Karl Emil Franzos
Judith Trachtenberg
Karl Emil Franzos

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Sechstes Kapitel

Es war vier Wochen später, ein wüster, häßlicher Novembertag. Dicht hingen die grauen Schneewolken hernieder, zuweilen, wenn der träge Wind sie noch tiefer hinabpeitschte, fielen die Flocken herab und wurden zu Wasser in der Luft, zu Kot auf dem Erdreich. Und zwischen dem schlüpfrigen, aufgewühlten Boden und der niedrigen Wolkendecke lagen die Nebel, dicht und endlos und unbeweglich; der laue West, der zuweilen die oberen Luftschichten durchstrich, den Schnee zu Flocken löste, drang nicht so tief hinab; wie festgenagelt lagen sie da, und das graue Meer verschlang jeden Ton und jede Farbe; selbst das schärfste Auge konnte nur wenige Schritte weit sehen. Wie ausgestorben lag die Heide; der Mann, der von Westen, aus den Bergen her, einen leichten Wagen dem Städtchen zulenkte, begegnete niemandem, den er um den Weg fragen konnte. Der Wagen war leer, und die feurigen Rappen, mit denen er bespannt war, flogen, wenn er ihnen die Zügel ließ, dahin, daß der Kot der Straße wie in Wellen emporschlug, aber ungewiß jagte der Mann in die graue Dämmerung hinein; nun war's um die Mittagszeit, und es war nicht heller als am Morgen, da er aufgebrochen. »Fahr zu, Fedko, es geht um Tod und Leben«, hatte ihm der Kastellan gesagt, da er ihn aussandte, und er wußte ja selbst, um was es sich handelte – wieder ließ er die Zügel schießen –, da stand plötzlich der Wagen, hochaufzuckten die Pferde, umsonst, der zähe Morast ließ sie nicht mehr, bis über die Knie waren sie eingesunken. Der Mann sprang ab, nun klebte auch er fest; er mußte bei einer plötzlichen Biegung des Weges von der Heerstraße ins weiche Ackerland gekommen sein. Ratlos stand er da; was tun, wohin sich wenden! – »Jesus Maria«, schrie er auf, »vielleicht stirbt sie inzwischen!« Da klang ihm plötzlich ein ferner Ton ins Ohr, er lauschte auf – das war das Mittagsgeläute vom Turm der Dominikaner. Er faßte die Pferde am Zügel und peitschte auf sie los, daß sie sich wild aufbäumten: So brachte er, dem Klang nach, den Wagen auf die Straße zurück. Und da hob sich schon aus dem Nebel das rote Kreuz am Eingang des Städtchens, da war die Wegmaut – noch fünf Minuten, und er hatte dem Kommissär den Brief übergeben.

Es sollte viel länger währen. Als er die ersten Häuser erreicht, traf er auf Menschen. »Gebt Raum!« schrie er, dann aber mußte er im Schritt fahren, und als er den Eingang der Straße erreicht, die er passieren mußte, ging es nicht weiter: ein dichter Menschenknäuel erfüllte sie; die ganze Bewohnerschaft des Städtchens stand da festgekeilt; Christen und Juden, Männer und Weiber, und drängte bald vor und bald zurück, aber kein lauter Schrei ward hörbar; sie flüsterten nur, und selbst als der Kutscher vorwärts wollte, mahnten sie ihn halblaut ab: »Siehst du nicht: ein Begräbnis!« Der Mann fügte sich darein und drängte den Wagen dicht an die Mauer des Klosters. Er fragte nicht, wem es gelte – was ging's ihn an? Und das war vielleicht gut für ihn; und gut, daß er nicht die Livree seines Herrn trug, des Grafen Agenor Baranowski.

Es waren die Ärmsten, die sich hier versammelt und des Zuges harrten, um sich ihm anzureihen, Knechte, Tagelöhner und Bettler, rohes Volk, welches sonst seine Tage dumpf und stumpf dahinschleppte, von keiner Freude belebt, keinem Schmerz betroffen, es sei denn der Sorge für das eigene, armselige Dasein. Dieser Tote mußte ihnen viel gewesen sein; mit erregten Mienen standen sie da; wollte einer eine laute Frage tun oder ungestüm vorwärts drängen, so wiesen ihn die anderen zur Ruhe. Und unter den jüdischen Männern war keiner, der nicht einen Einschnitt in sein Gewand getan; sonst wird dies Zeichen der Trauer nur für Verwandte getragen; dieser Tote schien allen verwandt. Nur wenn eines der Weiber aufschluchzte, ging ein Flüstern durch die Menge, und nicht bloß der Schmerz, auch die Empörung schien in den Gemütern zu walten; auch ein dumpfer Fluch ward zuweilen hörbar und lief von Mund zu Mund.

Vom Trauerhause her klang Schreien und Weinen. »Es ist seine Schwester aus Tarnopol mit ihren Kindern«, murmelten die Leute, »der Sohn ist ja noch nicht da!« Dann hob sich ein dumpfer Ton in den Lüften, schwoll an und verschwamm – das kurze Gebet, welches die Mitglieder der Begräbnisbrüderschaft sprachen, ehe sie ins Haus traten, die Leiche zu holen. »Gebt Raum«, ging es nun durch die Reihen, die Leute drängten enger zusammen und ließen die Mitte der Straße frei. Einige kletterten auf den Wagen des Grafen, der Kutscher wehrte es ihnen nicht, er sprang vom Bock herab und machte sich mit den Pferden zu schaffen. Er war ja nur ein armer, roher Knecht, und als er in jener Nacht vor vier Wochen seinen Herrn und das Judenmädchen in das Schlößchen am Rand der Karpaten geführt, da war seine Schuld daran nicht größer als jene der Pferde, die er lenkte, dennoch war es ihm peinlich, so vor aller Augen auf dem erhöhten Sitz zu bleiben; nun wußte er, wen sie vorbeitragen würden.

Aber ehe dies geschah, sollte noch ein anderes Ereignis die Gemüter erschüttern. Vom Eingang der Straße her klang plötzlich ein gellender Schrei, dann wildes Lärmen und Rufen. »Rafael!« schrien die Leute auf. »Der Sohn ist gekommen!« – bis an das Trauerhaus drangen die Worte; ein neues Gebet, das von dorther hörbar geworden, brach kurz ab. Die Ordnung war gelöst, stürmisch drängte die Menge vor, der Wegmaut zu. Da keilte sie sich wieder fest; alle fragten, ob es wahr sei und wo er geblieben, niemand wußte Antwort. Endlich gab einer der Ordner den Vordersten Bescheid, und die gaben ihn weiter: Rafael habe vom Mautner erfahren, daß er zu spät gekommen, und sei ohnmächtig zusammengesunken, doch habe er sich rasch erholt und sei nun von der Hofseite ins Haus gebracht worden, vom Vater Abschied zu nehmen. »Zurück! Der Zug beginnt bald!« Sie gehorchten und formierten sich wieder zum Spalier. Aber der Zorn und Schmerz äußerten sich nun lauter als früher; gellend klang der Klageruf der Weiber, die Männer ballten die Faust und fluchten Judith und dem Grafen. Tiefer zog der Fedko die Kapuze ins Gesicht. Und dabei wissen sie noch nicht, dachte er, was heut morgen drüben geschehen ist! Wahrlich, er hätte mit seinem gräflichen Herrn nicht tauschen mögen.

Einige Minuten später schien drüben das letzte Wiedersehen vorbei. Wieder begann das Gebet; dumpf und feierlich hallten die Kehllaute des hebräischen Spruches durch die trüben Lüfte. Dann ordnete sich der Zug; voran die Knaben der Gemeinde, an der Spitze fünfjährige Kinder, alle im langen, schwarzen Gewand, von den Lehrern geleitet. Paarweise zogen sie dahin, schweigend, bis sie auf ein Zeichen mit hellen Stimmchen ein Gebet anstimmten, ganz kurz, als hätten die hundert Kinderkehlen plötzlich einen Schrei des Schmerzes gefunden. Aber es war nur ein Spruch für den Frieden des Toten – »Amen! Amen!« hallte das dumpfe Echo aus den Reihen, die sie durchzogen. Dann kamen die Jünglinge, endlich die Männer, auch sie in ihrem besten Gewand, dem Kaftan von Tuch oder Seide, und jeder hatte es auf der Brust aufgeschlitzt, daß man den Riß weithin sah. Einige beteten leise, die meisten zogen mit düsterem Antlitz tief gesenkten Hauptes dahin. Dazwischen klang gellend der Ruf der Toten Wächter: »Rettet die Seele!«, indem sie den Zuschauern an langen Stöcken die Klingelbeutel entgegenhielten. Nun nahte im langen Sterbegewande die Begräbnisbrüderschaft, den Leib in einen weißen Leinwandkittel gehüllt, das Haupt mit dem weißen Betmantel bedeckt, in ihrer Mitte, auf einem Schragen von sechs Männern getragen, die Leiche, die Füße nach vorn gekehrt, nur von einer weißen Decke, nicht von einem Sarg umhüllt, daß die Umrisse sichtbar waren. Die Frauen schluchzten auf, die Männer schlugen sich an die Brust und murmelten: »Friede! Friede!«. Aber nachdem die andere Hälfte der Brüderschaft, die allein den Toten umgeben darf, vorbeigezogen und die Leidtragenden sichtbar wurden, da faßte stärkere Bewegung die Menge, und ein anderer Ruf drängte sich auf ihre Lippen. Noch im Reisegewand, von Kot bespritzt, schritt Rafael einher, er mußte sich den Schnitt in die Brustseite des Gewandes so gewaltsam beigebracht haben, daß er bis auf die Haut gegangen, denn einige frische Blutflecken waren an den Rändern sichtbar; fahl, aschenfahl war sein Antlitz, daß sich das schwarze Haar doppelt scharf abhob, die Züge wie versteint. Hoch aufgerichtet schritt er dahin, die Augen starr auf den Schragen, des toten Vaters Haupt gerichtet. Die Stütze des Oheims, der neben ihm ging, lehnte er ab; nur die tief herabgezogenen Mundwinkel, die halbgeöffneten Lippen verrieten, welcher Schmerz ihn durchtobte; nicht wie ein Leidtragender, wie einer, der Rache brütet, war er anzuschauen. »Der Ärmste!« schluchzte zuweilen ein Weib, aber die Männer schwiegen und sahen ihn angehaltenen Atems an, und als einer rief: »Räche ihn! Wir helfen dir!« – da scholl es plötzlich von hundert Lippen nach, als hätten sie alle darauf geharrt. Erschreckt blickten der Stadtarzt und die Vorsteher, die hinter Rafael gingen, zurück, denn ihnen folgten die christlichen Honoratioren, an ihrer Spitze der Bürgermeister, auch Herr von Bariassy hatte sich mit seinen Offizieren eingefunden; der Kreiskommissär fehlte. Langsam schritt der Zug in das Nebelmeer, die triefende Heide hinaus, dem »guten Orte« zu, wie der Jude des Ostens den Friedhof nennt; wer gehen konnte, schloß sich an. Bald hatte Fedko die Bahn frei, gleichwohl schien es ihm richtig, an der Hofseite vorzufahren, als hätte er ein heimliches Geschäft, welches selbst dies trübe Tageslicht nicht vertrug.

Die Treppentür zum ersten Stockwerk war verriegelt. Als der Kutscher daran pochte, trat einer der beiden Husaren, die scheinbar müßig im Flur auf und ab gegangen, heran und fragte nach seinen Wünschen. Nachdem er Bescheid getan, klopfte der Soldat zweimal an die Tür, wieder war's ein Husar, der öffnete. Endlich kam auch die Köchin des Kommissärs zum Vorschein. »Unser Herr ist vor Angst krank«, flüsterte sie dem Fedko zu, »er fürchtet sich vor den Juden. Darum haben wir auch die Einquartierung. Dich wird er wohl vorlassen.« In der Tat durfte der Kutscher nach einigen Minuten eintreten.

Der Kommissär saß im Lehnstuhl, er sah übel aus. Aber noch blasser und erregter wurde sein Gesicht, als er den dargereichten Brief überflog. Er enthielt nur zwei Zeilen: »Es ist ein Unglück geschehen, ich bin ratlos. Kommen Sie augenblicklich, und bringen Sie den Stadtarzt mit.« Er schnellte empor. »Was ist geschehen?« fragte er bebend.

»Wenn es nicht im Briefe steht...«, begann Fedko zögernd und verstummte wieder.

»Aber so sprich doch! Ich soll nach Borky kommen, den Arzt mitbringen – mir kann's also kein Geheimnis bleiben! Die Jüdin scheint krank zu sein!«

Der Kutscher nickte. »Sehr krank!«

»Sie hat sich wohl ein Leid angetan?«

Der Mann schwieg.

»Aber so rede doch! Wie ist das Unglück geschehen? Der Arzt muß ja geeignete Mittel mitbringen...«

»Sie – sie ist in den Schloßteich gefallen...«

»Wann?«

»Heute, in der ersten Frühe. Der Herr Graf schlief noch.«

»Wer hat sie gerettet?«

»Der Kastellan und ich. Es war ein schweres Stück Arbeit, denn sie wehrte sich sehr gegen uns. Erst als sie besinnungslos war, konnten wir sie ans Ufer bringen.«

Der Kommissär ging erregt umher. »Auch das noch!« stöhnte er vor sich hin. »Der Skandal war doch wahrhaftig schon groß genug... Aber was soll ich dabei?« fuhr er laut fort. »Den Arzt könntest du ja selbst holen. Freilich nicht den Stadtarzt! Unsinn! Der ist ja selbst ein Jude! Und das einzige Gute ist noch, daß sie vorläufig den Ort nicht kennen. Ich werde dir eine Zeile an den Regimentsarzt in Roskowka mitgeben.«

Er trat an den Schreibtisch und setzte die Feder an. Aber nach wenigen Schritten hielt er inne. »Höre, Fedko«, sagte er, »das ist doch rätselhaft! Gestern mittag ist der Jude gestorben, heut morgen ist drüben das Unglück geschehen – wer zum Henker hat es dem Mädchen so rasch gemeldet?«

»Niemand, Herr«, erwiderte der Kutscher. »Es ist kein Fremder im Schlößchen gewesen. Das weiß sie noch nicht...«

»Aber welchen anderen Grund könnte sie haben?... Überspanntes Frauenzimmer! Lebt da in tausend Freuden mit ihrem Gelieb...«

Mitten im Worte brach er ab. Dieser ruthenische Tölpel da glotzte ihn so sonderbar an. Schlimm, dachte er, sehr schlimm. Dann wiederholt sie's auch... Und das darf nicht sein, noch dieser Skandal, und ich bin verloren... Fort müssen sie beide, fort...

Er erhob sich vom Schreibtisch. »Ich fahre mit dir!« Er trat ans Fenster und lugte auf die Gasse hinab, sie lag völlig verödet. »Wo hält der Wagen? An der Hofpforte? Sehr gut. Da können wir unbeachtet nach Roskowka kommen. Diese dummen Juden haben mir nämlich gestern abend drohen lassen...«

Er ließ den Kutscher ins Vorzimmer treten und kleidete sich eilig an. Frau Anna kam hinzu, er teilte ihr den Zweck seiner Fahrt mit; die beiden Gatten wechselten kurze, aber kräftige Abschiedsworte. Sie faßte seine Tätigkeit in der Sache in ein einziges Wort zusammen und wünschte, daß er auf der Fahrt den verdienten Lohn dafür finden möge; er dankte mit einem Hinweis auf den Prior und den Rittmeister. Dann schritt er die Treppe hinab und warf, als er vorbei mußte, einen scheuen Blick nach der weitgeöffneten Tür des Sterbezimmers. Die Fenster waren verhangen, die Spiegel gegen die Wand gekehrt; in einem Winkel des halbdunklen Gemachs brannte eine Öllampe, das »Seelenlicht«, und über die Dielen lief ein leises Knistern, als atmeten sie, von der unheimlichen Last befreit, auf.

Den Beamten überflog ein Schauer, hastig durcheilte er den Hofraum und bestieg den Wagen. Einer der Husaren nahm auf dem Kutschbock Platz, und fort ging's durch das öde Gäßchen und dann den Fluß entlang nach dem Vorort Roskowka, wo die Husarenkaserne lag und der Regimentsarzt seinen Wohnsitz hatte.

Er war daheim und erklärte sich zur Fahrt bereit; auch das Versprechen der Verschwiegenheit leistete er willig. Als ihm aber nun der Kommissär sagte, wer seiner Hilfe bedürfe, und ihn bat, etwaige Hilfsmittel gleich mitzunehmen, schien der alte, derbe Herr mit den wetterharten Zügen tief erschüttert. »Die Tochter des Trachtenberg?« fragte er, und es zuckte um den borstigen weißen Schnurrbart. »Gestern bin ich am Totenbett des Vaters gestanden, heute die Tochter... In welchem Glück und Frieden haben diese Menschen noch vor zwei Monaten gelebt! O Herr Kommissär, da ist ein furchtbarer Frevel geschehen!«

»Darüber ließe sich viel sagen!« wehrte der Beamte ab, indem er dem Arzt das Nötige verpacken half. Erst als sie im Wagen saßen – er hatte zwar den Husaren verabschiedet, aber dem Kutscher den Auftrag gegeben, um das Städtchen zu fahren, so daß sie dem heimkehrenden Zuge keinesfalls begegnen konnten –, teilte er dem Arzte seine Auffassung der Sache mit. »Sie sehen«, schloß er, »wie unrecht mir der Pöbel tut. Aber auch der Graf ist nicht so schuldig, wie es scheint. Die Wendung zum Unglück hat doch eigentlich erst der Fanatismus des Alten bewirkt. ›Lieber will ich mein Kind als Leiche sehen denn als Gräfin Baranowska‹ – das waren seine Worte, auf Ehre! Sonst hätte Agenor nicht zur Gewalt gegriffen!«

»Desto besser«, sagte der Arzt. »Dann kann er sie jetzt heiraten. Der Tote kann keinen Einspruch mehr erheben.«

»Hm!« Der Kommissär räusperte sich verlegen, eine Antwort wußte er nicht. Aber der Gedanke wühlte in ihm fort. Das war immerhin ein Ausweg; er gönnte zwar den Juden den Triumph nicht, aber wenn es der Graf tat, dann kam es jedenfalls zu der peinlichen Untersuchung nicht. Doch daran war ja nicht zu denken! In allem übrigen mochte der junge Mann wie Wachs sein, in diesem einen war er eisern. Seine Ahnen, das alte, reine Blut – das war ja seine fixe Idee. Wie hatte er's einmal ausgedrückt? »Nur wenn ich zwischen einer Jüdin und dem Zuchthaus zu wählen hätte, erst dann würde ich erwägen, durch welches von beiden ich meinen Vätern im Grabe die größere Schmach antue!« Aber wenn er keine Trauung wollte und dies doch das einzige Mittel war, Judith am Leben zu erhalten und weiteren »Skandal« zu vermeiden...

Der Beamte schloß unwillkürlich die Augen. Er war ein harter, gewissenloser Mensch und sein ganzes Leben eine einzige große Lüge, aber vor dem Gedanken, der ihn nun überkommen, graute ihm im ersten Augenblicke selbst, und er suchte ihn abzuschütteln. Es wäre zu schlecht – und auch zu gefährlich... Er bot dem Arzte eine Zigarre an und begann ein Gespräch über das häßliche Wetter. In der Tat war es eine schlimme Fahrt auf den grundlosen Wegen, durch die graue, triefende Öde.

Das Gespräch stockte bald... Zu gefährlich? Da setzte der Gedanke wieder ein. Aber das doch eigentlich nicht! Die Beteiligten schwiegen gewiß – und außer Landes mußte das Paar ohnehin auf ein, zwei Jahre. Dann war auch Judith ruhiger, und wenn man es ihr vernünftig in guter Manier beibrachte – du lieber Gott, unversorgt sollte sie ja nicht bleiben... Und der Lump fand sich sicherlich auch bereit und war leicht zu finden; nach Rußland war er trotz seiner Schwüre gewiß noch nicht gegangen... Wenn also der Graf wollte, so war das im Grunde der beste Ausweg...

Und nun war er soweit, sich den Plan behaglich, in allen Einzelheiten auszumalen. Ihn erfüllte dabei eine seltsame Empfindung, im tiefsten Herzen graute es ihm doch vor sich selber, und gleichzeitig empfand er einen wollüstigen Kitzel darüber, welch erfinderischer Kopf er sei. Und etwas davon war ihm wohl vom Gesichte abzulesen.

»Was stimmt Sie so heiter?« fragte der Arzt und blickte ihn befremdet an.

Der Kommissär fuhr zusammen. »Ich dachte – woran dacht' ich nur?... Hm, ich glaube, es wird noch alles gut. Was das Mädchen betrifft, so vertraue ich Ihrer Kunst. Es wäre doch traurig, wenn das schöne Geschöpf so elend zugrunde ginge.«

»Traurig«, war die Antwort, »und für Sie sehr unangenehm.«

»Für mich? Aber, liebster Doktor, Sie glauben doch nicht, daß wir uns vor der Anklage fürchten, die der Alte beim Gubernium hat einreichen lassen? Dem Grafen kann wenig, mir nichts geschehen. Mein Gott, wir leben ja in einem Rechtsstaat! Das Gubernium wird sicherlich nach Pflicht und Ordnung handeln und die Schrift der ersten Instanz zur Untersuchung überweisen...«

»Das sind Sie selbst?«

»Nicht ich, sondern das hiesige Kreiskommissariat. Das ist ein Unterschied!... Aber da sieht man wieder einmal«, fuhr er, und nun elegisch, fort, »welch ein rachgieriges Volk diese Juden sind. Statt seinen Frieden mit Gott zu machen, benutzt dieser Greis die letzte Frist, die ihm noch gegönnt ist, zu einer Tat der Vergeltung an jenen, die er für seine Feinde hält...«

»Obwohl sie wahrhaft christlich an ihm gehandelt«, fiel der Arzt ein, und wieder zuckte es um den weißen Schnurrbart. »Aber ich glaube, der Fall liegt hier anders. Nathaniel Trachtenberg wäre schon viel früher gestorben, wenn er nicht nach seinem Gewissen noch dies letzte auf Erden zu verrichten gehabt hätte. Das ist auch die Überzeugung meines Kollegen, des Stadtarztes. Staunend, ja erschüttert haben wir zugesehen, wie der eiserne Wille den siechen Leib erhielt. Ich bin ja – mein Kollege war über Land gefahren – an jenem Morgen nach der Flucht seiner Tochter der erste Arzt gewesen, der ihm Hilfe geleistet. Er hatte sich, nachdem ihm die alte Dienerin gemeldet, daß ihr Klopfen an des Mädchens Tür vergeblich bleibe, erhoben, war zur Tür geeilt und hatte die Eichenbohlen durch die Wucht seines Leibes eingedrückt, als wären sie Rohr. Dann las er wohl das Zettelchen, welches sie auf dem Tische hinterlassen, und stürzte zusammen. Hirnschlag, linksseitige Lähmung, unbedingt tödlich. Als ich eine Stunde später an sein Lager trat, ihn zur Ader ließ, alles sonstige veranlaßte, tat ich's mit dem traurigen Bewußtsein: Du quälst einen Sterbenden! Den Abend erlebt er nicht! Er blickte mich forschend an und lallte mit gelähmter Zunge eine Frage; ich verstand ihn nicht, da schrieb er's auf: ›Wieviel Zeit?‹ Ich wollte lügen und konnte nicht, da ich ihn ansah; ich erwiderte, das stehe in Gottes Hand. Da schrieb er wieder: ›Erbarmen, noch drei Wochen.‹ Und den Blick, den er dabei auf mich richtete, diesen Blick, Herr, werde ich nie vergessen... Die Ältesten der Gemeinde hatten sich bei ihm eingefunden, denen begann er nun seine Wünsche aufzuschreiben. Und sie gehorchten auf den Wink; ein Eilbote nach dem anderen wurde abgefertigt, an seine Verwandten, den Notar, den Advokaten Doktor Rosenberg in Lemberg. Ich wehrte ab, aber als ich zusah, wie sein Auge dabei immer klarer, die Schrift deutlicher wurde, ward mir ganz seltsam zumute, und ich ließ es geschehen. Nun war noch die größte Schwierigkeit zu lösen: Er sehnte sich nach dem Sohne in Heidelberg, und sie rechneten aus, daß er auf eine briefliche Nachricht hin nicht vor fünf Wochen daheim sein könne. Aber da fand sich binnen zehn Minuten ein junger Mensch, der als Kurier hinreisen wollte, Tag und Nacht... Sehen Sie, Herr Kommissär, diese Juden – es läßt sich ja mit Recht auch viel gegen sie sagen, aber es ist doch ein großer Respekt in ihnen vor den Sterbenden, den Toten...«

»Leider nur ein allzu großer!« rief Herr von Wroblewski. »Ich will auf den Alten keinen Stein werfen, der Haß hat ihn verblendet. Aber wie kommen diese sonst so klugen Leute dazu, sich von ihm gegen mich in solcher Weise aufwiegeln zu lassen! Es ist ja zu ihrem eigenen Verderben. Ich weiß ganz genau, daß der jüdische Federfuchser aus Lemberg, der Rosenberg, der geriebenste Rabulist in Galizien, eine förmliche Anklageschrift gegen mich aufgenommen hat. Und dieselben Menschen, die sonst vor meinem Blick kaum zu atmen wagten, drängten sich heran und unterschrieben. Natürlich Lügen, lauter Lügen – auf Ehre! Ein Christ, Herr Doktor, das müssen Sie zugeben, hätte seinen letzten Atem nicht an eine Rachetat gewendet!«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht war's doch nicht die Rachgier allein, die ihn trieb. Mein Kollege und ich, wir sahen natürlich diese aufregenden, tagelangen Verhöre am Bette des Gelähmten höchst ungern und stemmten uns dagegen. Aber da antwortete er uns...«

Der alte Herr hielt inne. »Nun?« fragte der Kommissär lächelnd. »Wer ein so gutes Gewissen hat wie ich, kann alles hören!«

»Seine Antwort lautete: ›Diese Pflicht hält mich noch am Leben. Es schreit gegen Gott, daß ein solcher Mensch Richter ist. Und ich will nicht vor Gottes Thron treten, ehe ich das Meine getan, die Erde von ihm zu reinigen.‹ Pardon, Herr von Wroblewski...«

Der Beamte war doch etwas bleich geworden. »O bitte, geniert mich wenig! Es ist ja zu ungerecht, zu töricht! Der Graf entführt ihm die Tochter, und mich will er dafür strafen. Wenn es ihn gar so sehr schmerzte, so hätte er seine letzte Kraft darauf wenden sollen, sie zurückzubekommen. Die Juden sind ein so schlaues Volk, da hätten sie ja wohl den Schlupfwinkel des Grafen erkunden können...«

»Schloß Borky?« fragte der Arzt. »Das wußten Nathaniel und die Vorsteher schon am Abend nach der Flucht; es war überflüssige Vorsicht von Ihnen, mich zum Schweigen zu verpflichten. Noch mehr: Es fand sich eine Handvoll Männer, welche die Judith mit Gewalt holen wollten, damit sie von der Gemeinde gerichtet werden könne. Nathaniel verhinderte es. ›Nein‹, entschied er. ›Vielleicht muß einer dabei sein Leben lassen, oder die Gerichte strafen ihn dann hart. Um einer Verworfenen willen soll kein Braver in Gefahr kommen. Und wozu sie richten? Das wird Gott tun! Mir und euch ist sie eine Tote!‹ Aber im verborgensten Winkel seines Herzens muß doch noch eine Empfindung für die Unglückliche gewesen sein; er sträubte sich lange gegen die furchtbare Zeremonie, welche in solchen Fällen, die ja allerdings sehr selten sind, üblich ist; in der hiesigen Gemeinde soll ja seit zweihundert Jahren kein Mädchen ihren Eltern mit einem Christen entlaufen sein. Und als er sich endlich dareinfand, da stellte er eine Bedingung, welche sicherlich keinem anderen bewilligt worden wäre. Ihm, ihrem Führer, ihrem Vater, konnten sie es nicht weigern...«

»Ich verstehe nicht. Welche Zeremonie?«

»Das Begräbnis!«

»Was?« rief der Kommissär erstaunt. »Sie haben die Judith begraben?« Er wollte auflachen, aber ein Blick in die Züge seines Nachbarn ließ ihn verstummen.

»Es war so schauerlich... ich werde es nie vergessen... Weil uns die Gemeinde darum anflehte, hatten es mein Kollege und ich in den letzen Tagen so eingerichtet, daß einer von uns immer um ihn war; wir lösten uns von sechs zu sechs Stunden ab. Aber daß wir das entfliehende Leben nicht mehr zurückhalten konnten, wußten wir nur zu gut. Nachdem der Advokat abgereist, war eine Erschlaffung über ihn gekommen; ein neuer Schlaganfall trat nicht ein, doch das bißchen Lebenskraft war aufgezehrt. Wie im Schlummer lag er da und stammelte nur noch zuweilen den Namen seines Sohnes; hätte er sich nicht so sehr nach ihm gesehnt, er wäre vielleicht schon früher gestorben... Als ich nun vorgestern abend gegen die elfte Stunde die Wache antrat, flüsterte mir mein Kollege zu: ›Es geht zu Ende. Bleiben Sie bei ihm... Und fragen Sie nicht, was immer sich heut nacht begeben mag.‹ Kurz darauf traten die Vorsteher in die Stube, mit ihnen der Rabbi, alle den Betmantel um die Schultern, und neigten sich vor ihm, und der Rabbi fragte, ob es nun geschehen dürfe. Er nickte, da öffneten sie die Türe, und herein traten zwölf Männer der Begräbnisbrüderschaft, alle in die weißen Sterbekittel gehüllt, und in ihrer Mitte trugen sie eine seltsame Last: Es war ein schöner, großer, vollblühender Rosenstrauch, an dessen Wurzeln noch die feuchte Erde hing – weiß Gott, woher sie ihn hatten, vielleicht aus dem Glashaus des Grafen Agenor... Sie trugen den Strauch an das Lager heran, und Nathaniel streckte die Hand aus und rührte an die Krone; seine Lippen bewegten sich, es mochte ein Segensspruch sein, ein Abschiedsgruß. Und während dies geschah, verhüllten die anderen ihr Antlitz mit dem Betmantel, und einige schluchzten laut. Dann trugen sie den Strauch in die Mitte der Stube; der Rabbi trat vor – finsterer habe ich noch nie eines Menschen Gesicht gesehen – und streckte die Hand über ihn und sprach laut und hart einige Worte; wohl einen Fluch. Dann faßte er den Strauch mit beiden Händen und zerbrach ihn und warf die Stücke vor sich nieder. Und einer nach dem anderen traten nun die Männer heran, faßten eine Blüte und zerstreuten die Blätter, bis der Strauch ganz schmucklos und geknickt war. Ich war an das Kopfende des Lagers getreten. Der Greis hielt die Augen geschlossen, aber er mochte wohl wissen, was vorging; ein leises Stöhnen brach aus seinen Lippen, und die Tränen flossen ihm über die Wangen. Und so blieb er, als die Männer ein Öllämpchen hereinbrachten und es als Seelenlicht für jene anzündeten, die von nun ab dem Vater und der Gemeinde für immer eine Tote war, als sie ihm mit einem Messerchen an seinem Hemde jenen Einschnitt machten, welcher den Riß in das Leben des Leidtragenden verdeutlichen soll. Endlich brachten sie den Schragen herein, legten den Strauch darauf und alle Blätter, die sie sorglich aufsammelten, breiteten die weiße Decke darüber und gingen ab. Die Vorsteher folgten, und ich war wieder allein mit Nathaniel, wohl zwei Stunden lang, und hielt seine Hand in der meinen, sprechen konnt' ich nicht. Da kehrten der Rabbi und die Vorsteher wieder, und der Rabbi trat ans Lager. »Es ist vollbracht«, sagte er, »und weil du ein Gerechter warst alle Tage deines Lebens, die der Ewige verlängern möge, haben wir nach deinem Willen gehandelt. Deiner Tochter Grab ist zwischen dem deines Weibes – sie ruhe in Frieden – und jenem, das du dir selbst gesichert. Und wenn einst der Herr sie vor Gericht ruft, und sie stirbt in unserem Glauben, so soll ihr dies Grab offenstehen – wir schwören es dir zu!« Nathaniel nickte, seine Atemzüge wurden ruhiger, immer ruhiger und stiller, aber es hat doch noch etwa zehn Stunden gewährt, bis er gestern mittag entschlummert ist...«

Der Arzt holte tief Atem. »Bitte – nicht jetzt!« sagte er heftig, als der Kommissär sprechen wollte. »Wenn ich an das leere Grab denke und jene, zu der ich soll...« Er riß das Fenster auf und beugte sich weit vor, wie um leichter zu atmen, bis ihm der Regen die heiße Stirn überflutete.

Ein sentimentaler Mensch, dachte der Kommissär, merkwürdig, die meisten Menschen sind sentimental. Zu sprechen wagte er nicht. So fuhren sie langsam dahin; die Dämmerung war der Nacht gewichen; da sie sich nun den Bergen näherten und der Boden anstieg, schleppten die ermüdeten Pferde den Wagen nur im Schritt durch den Schlamm empor.

Endlich hielt er ganz. »Was gibt's?« rief der Kommissär und beugte sich aus dem Fenster.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Fedko. »Uns entgegen kommen zwei Reiter mit Fackeln und hinter ihnen ein Wagen. Ich muß anhalten, damit wir auf dem schmalen Wege aneinander vorbei können.«

Es waren gräfliche Diener, im Wagen saß der Kastellan. Er trat an den Schlag. »Endlich, Herr Kommissär! Haben Sie den Arzt mit? Der Herr Graf ist außer sich und sandte mich aus, nach Ihnen zu suchen.«

»Ist eine Verschlimmerung eingetreten?« fragte der Arzt.

»Ich weiß nicht«, erwiderte der Kastellan bekümmert. »Es war von Anbeginn schlimm genug. Das heftigste Fieber! Zwei Mägde vermögen die Ärmste kaum auf dem Lager zu erhalten. Wenn die Herren in meinen Wagen übersteigen wollten – die Pferde sind minder ermüdet, da könnten wir in einer halben Stunde im Schlosse sein...«

Schloß Borky war ursprünglich nur ein Jagdhaus der Baranowski gewesen; erst das jüngst verstorbene Haupt des Geschlechts, ein menschenscheuer, unbeweibter Sonderling, hatte das kleine Bauwerk zum Wohnhaus erweitert. Auf einer der ersten sanften Höhen des Waldgebirges gelegen, bot es einen weiten Blick in die Ebene hinein. Die Aussicht war im Grunde sein einziger Schmuck, auch der Garten war groß, aber reizlos. Der Teich, an dessen Ufern heute jenes verzweifelte Ringen stattgefunden, war künstlich in das Plateau hinter dem Hause eingegraben.

Als sie das Haus erreicht und den Flur betraten, kam ihnen der Graf entgegengestürzt. »Doktor Reiser!« rief er und faßte die Hand des Arztes. »Kommen Sie!«

Er führte ihn die Treppe empor und durch eine Flucht von Zimmern, bis sie in der Krankenstube standen.

Da ruhte Judith, das hagere Antlitz totenbleich, die Stirn von Schweiß bedeckt, daß das goldrote Haar in wirren Strähnen an den Schläfen klebte. Die Augen waren geschlossen, die Glieder bebten im Fieberfrost. Zwei Wärterinnen, derbe Mägde mit stumpfen Gesichtern, kauerten am Fußende des Lagers. »Sie schläft«, flüsterte der Graf.

Der Arzt schüttelte den Kopf, trat leise heran und blickte auf die abgezehrten, erblichenen Züge des jungen Weibes, welches er wenige Wochen zuvor als blühende Schönheit gekannt. Sein Herz krampfte sich zusammen, er mußte jenes Rosenstrauchs gedenken... Sie schlug die Augen auf; der irre Schein des Fiebers glomm in ihnen. »Agenor!« murmelte sie.

Er eilte herbei und beugte sich zärtlich über sie. »Hier bin ich, was befiehlst du?«

»Agenor!« schrie sie auf. »Erbarme dich, laß mich sterben!« Sie suchte sich emporzuraffen, er drückte sie sanft in die Kissen nieder. »Erbarmen!« wiederholte sie wimmernd, unter heftigem Sträuben. »Du mußt doch selbst einsehen, daß ich so nicht länger leben kann... Ich will dir nicht fluchen, ich will dich segnen, aber du mußt mich sterben lassen... Da ist schon der Teich...« Wieder mußte der Graf sie niederhalten, bis der Paroxysmus vorbei war.

»Das geht nun so seit vierzehn Stunden«, flüsterte er dem Arzte zu, »nur daß Frost und Glut wechseln. Aber sie wird nicht müde, dieselben Worte zu rufen. Es ist herzzerreißend.«

»Ja, es ist herzzerreißend«, erwiderte dieser ebenso leise, aber die Worte waren kalt und scharf wie ein Dolchstich. Wieder trat er dicht ans Lager heran. Mit Ausnahme einiger Kontusionen an den Händen und eines Schnittes über die rechte Wange, der wohl von dem scharfen Blatte einer Sumpflilie herrührte, waren keine Verletzungen an ihr zu sehen. Er versuchte die Temperatur zu messen und fühlte nach dem Puls. Sie schlug bei der Berührung die Lider auf und starrte ihn an.

»Doktor Reiser!« schrie sie plötzlich auf. »Sie sind gut... lassen Sie mich zum Teich! Sie sind ja ein Freund meines Vaters... ich muß meinem Vater die Schande ersparen...«

Der Arzt deckte sie sorglich zu, dann schritt er hinaus, ins Nebenzimmer. Agenor folgte ihm. »Was sagen Sie?« fragte er angstvoll.

»Der Arzt hat da nicht viel zu sagen«, erwiderte der alte Herr barsch. »Die äußeren Verletzungen sind nicht nennenswert; eine Entzündung der Lungen oder des Gehirns scheint nicht im Anzug; das Fieber ist heftig, aber nicht übermäßig und durch den Vorfall am Morgen durchaus erklärlich. Wäre sie im Gemüt ruhig und nur etwa durch einen Zufall ins Wasser gekommen, so könnte sie übermorgen das Bett verlassen.«

»So aber...?« fragte der Graf angstvoll.

»Wird's ein schlechtes Ende nehmen. Beschwören kann ich's nicht, aber es ist meine Überzeugung. Ich hoffe, sie wird morgen bei klarem Bewußtsein sein. Aber was soll das nützen? Ist ihre Todessehnsucht nur eine Ausgeburt des Fiebers? Sie wird morgen weder Sie noch mich bitten, sie sterben zu lassen, sondern selbst darnach trachten.«

Agenor rang die Hände. »Ich will ja alles aufbieten, sie zu beruhigen. Sie sieht nur alles zu schwarz, vielleicht gelingt es mir, sie davon zu überzeugen. Ich will sie ja nicht verlassen, ihrem Schicksal preisgeben – niemals! Und wenn ich sie auf das sorgfältigste überwache und überwachen lasse...«

Der Arzt schüttelte das Haupt. »Nichts da!« sagte er hart. »Ob und wie Sie das arme Ding beruhigen können, ist Ihre Sache. Aber mit dem Überwachen bleiben Sie mir vom Leibe, da hab ich meine Erfahrungen. Und wenn es gelänge, so wäre der Erfolg nur eben ein Unterschied der Todesart. Dann stirbt sie eben nicht im Teich, sondern am Zehrfieber in ihrem Bett. – Gebrochenes Herz – Unsinn, das gibt's nicht, das steht nur in Romanen – aber Zehrfieber, lieber Herr, das gibt's! Ich habe die Judith vor etwa sechs Wochen gesehen und heute wieder; ich muß Ihnen sagen: sie ist auf dem Weg dazu. Für mein Gewissen wäre dieser Unterschied der Todesart nicht sehr beträchtlich; wie Sie es auffassen wollen, muß ich Ihnen überlassen.«

Er trat an seinen Medikamentenkasten und begann einen Trank zu mischen.

Der Graf seufzte tief auf. »Herr Regimentsarzt«, sagte er, »Sie beurteilen mich sehr hart. Und ein Mann wie Sie kennt doch das Leben. Sie wissen, wie selten solche Affären tragisch ausgehen... Ich schwöre Ihnen, ich fasse meine Verpflichtungen gegen Judith sehr ernst auf. Aber eine Heirat wäre moralischer Selbstmord – das müssen Sie einsehen...«

Der Arzt wandte sich jäh herum und kehrte ihm sein Antlitz zu; es war sehr finster. »Seh ich auch ein!« sagte er nickend. »Aber darf man einen physischen Mord begehen, um sich den moralischen Selbstmord zu ersparen?«

Der junge Mann wich einen Schritt zurück. »Was soll ich tun?« stöhnte er.

Doktor Reiser zuckte die Achseln. »Wählen!« sagte er. »Wählen, was Ihnen leichter scheint. Überlegen Sie sich die Sache... Sie sehen übel aus, schlafen Sie! Für diese Nacht übernehme ich alle Bürgschaft... Gute Nacht, Herr Graf!«

Er ging in die Krankenstube. Agenor starrte ihm lange nach; dann seufzte er tief auf, ging in sein Schlafzimmer und warf sich dort im Dunkeln auf einen Ruhesitz nieder. So saß er wohl eine Stunde und zermarterte sein Hirn: Mord oder Selbstmord – gab es wirklich kein Drittes?

Ein Klopfen an der Tür ließ ihn emporfahren, es war der Kastellan. »Herr von Wroblewski läßt fragen, ob Sie ihn heute noch sprechen wollen. Sonst ginge er schlafen.« An diesen Mann hatte er in seinem Jammer gar nicht gedacht. Ein Schurke, der ihm bisher zum Schlimmen geraten, aber doch sein einziger Vertrauter in dieser Sache – so hatte er auch heut morgens in seiner Hilflosigkeit zuerst an ihn gedacht. »Ich komme!« rief er hastig.

Er traf seinen Gast im Speisezimmer des Erdgeschosses. Das vorgesetzte Mahl hatte er verzehrt, nun lag er bei Wein und Zigarre behaglich im Lehnstuhl ausgestreckt. »Verzeihen Sie...«, begann der Graf.

»Bitte, bitte! Sie haben jetzt schwere Sorgen! Ich ließ nur fragen, weil ich wirklich Ihr Freund bin, sehen Sie; es ist mir auf Ehre nicht leichtgefallen, Amt und Familie im Stiche zu lassen... Nun aber, Kopf auf, Graf! Erzählen Sie...«

»Ich danke Ihnen. Was sich heut morgens hier begeben hat...«

»Weiß ich«, fiel der Beamte ein, »verstehe es aber doch nicht ganz. Verzeihung, Graf, es soll kein Vorwurf sein, aber Sie scheinen nicht ganz vorsichtig gehandelt zu haben. Als Sie mir bei unserer Unterredung, am Abend vor der Entführung, andeuteten, das Mädchen werde es vielleicht tragisch nehmen und Ihr Gewissen gestatte es Ihnen daher nicht und so weiter – was erwiderte ich da? ›Ihr Gewissen? Das ist Ihre Sache! Überlegen Sie's.‹ Nun dacht' ich: Der Graf kennt die Judith genauer als ich und weiß besser, wie er mit ihr steht; entweder findet er seine Bedenken nicht gerechtfertigt, und dann tut er's, oder sie scheinen ihm nach genauer Erwägung begründet, und dann hole ich mir eben aus Freundschaft am offenen Fenster vergeblich einen Schnupfen. Sie kamen, Ihr Gewissen war also ruhig, und das mußte auch mir genügen...«

»Und so sprechen Sie zu mir!« rief der Graf.

Dem Beamten schien es richtig, den Sinn des schmerzvollen, empörten Ausrufs mißzuverstehen. »Natürlich!« sagte er harmlos. »Wer sonst als ich, Ihr einziger, wahrer Freund. Nun, es soll ja kein Vorwurf sein, sagt' ich schon, Sie haben sich damals eben geirrt. Aber dann mußten Sie doch später Ihres Irrtums innewerden und dem Mädchen seine Illusionen vorsichtig rauben – vorsichtig, zartfühlend, es hat alles seine Form, und auf die Form kommt's an! Und zu einer so brutalen Geschichte wie diesem Kampf im Wasser durften Sie es schon gar nicht kommen lassen. Sie haben ja heute Wärterinnen aufgetrieben, warum nicht bereits gestern?«

»Lassen wir das!« sagte der Graf. »Ob Sie in dieser Sache mein Gewissen wachgerüttelt haben, ob Sie nur immer taten, was ich wollte – schweigen wir darüber! Meine Schuld mindert Ihr Verhalten nicht, wenigstens nicht vor meinem Gewissen; ich habe schlecht, häßlich, erbarmungslos gehandelt. Ob auch unvorsichtig? Möglich! Die ersten Tage und Wochen – wir lebten beide wie im Rausch dahin; ich dachte an nichts in der Welt als an sie und nicht an die nächste Stunde – und ihr ging es wohl ebenso. Dann kam das Erwachen – sie fragte, sie drängte; daß ich ihr die Ehe verweigern könnte, fiel ihr gar nicht bei; sie wunderte sich nur, warum der Priester gar nicht komme, sie zur Christin zu machen und dann mit mir zu trauen. Diese Tage, wo ich sie zu täuschen, ihr die Gedanken wegzuküssen versuchte, wo ich heuchelte und log – glauben Sie mir, einen Teil meiner Schuld habe ich schon abgebüßt. Und obendrein war's nutzlos, gestern blieb sie des Vormittags lange auf ihrem Zimmer, und als sie endlich vor mich hintrat, da las ich's ihr vom Gesichte ab: Sie glaubt dir nicht mehr! Und da sie mich dennoch anscheinend ruhig anhörte, als ich nun beichtete, und immer nickte, auch bei meinem Schwur, sie nie zu verlassen, so glaubt' ich schon: einige Tage, und sie wird darüber hinwegkommen. Darum ließ ich sie auch auf ihren Befehl allein. Am Abend verlangte sie mich zu sprechen; ich erschrak, als ich sie wiedersah – welcher grenzenlose Jammer und dabei keine Träne! Sie flehte und beschwor: ›Mach mich zu deinem Weibe! Drei Tage will ich's sein, dann gebe ich mir selbst den Tod, und du bist wieder frei!‹ Es war furchtbar...«

Er verstummte.

»Kopf auf!« mahnte der Kommissär. »Sie suchten sie natürlich zu beruhigen.«

Der Graf schüttelte den Kopf. »Ich sagte ihr: Mit dir sterben kann ich, zu meinem Weibe kann ich dich nicht machen. Willst du, so ist dies für uns beide die letzte Stunde. Und lehnst du dies ab und gibst dir selbst den Tod, so sterbe ich dir nach. Ich habe es ernst gemeint...«

»Ich zweifle nicht... Und dann ließen Sie sie allein?«

»Ich wachte bis zum Morgengrauen an ihrem Lager. Sie lag regungslos; ich glaubte sie eingeschlafen, und da kämpfte auch ich nicht länger gegen die Müdigkeit. Erst das Rufen der Diener im Hofe ließ mich emporfahren. Der Fedko hatte sie bemerkt und war ihr gefolgt – so blieb das Unglück verhütet...«

»Hoffen wir zu Gott: für immer«, sagte der Beamte salbungsvoll. »Was meint der Arzt?«

Der Graf berichtete es. »Es ist entsetzlich!« stöhnte er und rang die Hände.

»Hm! Und da weiß sie noch nicht, daß der Vater tot ist...«

»Tot?« rief Agenor und fuhr empor.

Gleichmütig erzählte der Kommissär die näheren Umstände. »Das brauchen wir aber zunächst gar nicht in Rechnung zu ziehen; sie muß es ja nicht erfahren – wenn Sie zum Beispiel eine längere Reise mit ihr antreten, nach Italien, nach Paris... Aber in der Hauptsache wird das nichts nützen. Zehrfieber – Selbstmord – es läuft einem ordentlich kalt über den Rücken! Das heißt, wenn wir dem Doktor glauben. Aber müssen wir ihm glauben? Er ist nämlich – will ich Ihnen sagen – ein sentimentaler Mensch, ein Philanthrop« – seine Miene wurde immer verächtlicher –, »vielleicht sogar ein Judenfreund!«

»Ich glaube ihm«, sagte der Graf. »Und hätten Sie die Ärmste gesehen, Sie würden gleichfalls nicht zweifeln.«

»Schlimm! Aber da heißt es nun vernünftig erwägen. Was Sie ihr da gestern sagten, war – verzeihen Sie – blanker Unsinn. So mag ein Ladendiener handeln, wenn er seine Nähterin nicht heiraten kann; ein Baranowski hat Pflichten. Und was hätten Sie, das Mädchen, die Welt davon, wenn Sie zusammen stürben? Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie lassen den Dingen ihren Lauf...«

»Nein! Nein!« schrie der Graf auf.

»Nun, Sie brauchen das nicht so empört zu rufen, ein Barbar bin ich auch nicht. Ich meinte nur: wenn Sie die Reise nach dem Süden sofort antreten, einen Arzt mitnehmen, sie sorglich überwachen. Aber freilich – wenn Sie deshalb doch an eine Katastrophe glauben, so wollen wir darüber nicht weiter reden...«

»Nein, darüber nicht.«

»Nun, dann haben wir überhaupt nichts mehr zu besprechen, denn den Weg zum nächsten Priester werden Sie auch ohne mich finden...«

Der Grafstand abgewendet. »Und einen Ausweg kennen auch Sie nicht?«

»Nein... Also, es tut mir leid, aber da es nun sein muß, meine herzlichsten Glück...«

Er verstummte; der Graf hatte ihm sein Antlitz wieder zugekehrt, und dieses Antlitz war so totenbleich und düster. »Natürlich«, murmelte er, »wo sollt' es da einen Ausweg geben? Verzeihen Sie, ich fragte nur – wenn man vor solchem Wege steht... – So will ich's denn tun! Bitte, ordnen Sie die Sache mit dem nächsten Pfarrer. Es kann schon morgen geschehen!«

Herr von Wroblewski blickte ihn scharf an; ein Grauen wollte ihn übermannen. »Und nach der Trauung werden Sie sich töten?«

Der Graf schwieg.

Er wird's tun, dachte der Kommissär – gewiß oder höchstwahrscheinlich. Und das darf nicht sein. Jetzt, wo die Juden rebellisch geworden sind, ist er meine einzige Hilfsquelle. Und ist's nicht auch Menschenpflicht, ihn zu retten? »Hm, lieber Graf«, sagte er, »ich bin doch auch kein Judenfreund, aber so groß, daß Sie sie nicht überleben könnten, ist die Schande doch eigentlich nicht...«

Agenor schüttelte das Haupt. »Mit der Vernunft entscheiden sich solche Dinge schlecht. Mein Stolz auf unser Geschlecht, unsern Namen, unser Blut – das war nun einmal das Rückgrat meines Lebens. So hat es mich mein Vater gelehrt, daran habe ich festgehalten mit ganzer Kraft, mit ganzer Seele. Mit zerbrochenem Rückgrat, ein elender Krüppel, kann ich nicht weiterleben. Das ist alles!«

»Das – ist – alles!« wiederholte der Kommissär ganz mechanisch. Er hatte lange gezögert, mit seinem Mittel zu kommen, nun mußte es sein. »Hm!« Er räusperte sich. »Hören Sie, Freund, das bleibt Ihnen noch immer. Aber wenn ich nun – Sie erzählten vorhin, der Arzt habe der Jüdin künstlichen Schlaf für diese Nacht geschaffen –, wenn wir nun ein solches Mittel für ihre Seele fänden, welches für ein Jahr wirkt, zwei, drei Jahre – solange Sie irgend wollen? Es läge nur in Ihrer Hand, wann Sie sie wecken wollten.«

»Was meinen Sie?«

»Wie gesagt, in Ihrer Hand! Natürlich täten Sie es nicht eher, als bis Sie wüßten, daß sie es ruhiger aufnimmt als heute. Und das wird ja dann zweifelsohne der Fall sein. Die erste Glut vorbei – sie denkt ihrer Pflichten – ein Kind – oder mehrere wollen versorgt sein. Freilich, außer Landes müßten Sie sofort mit ihr...«

»Sprechen Sie!«

»Ich meinte nur so – es ging mir eben durch den Kopf. Und aus Freundschaft für Sie sage ich es; entscheiden müssen Sie selbst!... Der arme Teufel wird es gern für Sie tun, Ihre Hilfe hat ihn ja gerettet, und schweigen wird er im eigenen Interesse...«

»Wer?«

»Sie erinnern sich doch der Geschichte mit Ihrem Pächter, dem Afanasiewicz? Jener Ignaz Trudka...«

Der Graf wich zurück. Ein Zittern überlief seine Glieder. »Schweigen Sie!« rief er und streckte wie abwehrend die Hand vor.

»Verzeihen Sie – ich meine ja nur! Aber es ist spät!« Er blickte nach der Uhr. »Wahrhaftig, Mitternacht vorüber!«

»Es wäre ein Verbrechen...«

»Ja, aber Mord oder Selbstmord sind auch keine schönen Sachen. Überlegen Sie sich's bis morgen. Gute Nacht, lieber Graf...«

Rasch, ohne zurückzublicken, ging er aus dem Zimmer und ließ sich von dem Diener seine Schlafstube zeigen. Der Teufel hole die Sentimentalität, dachte er, aber obgleich er selbst wahrlich kein sentimentaler Mensch war, währte es doch diesmal lange, bis er den Schlaf fand.

Die Sonne stand hoch am Himmel, als er erwachte. Die Uhr wies auf zehn. Er machte sich rasch zurecht und klingelte dem Diener. Der Herr Graf habe wiederholt nach dem Herrn Kommissär gefragt, berichtete dieser. Der Arzt sei abgereist; die Kranke schlafe noch.

Einige Minuten später stand der Beamte vor dem Hausherrn. Agenor sah übel aus, wie jählings gealtert. »Kurz«, stieß er hervor. »Ich will's kurz machen... Ich willige ein... Wann kann der Mann hier sein?«

»Haben Sie es auch wohl überlegt?« fragte der Beamte.

»Keine Heuchelei!« brauste der Graf auf. »Es entspricht Ihrem Wunsch – Sie sind nun für Lebenszeit versorgt. Und daß der Ertrinkende in die Schneide des Schwertes greifen würde, das Sie ihm entgegenhalten, wußten Sie im vorhinein... Ihr Wagen ist bereits angespannt... Also, welche Summe fordern Sie zunächst, und wann kommen Sie mit dem Menschen?«

Herr von Wroblewski konnte sich auch kurz fassen, wenn es sein mußte. »Zehntausend Gulden. Übermorgen!«

Der Graf schrieb die Anweisung an seinen Güterdirektor und reichte sie dem Kommissär schweigend hin. Dieser las sie aufmerksam, nickte, steckte sie ein und ging, ohne Verbeugung, ohne Gruß.


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