Karl Emil Franzos
Judith Trachtenberg
Karl Emil Franzos

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Fünftes Kapitel

Unter dem Eindruck dieser Unterredung begab sich Agenor zu dem Stelldichein mit der Geliebten. »Abschütteln!« murmelte er, indem er die Treppe zum Park hinabschritt, und ballte die Faust, daß ihm die Nägel schmerzhaft ins Fleisch drangen. »Ich muß die Kröte abschütteln, die mich befleckt, mich und sie...« Aber als er nun über das raschelnde Laub hastig der Tannenallee zuschritt – es war die einzige, die in dieser Jahreszeit durch das dichte nadelige Geäst einigen Schutz vor neugierigen Augen gewährte, und er hatte darum schon gestern die Geliebte hierher beschieden –, mit jedem Schritt wich der Zorn immer mehr, und als er nun harrend zwischen dem grünen Gezweig auf und nieder ging, da war nur noch eine Empfindung in ihm: der brennende Durst nach ihren Lippen. Ich will ihr alles sagen, dachte er wohl zuweilen, sie soll frei entscheiden – und der Gedanke trat ihm sogar in leisem Flüstern über die Lippen, aber er fühlte: er sagte es nur, um sich in dem Vorsatz zu stärken. Und als er eine halbe Stunde geharrt, da fanden seine Lippen nur noch ein Wort, das er unablässig, wie im Fieber, bald halblaut hervorstieß, bald aus zugeschnürter Kehle heiser flüsterte: »Komm!... Komm!... Komm!«

Endlich hörte er ihren flüchtigen Schritt im Laub, sah ihr Kleid durch die Zweige schimmern. Eilig kam sie heran, das Antlitz glühend; das Spitzentüchlein, das sie ums Haupt geschlungen, hatte sich halb gelöst und flatterte um das goldrote Haar. »Endlich!« murmelte er und stürzte ihr entgegen. Sie blieb stehen, und als sie in seine entflammten Züge blickte, überflog ein Schauer ihre Glieder, und sie streckte wie abwehrend die Hände vor.

Er gewahrte es kaum. »Endlich!« wiederholte er stammelnd, riß die Widerstrebende in seine Arme, und sein Mund suchte ihre Lippen, bis er sie gefunden. Nur einen Atemzug, dann hatte sie sich ihm wieder entzogen. »Ich bitte Sie...«, rief sie, und es war ein so ängstliches Flehen in ihrer Stimme, daß er von ihr ließ. »Machen Sie es mir nicht noch schwerer... Es ist ohnehin so bitter...«

»Sie?« murmelte er. »Du hast gestern du zu mir gesagt...«

»Und ich will es auch heute sagen«, erwiderte sie, fuhr sich rasch mit dem Tüchlein über die feuchten Augen und versuchte zu lächeln. »So schickt es sich ja seit gestern. Du hast mich geküßt, ich bin deine Verlobte, wir gehören fürs Leben zusammen...«

Sie sagte es mit einer Innigkeit, einem Vertrauen, daß ihm der Ton ans Herz griff. Er ließ wie beschämt den Arm sinken, mit dem er sie wieder hatte umschlingen wollen. »Du Liebe, Gute«, sagte er unsicher und hatte Mühe, die Stimme zu festigen, während er weitersprach. »Gewiß – wir gehören nun einander. Uns kann nichts mehr trennen, nichts, Judith. Und was in meiner Macht liegt, soll geschehen, daß du es nie bereust.« Das durfte er versprechen, das war sein fester Entschluß. »Bei Gott dem Allmächtigen, ich liebe dich wie nie eine andere zuvor...«

Ein seliges Lächeln lag auf ihren Zügen, aber dabei füllten sich doch wieder die Augen mit Tränen. »Ich glaube dir«, sagte sie. »Wäre mir nur einen Augenblick ein Zweifel an dir gekommen und daß du es ehrlich und redlich meinst – wär ich sonst hier? Wär ich gestern hergekommen? Ich säße dann in meiner Stube und weinte mir die Augen aus über mein Unglück, einen Mann lieben zu müssen, der mich nicht liebt, mich nicht zu seinem Weibe machen will... Und vielleicht«, rief sie plötzlich fast schrill, in wieder ausbrechender Leidenschaft, »vielleicht ertrüge ich es dann nicht, so fortzuleben, mit solcher Scham, solchem Weh im Herzen...«

»Judith!« murmelte er erschreckt. »Was sind dies für Gedanken!«

»Törichte Gedanken!« Sie nickte. »Aber sieh, wie viel ist in diesen Tagen über mich gekommen! Ich bin ja wie verwandelt, ich glaube, so ist es noch nie einem Mädchen ergangen. Ich habe keine Macht mehr über mein Herz, es befiehlt mir, und ich muß zu dir gehen und mich von dir küssen lassen und dich küssen! Und ähnlich ist's mit meinen Gedanken, die schweifen umher, wirr und wild... Nur wenn ich an dich denke, bin ich ruhig. Ich kenne dich ja...«

»Und dennoch«, sagte er und blickte sie zärtlich an, »dennoch mußt du seit gestern viel geweint haben.«

»Wundert's dich?« fragte sie mit trübem Lächeln. »Bedenke, auch mein Vater, mein Bruder lieben mich, und ich liebe sie. Wie werden sie erschrecken, wenn du um mich wirbst, wie tief wird es sie betrüben, daß ich Christin werden muß. Vielleicht verliere ich dadurch ihr Herz für immer, sie wenden sich von mir ab und wollen nichts mehr von mir wissen. Du weißt nicht, was es bei uns heißt, vom Glauben abzufallen. Da lebt in unserer Gemeinde eine arme, alte Witwe, Miriam Gold, welche sich jetzt als Krankenpflegerin ernährt. Ihr Mann war Schankwirt auf einem Dorf, und ihre einzige Tochter verliebte sich in einen Bauern, wurde Christin und heiratete ihn. Der Vater starb aus Gram über die Schande, die Hohnreden unserer Leute, und auch das Leben der Mutter ist elend genug. Wäre nicht mein Vater für sie eingetreten, sie wäre wohl zugrunde gegangen. Und sie hatte sich doch von ihrer Tochter losgesagt und spricht fast nie von ihr. So wenigstens beteuerte sie mir; sie hätte heute seit langen Jahren zuerst wieder von ihr gesprochen...«

Der Graf hatte stumm, in qualvollem Wirrsal der Empfindungen zugehört. »Heute?« fragte er befremdet.

»Soeben – nur darum, weil sie so dringend bat, mir ihr Geschick erzählen zu dürfen, mußte ich dich warten lassen. Vielleicht« – sie atmete tief auf –, »vielleicht war es kein Zufall; sie weiß, wie es um mich steht, und wollte mich warnen. Dann erfährt es auch wohl mein Vater, und das wäre schlimm. Denn die Ehrlichkeit erfordert es, daß er es nicht von anderen, sondern von uns erfährt, aus deinem Munde – oder dem meinen, wenn es dir so richtiger erscheint...«

»Das will überlegt sein!« sagte der Graf gepreßt. »Ich möchte dir nutzlose Kämpfe ersparen...« Bekenne die Wahrheit! rief ihm sein Gewissen zu, du bist ein Schurke, wenn du nun schweigst. Aber wie es sagen! Und wie wird sie es aufnehmen? Vielleicht ertrüge ich es nicht, so fortzuleben! hatte sie vorhin ausgerufen. »Nutzlose Kämpfe erbittern ja nur...«, fuhr er fort; er sagte es mechanisch; er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen strömte, wie er bleich wurde. »Sieh, Judith, daß ich dich liebe...«

»Das weiß ich!« unterbrach sie ihn. »Und weil ich es weiß, darum will ich ruhig sein und dir überlassen, wann und wie du mit meinem Vater sprechen willst. Fragt er vorher mich, so werde ich ihm freilich die Wahrheit sagen. Daß es mir bitter wäre, fühlst du mir gewiß nach. Und darum ersparst du es mir sicherlich, wenn du kannst, und sprichst selbst, sobald es dir möglich ist. Und weil du mich liebst, darum ersparst du es mir gewiß auch, dich heimlich zu sehen. Wenn du wüßtest, wie mir gestern, heute zumute war, eh ich herkam. Es ist nicht recht! rief es in mir, und ich fühlte die Scham auf meinen Wangen brennen, und das helle Tageslicht quälte mich – und ich kam doch! Ich mußte, wie mit Ketten hat es mich zu dir gezogen, denn ich liebe dich, ich liebe dich!«

Und wie sie so vor ihm stand, das glühende Antlitz mit den zuckenden, blutroten Lippen gesenkt, den bebenden Leib vorgebeugt, da wich das letzte, was noch an Kraft in ihm war, und jene Stimme schwieg vor dem Brausen des Blutes in seinen Ohren. Er preßte sie an sich und bedeckte sie mit Küssen, das Haupt, das Antlitz, das Gewand, bis sie sich nach einigen Sekunden mit aller Kraft losriß.

»Ich habe es geduldet«, sagte sie atemlos, »weil es das letzte Mal ist – vor deiner Werbung. Leb wohl!«

»Darf ich dich nicht begleiten?« bat er und suchte den Arm um ihren Nacken zu schlingen.

Sie schüttelte stumm den Kopf und eilte hinweg. Noch einmal blickte sie zurück; er stand regungslos und starrte ihr mit glühenden Augen nach. Sie winkte mit dem Tüchlein und eilte dem Ausgang zu. Aber als sie nun die Straße betrat, welche vom Schlosse durchs Städtchen zu ihrem Hause führte, zauderte sie; es schien ihr unmöglich, so vor aller Welt Augen dahinzugehen, ihr war's, als müßte jeder die Küsse sehen, die ihr auf den Wangen brannten. Sie schlug einen Fußpfad ein, der an der Rückseite der Häuser dahinführte, saß auf einem Bänkchen am Wege nieder und wehrte den Tränen nicht, die ihr plötzlich wie ein Bach über die Wangen quollen. Dann, nachdem sie sich ruhiger geweint, setzte sie den Weg fort und schlüpfte durch die Hinterpforte ins Haus.

Im Hofe stand der Wagen ihres Vaters, er war also bereits heimgekehrt. Im Hausflur trat ihr die alte Dienerin des Hauses entgegen, die sie einst auf den Armen getragen. Die alte Sarah war sehr bleich und zitterte an allen Gliedern. »Da bist du endlich!« schrie sie schrill auf und rang die Hände. »O Gott, barmherziger Gott, warum hast du mich das erleben lassen!«

Auch Judith wurde weiß wie die Wand, an die sie sich tastend lehnen mußte. Aber der Augenblick der Schwäche ging rasch vorbei. »Wo ist der Vater?« fragte sie.

»Im Empfangszimmer... Aber du kannst jetzt nicht zu ihm; der Bürgermeister ist drin, der hat ihm alles erzählt... Ich habe es eben erst durch die Köchin des Kommissärs erfahren. O Kind, was...«

»Du meldest mir, sobald der Vater allein ist«, unterbrach Judith die Alte und ging auf ihr Zimmer.

Sie hatte lange zu harren, für ihre Nervenqual unerträglich lange. Denn der Bürgermeister war ein braver Mann – es schien ihm notwendig, daß der Vater ungesäumt erfahre, was die ganze Stadt wußte, aber er war auch ein begabter Redner. Und darum hatte er zunächst mit einer Abhandlung über die Pflichten der Freundschaft begonnen, dann die Sittenverderbnis der neuesten Zeit eingehend erörtert, bis der unglückliche Mann endlich erfuhr, um was es sich handle. Es war fast unheimlich anzusehen, wie er so im Lehnstuhl dasaß, totenfahl, regungslos; nur zuweilen strich er mit zitternder Hand über den silberweißen Bart.

»Ich danke Ihnen«, sagte er, nachdem der Redner endlich geschlossen. Seine Stimme klang etwas heiser, aber er sprach langsam und ruhig wie sonst. »Sie haben es gut gemeint. Aber nun die Hauptsache: Hat Ihre Frau Gemahlin selbst jenen angeblichen Kuß im Park gesehen?«

»Nein. Frau von Wroblewska.«

»Und das sagen Sie erst jetzt?« rief Trachtenberg laut, fast fröhlich. Und nun gelang es ihm wirklich, zu lachen. »Eine verläßliche Zeugin!... Nun bin ich ganz beruhigt, allzu bestürzt war ich übrigens von vornherein nicht. Ich kenne ja mein Kind! Daß Judith im Park spazierengegangen und dem Herrn Grafen, der sie artig angesprochen, ebenso artig geantwortet, glaube ich gern, alles andere ist Lüge. Davon bin ich, der Vater, überzeugt.«

»Nun, wenn Sie, Pani Trachtenberg...«

»Ja, ich, der Vater! Sagen Sie dies jedem, der es hören will – ich bitte Sie darum!«

Er geleitete den Besucher, der etwas verdutzt war, zur Türe. Dann schritt er langsam wieder dem Lehnstuhl zu. Erst da brach er mit einem dumpfen Wehlaut zusammen und barg sein Antlitz in den Händen.

So lag er regungslos und hörte es in seinem wilden Schmerze nicht, daß ein leiser, zögernder Schritt das Zimmer durchmaß. Erst als Judith seine Hand zu berühren wagte, fuhr er empor.

»Vater«, begann sie mit zitternder Stimme, »zürne mir nicht. Es ist ein anderes Glück, als du mir vorbestimmt hast, aber ich habe es ja nicht ausgewählt, es ist über mich gekommen...«

»Schweig!« schrie er auf und schleuderte ihre Hand hinweg. Daß sie vor ihn hinzutreten, ihn anzureden wagte – der Zorn darüber raubte ihm fast die Besinnung. Dann erst trat ihm ins Bewußtsein, was sie gesprochen. »Glück?« stieß er hervor. »Was faselst du da?«

»Mein Glück«, erwiderte sie leise, aber entschieden. »Denn ich liebe ihn. Er wird mich zu seinem Weibe machen !«

Der alte Mann schnellte jählings empor. Die Augen wurden starr und drängten fast aus ihren Höhlen, die Lippen zuckten; wie abwehrend streckte er die zitternden Hände vor. »A-ah!« klang es langgedehnt von seinen Lippen, wie ein dumpfer Schrei. Im nächsten Atemzug hatte er ihre beiden Hände gefaßt und zerrte die Bebende dem Fenster, dem helleren Licht zu. Seine Augen suchten die ihrigen und hielten sie fest – immer bohrender senkte sich sein Blick in den ihren. Schwer, fast röchelnd ging der Atem über seine Lippen, aber er fand kein Wort in dieser höchsten Not seiner Seele; nur in seinen starren, entsetzten Augen lag die Frage, auf die er Antwort gebot.

Sie hielt seinen Blick aus; das blasse Antlitz färbte sich immer höher, bis der Purpur Stirn und Nacken bedeckte, aber die Wimpern senkten sich nicht. Ihr Blut, das Entsetzen in seinen Zügen, ließ die Reine die Frage dieser Augen fassen und verstehen. Und sie gab die Antwort... Er atmete tief, tief auf und ließ ihre Hände fahren. »Erzähle!« befahl er dann kurz. Sie zögerte. »Hab ich kein Recht darauf?« schrie er auf.

»Ja – vielleicht...«, murmelte sie, »ich weiß nicht... Vater«, rief sie dann flehend, »ich weiß ja selbst kaum, wie es gekommen ist. Ich wollte ja nicht, ich mußte, und ihm mag es ebenso ergangen sein. Aber er meint es ehrlich mit mir...«

»Davon später!« befahl er. »Erzähle!«

Sie begann zu berichten, zuerst in wirren, halblauten Worten, wie sie beim Einzug von seinem Blick getroffen worden, welchen Aufruhr der Empfindungen sein Betragen an jenem Ballabend in ihr wachgerufen. Dann aber, als sie von jener Unterredung nach der Vorlesung Wiliszewskis berichtete, bezwang sie ihr Bangen; sie erzählte alles, wie sie es wußte, die volle Wahrheit.

Er stand unbeweglich, die Stirn an das Fensterkreuz gedrückt, und horchte still. Nur einmal unterbrach er sie. Als sie der folgenden Unterredungen im Hause des Kommissärs gedachte, fragte er plötzlich: »Und es fiel dir nicht auf, daß ihr immer allein wart?«

»Nein... Es war ja wohl auch nur...«

»Ein Zufall!« fiel er höhnisch ein und schüttelte die geballte Faust gegen die Decke des Zimmers. »Aber weiter...«

Er ließ sich wieder in den Lehnstuhl sinken; sie saß neben ihm nieder und brachte ihre Erzählung zu Ende. Auch von der heutigen Unterredung verschwieg sie nichts. »Vater«, schloß sie flehend, »ich habe nicht vergessen und kann es nie, wie schwer ich dich und Rafael kränke. Ganz glücklich kann ich darum nicht werden. Aber du bist gut und klug, du wirst einsehen, daß ich nicht anders kann!« Sie sank zu seinen Füßen nieder und umschloß seine Knie. »Vater, zürne mir nicht!«

Er saß lange schweigend und regte sich nicht. Dann tastete er sacht nach ihren Händen und löste sie von seinen Knien, erhob sich, trat ans Fenster und blickte auf die Straße hinaus, auf welche sich die frühe Dämmerung des Spätherbstes senkte. Nur einmal flüsterte er vor sich hin: »Und ich Tor habe deinen frühen Tod so oft beklagt! Wohl dir!« Gleich darauf begann er laut: »Deine Mutter...«, aber er brach ab und stand wieder schweigend.

Das währte lange; es wurde immer dunkler im Gemache. Da raffte er sich endlich auf, entzündete die Kerzen auf dem Tische und trat an sein Kind heran, das noch immer auf den Knien lag, das Haupt an den Stuhl gelehnt. »Steh auf!« befahl er und trat dicht vor sie hin. Sie gehorchte. Sie wollte ihm ins Auge blicken und konnte es nicht, so tief erschütterte es sie, wie jählings gealtert sein Antlitz erschien. Aber seine Stimme bebte nicht mehr.

»Das ist ein schweres Unglück«, sagte er. »Mein Herz ruft seinen Dank zu Gott, daß Er uns nicht ganz vernichtet hat, aber was Er über uns gesendet, ist furchtbar genug. Ich mache dir keinen Vorwurf, du hättest keine Heimlichkeiten vor mir haben sollen, aber du bist so jung und er ein schöner Mensch, ein Graf. Und klagte ich dich an, so müßte ich mich anklagen; ich hätte erwägen sollen, unter welche Menschen ich dich sende, wie ihr Verkehr auf dich wirken muß. Ich hätte klüger sein sollen, so klug wie mein armer, braver Knabe, dem das Herz bräche, wenn er es je erführe. Er soll es nicht erfahren, niemals!...«

Sie machte eine Bewegung, als ob sie sprechen wollte.

»Niemals!« wiederholte er. »Höre, Judith! Ich weiß, daß der Wahn heute dein Auge verblendet, dein Ohr taub macht, du kannst jetzt nicht verstehen, was ich dir zu sagen habe, die Wand hier könnte es besser als du. Aber du sollst schon jetzt wissen: so denkt mein Vater, der mich mehr liebt als sein eigenes Leben, und wird seinen Sinn nicht ändern. Du wirst die Leute da oben und den Grafen nie mehr sehen und sprechen, du wirst auf deinem Zimmer bleiben und es ohne meinen Befehl nicht verlassen. Das beste wär's, ich ließe die Pferde wieder anspannen und brächte dich sofort in das Haus, woher ich komme, zu meiner Schwester Recha in Tarnopol. Sie ist eine kluge, milde Frau, deine Tante Recha, sie weiß mit Kranken umzugehen. Aber das ist leider erst in frühestens einer Woche möglich – das Gerede wüchse sonst noch mehr...«

»Vater«, rief sie, »zertritt mich nicht!«

»Das wollen andere und waren auf dem besten Wege dazu – ich, dein Vater, will dich retten. Ob der Graf ein schurkischer Verführer ist, der kaltblütig gehandelt und sich den Schurken da oben zum Helfer gemietet hat, ob er nur ein schwacher Mensch ist, der sich im Rausch seines Blutes den Beistand des Elenden hat gefallen lassen – ich weiß es nicht, es ist auch gleichgültig, in beiden Fällen wäre dein Los gleich furchtbar gewesen...«

»Beschimpf ihn nicht!« schrie sie auf. »Er ist gut und ehrlich! Frag ihn, wenn du zweifelst, oder hör ihn an, wenn er um mich werben kommt.«

»Das könnt' ich ruhig versprechen«, erwiderte er bitter, »denn er wird nicht kommen. Und fragen werd ich ihn nicht, weil ich die Antwort kenne und mich nicht verhöhnen lassen will: ›Der Alte hat aus Verzweiflung den Verstand verloren und den Grafen wirklich und wahrhaftig angefleht, die Verführte zu seinem Weibe zu machen.‹ Und nun...«

»Aber wenn er kommt?«

»Dann würde ich nein sagen: Nein und nein, solange ein Atem in mir ist, dich vor Unglück zu schützen. Denn Feuer und Wasser mischt sich nicht friedlich, und ein Weib, welches seinem Manne zum Fluche wird, ist das unseligste Geschöpf der Welt. Wäre der Graf Agenor Baranowski wirklich wahnsinnig genug, meine Tochter zu heiraten, er wäre moralisch tot. Drei Monate Rausch, und dann ein Leben voller Jammer – du verdienst ein besseres Geschick. Und nun kein Wort mehr«, fuhr er gebieterisch fort, als sie wieder sprechen wollte. »Meinen Willen mußtest du schon heute erfahren – verstehen kannst du mich heute nicht!«

Sie trat einen Schritt vor und hob flehend die Hände. Er schüttelte stumm das Haupt. Da ließ sie die Arme sinken, ein Zittern überflog ihren Leib. Gesenkten Hauptes wankte sie hinaus. Er sah ihr traurig nach; auch nachdem sich die Tür längst hinter ihr geschlossen, behielt sein Blick dieselbe Richtung.

So traf ihn die alte Dienerin; sie brachte die Briefe, die in seiner Abwesenheit eingelaufen, und fragte, ob er das Nachtessen wünsche. Er lehnte es ab, setzte sich hin und versuchte die Briefe zu lesen. Es gelang ihm nicht, nur ein Schreiben fesselte ihn. Der ehemalige Schüler Bergheimers, Herr Berthold Wertheimer in Breslau, teilte in wohlgesetzten Worten mit, daß er, auf einer Geschäftsreise durch Galizien begriffen, nächstens seine persönliche Aufwartung machen werde. »Das ist nun auch vorbei«, murmelte der alte Mann schmerzvoll. »Ich werde mich glücklich schätzen, wenn das arme Kind in einem, in zwei Jahren genesen sein wird.«

Während er so gramvoll brütete, überhörte er ein Klopfen an der Tür und blickte erst auf, als der Besucher vor ihm stand. Es war Herr von Wroblewski. Mit wehmutsvoller Miene streckte er dem Juden die Hand entgegen. »Pani Nathaniel«, sagte er weich, »ich weiß Sie in Sorgen und Schmerzen, da darf der treue Freund nicht fehlen!«

Im Antlitz des alten Mannes zuckte es, er bezwang sich. Die dargebotene Hand nahm er nicht, aber die Stimme klang ruhig, als er fragte: »Und was hat mir der treue Freund zu sagen?«

»Mein Gott, wie Sie mich dabei ansehen! Als ob ich daran schuldig wäre. Da täten Sie mir unrecht, auf Ehre! In meinem Hause ist zwischen den beiden jungen Leuten nie ein verfängliches Wort gefallen, und ich war starr vor Staunen, als ich von der Sache erfuhr...«

»Schön!« sagte der Jude, noch immer kalt und gemessen. »Aber Sie verlangen nicht, daß ich es Ihnen glaube!... Wozu die Komödie? Was führt Sie zu mir?«

»Pani Nathaniel, Sie kränken mich! Es war wirklich nur die alte Freundschaft, auf Ehre. Und dann bin ich ja gewissermaßen an der Sache beteiligt. Sie mögen mich behandeln, wie Sie wollen, ich werde doch meine Pflicht tun. Als Ehrenmann, als Ihr Freund. Ich werde morgen, oder, wenn Sie es wünschen, noch heute zu dem Grafen gehen und ihm sagen: Sie haben das junge Mädchen in meinem Hause kennengelernt! Ich habe daher das Recht, Sie daran zu erinnern, daß Sie im Begriff sind, ein Verbrechen an einer ehrenhaften Familie zu begehen. Und ich beschwöre Sie, jeden weiteren Versuch zu unterlassen. Ja, das will und werde ich tun!«

»Gut. Tun Sie, was Sie nicht lassen können!«

»Aber, mein Gott, sind Sie etwa nicht einverstanden? Es ist der einzige Weg, auf den Grafen zu wirken. Und einen besseren Vermittler können Sie ja nicht finden.«

»Gewiß – wenigstens keinen ehrlicheren. Aber ich brauche überhaupt keinen Vermittler in dieser Sache. Ich habe meiner Tochter verboten, je wieder mit dem Grafen oder Ihnen und Ihren Damen auch nur eine Silbe zu sprechen. Und weil sie ein gutes Kind ist, ein jüdisch Kind und im Gehorsam gegen den Vater erzogen, so wird sie gehorchen, es mag ihr nun leicht- oder schwerfallen...«

Herr von Wroblewski lächelte. »Aber heißt das nicht das Kind mit dem Bade ausschütten? Vielleicht gibt mir der Graf die Antwort: Ich meine es ernst und will das Mädchen heiraten! Möglich ist ja...«

»Auch dies würde nichts an der Sache ändern. Ich würde nein sagen, und Judith weiß es, nicht aus Abneigung gegen den Christen, sondern weil eine solche Ehe das sichere Unglück für beide wäre.« Er erhob sich.

»Das kann nicht Ihr letztes Wort sein!« rief der Kommissär. »Oder doch? Sie stoßen die Hand des Freundes zurück?«

»Ja«, erwiderte der Jude kurz. »Ich nehme Ihnen nicht übel, daß Sie gekommen sind«, fuhr er im Tone unsäglicher Verachtung fort, »denn jeder Mensch muß nach seinen Grundsätzen handeln. Ihr Grundsatz als Richter wie als Privatmann lautet: sich von beiden Parteien überzeugen zu lassen. Der Graf hat Sie bereits überzeugt, nun soll ich es tun. Ich verzichte aber...«

Wroblewski wechselte die Farbe, sein Gesicht verzerrte sich in Haß und Wut. Mühsam suchte er sich zu fassen. »Aber Pani Nathaniel«, murmelte er, »man muß mich bei Ihnen verleumdet haben! Vielleicht der Bürgermeister? Oh, wenn Sie wüßten, wie seine Frau... Es fiele mir wirklich schwer, mit diesem Mißton von Ihnen zu scheiden.«

»Und doch«, sagte Trachtenberg und richtete sich empor, »werden Sie sich dareinfinden. Ich müßte sonst meinen Kutscher rufen!«

Als der Kommissär wieder in dem dunklen Flur stand, mußte er sich an den Türpfosten halten; die Bestürzung, die Wut drohten ihn zu übermannen. »Das sollst du mir büßen«, stöhnte er, »büßen... büßen!« – wohl an die zehn Male wiederholte er das Wort. Dann trat er auf die Straße und ging sinnend auf und nieder. Endlich war sein Entschluß gefaßt. »So wird's gehen... Und heute muß es sein...« Er blickte nach der Uhr. »Neun! Also bequem Zeit!« Raschen Schrittes schlug er die Straße zum Schlosse ein.

Eine halbe Stunde später stand er vor dem Grafen. Der junge Mann hatte sich eben von seiner Mahlzeit erhoben. »Sie wollen sich nach dem Brief erkundigen?« fragte er. »Es ist besorgt!«

»Ich habe nicht gezweifelt und bin nur gekommen, um Ihnen meinen Dank durch die Tat zu sagen.« Hastig berichtete er, was geschehen, natürlich in zweckmäßiger Darstellung. »Es muß eine entsetzliche Szene gewesen sein. Das Mädchen schwor, daß es nie von Ihnen lassen könne, der Alte, daß er sogar Ihre Werbung als einen tödlichen Schimpf betrachten würde. Nun hat er sie in ihr Zimmer gesperrt, und morgen, in grauer Frühe, wird er sie fortschleppen, zu Verwandten, in irgendein anderes Ghetto; wer weiß wohin. Das Mädchen ist Ihnen verloren, wenn Sie nicht rasch handeln...«

Der Graf ging erregt auf und nieder. »Was soll ich tun?« fragte er.

»Es wäre schlimm, wenn Sie meiner bedürften, um dies zu erfahren!«

»Eine Entführung! Aber das ist eine Gewalttat...«

»Die noch nie vorgekommen ist! Übrigens können Sie ruhig sein, Sie werden kein Hindernis finden. Ich kenne das Zimmer des Mädchens.«

»Und wenn sie sich weigert?«

»Hat sie sich geweigert, in den Park zu kommen? Und sie sollte sich weigern, mit Ihnen zu fliehen, jetzt, nachdem der Alte töricht und fanatisch genug war, ihr zu sagen, daß er sogar in eine Ehe nie willigen würde?«

»Aber sie wird einen Schwur von mir verlangen!«

»So schwören Sie! ›Schwüre der Liebenden‹ – kennen Sie das Liedchen nicht? Übrigens scheinen Sie schon einige Gewandtheit in dieser schwierigen Situation zu haben. Sind Sie ohne Schwüre so weit gekommen, so wird es Ihnen auch in der Folge glücken!«

»Es geht nicht... mein Gewissen erlaubt es nicht!« Und während er so sprach, stand vor seinen Augen das Schlößchen, welches er fünf Stunden von hier, am Rande des Waldgebirges, besaß, und der Wagen hielt vor der Pforte, und er trug die Geliebte in seinen Armen hinein.

»Ihr Gewissen?« fragte der Kommissär. »Darüber können natürlich nur Sie entscheiden!... Überlegen Sie sich die Sache – Sie haben ja noch einige Stunden Zeit. Wollen Sie es wagen, so lassen Sie Ihre Equipage gegen ein Uhr in der Straße hinter dem Hause halten, natürlich mehrere hundert Schritte von der Hofpforte. Ich meinerseits werde um diese Stunde am offenen Fenster, an der Vorderseite, frische Luft schöpfen. Sehe ich Sie mit dem Glockenschlage unten, so öffne ich Ihnen das Tor. Wie gesagt, überlegen Sie es recht gründlich. Gute Nacht, oder auf Wiedersehen.«

Er wandte sich zum Gehen, eine Bewegung des Grafen hielt ihn zurück. »Nur eine Frage... Trachtenberg hat seiner Tochter gesagt, daß er sogar meine Werbung zurückweisen würde... Ist das wahr?«

»Hab ich jemals gelogen?« fragte Herr von Wroblewski gekränkt und fuhr im selben Atemzuge lächelnd fort: »Halten Sie mich für dumm? Werd ich etwas behaupten, von dessen Unwahrheit Sie sich so bald durch eine kurze Frage an das Mädchen überzeugen könnten? Lernen Sie mich besser kennen, lieber Graf!«

»Also wirklich? Sein Fanatismus geht so weit?...«

»Das wundert Sie doch nicht? Sind wir denn in den Augen dieser Leute überhaupt Menschen? Und wenn dieser Umstand Ihr Gewissen nicht erleichtern kann... Aber das ist Ihre Sache!«

Er verbeugte sich und ging.


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