Karl Emil Franzos
Judith Trachtenberg
Karl Emil Franzos

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Zwölftes Kapitel

Es war vier Monate später, ein klarer, warmer Sonntag im September. Die Woche über hatte es gestürmt und geregnet, vielen zu heimlicher Freude; nun hatten sie einen Vorwand, sich bei Herrn Stiegle zu entschuldigen, warum sie weder Fähnchen noch sonstigen Schmuck an ihren Häusern aussteckten. Aber schon am Freitag hatten sich die Wolken verzogen, und am Samstag stand die Sonne am Himmel und trocknete Straßen und Wände, daß die Christen eilends das Versäumte nachzuholen begannen; die Juden, die bis zum Einbruch der Dämmerung keine Hand regen durften, wurden erst tief in der Nacht mit der Arbeit fertig. Herr Stiegle hatte es befohlen und beigefügt, der Herr Graf werde keinen vergessen, dessen Haus ungeschmückt bleibe; sie gehorchten. Grimmiger jedoch, unter giftigeren Reden waren noch nie im Städtchen Reisigkränze gewunden, die Girlanden aus buntem Papier von Fenster zu Fenster gezogen worden, und dabei hofften sie noch immer auf einen tüchtigen Regenguß am Morgen. Aber die Sonne schien voll und warm wie im Juni. »Alles gelingt ihr«, knirschten sie, »sie hat auch darin Glück.« Und sie zogen ihr Festgewand an und traten auf die Straße, um dem Einzug des Grafen Agenor Baranowski und seiner Gemahlin beizuwohnen, der Jüdin Judith Trachtenberg, welche ihm zwei Monate vorher von dem Bürgermeister zu Weimar angetraut worden.

Wer etwa als Fremder an dem Tage im Städtchen geweilt, wo es der neue Gebieter zuerst betreten – es waren nun fast auf die Woche zwei Jahre her –, hätte äußerlich kaum einen Unterschied gewahren können; auch die Triumphpforte fehlte nicht, und das Gedränge in den Straßen war sogar noch größer, weil Hunderte aus der Umgebung herbeigeeilt waren, das Wunder zu sehen. Als ein Ungeheures wäre es ja den Leuten dieser Landschaft schon erschienen, wenn das Gerücht in seiner ersten Fassung nicht getrogen, wenn der Edelmann aus uraltem Geschlecht, der Träger eines der edelsten Namen in Podolien, die getaufte Jüdin zu sich erhoben hätte. Und nun hatte der Christ die Jüdin geheiratet, ohne Priester und Altar, ohne die Anrufung Gottes – es gab ein Land auf Erden, wo dies gestattet war, Menschen, die sich zu solchem Frevel bereit fanden, ohne den rächenden Blitzstrahl des Himmels zu fürchten. Und dieser Blitz war ausgeblieben, und die Erde hatte an jenem Tage nicht gezittert! Aber so unfaßbar dies war, so sehr es alles ins Schwanken brachte, was in Herz und Hirn dieser Menschen feststand – es hatte sich fern von ihnen begeben, Hunderte von Meilen fern; fast wie eine Sage klang es ihnen ins Ohr; vielleicht war es dasselbe Land, von welchem einige erzählten, daß dort neben den weißen auch schwarze und gelbe Menschen lebten. Schwarze, ganz schwarze Menschen, aber zu sehen bekam man sie in Podolien nicht, und wer hinging, kam nicht wieder – der Graf und die Jüdin mochten nach den Gesetzen jenes Landes ein Ehepaar sein, aber dort mußten sie nun auch bleiben: dieselbe Luft, wie jene Menschen, die an Gott glaubten, durften sie nicht trinken. Zum Wunder, zum unbegreiflichen und dennoch wirklichen Wunder war das Märchen erst geworden, als sich die Kunde verbreitete: »Sie kommen zurück! Der Kaiser hat es ihnen gestattet!« Nun konnte sie nichts mehr verblüffen, nicht einmal die Ansage des festlichen Einzugs. Warum nicht? Die beiden hatten eben alles Schamgefühl, alle Gottesfurcht verloren, sie wollten versuchen, wie weit die Langmut des Herrn und ihrer Mitmenschen reichte. Wer immer darüber sprach, urteilte so und fügte hinzu: »Wenn sie sich nur nicht verrechnen.« Auch wurde viel darüber geredet, ob es die Frömmigkeit gestatte, das Schauspiel anzusehen. »Würdet ihr«, rief der würdige Dechant der Kreisstadt, »hingehen, um mit eigenen Augen zu schauen, wie ein Mensch eine Wölfin als sein Eheweib heimbringt? Dieser Frevel ist nicht der geringere!« Und seltsam, der frömmste Rabbi der Gegend gebrauchte dasselbe Bild! Andere meinten, daß den Sündern nicht der Triumph zu gönnen sei, auch noch von dichten Scharen angestaunt zu werden, und wieder andere wollten nicht dabeisein, wenn etwa die Menge sich in gerechtem Zorn zu einer Rachetat aufraffe. Als aber die Sonne des Einzugstages aufging, strömten doch auf fünf Meilen in der Runde zu Wagen, zu Pferde und Fuß Hunderte und Aberhunderte nach dem Städtchen, Bürger, Bauern und Juden, nur der Adel und die Geistlichkeit hielten sich fern. Neben diesen freiwilligen Teilnehmern aber hatten sich andere eingefunden, welche das Machtgebot des Herrn Stiegle hierhergestellt: dreihundert Bauern und Knechte von den gräflichen Gütern und Meierhöfen, ältere, besonnene Männer, die das Spalier bilden sollten. »Ihr seid der Ordnung wegen da!« sagte er ihnen. »Unser Herr und seine Erwählte sollen würdig empfangen werden.« Er fügte nichts weiter bei, aber er wußte, daß sie ihn verstanden und ihre Pflicht tun würden, wenn es nötig sein sollte.

Ob es nötig sein würde, konnte niemand voraussehen, auch dieser nüchtern erwägende Mann nicht, welcher die Leute des Städtchens so genau kannte. Er mußte sich damit trösten, daß es wahrlich nicht seine Schuld war, wenn es zu peinlichen Auftritten kam. Als er vor Wochen durch eine Estafette des Grafen aus Wien die Mitteilung erhalten, Fürst Metternich habe das Kreisamt angewiesen, die Ehe stillschweigend als gültig, den inzwischen katholisch getauften Knaben als legitimiert anzuerkennen, und er wünsche daher einen feierlichen Empfang, hatte ihm der treue Schwabe seine Einrede entgegengeschickt und durch die allgemeine Stimmung begründet. Es war fruchtlos gewesen, eine neue Estafette hatte den Auftrag mit dem Beifügen wiederholt, die Gräfin wünsche es durchaus. »Die Gräfin!« – selbst Herr Stiegle, der nur das Schuldenmachen und die Unordnung, aber keine Religion haßte, konnte bei diesem Titel eine Anwandlung grimmigen Hohns nicht unterdrücken, dann aber tat er seine Pflicht. Die Leute hatten bisher gehorcht; als er am Morgen die Ausschmückung der Häuser besah, konnte er zufrieden sein. Nur das Kloster der Dominikaner und das Haus des Rabbi wiesen kein Fähnchen, kein Reisigbündel auf; beim Prior hatte der Schwabe keinen Versuch gewagt, und der Rabbi hatte ihm erwidert: er fürchte Gott mehr als den Grafen. Auch Herr Groza hatte seine Wohnung ungeschmückt gelassen, die Fenster waren geschlossen, die Vorhänge hinabgelassen. »Ich bin«, erklärte er dem Verwalter, »im Frühling nicht zum Richter geworden, weil kein Kläger zur Stelle war und ich das Geständnis des Grafen als private Mitteilung betrachten konnte. Den Mann zu feiern bin ich nicht gewillt.« Dies alles fand Herr Stiegle noch begreiflich, daß aber auch der Bruder der »Gräfin« kein Fähnchen ausgesteckt, fand er unverzeihlich: Judith hatte in letzter Zeit wiederholt Briefe mit Rafael getauscht, das wußte er, zur Versöhnung war es also trotzdem nicht gekommen. Was wollte, was konnte der düstere, rachsüchtige Mensch noch fordern?

Dann aber nahmen Herrn Stiegle, während er so durch die Gassen schritt und das Bauernspalier zog, ernstere Sorgen in Anspruch. Auf diese braven Leute war Verlaß, und zu einer Gewalttat war die Menge, die hinter ihnen drängte, zu feig, aber wenn es zu Schmährufen, einem Skandal kam? Wohin er blickte, traf er auf finstere oder höhnische Gesichter. »Herr Iwanicki«, sprach er den kleinen, verwachsenen Schustermeister an, von dem er wußte, wie groß dessen Einfluß auf seinesgleichen sei, »ich rechne auf Ihre Einsicht!«

»Gewiß, gewiß!« erwiderte der Volksführer. »Wenn wir nur wüßten, was wir rufen sollen. Wie heißt ›Hoch‹ auf jüdisch?«

Und als Herr Stiegle, zum Triumphbogen gelangt, an Simon Tragmann, den Vorsteher der Juden, die gleiche Mahnung richtete, erwiderte dieser demütig: »Wir sind zur Stelle, wie Sie befohlen, aber wenn unsere Leute die Entrüstung übermannen sollte – könnten wir dafür?«

»Die Entrüstung?« rief Herr Stiegle. »Es ist ja ein Triumph für euch, wie ihr ihn noch nie erlebt!«

Der alte Simon schüttelte das Haupt. »Was gegen Gott geht, kann uns nicht erfreuen. Gott will, daß ein jüdisch Mädchen einen Juden heirate und daß ihre Kinder Juden werden!« Der einzige Mensch, der ein wahrhaft vergnügtes Gesicht machte, war der Demosthenes des Städtchens, der Herr Bürgermeister: Er hatte sich eine wunderschöne Rede einstudiert, in welcher er sowohl die Geschichte der beiden Konfessionen als auch die Macht der Liebe eingehend erörtern wollte. Und gerade ihn mußte Herr Stiegle mißvergnügt machen, indem er ihm erklärte, der Herr Graf wünsche nur eine möglichst kurze Begrüßung. Dann ordnete er das Banderium berittener Bauern ab, die Herrschaft einzuholen, stellte sich neben den Triumphbogen hin und horchte bangen Herzens den Rufen, die aus der Menge drangen.

Daran fehlte es nicht, schon zum Zeitvertreib. Der witzige Schuster und seine Freunde fanden immer neue jüdische Übersetzungen für ihre Hochrufe und gaben sie zum besten; daneben unterhielten sie sich auch damit, den Judenfrauen, die da und dort in der Menge standen, Heiratsanträge zu machen; der Kaiser habe es ja gestattet. Die Weiber kreischten auf und blieben die Antwort nicht schuldig, ihre Männer mischten sich ein, hüben und drüben ballten sich die Fäuste, aber es kam doch höchstens zu Püffen, nicht zu einer blutigen Schlägerei. Denn wo eine solche drohte, da kehrten sich die Bauern um und geboten mit erhobenem Handbeil Ruhe; wie stumpf sie auch dreinblickten, so wußte doch jeder von ihnen, wozu er dastand und was seines Herrn Ehre gebot. Auch fand sich zuweilen ein Vernünftiger, der begütigend rief: »Was wollen wir uns die Leiber wund schlagen? Ginge es nach unser aller Willen, der Frevel wäre nicht geschehen!« Das wirkte überall, und es war schwer zu entscheiden, ob die Christen oder die Juden eifriger beistimmten. Nur vor dem Trachtenbergschen Hause wollte der Friede zwischen Kaftan und Tuchjacke nicht zustande kommen. »Wir mußten die Fähnchen ausstecken«, riefen die Christen, »und der Jude hat es nicht getan!«

»Er hat recht gehabt«, verteidigten ihn seine Glaubensbrüder, »ihn trifft der Schimpf am schwersten!«

»Für uns ist's ein Schimpf«, war die Antwort, »für euch eine Ehre« – und schon hoben sich die Stöcke, bis endlich ein Spaßvogel rief: »Hier hat ja auch der Wroblewski gewohnt – er lebe hoch!« Donnerndes Gelächter lohnte den guten Einfall; sie wußten ja alle, daß der tödlich gehaßte Mann seit dem Frühling, wo ihn der Anwalt des Grafen aus dem Schlosse gejagt, bei einem übel berufenen Gutspächter der Umgebung eine Zufluchtsstätte gefunden und von der Schande seines Weibes lebe...

Nur zwei Menschen im Städtchen freuten sich des Einzugs und empfanden ihn in tiefster Seele als eine segensreiche Fügung des Gottes, an den sie glaubten, aber auch zwischen ihren Empfindungen gähnte eine tiefe, unüberbrückbare Kluft. Draußen im ärmlichen Stübchen zu Roskowka saß die Miriam Gold in ihrem Lehnstuhl seit langen Stunden wie harrend da; schon im Morgengrauen hatte sie ihre Pflegerin geweckt und ihr befohlen, die Stube zu schmücken, so gut es ginge, und ihr das Sabbatkleid anzulegen. Die Dienerin, ein Mädchen des Ghetto, welches um des guten Lohnes willen bei der seltsamen Alten aushielt – denn seit Judith reichlich für Miriam sorgte, war die Bettlerin von einst zur Wohltäterin für andere geworden –, hatte ihr gehorcht, weil sie wohl wußte, daß kein Widerspruch nützen würde; es geht eben, dachte sie, auch mit ihrem Verstand zu Ende, wie mit ihren Kräften. Denn die Greisin, welche einst die Not und die Mißachtung gebeugten Nackens, aber mit scheinbar unverwüstlicher Ausdauer durchs Leben geschleppt und von jenem Tage ab, da ihr Gott verkündigt, »wozu ihre Reue gut sei«, für Judith und das Knäblein gesorgt, gearbeitet und gewacht, als ob ihr die Kraft der Jugend zurückgekehrt wäre, war nun, da Judith sich mit dem Grafen versöhnt, zusammengebrochen und verfiel sichtlich, von Woche zu Woche mehr. Aber sie klagte nicht, im Gegenteil, ein stolzes Lächeln lag um ihre welken Lippen, wenn sie sagte: »Er weiß, was Er tut! Nun hab ich ja nichts mehr auf Erden zu verrichten!« Als sich die Kunde von der Hochzeit zu Weimar verbreitete, und alle Leute des Ghettos sich an Rufen des Staunens und der Verwünschung kaum genugtun konnten, hob die Greisin ihr Haupt noch höher: »Ich hab's ja gewußt«, sagte sie ihrer Dienerin, »aber daß Er es mich auch noch erleben läßt, hätt ich nicht gehofft! Und wie wird sich mein Kind freuen, wenn es davon hört – drüben wird man es ja auch wissen!« Das Mädchen plauderte es weiter, und es gab Eiferer genug, die sich nun nach dem Stübchen in der Vorstadt aufmachten, der Sünderin Vorwürfe zu machen; aber als sie vor ihr Lager traten, wurden sie still; mit der siechen Greisin, die kaum noch Tage unter ihnen zu weilen hatte, mochten sie nicht streiten. Sie irrten, Miriam lebte fort; auch der Arzt, der zuweilen aus freien Stücken nach ihr sah – sie ließ ihn niemals holen –, staunte darüber. Sie war hocherfreut, wenn er bei ihr eintrat, aber den Wein, den er ihr zur Stärkung verordnete, ließ sie ungetrunken. »Vorläufig läßt Er mich wohl nicht sterben!« sagte sie ihm. »Ich hoffe, Er gönnt mir in seiner Barmherzigkeit auch noch zu dieser größten Freude die Frist.« Der Arzt fragte, was sie meine. »Sie werden es auch bald hören«, wehrte sie mit seltsamem Lächeln ab. »Sobald dies eintrifft, geh ich zum letztenmal zur Schul (Synagoge).« Er drang nicht weiter in sie und erzählte ihr nur noch, daß ihn Judith brieflich gebeten, zuweilen nach ihrer »Wohltäterin« zu sehen. »Unsinn!« rief die Greisin. »Sie hat mich gerettet! Und was ich von dem Vögelchen geredet hab, das wegfliegen will, auch das, Herr Doktor, war Unsinn. Das wird die Judith jetzt mir und Ihm nicht antun! Jetzt muß sie ja erkennen, daß Er sie auserwählt hat, den armen, blinden Menschen Seinen Willen zu offenbaren! Und diese Erkenntnis ist ein Faden, der nicht zerreißt.«

Der Arzt vernahm es bewegt; wie viele große Geister, dachte er, mögen sich zu einer solchen Höhe der Menschlichkeit erhoben haben, wie sie dies einfältige Judenweib durch ihr eigenes Leid erreicht! Wenige Tage später sollte er erfahren, worauf Miriam noch geharrt; als die Kunde von des Kaisers Entschließung und dem festlichen Einzug ins Städtchen kam, ließ ihn die Greisin zum erstenmal seit ihrem Hinsiechen zu sich entbieten. »Verzeihen Sie, Herr Doktor«, sagte sie, »aber mit einem Menschen wenigstens will ich meine Freude teilen, wie groß und gut Er ist!« Und am Sabbat, der darauf folgte, legte sie ihr bestes Gewand an und schleppte sich, auf den Arm der Pflegerin gestützt, zur »Schul«. Oft genug glaubte sie am Wege niedersinken zu müssen, immer wieder raffte sie sich auf, bis sie vor dem Eingang des Gotteshauses stand. Erstaunt sahen sie die Leute heranwanken; sie hatte sich seit langen Jahren nur noch schüchtern und heimlich in eine Ecke der »Weiberschul« geschlichen, nachdem der Gottesdienst bereits begonnen. »Gebt Raum!« rief sie gebieterisch, da sich ihr einige entgegenstellten. »Gebt Raum für die Mutter der Lea!« Und so frevelhaft die Leute dies Wort bedünkte, sie wichen zurück vor dem seltsamen Glanz dieser Augen in dem todesblassen, unheimlich abgezehrten Antlitz. »Sie ist wahnsinnig«, meinten die einen, »eine Sterbende« die anderen und ließen sie gewähren. Wie eine Siegerin trat die Greisin unter die Betenden, wie eine Siegerin kehrte sie heim. »Das war mein letzter Ausgang«, sagte sie ihrer Pflegerin, »und auch dies Gewand werd ich nur noch einmal tragen!« Dieser Tag war heute erschienen, und obwohl es noch sehr früh am Morgen war, drängte sie doch die Dienerin zur Eile, bis alles nach ihren Wünschen geordnet war. Dann ließ sie noch die Fenster weit auftun, damit sie es deutlich hören könne, wenn die Böllerschüsse den Einzug verkündeten, schlug das Psalmenbüchlein auf und schickte die Dienerin weg.

»Muhm Miriam«, fragte diese, »soll ich nicht draußen bleiben? Wenn Ihr etwas braucht...«

»Du Törin«, erwiderte die Greisin lächelnd, »heut? Was sollt' ich heute noch brauchen?«

Noch ein anderer Mensch im Städtchen harrte mit Ungeduld der Stunde des Einzugs entgegen, auch er dankte dem Herrn, daß er ihn dies hatte erleben lassen, aber es war ein anderer Gott, zu dem sich seine Gedanken wandten, der Gott der Rache, welcher dem Frevler vergilt, was er verübt, und des Übermütigen Haupt in den Staub schmettert. Während Rafael in seiner Stube erregt auf und nieder ging, das bleiche Antlitz stolz erhoben, da war nur eine Empfindung in ihm klar und mächtig und deckte die anderen: Die Schmach, die der übermütige Christ im Gefühl seiner Macht dem Judenhause angetan, war gesühnt und sollte heute bis auf den letzten Rest getilgt sein; der Graf hatte die Jüdin zu seinem Weibe machen müssen und führte sie nun, ohne daß sie ihren Glauben abgeschworen, festlich in das Schloß seiner Väter. Was er dabei empfand, war seine Sache, litt er, so war es verdiente Strafe – Preis und Dank dem Herrn, der es so gefügt! Und wenn Agenor, wie ihm Judith zuletzt aus Wien geschrieben, auch noch zu einer Genugtuung bereit war, die selbst Rafael nicht einzufordern gewagt, wenn er sich darein gefügt, beim Einzug an diesem Hause anzuhalten, mit der Entführten vor ihren Bruder zu treten und gleichsam nachträglich seine Einwilligung zu dem Ehebunde zu erbitten, so mochte dies immerhin im Leben des Grafen die bitterste Stunde sein, gerecht war auch dies, und Judith hatte auch damit nur gefordert, was ihr und den Ihrigen zukam... Ja, Gott hatte es gut gewendet – und je gellender draußen die Stimmen des Pöbels erklangen, desto stolzer und trotziger hob sich des Jünglings Haupt; er stampfte wild auf. »Und wenn sie mich«, knirschte er, »gleich darauf erschlügen, mein letzter Hauch wäre ein Dank, daß ich vorher die Sühne erlebt!«... Wirr und streitend wurden seine Gedanken nur, wenn er Judiths gedachte. Was sie empfinden mochte, wenn sie des Mannes Nacken, dessen Ehre nun die ihrige war, so tief beugte, wie sich ihr Leben gestalten sollte nach all dem, was geschehen, und in einer Luft, die vom Haß aller gegen die eine durchtränkt war – an all dies dachte er kaum, und wenn seine Gedanken daran streiften, wenn ihm eine Ahnung ihres heutigen Elends und des drohenden Unheils kam, so half ihm jene Empfindung darüber hinweg, welche in den beiden furchtbaren Jahren, die hinter ihm lagen, seine Stütze gewesen: auch ihr ward, was sie sich selbst bereitet, der Gott da droben führte genaue Rechnung... Aber sie war ja seine Schwester, das Wesen, welches er mehr geliebt als sich selbst – es gab Augenblicke, da sich alles, was noch an Groll und Bitternis in seinem Herzen war, löste und in heiße, zittrige Zärtlichkeit wandelte: Was hatte dies gute, schöne, des reinsten Glückes würdige Mädchen gelitten! Und wenn sie gefrevelt, so war es aus einem edlen Triebe geschehen, den andere mißbraucht und in den Staub gezogen – und wie hatte sie gebüßt! Die Stunde, da sie als Reuige heimgekehrt und vor ihn hingesunken, tauchte vor ihm auf – o Gott, wie verhärmt sie gewesen, von einem Jammer belastet, den kein Menschenwort zu künden vermochte... Er konnte auch jetzt nicht bereuen, wie er ihr damals begegnet – und nun, da alle Schmach gesühnt war? Ihm war's, als müßte er die Arme ausbreiten und ihr entgegeneilen, und wie eine unverzeihliche Härte erschien es ihm, daß er auch vor ihrer Abreise nach Weimar jedes Wiedersehen vermieden. Er hatte es getan, weil er damals noch nicht recht daran glauben konnte, daß ihr das Werk der Sühne gelingen könne, vor allem aber: weil er des Vaters Tod nicht vergessen konnte. Hatte sie auch dies gebüßt, gab es für solchen Frevel eine Sühne?... Mit finster brütendem Antlitz stand er da, die Fäuste ballten sich – konnte er darüber hinweg, und wie sollte er sie empfangen?

Ein neues Gejohle, noch gellender als das frühere, ließ ihn emporfahren, es waren jene Hochrufe auf Wroblewski. Aber unmittelbar darauf tönte aus weiter Ferne der dumpfe Knall eines Mörsers, und nun lösten sie auch auf dem Marktplatz den ersten Böller: Die Herrschaft hatte die Gemarkung des Städtchens erreicht, wo das Banderium ihrer harrte. Noch eine halbe Stunde, und der Zug war im Orte.

Es sollte noch kürzer währen. Als die beiden Wagen der Herrschaft – ein offener Landauer, in welchem der Graf und seine Gattin saßen, und eine geschlossene Kutsche mit Hania, Jan und einer Wärterin mit dem katholisch getauften Knaben Ludwig auf dem Arm – an der Gemarkung, den »drei Linden«, eintrafen, konnte der Führer des Banderiums nur eben das übliche »Urrah« ausbringen, Salz und Brot überreichen; dann gab der Graf, ohne dem greisen Bauer die Zeit zur Begrüßung zu gönnen, dem geschlossenen Wagen den Befehl, sofort auf dem Landwege zum Schlosse zu fahren, und rief dann dem Fedko zu: »Mach rasch!« In scharfem Trab fuhr der Landauer auf der Heerstraße dahin, die Bauern mußten ihre Gäule in Galopp setzen, um nicht zurückzubleiben. In wilder Hast, von einer Staubwolke eingehüllt, wie von Verfolgern gejagt, eilte der Zug dem Städtchen zu.

Von Minute zu Minute wurden die Wangen des Grafen bleicher, das Zucken im Antlitz stärker; er vermied es aufzublicken und deckte zuweilen die Augen mit der Hand. Seit Monaten, seit Wochen hatte er vor dieser Stunde gezittert; sie dünkte ihm die peinlichste, die ihm das Leben noch bringen konnte. Muß es sein? hatte er sich all die Tage gefragt, und nun vollends erfüllte ihn nur die eine Empfindung: Empörung über die Härte des Weibes, das seinen Nacken nun auch unter das schwerste Joch gezwungen, und über seine Schwäche, die dies geduldet. Was hatte er in den letzten Monaten ertragen müssen – nach seiner Überzeugung völlig unverdient, denn wenn seine Schuld groß gewesen, so war die Sühne unerhört: Er hatte ihren Willen erfüllt, hatte sich mit der Jüdin in Weimar trauen lassen, was konnte, was durfte sie mehr von ihm verlangen? Sie tat es doch; bezüglich des Knaben zwar fügte sie sich seinem Willen, wortlos, ohne jeglichen Kampf, als hätte sie es selbst nicht anders gewünscht, aber als er ihr nun mitteilte, daß sie mindestens für zwei Jahre der Heimat fernbleiben müßten, bis sich die Leute an das Unerhörte gewöhnt, bat und beschwor sie ihn, nach Wien zu gehen, die Anerkennung der Ehe zu bewirken. Er widerstrebte lange, und es übte auch nur geringen Eindruck auf ihn, als sie ihm zurief: »Mir hängt die ganze Seele an diesem einen; willfahre mir darin, und ich will es dir reichlich lohnen!« Wodurch? dachte er. Durch Liebe und Treue? Darauf hatte er sich nun vor Gott und den Menschen das gute Recht erworben, durch ein schwereres Opfer, als es je ein Mann seines Standes gebracht – sollte sie ihm nicht treu anhangen, um derentwillen ihm seine nächsten Freunde untreu geworden, sie ihn nicht lieben, um derentwillen er so viel Haß auf sich geladen? Aber allmählich wurde sein Widerstand schwächer; sein ganzes Wesen war ja nicht dazu angetan, selbst einem geringeren Einfluß standzuhalten, geschweige denn dem dieses eisernen Willens; er gab schließlich nach, weil er dachte, sie werde in Wien bald selbst einsehen, daß sie Unmögliches begehre. »Gelingt es dir nicht«, schlug er ihr vor, »dann gehen wir auf zwei Jahre nach Italien« – und sie willigte in den Pakt. Vom Mißerfolg fest überzeugt und darum doppelt ärgerlich, daß Judith seinen Namen nutzlos in der Leute Mund bringe, sah er in Wien ihren Versuchen zu; daß das Metternichsche Regiment, welches allen den Fuß auf den Nacken setzte und sich nur vor der Kirche beugte, das Unerhörte niemals bewilligen werde, war ja klar; wen immer sie darüber sprach, sagte ihr mit mühsam erzwungenem Ernste, das Ziel sei unerreichbar. Sie aber ward nicht müde, immer neue Verbindungen anzuknüpfen, immer neue Mittel zu versuchen, und als alles nutzlos war, wandte sie sich an – die Kirche selbst. Ein junger Prälat aus verarmtem, hochadligem Geschlecht war der erste, der sich gewinnen ließ, bald wimmelte es in ihrer Hotelwohnung beim »Wilden Mann« in der Kärntnerstraße von Soutanen und Kutten, und eines Vormittags – sechs Wochen waren sie nun in Wien, und nur der Bankier, wo ihr Erbteil hinterlegt war, wußte, wie kostspielig jetzt schon dieser Aufenthalt für sie war – trat sie vor ihn hin: »Wünsch mir Glück, Agenor, ich gehe zu Metternich!« Er blickte sie an; wie sie so vor ihm stand, im dunklen, wallenden Gewande, das halbergraute Haar vom schwarzen Schleier umhüllt, das scharfgeschnittene Antlitz bleich und unbewegt und nur um die Lippen ein Zucken der Erregung, flößte sie ihm eine Empfindung ein, die seltsam aus Bewunderung und Grauen gemischt war; von Liebe – er hatte es schon vorher zuweilen dunkel empfunden, aber nie war es ihm so klargeworden wie in diesem Augenblicke –, von Liebe war nichts mehr in dieser Empfindung... »Du hast die Gewißheit, daß er dich empfängt?« fragte er zögernd. Sie zeigte ihm die Audienzkarte. »Aber hast du es auch recht bedacht?« fuhr er zaghaft fort. Darauf gab sie keine Antwort mehr, sondern reichte ihm zum Abschied die Hand. Als sie nach zwei Stunden wieder vor ihn trat, las er von ihrem Antlitz ab, daß sie gesiegt; wortlos schnellte er empor und starrte sie an. Aber von ihren Lippen kam kein Wort des Triumphes. »Wir werden die Papiere noch diese Woche erhalten«, sagte sie kurz, und als er sie mit Fragen bestürmte, wie sie es erreicht, erwiderte sie: »Durch die Wahrheit! Damit kommt man bei klugen Menschen immer am weitesten, und er ist so klug! – Er hat sofort begriffen«, fuhr sie mit bitterem Lächeln fort, »daß ich weder Österreich noch die Kirche, ja nicht einmal die Ghettomauern umstürzen will. Er hat es auch nicht der Jüdin gewährt, sondern mir, nachdem er erfahren, was ich erlebt und wie es um meine Seele steht. Nur eins habe ich ihm verhehlt...«

»Was?« forschte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Du sollst es erfahren, wohl schon bald, heute noch nicht... Ich hätte ihm auch dies eine gesagt«, fuhr sie wie im Selbstgespräch fort, »wenn es etwa nötig gewesen wäre. Aber es war nicht nötig, weil er besser ist, als die Leute glauben, weil er zu klug ist, als daß er ganz schlecht sein könnte...« Er horchte ihren Worten, ohne sich viel dabei zu denken, und wurde erst wieder ganz Ohr, als sie fortfuhr: »Sobald wir die Papiere haben, reisen wir natürlich heim!« Er widersprach lebhaft, und als sie auch nun verhieß: »Ich will es dir lohnen!«, ward er ungeduldig und sagte ihr, was er darüber denke. Sie hörte ihn ruhig an. »Du verstehst mich nicht«, erwiderte sie dann mit seltsamem Lächeln, »ich will dir wirklich den höchsten Lohn gewähren, der dir von mir werden kann.« Aber dies wirkte weit weniger auf ihn als ihr Versprechen, daß sie sich mit einer Woche Aufenthaltes im Städtchen begnügen wolle. »Über das Künftige sollst du dann selbst entscheiden«, schwor sie ihm zu. Vollends willfährig für ihre Wünsche aber machte ihn eine Mahnung, welche ihm ein hoher Beamter, ein Vertrauter des allmächtigen Ministers, kurz vor der Abreise nach Galizien überbrachte. »Der Fürst«, sagte er ihm, »hat von der Unterredung mit Ihrer Gemahlin den tiefsten Eindruck empfangen; er meinte, es sei jammerschade, daß aus einem so herrlichen Geschöpf nichts geworden als eine tiefunglückliche Frau. Und ich, meinte er, würde an Stelle des Grafen immer daran denken, wie unglücklich sie ist!«

So hatte Judith alles durchgesetzt, auch diesen Einzug mit all der Schmach, die er für einen Baranowski bedeutete, mit all dem Unheil, das er wohl im Gefolge hatte...

Der Graf richtete sich auf. »Rascher, rascher!« rief er dem Kutscher zu. »Und auch durchs Städtchen fährst du so rasch als möglich!«

Judith hatte bisher still und stumm in der Wagenecke gelehnt; ein Kleid von schwerster schwarzer Seide umschloß die schmächtige Gestalt, ein prächtiger Spitzenschleier das Haar, und auf ihrer Stirn blitzte das Diadem, welches sich mit dem Majorat der Baranowski mit vererbte, aber das bleiche Antlitz war düster wie nur je, und daß sie jener Stunde entgegenging, die sie mit schier übermenschlicher Kraft herbeigeführt, verriet nur zuweilen ein schwerer Atemzug. Nun aber richtete sie sich auf; ihre Hand fiel auf den Arm des Gatten. »Agenor«, sagte sie hart und scharf, »ein ehrlicher Mann hält sein Wort, auch wenn es ihm schwer wird!«

»Es ist ja nur zu deinem Besten!« erwiderte er. »Du weißt, was Stiegle...«

»Kein Wort mehr!... Wir fahren nun im Schritt!«

Er gab zögernd den Befehl. Das Banderium, das zurückgeblieben, sammelte sich wieder und umgab den Wagen. Langsam kamen sie dem Mauthaus näher; der blumengeschmückte Schranken schwebte empor. »Urrah!« riefen die Bauern, die im Spalier standen, »Urrah!« erwiderte das Banderium; die Böller dröhnten, die aufgestellte Musikkapelle blies einen Tusch; aber all dies ward übertönt von den wirren Rufen der Menge. Nur einzelnes konnte man daraus verstehen; es klang nicht freundlich. Drohend wandten sich einige der Bauern im Spalier um und hoben den Stock, das Handbeil gegen die Schreier hinter ihnen; enger scharte sich das Banderium um den Wagen. Der Graf war fahl geworden und in den Sitz zurückgesunken, Judith aber, bleich wie er, saß hoch aufgerichtet da und blickte ruhig zur Rechten, dann zur Linken auf die Tobenden hin. So passierten sie das Mauthaus.

Von diesem Hause aufwärts verbreiterte sich die Straße; die Menge, die hinter dem Spalier Stellung genommen, war noch größer, daher hier die Gefahr noch dringender. Aber seltsam, als die Musik schwieg, die Bauern still wurden, da verhallten auch die Rufe der Menge. Hatten sie nur jene Huldigungen zum Widerspruch gereizt? Bannte sie der Blick, der düstere, gebieterische Blick der blassen, geschmückten Frau? Hielten sie Ruhe, um sich nicht selbst im Genuß des unerhörten Schauspiels zu stören?

Es leben noch heute einige Menschen im Städtchen, welche damals, vor fast sechzig Jahren, als Knaben, als Jünglinge die Gräfin Judith Baranowska in das Städtchen haben einziehen sehen. Fragt man sie danach, so schütteln sie den Kopf: »Wie sie aussah, läßt sich nicht beschreiben, und was in uns vorging, wenn uns ihr Blick traf. Wie eine Sterbende sah sie drein und dabei wie eine Königin. Wer sie sah, konnte kein schlimmes Wort mehr rufen. Und als die Bauern die Mützen zogen, da taten wir es auch, und als sie wieder ›Urrah!‹ riefen, störten wir sie nicht. Wir standen zwischen dem Mauthaus und der Triumphpforte. Vor ihrem Vaterhaus, wo das Merkwürdigste geschah, waren wir leider nicht dabei.«

Dies allein muß des näheren berichtet werden. An der Triumphpforte vollzog sich alles in Ruhe. Selbst ein Mann wie der Bürgermeister fühlte, daß sich diese Stunde nicht zu einer schönen Rede schickte – es stand zu viel auf dem Spiel, vielleicht, wenn irgendein Zufall, ein Witzwort, ein erhobener Bauernstock den seltsamen Bann löste, der die erregte Menge im Zaume hielt, das Leben einiger Menschen. Er machte es kurz, der Graf stieß hastig einige Dankworte hervor.

Dann wandte er sich an Judith. »Ich beschwöre dich«, murmelte er, »halten wir nicht an deines Bruders Hause. Es ist das sichere Verderben!«

»Es muß sein!« erwiderte sie, und als er zögerte, gab sie dem Fedko selbst den Befehl.

Und in der Tat, es schien das Verderben. Als die Menge, die sich bisher lautlos verhalten, das Ziel der Fahrt erriet, brach plötzlich ein Schrei der Wut, des Hohns aus hundert Kehlen – wild, gellend, überlaut, wie in einem einzigen Atemzug hervorgestoßen. »Schimpf und Schande!« – »Zum Judenhaus, dann zur Synagoge!« – »Nieder mit ihr!« – »Nieder!... Nieder!« Im nächsten Augenblick riefen es tausend und drängten tobend heran; das Spalier ward durchbrochen; die Bauern hoben ihre Handbeile; das Handgemenge begann. Der Wagen hielt; sein einziger Schutz waren jetzt nur mehr wenige Berittene, die auch nun noch an seiner Seite geblieben. In dem Grafen regte sich der Kavalier; er riß eine Pistole aus dem Gürtel seines pelzbesetzten Rockes, des Kontusch, und schwang sich mit gespanntem Hahn auf das Trittbrett.

Da begab sich etwas Unerwartetes. Aufrecht war Judith bisher dagesessen, immer starr in die Menge blickend. Nun richtete sie sich plötzlich zu ihrer vollen Höhe empor, daß das Diadem auf ihrer Stirne im Sonnenschein aufleuchtete. »Fort!« rief sie den Berittenen zu, so gebieterisch, daß sie gehorchten und ihre Pferde beiseite drängten. »Fort!« herrschte sie Agenor an und wies ihn vom Tritt hinweg.

Die Menge stutzte, die Kämpfenden hielten inne, es wurde plötzlich still.

»Was wollt ihr?« klang in diese Stille die laute, ruhige, metallene Stimme der blassen Frau. »Mich töten? Hier bin ich! Niemand soll mich beschützen, ich verbiete es! Es soll um meinetwillen kein Blut fließen. Ich habe schon Blutschuld auf mir... Ich harre!«

Niemand regte sich, kein Ruf ertönte. Und in diese Stille hinein rief eine Stimme – wer es gewesen, ist nie erkundet worden: »Sie hat Gotteswerk vor! Sie will sühnen, was sie getan! Und der Graf will's für sein Teil tun! Gotteswerk stört man nicht!«

Wieder ein Murmeln, ein Drängen – die Menge gab Raum. Der Graf schwang sich in den Wagen, Fedko lenkte die Pferde dem Hause Rafaels zu; auch hier wichen die Leute. Unter tiefer Stille traten Judith und der Graf ins Haus, und als sie nach wenigen Minuten, von Rafael geleitet, wieder erschienen, klang abermals kein Laut, und alle sahen zu, wie der Graf Rafael die Hand schüttelte, wie Judith den Bruder umarmte. »Um vier Uhr – auf dem ›guten Ort‹!« flüsterte sie ihm zu.

Sie bestiegen den Wagen. Da begab sich wieder Unerwartetes. Rafael hatte mit tränenüberströmtem Antlitz noch einmal Judiths Hand ergriffen und gedrückt. Im nächsten Augenblick rief einer: »Sie hat viel gelitten, nun mag sie glücklich sein! Urrah!«

»Urrah! Urrah!« Hundertfach wiederholte sich der Ruf, bis es von aller Lippen klang: »Urrah! Glück und Segen!«

Unter diesen Rufen, unter fortwährendem Grüßen und Jubeln der Menge fuhren die beiden vom Städtchen ins Schloß. Nun aber saß Judith nicht mehr aufrecht wie früher; wie gebrochen lehnte sie in der Ecke, und die Tränen rollten über ihr Antlitz.

Im Schloß hatten sich die Pächter des Grafen versammelt. Auch Doktor Reiser erschien zur Begrüßung, Judith fragte sofort nach der alten Miriam. »Ich will zu ihr«, sagte sie, »sobald ich die Tafel verlassen kann.«

»Tun Sie dies«, sagte der alte Arzt bewegt, »denn morgen würden Sie sie nicht mehr finden. Vor zwei Stunden etwa mag sie gestorben sein. Eben, als ich hierher fahren wollte, kam ihre Dienerin jammernd zu mir. Ich war einen Augenblick in der Kammer. Verklärter hab ich noch keines Toten Antlitz gesehen.«

Man setzte sich zur Tafel; sie war genauso gerüstet wie bei jedem Hochzeitsmahl der Baranowski. Dieselben Speisen und Weine wurden gereicht, dieselben altertümlichen Prunkgefäße standen auf den Tischen. Nur die Stimmung war anders. Nach einer Stunde erhoben sich die Gäste.

Judith fuhr mit dem Arzte nach dem Häuschen zu Roskowka, von der alten Freundin Abschied zu nehmen. Sie hatten die Leiche noch nicht aufgebahrt, sie ruhte in ihrer Festtracht im Lehnstuhl. Keines Wortes mächtig, starrte Judith in dies Antlitz, auf dem der Ausdruck lichter, seliger Freude haftete.

»Wissen Sie, warum die Miriam so lächelte, als sie starb?« fragte Doktor Reiser. »Sie hörte die Böllerschüsse, die Ihren Einzug verkündeten!« Und er erzählte Judith von seinen letzten Gesprächen mit ihr. »Nun durfte sie sterben als Siegerin! Nun wußte sie auch, daß ihr Kind nicht verdammt sei und daß sie es drüben wiederfinden würde.«

Judith war zu Füßen der Leiche hingesunken und hatte die starre Hand geküßt.

»Sie haben recht!« sagte sie dann. »Wohl ihr, als Siegerin ist sie gestorben!«

»Und wohl Ihnen«, fügte er hinzu, »die Sie als Siegerin leben dürfen!«

»Sprechen Sie nicht so«, wehrte sie hastig ab, »als Sieger nach solchem Kampfe darf nur der Schuldlose leben. Der Schuldige überlebt seinen Sieg nicht... Verzeihen Sie, aber ich muß fort, mein Bruder erwartet mich auf dem ›guten Ort‹, am Grabe unseres Vaters.«

Kopfschüttelnd blickte ihr der Arzt nach, als sie davonfuhr. Was das für ein sonderbarer Ton war, dachte er. Doch machte er sich dann weiter keine Gedanken darüber.

Rafael hatte sich pünktlich am Grabe eingefunden. Wie früher vor aller Welt Augen, sanken die lange Entfremdeten hier an der heiligsten Stätte, die es auf Erden für sie gab, einander in die Arme und hielten sich innig umschlungen. Und nun erst hatte die Versöhnung für ihre Herzen die rechte Weihe erhalten.

»Hier also ist mein Platz!« sagte Judith und wies auf die freie Stelle zwischen den Gräbern der Eltern. »Nicht wahr, den darf mir niemand rauben? Ich bin ja eines Christen Weib, und da könnten die Frommen sagen... Aber du wirst es nicht dulden! Nicht wahr, Rafael?«

»Wenn ich dich überlebe, so wirst du hier begraben. Aber darüber können wir nach dreißig Jahren sprechen...«

»Du schwörst es mir, so wahr dir des Vaters Andenken heilig ist? Ich bitte dich darum!... Du begreifst, wie bewegt ich gerade heute bin...«

»Wenn es dich beruhigt: Ich schwöre es!«

»Und du läßt mir jene Grabschrift setzen, die ich mir selbst bestimme?«

»Wenn ich dich überlebe!...«

Sie sprachen noch einiges über seine künftigen Pläne; dann umarmte sie ihn noch einmal und fuhr zum Schlosse zurück.

Der Graf saß mit Stiegle und einigen seiner Pächter in seiner Arbeitsstube beisammen. Sie ging in ihr Schlafzimmer und schrieb da zwei kurze Briefe, an Agenor und ihren Bruder. Darüber war schon die Dämmerung hereingebrochen. Dennoch ließ sie sich dann noch ihren Knaben bringen, der bereits in seinem Bettchen lag. »Ich habe ihn ja seit heute morgen, wo wir aus Tluste aufbrachen, noch gar nicht gesehen!« sagte sie der Wärterin und blieb dann mit dem Kinde allein, wohl eine Stunde. Als die Dienerin nun ungerufen das Zimmer betrat, war es schon ganz dunkel darin; sie konnte das Antlitz der Herrin, die tief über das Kind gebückt saß, nicht sehen. Aber an ihrer Stimme glaubte sie zu erkennen, daß sie weinte. »Auch für dich ist es besser... auch für dich...« Dies waren die Worte, die sie zu verstehen glaubte.

Die Herrin übergab ihr das Kind und sagte dann, sie wolle noch in den Garten, der Abend sei so mild, und der Mond werde bald aufgehen.

So tat sie auch. Sie schritt die Treppe hinab, in den Park, an der Stelle vorbei, wo Agenor vor zwei Jahren den ersten Kuß auf ihre Lippen gedrückt, und dann dem Teich zu. Auf dem Wege begegnete ihr der Kutscher Fedko, bot ihr den guten Abend und erhielt freundlichen Gegengruß. Er blickte ihr einen Augenblick nach, wie sie der Wasserfläche zuschritt, auf der eben der erste zitternde Schein des Mondes auftauchte. Wenn ich so daran denke, sagte sich der gute Mensch, wie ich sie damals in Borky an jenem Morgen dem Teich zustürzen sah... Wie ganz andere Gedanken mag sie heute haben, wo sie alles erreicht hat!

Er irrte.

Als Judith gegen neun Uhr noch nicht zurück war, ging der Graf, sie zu suchen. Als er sie nicht fand, wollte er besorgt die Diener aufbieten. Da fand Hania den Brief auf ihrem Tische, und nachdem er ihn gelesen, wußte er, wo er ihre Leiche finden konnte. Der Brief war kurz, aber liebevoll. Sie band ihm die Sorge für das Kind aufs Herz und bat ihn, sich nicht mit dem Vorwurf zu quälen, daß er an ihrem Tode schuldig sei. Sie sterbe, um ihn nicht elend zu machen und selbst noch elender zu werden, sterbe, weil sie nach dem, was über sie gekommen, nicht Mut noch Kraft zum Leben habe, aber es sei keines einzelnen Menschen Schuld, auch nicht die seine.

Auch ihr Antlitz war nicht verzerrt, da sie die Leiche aus der stillen Flut hoben. Es war so ernst und unbewegt, wie es in der letzten Zeit immer gewesen.

Zwei Tage später ward sie von ihren Glaubensbrüdern auf dem »guten Ort« begraben, an dem Platz, der ihr als Erbteil gebührte. Als sie das Grab ausschaufelten, fanden sie noch die Reste eines mächtigen Strauches im Erdreich. Nur wenige wußten, daß es ein Rosenstrauch war und welche Bewandtnis es damit hatte.

Auf ihrem Grabstein steht die Inschrift:

Judith Gräfin Baranowska,
die Tochter des Nathan ben Manasse
aus dem Stamme Israel.
Sie starb in der Dunkelheit,
aber es wird einst tagen.


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