig bewirtschaften konnte. So brachte er es durch seine umsichtige Leitung wenn nicht zu großen Reinerträgen, doch dahin, daß d’s Guet sich sälber erhalten het. So lange dieses bestund, war das noch nie vorgekommen. Zur Ausnützung des noch unkultivierten Landes wurden wieder Scha̦a̦f ịịng’stellt und jeweils im Frühjahr Gu̦sti und Fü̦ü̦lli zur Sömmerung angenommen. Eine Herde von mehr als 500 Haupt belebte im Sommer die weiten Flächen von der Landstraße an gegen den Schwarzgraben hin als die östliche Grenze des Gutes.

VIII.

Die neuen Besitzer desselben aber, denen es durch den Zwang der Notlage (si häin müeßen ziehn) aufgehalst worden, hatten kein Interesse daran (es isch ’nen nụ̈ụ̈t dran g’läägen g’si̦i̦n), im Großen Moos ein Kulturwerk zu unterhalten. Sie suchten im Gegenteil von Anfang an auf möglichst günstige Weise der Domäne wieder los zu werden.

Das war allerdings leichter gedacht als getan. Wer sollte den Mut und die Mittel haben, das gewaltige Gut zu kaufen und instand zu stellen? Es war — der Staat Bern, der sich endlich als Liebhaber meldete. Aus den jahrelangen Verhandlungen darüber, ob die Eigentümer von Witzwil die Mehrwertforderung, welche infolge der Korrektion auf ihrem Grund und Boden lastete, und die von ursprünglichen 400,000 Franken mit den Zinsen auf mehr als eine halbe Million angestiegen war, zahlen sollten, entwickelte sich ein Verkaufsangebot. Schließlich kaufte der Staat im Frühjahr 1891 das Gut um 721,000 Franken. 183 Davon entfielen 581,000 Franken auf die Mehrwertforderung; 140,000 Franken wurden in bar ausgerichtet. Um weitere 55,000 Franken erwarb der Staat das Inventar.

Als Vertreter des Staates führte Regierungsrat Alfred Scheurer von Erlach, damals Finanzdirektor, die Verhandlungen. Er kannte als Kind des Landes die Verhältnisse genau. In seiner Heimatstadt 1840 geboren und dort aufgewachsen, hatte er die Wassernöte seiner Zeit miterfahren. Als mittelloser, junger Schrịịber hatte er 1857 das Seeland verlassen; 1878 isch er in d’Regierig choo̥n, und da trat er mit sị’r altnen Häimḁt wieder in Berührung; 1882 kehrte er mit seiner Familie in dieselbe zurück. Im nämlichen Jahre half er, dem Unternehmen der Jura­gewässe­rkorrektion eine Gestalt zu geben, in welcher es für die zunächst beteiligten Anwohner nicht mehr den Ruin, sondern den Segen bringen konnte (S. 142). D’s Ja̦hr d’rụụf erwarb er das frühere Kloster Sant Johannsen (S. 185) für den Staat und half es zu einer Strafanstalt umwandeln. Mit Karl Engel von Twann und Florian Imer von Neuentstadt der Aufsichtskommission angehörend, gewahrte er, welche Schätze der entsumpfte Boden bei richtiger Bearbeitung hervorzubringen vermöchte. Die gleiche Erfahrung wiederholte sich auf dem Tannenhof (s. u.), auf welchen er die Gründer des Arbeiterheims aufmerksam gemacht hatte. Und nicht zum wenigsten war diese Überzeugung von der Dankbarkeit des Bodens bestärkt worden durch die Ergebnisse seines eigenen Gutsbetriebs in Gamplen. Hier zog man schon seit Jahren aus einigen Moosteilen, die richtig bewirtschaftet wurden, insbesondere aus den Neubụ̈ụ̈nden (S. 152), drei- und vierfache Ernten.

Es hatte sich dabei aber auch gezeigt, daß die ausschließliche Arbeitskraft der Moosanwohner nicht ausreichen würde (nid g’choo̥n möcht), das gewaltige Kulturwerk durchzuführen. Was vermochten die kleinen Dörfer Gals, Gampelen, Müntschemier, von denen keins fünfhundert Einwohner zählte, zu leisten? Was selbst Eiß mit seinen vierzehnhundert Seelen? Die Leute mußten doch in erster Linie das Fälld (s. u.): den festen Boden am Rand des Mooses und auf den Höhen ringsetum bearbeiten und durften obendrein die so viel Zeit und Mühe beanspruchenden Rääben nid im Sti̦i̦ch la̦a̦n. Was bedeutete also das chlịịn Hụ̈̆ffli Möntschen gegenüber der unabsehbaren Ebene!

Und wie gering waren ihre Hilfsmittel! Selber noch mit den schweren Lasten der Mehrwertschatzungen überbürdet, konnten sie nicht daran denken, neues Land zu erwerben und die schweren Opfer auf sich zu nehmen, die mit der Urbarmachung verbunden waren.

184 Hier konnte nur eine stärkere Macht helfen: die Gesamtheit des Volkes — der Staat. Nur der besitzt die Mittel, die ein so großes Unternehmen erfordert: und nur er vermag zu warten, bis d’s Gält voor ummḁ chunnt.

Die Gunst des Schicksals fügte es, daß grad ääben dénn die nötigen Arbeitskräfte sich in Bereitschaft stellten. Die Verlegung des Zuchthauses aus der Bundesstadt war dringend notwendig geworden. Wo nun sollte man die Leute besser unterbringen als im Großen Moos, das nach so vielen, vielen Arbeitskräften verlangte und das mit seiner Einsamkeit, aber auch mit seinen Zukunfts­möglichkeiten der richtige Platz war für eine Energie weckende, zur Ausdauer anspornende und damit den ganzen Menschen bessernde Arbeit!

In diesem Sinn erfolgte 1891 der Ankauf von Witzwil und die Verlegung der Korrektionsanstalt auf die neue Domäne. Die Hoffnungen haben sich in höchst erfreulichem Maße erfüllt. Viele, die vor Jahren mitgearbeitet und mitgehofft haben, sind dahingegangen. Finanzdirektor Alfred Scheurer hat bis heute an der Entwicklung teilnehmen können: bis 1904 als Mitglied des Regierungsrates, seither als unser Nachbar von seinem Bụụrenhof z’Gampelen aus. Er hat auch die Freude erlebt, daß sein Tochtermann, Otto Kellerhals, und dessen Frau, Anna, mit Hilfe tüchtiger Mitarbeiter nunmehr im dritten Jahrzehnt 185 mit vermehrtem Können und unverminderter Treue der riesengroßen Doppelaufgabe leben: dem versumpft gewesenen Erdreich und den auf seine Bearbeitung angewiesenen, teilweis versumpften Menschen den besten Fruchtertrag abzugewinnen.

Überhaupt dürfen die seeländischen Besserungs­anstalten sich zäigen. Das werden wir z’grächtem noch im Strafkapitel dieses Buches sehen. Hier handelt es sich lediglich noch um eine knappe Ökonomie­geschichte des verstaatlichten Witzwil und seiner Schwesteranstalten.

IX.

Mit der Verwendung von Gefangenen zu landwirt­schaftlichen Arbeiten im Großen Moos hatte freilich der Staat schon vorher Versuche gemacht. Untenher dem Dorf Ins, am Rand des Mooses — un͜der dem Bandräin —, hatte er eine Strafkolonie angelegt. Ihre Insassen, etwa 39 Arbeitshaus­sträflinge, wurden beschäftigt mit Tu̦u̦rbenstächen, sowie mit Urbarisierung und Bebauung des Moorbodens, welchen die Regierung 1876 von der Gemeinde Ins gekauft hatte.

Im Jahre 1885 sodann ging das frühere Kloster Sant Johannsen an den Staat über (S. 183). Es wurde in ein Korrektionshaus für zirka achtzig Gefängnissträflinge umgewandelt, deren Hauptbeschäftigung die Bearbeitung des Landbesitzes bildet. Durch Zukauf von Moosstücken wie der Convents- oder Konwäntsmatten, der (einst dem 186 Kloster Trub gehörenden) Truebmatten, des Lehn usw. ward dieser bis an das Ufer der Zihl reichende Besitz aus 400 Jucharten gebracht. Als Verwalter der Anstalt ersetzte 1891 Niklaus Burri den verstorbenen Kilchenmann.

Er behielt aber vorläufig auch die Oberleitung über die Domäne Witzwil. Auf dieser selbst aber siedelte sich der junge Adjunkt Otto Kellerhals (S. 184) mit einigen Angestellten und mit siebenzig Gefangenen an. Für alle mußte das Verwalterwohnhaus Platz bieten, und die Einrichtungen waren primitiv. Strööfflingsarbäit sollte sie verbessern, sollte das Gut kultivieren, sollte den Betrieb profitabel gestalten.

Mit staatlicher Hilfe wurden zuerst die pressierigsten Ökonomiegebäude g’stellt. Dann baute man den Stock als Wohnung des Diräkters und — mit einem Aufwand von 307,000 Franken — die Gaseernen. Diese konnte im Mai 1895 bezogen werden.

X.

Um diese Zeit wurde Witzwil von St. Johannsen losgetrennt und der Verwaltung des bisherigen Adjunktes unterstellt. Die während zweier Jahre schon einigermaßen konsolidierte Anstalt konnte des bisher gebotenen starken Rückens entraten.

Unter der Voraussetzung, daß er die Mittel zur Aufschließung und Bewirtschaftung des Gutes in dessen Betrieb ohne staatliche Zuschüsse zu finden wisse, hatte der junge Verwalter freiji Hand in der Einrichtung seiner Landwirtschaft und in der Auswahl der Kulturmethoden. Auf die neue Aufgabe war er als Rüttischüeler und durch Studien an der landwirt­schaftlichen Hochschule zu Halle einigermaßen beruflich vorbereitet; allein die Landwirtschaft auf Moorboden mußte er gleicherweise von neuem ụụf lernen, wie die richtige Behandlung der Gefangenen.

Immerhin bildete anfangs der Neunzigerjahre die Moorkultur den Gegenstand eifriger wissenschaftlicher Forschung, und so konnte der Anstaltsleiter sich auf die Erfahrungen reichsdeutscher und einheimischer Fachleute stützen. In vorsichtigen Versuchen zuerst, dann, wenn’s bi denen guet ụụsḁchoon isch, in immer ausgedehnterem Maße kamen na̦a̦ch und na̦a̦ch, wi länger wi mehr, die mineralischen Düngstoffe, welche dem Boden fehlten, zur Anwendung. Da das Große Moos ein Grüenlandmoos ist und Milch und Fläisch die neuzeitlichen Produktionsziele sind, fiel das Hauptaugenmerk auf die Anlage von Wiesen und Weiden.

187 Im Frühjahr 1895 waren etwa 10% der 2500 Jucharten unter Kultur; der Rästen wartete des Pfluges und wurde mittlerweile g’wäidet oder als Mooshäüland benutzt. Der breite Sandstreifen dem See na̦a̦ch isch für d’Roß g’si̦i̦n, uf d’s min͜deren Land het mḁn d’Scha̦a̦f g’jagt; d’s besseren het mḁn für d’Gu̦sti g’spaart, welche von den Bauern der Umgebung (Nööchtsḁmi) immer noch zur Sömmerung angenommen wurden. Das Futter war freilich mager. Was von wịtem trügerisch wie grüne Weide aussah, war zääiji Lischen, welche sumpfige Löcher verdeckte. Auf allen erhöhten Stellen machten sich Gestrüppe breit von Erlen und Saarbäüm, von Wịịden und Fäälbäüm (S. 115), von Zü̦ü̦belenholz oder Bulverholz (zu Schießpulver verarbeiteten Haseln mit schwarzer Rinde und gelbem Bast). Die Scha̦a̦fwäid wurde zuletzt überhaupt nicht mehr grün, weil die allzeit hungrigen Tiere die Gräser mit Stumpf und Stiel wegfraßen. Wie denn überhaupt d’Scha̦a̦f und d’Roß ’s gäng z’täüff nehmen. Am Rückgang des Weideertrages waren auch die trochenen Ja̦hr 1893 und 1895 d’Schuld, in denen noch Moosbrände (S. 167) die sü̦st schon aanfḁn spärliche Grasnarbe z’Blätzenwịịs verzehrten.

Es hieß also jetzt buchstäblich den Kurs ändern, sollten nicht alle die bisherigen Opfer für Trockenlegung und Kultivierung des Mooses für nụ̈ụ̈d gsi̦n sịịn und das Moos zur Wüste werden.

Für die neue Betriebsart boten sich zwei glückliche Mittel. Einerseits boten die Gefangenen die unerläßlichen billigen Hilfskräfte. Anderseits hatte die Moorversuchsstation Bremen dargelegt, daß der an Kalk und Stickstoff genügend reiche Boden der Zufuhr von Kali und Phosphorsäure bedürfe; und sie hatte auch auf Grund praktischer Erprobung die zur Kultivierung am besten geeigneten Futtergräser namhaft gemacht.

Und so isch mḁn dranhi̦i̦n. Sobald im Spätherbst das schon aufgebrochene Land besorgt und für das Frühjahr vorbereitet war, wurde äin Zopfen um der an͜der des noch rohen Mooses zwecks Urbarmachung in Angriff genommen. Eine Beschreibung auf dem Papier vermag keinen Begriff zu geben von den Hindernissen, die bewältigt, von den Opfern an Müej und Zịt und Gält, welche gebracht werden mußten, um zweutụụsig Jụụcharten Ödlandes so umzugestalten, daß es die Aufwendungen reichlich lohnen konnte. Als das Werk begonnen wurde, dachte freilich niemand, daß dies, wie es dann der Fall war, in einem Zeitraum von zwänz’g Ja̦hr geschehen würde.

XI.

In der Frühe eines Novembermorgens erscheint auf der öden Weite, die sonst um diese Zeit höchstens noch vom Jäger begangen wird, ein Trupp von fünfzig bis siebzig Mann. Die rụ̈tten vorerst das Gestrüpp und Gesträuch gründlich aus: die Saarbäüm (Schwarz-Pappeln) und Erlen, die Bị̆rchen und Wịịden und was sụ̈st alls in dem magern Boden seine kümmerliche Nahrung findet. Hierauf graben sie oberflächlich die Erhöhungen ab und stillen mit Hülfe einer Roll-(wagen)bahn die Untiefen aus. Dann machen sie sich an das Wichtigste: die Anlage der Entwässerungsgräben. Eigentlich bestehen diese ja schon, teils von der Jura­gewässe­rkorrektion (S. 144), teils von der Witzwil-Gesellschaft erstellt. Allein sie sind schlecht im Stande gehalten, vom Weide-Vieh vertrappet, von G’jätt überwuchert, und erfüllen ihren Zweck in keiner Weise mehr. Je auf 100 bis 150 m Distanz (von enan͜deren) entstehen nun neue Kanäle (Karnääl). Dann wird das derart vorbereitete Land wo möglich noch vor dem g’frụ̈ụ̈ren mit schweren Selbsthalterpflügen (Sälbsthalter) umg’fahren. Diese Flüeg müssen eigens zu solchem Zwecke gebaut sein. Nachdem noch auf je eine Juchart (gäng uf enen Jụụche̥rten) 100 kg 40%iges Kalisalz und 100 kg 20%iges Thomasmehl (Schlaggenmähl) gestreut worden, bleibt das Fälld über Winter in rauher Furche liegen.

Dieser erste Eingriff ist an und für sich (an ị̆hm sälber) keine besonders schwere Arbeit. Der stark verfilzte Waasen trägt die Pferde leicht. Der Pflug könnte auf dem vorbereiteten Boden ohne Schwierigkeit vorwärts kommen, stieße er nicht dann ḁnt wann an einen der unzähligen Baumstämme, die, wenig unter der Oberfläche liegend, sich im Moos überall finden. Kommt solch ein Stammen dem Pflug in die Quere (z’tromsig drịịn), so müssen die abgespannten Pferde ihn erst mittelst Chöttinen, oft unter Anspannung all ihrer Kräfte, aus seinem Bette reißen (rị̆ssen) und uf d’Sịten schläiken. Dies wiederholt sich zuzeiten so mäṇgisch im Daag, daß des umgepflügten Landes wenig ist, wenn es z’Aa̦bend gäägen häin zue gäit. Dafür hat aber ein Wald von schwarzen Wurzelstöcken (Stöck), Stämmen und Ästen (Nẹst, S. 104) das Feld umsäumt (ịịng’fasset).

Sehr früh im nächsten Frühjahr, im Horner lieber weder im Merzen, werden die rauhen Furchen, die durch das ụụf- und zueg’frụ̈ụ̈ren schon etwas mu̦u̦rb geworden sind, mit starchen Äichten z’vollem verrissen. Nachher werden sie von Han͜d bearbeitet, und denn tuet man Haber sääijen. Daß das neu bestellte Feld etwa (öppa grad) einen das Auge des Landwirts erfreuenden Anblick biete, 189 chönnt man näümḁn nid grad säägen. Es starrt vielmehr noch von zääijen Mụtten, von Wü̦ü̦rzen, von torfigen Knollen und unverwesten (nid ịịng’fụụleten) Grasbüscheln. Es bedarf jahrelanger Kulturarbeit, bis eine glatte, kunstgerechte Ackerkrume als gueter Häärt geschaffen ist. Gleichwohl bringt der Hafer in diesem zum erstenmal bestellten und zum erstenmal gedüngten (g’mesteten) Boden ausnahmslos Ernten, wie man sie spööter mit aller Mühe nie mehr in solcher Fülle erreicht. Das Unkraut, die pflanzlichen und tierischen Feinde haben sich in dem Neuland eben noch nicht entwickeln und noch nicht der Saat schaden können. Ihnen wird erst das länger kultivierte Moos mit seinem lu̦ggen Boden zum Dorado.

Nach der Haferernte tritt der Schellflueg in Aktion. Aber der hat nun schwierige Arbeit! Überall stößt er auf die alte, noch nicht verfaulte Grasnarbe. Erst der zwäüt Winter vollendet das Werk der Zersetzung. Und wenn im zịtigen Früehlig, sobald die Erdoberfläche trocken ist, die Schellfu̦u̦rchen wieder g’egget werden, so läßt sich das schon mit weniger Anstrengung und mit größerem Erfolge tun. Nun erfolgt eine Düngung mit (Stall-) Mist. Die Anwendung desselben ist weniger des Stickstoffs wegen, als deshalb sehr vorteilhaft, weil er den die Boden­fruchtbarkeit bedingenden Bakterien zur Entwicklung verhilft und die Zersetzung des Bodens befördert. Nachdem der Stalldünger un͜derḁ gfahren ist, wird über die rauhe Furche noch (Kunst-) Dünger gesäet, und zwar abermals je 50 Kilo 40%iges Kalisalz und 50 Kilos 20%iges Thomasmehl pro Jucharte. In das soweit vorbereitete Feld werden nun Hä̆rdöpfel (Ins: Hördöpfel) ’pflanzet, die den Sommer über, weil sich noch kein Unkraut einstellt, weenig z’tüen gääben und im Herbst einen gewaltigen Ertrag abwerfen. Das Quantum muß freilich einstweilen die Qualität ersetzen. Die Kartoffeln aus solch torfigem Neuland enthalten wenig Stärkemehl und sind von beschränkter Haltbarkeit: sie blịịben ni̦i̦d. Auch mööselen si, si häin en Moosg’schmack: sie riechen und schmecken nach dem Moor und werden hauptsächlich deswegen als Mööser den Fäldhärdöpfel hintangesetzt.

Wenn das Feld rechtzeitig abgeerntet werden konnte und ein trockener Herbst die Bestellung gestattet, so wird es nach tiefgründigem ummḁfahren oder umg’heien mit Roggen aang’sääit. Dieser erhält eine Kunstdüngung wie der Hafer, sowie je nach Jahrgang und Nutzungszweck eine Einsaat von Graassa̦a̦mmen. Verbietet ein nasser Herbst die Winterroggensaat, so wird diese durch Summerroggen mit Grassaat ersetzt, oder bei mineralreichem und unkrautfreiem (sụụferem) Boden durch Summerwäizen. So wird aus der Wildnis eine Wiese 190 oder Weide. Die muß aber durch groben Mist, z. B. von Härdöpfelstụụden, oder durch Kunstdünger zum guten Überwintern befähigt werden. Sie kann nach der Getreideernte wohl noch gar g’wäidet oder für einen Grünfutterraub g’määit werden. Bei aufmerksamer Pflege der noch zarten Grasnarbe kann das junge Grasland fünf bis zehn Jahre bei voller Ertragsfähigkeit bleiben; ja seine Güte steigert sich durch Zunahme der Kleearten.

Läßt der Ertrag nach, so wird der Boden ummḁ n ụụfbrochen, was nun vill ringer gäit, weder z’erst. Die weitere Behandlung muß sich aber nach unausgesetzten Erfahrungen und Beobachtungen, nicht nach starren Regeln und bequemer Routine richten. Och der Moosbụụr mues gäng frisch studieren und gäng ummḁ n öppis am Boden machen.

Der entwässerte Torfboden setzt sich in wenigen Jahren stellenweise um einen halben Meter. Da müssen die offenen Kanäle na̦a̦chḁb’besseret und täüffer g’läit werden, die kleinern Gräben ịịnzogen und durch das drenieren ersetzt. Dies ist, nachdem der Boden durch Bearbeitung und Beweidung fester geworden, nicht mehr risgiert. Ist eine Tröcheni zu erwarten, werden die Kanäle gestaut (g’schwellt), bei anhaltendem Regen die Abflüsse geöffnet. Diese Kunst, d’Bodenfüechti stets auf richtiger Grenze zu halten, setzt allerdings aufmerksame Beobachtung voraus.

XII.

Die bisherige Darlegung bezieht sich auf den Moorboden, der etwa neun Zehntel des Witzwiler Gutes ausmacht. Nun zieht sich von der Brue̥ijen dännen längs dem See hin ein Streifen von Kilometerbreite: d’Räckolteren, die teils aus bloßem San͜d besteht, teils mit Tu̦u̦rbenhäärt untermischt ist. Die letztere Bodenart ist ebenfalls längst in hoch abträgliches Kulturland umgewandelt, auf welchem die anspruchvollsten Gewächse reiche Ernten einbringen. Dagegen blieb der eigentliche Strandboden bis in unser Jahrhundert hinein in seinem ursprünglichen Zustande, diente als Weide für Fü̦ü̦lli (Fohlen) und im Herbst zeitweilig auch für Rinder. Auch mußte er das San͜d hergeben zum ụụfschütten um die Neubauten und zum überfü̆ehren der Feldwege. Als nun aber der Torfboden nahezu fertig urbarisiert war, drangen Rụ̈tthauen und Flueg auch hier gäng wịter nordwärts. Da mußte die 80 bis 50 Santimeter tiefe Sandschicht mit dem darunter liegenden Lätt und Torf gemischt werden. Ist dies einmal geschehen und der Stalldünger nicht gespart worden, so gedeihen hier neben Roggen, 191 Hafer und Kartoffeln alle Gemüsearten; und d’Spaarglen (s. u.) werten chụụm an ’men Ort so fịịn und zart und chü̦stig wi dört.

Ein ziemlich großer Teil des Strandbodens, d’Räckholtere bei Witzwil (S. 118), war bereits von der Gründungs­gesellschaft z’Wald aang’setzt worden. Der Wald spielt eben auf der allnen Lüft ausgesetzten Moosebene die ungemein wichtige Rolle eines Windbrechers. Deshalb finden sich nunmehr auf der ganzen Länge der Domäne, sowohl gegen Nordosten wie gegen Westen zu, Streifen von Roottannen, Birchen und Buechen, deren wohltätige Wirkung von Jahr zu Jahr zunimmt. Auf gehaltreichem, aber mithinen überschwemmtem Land am Ufer der Broye gedeiht eine ausgedehnte Pflanzung von Wịịden. Die Chorberei beschäftigt mit ihren Ruten, wie die Besenbinderei mit Birkenzweigen viele Sträflinge im Winter.

XIII.

So ist nun die Domäne vollständig urbarisiert. Je mehr (wi meh) jetzt aus ihr die Bodenverbesserung fortschreitet, desto (wi) sorgfältiger soll auch die Pflege der Kulturen sich gestalten, und desto mannigfaltiger soll die Auswahl der Bodenprodukte werden. Wo die Lage geschützt genug ist, wird der schon von den Gründern Witzwils liebevoll gepflegte Obstbau ausgedehnt. Neben dem Obs erlangt d’Pflanzrüstig (das Gemüse, s. u.) mit jedem Jahre größere Bedeutung. Die Viehzucht aber darf nun, seit die Rindviehzahl zu der Betriebsausdehnung in richtigem Verhältnisse steht, auf die Verbesserung der Rasse bedacht sein. Hierzu hilft seit 1906 die zur Anstalt gehörende Kileialp im Diemtigental (s. u.). Hier finden die Tiere ein Futter, wie es auch die bestbewirtschaftete Moosweide nie hervorbringen kann.

Vom frühern Lin͜denhof aus, dem heutigen Witzwil im engern und nun gewöhnlichen Sinne, ziehen am Morgen früej Arbeiter und Gespanne zum Tagewerk. Von ihm aus laufen die Fäden, welche den komplizierten Betrieb leiten und zusammenhalten. Mit Ausnahme des 1886 durch Feuer zerstörten Ulmenhof existieren noch sämtliche Niederlassungen, welche die Witzwil-Gesellschaft gegründet hat. Zu ihnen sind zwei weitere gekommen: der Erlen- und der Birkenhof (letzterer wie der Eschenhof halb schriftdeutsch benannt). Es muß zur Ehre der Gründer von Witzwil wiederholt werden, daß ihre Idee, da und dort auf der Domäne Pachthöfe zu erstellen, viel zu ihrer raschen Kultivierung beigetragen hat. Der Platanenhof wird, weil zu nahe an der Peripherie des Gutes liegend, bloß als Miethaus für Angestellte benutzt. Sü̦st sịn dü̦rchenwägg auf den Höfen Scheunen und Ställe gebaut 192 worden zur Unterbringung und Verwertung des Futters und zur Erzeugung von Stalldünger. So konnte die Aufschließung des Landes viel rascher vor sich gehen, als wenn von einer Zentralstelle aus dem Land die Nährstoffe hätten zugeführt werden müssen, und wenn eine einzige Kolonie von Ställen und Scheunen zur Aufbewahrung und Verwertung der Produkte gedient hätte.

Früher wäre dies schon deswegen unmöglich gewesen, wil mḁn fast nienen z’grächtem het chönnen fahren. Wege, die das Gut durchqueren, waren wohl großenteils schon von den ersten Besitzern planiert. Aber die wirklich angelegten waren höchstens bei trockenem Wetter so beschaffen, dass mḁn het dü̦ü̦rḁ chönnen. Nun durchzieht ein Netz von Wegen, die auf jede Witterung geeicht sind, die Domäne von ä̆im Eggen zum an͜deren. War aber schon ihre Anlage müejlig und tụ̈ụ̈r, so erfordert auch ihre Instandhaltung fortwährende Aufwendungen, weil der weiche (lin͜d) und schwammige (schwummig) Untergrund das ihm zugeführte Material gäng ummḁ n ịịnschlückt. Dieses Material liefern die Sanddünen des Seestrandes und die mächtigen Kieslager der Inser Griengrueben.

Dem Inserhügel, dessen Anbruch diese Grube ist, entspringt auch das Wasser, das auf allen Höfen und selbst auf der Weide die Brünnlein speist, so daß weder Mensch noch Vieh mehr auf das gelbe Mooswasser angewiesen ist.

XIV.

Nun die Entwicklung der Landwirtschaft von Witzwil in großen Zügen geschildert ist, mögen zum Schluß einige Zahlen ein Bild geben von den Werten, welche dank der Kultivieruug dem Moos abgewonnen werden. Das Jahr 1911 mag hierzu die Grundlage abgeben. Damals führten allerdings die überaus hohen Preise aller landwirt­schaftlichen Erzeugnisse ein vorher nicht erreichtes günstiges Resultat herbei. Gleichwohl dürfen die hiernach aufgeführten Zahlen als Norm dienen. Denn wenn auch die Preise wieder sinken, so müssen dafür bei der fortgesetzten Bearbeitung des Bodens dessen Erträge ständig noch zunehmen und an Wert gewinnen.

Im Brüttelen-Moos

Auf den nach Abzug von Wald, Wegen, Hausplätzen usw. noch verbleibenden rund 2000 Jucharten Kulturland wurden 1911 dem Markte geliefert: Härdöpfel für Fr. 200,000, Zuckerrüeben für Fr. 60,000, Häü und Strou für Fr. 20,000, Wurzelgewächse und Gemüse (Rüstig) für Fr. 20,000, Vieh zum metzgen und zum züchtlen für Fr. 100,000, Milch für Fr. 80,000, Säü für Fr. 40,000. Die Summe von Fr. 520,000 193 ergibt schon eine jährliche Bareinnahme von Fr. 260 von der Jụụchḁrten. In mehreren Gemeinden, wo besonders der Gemüsebau bedeutende Ausdehnung gewonnen hat, wo aber auch der Boden stellenweise von viel besserer Qualität ist als auf der Domäne Witzwil, wird der Ertrag stark überschritten. Wenn aber sämtliche 36,000 Jucharten des Landes, welches im Perimeter der Jura­gewässe­rkorrektion liegt, nur in dem Verhältnis ertragsfähig gestaltet werden, wie Witzwil es heute ist, so wird das Erträgnis eines einzigen Jahres schon die Hälfte der Summe repräsentieren, welche für das große Werk einst aufgewendet worden ist. Jedenfalls ist der Beweis erbracht, daß überall da, wo der Moosboden zu Ehren gezogen und richtig behandelt wird, reicher Segen die Mühe lohnt.

Weitere Moorkultur.

I.

Urbarmachung des Mooses zu Wäid und Grasland, Ausdehnung von Hackfruchtbau und Viehhaltung mit rationellster Milchindustrie, intensiver Gemüse- und Obstbau:1 das sind die drei Etappen der Moorkultur, in welcher laut fremden Urteils Witzwil vorbildlich geworden ist. Am Ausbau dieses Systems wird fortwährend gearbeitet; mit Mitteln allerdings, die selbst der ausgedehnteste unserer höchstens mittelgroßen bernischen Privatbetriebe nicht zu beschaffen vermöchte; Mitteln aber, die einer ganzen Reihe öffentlicher Interessen zugleich dienen.

Man denke zuvörderst an die zum Windschutz und zur daherigen Klimamilderung angelegten Wäldli, allesamt wenigstens von der Größe der nach ihrer Baumzier benannten Höfe (S. 180 f.), zu denen für kurze Zeit auch der Ịịsleren-, der Holderen- und der nach der Ulme (Ilmen) benannte Hof gehörten. In freiem Felde wiegen sich auf haushohem blinkendem Stammen zierlich schlanke Krönchen der Birchen; mit ihren bescheidenen Ansprüchen an Bodenkraft zieren sie die Binnengreebe, und wie eine Leibwache von cheerzengraaden Grenadieren umstehen sie die jungfräulich frischen Wäldchen. Sehr gut kommen die italienischen Pappeln — Saarbäum — fort und liefern dem Modellschreiner vortreffliches Nutzholz. Kein Alleebaum ist jedoch geschätzt wie die Äschen (s̆s̆). Selbst wo sie das Pflügen hindert, darf sie stehen bleiben, weil sie bei ihrem raschen Wuchs in kurzem den besten Schutz vor der Bịịsen gewährt. Hauptsächlich gegen den Luft aber: die Westwinde, schützt die allmähliche Aufforstung des der Fü̦ü̦lliwäid 194 entzogenen Seestrandes. Hierbei senkt zunächst ein ziemlich änggs und damit zü̦ü̦gig’s Karnaalbett den Grundwasserstand um 1 m, worauf der dicht verfilzte Rasen ummḁgfahren wird, um über Winter in der rụụchen Fu̦u̦rchen z’blịịben. Auf die broosmig zerkrümelte Erde werden Dehllen und Erlen g’setzt, welche zugleich den Boden verbessern und für anspruchsvollere Pflanzen vorbereiten. Zu diesen gehören die Tannen, welche dann aber auch in geschlossenem Bestand bis an͜derhalb Meter lange Schü̦tzlig machen.2 Im graulich schimmernden Gezweige des Dickichts aber zwitschert und flötet und geigt das vom Merzendännen bis über den lengsten Daag ü̦ü̦berḁ, wie man es leider anderwärts im Bereich der denkfaul geschützten Chrääijen und Spatzen so schwer vermißt.

Zum raschern Emporkommen der Seestrand­pflanzungen wird künftig noch die Ablagerung des stadtbernischen Kehrichts helfen. Die bisherigen Anwohner der riesigen G’h̦üderhụ̈̆ffen werden die ihnen gratis gespendeten balsamischen Düfte mit gutem Willen schon entbehren lernen und das Seeland um die Morgenstimmung nicht beneiden, welche jeweils der mistische Zug als Pendant zu den sommerabendlichen Moosstimmungen herbringt.

Empfänger und Spender des Windschutzes in einem sind in steigendem Maß die Obstbaumanlagen. Vor allem die auf sandigem Boden trefflich gedeihenden Nußbäüm, welche selbst wieder mit ihren breitblättrigen und weit ausladenden Kronen zartere Bäume gleichsam unter ihre Fittiche nehmen. Nur für Chi̦i̦rßen ist das Moos trotz allem Schutze z’zü̦ü̦gig. Um so fröhlicher gedeihen dank der Hügelpflanzung3 und der Mineraldüngung Quätschger (Zwetschgen) und Frụụmmen, Bi̦i̦ren und Öpfel. Besonders der sechs Jucharten große Baumgarten östlich vom Lindenhof, dessen Wurzeln bei hohem Wasserstand nach der Bräiti ausweichen und die Bäume bloß als Halbhochstämme aufwachsen lassen, liefert sehr schöne Sorten Tafelobst.

Der reiche Flor all der Bäume und Sträucher ermöglicht es einem sehr sympathischen, hochachtungswerten und anstelligen Gefangenen, der vorher noch kaum es Impi (Bäiji) g’seh g’han het, im Impen-hụ̈ụ̈sli 13 Völker rationell zu besorgen.

Daß aber im Moos gleichzeitig Milch und Honig fließen, macht der wachsende Viehstand. Witzwil war bisher in der Chĕserei Gamplen, welcher Ort hauptsächlich Rüstig (S. 205 ff.) baut, mit etwa tausend Litern Milch der Hauptlieferant. Seit dem Frühling 1913 tritt es diese Führerrolle der Anstalt Tannenhof (S. 195) ab, in welcher 195 es ebenfalls heißt: das hundert sich nụ̈ụ̈t, und verarbeitet seine Milch in der eigenen Dampfmolkerei neuster Bauart. Die längst im Betrieb stehende Zäntriffụụgen wird damit ein schmiegsamer Ring in der Kette der Milchverwertung. Die Brönnerei ist dies gleicherweise im Dienst der Hackfrucht- und Obstverwertung, welche d’s chlịịnsten Dinge̥lli z’Ehren zieht und keine Abfälle dem Gut entfremdet.

Die Ab- und Zufuhr von Gütern hat sich Witzwil im Jahr 1910 erleichtert durch das mit der Eisenbahnstation Gampelen verbundene Industrịịgläüs, allermeist durch Gefangene aus ausgemusterten Schienen der Emmentalbahn erstellt. Seit 1902 hat Witzwil eine Postablaag. Schon 1896 verband der Téliffoon (vgl. «der Téligraaf») die Anstalt mit Ins, seither nun auch das Verwaltungszentrum mit den Außenhöfen.

 
1 Kell. W. 29.   2 Kell. 16. 20.   3 Ebd. 21.  
 

II.

Gleichsam als verkleinerte Abbilder von Witzwil gründete Freiburg bei Sugiez seine Kolonie Bellechasse unter dem sachverständigen landwirt­schaftlichen Leiter Fritz Schwab († 14. Januar 1912), Waadt seine Strafkolonie bei Orbe und die wieder eingegangene Colonie agricole bei Peterlingen. Mehr im Geiste Witzwils verwaltet, haben die Anstalten von Eiß und von Sant Johannsen auf ihren Gütern tüchtige Kulturarbeit geleistet (S. 185 f.). Mit noch unentwickelten, kindlichen Kräften haben die Erziehungsanstalten für Mädchen in Brüttelen und für Knaben in Erlach zur Seite des Schaltenrä́in und in der Nähe von St. Johannsen das ihnen zugeteilte Moosland zu großer Ertragsfähigkeit gehoben.

Erwachsene, aber der Landarbeit teils Entwöhnte, teils Ungwaneti, der bäuerlichen G’wanig also Entbehrende haben in ebenso achtungswerter Kulturarbeit der Tannenhof z’wäg’bra̦a̦cht. Innert acht Jahren waren seine beiläufig 100 Jucharten Eigentum und 110 Jucharten gepachtetes Moosland fertig melioriert: umta̦a̦n.1 Nun nimmt die Anstalt auch auswärtige Strecken, die der Kultivierung bedürfen, in Pacht, um sie nachher als des Privatbetriebs fähig wieder abzutreten. So 1906 in Vinelz und Erlach, ähnlich wie Witzwil 1911 einen den bernischen Kraftwerken zu Hagneck gehörenden Komplex von 30 Jucharten in Melioration genommen hat.

Wie es zum Ruhm des großen Entsumpfungswerkes gehört, mit lauter einheimischen Kräften ausgeführt worden zu sein, so daß die 196 17 Millionen seiner Kosten im Land ’bli̦i̦ben sịịn, ward und wird auch die Moorkultur mit hiesigen Lụ̈t betrieben. Die paar Polenmädchen (s. u.) wäin nụ̈ụ̈t seegen im Verhältnis zur Arbeitermenge. Diese, zum Arbeitsgeist derart erzogen, daß si sich e̥käi’r braven Arbäit schämt, spannt sich, wo es nicht anders geht, willig in das Zugseil, um gleich den alten Bauern der Entlebucherberge in nassen Summeren über brịịlin͜den Boden der Flueg und d’Äichten und d’Sääimaschinen sälber z’ziehn. Das durch rạuken gemütlich gestaltete Werk wird natürlich gleich wenig als erniedrigend empfunden, wie etwa das fröhlich gesellige «Holz ziehn» im Gebirgswald.2 Dank solchem Arbeitsmut wuchs der Großviehstand des Tannenhofs auf 80 Haupt. Und obschon die Anstellung richtiger Mälcher derart zu den Sorgen der Anstalt gehörte, daß man von der intensiven Milchwirtschaft zum Vorwiegen der Jungviehzucht und Ochsenhaltung übergehen mußte, bilden doch öppḁ drị̆ßg Chüeh das stete Gegengewicht zu zwei Mu̦ninen (Zuchtstieren), sechs Stieren (Zugochsen), sechs Summerroß und zehn Winterroß.

 
1 Kell. 30.   2 Gb. 97 f.; Gw. 179 f.  
 

III.

Wo jetzt die groo̥ßi Schụ̈ụ̈r des Tannenhofs steht, bildete um 1850 ein Wohnhaus den Mittelpunkt des Franzenguet als einer landwirt­schaftlichen Probeanstalt. Die konnte der Natur der Sache gemäß gleich wenig fü̦ü̦r choo̥n wie das erste Witzwiler Unternehmen. Denn beide gehören eben nicht zu jenen Moosgebieten, die ähnlich den Mösern des Oberaargaus und des Konolfingeramts oder wie die höher gelegenen Moosbezirke zwischen Aarbeerg, Challnḁch, Treiten, Si̦i̦selen den Segen der Entsumpfung sogleich erfuhren. Diese wurden fortan von schädigenden Überflutungen verschont und ließen ihren auch mineralisch fruchtbaren Boden sofort ertragreich werden. Ja, schon im Mittelalter durften einzelne Bauern es wagen, auf dem Aareschuttkegel unterhalb Aarberg Niederlassungen wie Chappelen, d’Wäärdthööf, Worben, Meienried u. a. zu gründen.1

Im Moosstrich zwischen Murten- und Neuenburgersee dagegen konnte nur die eigens studierte Moorkultur (S. 186 f.) zum Ziele führen, und auch diese bloß mit stark ermäßigten Arbeitslöhnen. Privatfleiß müßte hier grad weegen sị’r Bravhäit verlumpen, und der Flịịß wurd g’stra̦a̦ft.

197 Besser doch, der Staat stra̦a̦f d’Fụụlhäit durch Arbeitszwang, oder aber die genossenschaftliche Organisation kürze den Weg zwischen Erzeugung und Absatz. So in dem zu Murten gehörenden und durch Oberförster Liechti mit Schutzwald umrahmten Moosteil. Den ihn durchziehenden Frịburgerkanal haben die Unternehmer Suter, Poudret und Vautier mittelst eines Wehrwerks derart gestaut, daß äi’m noch in der grössten Tröcheni d’s Wasser bis a’n Hals chunnt und sein Spiegel bloß 30 cm tiefer liegt, als das umgebende Land. Dadurch werden auch die Seitenkanäle gefüllt, so daß r schwummig Moosboden kapillarisch d’s Wasser dü̦rch enwägg hinzieht. So häin d’Wü̦ü̦rzen och im tröchenisten Summer gäng öppis z’trinken, und die Oberfläche doorret nid ụụs. Kein Wunder, daß dort Rụ̈̆baarberen, Eerbs, Boo̥hnen, Melonen, Gŭ̦ggu̦meren (concombres), Sa̦la̦a̦t von äußerster Zartheit, Herdpeeri, Rüebli, Rüeben und Spaarglen vorzüglich gedeihen. Auch die Zuckerrüeben­gnossenschaft Möntschemier-Feisterhennen (s. u.) ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

Privat unternommene Moorkultur kann in dem erwähnten Moosstrich höchstens gedeihen, wenn ein ausgesucht di̦figer Bụụr mit g’höörigem Satz und mit Anstrengung seiner letzten Kraft nur dem angefangenen Werke lebt. Wenn er am Morgen der Erst und am Aa̦bend der Letz̆t isch. Wenn er nach gut seeländischem Spruch zu den Chnächten nie säit: ganget! sondern gäng nu̦mman: chömet (zu der von mir geleiteten Arbeit)! Ist aber der Eigner über nụ̈ụ̈t choo̥n, dann ist hier wie bei jedem verunglückten Unternehmen hin͜der na̦a̦chḁ n en iederer g’schịịd. Wir denken hierbei an das nach einem zeitweiligen Pächter so geheißene und 1911 einem Oberaargauer zugeschlagene Linderguet.

 
1 Walser  
 

IV.1

Fröhlich dagegen gedeiht unter seinem Lä̆chenmaan der so vorteilhaft und zugleich anmutig hingebreitete Lindenhof bei Worben. Sein Gründer und Heger und Pfleger war der unvergeßliche Notar Johann Wyß in Lyß (24. Februar 1849 - 1912, 14. Mai), Ehegatte der Marie Schneider von Büren.2 Der Zimmermannssohn 198 aus dem Grentschel (man sagt: das Grentschel) zu Lyß; der als Konkordianer froh und fleißig studierende Jüngling; der glückliche und treu besorgte Gatte und Vater von acht Chin͜den; der genau prüfende, human gesinnte und eben darum Familien­vernachlässigungen streng verurteilende Amtsrichter, wo dü̦̆rchenwägg rächt dänkt het; der ịịfrig Verwaltungsrat der Brand­versicherungs­anstalt; der in zündender Beredsamkeit für Liebeswerke und kirchlich fortschrittliches Leben einstehende Chirch­g’meins­presidänt und der verschwiegene Helfer in still getragener Not stand als rechtskundiger und welterfahrner Notar, sowie als g’wüssenhafter Verwalter der Spar- und Leihkasse Lyß mit Handel und Gewerbe und sonderlich mit der Bụ̆rerei auf vertrautestem Fuß. Drum war er auch Jahre lang der Präsident und immer die Seele des landwirt­schaftlichen Vereins des Amts Aarberg; drum gehörte er der bernischen und der schweizerischen Obstbaukommission an; und drum auch lag unter allen Werken, die auf seiner Ehrentafel verzeichnet sind, keins seinem Herzen so nahe, als sein Bụ̆renhoof: der Lindenhof. Der ist seine ureigenste Schöpfung. Die hat er Scholle für Scholle abgerungen der Wildnis im alten Überschwemmungs­gebiet der Aare. Und mit welchem schon jetzt ersichtlichen Erfolg!

Der Stock (Wohnstock) samt der aan’bauten Schụ̈ụ̈r, der neue freistehende Öpfelspị̆cher (das Obsthaus) mit der direkten Zufahrt auch in das Öpfelgăden ob dem Öpfelchäller und der künstliche Hügel mit Wasserreservoir, bilden den innersten Kreis des achtz’g Jụ̆chḁrten großen Guts. Ein weiterer legt sich an als Haag von Linden, von Saarbäumen, von Tannen und Döörnen. Die Matten und Acheren und die Hŏfstḁtt von 600 der auserlesensten Obstbäume, die der Eigner sälber g’setzt het, bilden den Umschwung des schön einheitlich abgerundeten Guts. Ein vierter, äußerster Ring schließt das Ganze ab: Um das strotzend grüne Grasland 199 und die wohlbestellten Äcker legen sich Haag und Holz (Waldstreifen) und das reizend idyllische Eiland an der Gießen (an der alten Aaren). Hier lụụßen schlau verborgene Hechten auf sorglos sich tummelnde Beute. Anmutige Spazierwege führen den im Lusthäuschen (Gabineetli) Ausgeruhten in das Grien: den künftigen Schachen, wo Wyß mit einem muntern Grooßbueb (Änkel) emsig zwei Lyßer Gärtnern (vón Dach) Nußbäumli ersetzen half, die in der Hitze des Sommers 1911 sịn abdoorret g’si̦i̦n. Alles in allem eine der ersten landwirt­schaftlichen Sehenswürdigkeiten des Seelandes und eines der schönsten Denkmäler seiner Entsumpfung.

Auch diese Herrlichkeit ist richtig nid von ĭhm sälberchoon! Ungezählte Stunden des Tages und der Nacht seines arbeitsreichen Lebens hat Wyß dieser seiner Schöpfung geopfert. Und die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß er seinen Todeskeim geholt hat in den dortigen Arbeiten, die, wi n äär sälber g’glaubt het, en Erhŏlig hein söllen sịịn von geistiger Überanstrengung. Indes, gibt es für einen Mann ein schöneres Lob als der Vorhalt, er habe zu viel gearbeitet?3

Aber von Ermüdung schien noch der Dreiundsechziger nichts zu wissen. Elastischen und flinken Schritts, unter Gesprächen und mit einem Stimmklang, die von unverwüstlichem Idealismus redeten, geleitete uns der Mann durch die ganze kleine Welt seiner Schöpfung. Billig bleibt der Beschauer nochmals stehen vor dem Obsthaus mit dem sinnvoll gewählten Lobspruch Emanuel Geibels auf den Bauernstand, und vor dem Wohnhaus, aus welchem Karl Gehri in großzügig symbolischem Doppelbild vom Walten der unheimlichen Mächte des Sumpfs und von der Sieghaftigkeit des neu erweckten organischen Lebens erzählt.4

Der Abend mahnte zum Rückweg; aber für Wyß war auch der ein Umweg. Rasch noch in d’s Bụ̈̆roo und hurtig, hurtig noch uf d’Kassen! Dann erst ins traute, heimelige Heim.5

 
1 Diese Partie mit modern lyßerischen Mundarteinsätzen.   2 Die gehaltvollen Grabreden an der Auffahrt, gesprochen von Pfarrer Billeter, a. Sekundarlehrer Brechbühler, Gerichtspräsident Zimmermann, Brandversicherungs­verwalter Schwab und Oberrichter Fröhlich, sowie das vom Männerchor «Frohsinn» gesungene Grablied sind in einer schönen Erinnerungsschrift, der wir auch das anmutvolle Bildnis entnehmen, vereinigt.   3 Brechbühler.   4 Photographisch wiedergegeben in Dr. Bählers Biographie des Dr. Rudolf Schneider.   5 Vgl. Schwz.-Bauer 1913, Nr. 37, mit Photographien vom Lindenhof. Concordia 1912, Heft 7; Bericht der Spar- und Leihkasse Lyß, 1912.  
 

D’Rüstig.

I.

Einen glücklichen Griff tat Witzwil mit der Kultur von Spaarglen der besten Sorte Argenteuil aus direkt von Lyon bezogenen Samen. Die 1911 auf der Sanddüne bepflanzten fünf Jucharten sind bloß der 200 Anfang eines Goldbergwerks, wie auch die Konservenfabrik Kerzers und die dortige Spargelzucht­genossenschaft es betreiben. Erstere bepflanzte bereits 1905 über dreißig, die letztere bebaut gegen fünfzig Jucharten mit Chrụ̈tzbärger-Spaarglen.1 Die Gründung des Spaarglenpfaff, mit welchem derben, aber durchaus ehrenhaft verstandenen und ụụfg’haabennen Namen Pfarrer Samuel Schaffner sich mit jovialem Stolz bezeichnen ließ, hat also der «guten anmühtigen Speiß»2 und hochschätzenswerten Arzneipflanze zu hoher Bedeutung verholfen. Stations- und Gasthausfeldchen, sowie Heer’engeerten gönnen der im Sommergrün und in der herbstlichen Farbenbuntheit so zierlichen Maiglöckchen-Gattung ebenfalls wi länger wi mehr Platz.

Welch ein Gegensatz zum Gedeihen dieser Pflanze, die sich wi Zucker ụụfläcket, das Mißlingen der Saffe̥ret-Pflanzungen im Waadtland, von denen noch acht Flur- und Ortsnamen, wie La Safranière u. dgl.3 zeugen! Aller au safran bedeutet noch heute: sich zugrunde richten.

Eine sehr wichtige Handelspflanze des Seelandes war dagegen der Räps (Raps, «Lĕ́wat»). Der kleinste Teil seines Erträgnisses deckte den Bedarf des Haushalts (s. u.). War das aber auch ein Anblick, wenn im Vorsommer die strotzend gelb blühenden Rapsfelder sich wie Schachbrettquadrate von den Äckern und Wiesen abhoben! — Mehr nicht, als für d’Hüener, wurde dagegen je und je das Mĕrchchoorn, Mäis, Meis (s. u.) angebaut. Es trat damit selbst im bernischen Seeland zurück vor dem Bauerntabak (Nicotania rustica). Diese Art Murtenchabis kultivierte gleich dem Broyetal in Weinmißjahren und teuren Zeiten auch Ins. An sonnigen Abhängen gewachsen, waren die Blätter sehr gesucht. Der Zehnten konnte den Wert von 1200 Kronen erreichen, und die Übernehmer desselben wußten nicht, wo die Blätter deerren, bis sie sie im Chilchenesterich häin döörffen uụf̣hänken.4 Hübsche kleine Pflanzungen sieht man noch in Treiten, und wenigstens es P’häckli Aatụback (mittelst der Bezeichnung A als sehr gute Sorte hingestellt) zog man sonst auch in Brüttelen aus eigenem Boden.

Eine Gebrauchs- und Handelspflanze von ganz anderer Bedeutung ist freilich die Kartoffel5 : der Härdöpfel oder inserisch der Hördöpfel. Kaum ist der 15. Juli da, so drängen sich in Neuenburg die Hausfrauen um die erstmals auf dem Markte zugelassenen Leckerbissen 201 der früechen Roo̥sen. Später beherrschen den Meerid der Imperatór oder Ämperátor; der nicht mehr so gute Magnum (Magnum bonum, die zürcherische «Magenbohnen»); der Brienzer; der mit einer Staude es ganzes Chöörbbli füllende Rooster; der ein Pfund Schwere erreichende Globus; der Chäiserchroon; der ebenfalls sehr gross werdende, aber gerne der Chrankhäit (Peronospora infestans) erliegende Märker; der dem Magnum ähnliche amerikanisch Franzosenhördöpfel Uptodate (up to date) mit den glatten Augen, großwüchsig und sehr ergiebig; der Agnélli; der oder die Aspasia; die Silesia; der Eldorado; die Industrịị als die feinste Sorte; der sehr ausgiebige Profässer Woltmann; der Stäiner: eine zu Ehren des Lehrers Steiner in Kurzenberg so benannte Auswahl aus den hundertfünfzig Sorten, die dieser darob zugrunde gerichtete Mann ansprobierte; der Wältwunder, der sehr groß wird, aber an seinem Setzlig, d. h. am Knospenende, bloß vier bis fünf Augen statt einer viel größern Zahl haben sollte. — Solches föörtellen mit derart allergáttigen Hördöpfel wird durch die Vorsicht geboten, nid alli Äier in äins Chrättli z’tuen, sondern nach dem Grundsatz: es fehlt nie alls und g’ra̦a̦tet nie alls mit dem Einsatz verschiedener Sorten sich der Ungewißheit trockener oder nasser Sommer anzupassen. In der Nessi chönnen d’Hördöpfel versụ̆ffen, in der Tröcheni absta̦a̦n oder ụụswachsen.

Ist ferner ein Acker von alter Kraft ganz z’Hördöpfel aang’setzt, so kann das Unkraut stark überwuchern, wenn nicht die fingerhohen Pflänzlinge sogar mit Döörnen g’eggt werden. Erst dann muß noch der Putzflueg zwei- bis dreimal saubere Arbeit verrichten. Eröffnet sodann der Vreenendaag nicht einen schönen Herbst, so wird das Hördöpfel graaben zu der unlieplichen Beschäftigung mit böo̥sen Hördöpflen. Die werden sofort ’dämpft und bei größern Betrieben in Gruben angesäuert als winterliches Kraftfutter für Galtvieh. Der Bestand an gueten Hördöpfel kann in solchem Falle derart zusammenschmelzen, daß er nicht einmal den eigenen Bedarf deckt und der allmorgendliche Speisezettel die Formel erhält: Hördöpfelröösti, wenn mḁn si het. Zeitiges na̦a̦chḁziehn, strecken (sparen) erfreut aber im Frühling beim abchaisten (Entfernen des Chäist, des ausgewachsenen Keims) gern mit der Entdeckung, daß der Vorrat über Erwarten langt. Es braucht dann nicht zu einer Erörterung zu kommen wie in jener gemischten (Gesamt-) Schule. Da wollte der Lehrer in der altfränkischen Grammatikstunde sich wiederholen lassen, was der Artikel sei. Keine Antwort. Da erhebt endlich unter den Sechsjährigen, welche 202 schreiben sollen, ein Bübchen schüchtern den Finger. Verwundert und neugierig fragt der Lehrer: Nu, Bänzli, was mäinst du denn, was en Artikel sịịg? «He, wenn mḁn käiner Hördöpfel meh het!»

 
1 BW. 1911, S. 16.   2 Tabernamontanus.   3 Jacc. 65. 402; Rhv. 9, 180-6.   4 Kal. Ank.   5 Die truffla, trufflla (Brid. 317. 383), it. tartufolo. die «Trüffel» oder die (dissimilierte) «Kartoffel». Als «terrae tuber» (Erdknolle) oder «Erdapfel» sind ja beide deutbar.  
 

II.

Wir haben die vorgenannten Handelspflanzen unter der Rubrik «Rüstig» vorangestellt, weil zu gegebenen Zeiten auch sie (der bloß an Fabrikagenten oder nunmehr genossenschaftlich verkaufte Tabak natürlich ausgenommen) in kleinern Quantitäten auf die Gemüsemärkte gelangen. Ständige Marktartikel sind aber erst die nachgehends verzeichneten, welche als Pflanzsachen oder als Pflanzrüstig mit einem außerordentlichen Aufwand von Fleiß und Geschick in den Mŏsgeerten gezogen und als Meeridrüstig für den Markt absatzfähig zubereitet werden.

Ein wimmelndes Leben in diesen Moosgärten von Mitte Mai an bis tief in den Winter hinein! Nid vor dem zeechenten Mäien! Was vorher dem Moos mit seinen Spätfrösten anvertraut wird, isch in d’Lotterei ta̦a̦n. Bis i’n Bra̦a̦chmoonat (Juni) hinein sieht’s denn auch im Moose fahl aus. Da fällt das erste schönen, warmen Reege̥lli. Jez wohl, iez chunnt der Sạug (Saftstrom)! Es keimt und sproßt und schießt und wachset, mi g’su̦ch’s förmlich wachsen, wenn mḁn zueluegti. Da müssen die Pflänzlinge, welche förmlich in eren Wuet innen sịịn, fleißig in Schutz und Pflege und Zucht genommen werden; sü̦st wirt nụ̈ụ̈t g’rächts u̦s ’nen. Die einen vergeilen: sie überchöo̥men der Schu̦tz und stänglen ụụf. Die andern formen sich nicht zu fest geschlossenen Köpfen oder Wurzeln; es gibt nụmmḁn so n es Zu̦u̦rpfiweesen.1

203 Schon die Art der Düngung (1751: das misten) ist daher öppis, wo mues g’chennt sịịn. Sie richtet sich vor allem nach Zeit und Bodenart. Im April isch d’s San͜d wohl (sehr) trochen, der Torfboden noch flätschnáß. In der Tröcheni, aber erst um di Vieri abends, hilft man rückständigen Pflanzen mit Chilisalpeter nach. Im schweren Boden ist Rossmist am Platz. Aber den Sand macht er fụ̈ụ̈rig, so daß seine Bepflanzung verbrönnt. Die langsam keimenden Karotten erfordern gleichzeitige Aussaat von Sa̦a̦mmen und Dünger aus dem örtlichen Genossenschafts­verband. (Dieser hält neben [Thomas-] Schlaggen und Kainit auch ụụfg’schlossenen Dünger: Super [phosphat], Kalisalz, wo d’Pflanzen nid verbrönnt, und Chilisalpeter auf Lager.) Andere Pflanzen wollen erst g’mistet sịịn und später b’schüttet, wobei der Dünger in d’B’schütti g’rüehrt wirt. Da haben d’s B’schüttifaß und d’s B’schü̦ttibü̦cki (kurz: Bücki, Bottich) wenig Ruhe. Besonders wo Blumkohl z’bschütten und z’düngeren ist, da̦ mueß mḁn feerm dartuen!

Um so weniger richtet sich in einer Zeit, wo selbst der Bonifaz (5. Juni) nicht mehr als Boo̥hnenmacherdaag zum Stecken (setzen) der letzten Bohnen einladet und der Medardus (8. Juni) nicht mehr als der zum Heumähen günstige Meederlisdaag gedeutet wird, der berufliche wie der bäuerliche Geertner nach den Zäichen (des Tierkreises). Bloß die Gebirgsbewohner häin noch vill dru̦ff.

Beiderlei Gärtner unterscheiden sich bloß darin, daß der berufliche auch dem Blụ̆emenkumerß obliegen muß, welcher wieder seine eigenen spitzen Erfahrungen fordert. Der bäuerliche hat genug an der Sorge, daß er nicht, wie der Großbetrieb, in sehr ungünstigen Jahren mit Verlust Rüstig pflanze. Der Blumenkultur wendet er ja ebenfalls, meh us Fräüd, wenn er Zịt het, seine Sorgfalt zu. Er pflegt in Stube oder Garten den Krokus, das Schlüsseli (die Hyazinthe), die Dulipaa, das Väieli (Viola tricolor maxima), das Stäüfmüeterli (Pensée), die Verbena (V. hybrida), das Pfingstneege̥lli (Dianthus Heddewigi), den Residaat (á), den (halbschriftdeutschen) Hahnenkamm, das Edelwị̆ß, die Win͜den (Ipomea), die als Summerfloor bezeichnest Cinerarie, das Läüen- oder Chlappermụ̈ụ̈li (Maurandia), das gewöhnlichere Brịmeli (Primula obonica) und das großen Brịmeli (P. chinensis fimbriata), das Strạurööseli (Helichrysum monstruosum, die Immortelle), die Betụụnien (Petunia hybrida grandiflora fimbriata), den Fingerhuet (Campanula Medium), das Neegeli (die Remont-Nelke), die gefüllte Bélsamịnen, das Vergismäinnicht (Adonis vernalis), das Jumpfereng’sichtli 204 (Chrysanthemum carinatum hybridum flore plenum), das Summeraviöönli (die Sommerlevkoje), die Zịklamen (Cyclamen persicum giganteum), das Gartenbü̦ü̦rstli (Bellis perennis monstrosa), die längbletterigi großi dünni Aster und die mittelmeeßigi Aster (Cocardeau), die blaauen Seebel (Iris).2 Und an der Blumenpflege schult er sich für den Gemüsegarten und das Gemüsefeld. Auch da ist ihm es n ieders Stụ̈ụ̈deli wi n es chlịịns Chin͜d, zu welchem abaartig (à part, ganz besonders) mueß g’luegt sịịn.

Auch mit sorglicher Fernhaltung der Feinde: tierischer wie der pflanzlicher Schädlinge, hat der kleine wie der große Landwirt unausgesetzt zu tun. Man denke an die Scheeren (Maulwürfe), sowie an die entsetzliche Landplage der Stoos- und der Springmụ̈ụ̈s in den Jahren 1912 und 1913! Nachdem virus und Strychninhafer, mit hohen Kosten in den Boden gebracht, neben einer Anzahl Mäuse und damit vergifteten Krähen leider auch Störche, Wildtauben und Eulen zur Strecke gebracht, wendete man mit mehr Glück die zu 16 Rappen aus England eingeführten Müüsenfallen (mouse traps) an und ließ Schulbuben je 4 Rappen vom Stück verdienen. Wenig bedeutet daneben der dem Gärtner so verhaßte Rossmü̦ü̦rder3 (die Maulwurfsgrille).

In tropischer Üppigkeit gedeihen sodann im Moos enpaarigi (es paar, einige) wüesti Chrụ̈ter. Als erstes solches erscheint im Frühling der Hüennerdarm oder Hennendarm. Mit Vogelsamenfutter wurden aus Amerika eingeschleppt der Amaranth (Amaranthus rectiflexus) und das kanadische Berufskraut (Erigeron canadensis). Viel Mühe verursachen ferner die Distel, der Nü̦schel (s̆s̆) oder das Schläikgras (die Quecke), das Flöhchrụt, wie sowohl der Knöterich als die gelbe Hauhechel geheißen wird.

Da̦ gibt es z’jätten! Und zwar mueß mḁn bi den Ggarotten drụ̈ụ̈ Ma̦l d’rüber! Dabei wird aus dem Faulenzen und Plaudern wie beim gemütlichen Flachs jätten alter Zeiten nichts. Denn die Karotten und andere empfindliche Pflänzchen erfordern bei der Seeländerin, die sowieso sich z’chrümmen (zu bücken) statt z’grụppen (zu kauern) gewohnt ist, rasche und doppelt förderliche Handbewegungen in allen möglichen unbequemen (unchu̦mmligen) und mühsamen (gnietigen) Körperstellungen. Wo die flinke und starke Hand die Unkräuter nicht bewältigt, muß die kurzstielige Jätthạuen oder das Jätthạueli 205 (nicht der zum bequemen wịt recken geschaffene Fụ́länz) her. Mit ihm gilt es dann und wann drịịnz’schla̦a̦n — energisch wie das Pferd, welches ausschlagt: ụụfjättet.4

In der Culture maraichère des 18. Jahrhunderts und schon vorher waren die «Morgärten» (1762 gleich den Beunden) mit Hanf bestellt. Seither geben ihnen, gleich andern Pflanzblätzen, die Gemüse ein anderes Aussehen. Grasbordüren, deren Grün d’Mueter den Säuli und d’Bueben den Chụ̈ụ̈neli zuwenden, schließen der na̦ch der Schnuer abgeteilte Beete ein, in welcher Kräuter die erste Stelle behaupten. Mit Chrụ̆t oder altinserisch Chrụụd5 scheint die Sprache alles irgendwie den Sinnen (z. B. als Pfäfferchrụt [Satureja] dem Geschmack, als «Wịịnchrụ̆t» [Ruta] dem Geruch), besonders aber dem Auge sich auffällig machende Blattwerk zu bezeichnen. Als solches wird es in der Redensart Chrụt und Rüeben, es isch alls dü̦rch enan͜deren wi Chrụt und Rüeben dem auffälligsten Wurzelwerk entgegengestellt. Das Schwellende des Blattwerks,6 nach welchem auch einer, der «es» oder «sich geschwollen gibt», sich pausbackig geberdet, sich chrụtig macht, ist besonders sichtbar an dem mundartlich so geheißenen Chrụụd oder Chrụt. Im Altdeutschen gab es u. a. ein rüebekrût, ein muoskrût, ein kölekrût und ein kabezkrût, welchen ungefähr unsere angebauten Kohlarten entsprechen. In einem weitern Sinn aber umfaßt der Chrụtgaarten auch das Spi̦i̦nḁtchrụụd, so daß der aus Brotteig gebackene und mit Spinat belegte Spinatkuchen geradezu Chrụụdchuechen genannt wird. Seine Stücke (Chuechenbi̦tzen) werden zum Essen auch bei Tisch unzimperlich zwischen die Finger genommen, woher man mit der Abfertigung: (das isch) en Handheebi an en Chrụụdchuechen die Erteilung einer Auskunft verweigert. Auch der Mangold wird als Máṇgu̦dchrụụd bezeichnet. Beliebt war freilich diese einst auch im Seeland den Morgentisch versehende Gartenpflanze nicht. Während eines fürchterlichen Hagelwetters schaute ein Tschugger den Verwüstungen im Garten zu und rief: Nụmmḁn drụụf, drụụf uf d’s Mangu̦ldchrụt — b’hüet Gott der Räbstock! — Der Mangold heißt im Emmental, wenn seine Rippen als Chrụtsti̦i̦le 206 eingesäuert werden, Sụrchrụt. Diesen Namen trägt dagegen im Seeland das wị̆ß Chrụụd oder der Chaabis, d. i. der Weißkohl, wenn er im Sinn des emmentalischen «Sụrchăbis» behandelt worden ist. Es ist dann «die» aus dem Elsäßischen ins Französische übergegangene «choucroûte» und das altdeutsche «tompeskrût», das wie die ostschweizerischen «Gúmpi̦stbiren» als «Kompost», compôt (als mixtum compositum) ịịng’macht worden ist. Aus Chrụ̈tlisa̦a̦mmen zieht der Seeländer im Chrụ̈̆tli, d. h. im Kohlfeldchen seine gangbarsten Kohlarten als G’chööch.

Das erste «Grün» (viridia, lombardisch verza, daher «Wirsing»)7 kam urspriinglich als chou de Milan oder als Wirsinger ins Seeland, um als der ganz früechst Früehchöhli neuenburgische Leckermäuler zu erfreuen. Seine Spender sind hauptsächlich die Gampeler und Galser (mit denen wir auch vom Chöhli statt inserisch vom Chöo̥lli sprechen). Im Juni erntet man den gewöhnlichen Früehchöhli, im Spätsommer den Spa̦a̦tchöhli. Bevor die südfranzösische Konkurrenz auch die Schweizer Märkte beherrschte, isch mit dem Bluemchöhli öppis z’mache g’si̦i̦n. Zu frühest kam di Schneballen (boule de neige), dann als mittelfrüh der napolidanisch und als später der im Herbst 1911 sehr ergiebige holländisch Blumkohl. Schön ịịnp’hackt ist der Primus. In die Erbsen gepflanzt, wachsen die jungen Setzlig sehr vorteilhaft im Schatten auf. Vom Spätherbst bis tief in den Winter hinein geht die Gampelerin und die Galserin für den Markt auf das Feld ga̦n roosenchöhlen, die Inserin ga̦n roo̥senchöo̥llen.

Als Kohl gilt auch der wegen seiner dicken Wurzel gezogene «Rüebchöhli», Chrụtöpfel, la chou-pomme, die Schụ́pomm oder, drolligerweise mit dem jupon gleichlautend gemacht, das Schụ̈̆pung. Auch le chou-navet oder la chou-rave, galserisch d’Schụ́raav, sonst seeländisch d’Schụraaven gehört dahin. Die zarten gelben Schmalzschụraaven, welche gekocht im Munde schmelzen, werden gegessen, die andern Bodenkohlraben auf der Schnätzelmaschinen für das Vieh g’schnätzlet.

Dagegen sondert das Schweizerische vom Kohl, der nach seinem längern Strunk (caulis) benannt ist, den durch seinen größern Kopf (caput) charakterisierten Chaabis aus.8 Zunächst ist Chabis der wirkliche (menschliche) Kopf. So haben bei Rudolf Manuel Streithähne einem Saufbruder «den Kabis mit trüwen b’rupft», haben ihn bim Chabis g’noo̥n und ihm, wenn er reklamieren wollte, in verächtlicher 207 Abfertigung der Abchabis g’geen. Das letztere Wort bedeutet freilich in einem rechten Chabisland wie Pruntrut, wie Seftigen mit seinem «Chabisbähnli», wie die Umgebung Berns usw.9 zunächst den dem Vieh gereichten Abfall der für Sauerkraut nach Bern und Bümpliz verfrachteten Chabischöpf. Ansehnliche Chabisblätzen zeigt ja freilich auch das Erlachische. Und wenn niemals mehr wie z. B. im Jahr 1651 ein Inser Chabismüeterli (Capis oder Kabis Mütterli)10 unter dem Ruf «Einer verschreitten Dirnen Ein Zyt lang vmbhergezogen ist», so nimmt dafür der Handel auf dem Markt um so angemessenere Form an. Dies gilt zumal von den Sorten des Iịsenchopf, des Blaukrauts (roo̥ten Chaabis) und des Sant Dénnĭ̦s (St. Denis) mit blauen Oberblättern, des Braunschweiger und besonders des Kopenhager. Dieser am alleri längsten sich haltende Weißkohl mit festem Häuptli ist der geschätzteste Sauerkrautlieferant. Als solcher soll er im Herbst wachsen, wi der Wịịn; und am Vreenendaag gäit der Chaabis z’Ra̦a̦t gleichsam mit sich selber, ob er mit solchem Wachstum es dem Menschen z’lieb oder z’läid halten wolle. Er wird ersteres vorziehen, wenn er nicht der Schleimpilzkrankheit der Knotensucht (dem Chropf) erliegt.

Eine Gattungsgenossin des Kohls (Brassica oleracea) ist die Rüeben (B. rapa), welche aber ihren Namen auch mit dem Gänsefuß, gewächs der Runkelrübe (Beta vulgaris, s. u.), und in der Verkleinerungsform Rüebli mit dem wieder andersartigen Doldenträger Daucus carota teilt. Gemeinsam ist nämlich allen der knorrige Ansatz (râpum, rapa, rave, deutsch ruoba, ruoppa)11 der Wurzel, der auch im Stammansatz des Baumes und in der halbkugeligen Schwanzrüeben des Rindes erscheint. Dem bis auf die Haarzwiebeln kahl Geschornen ist d’s Ha̦a̦r bis uf d’Rüeben abg’hạuen.

Als Nachfrucht von Roggen und Weizen gepflanzte, im Herbstnebel rasch gewachsene und darum wenig reez, rääz, rääß schmeckend, geben die Rüben eine äußerst angenehme Zukost zu Fleisch und Kartoffeln. Ehemals, als sie auf dem Frühstückstisch die Kartoffeln ersetzen mußten,12 war das Rüeben ziehn und Rüeben (-laub) abhạuen im Rüebenherbst eine weniger verheißungsvolle Arbeit. Da war der Hungerleider ein Rüebenrätscher oder, bei Niklaus Manuel, ein «Rüebentröscher»; und den Genfern der Escaladezeit hieß der Herzog von Savoyen der «Rübenkönig» (le rei dei barbot).13

Eine allzeit hochgeschätzte Nachfrucht des Roggens ist das Rüebli, die Moorrübe. Moorenwü̦ü̦rzen heißt allerdings bloß die verholzte 208 und eigentümlich scharf nach Pastinaken14 riechende Pfahlwurzel vergeilter oder als Samenträger ụụfg’stängleter Exemplare. Solche, wie auch chrụ̈ụ̈seligi (krausblättrige) Karotten wachsen gern auf Boden von alter Kraft. Man wählt darum für Rüebli gern früschen Ụụfbru̦u̦ch. Langsam keimend, wird der Same namentlich der sehr zarten geelben Rüebli oder Mụ̆sen- oder Sooßenrüebli zugleich mit Salat- oder Spinatsamen gesäet. Diese rasch zur Ernte reifenden Blattpflanzen beschatten die junge Saat und ersparen das erdünneren.

Als Gemüse vor dem Kochen b’schnitten werden auch die Leguminosen. So nahrhaft zumal ihre Kerne sind: auf dem Markte liebt man d’Cheernen nit ’plooderet (wie aufgelaufen dick). Sie dürfen nicht sich zweu Ma̦l vor der Rị̆ffi chee̥hren15 und beim Enthülsen16 oder ụụschi̦i̦flen von selber ụụsḁdroolen. Zu erwähnen sind unter den Stangenbohnen: Stäckenboo̥nen, welche des sti̦chlen mittelst der Sti̦chel (in Gals: Bohnenstäcken stecken) bedürfen, die Säänfiagger (St. Fiacre). Fadenlos, ohni Feeden, wie diese, sind die krumm wachsenden Hööggiboo̥nen, welche als zart und fein geschätzt werden. Sie heißen nach ihrer Herkunft auch Grangßong. Amerikanischi Ri̦i̦sen, Tessinerboo̥nen, Zäntnerboo̥nen sind andere oft genannte Sorten. Die Buschbohnen oder mu̦tzen Boo̥nen führen über zu den im Feld reihenweise gesäeten Suppenböo̥nli mit ihren Hauptsorten des (gelben) Schwööfelböo̥nli und des Mădammböo̥nli. Das Verbot des Kifelbrechens am Sonntag (9. Juli) 1685 17 zeigt, wie lang die samt den Chi̦i̦flen (Kefen) genossenen Chi̦i̦feleerbs (Pois mange-tout) schon gepflanzt werden. Man unterscheidet eine wị̆ßi (weißblühende) und eine blaaui Spielart. Zu letzterer gehört der Mammut (baslerisch: «Ụụsmachmues»). Eine frühe Sorte von Auskernerbsen oder Zuckereerbs ist der Mäichünig, eine späte die Viktoria. Eine sehr frühe und große Markerbse (mit runzligen Samen) ist der Gradu̦ß (Gradus), eine reichtragende, langschotige die Télifföönler oder Téliffooneerbs, während der Téligraaf sich durch große Schoten auszeichnet. Es handelt sich hier um Konserveneerbs, welche namentlich die Konservenfabrik und die Gemüsebau­genossenschaft zu Kerzers anbauen und anbauen lassen.

Sehr früh wie die Erbsen, steckt man auch die Chlü̦ü̦f. (Der Chlu̦u̦f ist svw. Zwiebel als botanische Form des unterirdischen Stamms.) Denn die als Würze gebaute Zü̦ü̦be̥llen ist eins der b’süechigsten Markterzeugnisse, wie ja schon der Berner «Zị̆belenmäärit» beweist. Die 209 Zwiebel hieß früher, wie Rudolf Manuels Sprache dartut, auch hier wie noch in der Mittel- und Ostschweiz «der Böllen».18 An diese Form lehnte sich Zwibollo, «Zwiebel» und «Z̦ü̦übelen» als Umdeutschung aus caepulla, der Verkleinerung aus (Allium) Cepa.19 Nächst verwandt ist der Lạuch, zumal der weiße und fußlang werdende Garánta (Carentan), sowie das Schărlottli, die Schalotte. Sị̆llerịị (céleri, baslerisch «Zä̆llerig», Selinum), ferner die erlacherischen Arte̥fụ̈ụ̈fi: die Schwarzwurzeln, scorsonères, Sgŏrße̥neer (baslerisch «Stŏrzenä́ri») und Schịggeree (Cichorie, chicorée als Kaffeesurrogat) sind fernere Nutzwurzeln. Als Salat dagegen dienen der Sụnnenwü̦ü̦rbel (krause Endivie), sowie das dunkelgrüne, vollherzige, löffelblättrige Nüßlichrụt, verschieden von der groben und wulligen oder g’sammeten französischen doucette.

Wältschi Gu̦ggu̦mer, dütsche Salat:
Hättisch ’na g’frässe, so weerist e Soldat!

Die Gŭ̦ggu̦meren führt über zur cucurbita als Chü̦ü̦rps, deren einer gelegentlich am Markt einen mittelgroßen Korb füllt.

 
1 Vgl. die ahd. Laut­verschiebungs­formen zu Torf: S. 167.   2 Von der Familie Kämpf in Gampelen an Hand des Katalogs Altorfer (1912) benannt.   3 Im Wistenlach: la jardinière, sarkastisch wie etwa am Genfersee gewisse Insekten als Weinbergschädiger «vignerons» heissen. «Rossmörder» aber sind überhaupt Tiere, die bei aller Kleinheit doch von verwandten oder verwandt scheinenden Arten durch ungewöhnliche Größe sich abheben. Vgl. Gw. 202.   4 Mhd. (WB. 1, 538) jëten, ich gite, ich jat, wir jâten, ich habe gejëten bedeutet zunächst ein Sondern zwischen guten und unerwünschten Kräutern und ein Auswählen der erstern, ein Ausmerzen der letztern, die ahd. als der getto (lolium: Graff 1, 595), schwz. als das Jätt oder G’jätt bezeichnet werden. Die Energie, mit der für letztern Zweck das Jätthauli oder die Jätthaue, das jëtisen, jëtisarn gehandhabt wird, lieh dem jätten oder gäten auch die Bedeutung: hart mitnehmen, schleudern und schlagen (schwz. Id. 3, 82 ff.), sowie intransitiv: dreinschlagen, ausschlagen.   5 Vgl. alle die chrût im mhd. WB. 1, 890 f.   6 Vgl. die Urverwandtschaft mit bryö: Kluge 264.   7 Kluge 496.   8 Wie caulis als kôl, chôlo, chôli, koele, Chöhli entlehnt wurde (Kluge 256), so caput, ml. caputium als chapuß, kabeß, Chabis. Das genferische kabussa ist Kopflattich.   9 Vgl. Stat. 10, 2, 85.   10 Chorg.   11 Kluge 378.   12 Lf. 508.   13 Brid. 45.   14 Das Rüebli heißt denn auch in La Côte patenallha.   15 bisveri: Brid. 41.   16 déblotta: (zu «blutt»): Brid. 97.   17 Chorg.   18 Schwz. Id. 4, 1175 f.   19 Kluge 513.  
 

III.

Die Gaartenrüstig (1759: das Gartenzeug) und die weitern Pflanzsachen vermochten in und um Gampelen dank der bloß dreistündigen Entfernung Neuenburgs schon lange vor der Entsumpfung die gewöhnlichen Haushaltungskosten zu decken:1 d’Löcher in der Hụ̆shaltig z’verschoppen und d’Hụshaltig hälffen z’spannen (dü̦ü̦rḁ z’ schläiken).

Der Triumph der Frauenwelt ist hierbei ein doppelter. Einmal befriedigt solche Deckung der Haushaltungskosten den gerechten Stolz jeder braven Hausfrau, welche es verachtet, nummḁn dem Maan 210 sịn Schläipftroog z’sịịn und sich von ĭhm la̦n z’versorgen, statt daß sie ihm nach Kräften hilft, sich emporz’schla̦a̦n. Sodann darf es heißen: So lang mier pflanzen, häin me̥r sälber Gält! Das Meeridgält isch en Sach, wo d’Fráu aafḁn z’erst in den Fingeren het. Außer Kurs ist dann der ungeschriebene Rechtsparagraph gesetzt: En Frau tarf käiner Schulden machen; aber de̥m Maan sịner Schulden zahlen, das chann sie deenn!

Die Raschwüchsigkeit der meisten Gartengewächse gestattet den Hausfrauen, sich den wachsenden Bedürfnissen der Städter in weitgehendem Maß anzupassen und auf die Fragen wie: häit de̥r noch von däm? häit de̥r noch...? mit Ja zu antworten. Aber der Eisenbahnverkehr und ganz besonders der Dienst der Diräkten (Bern-Neuenburg, s. im Band «Twann») bringt nun noch ganz andern Fluß in die Sache. Selbst abgesehen von Witzwil und Tannenhof, spediert Gamplen drei Viertel, wie Möntschemier zwei Drittel mehr Gemüse als das viel größere Eiß. Sodann gelten die eigenen Gemüsegüterzüge, welche die «Direkte» je am Meendḁg und Frịtag z’Aabend eiuzulegen pflegt, Gesellschaften und Privaten, welche in Sụ̈̆schị̆, Möntschemier und Cheerzerz je zwei Wöögen, in Ferenbalm und Gümmenen je einen Wa̦a̦gen füllen. Wie, wenn erst auf den Berner «Zi̦belenmäärit» (Zü̦ü̦belenmeerid) ganze Berge von Zü̦ü̦belen­trü̦tschen, Si̦llerịị, Chnŏblạuch, Reetig (Randen), Chaabis sich auf die zahllosen Meeridchöörb verteilen, die einen ganzen Einladetag ausfüllen! Am 25. November 1912 versorgten 25 Eisenbahnwagen bloß aus dem Moos diesen Berner Markt. Sodann fordern Großhändler und Grämpler in Biel, z’Sant Immer, z’Tremmlingen (Tramelan), im Lụgglĭ̦ (Locle) und z’Schŏpfoo (La Chaux-de-Fonds) starke Tribute vom Moos, und zwar zuweilen dreimal in der Woche; sie zahlen aber auch bis 8 Franken für das Dotzend Carviol-Bluemen. Dafür wird freilich standesgemäß g’vöörtelet. So z. B. daß in den Vierlig Chaabis 26 statt 25 Häuptli ịịn’zellt werden müssen, wogegen der Händler sie nach der Formel 4 x 25 = 100 verkauft. Gleichwohl heißt es bei den Lieferanten guter und rascher Zahler: Jää, wenn mḁn wolltt ’zahlt sịịn, so mueß mḁn d’s Besten geen. Und wenn mḁn rächt Lụ̈t het, soll mḁn óch rächt sịịn! D’s Mees in der Oordnig und d’Mărschandịịs in der Oordnig! (D’Mărschandịịse (s̆s̆) heißt im Seeland auch speziell das gewerblich verarbeitete Rohmaterial, und Marschang nennt sich in Treiten die Nachkommenschaft eines ehemaligen Krämers; so unter ihr der Veteran Marschang-Rüedeli). Auch soll man sich mit den erzielten Preisen einmal zufrieden 211 geben: verg’nüegt sịịn. Man soll nicht immer felsen (feilschen) wi n en Ju̦u̦d und mäinen, es müess alles gäng glịịch tụ̈ụ̈r sịn wit d’s vorder Ja̦hr oder wi am vooräänigen Meerid.

Jurassische Händler machen auch die Märkte in Biel und Neuentstadt guet. Hierher fahren darum die Lüscherzer zu Schiff oder, wie die Eißer, Galser, Brütteler, Feisterhenner und Si̦i̦seler, zu Wagen.

Der Hauptanziehungspunkt des westseeländischen Gemüsehandels ist freilich Neuenburg mit seinen Gemüsemärkten all Zịịstḁg, Donnstḁg und Samftḁg und insbesondere dem groo̥ßen Donnstḁg: dem ersten Donnerstag des November. Diese Märkte werden beherrscht durch die Wistenlacherinnen, die Gampeler- und Galserfrauen.

Erstere, les Marmettes geheißen, haben jeweils an ihren großen Tagen ein eigenes großes Dampfschiff zur Verfügung, das sie samt ihren Waren von Murten her in Praz abholt und durch die Broye über Gụ̆derfịị nach Neuenburg, sowie ummḁ häim führt. Das Nü̦ckli, das sie auf dem Heimweg in der erfrischenden Seeluft sich gönnen, redet von der arbeitsreichen Vornacht dieser musterhaft fleißigen Frauen und Töchter, von denen das Sprichwort umgeht: Wär’s will guet haan, soll es Miste̥lacherwịịb nehn und ĭhm es Roß aanschaffen.

Aber auch mit einer Gampeler- und Galsertochter fahrt guet, wer selber nicht träg will z’ru̦ggli̦ggen wi n es fụụls Roß an der Diechslen, sondern sich tüchtig ins Zeug zu legen begehrt. Das sind allerdings exemplarische Arbeitstage vor dem Markt und Entbehrungstage am Markt!

An jenen gilt es, im Sommer und Herbst dem Gemüsefeld, im Winter dem im Garten ịịng’locheten oder verlocheten (eingegrabenen), mit Laden und Säümist frostsicher gehaltenen Loch die Waar zu entheben, welche man z’moornderisch abzusetzen hoffen darf. Dann heißt es: d’Rüstig rangschieren. Und zwar sụụfer putzen! Denn die Stadtfrauen und zumal die an Zimperligi sie übertreffenden Chöchinen sind durch die Konkurrenz gewaltig verwöhnt. Da gilt es, äi’m i’n Chratten z’dienen, bi äi’m im Chratten oder im Chrättli z’sịịn, den gewohnten Abnehmern z’chrätte̥llen. Solches b’richten, reeden, fü̦ü̦rḁgeeben, gäng Mădamm seegen und en an͜deren d’Lüt abstehlen, ohne damit seiner Würde etwas zu vergeben: das ist es rächts kunsterieren!

In peinlichster Sauberkeit also werden von einer Haushaltung bis sächz’g Dotzend P’hack Rüebli in äi’m Daag g’rüstet; dazu etwa Lạuch in halbfränkigen Bündeln zu zeechen Stängel usw. 212 So wird ’butzt und ’bbutzt bis äm ängle̥fi z’Nacht oder wohl auch bis Mitternacht. Was wird da aus der Bettruhe? D’Gamplen-wịịber gangen nid in d’s Bett, si chnäülen nu̦mmḁn dḁrvor. Wie es auch Männer gibt, welche mäṇgi Nacht hin͜der enan͜deren nid us den Hoosen chöo̥men. Geschieht dies jedoch wieder einmal, so heißt’s: D’Mannen hänken d’Hoosen nummḁn a’n Bettstollen; und wenn die nịmmehr blampen, so stan͜den si u̦mmḁ n ụụf.

Kommt es aber zu wirklicher Ruhe: wi lang ächt? Kaum ist das Bett aang’weermt und der Schläfer halbwegs erwaarmet, so schla̦a̦t’s Zwölfi, und es heißt: Ụụf, ga̦n d’s Roß fueteren! ga̦n z’Morgen machen! Um zwei Uhr: ụụf und furt! Es knallen die Peitschen in die Stille der Winternacht oder in das sommerliche Morgengrauen hinaus; es knarren die Räder der leicht gebauten, aber dank einer eigenen Ladekunst sehr ansehnliche, teilweise sperrige Lasten tragenden Wöögeli. In ausgiebigem Schritt oder leichtem Trab, kaum durch ein aufpeitschendes Hụ̈ụ̈! beschleunigt, folget das Pferd der in dichtes Leib- und Kopfgewand gehüllten Meisterin. Leicht findet es seinen Weg auch in dunkler Nacht, dank den polizeilich vorgeschriebenen Lanteernen, deren je eine den Wagen erhellt. Ist das ein Anblick für einen, der zwischen dem Mărängerfälld (zu Marin) und der Zi̦hlbrügg, wo die Galserinnen zu den Gampelerfrauen stoßen, die von zahllosen Lichtern illuminierte Straßenschlange überblickt! Mi het alben von wịtem’s chönnen mäinen, es weer en Fackelzug.

Seltsam aber vermischen sich jetzt Geräusche am Platz des ehemaligen Stadttors. Denn halten muß hier Roß und Rad: da̦ mueß g’waarten sịịn, bis es vom nächsten Glockenturm feufi schla̦a̦t. So gebietet es die Polizei seit 1907. Und sie hält strenge Wacht. Vorher, wo nächtlich freier Durchpaß gestattet war, fuhren die Gemüsefrauen bereits um Mitternacht ab, für’s chönnen sattliger z’nehn. Nun wird gelegentlich, wo nicht z. B. kostbares Tafelobst verhŏtschlet würde, die eingebüßte Frist durch wildes G’spräng eingeholt. Sobald der Stundenschlag den Paß frei gibt, wird g’sprenggt, vill verflüechter, weder wenn en Batterịị ụụffahrt. Wo nicht gleichlaufende Gassen den Ansturm zerteilen, sucht man enan͜deren vorz’fahren. Ein Wunder nur, daß ’s noch nie nụ̈ụ̈d g’geeben het (kein Unglück geschehen ist)! Weniger wundert sich, wer den Seeländer kennt, über die Bereitwilligkeit zu rascher gegenseitiger Handreichung, wo öppḁ n es Rad abgäit oder ein ähnliches Mißgeschick sich ereignet. Denn den Wettstreit um das beste «Plätzchen an der Sonne» begreift ja jeder aus seiner eigenen Geistesverfassung: är nimmt’s ab sịnen Bi̦rnen abb.

213 Bis hundertzwänz’g Fueder nehmen Aufstellung um das Tramhụ̈ụ̈sli auf dem Bụ̈ụ̈ri- (de Pury) Platz, wie vormals auf dem Schị̆mmnăsblatz (place du gymnase) als dem viel schönern, wenn auch zü̦ü̦gigen (Zugwinden ausgesetzten) Meeridblatz. Da vollzieht sich, so mancher Kniff auch z’spi̦i̦len versucht wird, jede Manipulation in militärisch strammer Ordnung. Jede Lenkerin kennt genau ihres Blätzli, das sie als die womöglich zuerst Erschienene sich längst ausersehen hat und nun mittelst eines Halbfränkli sich aufs neue sichert. Num steigt sie lautlos vom Wagen, spannet abb und führt mit einem halblauten chu̦mm! ihr braves Tier seiner Herberge zu. Wäre nicht das Stampfen der Hufe auf dem steinigen Pflaster, man glaubte sich jetzt in die Stille der Mitternacht versetzt. Denn auf den gastlichen Bänken rings um das Tramstationshäuschen holen nun die als Verkäuferinnen Gerüsteten ein Stücklein der so jäh unterbrochenen Ruhe nach, suchen wohl auch ein bißchen Scheermen vor Regen oder Schnee und Sturm, dem sie nun bald als beneidenswerte Heldinnen bis spät in den Nachmittag hinein völlig schutzlos ausgesetzt sind. Denn äm sächsi kommen die ersten Händler zu feilschen. Vorher darf nicht verkauft werden. (Ja, in Neuenstadt gibt erst äm halbi achti das Glockenzeichen den Kauf frei.) Was am Wagen nicht rasch und willig furt gäit, wird auf dem Marktstand ausgelegt und unter den allgemach sich einfindenden Kennerinnen und die es sein wollen, «an Mann» gebracht.

Es bedarf hierzu der deutschen und welschen Beredsamkeit, welche vor einem halben Jahrhundert die freien Verkäuferinnen auch aus Eiß vor ihren gewohnten und vor neu zu gewinnenden Abnehmerinnen in den Häusern der Stadt entfalteten. Die häin mier — erzählt eine 84jährige muntere Eißeren2grad d’s ganz G’lü̦mp un͜der äinisch enwägg g’noo̥n. Ich bin nu̦mmḁn mit dem Wöögeli fụrt und abmarschiert (die vier Stunden weit) und bin früej im Na̦chmittag leer ummḁ häin g’si̦i̦n. Jää, wenn mḁn gueti Waar het, mi chann si gäng brụụchen! Aber frịịlich mueß mḁ dḁrzue en chläin es guets Mụụl haan. Das darf mḁn nit da̦häimen la̦a̦n oder im Sack haan. Mi mues sich den Lüt biwährt (wert) machen und si umnéhn. B’sun͜ders han ich ’s denn mit den Mägd gar Donnerlis guet chönnen. Mịn Na̦a̦chbụụr hingeegen, deer isch ung’fellig g’si̦i̦n, er het e̥käin G’fell g’haan. Är het äintweeders d’Sach umma müeßen häin nehn oder aber sie verschinten (fast vergeeben geen, verhụ̈tzen, in Tschugg: si für Haarz gään, si verhaarzen). Denn han ich däm och 214 noch Lụ̈t zu si’m Wöögeli zụchḁ g’löökt und han ’nen en chläin stịịff b’richtet, und är het siner Sachen im Schnụụß enwägg g’haan.

Warum auch solche Neidlosigkeit nicht, wo für alle z’ässen gnueg und Arbäit gnueg vorhanden ist? Arbeit auch für die Kinder, die in der so vielfach für sie passenden Beschäftigung von chlịịnem ụụf in d’Arbäit ịịchḁ wachsen und davor bewahrt werden, uf der Gassen umhee̥r z’rönnlen. Dieses Gute kann freilich in ein fatales Gegenteil umschlagen, wenn dem kindlichen Hirn der nötige Schlaf abgebrochen wird und Zeit und Kraft und Lust zur Schule um ihr heiliges Recht kommen. In dem Maße, wie diesem Übelstande vorgebeugt wird, wächst die reine und helle Freude an der Arbeit, sowie die ermutigende Beobachtung, wie dank den Mŏsgeerten innert zwei Generationen ganze Ortschaften ụụchḁ choo̥n und fü̦ü̦rer (vorwärts) choo̥n siin.

 
1 Nach Stauffer.   2 Frau Schumacher.  
 

IV.

Einst beherbergten auch die Dörfer des Erlacheramts ein Bettelvolk. Haufenweise stellte das sich in Samm Pleesi und besonders in der Pension Mụ́mmeraal (Montmirail) ein, für ga̦n Rästen z’räichen. Es hieß zu Insern: Wenn denn der Presidänt und der Pfaff och noch sịn choo̥n, so isch denn d’s ganz Eiß da̦ g’si̦i̦n! Zu Vinelzern: Dier chöo̥met äin doch och alli z’seemen vor d’Tü̦ü̦r; am Änd chunnt äüer Pfarrer och noch chon bättlen! Antwort: Är cheem schoon, aber är het nu̦mmḁn äinen Finken!

Nun haben alle Bettelhütten gefällig einfachen Klein- oder sogar Mittelbauernhänsern Platz gemacht. Glịịchlen auch einige derselben einander wi n en Tropf Wasser (dem andern), so erzählen sie doch vom gemeinsamen Emporkommen zum glịịchen Zwäck (d. h. Erfolg).1 Von nụ̈ụ̈t isch mḁn zur Sau choo̥n, von da zur Chueh, von der einen Kuh zu zeechen Stuck Waar und zum Roß. Da hieß es freilich mitunter: Gält uufnehn und a feufi verzinsen. Aber mi het’s ämmel chönnen machen, und heute sind Haus und Heim schuldenfrei. So u. a. eins, dessen Inhaber von Unglück nichts weniger als verschont geblieben sind. Sie waren vor zwanzig Jahren brunstlịịdig. Den Mann befiel dreimal die Lungientzüntung, und aus den acht Kindern riß der Tod eine achtzehnjährige Tochter hinweg.

In solchen Prüfungen bietet Solidarität en starchen Rüggen,

215 Und ihr Ideal fände diese in einem zwanglosen, aber durch gute Organisation den einzelnen zum Anschluß bewegenden (vgl. einen zụụhabin͜den) Genossenschafts­verband für Warenabsatz am Ort. Längst hat man an eine Warenniederlage, eine Konservenfabrik oder dergleichen im Moos gedacht. Denn die so überaus häufige und jeweils lange Abwesenheit der Hausfrau, worunter in erster Linie die Kinder zu leiden haben, und um deren willen manch ein «Herr des Hauses» sich ins Wirtshaus getrieben sieht, sind augenfällige Schattseiten des oben beleuchteten Emporkommens. Erst wenn auch hier Licht geworden ist, erstehen im vollsten Sinn des Wortes aus alten Riesensümpfen immer neue Riesengärten.

 
1 Der «Zweck» in der Schützenscheibe (über diese Grundvorstellung des bildlichen Worts vgl. Kluge 511) kann sowohl als bereits getroffen, wie als erst ins Auge gefasst betrachtet werden.  
 

Zuckerrüben und Rübenzucker.

Mit des Lebens bitterster Not, bald durch übergroße Tröcheni und bald durch überg’heien des Wassers hervorgerufen, kämpfen am Strand des Mittelmeeres Gänsefußgewächse1 um ihr Recht aufs Dasein. Sie wehren sich d’s Leebens mittelst Entfaltung einer tief eindringenden, dünnen, holzigen, bitter scharfen Wü̦ü̦rzen und langer, spitziger Bletter. Beides befähigt sie, in günstige Lage versetzt und in kundige Pflege genommen, zu hoher Veredlung. Melde, Spi̦i̦nḁt, Mangu̦ld entwickeln riesige und saftige Speiseblätter; andere Gattungsgenossen lassen ihre Wurzelköpfe zu ziegeneutergroßen Chnü̦ü̦ren, Knorren werden. Diese Grundbedeutung kommt nämlich sowohl der rapa, rave, ruoba, Rüeben zu (S. 207), wie auch der keltischen, römischen2 und deutschen bēta, Beete, bießa, bieße,3 der Beta vulgaris, Runkelrübe, Rungglen.4 Diese erfuhr mit der Länge der Jahrhunderte eine Veredlung nach drei Seiten hin. Zu Sa̦la̦a̦t ịinmachen (zwecks längerer Aufbewahrung) und aanmachen (zu sofortigem Verspeisen) läßt sich die in dichtem Stand äußerst zart werdende rote Rande, volksmäßig als Reete̥ch bezeichnet. Zu unerchánnter Gröösi und zur Qualität eines milcherzeugenden Viehfutters erwächst der askanische Riese und verdient damit den (später erörterten) Titel abundantia, l’abondance, la bondance, Bụ́ndangßen und Pŏdangßen (Ins, Kerzers), Bŏdangß (Siselen). Als Zuckerrüeben endlich steigert sie bei sorgfältiger Kultur ihren Rohrzuckergehalt von 2 bis auf 20%; auch im Seeland brachte sie es binnen ihrer kurzen Anbauzeit bereits auf 13 bis 17%.

216 Zwischen ihr und der Futterrübe gibt es eine bereits stark zuckerigi Zwischenstufe: die Halb- oder die halbi Zuckerrüeben. Zur Zuckergewinnung wäre diese allerdings z’weenig süeß. Eine rentable «Süeßigkäitsfabriggen»5 nimmt nur Erzeugnisse aus den von ihr bezogenen Sa̦a̦mmen an und zahlt nach dem von ihr festgestellten Zuckerprozentsatz. Die ohne Rückfall herausgezüchtete Zuckerrübe hat auch ein eigenes Aussehen. Sie ist grääwtschelig wị̆ß und g’seht schier ụụs wi n en chlịịner Zuckerstock (Zuckerhut), wo mḁn d’s un͜der oben gstellt het; doch so, daß man sich dessen Boden stark entkantet (entbrääwt) und den Kegelstumpf in die bis 1½ m in lange Sụụgwü̦ü̦rzen auslaufend denken muß. Mi chönnt och seegen: wi n e̥s rächt e̥s dicks, öppḁ dreizöllnigs Rüebli. Eben dies untere Ende ist die wichtigste Partie der Rübe. Denn hauptsächlich hier wird in der Augstenhitz der Zucker g’chochet, welchen die mächtigen, an verlängertem Stiel sitzenden Blätter als Kohlensäure der Luft entnehmen.

Man ersieht hieraus, wie verderblich für die Zuckerrübe die Heerzfụ̈ụ̈li (Herzblatt­chrankhäit) ist, welche als Peronospora Schachtii mit der Hördöpfelchrankhäit (P. infestans) und dem faltschen Meltau (P. viticola) éiner Gattung ist. Naßkalte Sommer würden also ihre Anpflanzung auf dem gewöhnlichen «gueten Land» oder schweeren Booden verunmöglichen, während das Moos sie durch alle Witterungslaunen dü̦ü̦rḁschläikt. Das vermag es mit seiner glücklichen Vereinigung von starkem Aufsaugungsvermögen und großer Durchlässigkeit, sowie mit der ausgiebigen Wärmerückstrahlung seines schwarzen Heert. So wird der Un͜derschäid zwischen naßkalten und trochen-häißen Summeren erheblich machen z’min͜deren. Der Moorboden bringt damit uf ieden Fall eine annehmbare Mittelernte. So in dem im übrigen traurigen Jahr 1910, wo d’Hördöpfel ḁlsó wüest g’fehlt häin.

Zuckerrüben und Kartoffeln stehen auch sonst in einem wirtschaftlich interessanten Verhältnis. Jene vertụ̈ụ̈ren diese durch zeitweiliges Zurückdrängen ihres Anbaus und lööken wieder zu letzterem. In ein ähnliches Wechselverhältnis setzt die Abfallverwertung der beiden: die Verfütterung der getrockneten und aufgequellten (z’ g’schwallen’ta̦a̦nen) oder der frisch mit Runkellaub eingesäuerten (Rüben-) Schnitzel an Jung- und Mastvieh, und die ebensolche Verfütterung der stickstoffreichen Schlempe aus der Brönnerei. Mit dem größern tierzüchterischen Futterwechsel aber geht der erweiterte Turnus der landwirt­schaftlichen 217 Fruchtfolge Hand in Hand. Dazu kommt die unmittelbare Bereicherung des Bodens. Der Zucker, der der Rübe entzogen wird, indes ihre ganze übrige Aufbaumasse auf dem Umweg des Tierleibes wieder der Erde zugeführt wird, wird mehr als ersetzt durch aufgeschlossenen Untergrund. In diesen dringt das Saugwurzelsystem der Zuckerrübe metertäüff aachḁ. In dieser Beziehung nimmt si’s ụụf (hebt gleichsam den Handschuh des Wettstreits auf) mit der Esparsette (dem Sängfäng, d. i. saint foin), der Lụ̈seernen usw. Selbst den Stalldünger darf sich der Rübenpflanzer ersparen dank dem Chalchschlamm, welchen die Zuckersiederei als weiteres Abfallprodukt liefert. Zur Überschüttung mit solchem kaufte die Gemeinde Aarberg vom Staat gegen zehn Jucharten Aarestrand und gab sie in Leechen. Kunstdünger überhaupt sichert, einmal g’höörig darta̦a̦n, Vollerträge für zwei bis drei Jahre. Ja bis vier Ja̦hr na̦ch n enan͜deren häig’s d’Rüeben am glịịchen Ort (halte es aus und gedeihe), wird behauptet.

Zu allem kommt die sichere und kurzfristige Barzahlung für die abgelieferten Rüben: ein prächtiges Mittel für sich z’chehren. Um die 273,807 Franken des Auszahlungswinters 1908/09 bewarben sich denn auch sämtliche seeländische Amtsbezirke.6 Wertvoller noch ist das Steigen des seeländischen Vieh- und Bodenwertes innert der Jahre 1886 und 1907 um beinahe 100%, wie im gesamten Kanton Bern auf 51 und im allgemeinen auf 48%.7 Wer also auch nur es Hämpfe̥lli Heert besitzt, bepflanzt es mit Zuckerrüben, da doch der Weinbau so häufig Läi lougnet. (Nicht «Farbe bekennt», nicht mit dem Erwarteten «herausrückt».) Er pflanzt Süeßes im Moos anstatt Sụụrs im «gueten Land».

Auch zu dieser stillen Revolution im Bụụrenweesen bedurfte es aber eines Vertrauen erweckenden Anstoßes. Der kam vom Bauersmann Johannes Zesiger (1837-1904) in Bargen, wie nach dem Fabrikbrand (S. 220) der Anstoß zu neuem Wagnis vom dortigen Großrat Müller und vom Nationalrat Freiburghaus in Spängelried, um bloß Seeländer zu nennen.

Mit Frankreich, mit einer Reihe Schweizerkantone und mit einer Anzahl bernischer Ämter trat denn auch bald das Seeland in lebhaften Mitbewerb. Das grŏß Moos und die Grenchener Wịti sahen Pflanz­genossen­schaften entstehen wie die der Zuckerfabrik (S. 220), die von Challnḁch, Feisterhennen-Müntschemier (seit 1905 unter Niklaus-Probsts Leitung). Bauen diese Genossenschaften und die 218 Anstalten im Großen, so gewahrt man in der Nähe der Fabrik: in Aarberg und selbst in Lyß Rüebenacherli, auf welchen sich halbgroße Kinder und zuweilen deren Eltern fleißig zu schaffen machen.

Denn d’Rüeben geen z’tüen, mi wäiß nid wie! Die süße Frucht will saure Arbeit.

Z’erst sääijen in der Winterfüechti, doch im Moos erst im Meien (vgl. S. 202). Dafür kommen hier d’Fu̦u̦rchen en Schueh na̦a̦ch z’seemen, damit im Hochsommer und Herbst die Blätter eine geschlossene Decke (Deechi) bilden, unter welcher eine anhaltende toppi Hitz die Zuckerbildung fördert. Auch d’s ha̦cken, sobaald d’Pflenze̥lli errunnen sịịn und mḁn d’Räien g’seht, ist Sache Erwachsener. D’s erdünneren dagegen, wenn vier Blettli sịịn, ist Sache der Kinder. Die umfassen gäng en halben Schueh von enan͜deren ein besonders starkes Pflänzchen, das söll blịịben sta̦a̦n, mit der linken Hand und rạupfen di an͜deren ụụs, indem sie vom Pflänzli dännen ziehn und nit gradụụf. Der zwäüt und dritt Ha̦cket ist wieder nur für Groo̥ßi.

Ebenso das ụụsziehn der Rüben von Han͜d oder das ụụsweiggen derselben mit dem zwäüzinggigen Handrübenheber, wenn die geelben und verlampeten Bletter zur Ernte mahnen. Kinder sodann legen die Pflanzen in Doppelreihen, d’Bletter gegen enan͜deren, und zwar so, daß die Rübenköpfe genau übereinander liegen. Eine starke Hand ergreift sodann das Rüebenmässer oder das haarscharfe Geerte̥lli und zwickt mit ebenso geschickten wie flinken Hieben die Blätter samt deren Chappen von den Rüben ab. Diese nun werden in Mieten zusammengelegt: in Hụ̈̆ffen, deren jeder drei zweispännige Fuder ergibt, und bis zur Abfuhr mit Rüeblạub bedeckt. Dräckig, wie sie auch nach dieser Behandlung noch bleiben, werden sie mit der fäüfzinggigen Rüebengaablen (auch Rüebenschụụflen geheißen) auf den Brü̦ü̦giwa̦a̦gen und von diesem in den Eisenbahnwagen verladen. Die Zuckerfabrik besorgt das Wäschen in eigener Vorrichtung selber, um Zuckerverluste zu vermeiden.

219 Doch, hier sind wir in den mittelgroßen Betrieb der Genossenschaften und Anstalten hineingeraten, wie z B. die Strasanstalt Witzwil mit ihren Pflanzungen von 200-300 Jucharten ihn pflegt. Aus solchem Areal haben nicht einmal die Gefangenen Zeit zur Rübenpflege. Auch die Arbeiter des Tannenhofes (S. 195) und natürlich erst recht die aus Landwirten rekrutierten Genossenschaften sind an fremde Hilfe gewiesen.

Die bietet sich in den Polen und Polenmäitschi (den norddeutschen «Rübenmädels»), wie auch die verheirateten Polinnen mitgenannt werden. Die landläufige Benennung ist Pólaggen, «Pollaggen- oder Slowaggenmäitli»,8 die ihres Befehlshabers: «Poolenchünig» oder «Polaaggenbaron». Solche Bezeichnungen werden jedoch von jedem vermieden, der da weiß, daß in ihr eine Grobheit steckt, welche die in der Mehrzahl außerordentlich achtungswerten Poolen und Poolenwịịbli nicht verdienen. Mit ihrer natürlichen Lebhaftigkeit, die sich gelegentlich bis zu ungewohnt lauter Jovialität steigern kann, verbinden sie eine einnehmend höfliche, ja graziöse Umgangsart. Dazu kommt die ungemeine Genügsamkeit, mit der z. B. die etwa 60 Arbeiter und Arbeiterinnen von Witzwil im Eschenhof ihren Haushalt führen, und die Abhärtung, welche sie «in Sonnenbrand und Kühle» barfuß und barhaupt ihrer Pflanz- und Erntearbeit nachgehen läßt. Und diese Akkord-Arbäit (um 90 Franken von der Jucharte) besorgen sie mit so viel Anpassung an die difissịịlen Lụụnen der Zuckerrübe und mit solch beharrlichem Fleiß — der sie denn auch einen Taglohn von sächs Fränkli la̦a̦t u̦u̦fḁschla̦a̦n —, daß ihre Wiederkehr jeden Sommer willkommen ist. Es sind zumal die den Verkehr mit den Hiesigen vermittelnden Vorarbäiter, welche für die Tüchtigkeit ihrer Volksgenossen einstehen. Sie dürfen es auch. Denn diese «äinzigen Lụ̈t, wo sich noch chönnen chrümmen» (bücken), bilden auch ein anmutiges Gegenstück zu dem allerdings keineswegs seeländischen, aber sonst vielfach bernischen «chu̦men ich nid hü̦t, so chu̦men ich moorn!» Diese Poolenwịịbli sind auf dem Rübenbauplatz, was die Italiener auf dem Hoch- und Tiefbauplatz. Bei ihrem ersten Einzug in der Schweiz (die Zuckerfabrik Aarberg rief sie 1904 her) waren ihreren drị̆ßg, 1910 waren es meh weder vierhundert. Ein fernerer Zuwachs wird allerdings durch die russische Auswanderungssperre in Frage gestellt. Das dürfte die gute Folge haben, daß der zur bereits sommerlichen Arbeitslosigkeit getriebene industrielle Arbeiterüberschuß sich doch der Landwirtschaft zuwendete.

220 Die Zuckerrüben gelangen zur Verarbeitung in die Zuckerfabriggen z’Aarbeerg oder in d’A’rbeerger­fabriggen. Diese wurde 1898 von einer Aktien­gesellschaft, an welcher sich die Stadtgemeinde Aarberg mit äußerst empfindlichen Opfern beteiligte, gegründet. Unter Lehmanns († 1910) Leitung ein Lehrblätz für die tausenderlei neuartigen Erfahrungen, het si 1909 müeßen la̦n ga̦a̦n: sie ist verkonkuurset (es het si überstellt, si het d’Bäin obsig g’streckt, si het müeßen la̦n g’heien), um unter der bernischen Kantonalbank als erster Pfandgläubigerin sofort eine gedeihlichere Existenz weiterzuführen. Da kam mitten in den Betriebswinter 1911/12, dessen bereits erzielter Betriebsüberschuß von mehr als hundertụụsig Franken einen drụ̈ụ̈fachten Abschlußbetrag hätte erwarten lassen, die schlimmste aller Katastrophen.

Am 28. Jäner 1912 ist d’Fabriggen verbrönnt. Es isch am Sunndḁg gsi̦i̦n. Äm Vieri im Na̦chmittag isch’s ụụsbrochen. In baar Minuten isch das groo̥ß, mächtig Gebäü äins Gluetmeer. Daas praßlet und chleefelet in denen höo̥chen, bräiten Pfäister! D’Bịịsen pfị̆fft und zieht dürchn wịt und höo̥ch leer Rụụm. D’s Fụ̈ụ̈r loderet und läcket und zünglet nach allnen Siten. Jez chunnt’s an die Bịịgen von vollen Zuckerseck, wo grad häin sollen furt g’fergget weerten; mi säit, öppḁ drụ̈hundert Wagenladigen. Das gibt en Fụ̈ụ̈rgaarben! Z’erst schwarz, denn graau, denn roo̥t, denn wị̆ß. Und brụụn lauft’s über den Boden enwägg, hie n en Strom, dört en Bach, am dritten Ort stäit schon en Schwetti still. Inn Sirup aachḁ fallt en glüeijigern Ịịsenbalken, dört och äiner. En Dü̦ü̦r g’heit z’seemen. Das gibt neuen Zug. Jez ’chrachet’s in der Höo̥chi oben: d’s Dach chunnt aachḁ z’raßlen und verdäilt sich in tụụsig Fätzen. D’s Fụ̈ụ̈r wird zur Sịten g’jagt und reckt ieze z’dürch en wägg zu den Mụụren ụụs. Die chrachen und die sprätzlen; es isch, wi wenn’s drin inn sü̦ü̦rmti und hụ̈ụ̈leti und sung. Hie donneret’s von menen Bitz, wo z’seemen gheit, da̦ zwängt sich der Wü̦ü̦rbbel von eren schwarzen Wulchen dü̦rch ’nen Lücke. Dürch n es Pfäister g’seht mḁn es halb stubengroo̥ßes Máschinenrad ganz in eren wị̆ßen Gluet innen. En an͜deri Máschinen pfị̆fft in lụten, gixigen Töön, wi wenns e̥re n Angst miech. Jez chunnt d’s Fụ̈ụ̈r óch an sie: es nützt eren nụ̈ụ̈d, sich z’wehren. Si flammet ụụf, und in di bächschwarzen Wulchen schießen schmali Bän͜der ụụchḁ, wị̆ß und roo̥t und violett dürch enan͜deren; d’s äint jagt d’s an͜der.

Du̦ssen stan͜den d’Lụ̈t z’Hunderten-wịịs. Z’lạuffen si di äinten choo̥n, uf dem Weeloo di an͜deren, mit dem Zug chöo̥men si z’ganzen Schaaren. Da̦ stan͜den si und luegen und seegen käins Wort. Was wetten si och 221 seegen, wo n es käini Wort gibt für n en söttegi grụụsegi Augenwäid und für nes söttigs Unglück?9

Das lastete schwer genug zumal auf dem Seeland, welches von der für Rüben jährlich bezahlten Millionen fast d’s halben empfing, und besonders aus Aarberg mit Umgebung, wohin jährlich gegen 400,000 Franken Arbeitslöhne abflossen. Denn 350 bis 400 Personen fanden von Mitte Oktober (mitts im Wịịnmonat) bis Ende Februar (ụụsgänds Hoorner) Beschäftigung in der Fabrik, wo mḁn dü̦ü̦rch unt dü̦ü̦rch (Tag und Nacht ohne Unterbruch) g’schaffet het. Daher denn auch die gewaltige Verminderung der Armenlast: während fünf Jahren um 4000 Franken einzig in der Nachbargemeinde Seedorf; wie dann in Aarberg und Lyß und nähern Landgemeinden!

«In landwirt­schaftlicher Hinsicht ist zu sagen, dass sich der Anbau der Zuckerrübe als die geeignetste Kultur im seeländischen Entsumpfungsgebiet erwiesen hat. Erst der Zuckerrübenkultur war es vorbehalten, den bescheidenen Anfängen der Landwirte in diesem Gebiet eine größere Ausdehnung zu geben.»

Diese Hauptgründe, sodann die Erwägung, daß sonst die für eine Million abg’schatzigeten Maschinenteile müeßti zum alten Ịịsen g’heit weerten, und endlich die Zusicherung der seeländischen Landwirte, wenigstens 1600 Jucharten z’Rüeben aanz’setzen, überstimmten die außerordentlich gewichtigen handelspolitischen Bedenken zugunsten des Wiederaufbaus der Fabrik. Nachdem daher Aarberg aufs neue hunderttụụsig Franken drịn g’schossen het und im übrigen Seelande Gemeinden wie z. B. Eiß und Möntschemier je drụ̈tụụsig Franken g’sprochen g’haan häin, beschloß am 22. Oktober 1912 der Groo̥ß Ra̦a̦t eine Aktienbeteiliguug von eren halben Million. Damit ermöglichte er den Neubau der Fabrik und deren Weiterbetrieb unter der Kantonalbank. Die Aktien­gesellschaft konstituierte sich ungesäumt; und wenn der Leser dies neue Buch in die Hände bekommt, chann er di neui Fabriggen als hundertfach verbessereti «zwäüti Ụụflaag» g’chöören chụtten und cheßlen und rumplen und su̦u̦ren und chleefelen, dass er bi den Máschinen nid sịns äigenten Wort verstäit und doch den freundlich erklärenden Direktor fast chịịsterig macht. Besser also, er lasse sich zunächst von den äigenten Augen möglichst viel sagen.10

222 Hat der Besucher in vorgerückter Rübenerntezeit die Neebengläüs des Aarberger Bahnhofs mit den langen Reihen voll beladener Wöögen glücklich umgangen und sich auch durch alle die Fuehrweerch us der Nööchtsḁmi durchgewunden, so sieht er vor dem Fabrikhof zwei unabsehbar lange, mannshohe Wälmen von Rüben aufgetürmt. Jeder Lieferung ist zunächst eine Probe entnommen und g’rapset worden, um auf Grund des vom Sacchariometer festgestellten Zuckergehaltes d’Bụụren z’zahlen. Eine mächtige Porzion um die andere gelangt zunächst in die Schwemmrinnen und von da in die unterirdischen Wasserrinnen. Ein Hubrad befördert sie in d’Rüebenwesch, ein Elevator in die ebenfalls automatische Wa̦a̦g, eine Senkeinrichtung in die Schneidmaschinen. Die aus diesen hervorgehenden feinen Schnitzel werden in der Saft­gewinnungs­station diffundiert: mi nimmt ’nen der Zucker. Der Rohsaft wird, um eine richtige Mischung mit Kalk zu ermöglichen, g’mässen und im Vorwärmer aang’weermt bis zu 85-90°. So wird er in die Trockenscheidung verschickt. Hier gibt man ihm selbst gebrannten Stückkalk (Chalchstäin) bei, der sich mit dem feisteren, trüeben und schlịịmigen Rohsaft zu hellem und dünnflüssigem Saccharat verbindet. Es werden nämlich ein großer Teil Farbstoffe und organische Säuren in Form unlöslicher Kalksalze ausgeschieden, welche hohe landwirt­schaftliche Werte besitzen (S. 217). In der Saturation wird das Saccharat, welches man zuvor noch im Laveur ’putzt het, mit Kohlensäure behandelt. D’Cholensụ̈ụ̈ri wandelt den Zuckerkalk und den überschüssigen Chalch um in unlöslichen kohlensauren Kalk. Dabei werden auch noch organische Kalksalze ausgefällt und schleimige Niederschläge, die von der Schäidig herrühren, z’Boden ’zogen. In der Filtration richtet man der Saft dü̦ü̦rch. Filtriert, wandert er in den Quadruple effet («vierfache Verdampfung»), wo er aus etwa 12-prozentigem Dünnsaft zu 60- bis 63-prozentigem Dicksaft ịịng’chochet wird. Aus dem Vacuum- (luftarmen) Kochapparat gehen jetzt Zuckerkristalle hervor, welche jedoch noch in Syrup schwimmen. Die also gemischte Füllmasse muß daher in Kristallisatoren erchuelen und nachkristallisieren, um alsdann in der Zentrifugen­station des anhaftenden Syrups sich zu entledigen. Der Syrup wird verchochet und als Melasse zu Bundesschnaps ’brönnt. Der frei gewordene Rohrzucker aber wandert in die Raffinerie, welche in der neuen Fabrik mit dem Adantschen Gußwürfel­verfahren ausgerüstet ist. Dieses sichert die größtmögliche Ausbeute an Verkaufsware bei vorzüglicher Löslichkeit. (Der Zucker vergäit gern.) Auch kann die Fabrik nun zueg’chạuften Einwurfzucker neben dem sälber g’machten 223 verarbeiten, falls er nicht die Bereitung von zuckeretem Viehfutter (sucrapaille) vorzieht, um damit die Angestellten länger b’halten. In der Raffinerie durch Gewebe und Knochenkohle der letzten Farbstoffe und löslichen organischen Stoffe entledigt, wird der abermals dünn gewordene, aber nun fast wasserhell g’lụ̈teret Saft neu kristallisiert und als Raffinade-Füllmasse verchochet. Aus dieser geht der Raffinadezucker hervor, um in verschiedene Formen gebracht zu werden. Zunächst als Chrịịden-(bitzen-)zucker: als Stangen, barres, grosdéchets, welche besonders im Wältschen die Zuckerstöck ersetzen. Die letztern werden nun aber ebenfalls g’fabriziert. Andere Stangen aber werden aus Platten g’sa̦a̦gt, wenn sie nachher z’Wü̦ü̦rflen g’schnitten in den Kleinhandel gelangen. Und zwar gibt es nun noch weit ausgiebiger als vormals zweupfün͜digi, feufpfün͜digi, zeechenpfün͜digi P’häckli und halb- und ganzzäntnerigi (25 und 50 kg schwere) Chistli von g’rangschierten Wü̦ü̦rflen. Di ung’rangschierten chöo̥men in zäntnerig und doppelzäntnerig (50 und 100 kg schwere) Seck. Es wird ferner hergestellt: Raffinade-Pilé (Stampfzucker oder Bröösmelizucker), Griesraffinade: grober und räiner (Grieszucker), Puderzucker (pouder sugar), Hagelzucker für Zuckerbecken.

Die neue Fabrik gedenkt in vierendzwänz’g Stun͜d 4000 Doppelzentner Rüben zu verarbeiten. Schon die alte hat täglich 3600 Doppelzentner verschaffet und daraus ungefähr 350 Doppelzentner Zucker gewonnen. Das ergab im Jahr 1911 gegen 350 Bahnwöögen voll. Diese nebst den 2800 Waggons zụụchḁg’füehrti Rüeben, gegen 470 Waggons abg’füehrti Schnitzel nebst all der übrigen Zu- und Abfuhr (Chalch, Chohlen, Schlaggen) verschaffte den Bahnen einen jährlichen Frachtumsatz von ung’fähr 180,000 Franken.

 
1 Schmeil, Botanik 244.   2 Walde 88.   3 Kluge 44; Graff 3, 233, mhd. WB. 1, 117.   4 Schwz. Id. 6, 1131 f.   5 Lg. 177.   6 Nebst Bern, Burgdorf, Seftigen, Thun: Stat. 10, 2, 104.   7 Rigierungsrat Dr. Moser an Volksversammlungen zu Aarberg und Ins 1910 und 1911.   8 Z. T. nach dem «Bund».   9 Ebd.   10 Herr Dr. chem. Kitay, Fabrikdirektor, stellte uns gütigst am 4. Nov. 1911 eine eigens geschriebene «Kurze Skizzierung der Zuckerrüben­verarbeitung auf Konsumzucker» zu. Gleich freundlich übermittelte uns das Bureau die gedruckten Anweisungen zum Rübenbau. Eine freundliche Kritik des Probedrucks verdanken wir Herrn Nationalrat Zimmermann in Aarberg, dem selbstlos eifrigen Mitförderer der Fabrik.  
 

Die bernischen Kraftwerke im Seeland.

Noch einmal (vgl. S. 139) versetzen wir uns in Gedanken auf die drittmals erneute Hagnibrügg. Es ist der 18. August 1878. Da wälzt zu unsern Füßen die alte Schlange der Aar ihre Wellen wie Leibesringe dem See entgegen. Ịịng’engget in den tiefhohlen, schmalen Einschnitt, kann der Drach, welcher ein Jahrtausend lang das Seeland verwüstet hat, nun nicht mehr schaden. Er versuchte dies, bis ihm auch hier der Mäister ’zäigt worden ist, bloß noch, indem er z’Blätzenwiis in die Kanalsohle Löcher ụụsg’frässen het bis zu 10 m Tiefe. Ferner haben die beinahe 2½ Millionen Kubikmeter Aushubmasse, 224 welche zur Ersparnis von ungefähr so vielen Franken dem eingezwängten Strom wegzuspülen überlassen worden, bi’m aanpụtschen an die weiche Süßwassermolasse der Einschnittwände diese so ausgiebig ab’g’nagt, daß bis zur Stunde Abgrabungen das rü̦tschen verhindern müssen.1

Wie nun, sagten sich bereits die Ersteller des Korrektionswerkes, wenn mit der Vollendung desselben das Ungetüm des Wassers gezwungen würde, seine Riesenkraft in den Dienst des Menschen zu stellen! Fach-Männer fanden, das beinahe 9 m hohe Gefälle des 900 m langen Hagneckeinschnitts könne und müsse zu einem einzigen Überfall i’n See̥ verwandelt werden, und die damit gewonnene gewaltige Wasserkraft lasse sich industriell verwerten. Männer wie Uhrensteinfabrikant Samuel Laubscher in Täuffelen und Inschinöör Wolf in Nidau wurden zur denkbar geeignetsten Zeit auf die herrliche Kraftquelle aufmerksam. War es doch um das Jahr 1885, wo die Erfindung des Drehstroms erlaubte, gewerblich verwertbare Hochspannungen mittelst des Umformers im Transformatoren­hụ̈ụ̈sli in ungefährliche niedrigere umzuwandeln und hundertfach zu verteilen. Welch wunderbare Kunst, tụụsig Roß mit enan͜deren dürch n es Schlüsselloch dü̦rḁ z’jagen, und denn noch dürch n es chrumms, wenn es söttigi geeb! Denn der Dra̦ht schlụ̈fft dürchenwegg dü̦ü̦rḁ, er kann alle möglichen Krümmungen annehmen. Man versuche dies mit Göppel und Riemmen der gebräuchlichen Drescherei! Der Bäcker verbringt sein Motöörli zum Kneten des Teigs in menen Egge̥lli an der Di̦i̦li (Zimmerdecke) oben, und wenn nicht das Ohr ein gemütlich leises schnu̦u̦rren wie das der «spinnenden» Katze vernähmen, so glạubti mḁn, di ganzi Arbäit gang von ĭhm sälber. Aber selbst der Zwäüpfeerter: der zwäüpfẹẹrdig Motor verlangt nicht mehr Raum als ein Stuhl ohne Lehne; und ein Feufpfeerter: ein Motor von feuf Pfeerd brụụcht nummḁ d’s halben von dem, was ein gleich starker Benzin-Gasmotor, verschwịịgen denn, was en Dampfmaschinen. Man bedenke auch, wi liecht so n en Motor ist! Selbst der elektrische Pflug bedarf keiner Fundamentierung seines Antriebs, wie der Witzwiler Dampfpflug (S. 178) ihn nötig hatte. Darum eignet sich der Motor auch für ganz kurzen Betrieb eines ausgedehnten Geschäftszweiges. Wenn der Landwirt der Zukunft mit der Eläkterizideet sịner Chüeh g’mu̦lchen het, so wird d’Fruchtbrächi, 225 d’Häckerlig­maschinen, d’Rüeben­schnätz­maschinen in Bewegung gesetzt. Am Sommermorgen bringt das unsichtbare Heinzelmännchen des 20. Jahrhunderts ihm den Dangelhammer in Schwung, so daß er nu̦mmḁn brụụcht der Spiegel (die Brille) aanz’leggen und mit dem Seege̥zenblatt ummḁn und anḁz’fahren — wenn nicht die Hausfrau ihm unversehens die Kraft für d’Nääjmaschinen wegstibitzt, oder für d’s Gletti̦i̦sen.

Denn Hand chehrum läßt sich wie d’s eläkterisch Liecht auch die elektrisch vermittelte Kraft umschalten. Und zwar ohne große technische Schulung: dürch n es nieders Baabi, wo chann an me̥nen Chnopf drääijen oder uf e̥nen Chnopf drücken. Wie leicht läßt sich überhaupt aanla̦a̦n: die Kraft auf das eben jetzt gewählte Getriebe «anlassen»! Denn auch bei wechselnder Belastung regelt sich der Strombedarf und damit die Umlaufs­geschwindigkeit von selbst. Die Wartung der Apparats aber beschränkt sich auf das «salben», schmieren (öölen), der Lager und die richtige Behandlung der Bürsten. Zu all diesen Vorteilen kommt die Reinlichkeit der Handhabung — mi chann si’s Motöörli gäng schön sụụfer haan —, der gänzliche Wegfall der Belästigung durch Rauch und Geruch — es rạuchnet nụ̈ụ̈t und schmeckt nụ̈ụ̈t —, sowie aller Feuersgefahr. Wi chann mḁn mit der eläkterischen Chraft schaffen und hụụsen!

Diese Vorteile waren bis vor kurzer Zeit den Wenigsten chü̦nds, das isch schón wahr! Mi chann sich och gar nid ụụfhalten druber. Denn wer hätte noch vor einem Vierteljahrhundert ahnen können, welch glänzenden Siegeszug die Elektrizität anzutreten im Begriffe stand!

Glücklicherweise gab es im Seeland doch einige Männer, welche in erfreulichem Maße häin wị̆t (in Gals: wị̆tem) g’see̥hn. Sie erkannten die Schätze, welche unsere Wasserläufe in sich tragen. Zugleich würdigten sie die Wichtigkeit der neuen elektrotechnischen Errungenschaften für das Gemeinwesen; und si sịn uf der Stell drụf choo̥n, daß die so erfolgreich erschlossenen Naturkräfte von vornherein, ohne daß auch hier zuerst fremde Spekulation d’Nịịdlen oben ab nehm, in den Dienst und unter den Einfluß des Gemeinwesens gestellt werden sollten.

Der Träger dieser hohen Idee war Eduard Will. Erst zu Nidau und dann in dem größern Biel lebte bis zu seiner Übersiedelung nach Bern, der als Handelsmann (Besitzer eines Iseladen), als Kriegsmann (Oberist), und als Politiker (bernischer Groo̥ßra̦a̦t und schweizerischer Nazionalra̦a̦t) gleich tüchtige und geachtete Mann. Seit dem Jahr 1890 stand er an der Spitze der Bewegung, welche die an Tragweite so reichen Naturschätze der wị̆ßen Chohlen voll und ganz 226 in den Dienst des Volkes zu stellen trachtete. Nachdem der Staat es abgelehnt hatte, das Werk in Hagneck zu bauen, wußte Oberst Will die nächst gelegenen Gemeinden dafür zu interessieren. Äin G’mäin na̦ch der an͜deren het sich zụhḁg’la̦a̦n. Zuerst Nidau und Täüffelen-Gerlafingen (am 9. April 1890). In kurzem folgten Hagneck (3. Mai) und Biel (19. Juli), Erlḁch (8. Mai 1891) und Neuenstadt (25. Mai). Die genannten Gemeinden verlangten die Konzession und erlangten sie am 30. Mai 1896. Damit erhielten ihre und ihrer Vertreter Bestrebungen eine feste Grundlage.

Indes zeigte sich bald, daß die Kraft dieser zumeist doch chlịịnen G’mäinli (S. 183) nid g’längt het, den Plan durchzuführen. Es mußte Hilfe bei der Privatindustrie gesucht werden. Nach Verhandlungen mit Finanzleuten und Technikern im In- und Ausland, nach Wechselfällen und Enttäuschungen aller Art, wie sie nur zur jugendlichen Leidensgeschichte der gemeinnützigsten Werke gehören können, kam im Jahr 1896 ein für das Unternehmen gedeihlicher Vertrag zustande. Die Gesellschaft «Motor» in Baden baute das Werk.

Das endliche Gelingen war aber mit gewaltigen Änderigen der Pläne verbunden. Statt der vorgesehenen 1000 sollten nun sofort 5-6000 Pferdekräfte erzielt werden. Das Gemeinde­unternehmen wurde zum Eigentum einer Privatgesellschaft: der A.-G. Elektrizitätswerk Hagneck. Dieses wurde 1900 eröffnet.

Immerhin war der Gedanke, daß es ein öffentliches Werk sein sollte, nicht begraben. Die Gemeinden waren an ihm beteiligt geblieben. Und wenn ihr Einfluß auch gering war: er bestand zu Recht. Er war ein Samenkorn, das seiner Entwicklung harrte.

Die kam. Und zwar über Erwarten rasch — schier gar wie die Wirkungen der elektrischen Kraft selber, welche mit bisher nie gesehener, unerchannter Flinggi arbeitet. Bereits 1903 verband sich das Hagneckwerk mit dem Elektrizitätswerk an der Kander zu einer einzigen Gesellschaft: den Kander- und Hagneckwerken. Zugleich wurde das neue Unternehmen tatsächlich in den Besitz der Öffentlichkeit übergeführt, indem der Staat Bern die Mehrzahl der Aktien und damit den entscheidenden Einfluß erwarb. Neue Werke schlossen sich an: im Oberland an der obern Kander, im Jura am Doubs, im Seeland zu Challnḁch. Die Gesellschaft der Bernischen Kraftwerke, wie sie hü̦t zum Daag heißt, ist nunmehr weitaus das größte Unternehmen seiner Art im Kanton Bern, ja, wị̆t dru̦ber ụụs.

An seiner Spitze steht als Diräkter Eduard Will. Für ihn und seine Mitarbeiter ist die gewaltige Entwicklung des Werkes zugleich 227 ein selten glücklicher fachlicher Erfolg und die beste persönliche Genugtuung für die langen Jahre zäaijer Arbeit mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, mit ihrem Gelingen und ihren Rückschlägen, mit ihrem Kampfe gegen Widerstände aller Art: von höherer Gewalt bis hinunter zu Menschenunverstand und Menschenbosheit. Die hinter dem Hauptkämpfer und seinen Streitgenossen stehenden Seeländer G’mäinen aber haben sich mit ihrer Tätigkeit ebenfalls Verdienste erworben, deren wahre Bedeutung spätere Zeiten noch viel besser werden würdigen können als unser heutiges Geschlecht.2

Im Jahr 1913 gelangte nach Überwindung außerordentlicher Schwierigkeiten das oben erwähnte Challnḁch­weerk an der Broyetalbahn zur Vollendung und zum Anschluß an das nunmehr vierknotige Netz der bernischen Kraftwerke.

Das Kallnachwerk ist für die Erzeugung einer Chraft von fü̦̆fzechen tụụsig Pferd eingerichtet. Die hierzu nötigen sechs Maschinen­einheiten, bestehend aus je einer Turbine, einem Generator, Rotor und Stator, beziehen ihr Nettogefälle von 19,55 bis 20,35 m aus dem Aarenchnäü zwischen der Saanemündung und den St. Verenamatten bei Niederried. Der 2078 m lange Zuleitungstunnel (Tu̦nä̆ll) leitet das in überaus großartigen Réserwaar und Stauwehr-Anlagen gesammelte und iing’engget Wasser un͜der dem Weierholz des Kallnachwaldes düürch nach der Zentrale. Das Wehr mit dem Fischpaß, der die durchwandernden Fisch zum gumpen von Stufe zu Stufe veranlaßt, sowie der Floßgasse zum Durchlaß der zerlegten Flööß dient zugleich als Brügg zu dem von den Kraftwerken angelegten Straßenstück, welches Oltigen samt Umgebung mit dem westlichen Aarufer verbindet. So findet die Stätte des einstigen Grafenschlosses (s. «Twann»), welches sich bisher bloß durch ein primitives Fahr mit der Umwelt verbunden sah, wenigstens zum Teil seine frühere Bedeutung wieder. — Das Wasser wird, nachdem es seine treibende Kraft im Maschinenhaus abgegeben, 228 durch den elektrisch ausgebaggerten Unterwasserkanal nahe der Walpertswilbrügg dem Hagneckkanal zugeführt.

So haben gegen tausend Regiearbeiter unter acht I̦nschi̦nöören ein Werk erstellt, das seine annähernd nụ̈ụ̈n Millionen Chosten in nicht zu ferner Zeit wird ummḁ ’zahlt haan. Ein Werk zudem, dessen Ersteller jener Mahnung einer forschen Inserin in vollem Maße nachgelebt haben: Mach, daß de̥ denn seegen taarfsch, du̦u̦ häigisch e̥s g’macht!

Der Zweck unseres mundartkundlichen Buches erlaubt uns in keiner Weise, auf die Einrichtung dieses überwältigend großartigen Werkes näher einzutreten. Leider! möchten wir beifügen, wenn nicht hier wie nirgends die natürliche Kluft gähnte zwischen den erstaunlich wachsenden Errungenschaften der modernen Technik und dem schwindenden Sprachschatz echt mundartlichen Charakters.3

Die schwierigsten (und auch verdrußreichsten) Partien des Kallnachwerks: die Grundlegung des Stauwehrs, bekommt übrigens auch der Techniker nicht zu sehen: die liegt viele Meter tief un͜der dem Boden.

Zu den sechs Strahlen, welche bereits das Hagneckwerk in das Seeland und seine Umgebung ausgesandt hat, gehörte als zweiter die Leitung nach Aarberg und Lyß, Büren, Schüpfen, Niederried und Kallnach, Siselen, Müntschemier, Treiten, Brüttelen und Eiß. Die Dröht von 7 mm Durchmesser werden getragen von den mit Chupfervideriol imprägnierten Holzstangen. Diesen sitzen die porßelaanigen Chachcheli («Tassen») als Isolatoren auf, in der Nähe der Umformer zudem die Hörner oder Geebe̥lli als Blitzableiter. Einerseits mit der Kraftleitung verbunden, anderseits durch die Erdung, die Anerdung oder das Erden4 eine gefährliche Spannung auf den elektrischen Zustand der Erde zurückversetzend, sichern diese «Gäbelchen» noch eine Spannung von 20,000 Volt.

So konnte z. B. Eiß Licht von 8550 Cheerzen, 30 Pferdekräfte und daneben noch fünf PS. Fabriggenchraft beziehen, wobei drei Motoren für die Kilowattstunde bezahlen.

Direkte Abnehmer von Liecht und Chraft hatte das Hagneckwerk 1910 in 136 Ortschaften, in welchen noch keine galvanischen Dauerelemente von Leitungsnetz oder Blockstation unabhängig machten. Das Werk 229 zieht jene Abnehmer mehr und mehr den 47 andern vor, welche damals die Zuleitung durch Vermittlung von Genossenschaften oder Gemeindsbehörden bezogen, weil diese dabei gern vöörtelen (Vorteile erhaschen). Zehller kontrolieren nunmehr den Verbrauch der (nur bei Tageshelle verbrauchten) Tageskraft, der ängle̥fstündigen und der permanenten Kraft.

So stiegen die Einnahmen in den Jahren 1904 bis 1910 von 844,500 auf 2,000,531 Franken.5

Dabei legte das Werk behufs fast gänzlicher Ausnützung der von ihm erzeugten Kraft im Herbst 1899 zu Nidau eine elektrothermische Fabrik an und beschäftigte darin gegen 40 Arbeiter. Sie verlegte sich zunächst auf die Erzeugung des 1892 entdeckten Calciumkarbid (Karbid), welches, Wasser zersetzend, das herrlich leuchtende Azetileenliecht abgibt. Gemeinde-Anlagen wie die zu Lạupen bezeugen die Vortrefflichkeit dieser Beleuchtungsart, an welcher nur die Explosionsgefahr bei unvorsichtiger Behandlung6 d’Lụ̈t so schröckelig erchlü̦pft het. Leider muß seit 1905 wegen ungünstiger Marktlage diese Fabrikation eingestellt bleiben, bis der Weg gefunden ist, in vorteilhafter Weise aus Acetylen Ammoniak und Alkohol zu gewinnen7 und damit in giechtig gewordenen Haushaltsfragen (man denke an Holz, Hördöpfel, Mĕrchchoorn) ein entscheidendes Wort mitzusprechen. In der Metallindustrie hinwieder kann die dem Weltmarkt erlegene Erzeugung von Ferrosilicium8 für Staachel (Stahl) auf neue Wege leiten. Einstweilen können Siliziumkarbide die neuesten Apparate liefern für eläkterisch z’chochen.

Vorderhand jedoch beschränken sich die bernischen Kraftwerke auf Abgabe von Licht und Kraft. Aber wie vielgestaltig!

Im Jahr 1910 hatten die Burgdorf-Thun-, die Bern-Worb-, die Niesenbahn, die Lötschbergbahn, sowie die Tram der Stadt Bern und Nidau-Biel-Bözingen-Mett ihren Anschluß an die bernischen Kraftwerke. Nur d’s Mu̦u̦rtenbähnli (die Frịịbe̥rg-Murten-Ins-Bahn) bezieht begreiflich seine Kraft aus Hauterive. Dagegen werden die Bahnen Biel-Täuffelen-Ins und Biel-Bụ̈ụ̈ren von Hagneck oder Kallnach aus gespeist werden.

Die erstere Zentrale versieht seit einem Jahrzehnt das Amt Erlach mit bedeutender Kraft für Industrie und Bụụrerei. Nachdem wir die zwei Uhren­stäin­fabriggen und die Ziegelei in Erlach, Martis 230 Mühli in Brüttelen und die neuen Einrichtungen in Vinelz und Gampelen erwähnt, beschränken wir uns auf die Kraftanlagen der Dorfschaft Eiß. Schon die Einnahmen von 3547 bis 7239 Franken, welche innert der Jahre 1904 bis 1910 aus Ins dem Werk zuflossen,9 veranschaulichen uns den Aufschwung, welchen die Eläkterizideet gerade auch in einem Bụụrendorf gewinnen kann. Nehmen wir dazu, daß Ins nebenbei Weinbau treibt, in welchem man en söttigi neui Chraft gar nụ̈ụ̈t chann brụụchen, weder öppḁ n en chläin für z’zünten (zu leuchten).

Der Hauptverbrauch der nach Ins gelieferten und S. 228 detaillierten Pfeerd entfällt mit 20 PS. auf die 1900 gegründete Säge- und Dreschgenossenschaft Ins, welche in ihrem Gebäude an der Brüttelenstraße im Winter tröschet (s̆s̆) und im Summer sa̦a̦gt, wohl auch beides miteinander betreibt. Die stationäre Dreschmaschine, welche in e̥ren Stund e̥s Fueder Garben (etwa 200 solcher) dröschet, sortiert, butzt und bin͜dt, im Tag also 2000 Garben bewältigt, brụụcht acht Pfeerd. Zwölf Pferdestärken verlangt die Sa̦a̦gi, wenn sie mit ihrem Vollgatter von 12 Sägeblättern mit einem Mal 12 Laden von 3 cm Dicke und 9 m Länge liefert und zu einem solchen Gang eine Halbstunde bis drei Viertelstunden Zeit braucht. Wenigstens gleich viel Kraft beansprucht mit ihrer Umdrehungszahl die Frĕsen (fraise, Scheibensäge), wenn sie in weite Runde ihr Gekreisch und Geheul entsendet.

Feufpferdig Motoren brauchen die Guggersche Fabrik landwirt­schaftlicher Feldgeräte (Rächenmacherei), die mechanische Schreinerei Schwab, die Baugeschäfte Hunziker und Dü̦̆scher (s̆s̆). (Statt des gut mundartlichen Tischmacher sagt man neulich schuldeutsch Schreiner. Natürlich hat man andern Mundarten auch Schrịịner und Schrịịnerei entlehnt.)

Mit einer Kraft von 3,6 PS. treibt der Huf-, Wagen- und Pflug-Schmi̦i̦d Sahli seine Bohrmaschine, Schmirgelscheibe und Brennholzfraise. Zum anken, Chees rüehren, holzen, zäntriffugieren braucht die Eißer Chĕserei (s. u.) 2,7 PS.

Daß der Blooschbalt (Bla̦a̦sbalg) der Kirchenorgel zu Eiß elektrisch getrieben wird, verstäit sich schier gar von ĭhm sälber.

Nicht so sehr ist dies der Fall in den Räumen, wo irdisches Brot gespendet wird. Und doch sind nur so minime Kräfte erforderlich für die mit Motoren betriebenen Knetereien zu Ins und zu Witzwil. Eine 231 solche Chnättmaschi̦i̦nen verarbeitet 130 kg Mehl in 15 Minuten zu einem Teig, der vill fịịner ausfällt als der mühsam von Han͜d geknetete. Ja, zeechen Minuten weeri läng gnueg (erklärt der Beck Hiltpold), wenn mḁn nit zwüschen ịchḁ der Däig müeßt la̦n rue̥ijen, für dass e̥r en chläin zue n ihm sälber chöo̥m.

Studie von Anker

In weitgehendem Maße findet die Elektrizität Anwendung in der Strafanstalt Witzwil. Als Lichtquelle erlaubt sie eine bessere Ausnützung der Arbeitsstunden im Winter, wo je nach Bedarf in den Schöpf, auf den Höfen und Holzplätzen herum an hingeleitetem Dra̦a̦t d’Lampen chönnen uufg’hänkt werten. Den Gefangenen bedeutet sie gleichzeitig eine unschätzbare Wohltäterin, indem nun ihre Zellen beleuchtet werden können. Wie bald ist gleichzeitig für diese alle aandrääit und abdrääit!

Drei Motoren zu 3½, 3½ und 8½ PS. liefern die Kraft der Schmitten und Schlosserei, der Holz­bearbeitungs­maschinen, der 1912/13 errichteten Dampfchĕserei (S. 195) und der Molkerei, der verbesserten Bäckerei und Wäscherei. Sie treiben d’Wasserpumpen und d’Mühlli, d’Häckerlig­maschinen, den Dangelhammer usw. Wie die Installationen alle von technisch geschulten Gefangenen unter Leitung und Aufsicht sachkundiger Angestellter errichtet wurden, so sind es auch wieder Gefangene, welche die Maschinen bedienen 232 und benutzen. Vom Rächenzan͜d bis zum sinnreich ausgedachten Aktenschranke, von der einfachen Strụụben bis zum ịịsigen Drääibank, vom Häckerlighälmli bis zum fürstlichen Zäntriffụụgenanken wird durch sie ungefähr alles hergestellt, wessen ein Landwirtschaft, Gewerbe und Handel einheitlich umfassender Anstaltsbetrieb bedarf. So können die Gefangenen gleichzeitig zu ihrem eigenen Besten wie zum Gedeihen der Anstalt ihre Kenntnisse und Fähigkeiten betätigen und erweitern.10

Rächt en tụụ̈ri G’schicht ist bis heute die elektrische Weermi, da sie für praktischen Gebrauch eine große Stromkraft erfordert. Bei aller Tụ̈ụ̈ri ist sie aber besser ausnutzbar als die durch fụ̈ụ̈ren erzeugte Wärme. Die bernischen Kraftwerke lieferten denn auch im Jahre 1910 1527 Glettịịsen (Bügeleisen) im Kraftbetrag von 554 Kilowatt, sowie 146 Heizapparate (125 KW), dagegen noch keine Vorrichtungen für z’chochen, z’lööten, z’schmelzen. Eläkterisch z’brüeten isch schon öpperem z’Sinn choo̥n, hauptsächlich wegen der leichten und genauen Regulierbarkeit der elektrischen Brutapparate. In der Kettenfabrik «Union» zu Mett werden große und kleine Ketten (Chöttinen) elektrisch g’schwäizt (geschweißt).11 Bloß Mathematiker dagegen werden auch in Zukunft eläkterisch rächnen,12 wogegen der große Landwirt der kommenden Tage eläkterisch — b’schü̦ttet.13

Nur eine Art der Wärme: die leuchtende, also zum warmen Licht gesteigerte, erfreute sich von Anfang an einer ungemein starken Nachfrage. Diese stieg zwischen den Jahren 1900 und 1910 von 6070 auf 120,470 Glühlampen (Lämpli), wozu im letztern Jahr 134 Bogenlampen traten. 61,561 Glühlampen brannten noch mit Kohlenfaden (aus gemahlenem Retortengraphit), 64,803 mit Metallfaden. Den letztern ersetzt nunmehr, zumal seit es sich zu festem gezogenem Draht verarbeiten läßt, das Osram (d. h. eine Verbindung der Elemente Os-mium und Wolf-ram). Damit ist ein sogenanntes eläkterisches Liecht geschaffen, welches dem Sunnenliecht nahe kommt und dabei vill hụụsliger (sparsamer) brönnt als jedes andere Liecht. Die Kohlenfadenlampe verbraucht für eine Cheerzen14 3,5 bis 4,5 Watt, die Osramlampe 233 1,0 bis 1,5 Watt. Die Kraftwerke liefern daher bloß noch letztere und geben die Bi̦i̦ren unter dem Selbkostenpreis ab, um die Verbreitung der Lichtanschlüsse und das hụụsen im Verbrauch in Einklang zu bringen.

So leistet das warme Licht die vorzüglichsten Dienste, bis einst das dem Schịịngueg (Johanniswürmchen) und dem Schịịnholz (des Tannwurzelpilzes) abgelernte, wirklich elektrische Kaltlicht alles zu Erleuchtende in sein Strahlenmeer taucht.

Ein elektrotechnisch so belebter Ort wie Ins dankt sein früh erwachtes Interesse für die belangreichste aller Erfindungen der Anregung, welche schon 1875 der Téligraaf und dann 1893 der Téliffoon (halb «französisch» Téleffong) gebracht hatte. Steht die Schweiz im Telephonwesen in der vordersten Linie (sie zählte 1910: 46,670,000 Lokalgespräche), so hat auch ein Ort wie Ins großen Anteil daran. Die 1910 geschaffene öffentliche Sprechstation des Netzes zählt 1913: 61 Abonnenten, im Dorf 27; ferner 17 Verbindungen mit Erlḁch, 5 mit Gampelen, 3 mit Brüttelen, 3 mit Müntschemier und je eine mit Feisterhénnen, Treiten, Vine̥lz, Lüsche̥rz, Witzwil. Einige der ältern Verbindungen15 lassen noch immer das lästige Knackgeränsch (chräschlen und chlöpferlen) hören. Auch litten sie stark an Induktion, bis 1911 die lokalen Leitungen im Bereich des Dorfes un͜derirdisch gelegt wurden. Seit dem Mai 1913 chann man z’Eiß (die Abonnenten) eläkterisch ụụflụ̈ten oder ihnen elektrisch aanlụ̈ten. Ins gelangt übrigens zu internationaler Bedeutung, indem die telephonische Leitung Berlin-Basel-Mailand auch über diesen Ort und durch das Moos (dem Hauptkanal na̦a̦ch) führt. Teliffoniert wurde im Juni 1908 zu Ins 2653, im Juni 1913: 4917 mal; teligrafiert: im Juni 1908: 109, im Juni 1913: 97, im Juni 1912: 128, im Mai 1912: 140 mal.

Bis die «Drahtlose» auch im Fernsprechen Einzug hält, wird die Erfindung des deutschen Lehrers Philipp Reis (1834-74) und des Angloamerikaners Bell zusammen mit dem Telegraph noch manches Mal die 16 Drähte in Anspruch nehmen, welche an neuem Gestäng die Brüttelenstra̦a̦ß begleiten. In Hagneck aber die mächtigen Starkstromleitungen kreuzend, erinnern jene an die folgenschwerste Kultur­errungenschaft, welche mit dem zehmmen der einst so verheerenden Naturmächte die Jura­gewässer­korrektion gebracht hat.

Auf dem will’s Gott nicht verdenkmälerten Helvetiaplatz in Bern hätte also statt des herrlichen Netzerschen Zeus, dem der Konkurrenzsieg 234 gebührte, auch Neptun mit seinem sieghaft über den Wassern geschwungenen Dreizack Blitze werfen können.16 Der Seeländer aber sieht jedes Denkmal sich ersetzt durch das Natur- und Kunstgebilde selber, welches er mit einem Blick aus Bergeshöhe überschauen kann. Da breitet sich vor ihm das Moos mit seiner dreißigjährigen Eroberungs­geschichte. Geistesblitze trieben die äffenden Irrlichter aus ihrem unheimlichen Versteck; und wo dessen Sümpfe Krankheit und Tod ausschickten, spenden sie nun als segensreiche Fluren Gedeihen und Wohlstand.

 
1 Bericht über die Vorstudien des Elektrizitätswerkes Hagneck (Biel, 1899) samt den Jahresberichten desselben, dem «Führer» von 1906 und den Statuten der bernischen Kraftwerke von 1909 uns freundlichst anvertraut von Oberst Eduard Will, Direktor der bernischen Kraftwerke.   2 Regierungsrat Karl Scheurer.   3 Wir legen den mißlungenen Versuch einer für unser Buch passenden Beschreibung des Kallnachwerkes mit um so mehr Bedauern bei Seite, je größer (am 16. Oktober 1912) das staunende Interesse war, mit welchem die anschaulichen Belehrungen der Herren Direktor Oberst Eduard Will und Oberingenieur Schafir vom Kommissions­präsidenten Sterchi und vom Bearbeiter des «Bärndütsch», sowie von Herrn Prof. Dr. Geiser, Vorsteher des bernischen Wasserrechts­bureaus. eutgegengenommen wurden.   4 Rinkel 290.   5 Die schöne Stetigkeit der Zahlen 844,500, 969,000. 1,098,000, 1,322,641, 1,584,000, 1,784,000, 2,000,531, 2,250,000 (für 1911 veranschlagt) ist bemerkenswert.   6 Zumal bei Berührung mit Kupfer.   7 Wilke 425.   8 Gußeisen mit Kieselstoff.   9 Man bemerke auch hier die schöne Stetigkeit des Anwachsens: 3547, 4465, 4706, 5729, 5953, 6494, 7239 Franken.   10 Nach Herrn Direktor Kellerhals, dem wir auch die außerordentlich lehrreiche Führung durch das Industriegebäude verdanken.   11 Eine der persönlichen Mitteilungen des Herrn Direktor Will, dem wir auch die sachliche Schlußdurchsicht dieses Abschnitts verdanken.   12 Indem der Apparat von Russel und Wright ihnen gleichartig gebaute Gleichungen auch höherer Grade elektrisch-mechanisch zu lösen gestaltet. (Nach der «Weltchronik».)   13 Installation Schweizer in Cham: Bauernstube 1913, 32.   14 Will sagen: Die Hefnersche Normalkerze oder Hefnerkerze (HK): eine 40 mm hohe Flamme aus Amylacetat an einem Docht von 8 mm Durchmesser. (Vgl. Wilke 135; Rinkel 437.)   15 Welche noch nicht die Glimmer- gegen die Eisenmembran des Hörers getauscht haben.   16 Wie Neptun und Poseidon, trägt auch Siva den Dreizack als Symbol des Wolken zerreißenden Blitzes. WuS 1, 83.  
 

Studie von Anker

Wald, Wild, Weide, Wiese.

Wald und Holz.

Nach dem Bielersee hin streicht, über Ins in vier Ansätzen zum geschlossenen Forste gesammelt, der Schaltenräin in sanft geschwungener Linie, um zwischen Lüscherz und Hagneck (Haagni, Haagnit) sich steiler abzudachen. Neben diesem beiläufig an͜derthalb Stun͜d langen, schönen Wald und dem prächtigen Forst des Tschụlimung, der Fa̦a̦feren (s. u.), dem Bụdlig (Lü., Vi.; man sagt das Bụdlig oder der Bụdleiwald), dem Tschu̦ggit (Vi. s. u.) gibt es im modern Erlachischen eine Anzahl eigens so geheißener Wäld: den Geich- (Ins), Chloster- (Erl.), Gü̦ü̦rlen- (Ga.), Schmi̦ds- (Ga., s. u.), Waarts- (Ga., Tsch.), Ru̦nti- (Ga.), Heeg- (Br. Fh. Tr. Hagneck), Grammert- (Lü.), Chasper- (Lü.), Schụfelberger- (Lü.), Ha̦a̦lden- (Lü.), Bodelen- (Tr.), Wị̆dstüdeli-, Tschanzwald (Lü., S. 240); das Inselwäldli (Erl.1849).

Zu den «Wälden» (1669) kommen eine Reihe Holz: hin͜der dem Holz, Holz-matt und -acher, Großholz (Lü., Vi.), Ni̦der- (Gals) und Oberholz (Tr.); das Eich- (Vi.), Buech- (Tr.), Däälholz (Br.); das Pfaffen- (1718) und Johannserholz (1718 für Klosterwald), das Pfruentholz (die Bodelen); das Rịịffli-, Land-, Baan-, Rundiholz (1718), Tschäppisholz (Fh. 1827); das Hölzli und der Hölzliacher, das Erlen- und Elsen-, Faarneren, Aspel- (Lü.), Dorn- (Lü.), Burgmatthölzli (Hagneck), das Acher- und Ägertenhölzli das Ịịsleren- (Ga.), Gals- (1800) oder 236 Niderhölzli (1727), Fols- (Lü.) und Kobishölzli (Lü), Hanslishölzli (des Johannes Probst in Ins) oder einfach das Hölzli bei der Mụụrstụụden. Hier hüteten die Holzmüeterli (S. 56)1 das Holzbrüneli.

Verdunkelte Namen sind Röschelz oder Reusche̥lz (s̆s̆, «Runsholz», S. 27) und zwei Leuschelz (1668: bim Löüschelz wider Erlach). Aus dem Keltischen (gallisch jōram, verkürzt zu jor)2 kam uns über latinisiertes juria (französisch Jour, Joeur, Jeux, Joux), jurina (Gérine)3 und juricina (Joraissens)4 der Name Jura für Wald und Waldgebirge (vgl. «Schwarzwald»), sowie der des Jurawindes Jorat, Joran (S. 64). Auch bois (Holz) kam ins Erlachische als das Bụ̆́de̥die̥ (bois de Dieu), wie umgekehrt «Wald» als alemannisches Waḷd, Wạud einerseits zu «Waadt», anderseits zu Vaud geworden ist.5

Umgekehrt kam aus forestis, forest neben fôret unser Forst, als stolzer Eigenname dem prächtigen Wald zwischen Laupen und Riedbach zugeteilt. Forster hießen zum Spott die 1339 nach diesem Wald geflüchteten Berner. Dagegen stammt der (bereits im 14. Jahrhundert vorkommende) Erlacher Geschlechtsname Forster aus dem Beamtentitel, welcher allerdings 1802 und 1806 Forstner lautete. Es gab 1806 zwei bernische «Oberforstnere». Heute steht unter dem eidgenössischen Oberforstinspäkter Dr. Coaz, geb. am 13. Mai 1821 und heute noch in voller Rüstigkeit amtlich tätig, der bernische Forstmäister Balsiger; die Waldungen der Ämter Neuenstadt, Erlach und Nidau verwaltet Kräisoberförster Schnyder als Nachfolger des im Entsumpfungswerk mit tätig gewesenen Oberst Müller zu Nidau († 1885). Als Oberbannwart von Ins funktionierte s. Z. mehr als fünfzig Jahre lang Jakob Küenzi von Erlach, und nach ihm bis zu seinem Tode (1911) der verdienstvolle Gemeindevater Kirchhofer. Sein Nachfolger ist der Staatsbannwart Samuel Anker. Dreißig Jahre steht im Dienst der Gemeinde Ins als Holzbannwrcht (im Gegensatze zum Reeb-6 237 und zum alten Moosbannḁcht, S. 163) der Inser Paul Feißli (Fäisli),7 der Nachfolger des Jakob Feißli (1811). Als Kollege steht neben ihm Johannes Anker.

Ein Stück Jolimont

Neben dem Staatswald gibt es im Erlachischen starke Gemeinds­waldungen. Treiten und Möntschemier bestreiten aus ihnen und dem Moos ihre Auslagen, so daß außer der durch G’mäinweerch abverdienbaren Wegtelle von 2‰ keine Gemeindesteuern zu entrichten sind. Die Einwohnergemeinde Eiß, mit welcher sich unlängst die Burgergemeinde verschmolzen hat, zieht aus ihren 650 Jụụchḁrten an äi’m Stück und 50 Jụụcherten Unịịngrächnets, weil Verlụ̈ffnigs (isolierte Parzellen) jährlich an die 40,000 Franken. Sein dem raschen Wuchs sehr günstiger Boden gestattet einen Umtrieb von 70 bis 75 Jahren. (So glịich chann mḁn hin͜der fü̦ü̦r.) Aber die groo̥ßen Jahr (Jahrringe) machen das Holz mehr zum verbrönnen als zum bạuen geeignet. Auch Sịịselen besitzt 250 Jucharten Wald, und der Viertelwald von Feisterhennen ist ebenfalls eine schöne Einnahmsquelle dieser um 1742 als sehr holzarm dargestellten Gemeinde; ebenso der Burgerwald oder (1398) das Fronholz zu Erlach 238 (1718: der Burgeren Erlachholz). Der Einungswald der Gemeinden Brüttelen und Gäserz gestattete dieser vereinigten Waldg’mäin den Bau der Hagneck-Ins-Straße, sowie die Errichtung und den Unterhalt ihres neuen Schulhauses von 1911. Dagegen erklärte am 4. März 1800 die bernische Verwaltungskammer das Galshölzli (Ni̦derholz) als Nationaleigentum, das die Galser nicht mehr (wie seit 17538 ) ausbeuten dürfen; sonst werde damit auch der Chlosterwald zu sehr beschwert.9

Privatwald gibt es nur wenig. Der Spital Pourtalès besitzt solchen zu Ri̦mme̥rz hinter Gampelen. Zum Ersatz gab es früher verschiedene Übergriffsrechte in fremde Waldgebiete. So durfte der Kastlan des Schlosses beir Zihlbrügg alle Tage eine Bürde Holz aus dem Galser Niderwald holen lassen, statt dessen später jährlich ein Klafter.10 Der Pfarrer zu Gamplen, der als solcher im Amt Erlach wohnte, aber zugleich das bis 1798 im Ämtchen St. Johannsen gelegene Gals behirtete, durfte sich von des letztern Landvogt zu seiner großen Bịịgen von altem Holz mehrere Fuder samt den Räspen aus dem Chlosterwald verabfolgen lassen. Der Vogt Burkhard Nägeli aber verweigerte ihm am 13. März 1699 mehr als zwei Fuder. Er bat, «diesem» Wald zu verschonen. Das Eichige und Buchige Holtz sei darin so dünn, daß nicht einmal ein Thrülbaum (Trüelbạum) im ganzen Holtz anzutreffen were.11 Der Wald sei bald allentlich erödet, heißt es 1666. Um 1830 ward den Gemeinds­angehörigen von Si̦i̦selen verweigert, aus dem der Stadt Biel gehörenden Jorat Bauholz zu holen.12 Die von Erlach empfingen am 13. Juli 154813 die Erlaubnis, sie mögen das tod holtz (1643: das todtne, tootnig Holz, d’Abdooreten) ohne erlaubnus holzen, auch die allten stök, ab denen die stammtrom (Sägeschnitte) gehuwen seind, ung’fra̦gt (vgl. ung’ässen, ohne gegessen zu haben) außgraben (ụụshee̥rten, dann aber die mit ausgehobene Erde auch wieder ịịnlochen), nemmen14 und hinführen oder an Ort und Stelle vffmachen (ụụfmachen) oder (1770 in Gals:) machen (aufrüsten). Diese am 24. Januar 164015 vorgewiesene «alte Freiheit» umfaßte natürlich ung’säit alles ung’rächt (schlecht gewachsene), sowie d’s blessiert Zụ̈ụ̈g, z. B. das unheilbar g’schuntnig Fichtenholz, das beim schläiken (vorbei schleppen) eines gefällten Baumes einen Schläik (schwere Rindenverletzung) abbekommen hat.

239 Waldverheerungen stiller Art durch den Pilze züchtenden Borkenkäfer der Fichte und stürmischer Art durch Winde wie die vom Winter 1911/12 (S. 62) häin’s richtig nid nöötig g’haan, noch durch rücksichtsloses Ausüben des rechtmäßigen Hau (1450 houw,16 Schlagrecht) oder gar durch unerlaubten «Hau läbendigen Holtzes» (1639)17 unterstützt zu werden. Ein übriges tat zur Ruinierung der Wälder der schrankenlose Weidgang. So durfte z. B. der Besitzer des Jolimontgutes laut verbrieften Rechts den anstoßenden Klosterwald mit zwölf Stieren beweiden, und ein solcher Gutsherr, der zugleich Klosterschaffner und Leutnant war, schlug 1763 und 1780 den Rechtsabkauf sehr gereizt aus.18 Nun suchte die Regierung solche Schädigungen abzuwehren durch angeordnete Abzäunung (Zụ̈ụ̈ni) der Waldränder. Da freilich auch dies wieder auf Kosten des Waldes geschah, so sollte hierbei nicht steltzenswyß verfahren werden: man sollte nicht allnen Stälzen (langen und schmalen Grundstück­anhängseln) na̦a̦chfahren, sondern dieselben mit einer Schnur greden (greeden). 1780 ward aber auch alles Zu̦u̦nholz verweigert. Man solle Leebheeg pflanzen. Im nämlichen Jahr verordnete die Regierung Waldschluß von 1. Mai bis 1. November sogar für Geertel, Sichlen, Seege̥zen und Rächen.19 Unverschämte Frevler hatten eben sogar Holz im Saft (im Sạug) gefällt. Ein anderes war die am 10. Februar 1811 erklärte Bereitwilligkeit der erlachischen Gemeinden, trotz den dringenden Feld- und Rebarbeiten den vier Gerbermeistern des Amtsbezirks zu lieb möglichst viel Tannen- und Eichenholz erst im Saft zu fällen.20

Auch diese Maßnahmen der bernischen Verwaltungskammer halfen freilich wenig. Ebenso das Verbot, überhaupt mit Achs und Sa̦a̦gen in Wald z’gaan (1713) und am Wald aan z’bauen (1630). Schon 1669 war der Forst zwischen Mühleberg und Frauenkappelen ruiniert21 (S. 95). Am 30. Januar 1682 führten Amman Peter Laußelet und Weibel Peter Tüscher vierzig Eißer in das groß Holz, um ihnen die Kümmerlichkeit des Eichenwuchses zu zeigen. Die Männer verzichteten nun auf die Zuteilung je einer Eiche und erklärten, sich mit Buchenholz aus der Schantz (S. 240) zu begnügen. Die Burger sollten je vier und di an͜deren je zwei Fuder erhalten.22

Gescheite Maßregeln positiver Art zur Erhaltung der öffentlichen Wälder ergriff der bernische Forstrat zunächst im Jahr 1727 durch die Waldteilung und durch eingreifende Schutz­vorschriften, welche in den 240 Jahren 1780 und 1820 erneuert wurden. Er verlangte «Säyung Buch’s und Eichlen» und Anpflanzung von raschwüchsigem (wachsigem) Holz. Er errichtete 1811 im Brüttelen­moos drei Tu̦u̦rben­hütten23 und beabsichtigte, das Torfmoos beim Fäälbaum anzukaufen. Er ordnete den Bau von G’mäinsööfen (Gemeinde-, Back- und Ofenhäusern) an, zu welchen die Fäälbäum (S. 115) die nötige Feuerung bieten sollten. Kahlschläge mußten durch neus aansetzen kompensiert und für jede gefällte Äichen sollten sechs junge g’setzt werden; die jungen Pflanzungen waren durch Wall und Graben: Tschanzen vor dem Weidevieh zu schützen. So gibt es zu Lüscherz noch einen Tschanzwald. (Anders: nach der darüberliegenden Terrasse um eine Linde, sind die Schänzlireeben in Ins zu deuten.) Das Aufwerfen von Schanzen hieß «Eingrabung». So wurden 1807, 1817 und 1818 die der Landschaft Ins gehörenden Waldstücke Wolfenhaag und «Friedli-»- oder Frieslistụụden (s. u.) «eingegrabt» (ịịnggraabet). Der um den Wolfenhaag gezogene Graben mußte freilich, weil Vinelzer Boden schädigend, 1822 wieder ụụfg’füllt werden.24

Für ihren Waldbestand wehrte sich in ihrem Gemeinds­reglement von 1816 die Gemeinde Tschugg mittelst der charakteristischen Vorschrift: Falls zwei Haushaltungen zusammen nur eine Stube bewohnen und nur mit einem Ofen sich behelfen, so soll ihnen bei der Holzverzeigung im Herbst und im Frühling nur ein Anteil zukommmen.

Sonst war, gerade wegen der schrankenlosen Selbstherrlichkeit von Gemeinden wie denen des Inser Landgerichts, der alte Waldschutz lützel gnueg. 241 Er wurde z. B. zu Kallnach25 und gewiß auch anderwärts etwa ausgeübt durch die ehemaligen Vier der Holzkumission, welche häufiger im Wirtshaus als im Wald zu treffen waren. Je nach der vorsprechenden Person und nach der Zahl der g’spienzleten Silberlinge streckte sich die zu einem Säustall oder sonstigen Bau aang’schlagni Äich in die Länge und Breite, und auch die Hi̦cke (Kerben), welche die Nutzungs­berechtigungen graphisch darstellten, fielen «je nachdem» aus. Erst der unvergeßliche Oberförster Schluep in Nidau, dann in Aarberg machte durch scharfe Aufsicht, aber auch durch freundlichen Unterricht über Waldpflege dem Schlippschlapp ein Ende.

Daß bei der alten Ordnung der Holzfrevel blühte, verstäit sich ung’säit. Der einmal Erwü̦tscht wurde dann freilich ohne weiteres als Verbrecher26 behandelt. So z. B. 1650, Um Frevel nachzuweisen, waren Stamm und Stock der zu fällenden Bäume mit der Achs aanz’zäichnen.

Heute bringt der Staat seinen reichen Waldbesitz zur Geltung, indem er zweitägige Holz­stäigerigen in Erlach ausschreibt, wie z. B. im Tschanz. So hält auch jede der Gemeinden ihre Steigerungen 242 ab: Erlach im Burgereerlenwald, im Burgerwald ob Schu̦gg, im Seeräin; Ins in der Niederen, in der Mueleren; Gampelen uf der Gü̦ü̦rlen, in der Schallenbärg-Holzmatten, in Ferstellen usw.

Durchforstungsholz lassen die Bannwarte durch aang’stellti Holzer (Biels Waldlụ̈t, eine der acht Zünfte) fällen. Sie erhalten für den (winterlichen) Arbeitstag von 8 bis 5 Uhr mit halbstündiger Mittagspause 3½ Franken nebst einem Hụ̆ffen Abfallholz. (Noch vor siebzig Jahren verdienten die Holzer, welche solche Arbeit im Verding ausführten, im Daag chụụm es Halbfränkli.) Stehend dagegen wird das schlagreife Holz in Ausruf gebracht: Bau- und Sa̦a̦gholz, Lattentannli, Stangen, G’rüst- und Bạumstäckentannli, Schwelliäichen usw. Gemeinden wie Ins schreiben Holz beim Graafenbrünnen, in der Lachen usw. auch zum Verkaufe aus.

Daneben kommt es seit alter Zeit zu Holzverteilungen durch looßen, verlooßen; es fallen (in Lg.)27 Grotzenlööser an die Grotzenlöösler. Je nach Kopfzahl der Familien gibt es (in Ins) Loos erster bis dritter Klasse: Äiner, Zwäüer, Dreier.

Bringt man das bäumig Abfallholz der Hofstätten und das den Seeanwohnern vom Westwind zugetriebene Flooßholz28 obendrein in Anschlag, so ermißt man leicht den Vorteil, e̥käins Trömmli Holz, nid e̥ma̦a̦l es Gri̦tzeli (Zweiglein: Kerzers) brụụchen z’chạuffen. Das wott öppis seegen, wenn man die heutigen Holzpreise (meh weder sächz’g Franken für n es Chla̦a̦fter Buechigs im Wald aang’noo̥n) mit dem Mü̦tt Haber und Mü̦tt Chorn vergleicht, welche 1484 «sechs Fuder Brönnholtzes» aufwogen.

En gueter Chạuf sind jederzeit die Staatsweede̥llen, welche als brav Chneebelweede̥llen 1 m in Länge und Umfang messen. Dann darf aber allerdings nicht die Verordnung von 1780 gelten: Alle Äste einer Kunkel dick (e̥ren Chauchle’s dick) sollen eingeklaftert und nur das Kleinere zu Wedelen gemacht werden.29 Kein obligatorisches Määs haben die Bụụrenweede̥llen, in welchen Rest30 und Nestli (Äste und Ästchen) von allnen Dickinen bis zu den Häxenbeesen sich zusammenfinden. So heißen gleicherweise die besenartigen Zweigwucherungen wie auch die «heiligen Misteln vom Eichbaum», welche die Druiden je am sechsten Tage nach Neumond schnitten, und die in England noch heute Nachklänge ihrer alten Bedeutung 243 feiern. Der Stammen31 dagegen, von welchem das Tollder entfernt worden, gibt Lasthebel wie z. B. den kranenähnlichen Stụ̆per ab, wenn er nicht zum sa̦a̦gen uf d’Sa̦a̦gi chunnt, um hier zu Laaden (Brettern) zerschnitten zu werden. Als Brennholz aber wird er im Walde zu Spälten und Trääme̥lli verarbeitet.

Laut einer Galser Vogtsrechnung von 1772 wurde für die Vögtlingsfrau gemacht: 181 Wedelen, 2 Fuder Bränd und 1 Fuder Stöck.

Die Verarbeitung des Brennholzes gibt wie überall einen Großteil bäuerlicher Winterbeschäftigung ab, deren Anstrengung sich in der Sprache mehrfach abprägt. So die des G’räsp: Wer schnarcht, ist ein Räspenzieijer. Zur Strafe für ein unbekanntes Vergehen muß «der Mann im Monde» Räspen ha̦cken, wobei ungeschicktes Aufschlagen des Geertelhefti oder des Bielshalm sich mit schmerzhaftem Zurückprallen im Arm: mit schnäpperen fühlbar macht. An das sa̦a̦gen des Handharmonika­spielers erinnern hinwieder die bekanntlich so gesunden Armbewegungen für die Sa̦a̦gen (Handsäge), deren Blatt mittelst des Angel schlaffer oder straffer gespannt und mittelst des Säünabel (Eberziemer) vor Heißlaufen geschützt wird. Von Ästen durchwachsene Stellen: Chnöpf werden soweit möglich dem Beil überantwortet. Wer sie nicht kundig zu bemeistern versteht, pi̦tschgeret drannen und «zablet wie ein Holzbetschger»,32 statt auf dem Schịpploch (Scheitblock) munter fort z’schịịden (1670: Holz zu scheiden) oder z’schịtten, bis der ganze Vorrat g’schị̆den, verschịttet, verschịtteret isch.

 
1 Vgl. das Steufmüeterli im Band «Twann».   2 Gauchat im Bull. 3, 15.   3 Jacc. 185. 198, 205-7. 215-8. 533-6.   4 Stud. 136.   5 Wirklich hieß der Kern des heutigen Kantons von 516 bis ins 10. Jhd. häufig pagus Waldensis, 839 und 1025 comitatus Waldensis, sehr oft auch Patria Waudi, 1260 in Vaudo, im 15. und 16. Jhd. öfters Waud und Waudt neben Vaulx. (Jacc. 491 nach F. de Gingins; Lüthi im Pi. 1909, 3.) Der Name «Waldgrafschaft» erinnert hinwieder an den Titel der «Waldgrafen» oder gruarii (Du Cange), deren Wohnsitz als Grueria (1285), Gryeria (1231), Gruiers (1298), Gruyère bezeichnet wurde. Solche Hüter des «Grün» (Wurzelform grô) gab es u.a. zu Grüningen, Prangins, Ollon, Yvonand und zu Everdes (ès Verdes) im Greyerzerland, dem bekanntesten Namensträger. (Brid. 193; Jacc. 204; Mémoires et Documents 9, 48; Kopp, Gesch. d. eidg. Bünde 1, 55; Hisely, Introd. à l’hist. du comté de Gruyère.)   6 S. «Twann».   7 Ihm, sowie seinem Gehilfen Gaschen, verdanken wir viele wertvolle Auskunft.   8 SJB. C 103 f.; RM. 8. Okt. (141).   9 Probst 66.   10 Stauff. 74.   11 EB. A 477.   12 Stauff. 74.   13 Schlaffb. 1, 104.   14 Dies nehmen im genaueren Sinn von «sich zuteilen», sich aneignen (némesthai)   15 EB. A 56 f.   16 Schlaffb. 1, 7-10.   17 Ebd. 139.   18 SJB. D 20. 90. 94 f.   19 Ebd. 97.   20 LBI. 104.   21 Lüthi G.   22 Räbg. 161.   23 LBI. 105.   24 Laut einer längern Einsendung «Seeland» vom Januar 1913.   25 Ebd. 80. 124. 128.   26 Urb. Mü. 51. So kam ahd. fravalî (Kühnheit, Verwegenheit, Frechheit: Kluge 150) in der freiburgischen Entlehnung fravalla zu den Bedeutungen: Veruntreuung, Betrug, Waldfrevel; daneben frevalua: mit Buße belegter Frevel. Dazu stimmt die Bezeichnung des obrigkeitlichen Bannholzes als «bon à ban». Vgl. Wißler, schwz. Volksfranzösisch 100.   27 Lg. 127.   28 Favre 144.   29 SJB. D 97.   30 Vgl. «von fryen esten» (von freien Stücken): NMan. Papst 1801.   31 Altinserisch.   32 Niklaus Manuel.  
 

Holzarten.

Z’erst reegnet’s geegen Beern zue, und denn dem Jura na̦a̦ch; und wenn si denn dört gnueg häin, so überchöo̥men mier denn en’tligen ooch! So redeten vor der Entsumpfung die Anwohner und Bewohner des Großen Mooses, wenn große Trockenheit das andere Extrem zu den traurigen Überschwemmungen bildete. Undlsó isch’s gsi̦i̦n. Es fehlte eben der große und einzig zuverlässige Regulator der Wärme und der Feuchtigkeit, der mächtige Magnet auch, der d’Wulchen aanzieht, und der Schatzmeister, welcher in ausgiebiger Reserve mit dem köstlichen Naß des Himmels hụụset: der Wald. Solchen nun pflanzte (S. 193) der bernische Staat auf den Hunderten von Jucharten, die er den stark bedrängten, Moos besitzenden Gemeinden abkaufte. Er bewaldete das Nordufer des Neuenburgersees, den Schwarzgraben südlich von Ins, 244 legte den Wald westlich von Müntschemier an, den Treitenwald und das Aspihölzli. Die Längsrichtung von Nord nach Süd bewirkte das Brechen von Luft und Bịịsen (S. 62 f.).

Und zwar pflanzte man g’mischleten Wald: Fichte, Kiefer, Weymuthskiefer, Erlen, Birken.

Studie von Anker

Vorwitzige Zweifler häin d’s Chrụ̈tzerpfị̆ffli g’stellt und der Lätsch (die gerundete Unterlippe) fü̦rḁg’streckt und g’spöttlet: das gibt üser Leebstag nụ̈ụ̈t us däm Mooswald! Allein die Nadelhölzer machen Jahrestriebe (Schü̦tz) von 60-80 cm, und die wie bei Wettertannen in zähem Grün strotzenden untersten Äste gaben auf forstamtliche Weisung hin vielen vermögenslosen Familien reichlich Holz.1

Den Vorrang räumte man der Fichte ein: der Ro̥ottannen, welche aber mit ihrem strotzenden Dunkelgrün großen Waldbeständen und von ihr beherrschten Landschaften die Namen Schwarzwald, Bon neir,2 nigra juria3 (S. 236), Schwarzenberg, Niremont,4 Schwarztal, Neirvaux5 u. dgl. eingetragen hat. Nach ihr ist auch der Tannenhof benannt. Da aber der einseitige Fichtenbestand mit seinem Bedarf von 245 Sonne und Luft, sowie mit seiner oberflächlichen Bewurzelung bloß für das Hochgebirge taugt, ist auch im Seeland Roo̥t- und Wị̆ßtannen dürchmischlet. Die Edeltanne vermittelt ihrerseits der Fichte Nahrung aus der Tiefe und empfängt dafür in ihrer dichten Nähe Schutz gegen Frost. Sie ist nämlich gegen solchen sehr empfindlich: d’Wị̆ßtannen ist wi n en Boo̥hnen. Einmal erstarkt aber — sie ersetzt verlorene Wipfeltriebe wiederholt aus eigener Kraft — bildet sie zumal im Jura die prächtigen, kandelaberförmigen Wettertannen und gedeiht auch im Dickicht zu dem stattlichen «Weißbaum»,6 der als «Wisboum» neben dem «spriß»7 den Balken und den Splitter des bekannten Gleichnisses ersetzen konnte. An die Kiefer (aus «Kienföhre», wie denn d’s Dehligen en Rueß aansetzt) erinnern das Dählhölzli (Br.; 1727: die kleinen Thälen) und das Dählenholz (Br.), der Dählisandhubel, die Äcker By den Tählen (1728), un͜der und hin͜der der Dehlen. Nach der Leerchchen: der larix, larze, larse, l’arse,8 scheint das Lárịtsch (Tsch.) benannt zu sein.

Studie von Anker

Von den fast unzähligen Orten, die nach der fagus (Buche) benannt sind,9 sei einzig das benachbarte Faoug = Pfauen erwähnt. Aus dem deutschen Buoch (961) erwuchs Buchillon = Büchslen,10 bei Murten und 246 am Genfersee. Genannt sei auch die Kreuzbuche, welche 1282 als Grenze der ersten Besitzungen des ehemaligen Klosters Tedligen (Dettligen) erscheint.11 Es wird sich, wie bei den Buechachcheren, um die Hagenbuechen handeln, welche als die hertisti die Wị̆ß- und die Schwarzbuechen überdauert. Kennt doch auch der Inser den «Kernspruch»:

Wenn äiner tannig Hoosen het
Und haagenbuechig Strümpf,
So chann er tanzen, wi n er will,
Es gibt ihm käiner Rümpf.

Ein langgezogener Wall südöstlich vom Dorf Treiten nennt sich das Buechholz. An ihm liegen der Buech­holzrein, die Buech­holz­acheren, -bụ̈ụ̈nen, -reeben. Die Waldbuchen liefern seit alters eine geschätzte Frucht, die auch noch heute gesammelt wird: mi gäit ga̦n Buech suechen oder ga̦n Buechnüßli ụụfleesen. Aus ihnen wurde sonst das kostbarste aller Speiseöle gepreßt. Nichts ging ehemals einem Inserkind über ’nen Bitz Broo̥t, wo n es in Buechöl ’tunkt het. — Noch sei das Tschugger Geschlecht der Bucher (1769) erwähnt.

Für das ehemals so belangreiche Acherum12 als Schweinemast kamen dagegen nicht die Bücheln, sondern bloß die Eicheln (Äichlen) in Frage.13 In diesem Sinne war «ein gut achrum» (wie 1603) ein geschätztes Herbstgeschenk. Die Eichelmast in der Herrschaft Erlach vom Jahr 1396 wurde von Savoyen um 80 Mütt Haber (im heutigen Wert von 1200 Franken) versteigert.14 Die «Besichtigung des Acherumb (1598) oder des Akerumbs» (1667) war darum eine wichtige amtliche Angelegenheit. Im Stadtbezirk Erlach mußte solche durch Ausgeschossene der Landschaft Ins geschehen, und umgekehrt.15 Ja, 1578 sollten je zwei von Erlach und von Ins mitwirken. Die daraus erwachsenen Zehrungskosten sollen hinfür in den gemeinen Costen (man sagt der Chosten) gahn.16 Das Acherumgeld (1768, Gals) floß in die obrigkeitliche Forstkasse. Der Schultheiß von Bern bekam obendrein ein Fehrli und einen Merzling (junges Schwein), was später in Geld umgewandelt und 247 1844 losgekauft wurde.17 Mit 40 Kronen wurden auch die bernischen Bauherren für das ihnen sonst zukommende Meyenholz und Acherum entschädigt.18

Im Jahr 1479 haben die Besitzer des Hooffes (und heutigen Gemeindchens) Gäse̥rtz Etlich Freyheit, Ir Kleinguth in das Acherumb zu treiben, erlangt. Nun aber maßen diese Hoofpauren sich an, das Acherumb vnd Eychlen zunechst umb vnd Bey ihrem Hoof hin ab den Eychlen (Eichen) zu schlagen, auszulesen und heimzutragen, während doch das Acherumb von den Herrn vnd Obern in Bern zu Empfahen (z’ empfa̦a̦n, in Leechen z’ nehmen), zu erkauffen vnd zu verEhrschetzen ist. Die übrige Landschaft verbittet sich dies unterm 26. Januar 1598, und der Berner Rat entscheidet:19 Nur selbst erzogene Schweine von Gäserz dürfen in das Acherum getrieben werden, und zwar erst, nachdem die Pacht in Bern erworben ist. Auch wird die Zahl der Schweine auf fünfzig beschränkt; für die Überzahl ist das Acherumgeld zu entrichten. Die Eicheln dürfen nur da abg’schlaagen und ụụfg’leesen werden, wo die Gäserzer auf ihrem Hof zu Herbst gesäyet haben. Auch dürfen die Hoofpuren keine schädlichen (der Landbestellung hinderlichen) Eychen wegschaffen ohne Erlaubnis; dies um so weniger, da der Hoof nit außgemarchet ist. Die obrigkeitliche Buße wird für diesmal erlassen. Der Stadt Erlach und der Landschaft Ins sollen die Gäserzer ein Pfund zahlen, und außerdem haben sie zwei Drittel des Spruchgeldes zu entrichten. Unbehelligt durften dagegen vormals die Walperswiler im Siselenberg das Acherum lesen.

Solche Wichtigkeit konnte das Acherum nur bei dem außerordentlich reichen Bestand an Eichen (z. B. noch 5⅛ Jucharten im Jahr 1809) erlangen, die man auch zu mächtigem Umfang gedeihen ließ. Davon zeugen Schwellen und Stü̦ü̦d alter Häuser, aus denen man schon vor sechszig Jahren vier bis acht gemacht hätte.20 . Ein reeller Zeuge aus solcher Zeit ist noch der prächtige Eichwald auf der Bielerinsel; einigermaßen auch das Mu̦ttli bei Treiten, das freilich seine schönsten, kaum zu umklafternden Eichen dem Eisenbahnbau der «Direkten» opferte. Andere Bäume gaben um 1830 Lagerfässer. Sonst reden nur noch Eigennamen von dem «Heiligenbaum»: die Kapelle zu Siebeneichen (s. «Twann»); die Äichacheren, der Eichliacher (Fh.), die vormals mit Haageichen eingeschlagene Eichmatten, vielleicht das Gg’äich (1568: Geyach) zu Ins (nicht aber das Geych (1712) oder Geicht zu Twann), der Gäichwald und der Gäichberg (1715) oder kurz der Gäich, der Geijig zu Brüttelen. Zu Lüscherz lagen 1668 zwei 248 Jucharten zu der Guldinen Eych, und an der Kantonsgrenze zwischen Lengnau und Grenchen sammelte sich ehemals Vagantenvolk mit Chär’en unter der Bättlereich.21 Wir treffen auch den Geschlechtnamen Eicher (1650) zu Müntschemier. Als nahestehende Patoisnamen seien genannt: Le Glandl’Aglan»); ferner Chanel u. v. a. chêne (aus «casnus») neben Zanifeld (zu Lurtigen bei Murten, aus tsano); Rovéraz u. v. a. (vgl. Roveredo aus roburetum); Tanney (aus keltischem tann; vgl. den tanneur, der mit dem Tannin des Eichen­rinden­extraktes gerbt.22

Ähnlich wie bei Tanne und Buche unterscheidet man die Haagäichen, die im höo̥chen Wald wachsende Wị̆ßäichen (Wintereiche, Quercus sessiliflora) und die außer dem Dickicht den Ränd na̦a̦ch gedeihende, aber windspältigs Holz liefernde Roo̥täichen (Stieleiche, Q. pedunculata). Hauptsächlich der Wintereiche galt wohl die Bitte der Stadt Erlach von 1682 um Maßregeln für mehre Beschirm-, pflantz- vnd vfwachßung der Eychen.

Außerordentlich gern gedeiht die Äschen (s̆s̆), in Treiten: Eschen,23 worauf neben dem Eschenhof besonders die Lehnformen aus fraxinus hindeuten; so nach alter Deutung Frasses = Fräschels, dies möglicherweise aus Fräschholz (1302 Freschols, bei Schöpf: Frescholz, 1276 aber Freschens, 1527 Frenschen, 1706 Fräntschen: eine Umdeutung wie auch «Fröschholz» es ist).24

Im ersten Namensteil uns undeutbar, bildeten die Mụụcheerlen (vgl. «Muchörle», im Inser Katasterplan von 1776: Mucherlen, S. 42) ein nun verschwundenes Wäldchen zu Müntschemier. Der Erlenhof zu Witzwil und in der Kolonie Bellechasse, wo uf d’s Beernische stooßt (nicht aber das im Band «Twann» richtig gedeutete Z-erlach), weisen auf das massenhafte Vorkommen des eerligen Holzes im Moos. Das Eerliwäldli im Treitener Moos isch der G’meinß.25 Die Gemeinde Treiten hed’s aang’setzt als obligatorischen Ersatz für ihre Rụ̈ttinen. In Lü. stehen die Burgeren-Eerlen.

Da altdeutsches erila sich als erleichternde Umstellung aus elira, dieses aber nach Ausweis von holländischem els (vgl. Elsbeere) als Umwandlung aus elisa (vgl. «war» = «was») herausstellt, gehören ferner alle die Elsenholz (Tr.) und -hölzli, -matten, -graben und -möösli hierher. Auch die einfache Else (Br.) kommt 1409 (1647: 249 Elßen) vor; da liegen die riethmatten zu Münschemier zwüschen der Elsen und dem Holtz.26 Man denke ferner an die Namen Wildelsigen, Elsighorn, Elsenlücke, an die oder den Altels. Das urverwandte «alsnus», alnus erzeugte nur wenige Ortsnamen Les Aunes. Dagegen gibt es mehr als 150 Namen aus dem keltischen guern und romanischen verne.27

Der in el-ira und Eller steckende Wortstamm erscheint als vollständige Ablautreihe ausgebaut in altnordischem âlmr, altdeutschem ëlm(boum), bernischem I̦lm und französischem orme aus ulmus, der entlehnten Ulme. An diese erinnern sowohl der ehemalige (1886 abgebrannte) Ulmenhof Witzwils, wie UlmizOrmay (aus ulmetum).28 Sachverwandt ist d’s Ahornli als Acer opulifolius über Twann.

An ihre Größe hinan reicht sowohl die im Aspiguet und Aspenhölzli verewigte Espe oder Zitterpappel29 (Populus tremula), nach welcher es vom Furchtsamen heißt, är schlotteri wi n es aspigs Laub, als die herrliche Silberpappel (P. alba) und der äußerst häufige Saarbaum (P. nigra). Neben seine welschen Namen Papplemont u. dgl.30 tritt der mittelalterliche rivale ad populos. Dieser gilt als Namensvertreter des einstigen Ortes Sarbach (1287) oder Sarbachen (1185.31 129232 ) nahe dem Asyl Monrepos bei Neuenstadt, welchem um das Jahr 1300 durch einen Bergsturz das Schicksal des Dorfs Roggetten (S. 34) bereitet worden ist. Hier lebte das (nicht adelige) Geschlecht von Sarbachen, 1297 vertreten in einem Gottstatter Abt33 und vielleicht eines Stammes mit den Sarbach von Bern. Ein prächtiger Lin͜den­bluest­bạum (eine Lin͜den) stand auf dem Gerichtsplatz von Ins, bis auch er dem 250 Brand von 1848 zum Opfer fiel. In Twann stand noch 1489 die Lin͜den von Tätsch.

Ein malerisches Bild begegnet einem da und dort in dem vielfach zersplitterten Stamm einer alten Weide, aus welcher in grünem Gewirr Hopfen, Waldrebe (Nielen), Eebibletter (Efeu), grüeni und blaaui Strị̆telen (Singrün, Vinea minor) und blühende Winden sich drängen. Diese Waldrebe, Clematis «vitalba», teilt sich mit der Schneeballart Viburnum Lantana und der Korbweide, Salix viminalis, in die Namen vouablla und Wi̦i̦d (Mehrzahl: Wị̆den). Dienen doch alle diese Gerten zum «Winden» um Reiswellen und andere zu bindende Gegenstände. Auch die Wịịden (z. B. die schwarze Spitzwịịden) und das Wịịdli, altdeutsch wî-da = Weide stellen sich mit ví-men (Rute) und ví-tis (Rebe) unter eine Wurzel , welche «biegsam, drehbar»34 bedeutet und wohl auch «wi-n-den» gebildet hat. In dem deutschen Namen der Salix caprea: Salweide, hat der zweite Wortteil den ersten aufgefrischt. Dieser ist nämlich verdunkelt. Das altdeutsche salaha, sala35 hat sich nicht fortgesetzt, wie dagegen das urverwandte salix in saule und sauge: La Sauge, Saugy usw.36 Diese waadtländische Schiffsstation und Wirtschaft an der den Kanton Bern abgrenzenden Broye, welche 1557 errichtet worden ist, heißt deutsch Fäälbạum. Der Name bezeichnet die Salix «alba», benennt aber diese, wie S. 115 ausgeführt ist, als die «fahle» Weide. In langen Reihen, die zugleich als Marchen dienenden Abzugsgräben begleitend, konnten besonders auffällige Exemplare leicht zur Abgrenzung oder Bezeichnung von Flurstücken dienen.37 So lesen wir 1575 von einem Fählbaum als March, 1696 von der Matten beim hohlen-Fällbaum im Brühl, und 1757 von einer solchen auf dem Müntschemierfeld gegen den Fellgenbaum.38

Welche Bedeutung man früher dem Fäälbaum zuerkannte, zeigt die Verordnung von 1701: die Gemeinden sollen dahin Vermant werden, wo immer Gelegenheit sein möchte, sonderlich dem Moos nach Fähl Baüm zepflanzen, sowie junge Eichen und Buchen in das wachßende Gesteüd, statt dasselbe bis in den Boden hinunter zu Schneitten.39

D’s best Holz ist d’s birchig. Gleichwohl tritt der Name Birchen, verewigt etwa in der Birchenallmenb (Tr.), zurück vor dem Namen Beese̥men- oder des vinelzerischen Bö̆smenrịịsbạum, dessen Zweige allerdings die besten Besen liefern und gelegentlich dazu dienen, einen 251 ungebetenen Gast furtz’beesmen. (Der Beesen oder Beesem heißt altdeutsch bësamo.)

Schon um 1820 erscheint der groß und der chlịịn Zihlbạum als Name eines Gampeler Weinbergs (Zi̦hlbạumreeben), und un͜der den Zihlbäum nennt sich auf dem Gampeler Flurplan von 1811 ein Landstück. Ist an irgendwelche Gutsgrenze (vgl. das Ziel und Zi̦i̦li) zu denken? Sechs Mannwerk Reben aber lagen 1809 in der Zihleren (heute: in der Zi̦hlenen) auf dem Reuschelzberg (Ins), ein Mannwerk 1773 im Zihl (Siselen) und an den Zihlacheren. Hier liegt wohl eher der oder das zîl (Strauch, Busch, dornzîl, gezîle, zîlach)40 zugrunde. Und so das oder der lôch oder 41 (Niederholz), urverwandt mit lucus (Hain); vgl. das Land Im Loo (Ga. 1238), sowie die Orte ze ’me lo oder im Looch (1228)42 und Lööli, (Br.). Auf diesem Lööli, unterhalb der Flue, lufthalb des Dählhölzli, habe die Stadt Lööli gestanden. Auch d’Löölimatten und d’s Löölifälld gehören zu Brüttelen. Ein Gampeler Weinberg hieß um 1820 d’Lööleren. Auch Pieterlen, 1342 Bieterlon, 1332 Beyterlohn, geht zurück auf Bieterloo (1282), Bietherloch (1269), wogegen Peterlo (1255)43 ein «Peterchen» ergeben soll, Perles aber (1228 und 1255 Perla, 1276 Pella) auf Berilo (1276: Bärlein) weise. Loyes (1340), zu vergleichen mit Namen wie Loye und Loyettes, ist der frühere Name für Laupen.44

Von dem bebauten «Feld» Gampelen (s. u.) hob sich von jeher als «Gestrüpp» die Fa̦a̦feren, Fooferen ab (s. u.).

Ähnliche Sammelnamen für Kleinholz sind: Schachen (1788 und 1801: Bocks Schachen); die Döörnen (1777 in Tw.) und die Doornen (z. B. die Gürlendoornen, S. 98), sowie die Spi̦i̦sacheren und Spi̦i̦smatten (Br., Gäs., verwandt mit spinetum, Gedörn). Bereits (S. 118) ist uns der Wachholder45 begegnet in den Rääkeldoornen, den Räckolderdäilen (S. 151), dem Räckolderacher (Gals), den zwei Räckolteren im Moos. Als Unterartgruppe des entsprechenden Juniperus,46 nämlich J. sabina (Sevibaum) gibt es ein auf sabinetum zurückgehendes savena,47 welches an Savagnier = Saafneren erinnert: 1251 Savanieres, 1270 Saunerron, 1284 Savnerron, 1286 Saphernerun, 1290 Saverrim und Sauverren, 1294 Savenneron, 1296 Saphnerun, 1348 Saffneren, 1360 Safneren. So gibt es auch ein Savenay als Weiler zu Salvan im Wallis.

252 Ein Ligerzer Name für das jus de réglisse ist Wịßge̥lịß.

Was uns trotz der hohen Genießbarkeit der Frucht der so entzückend blühenden Heckenrose käin Bu̦ttlen weert isch, war ehemals «dri Haselnuß schwer».48 Unsere Kinder, die in den Haaslen so eifrig Haaselnuß brächen gehn, denken hierüber anders. Die Alten aber, die den warmen Ofen lieben, schätzen alts haslig Holz und Schwarzdorn (Heggidorn) als so guet wi buechigs.

Während die Heidelbeere — das Häübeeri — an menen äinzigen Blätzli in der Mueleren gedeiht, lassen sich vielenorts die Brombeere — d’s Fru̦mbeeri —, die Himbeere — d’s Impeeri —, die Erdbeere — d’s Hẹppeeri — reichlich brächen. Seltener ist Rubus fruticosus in welschen Gebieten, wo die aus den Mittelmeergegenden eingebürgerte Maulbeere: morum nigrum, das altdeutsche môr- oder mûrberi, das oder die mûlber ihren Namen teilweise auf die Brombeere übergetragen hat. Es geschah dies zunächst unter der Spezialisierung la mûre sauvage,49 dann ohne solche. Die Patois bezeichnen mit mauri, muri, mauron, meurau, maura Mauremont usw. bald Maulbeerbaum und Maulbeere, bald Brombeerstrauch und Brombeere.50 Die dem Inserischen nächststehende Form le mūrô ( ist nicht als ụ̈ zu sprechen) bezeichnet den Brombeerstrauch. Er erscheint — falls nicht doch an alte Bodenstützmauern im Wäldchen und dessen Umgebung zu denken ist — im Namen der (drei Jahre von uns bewohnten) Mụụrstụụden («Mauerstaude»). Da das Haus erst 1900 gebaut wurde, können die Flurbezeichnungen: 1 Jucharten by der Murstuden (1648), ein Matten im Lüschach hinder der Mauerstauden (1688), Acher vnder der Maurstauden (1683), bey der Mauerstauden (1760) sich nur auf den Umschwung des S. 236 genannten Hölzli beziehen.

Unfern liegt als größeres Wäldchen die Summerstụden (1703: «Sommerstauden»), vom Volksmund so erklärt, daß es um sie herum Getreide zu ernten (z’sümmeren) gebe, im Gegensatze zum nahen alten Ried und zur Riederenstụden. Auf eine Blöße im Gehölz (1732: Leüttere [Lüteri] deß Walds) wird die Baarstụụden im Oberfeld zu Ins (1711) deuten. Als zur Matte umgewandelt erscheint 1690 die Lengenstụden oder Langenstauden (Mü.); 1778 wird eine Ägerten auf der längen Stauden erwähnt. So gibt es auch eine Wị̆ßenmátt­stụụden. Gampelen hat zwei Rimme̥rzstụden (1679: Rimmersstauden, 1712: Rimmertzstauden). Dunkles Andenken bergen die Blattenreestụden 253 auf dem Müntschemierfeld (1688. 1757) und die Galgenstụden zu Ins. Zwischen Ins und Müntschemier lag 1650 ein gstüdli, die Supperstaudenn51 genannt. Ein Acker lag 1686 vor den Flüestụden, von welchen 1719 als höchst nötig befunden wurde, daß sie zur Eüffnung des Holtzes Eingefristet und folglich (hernach)52 auch außgemarchet werdind.53 Auf solches Einfrieden54 bezieht sich auch der Name Frị̆tesstụụden oder Fridstauden (1667) unweit des Wolfenhaag; eine vielfach als «Friedlistuden» (1715. 1744. 1808. 1849), wohl auch als Frieslistuden (1817. 1818. 1840) umgedeutete Bezeichnung. Bedeutungs­verwandt ist (1650) ein gsteüd, die Banstauden (Tr.) genannt und als großi und chlịịnni unterschieden; dieses Bangesteüd (zwischen Mü. und Br.) gehörte 1644 der bernischen Obrigkeit.55 Ähnlich dienen als Marche die Ru̦ntibaannstuden (Fh.), ein Stück Burgerwald. Demgemäß sind auch die Stadtstuden von Erlach, die Mu̦llenstuden, die Scholimongstuden, die Wartstuden (zwischen Ga. und Tsch., 1697 um 10 Schilling Bodenzins eingeschätzt) zu deuten. Zu einzelnen Gütern gehören die Fäggenstuden (Br.), zu Fluren die Feelmoonstuden (Erl.) und die Faarnerenstuden 254 (1727, jetzt junger Buchwald). Auch das Vogelgsang zu St. Johannsen ist luth alten Urbaren ein gstüd gsin, heißt es 1648.56 Aufgeforstet sind gleicherweise die vom Wịßenrein verrütschten Bachstuden (Br.). Auf Rodung deuten die Stockstuden (Erl.). 1668 erscheinen die Bubenstuden, 1727 die Geienstauden, Geijigstuden (Br., Ins), 1788 die Haselstuden, 1718 die Simpelistauden, Simbelenstuden (Erl., S. 110).

Stụden nennt sich ein Gemeindsbezirk am Nordende des Jensberges, der dort als Studenbärg vor der Abholzung hauptsächlich mit Eichen, Schwarzpappeln, Weiden und Erlen bestanden war57 und sehr gut die alte Redensart «über Studen und Stock» (1667) erklärte. Derselbe zeigt auch am besten den wirtschaftlichen Unterschied zwischen diesem Niederwald und dem Hochwald. Er liegt in der raschen, Nutzbarkeit des erstern, sowie in dessen leichterer Ausbeutung durch das stü̦mmelen (1592). Darum verordnete Bern im 17. Jahrhundert: Die Flüh- und Sommerstauden sollen dem Dorf Müntschemier zu dessen und dero Vilen Armen Beholzung verzeigt werden, da sie keine andere Gesteüd wie die von Jnnß und Brütelen habend, welche daraus auch ihren Haag erhalten. Solches Gestüd (in besserem Sinn als dem des heutigen wertlosen Hördöpfel­gstụ̈ụ̈d u. dgl.) diente z. B. 1669 auch zu Einfristung der Reben und Verbesserung der Zäunen.

1667 lebte der Chorweibel Jakob Stüdeli. Der Name sieht gleich aus wie der der Stü̦ü̦deli, womit z. B. alte Erlengehölzchen im Moos bezeichnet werden. Diese lassen sich, gleich der Flue in den Stüdlinen, auch rasch urbar machen, wie die Stụụdenmatten oder die Stụụderen im Brühl (1707), wie ferner 1677 der Acker by den Stüdlenen oder der Stụ̈ụ̈dleren beweist. Als Mittelding zwischen Wald und Weide erscheint 1805 die Stüüdlis- (Stäudlis-) Allmen. Es sieht etwa aus, wie ein schlecht gerodetes Pflanzstück, von welchem Zwingli sagte: Mit Arbeit will sich niemand mehr nähren. Man läßt den Garten verstuden an vielen Orten und wüste liegen.58

 
1 Nach dem Emmentalerblatt.   2 So heißen nach Bridel 50 (1866) insbesondere des troncs ou morceaux de bois très durs et susceptibles de travail et d’un beau poli, lesquels gisent au fond des lacs de Morat et de Neuchâtel.   3 Brid. 116, 207.   4 Jacc. 307.   5 Ebd. 305.   6 Gb. 74.   7 HRMan. Weinsp. 2008.   8 Brid. 18. 95. 221; Jacc. 128. 175. 224.   9 Jacc. 28. 41. 160 f. 175 f. 350.   10 Ebd. 56.   11 Font. 3, 335.   12 Aus got. «das» akran = die Frucht (z. B. des Weinstocks: Marc. 12, 2; bildlich: der Buße oder der Gerechtigkeit: Luk. 3, 8; 2. Kor. 9, 10) bildete sich «das Acheren» (schwz. Id. 1, 70 f.). Acher-um, -am, -an. -and, Achrand, Acherrand (Gw. 187), vgl. die «Acherchüechleni» (ebd. 618). Die noch um 1640 allgemeinere Bedeutung des herbstlichen Ertrags scheint aus einer Eintragung von Pfr. Forer in Aarberg hervorzugehen. Wie (Buch-) Ecker, gehört nach Walde 864 auch uva (Traube) hierher.   13 Diese werden heute anderwärts, wo das Sammeln sich lohnt, den Schweinen als Eichelmehl im Stalle verabreicht. Dies Mehl mästet in kurzer Zeit vortrefflich.   14 Taschb. 1901, 12.   15 Stauff. 49   16 Urb. Mü. 2, 39 f.   17 Stauff. 49.   18 Einkommen 12.   19 Urb. Mü. 2, 45.   20 Stauff. 49   21 Lg. 152 f.   22 Zimm. 2, 22; Jacc. 65. 72. 76. 143. 189. 383. 397. 451.   23 Hoops 1, 631.   24 Zimm. 2, 12; Jacc. 165. 177 f.; Jahn KB. 580.   25 Bemerke die doppelte Treitener Weßfallbezeichnung: durch das Geschlechtswort und die dingwörtliche Endung. Vgl. inserisch: meiner Mueters u. dgl.   26 Urb. Mü.   27 Jacc. 19. 140. 152. 200. 406. 420. 501-3. 520. 539. «Erle»: Hoops 1, 626.   28 Jacc. 319.   29 Ebd. 471 die verschiedenen Trembles.   30 Ebd. 352. 369.   31 Font. 1, 478.   32 Mül. 474 f.   33 Mül. HS 1, 216.   34 Kluge 486.   35 Graff 6, 189.   36 Jacc. 413. 419. 547.   37 Vgl. Stalder 1, 822   38 Bodenz. 82. Das w der deklinierten Form (Note 2, S. 115) ist, wie oft, in g ausgewichen.   39 Schlaffb. 1, 229.   40 Mhd. WB. 3, 886.   41 Ebd. 1, 1041; Graff 2, 127 f.; schwz. Id. 3, 951.   42 Jahn KB. 493.   43 Font. 2; Jacc. 339.   44 Jacc. 242.   45 Kluge 478.   46 Jacc. 184. 535.   47 Ebd. 421; Brid. 346.   48 So bei NMan. Papst 34 das den Laien verabreichte «Wiewasser und Salz».   49 Vgl. alle die «wild» in Gw. 234 f.   50 Brid. 241. 334; Jacc. 267.   51 Urb. Mü. 1, 50.   52 Vgl. «denn» als zunächst temporal.   53 Urb. Mü. 1, 60 f.   54 Vgl. Gw. 258.   55 Ebd. 46.   56 Räbg.   57 Fr. Schr. 564.   58 Heinzmann 292.  
 

Rodung.

Wo nicht Bodenart und Schutzcharakter des Waldes es verbieten, unterliegt auch dieser dem wirtschaftlichen Gebot des Kulturwechsels. Allerdings eines sehr langsamen. In elementarster Weise vollzogen ihn die Germanen auf ihrer Wanderzeit. Der Wechsel zwischen Ackerfeld und 255 Wildnis gab ihnen Holz für z’fụ̈ụ̈ren, für z’bạuen und für z’zụụnen. Das Abbrennen der Baumstümpfe und sonstiger Waldreste hob die Fruchtbarkeit des jungfräulichen Bodens für Weide und Brotfrucht.1 Seßhaft geworden, verunmöglichten die Germanen durch ihre Markverfassung eine Erbteilung der Güter und zwangen die jüngern Söhne, sich neue zu schaffen. Das führte den zähen deutschen Bauernfleiß zu den großen Rodungen des fünften bis dreizehnten Jahrhunderts, an welchen auch die Klöster zur Äufnung ihres Besitzes und damit verbundenen Herabsetzung vieler Freibauern zu Lehenleuten sich beteiligten. Als aber die Folgen der zu weit getriebenen Entwaldung sich ernst genug einstellten, gingen Alemannen des Gebirges, wie z. B. Emmentaler2 durch Wechsel zwischen Niederwald, Weide und Ackerfeld, der wissenschaftlichen Forstkultur voran.

Auch das Seeland weiß von Roden zu reden. Davon zeugen Waldlichtungen, die etwa als Schattenwị́l benannt wurden. So das zu Vinelz und der noch 1718 auf der Erlacher Waldkarte verzeichnete Schattenwilerhof zu Lüscherz, der von Fischersleuten bewohnt wurde.3

Sprachlich deuten auf Rodung alle die Sangeren (Siselen, vgl. «sengen») und namentlich die Rütti. (Stụ̈ụ̈delirụ̈tter heißen die Inser bei den Erlachern seit der Urbarmachung des Oberfälld.) Besonders häufig begegnen uns alle die Ried,4 Riedli, Rieder und Riederen, die Riedbärg, Riedmatten, Riedacheren, Riederenstụden und Riederenacheren, die Faarnerenrieder, das Rappenried (Tschugg), das Winkelried oder Weichelried (Siselen, vgl. die Brütteler Flur im Winkel), die dem Forst abgewonnenen Rü̦pplis-, Bu̦tten- und Spängelried usw., wovon aber das Riederfäld und ein Riedli zu Tschugg als Ried im schriftdeutschen Sinne zu trennen sind.

Solches sụụfer machen von Wald führt noch andere Bezeichnungen. Die allgemeinste, aus der sogar der Name der Schweiz5 ruht, 256 heißt schwänden oder schwenten = schwinden machen. Man denke, wie an die Erlacher Schwịịniräben, so anderseits an die zu Reiswellen verarbeiteten Schwändhụ̈ffen, an alle die Schwendi, Schuenda, Choindez, sowie an das oder den Schwand. Am 9. Mai 1769 durften die Galser, deren Heubühnen leer und deren Moosteile unter Wasser lagen, ihr streng gehütetes Vieh in den Klosterwald treiben bis zu dem Graben, welcher gegen Abend den neuen Schwand einfristet.6 Dagegen wurde die «üble und ungereimte Ansetzung der Schwänden» scharf getadelt. — Brand und Brändli wiederholen sich ebenfalls in sehr vielen Brand, Brande.7 Aus exsarrire (aushacken) erklären sich die unzähligen Essart, Essert, Malessert8 usw. als die waadtländischen «Ried».9

Das Brennen konnte neben der Düngung auch die Kohlen­gewinnung bezwecken. So besonders an den steilen Jurahängen, wo man d’s Holz in den Seck furttragen müßte oder mußte. Über Ligerz und Twann fabrizierte manch ein Chohler (Köhler) Schmiedekohlen z. B. im Gumm­chohl­blätz, und eine Bulver­stampfi verarbeitete Haselruten. Vgl. die verschiedenen Charbonnières.

Erst die neuere Holznot trieb zum stöcken oder Stöck ụụsmachen unter der Bestätigung des Satzes, daß en Stock drụ̈ Ma̦l warm macht: bi’m graben, bi’m spalten und bi’m verbrönnen.10 Vormals berührte oder umfaßte hier eine Stockbrügg, dort eine Flur bi den Stöck oder in den Stockacheren, ein Stockacher, eine Stockmatt, eine Stockeren (zu Bolligen) ein gereutetes Waldstück, in welchem die Baumstrünke zur Festigung des Gehänges und zur Düngung des Bodens dienen. Darum das Verbot, hier d’Stöck ụụsz’heerten. Gerne nahm man natürlich damit die Enthebung von einer so sauren Arbeit in den Kauf. Auf einen andern Grund, warum man 257 das Ausgraben von Wurzeln unterläßt, deutet die bildliche Rede: Wenn mḁn d’Bäüm (im Emmental: ’s Chrụt) g’chennt, so grabt mḁn nid na̦ch den Wü̦ü̦rzen.

In bekannter Weise dient der Stock in allen seinen (auch abgeleiteten) Bedeutungen11 als Bezeichnung des «stockdummen» Menschen.12

Von den romanischen Namen des Strunks ragen nicht wenige in unser Sprachgebiet hinein. So das aus gallischem «soccos» hergeleitete römische soccus und spätere zoccus, frz. soc und souche, rätisch tschocca usw. Hierauf beruhen 11 Tschuggen13 und unser Schu̦gg (1420. 1530), Schuc (1221), Tschuk (1396) oder Tschu̦gg (160114 ). Ein Vinelzer Waldstück heißt das Tschŭ̦ggĭ̦t (1718: das Tschuggiholz).

Wiederholt ist uns im Vorigen die Fa̦a̦feren, der (stark mit Dorngebüsch durchsetzte) Fa̦a̦ferenwald begegnet; ferner der Fa̦a̦ferenberg, der Fa̦a̦ferenacher, die Fa̦a̦ferenmatten. Mit den Formen Fafneren (1640) und Faufferen (1663) konkurriert die 1179 so geheißene silva Vavra inter Anes et Champion15 (zwischen Ins und Gampelen). Unweit davon, jenseits des Zihlkanals auf Neuenburger­boden, liegt der Weiler Wavre (1148: Vafron, 1185: Favre, 1248: Wavra, die piscina de Vavra (1248),16 und fernere welsche Orte nennen sich Wuavre, Vouvry, Voivre, Voavra, Vuavre.17 Der Ort Faaberen bei Laupen erinnert ebenfalls hieran, und Namen wie Wabern und Pfäfers fallen einem unabwehrbar ein. Um die Deutung streiten sich zwei Wortgruppen. Es gibt einen Orts- und Gemeinnamen vepres, svw. Dorngebüsch, welchem elsäßisches und welsches Vovra entspricht.18 Das mittellateinische waura, wauria bedeutet hinwieder Brachacker und ödes Feld und ist als Ablautform zu veria19 (vgl. vertere, chehren, der Boden chehren) denkbar. Der im einen Fall als noch bestehendes, im andern Fall als gerodetes Dornicht gedachte Boden ist nun mit sehr schönem Hochwald bedeckt.

Ob den Rainen zwischen Gampelen und Ins liegt ein Waldstück von Juchartengröße: der Schmi̦dswald. Heute durch Reutung isoliert, hing es einst mit der Faaferen zusammen. Das führt einen genauen Orts- und Geschichtskenner zu der Vermutung, es möchte hinter Faaferen lat. Faber (woraus der Name Favre und Fèvre) i. S. v. Schmied stecken. Ähnliche Bildungen aus Personen- und Berufsnamen 258 mit -eren gibt es ja viele (s. «Twann»).20 Es kann sich ja freilich auch um den bloßen abgeleiteten Geschlechtsnamen «Schmid» handeln, wie etwa im Schmi̦i̦deggen (Tr.) und in der Schmịịdmatten.

Ein kleines, urbar gemachtes, auf zwei oder drei Seiten von Wald umgebenes und darum meist schattiges, feuchtes und wenig ertragfähiges Land21 heißt eine Mettlen. Zu Ins gibt es eine Flur Mettlen, die aus «4 Määs Matte» besteht; ebenda Äcker in, bei, vor der Mettlet, sowie einen Mettletgraben und Mettletschrachen (S. 21). Auf dem Feld wider Erlach liegt der Acher by der Mettleten (1716), und zu Lüscherz finden wir (1832) daß mettelli verzeichnet.

 
1 Schröder 46.   2 Lf. 89 ff.   3 Das Gegenteil von «Schattenwil» besagen Namen «Rechthalden» = Dirlaret (directo latere: die an der «rechten» d.h. sonnigen, also nicht an der lätzen Sị̆ten liegende Halde). Vgl. «der lätz Morgen» Gw. 18. Stad. 118-20.   4 Vgl. Gb. 86-93.   5 Die Wurzel swi erzeugt fortgebend: 1. swi-nen, schwinen; 2. swi-dh als Grundform von «Schwyz» und ursprünglich gleichbedeutendem «Schweiz» («der Kanton Schweiz» in der helvetischen Staatsverfassung von 1798; 1538: der Obmann von Schweiz. Bernhardin Samson kam 1518 von Uri, da er am ersten seinen Ablaß in der Schweitz feil gebotten, gen Schweitz, da sich ihm Zwinglius zu Einsidlen hefftig widersetzt, von dar gen Zug usw.: Deliciae urbis Bernae 202: cf Meyer, Gesch. d. schwz. Bundesrechts); und 3. «schwinden».   6 SJB D 59.   7 Jacc. 14 ff. 75. 547.   8 Brid. 151; Jacc. 23 f. 62. 154. 385. 543.   9 Ebd. s. v.   10 Pfalz 7.   11 Vgl. Lf. s. v.   12 Vgl. «Holz und Mensch» von Much in Wu S. 1, 39-48.   13 Gw. 12. 21 nach Brandstetter; Jacc. 419. 537.   14 Vgl. Götzinger, die roman. Ortsn. des Kts. St. Gallen (St. Gallen, 1891) 81 f.   15 Matile 1, 21.   16 Quart. 3, 218.   17 Jacc. 520 ff. 495.   18 Meyer-Lübke, Einf. in d. rom. Phil. 250.   19 Jacc. a. a. O.   20 In Schwarzenburg sogar eine Dümungeren als Besitz eines Dumont.   21 Schwz. Id. 4, 558.  
 

Wild und Jagd.

Von den Schluchten und Klüften des Bergwaldes bis zu den Pöschen (S. 112) im Moos und den Schilfverstecken im See hinunter birgt das Seeland eine reiche Tierwelt noch jetzt, wo eine Menge Wild dem Blei des modernen Jägers und dem Knittel des einstigen Wehrmanns für immer erlegen ist. Für bi’m chlịịnsten aanz’fa̦a̦n: In ununterschiedenen Arten erfreut die Guegen (der Käfer), besonders die bei Regenwetter die Straße durchquerende Reegenguegen, das kindliche Auge. Den Namen Cheefer trägt bloß der Maikäfer; und dieser interessiert bloß als das im Cheeferja̦hr (Flugjahr) ausgebildete Insekt, welchem im obligatorischen cheeferen durch allgemeines Schüleraufgebot der Garaus (der Ggắrŭ̦sch) gemacht wird. Ließen sich ebenso die Klassengenossen der harmlos zirpenden Grụ̈llen und der munter hüpfenden Häügümper: die Mü̦ggen, Fläügen und Breemen vernichten, welche als fürchterliche Moosplage mit den Mụ̈ụ̈s wetteifern! Ebenso der Hŭ̦́rnŭ̦ß, dieser gefürchtete Riese der Wäspi-Arten! Als Belästiger der mit Fleiß und Schweiß arbeitenden Menschen wetteifern mit solchem Getier gewisse Vogelarten. Das gilt zunächst von dem Spatzg, der zwar nicht auszurotten ist, aber den man sött machen z’min͜deren. Denn wo Spatzen sịịn, gibt’s käini an͜deren Vööge̥lli, zumal keine Buechfinkli, keine Mäiseli. Eher immer noch Lerchen (Leerchchen), deren abwechslungsreicher, erstaunlich kraftvoller und ausdauernder Gesang während des himmelhohen Spiralflugs den Frühlingswanderer nach Erlach und Müntschemier entzückt. Die Art, wie die Sperlinge besonders die Nester der Schwalben in Beschlag 259 nehmen, gab Anlaß zu einem beißenden Witz. Als nämlich in Brüttelen die evangelische Gemeinschaft den Methodisten die Gläubigen wegkaperte, sagte man: d’Spatzen sịn den Schwalmeli in d’s Näst. — An einem Abhang nahe dem Dorf Ins hat sich eine Uferschwalbenkolonie angesiedelt.

Neben dem Sperling werden der Chrääi (die Rabenkrähe) auf all den Chrääijenacher1 und Chrääijenberg (S. 18), der von seinem unzugänglichen Horst aus Unheil verkündende Rapp (Kolkrabe) auf der Rappenflueh, dem in Wald eingekeilten Rabbentaal (Vi.), dem Rappenwald und Rappenried, die Nebelkrähe auf dem Gurnigel (bei Madretsch, als einst politisch wichtiger Wirtschaft) als einzige Vögel die Luft beleben, wenn nicht der Staat im Einklang mit Vereinen kräftigen Tier- und Naturschutz übt. Und nid e̥ma̦a̦l en Feederen, verschwịgen denn es Ha̦a̦r wird es ferner zu erbeuten geben, wenn auch in Zukunft meh Jeeger sịịn weder Hasen.2

Allerdings flötet und zwitschert das im Vorsommer einstweilen noch recht erfreulich in den Schutzwaldungen des Mooses. Auch das Vogelg’sang zu Ins, zu Gampelen, zu Rapperswil läßt seinen Namen noch nicht ganz vergessen. Ja, im Hogenréin zu Lüscherz hörte man um 1906 eine Zeitlang eine Nachtigall. Mehrere solche singen alljährlich unterhalb Späṇgiz (Epagnier) und über dem Roothụụs. Eine ließ sich 1913 im Walde bei Witzwil vernehmen. Besonders aber im Aarengrien zwischen Lyß und Aarberg winkt dem kundigen und geduldigen Lauscher das «Tongold» dieser herrlichsten Sängerin. Hier auch am reichsten erschallt das Flöten der Amslen und der Gu̦ldamslen: des besonders anmutig singenden Pirol (der Pfingstorgel). Einige Zeit nach der Juragewässer­korrektion siedelte sich, gleich dem Haubentaucher (S. 263), als vorheriger bloßer Zugvogel der Drosselrohrsänger (die Rohrdrossel, Caesocephalus turdoides) am Neuenburgersee an. Ụụfbigehren wi n en Rohrspatz hört man den Teichrohrsänger, wenn er, eine verdächtige Annäherung gewahrend, sich verzweifelt seines Nestes wehren zu müssen meint. Dagegen beruht die Redensart fräch sịịn wi n en Rohrspatz aus gedankenloser Verwechslung mit den, gemeinen Haussperling, diesem Zigeuner der Vogelwelt. Geschwätzig wie er, läßt der Haagspatz: die braune oder die Dorn-Grasmücke, hin und wieder sein woid woid woid, wäd wäd wäd erschallen. Von irgend einer Gạucheten (z. B. über Twann) herunter läßt sich der Kuckuckruf vernehmen. Du Gauch! würde es einem entgegenklingen, der verwundert fragte: was Gu̦ggers isch iezen daas! Direkt oder 260 mittelbar3 verknüpft sich mit dem Vogelnamen das Inser Geschlecht Gu̦gger. (Vgl. das Geschlecht «Gauch» zu Tentlingen und Tafers.)

Wenigstens e̥s gliichligs Weesen machte die alte Volkspoesie mit dem Gị̆rịtzi, das bis i’n Brüel chu̦nnt, in das Gịritzi̦moos und in den benachbarten Affenwald (den Dähli­sandhubel nahe dem Nußhof, also auf Gampeler­boden). Das seeländische Gịrịtzi̦­moos beherbergt aber nicht (wie das am Rothenbach bei Einsiedeln, zu Adelwil bei Sempach, zu Biberist usw.),4 sowohl den Kiebitz (Vanellus cristatus),5 als vielmehr die Lach- oder (hier örtlich) die Seemöve, welche von den Juraseen flị̆ßig herfliegt. Mit dem Kiebitz teilt sich in einen andern schall­nachahmenden Namen der Luivogel. So heißt insbesondere der äußerst scheue, darum sehr hoch fliegende und sein helles luịị! pfeifende Brachvogel (courlis,6 der waadtländische grand Louis), aber gelegentlich auch die Kronschnepfe (bécassine). Wir nennen im weitern den Chrụ̈tz­schneebler (Kreuzschnabel), den Chi̦i̦rßen­bisser, den Wị̆denhopf (Wiedehopf), den Roo̥tgụ̈gger (Dompfaff), den Herrenvogel (Eichelhäher), den unsüferligen Chodhahn (Kothahn). Als das Taucherli bezeichnet man die Krikente und das schwarze 261 Wasserhuhn oder Blaßhuhn (Bläßhuen, Fulica atra). An der Zihl und an den Wassergräben des Mooses lauert das Teich- oder Rohrhuen (Gallinula chloropus) auf Beute.

Als Klassengenosse des zierlichen und dị̆figen Äidochs oder Häüdochs (d’s Häüdöchsli, S. 28) wäre die Viper, welche z. B. auf dem Schlangenmụ̈ụ̈rli am Jolimont sich so behaglich sonnt,7 bei nicht so unheimlicher Gefährlichkeit ebenfalls des Schutzes wert. Ist sie doch eine ganz anders eifrige Mäusejägerin als die Katze, und liefert sie obendrein in ihrem alljährlich abgestreiften Schlangenhemmdli Stoff für feinste Galanteriearbeiten! Ihre Gefährlichkeit stellt sie aber, wie die Vogeljägerei die Chatz, zurück gegen das Wi̦i̦seli oder Däärmli (das kleine Hermelin).

Mit großem Unrecht wird bis zur Stunde der Chrott verfolgt, der doch in Keller und Garten die allbekannten Dienste leistet. In häßlichem Bilde bedeutet der Chrott trappen: sich an einem Feinde rächen. Nur die Schildchrott (europäische Sumpfschildkröte), welche durch den Zihlkanal bis hinauf ins Brüggmoos geriet, bleibt unangetastet. Beide Lurche bleiben dank ihrem Kleid auch sicher vor dem stelzbeinigen Fröschenjäger: dem (weißen) Stoorch, Chlapperstoorch. Zwischen dem Moosgrün gravitätisch auf und ab schreitend, bildet er eine Zierde der Niederung und erweckt namentlich das Interesse der Knaben und Mädchen, die ihm allerlei Wünsche vorzubringen haben. Der bekannteste lautet:

Storch, Storch, Längbäin,
Bring is denn es Mäitelli/Buebelli häim!
Leg’s denn abb i’n Garten;
Moorn z’Nacht wäin mer waarten!8

Eigennütziger klingt das Begehren:

Storch, Storch, Schniibelschnaabell
Mit der längen Oofengaabell,
Flüüg mer über d’s Beckerhuus,
Räich mer es bar Weggli druus:
Mier äins, dier äins,
Aber dem böse Buebeli/Mäiteli käins!

Auch die Erwachsenen lassen hier wie überall dem altgermanischen Schützer des Hauses vor Blitzschlag ihren Schutz angedeihen. In Gampelen waren um 1882 noch drei Storchennester besetzt, um 1888 noch 262 eins, seit 1896 keines mehr. Auf einer Bi̦i̦rchen in der Hofmatten bot ein Wa̦a̦genraad einem Storchenpaar die Unterlage des Nestes. Um 1908 aber erlag die Birke dem Sturm, und seither waren die Störche überhaupt fort geblieben, bis sie nun wieder z’zeechnen und meh beieinander zu sehen sind. Sogar im Regensommer 1912, anfangs Juli, gewahrte man im Moos zwölf Störche beieinander.9 Also nicht bloß die größere Sicherheit des Brutgeschäfts, sondern auch die ausnahmsweis reiche Nahrung hatte diese «Segler des Südens» wohl von Norden hergelockt. Vor der Massenrückkehr aus Afrika in unser Land aber sieht man gelegentlich isolierte Storchenfamilien umherirren.

Von den tierischen Jägern hinüber zum menschlichen. Die aus dem Prinzipienkampf zwischen Patent- und Revierjagd siegreich hervor­gegangenen Nimrode werden vor allem für einen der Land- und Hauswirtschaft unschädlichen Wildstand zu sorgen haben, der keine Klagen mehr zuläßt: es isch alls überjagt! Und wo käin Vogel dü̦rḁ flụ̈gt, chann mḁn käinen schießen! (Wo nichts ist usw.) Im Gegensatze zum Aasjäger ist dem rächten Jeeger sin Sport ein wirkliches birsen (1663) oder pirsen (1588). Und wenn auch er wieder in sịns Jagdthämpo10 ịịchḁ choo̥n isch, ist sein schießen ein wirkliches erschießen,11 so daß es vom sicher getroffenen Wild heißt: es het’s drääit («gedreht»). Sei’s, daß diesem der Jagdhun͜d uf d’s G’spoor choo̥n isch,12 sei’s, daß der Jäger ihm eine Falle gestellt: es aang’füehrt het.

Zu Niklaus Manuels Zeit, als dem Papst Entchristelo der tod durch Pfrüend und jarzit ein guot wildbrät13 war, diente zum Lockvogel der Ablaß als «der Kutz vor der Hütten»14 (uf der Chrääijenhü̦tten) oder «uf dem Kloben»15 (dem gespaltenen Holzstück, das die Zehen einklemmte). Gemeint war der groo̥ß Ohrenchụtz (der Uhu) im Gegensatze zum Waldchụtz oder zum Schleierchụtz, Gu̦ldchụtz (der Schleiereule). Als «Troglodyte» dagegen birgt sich in hohlen Hofstattbäumen der Steinkauz, um als schreckender Totenvogel z’tuen wi n en Wi̦gglen. Heute werden die Eulen als Mäusejäger sorglich geschont, eine so schätzenswerte Beute ihr Flaumkleid wäre. Hochmodisches Pelzwerk erzielte man dagegen früher aus dem sammetweichen Brustgefieder des Haubensteißfuß oder Lappentaucher: Längshals oder, wie der so kurzfüßige Vogel merkwürdigerweise auch genannt wird, Stälzfueß. Als Fischfresser aber verfolgt man die wenigen nicht ausgerotteten 263 Wasserräiher, diese Zierden der Landschaft. Um Aarberg freilich schätzt man den Reiher als Wetterprophet:

Reigel d’Aar ab,
Buur, mach d’s Chorn ab!
Reigel d’Aar uuf,
Buur, tue d’s Toor uuf!

Eine gleiche Nachstellung gilt dem Zwergreiher oder der kleinen Rohrdommel (blongios, petit butor), welche ziemlich häufig am Neuenburgersee im Schilf nistet; ferner der großen Rohrdommel (butor), dem farbenschimmernden Eisvogel; dem zierlichen, schwimmgewandten, scheuen Haubentaucher, der seine Gelege so geschickt im schwimmenden und dem Schilf des Heidenwegs, sowie des Neuenburger­see­strandes angepaßten Neste verbirgt. Weniger klug nimmt er ’s fü̦ü̦r, auf seinen Jagden den Fischernetzen auszuweichen. Er verwickelt sich so oft in deren Maschen und wird dann unbarmherzig, womöglich samt der Brut, vernichtet. Braten aber verschafften sich seinerzeit auch die Moosheuer durch Jagd auf das Wasserhuen, das am Bieler- und neuerdings auch am Neuenburgersee so gerne brütet;16 auf den Moos- und den Waldschnäpf, die Wildtụụben, die Rallen, die Wiesenschnarre (den Graasrätsch), die Wiesenralle (den Wachtelchü̦nig); ferner auf Wildänten (S. 159) oder Mŏsänten, nach welchen eine Erlacher Flur d’s Mŏsäntli heißt. Zu nennen sind auch die Knäckente (Anas querquedula) und der in Bäumen nistende große Säger, sowie die Wildgänse oder Schnĕgens, welche allwinterlich den Murtensee bevölkern und sich bis in Witzwils Nähe wagen. Die Moosenten machen sich ebenso durch Höllenlärm beim Auffliegen bemerkbar, wie die Reebhüener, die sich von einem Rain zum andern Antwort rufen.17 Auch das Haselhuen gab sein köstliches Fleisch her, indes Auerhahnen und -hüener im Jurabärg gesucht werden müssen. Speziell der Tessenberg scheint früher massenhaft Wachtlen geborgen zu haben. Bloß zum Zeitvertreib und mit dem zufällig verfügbaren Rest von Pulver erlegte dort der Schaffner Irlet von Twann an einem Nachmittag 264 zu Ende August 1790 21 Stücke. Er lud darauf einen Freund zur Wachteljagd auf 1. September.

Als Raubvogel verfolgt man die so glücklich im Age̥rtschen­ạugen (Hühnerauge) verewigte Age̥rtschen (agace, savoyardisch ragace, Elster); die Chrääijen der ältern, den Chrääi der nivellierten Insersprache (S. 259); den Sperber (anderwärts: den Späärgel) oder den Stächvogel. Als solchen benennt man aber auch den Verfolger der Schwalben und anderer kleinerer Vögel: den Baum- oder Lerchenfalk und den auf Tauben stoßenden, etwas größern Wanderfalk. Das Wänderli dagegen ist der Turmfalk, der in der Luft rüttelnd nach Mäusen und Insekten späht. An die Scharfsichtigkeit aller dieser Räuber, welche in d’Wịti g’sehn wi n en Stächvogel, erinnert der Spächt, der sich auch dem Moosgebiete nähert. Angesichts eines Kindes, welches in höchster Spannung d’s Augen stellt,18 ruft man: lueg der Spächt! Gerne sieht man in Jahren wie 1913 den Mäusebussard «seines Amtes walten». Schade nur, daß er seinen Namen Moosweih mit jedem größern Raubvogel der Umgegend teilen muß. Ein gleich­bedeutender Vertreter mehrerer Gattungen ist die «Habichtweihe», gekürzt der Hắwei, an dessen Flügel als Hắweien­fäcken die ausgebreiteten Blätter des Löwenzahns (der Säübluemen, Säüdischtlen) erinnern. Gleich mehrdeutig bezeichnet man als den Hüenerweih nicht bloß den dem Sperber ähnlichen, 265 nur etwas größern Hühnerhabicht, sondern ebenso den (seltenern, als Hühnerdieb gefürchteten) roten Milan oder den Gabelweih, vielleicht auch den schwarzbraunen Milan, ebenfalls als Gabelweih benannt. Diese letztere Weihe, ein majestätischer Vogel, läßt sich nicht selten bei Hagneck und bei Witzwil, überhaupt über der Broye und über den Juraseen erblicken. Hier erfaßt er — ein richtiger Sanitätswächter — die toten Fische, wie aber auch in den Moosgräben die vorlaut musizierenden Frösche. Bei Witzwil läßt sich dann und wann auch noch ein Rohrweih (eine Sumpfweihe) erblicken.

Wie der Spatz uf d’Chi̦i̦rßen gäit, so der Altịịs uf d’Bi̦i̦ren, die er sich dreist und flink vom Baum herunterholt. Als Obst-, Waldsaat- und Singvogel­schädiger muß auch das, wenn gezähmt, so anmutig possierliche Äichhöörnli verfolgt werden. Sein Braten gilt allerdings wenig gegenüber dem des Haas, namentlich des jurassischen. Der flinke Läufer, nach welchem eine Erlacher Flur der Hasenlauf genannt wird, bereichert die Sprache auch mit Verben wie abhaasen, ummḁhaasen, dḁrvónsatzen und als lepus, lièvre den Ortsnamensschatz mit Wörtern wie Levron, Leyvres, Plan-levraz usw. Dem Lèvremont19 könnte die Hasenburg über Vinelz entsprechen, wenn nicht -burg doch hier eher auf Haso als Personennamen deutete. (S. «Burgen».) Im Kinderspiel erinnert das Hasen brüeten einigermaßen an das «Gens fueteren» (S. 159): der Unerfahrne wird zwischen die Knie genommen, ein Weilchen gehätschelt und dann plötzlich auf einen Kuhfladen fallen gelassen. — Uf dem Fälld über Lüscherz ausgesetzte Reh sind unter Jagdschutz gestellt; der Hịrz dagegen kommt im Seeland nicht mehr20 vor. Um so häufiger ist der Dachs, der freilich 266 besonders im Jura all den Dachsfelden und Tavannes, Tassonnières, den etwa 12 Dézaley usw.21 den Namen gegeben haben soll.

Schon der Wortklang führt zu häufigem Zusammen­nennen von Dachs und Fuchs. Die Lebensweise der beiden ist freilich verschieden genug. Vom Schaltenrain her, vom Fuchsenacher zu Siselen usw. her macht Reinecke gleich dem Altịịs in Hühnerställen Besuche. Er wagt sich jahraus, jahrein ung’schi̦niert mitts in en Raagleten Hụ̈ụ̈ser so großer und dichter Dörfer wie Ins. Vom Fuchsenacker in Lüscherz dagegen fahrt er den Roßmöörter na̦a̦ch (den Maulwurfsgrillen, S. 204), wobei er allerdings mit Durchwühlen der Kartoffeläcker meh schadt weder nützt. An Verschlagenheit und Kühnheit tut es dem Fuchse der Wolf gleich, der darum in der germanischen Eroberungszeit so manchen Kriegernamen abgab. Vgl. das bereits 1241 in Biel vorkommende Geschlecht und den noch 1517 erscheinenden Taufnamen Wolf. Auf einen solchen geht zurück: Ilfingen, 1233 Ulfingen, 975 Ulivin, 866 Ulfinc, 1234 Ulvens, Orvin;22 wahrscheinlich auch der seit 1663 sehr oft genannte Wolfenhaag am Ostrand des Schaltenrain, statt dessen aber 1718 eine Gäserzer Flur so heißt, der ebensolche nebst dem Wolfenacher und der Wolfenmatten bei der Inser Brennerei. Der Wolfenhaag soll allerdings so heißen, wil dört der letzt Wolf gfangen worten isch. Doch deuten bloß die starken Formen Wolfsbärg bei Aarberg (1642) und der alte Weg zer Wolfzaspatun bei Seedorf (um 1238) direkt auf das Tier, das eben in dieser Umgebung früher (z. B. um 1646) häufig gesehen und erwütscht wurde.23 So hat man am 7. Oktober 1651 im Bargenholz dry Wölff g’spürt. Vogt Jakob Fellenberg hat dem einen das lingg bein ob dem talppen entzwöjj gschoßen vnd die knecht Im louf zSpringen also genommen, daß Er an einem Zuhn zevollem vßgmacht und im Amthuses Rythoof mit Trummen vndt pfyffen gebracht worden. Was ein männlin vndt In der acht (ziemlich) großer wolff. Ein noch größerer, der grauw gsin, hat sich wegen zweyer vnbeherzter und vnfürsichtiger personen gegenwart allgemach zurück vß dem garn gewicklet, vnd ist der dritte wolf vnsichtbar worden.24 Solche Wolfegarn, für d’Wölf drịn z’sprenggen (wie man nach Niklaus Manuel den Kilchherren das gwild in das seil trieb25 ), hingen unter manchem Chilchendach. So auch zu Lengnau, wo 1558 das Wolfshụ̈si stand. Ein anderes wurde noch vor siebzig Jahren auf dem Rathausestrich zu Erlach aufbewahrt. Ein Lengnauer Geiger kam auf dem Weg nach Meinisberg einem 267 Wolf in die Quere.26 Der hauste auf dem Bü̦ttenbärg, in dessen Waldecke denn auch eine Wolfsgruebe angelegt war. Hierher, wie überhaupt über das Juragehänge hinüber, kamen (wie seit 1537 bezeugt), oft tolle und wütende Wölfe über den gefrornen Doubs aus Frankreich, wo sie noch zur Stunde nicht selten die Schafherden heimsuchen.

Auch in der welschen Schweiz redet noch manches Clouloup (clos du loup), Prauloup, Plaine du loup, Loveresse, Louvin, zchar de Leu,27 vielleicht auch der aus lauva, laua, (lupa) und lau, leu (lupus als Weinstock-Räuber) deutbare Leuenbärg28 bei Murten von ehemaligen Verstecken dieses Tieres. Aus solchen unternahm es so kühne Raubzüge, daß die Aarberger und die ältere Erlacher Handveste die von Wölfen und Hunden niedergerissenen Haustiere mit den finnigen oder sonstwie kranken auf eine Linie stellte. Das Fleisch aller dieser Tiere durften die Metzger bei einer Buße von sechs Pfund und vierzehntägigem Geschäftsschluß nicht in der Scha̦a̦l verkaufen.

Die Tiere wagten aber Angriffe sogar auf unbewehrte Menschen. Zumal in der Kälte und Nahrungsnot des Dezembers als des Wolfmonats (1522-1577).29 Das führte zu Notwehraufgeboten30 ganzer Gemeinden. So lesen wir von einer Wolfsjegi31 zu Ins 1587 und 1666. Entwischte an einer solchen der bereits p’häcklet Wolf aus dem Garn, so war das Unglück gleich ein doppeltes. Nicht bloß hieß es dann auch bei ihm: b’brönnti Chin͜d schụ̈ụ̈chen d’s Fụ̈ụ̈r; das ụụsg’schlü̦ffen (ụụsg’schlüffnen, ụụsg’schlü̦ffnig) Tier wandelte sich dann, statt in den Werwolf («Mannwolf»)32 der alten Mythologie, in eine Häx des neuern Volksglaubens. So einmal zu Eiß. Da flüchtete sich ein entgangener Wolf in einen Keller, welchem gleich darauf die (doch anderwärts beschäftigte) Hausfrau mit einer Chachlen voll Milch entstieg.33

Der Büttenberg nährte vill Wölf und Wildsäü.34 Gewaltige Wildschweine, 1640 eins mit acht Jungen im Leibe, näherten sich selbst der Gegend von Aarberg.35 Sie durchwühlen (vermillent, woher der Name Vermelliay36 im Bezirk Nyon) noch jeden Herbst und Winter jurassische Felder zu großem Schaden der Landwirte. Auch in Ins verfolgten 1748 sechs Männer ein Wildschwein, «das sich in der Nähe hat spüren lassen».37

Das mit Bẹẹr (Eber) ähnlich lautende Beer führt uns schließlich auf den ursus, ours, der manch ein Ursins, Orsonnes, Orsières, Loursine, 268 tannà l’Or, Ormont und Orval usw.38 benannt hat. Denn auch er suchte einst die Westschweiz ebenso heim, wie bis in die neuste Zeit das Bündnerland.39 Am 16. September 1680 wurde der Vogt von Lebern angewiesen, zur Wolf- und Bärenjagd40 aufzubieten. Im Gericht Twann wurden 1643 drei beren gefelt (nicht etwa gefehlt, sondern gefällt) oder gefangen. Zwei davon wünschte der Landvogt von Nidau für sich.41

 
1 Vgl. Brandstetter im Geschichtsfreund 44, 247.   2 Über Wildschutz: Stat. 05, 2, 153.   3 Vgl. Prof. Dr. Vetters freundlich einläßliche Besprechung unseres «Gb.»   4 Vgl. schwz. Id. 4, 470 ff. und Hennenmoos: ebd. 472; OB. 1912, 157-163.   5 Ebd. 2, 407 f.   6 Favre 135.   7 Vgl. Widmann, Der Heilige, 122.   8 Auch im Suhrental.   9 Taschb. 1912, 314. In Roggwil sogar 18 (OB.).   10 Tempo und Temperament verwechselt.   11 Wie in Gw.   12 Im Emmental (Gfeller 32): uf d’Feete (Fährte).   13 Papst 49.   14 Ebd. 1254.   15 Ebd. 550.   16 Vgl. un nid de foulque sur le lac de Neuchâtel im OB. 1912, S. 205-8. mit Bild vom französischen Redaktor Alfred Richard in Neuenburg, dessen freundlichem Geleit an den Witzwiler Seestrand, wo er im Verein mit Herrn und Frau Direktor Kellerhals ein Vogelasyl ausgewirkt hat, wir wertvolle Mitteilungen verdanken. Zugleich ist er ein Hauptgewährsmann für sachliche und sprachliche Richtigkeit unserer vogelkundlichen Skizze neben Lehrer Mühlemann in Aarberg, welcher, ebenfalls in seltenem Maße «Vogelsprache-kund», uns an jenem unvergeßlichen Maiabend 1913 durch das von ihm und dem Aarberger Verkehrsverein aus einer undurchdringlichen Wildnis in ein «Paradies» umgewandelte Aaregrien geleitete.   17 Favre 237.   18 Vgl. baslerisch: der Öpfel stellen (selbstgefällig den Kopf hoch heben).   19 Jacc. 231 f.   20 Vgl. S. 156.   21 Den Namen gab: Jacc. 133. 156. 452 ff.   22 Ebd. 322.   23 Forer.   24 Ebd.   25 Ablaßkrämer Vs. 139.   26 Man lese Lg. 173.   27 Jacc. 241 f. 361.   28 Vgl. Studer, Ortsnamen 156.   29 EB. A 331; Chorg.   30 Favre 231 f.   31 NM. 327; TSB. o/G. EEE 26.   32 Ahd. wër = lat. vir (Mann).   33 Stauff. 57.   34 Lg. 173.   35 Forer.   36 Jacc. 500.   37 Chorg.   38 Jacc. 101. 241. 320 ff. 482; vgl. den Mutz: Brid. 259.   39 Hier wurden noch 1879 drei Bären erlegt, wie 1816 bei Diemtigen der letzte im Berner Oberland. Im Mai 1913 brach ein Bär aus dem Tannunsertal ins obere Inntal ein und zerriß eine Menge Schafe, bis um Mauders ein Bauernsohn ihn erschoß. Es sind also noch heute nicht alle Bären «aufgebundene» «Saisonbären».   40 NSW. 1911, 352.   41 Schlaffb. Tw. 40b.  
 

Alte Wald- und neue Bergweide.

Zwischen den Westläufen der mittlern Aare und der untern Sense breiten sich behaglich im Norden der Spielwald, im Süden der Forst (S. 236). Vor Rodung schon durch die Berner Handveste geschützt, stellt dieser stattliche Staatswald ein unantastbares Erbstück aus ältester Alemannenzeit dar. In dieser reichte er bis an die Sense1 und wohl bis an deren Verbindung mit der Aare durch den Nordlauf der letztern. So stark ausgedehnt, bildete die silva Teutonicorum2 den Kern der westschweizerischen Grenzwüste, welche von Biel bis an den Chandon bei Wiflisburg und bis an das Freiburger Oberland reichte.3 Grenzwüsten, bestehend in Sumpf und Moor, Wald und Verhauen im Wald, legten überhaupt germanische Stämme mit Vorliebe zwischen sich und ihre Feinde.4 So schied der mitteldeutsche Waldgürtel zwischen Germanen und Kelten.5 Die Grenzwüste zwischen Chablais und Faucigny wurde bis 1386 militärisch bewacht. Noch 1499 wollten die Eidgenossen durch ihre Verwüstungszüge eine zehn Stunden breite Grenzwüste schaffen, nach Art der bei Hegau bis ins 10. Jahrhundert bestehenden.6 Ein westschweizerisches desertum (unangebaute Gegend) wird bereits 367 erwähnt.7 Es hielt in der Folge besonders die Alemannen und Burgundionen auseinander, bis (im Jahr 920) der Burgunderkönig Rudolf II. die Tochter des Alemannenherzogs Burkhard, die vielgenannte Königin Berta heimführte. Als Grenzscheide nun zwecklos geworden, war «der deutsche Boden» (vgl. die karolingische Eremus8 ) nun Gegenstand verheerender Raubzüge. (Zwischen 1016 und 1084 gab es elf solche.)9 Erst unter den Zähringern wurde der große Landstrich seit der Römerzeit erstmals wieder bebaut und besiedelt. Es erstanden die Städte Freiburg und Bern «im Üechtland», will sagen: im Weideland, und sachlich genauer: im Land der Morgenweide.10

269 Um für den Waldlandbau. wie er noch bis vor wenig Jahrzehnten zur Getreideerzeugung um Neuenegg gepflegt wurde,11 wohlgesättigte Stiere an den Pflug spannen zu können, trieb man diese um Mitternacht auf die Weide. Die Kühe wanderten mit, um nach dem Melken sich im Stall vor G’schmäüs und Hitze zu bergen.

Noch 1450 durften Walperswil und Siselen im Siselenwald weiden,12 und wenigstens «mit seinem kleinen guth» durfte noch 1479 der Gersatzhoff (das heutige Gääse̥z) in die Erlach Hölzer fahren.13 Ja, noch am 5. Mai 1800 reiste der Gampeler Gemeindskassier «nach Bern, damit man mit dem Vych in Wald fahren dörfe.» Erst 1727 wurde in der ehemaligen Grafschaft Erlach ein Anfang gemacht zur Aufhebung des Waldweidgangs (S. 239) durch Waldteilung, wobei der Staat alles Weiden in den ihm verbleibenden Wäldern untersagte und in den Gemeindewäldern es beschränkte. Nur die allgemeine Feldweide blieb bis 1798 fortbestehen.14

Die Mattenbesitzer halfen sich nun mehr und mehr damit, daß sie sich Einschläge (Ịịnschleeg S. 152) bewilligen ließen. Solche Einschläge für Weiden heißen sehr häufig Tiergäärten,15 dagegen in einem Patois Cerniaux; der Name erscheint verdeutscht im Schäärne̥lz über Ligerz, also am Juragehänge. Dagegen ist die oder der Galm, gleich 270 der oder dem «Galen», ein beraster Bergrücken,16 wie der Galmwald westlich des Forsts und der Galm bei Murten zugleich bewaldet. (So ist La Chaux-de-Fonds, Schópfoo, Lắtschoo, Latschŏ́de̥fu̦ng, Latschŏ́de̥ri̦ffung eine Galm in der Ebene.17 ) Als Pferdeweide zwischen der Altstadt Biel und dem See diente «die matten genampt der paßgart»: der oder das Paßge̥rt, le pasquart (zu pascere, paître), bis die Lebensmittelteuerung von 1770 seine Aufteilung zu Pflanzland forderte.18 Doch sehen wir bereits 1540 Räben Im paßgart19 gepflanzt. «Gemeinweide» war das aus compascua20 entstellte «Gu̦mschen» (Belfaux), während «Weide» in Vuadère, Vuagère usw.21 wiederkehrt. Speziell die Chüewäid erscheint als Champbovay.22 Die war als Talweide ziemlich eng beschränkt. Daher noch heute der Spott über einen beschränkten Menschen, er sei nie us der Chüehwäid ụụsḁ choo̥n, aber auch die Vertröstung über Verlornes, das s