Karl Emil Franzos
Judith Trachtenberg
Karl Emil Franzos

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Neuntes Kapitel

Seither waren drei Wochen ins Land gegangen; Weihnachten stand vor der Tür. Tag um Tag lag derselbe Sonnenglanz über See und Bergen – der schönste Dezember, sagten die Leute, der je dem Gardagau beschieden gewesen. Und mitten in dieser lichten Schönheit spannen die beiden Menschen im Schlößchen bei Porta San Michele das trübe, bange, scheue Dämmerleben fort, in das sie sich verstrickt. Judith hatte sich bald wieder erhoben; sie fand sich zu den Mahlzeiten ein; kein Seufzer, kein Wort der Klage kam mehr über ihre Lippen. Auch der Graf führte sein Leben fort wie vor jenem Tage und rührte nicht mehr an das Geschehene. Aber beide empfanden es deutlich und qualvoll, daß sich eine tiefe, tiefe Kluft zwischen ihnen aufgetan; sie fühlte, daß sie nicht mehr zu ihm gelangen könne, er fand nicht den Mut dazu, den Anlauf zu wagen. Wie in einem Nebel gingen sie nebeneinander dahin und sahen jeder des anderen Seele nur noch undeutlich, und keines streckte mehr die Hand aus, des Gefährten Hand mitleidig und liebevoll zu fassen.

Nur zweimal hatten sie während dieser Wochen ein Wort über das Notwendige, das Gleichgültige hinaus gesprochen. Die »Augsburger Allgemeine Zeitung«, die er hielt – es war das einzige große Blatt, welches damals in Österreich zugelassen war –, brachte eines Tages einen langen Aufsatz über das neue Zivilehegesetz im Großherzogtum Sachsen-Weimar; es war das erste derartige Gesetz in Europa, welches die Ehe zwischen Christen und Juden ohne Glaubenswechsel ermöglichte. Diesen Aufsatz hatte sie eben gelesen, als er ins Zimmer trat. Sie fragte, ob er ihn schon kenne.

Er bejahte. »Sehr merkwürdig!« fügte er hinzu.

»Gewiß! Und wer bei uns daheim aufgewachsen ist, wäre versucht, es für unmöglich zu halten. Aber nun, wo das Wunder in dem einen Lande geschehen ist, werden wohl auch die anderen folgen. Und vielleicht kommt die Zeit, wo es für niemand mehr ein Unglück bedeutet, ein Herz zu haben und diesem Herzen zu gehorchen...« Sie atmete tief auf. »Nicht wahr, ich darf das Blatt behalten? Wenn ich ein Gebetbuch hätte, würde ich es da hineinlegen.«

Er erwiderte nichts, und erst nach einer Weile sagte er, nur um eben nicht ganz stumm zu bleiben: »Die von Weimar haben überhaupt viel Neuerungen eingeführt.« Aber sie hörte es wohl kaum; ein Ausdruck tiefen, schmerzvollen Sinnes lag auf ihren Zügen.

»Glaubst du«, fragte sie dann plötzlich, »daß es ein Gebetbuch gibt, welches für alle Menschen taugt, die an Gott glauben, gleichviel welchen Bekenntnisses sie sind?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte er, »ich will mich erkundigen...«

»Es wäre wohl nutzlos«, sagte sie, »heute gibt es wohl noch kein solches Buch, aber vielleicht kommt auch noch dafür die Zeit...«

Das zweite Gespräch aber, welches anderes behandelte als die Mahlzeit, das Wetter oder das Befinden des Kindes, ergab sich kurz darauf anläßlich eines Besuches, welchen ihnen der Podestà von Riva gemacht. Agenor war sehr bleich geworden, als ihm das Oberhaupt der Stadt gemeldet wurde, aber es handelte sich um eine harmlose Sache. Am Silvestertage sollte in Trient ein großes Fest zugunsten der Armen Südtirols stattfinden. Der Podestà wollte den reichen Forestieri persönlich die Karten überbringen, um eine Überzahlung zu erzielen. Als der dicke, olivengelbe Herr sich unter vielen Dankesworten für die reiche Gabe wieder aus dem Salon geschoben hatte, fragte Judith: »Willst du nicht hingehen?«

»Nein!« erwiderte er befremdet. »Es interessiert mich gar nicht. Und wie könnt' ich dich allein lassen?«

»Was sollte mir hier geschehen? Ich habe oft schon daran gedacht und nur nicht gewußt, wie es dir sagen: Es wäre für dich gut, wenn du für einige Wochen wieder in der Welt lebtest. Und vielleicht auch...«

»Für dich!« rief er. »Ist es schon so weit zwischen uns gekommen?«

»Für uns beide«, erwiderte sie sanft. »Vielleicht fänden wir uns nach einer solchen kurzen Trennung unbefangener zueinander... Sprich nicht weiter«, fuhr sie hastig fort, als er reden wollte. »Durch Worte wird es nicht gut... Überlege dir meinen Vorschlag, ich bitte dich!«

Sie erhob sich und verließ rasch das Zimmer.

Eine Woche nach diesem Gespräch, hart vor Weihnachten, erhielt Agenor einen Geldbrief seines Wiener Bankhauses. Das Guthaben des Herrn Grafen – schrieben die Herren M. L. Biedermann & Komp. – sei allerdings bereits erschöpft; sie trügen selbstverständlich gleichwohl kein Bedenken, die gewünschte Summe angebogen ergebenst zu überreichen, bäten jedoch um baldige Deckung. Auch erlaubten sie sich beifolgend wieder zwei Briefe zu überreichen. Der eine sei vor etwa einer Woche angelangt, der andere soeben als Eilbrief mittels Estafette.

Das ältere Schreiben war jene dringende Mahnung Stiegles zur Sparsamkeit, das jüngere kam von Wroblewski und enthielt bereits die Antwort auf den Brief, den Agenor am dreißigsten November an ihn gerichtet. Obwohl Rafael, meldete er, den an den Toten adressierten Brief sofort erbrochen und zu den Akten gegeben, hoffe er die Gefahr doch noch abzuwenden, soweit er umgehend weitere dreißigtausend Gulden erhalte. Wo nicht, so gedenke er selbst durch eine Kugel der Schmach zu entgehen und könne dem Grafen nur raten, ein Gleiches zu tun. Beigelegt waren einige Zeilen Stiegles; er habe auch die zuletzt angewiesenen zehntausend Gulden aufgetrieben, aber zu vierzig Perzent Zinsen; da er unter diesen Umständen das sichere Verderben hereinbrechen sehe, so kündige er hiermit seinen Posten endgültig zu Ende März.

In fast sinnloser Wut zerknüllte Agenor den Brief des Kommissärs. Welch ein Schurke! – wieviel Habsucht und Verlogenheit er ihm zugetraut, solche Niedertracht doch nicht. Er hatte unter dem Eindruck jener Unterredung mit Judith in den nächsten Tagen nicht daran gedacht, seine Anweisung zurückzuziehen, und es dann unterlassen, weil es wohl zu spät war – der biedere Wroblewski, dachte er, gibt nichts wieder; er wird mir das Geld wahrscheinlich als Vorschuß für künftige Dienste quittieren. Und nun dieser Brief! Und in dieses Menschen Hände war er gegeben! Allerdings nicht ganz waffenlos mehr – gerade dieses letzte Schreiben bewies seine Niedertracht sonnenklar –, aber auch dies konnte nicht viel nützen, solange ihm der Graf durch sein Fernbleiben bewies, wie sehr ihm vor jeder Enthüllung bange... Schon deshalb mußte er heim und dann, um Ordnung in seiner Wirtschaft zu schaffen; alle Allodialgüter ließen sich nun nicht mehr halten. Aber konnte er fort, durfte er Judith allein lassen?

In diesen qualvollen, widerstreitenden Gedanken verflossen ihm die Stunden bis zum Mittagessen; mühsam raffte er sich dann so weit auf, um Judith ein möglichst gleichmütiges Gesicht zu zeigen. Es gelang ihm wohl nicht ganz, denn als er nach dem Speisen zur Zigarre griff, trat sie auf ihn zu und fragte: »Du hast heute schlimme Nachricht vom Hause erhalten. Was ist es?«

»Nichts von Bedeutung«, erwiderte er. »Verdrießlichkeiten in der Wirtschaft... Die alten Schulden von meinem Vetter her...«

»Da mußt du heimgehen und es ordnen; das ist deine Pflicht. Ich bleibe inzwischen mit dem Kleinen hier; im April holst du uns, oder wir kommen allein nach!«

»Du möchtest mich gerne los sein?« fragte er mit gezwungenem Lachen, aber der Blick, den er dabei auf sie richtete, war sehr ernst.

Sie verstand diesen Blick und hielt ihn ruhig aus. »Das ist törichte Furcht, Agenor. Daß mich das Kind unter allen Umständen ans Leben fesseln würde, weißt du nun. Und wie dürft' ich dir solchen Schmerz bereiten? Was immer du sonst an mir gefehlt hast, dein Wort hast du eingelöst und mich zu deinem Weibe gemacht. Ich sage dir offen, Agenor, ich glaube, es wäre ein Glück für dich und mich, wenn ich bald eines natürlichen Todes stürbe...«

»Judith!«

»Verzeih, ich hätte es nicht sagen sollen, aber es ist mir so gleichsam von selbst aus dem Herzen empor und auf die Lippen gequollen. Und wahr ist's ja! Schon hier haben wir es nicht leicht, wie erst daheim! Aber mein freiwilliger Tod wäre doch ein furchtbares Unglück für dich – dein Gewissen könnte niemals zur Ruhe kommen... Es ist ein grauenhaftes Gefühl«, fuhr sie fort, und ihr Antlitz wurde furchtbar düster, während sie dies sagte, »eines Menschen Leben auf dem Gewissen zu haben, eines Menschen, der uns geliebt – dir soll dies erspart bleiben, Agenor... Wann reisest du?«

»Laß es mich noch überlegen«, bat er. »Wie soll ich von dir gehen, wenn ich dich von so qualvollen Gedanken erfüllt weiß! Und du quälst dich grundlos!«

»Still!« bat sie flehentlich. »Kein Wort davon. Durch Worte wird es nicht gut, sagt' ich dir schon neulich... Gerade mir zuliebe solltest du gehen! Ich habe die Empfindung, als ob ich leichter mit mir fertig würde, wenn ich die nächste Zeit einsam verbrächte... Und was könnte dich etwa sonst hindern. Die Furcht vor Rafaels Rache, vor der Strafe der Gerichte? Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, es scheint mir jetzt, wo ich klarer sehe, fast unglaublich, daß du sie im Ernst fürchten könntest. Der Geklagte, ein Graf aus uraltem Geschlecht, welcher der katholischen Kirche eine Seele zugeführt, der Kläger ein Judenjunge – und der Prozeß spielt in Galizien! Glaube mir, Agenor – wenn du mich entehrt und dann von der Schwelle gejagt hättest und ich, die Betrogene, die Zertretene, wäre deine Anklägerin –, die Herren Richter würden mir ins Gesicht lachen, wenn ich deine Bestrafung verlangte. Ich sage es ohne Bitterkeit, nur weil es eben die Wahrheit ist... Nochmals, du mußt reisen!«

Er bat gleichwohl wieder um Bedenkzeit. Und wenn sie es inzwischen erfährt? dachte er. Aber wie konnte sie es erfahren, da ihr Aufenthalt nur ihm und dem Wiener Bankhause bekannt war! Und daß sie sich nicht über den April hinaus der Heimat würde fernhalten lassen, war ja klar. Kehrte er heim, so konnte er Vorsorge treffen, vielleicht den Rat eines tüchtigen Anwalts einholen.

Nach Weihnachten reiste er ab. Auch der Augenblick des Abschieds führte die entfremdeten Gemüter nicht wieder zusammen, so freundlich, ja herzlich die Worte klangen. Mit trockenen Augen blickte sie ihm nach, als der Wagen aus dem Tor des Parkes rollte. »Auf fröhliches Wiedersehen!« rief er ihr noch zu. – »Auf Wiedersehen«, erwiderte sie freundlich und ließ ihr Tüchlein flattern. Daß es nicht fröhlich sein werde, sagte ihr das Herz.

Nun ward es noch stiller im Palazzino bei Porta San Michele. Nur der alte Jan, der zum Schutz der Frauen zurückgeblieben, ließ sich zuweilen im Städtchen sehen; Judith verließ nie die Umfriedung des Parkes. Viele Zeit verwandte sie auf die Pflege des Kindes, las wohl auch in den Büchern, die ihr Agenor aus Innsbruck gesendet, aber manche Stunde saß sie stumm und regungslos da, in tiefes Brüten versunken, mit starrem, nach innen gekehrtem Blick, daß die treue Hania ganz betrübt umherschlich und in ihrer Herzensangst immer neue Vorwände ersann, um sooft als möglich in den kleinen Salon zu treten. Das kluge Mädchen war erst auf der Reise, in Czernowitz, in Judiths Dienste getreten und wußte von ihrer Vorgeschichte nicht viel, von dem letzten, schlimmsten Unglück, das diese arme Seele heimgesucht, nur, daß sie des Vaters Tod betraure, aber das Mitleid machte sie scharfsichtig. Wenn der Graf wüßte, was ich weiß, dachte sie zuweilen grollend, dann schriebe er häufiger! Darin tat sie ihm unrecht; er war nicht lässig und gab kurze Nachricht, sooft es die Hast der Reise, dann der Ansturm unerquicklicher Geschäfte und Erlebnisse nach der Heimkehr gestattete, aber auch die längsten, ja vielleicht sogar die liebevollsten Briefe hätten den Druck nicht verringert, der auf Judiths Gemüt lastete. Er schrieb, daß er manches zu ordnen vorgefunden und mit wenigen verkehre; einmal fand sich auch die kurze Bemerkung, die Furcht vor den Gerichten sei wohl wirklich überflüssig gewesen, ein andermal die Nachricht, er höre, daß es Rafael gutgehe, er widme sich mit vielem Eifer und Erfolg der Leitung der Fabrik. Sie dankte ihm für jeden Brief herzlich und versicherte, es gehe ihr und dem Kinde wohl; auch sie schrieb kurz, keine Silbe von dem, was all ihr Sinnen erfüllte. Wenn sie früher selbst geglaubt, in der Einsamkeit leichter mit sich fertig zu werden, so hatte sie diese Hoffnung betrogen; ihr stand im Wachen und im Traum nur immer ein Bild vor Augen: das Sterbelager des Vaters und wie sein letzter Hauch ein Fluch für seine Mörderin gewesen – immer, immer sah sie dies, auch wenn sie an der Wiege des Kindes saß. Und darum war es vielleicht gut für die Unglückliche, als eines Tages die Sorge um ihr Kind dringender an sie herantrat als bisher; die Annunziata wurde krank, eine andere Amme ließ sich nicht sofort beschaffen; man mußte den Versuch machen, das kaum drei Monate alte Kind durch künstliche Nahrung aufzuziehen. Es gelang aber nicht ohne die größten Sorgen und Kümmernisse. Und nur in diesen peinvollen Tagen hatte sie jene andere, schlimmere Pein nicht empfunden...

Darüber war der Februar zu Ende gegangen; im Garten der Villa blühten nun die ersten Frühlingsblumen, und die Lüfte wehten so warm wie drüben in der dürftigen Heimat, wo alle Gedanken des jungen Weibes weilten, kaum im Juni. Das Kind konnte nun wieder lange Stunden im Freien verbringen, auf der sonnigen Terrasse hinter dem Hause; die Annunziata, die nur noch seine Wärterin war, hielt es auf dem Schoße, Judith saß daneben und beugte sich zuweilen auf sein Händchen nieder, es zu küssen. Dann lächelte das Kind, welches die Mutter schon wohl kannte, und griff ihr mit den Händchen ins Gesicht, und in solchen Augenblicken fügte es sich wohl, daß auch über dies düstere, bleiche, verhärmte Antlitz der Schein eines Lächelns huschte.

So saßen sie auch eines Tages – es war zu Anfang März – auf der Terrasse beisammen, als Jan erschien und berichtete, im Flur stehe ein Bettelmönch, der den Herrn Grafen zu sprechen wünsche. Obwohl Annunziata kein Wort von seiner Meldung verstehen konnte, da er ja mit der Herrin in der Sprache der Heimat verkehrte, fügte er doch nur flüsternd hinzu: »Ein Bote aus Galizien, der uns kennt, auch unsern wirklichen Namen. Ich habe ihm nun schon zehnmal gesagt: ›Der Graf ist verreist!‹, aber er erwidert mir immer: ›Melden Sie mich! Mich wird er empfangen!‹ Und geht nicht von der Stelle...«

»Bring ihn her!« sagte Judith.

Der Mönch, ein gebückter Greis mit langem, weißem Bart, erschien. »Gelobt sei Jesus Christus«, begann er und neigte sich tief. Und da Judith nicht einfiel, so fügte er selbst hinzu: »In Ewigkeit, Amen!«

»Sie wünschen meinen Gatten zu sprechen?« fragte sie. »Er ist kurz vor Neujahr verreist, wann er wiederkommt, weiß ich nicht genau. Er ist auf seinen Gütern in Podolien.«

»Gnädigste Gräfin«, sagte der Greis mit zitternder Stimme, »ich muß ihn sprechen! Bitte, sagen Sie ihm...«

»Wenn Sie mir nicht glauben«, unterbrach ihn Judith stolz und scharf, »so habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen...«

Der Mann wich einen Schritt zurück. »Verzeihung«, murmelte er. »Aber es wäre für mich so furchtbar... So furchtbar!« wiederholte er laut, mit so veränderter Stimme, daß ihn Judith befremdet anblickte. »Ich habe ja«, fuhr er dann wieder mit seiner schwachen, zitterigen Greisenstimme fort, »den ungeheuren Weg nur gemacht, um ihn zu sprechen...«

»Können Sie es nicht mir sagen?«

»Nein... Unmöglich!« Aber er blieb auf der Stelle.

»Was wünschen Sie noch?« fragte sie. Der Mönch erwiderte nichts, Jan jedoch sagte: »Der hochwürdigste Herr wird wahrscheinlich einen Imbiß und eine kleine Gabe nicht verschmähen.«

»Beides kannst du ihm reichen«, sagte Judith und wandte sich dem Kinde zu. Als sie wieder aufblickte, war bereits der Mönch dem Diener in den Flur gefolgt.

Seltsam! dachte sie. Wie hat der Mann den Weg hierher gefunden? Kommen doch sogar Agenors Briefe an mich auf dem Umweg durch das Wiener Bankhaus? Und was mag er gewollt haben?

Eine Stunde später, bei Tische, meldete Jan: »Der Alte sitzt noch drinnen in der Gesindestube... Aber da ist etwas nicht in Ordnung...«

»Wieso?«

»Als ihm die Hania vorhin das Essen brachte, erschrak er sehr. Ich sah es ganz deutlich, er fuhr zusammen und zitterte. Sie aber sagt, sie kenne ihn gar nicht... Zweitens aber säuft dieser Greis, wie es drei Junge nicht könnten. Ich habe ihn gewarnt: Dieser Veltliner ist ein Teufelswein. Aber er säuft ihn in sich hinein wie Wasser und stöhnt dazwischen, er wüßte nun nicht, was anfangen...«

»Gib ihm zwei Gulden«, befahl Judith, »und schaff ihn aus dem Hause.«

Etwa eine halbe Stunde später, als sie in ihrem Zimmer saß und einen Brief an Agenor schrieb, in welchem sie ihm auch diesen Besuch berichtete, kam die Hania hereingestürzt, schreckensbleich und zitternd.

»Gnädigste Gräfin«, stammelte sie in höchster Erregung, »der Mönch ist ein Gauner, der Schreiber Trudka, ich kenn ihn.«

»Wie?«

»Der Ignaz Trudka, welcher Schreiber bei dem Advokaten in Czernowitz war, bei dem ich diente. Und mir hat er damals den Hof gemacht und wollte mich heiraten. Aber zu meinem Glück wurde bald ruchbar, daß er ein Gauner war, der von der Polizei gesucht wurde. Nämlich er pflegt sich als Priester zu vermummen und die Leute zu betrügen!«

»Aber der Mönch ist ja ein Greis!«

»Er trägt einen falschen Bart. Der Bart blieb ja dem Jan in den Händen, als er ihn anfaßte. Nämlich, als er nicht fortgehen wollte und noch mehr Wein verlangte, wies ihn Jan hinaus. Er aber rief: ›In diesem Hause darf ich verlangen, was ich will!‹ – und hob dabei die Faust gegen Jan, fiel aber hin, weil er schon sehr bezecht war, und Jan über ihn. Wie ich den Lärm höre, eile ich hinein, und da sehe ich, wie sich Jan aufrichtet und mit ihm der Bart, aber der Mönch bleibt liegen. ›Was ist das?‹ ruf ich und stürze hinzu und erkenne den Gauner. ›Du bist's!‹ ruf ich. ›Was suchst du hier? Ich werde dir das Priesterspielen verleiden, gleich hole ich die Polizei!‹ Er aber, als ich so rufe, wird vor Schreck wieder fast nüchtern und richtet sich auf. ›Ich kenne Sie nicht‹, sagt er, ›Sie irren sich!‹ – ›Was‹, sag ich, ›meinen einstigen Verlobten sollt' ich nicht kennen? Na wart, Halunke!‹ Und da flüstert er mir zu: ›Schweig, wenn dir dein Leben lieb ist!‹ – ›Ach was‹, sag ich, ›dich Gauner und Leutebetrüger werd ich nicht schonen! Jan, werfen Sie ihn hinaus.‹ Aber Jan muß ihn wohl auch schon gesehen haben, gnädigste Gräfin! Denn er starrt ihm ins Gesicht und ist ganz bleich. ›Dies Gesicht...‹, sagt er nur immer vor sich hin, ›wo hab ich dies Gesicht nur gesehen.‹ – ›Mich haben Sie noch nie gesehen!‹ sagt der Trudka. ›O doch‹, sagt Jan, ›in Borky!‹... Aber nun werden Sie so blaß, gnädigste Gräfin...«

In der Tat, Judiths Antlitz war fahl geworden, jeder Blutstropfen schien daraus gewichen. Wie gebrochen sank sie in den Lehnstuhl, neben dem sie gestanden. »Weiter«, murmelte sie, »weiter!«

»Es ist ja nichts mehr zu sagen... Warum sind Sie erschrocken? Hätte ich's Ihnen nicht sagen sollen? Aber ich dachte, ich muß Ihnen melden, was vorgeht, denn der Jan steht ja da wie jenes alte Weib in der Bibel, als wäre er von Stein und sagt nur immer: ›Nein, nein!‹... Aber mein Gott, Sie werden ja ohnmächtig...«

Es schien so; Judiths Augen hatten sich geschlossen, das Haupt neigte sich auf die schweratmende Brust. Aber sie zwang die Schwäche nieder und erhob sich. »Ich muß ihn sprechen...«, murmelte sie.

»Den Jan?... Soll ich ihn holen?«

Sie schüttelte den Kopf und schritt vorwärts. Aber ihre Knie zitterten so sehr, daß sie wohl umgesunken wäre, hätte sie nicht Hania gestützt. »Um Gottes willen!« rief das Mädchen. »Was ist Ihnen? Wohin wollen Sie?«

»Deinen Arm!« murmelte Judith und ließ sich zur Gesindestube führen.

Die Tür des großen, niedrigen Gemachs war weit geöffnet; an dem Tisch stand Jan, ihm gegenüber der Fremde, dessen Schelmengesicht mit dem glattgeschorenen Haar seltsam genug aus der Kutte hervorguckte; der falsche Bart lag noch auf dem Boden, neben der zerbrochenen Flasche. Der alte, treue Mensch hatte eben sein Geldsäckchen auf den Tisch geleert, die Tränen rannen ihm über die Wangen. »Das ist all mein Erspartes!« schluchzte er. »Zweihundertvier Gulden – das wird ihnen zur Heimreise reichen. Und der Graf wird Ihnen geben, was Sie wollen. Aber nun gehen Sie, um Gottes willen, gehen Sie – die Ärmste darf es nicht erfahren.«

Judith trat ein. »Ich danke dir, Jan«, murmelte sie. »Nun aber geh, ich habe mit dem Manne hier zu sprechen!«

Der Alte taumelte zurück. »Gnädigste Gräfin!« schluchzte er auf. »Er lügt ja! Er lügt ja!«

»Geh!« wiederholte sie. »Meine Kraft reicht sonst nicht mehr!«

Weinend schlich er zur Tür hinaus und wies die Hania weg, die ihn mit Fragen bestürmte. »Wir werden gut achtgeben müssen«, stieß er bebend hervor. »Tag und Nacht – der See ist so nahe...«

Drinnen währte die Unterredung kurz, nur wenige Minuten. Dann kam der Trudka herausgeschlichen, den Bart in der Hand. »Wahrhaftig, Herr Jan«, murmelte er, »sie dauert mich. Aber ich soll Sie hineinschicken, sie hat einen Auftrag für Sie!«

Als Jan in die Stube trat, saß sie auf der Bank am Tische. »Hier«, murmelte sie und zog ein Schlüsselchen hervor, »öffne die Kassette in meinem Zimmer und gib dem Menschen die dreihundert Gulden, die ich ihm versprochen habe. – Und schick mir die Hania!«

Das Mädchen, welches wenige Sekunden später eintrat, fand ihre Herrin ohnmächtig auf der Diele hingestreckt.

Es war eine tiefe Ohnmacht; erst der Arzt, den Jan herbeigeholt, konnte sie durch seine Essenzen bannen. Er blieb bis tief in die Nacht bei der Kranken und schien nicht ohne ernste Sorge. »Es ist ein Gehirnfieber im Anzuge«, sagte er, als er ging, »ich fürchte, der Fall wird schwer!«

Er irrte; als er am nächsten Tage erschien, fand er Judith außer Bette. Sie sah jählings gealtert aus, wie ein Schatten ihrer selbst, und es erschütterte ihn, als er gewahrte, daß sich in das rote Gold ihres Haares helle Fäden gemischt... »Graue Haare«, murmelte er. »Gnädigste Gräfin, ich weiß nicht, was Ihnen begegnet ist, aber Sie sind Mutter...«

»Glauben Sie mir, ich denke daran«, versicherte sie und dankte ihm für seine Teilnahme. Er verließ sie beruhigter, als er gekommen.

Auch Hania atmete auf, als sie die Herrin wieder klar und gütig wie immer zu sich reden hörte. Nur Jan blieb ängstlich. »Das endet nicht gut!« murmelte er den Tag über, wo er ging und stand, vor sich hin. »Gott erhalte ihr ihren Verstand.« Und seine Sorge steigerte sich, als sie ihn am Abend herbeirief und ihm sagte: »Du hast dein Erspartes für mich opfern wollen, Jan. Da du mich so liebhast, so wirst du mir gewiß dein Geld leihen, wenn ich dich darum bitte?«

»Mit tausend Freuden«, sagte er, »aber in der Kassette liegt noch so viel...

»Dennoch bitt ich darum, ich zahle es dir gewiß zurück!«

Er brachte es ihr und sagte dann betrübt zu der Hania: »Etwas ist da unter der Stirn doch nicht richtig...«

Am nächsten Morgen sollte er erkennen, daß sie auch darin klaren Sinnes gewesen.


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