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Falkenauge

Nachdem der Rio Gila die Kette der Nebelberge durchschnitten hat, wendet er sich dem Colorado River zu, der die Grenze zwischen Arizona und Kalifornien bildet und sich schließlich in den Golf von Kalifornien ergießt.

Von dem Winkel aus, den diese beiden Flüsse bilden, erstreckt sich bis in die Nähe des Presidio Tubac herüber ein weiter fruchtbarer Savannenstrich, der wilden Pferde- und Büffelherden reiche Nahrung bietet und den daher die roten Stämme als ihr bestes Jagdgebiet betrachten.

Beinahe zwei Wochen nach Aufbruch der Expedition Don Estebans von Tubac herrschte auf dem Teil der Savanne, der nah an der Grenze des Presidio liegt, ein überaus reges Leben. Eine lange Reihe indianischer Zelte bildete einen Kreisausschnitt, an dessen innerer Seite sich zahlreiche, an Stangen befestigte Riemen hinzogen, die mit flach- und dünngeschnittenen Fleischstücken dicht behängt waren.

Draußen am Horizont sah man hier und da einzelne Reiter oder auch ganze Trupps roter Jäger, während vor den Zelten nur Weiber und Mädchen zu bemerken waren, die sich mit dem Dörren von Fleisch, dem Abschaben von Häuten, dem Stampfen von Mais und anderen häuslichen Arbeiten beschäftigten.

Diese Indianerinnen bildeten in ihren malerischen Gewändern und Bewegungen ein reizvolles Bild im Leben der Savanne, und manche vornehme Dame der Zivilisation hätte Ursache gehabt, eines dieser Mädchen um ihre eigenartige Schönheit, Anmut und Frische zu beneiden, die doch der Indianer so wenig achtet, daß die Frau bei ihm die Stelle einer Sklavin einnimmt, die alle Lasten der Arbeit zu tragen hat, während der Mann außer dem Kriege und der Jagd keine Beschäftigung kennt, die er vornehmen darf, ohne seiner Würde zu schaden.

Das mittelste der Zelte mußte einem Häuptling gehören. Es war höher und breiter als die anderen und trug auf seiner Spitze einen Strauß von Adlerfedern, die vom Wind leise bewegt wurden.

Vor dem Eingang saß ein Mädchen und arbeitete an einem Mokassin, den sie mit einer kunstreichen Verzierung von Pferdehaar schmückte. Der Fuß, für den dieser Halbstiefel bestimmt war, mußte klein sein, wenn auch nicht ganz so klein und zierlich wie der ihrige, und die offenbare Liebe, mit der sie sich ihrer Beschäftigung hingab, ließ vermuten, daß der spätere Besitzer des Kunstwerks kein ihr fremder oder gar unangenehmer Mensch sein konnte.

Das Mädchen war schön, vielleicht das schönste im ganzen Lagerdorf, und über ihrer ganzen Erscheinung lag eine Art natürlichen Selbstbewußtseins ausgebreitet, das bei Indianerinnen nur höchst selten zu bemerken ist. Sie war jedenfalls das Kind des Häuptlings, dem das Zelt gehörte, und die Würde ihres Vaters hatte ihr die schöne Sicherheit gegeben, die jeder ihrer anmutigen Bewegungen eigen war.

Jetzt war der Mokassin fertig. Sie stellte ihn neben den anderen, den sie bereits vollendet hatte, und erhob sich. Ihr dunkles, große; Auge schien etwas bemerkt zu haben, was ihre Teilnahme erregte. Sie strich sich mit der kleinen hellbraunen Hand das reiche, schwarze, weit über die Hüften herabwallende Haar aus der Stirn und beschattete dann das Auge mit der Rechten, um besser sehen zu können.

Ein freudiges Lächeln ging über ihre zwar ausgeprägten, dabei aber weichen, vollen Züge. Doch schon nach einer Minute schien es, als ob ein plötzlicher Schreck sie durchzucke. Deutlich war zu bemerken, daß ihre dunkle Haut erblaßte, und beinahe ängstlich hob sich ihr Fuß, um vorwärts zu eilen, dem einzelnen Reiter entgegen, der in kurzem Galopp auf das Lager zugeritten kam.

Er ritt ein Pferd, das die Bewunderung eines jeden Kenners erregen mußte, und saß mit einer Sicherheit auf dessen Rücken, als seien beide aus einem Stück gegossen. Das büffellederne Jagdgewand, das er trug, war über und über mit Blut beschmutzt, und aus dem linken Ärmel tropfte es unablässig zur Erde nieder.

Auch er hatte das Mädchen erblickt. Sein Auge leuchtete auf, und statt nach einem der äußeren Zelte zu lenken, wie erst seine Absicht gewesen war, ließ er sich von seinem Renner in stolzen Lançaden bis zu dem Ort tragen, wo sie auf ihn wartete.

Jetzt stand er nach einem gewandten Sprung in aufrechter Haltung vor ihr.

»Welchen Feind hat Mo-la, die Blume der Komantschen, gesehen, daß ihr Antlitz erbleicht wie die Savanne im Winter und ihre Hand zittert wie der Halm im Morgenwind?«

»Den Tod«, erwiderte sie.

»Der Tod ist nicht ein Feind des tapferen Kriegers; er reicht ihm nur die Hand, um ihn zum großen Geist zu führen.«

»Der Tapfere stirbt im Kampf, aber nicht vom Stoß des Büffels!«

Es glitt ein schneller, finsterer Zug über sein Gesicht.

»Falkenauge stirbt nicht vom Horn des Büffels. Seine Hand ist fest, seine Kugel sicher und sein Messer scharf; der Büffel erreicht ihn nicht, sondern verendet vor seinen Füßen. Doch die Jäger der Komantschen bekommen das Fieber beim Anblick der Herden und sehen nicht, wohin sie ihre Kugeln senden. Sie haben nicht den Büffel getroffen, sondern den Arm ihres Gefährten.«

»Das Leben enteilt mit dem Blut. Falkenauge mag in das Zelt kommen, damit Mo-la ihn verbindet!«

Sie hob die Mokassins vom Boden auf und schritt ihm voran.

Er folgte. In dem Verhalten des Mädchens lag eine Gunstbezeigung, deren sich wohl kein anderer rühmen konnte. Doch zeigte keine seiner Mienen das Glück, das er darüber empfand.

Im Innern des Zeltes entblößte er den Arm, in dessen oberen, fleischigen Teil die matte Kugel eingedrungen war, wo sie noch saß. Er zog das Messer aus dem Gürtel und reichte es ihr.

»Mo-la mag das Blei entfernen!«

Eine Indianerin bebt vor dergleichen Arbeiten nicht zurück. Das Mädchen untersuchte die Wunde erst durch Abtasten, indem sie die Finger leise drückend um den Arm legte, und als sie die Lage der Kugel erkannte, versuchte sie, diese mit dem Messer herauszuholen. Dies Verfahren mußte Falkenauge ungewöhnlichen Schmerz bereiten, aber nicht ein Haar seiner Wimpern bewegte sich, und er blickte still auf die kleinen Hände, die sich so freundlich und vorsichtig mit ihm beschäftigten.

Nach wenigen Augenblicken hatte sie die Kugel entfernt. Jetzt nahm sie von der Zeltwand ein Bündel getrockneter und zerquetschter Kräuter, und bald war der Verband so gut angelegt, daß die Blutung vollständig aufhörte.

»Falkenauge wird kein Fieber haben, und ehe der Mond wechselt, ist die Wunde geschlossen. Mo-la kennt ihre Pflanzen; sie hat sie selbst geholt zur Stunde, in der der Tau von den Sternen fällt und der gute Geist die Blumen segnet.«

»Weiß Mo-la, welche Blume er am liebsten segnet?«

»Falkenauge wird es ihr sagen!«

»Die Blume der Komantschen.«

Jetzt glänzte sein Auge in einem tiefen Licht; er beugte sich wieder zu ihr, um mit seiner Hand die ihrige zu berühren. Sie schlug die Wimpern nicht nieder, sondern richtete den Blick groß und voll in den seinigen.

»Der große Krieger liebt nur den Kampf und die Gefahr, er blickt nicht auf die Blume, die das Gras verdeckt.«

»Er hat sie gesehen und möchte mit ihr seinen Wigwam schmücken, um auszuruhen an ihrem Herzen vom Getöse der Schlacht und den Mühen der Jagd. Wird sie unter seinem Zelt mit ihm wohnen wollen?«

»Sie will!«

Er strich ihr mit der Hand, die noch immer von seinem eigenen Blut befleckt war, über das weiche Haar.

»Der ›kluge Fuchs‹ ist der Vater der Blume. Falkenauge wird mit ihm reden!«

»Der ›kluge Fuchs‹ hat Falkenauge lieb; er wird ihm die Blume schenken, wenn er die Skalpe seiner Feinde bringt.«

»Falkenauge wird gehen und so viele Kopfhäute holen, wie der Häuptling sehen will. Er weiß den Weg zu den Kriegern der Apatschen und wird ihnen mit dem Messer um die Köpfe zeichnen, wieviel er für Mo-la bezahlt.«

»Der Weg ist weit und viele Sonnen lang. Falkenauge nehme diese Mokassins, damit sein Fuß immer jung und kräftig bleibe bei der Verfolgung der Apatschen!«

Er nahm die Schuhe, die sie im stillen für ihn gefertigt hatte.

»Die Blume der Komantschen ist wie die Sonne, die Licht spendet, und wie der Quell, der Labung gibt. Sie wird nicht Sklavin sein in dem Wigwam Falkenauges, sondern eine Herrin der Hütte und des Zeltes, wie die Frauen der Bleichgesichter! Howgh!«

Er ging. Mit dem letzten Wort hatte er sein Versprechen zum Schwur gemacht, ein Versprechen, das von einem stolzen Krieger wohl noch keinem indianischen Mädchen gemacht worden war. Er kannte die Sitten der Weißen; er wußte, wie wert diese ihre Frauen halten, und die Liebe zu der schönen Häuptlingstochter ließ den Vorsatz in ihm fest werden, ihr eine Stellung nicht unter, sondern neben sich anzuweisen.

Eine Stunde später kehrten die Komantschen von der Jagd zurück und brachten eine reiche Beute mit. Schon jetzt lagen vor den Hütten große Haufen Felle aufgestapelt, und es war zu erwarten, daß das getrocknete Büffelfleisch dem Stamm einen für viele Monate reichenden Vorrat bieten werde.

Einer von ihnen ritt auf einem verkehrt gesattelten Pferd, an dessen Schwanz Büchse, Messer, Tomahawk und Lasso hingen. Es war der Indianer, der durch seinen Fehlschuß Falkenauge verwundet hatte. Er senkte den Kopf tief und verschwand, sobald der Trupp angekommen war, vor Scham über die ihm gewordene Strafe sofort in seinem Zelt.

Jetzt bekamen die Frauen doppelte Arbeit. Das getrocknete Fleisch mußte abgenommen und das frische an den Riemen befestigt werden; die Männer wollten bedient sein; die Feuer wurden angebrannt, und bald konnte man vor den Zelten die Gruppen der Männer sehen, die rauchend, plaudernd oder still ausruhend auf das Mahl warteten, das die Frauen zu bereiten hatten.

Der ›kluge Fuchs‹ saß in seinem Zelt und blickte der Tochter zu, die mit besorgter Emsigkeit um ihn schaltete. Der Bewohner der Prärie ist nicht so arm an häuslichen Freuden, wie man oft hört. Auch er hat ein Herz, das für die Seinen schlägt, wenn auch seine Sitten rauher sind als die unseren.

Mo-la war sein einziges Glück. Er hatte zwei Söhne gehabt; sie waren gefallen, der eine im Kampf gegen die Apatschen, der andere ermordet von den Banditen der Steppe, und nun war ihm nur sein drittes Kind, die Tochter, übriggeblieben.

Der ›Fuchs‹ galt als der klügste und vornehmste Häuptling unter den Komantschen; seine Tochter durfte daher nur einen Krieger heiraten, der auch ein Häuptling war, klug, weise und verständig im Rat, tapfer aber und verschlagen im Streit. Da hatte er bemerkt, daß einer seiner letzten Krieger Mo-la liebte und bei ihr dieselbe Zuneigung fand. Er war zornig darüber gewesen und hatte den Jüngling aus seinem Zelt und von seinem Feuer gewiesen.

»Die Blume der Komantschen tritt nur in das Zelt eines Häuptlings, der einen großen Namen hat!«

So hatte damals sein Wort geklungen, und der junge Mann hatte es sich gemerkt.

Eines Tages war er aus dem Lager verschwunden, – niemand wußte wohin. Bald aber drang die Kunde von ihm aus allen Richtungen herbei. Er hatte ganz allein eine jener Abenteuerfahrten unternommen, wie sie von den Recken des Altertums und den umherziehenden Rittern des Mittelalters erzählt werden und noch heute bei den kriegerischen Nomadenstämmen des amerikanischen Festlandes vorkommen.

An jedem Lagerfeuer, in jeder Hütte und in jedem Zelt wurde bald von ihm gesprochen; er war ausgezogen, um sich einen Namen zu holen oder unterzugehen, und als er wiederkehrte, bedeckt von Wunden und Skalpen, brauchte er keinen Namen mitzubringen, denn er war ihm bereits vorangegangen: ›Falkenauge‹ hatten ihn die Apatschen genannt. Er wurde mit großem Jubel aufgenommen und bald als der brauchbarste Krieger seines Stammes anerkannt, den man zu den schwierigsten Unternehmungen verwandte, die man keinem anderen anvertrauen konnte.

Mo-la war stolz auf ihn, und auch der ›kluge Fuchs‹ widmete ihm im stillen eine väterliche Zuneigung, die von Woche zu Woche, von einer Tat des Jünglings zur anderen, größer wurde, obgleich er es sich nicht merken ließ.

Die erste Hälfte seiner Aufgabe hatte er erfüllt: er trug einen geachteten Namen. Die zweite Hälfte war schwieriger zu lösen: Häuptling zu werden konnte er nur dann Hoffnung haben, wenn ein Krieg zwischen den Komantschen und Apatschen ausbrach, oder es ihm sonst gelang, sich durch eine außerordentliche Tat auszuzeichnen.

Jetzt stand er vor seinem Zelt und blickte hinaus in die Savanne, an deren westlichem Horizont die immer größer werdende Sonnenscheibe sich zur Tiefe senkte und die Ebene mit wallenden Gluten überflutete.

Da kam die Zeltreihe herab langsam ein Stammesgenosse auf ihn zugeschritten.

»Mein Bruder soll zum Häuptling kommen!«

Falkenauge nickte und schritt auf das Zelt des ›Fuchses‹ zu.

Dieser wies mit der Hand auf die Pantherhaut, die zu seiner Seite ausgebreitet lag, und bot ihm die Pfeife, deren Kopf aus dem roten Ton des heiligen Pfeifensteinbruchs geformt war.

Falkenauge setzte sich und tat einige Züge, worauf er das Kalumet dem Häuptling zurückreichte.

»Die Kugel eines Knaben hat Falkenauge getroffen«, begann dieser die Unterredung. »Ist die Wunde von Gefahr für ihn?«

»Die Blume der Komantschen hat das Kraut der Heilung aufgelegt; ihre Hände sind lind und ihre Finger wie die Spitzen der Morgenröte; die Nacht der Krankheit und des Todes muß ihnen weichen.«

Mo-la hörte diese Worte und errötete. Er wagte, von ihrer Liebestat zu sprechen; das war ein Zeichen, daß er sicher war, sein Ziel zu erreichen.

»Das Licht des Morgens geht über den Himmel und verschwindet am Abend wieder«, antwortete der ›Fuchs‹ in der bilderreichen Ausdrucksweise der Indianer, die von sich und zu anderen meist nur in der dritten Person sprechen. »Mein Sohn vermag nicht, es festzuhalten.«

»Es kehrt zurück«, antwortete der Jüngling kurz und stolz.

»Es kehrt zurück«, wiederholte der Häuptling, auf seinen Zweck einlenkend, »und beleuchtet die Beute der Komantschen, die den Büffel gejagt und getötet haben. Die Häute der Tiere liegen vor den Zelten, und kein Krieger wird sie mit in die Heimat nehmen.«

»Die Bleichgesichter bedürfen der Häute zu Sohlen für ihre Mokassins.«

Der Häuptling nickte, zufrieden mit dem Scharfsinn Falkenauges, der ihn verstanden hatte.

»Gegen Mittag liegt das Land der Bleichgesichter, mit denen der Apatsche kämpft und der Komantsche in Frieden lebt.«

»Es heißt Tubac.«

»Mein Sohn kennt es?«

»Falkenauge hat die steinernen Hütten gesehen, die sie eine Stadt nennen.«

»Wie viele Bleichgesichter wohnen dort?«

»Falkenauge konnte sie nicht zählen; es waren ihrer mehr als drei Komantschenstämme.«

»Und wie nennt man diese Stadt?«

»Man nennt sie wie das Land, Tubac.«

»Gibt es dort Pulver und Blei?«

»Pulver, Blei und Flinten, Messer, Tabak, Decken, Perlen und alles, was der rote Mann für sich und seine Squaw gebraucht.«

»Und die weißen Männer werden alle diese Häute kaufen?«

»Sie werden ihren roten Brüdern dafür geben, was sie brauchen.«

»Dann wird der ›kluge Fuchs‹ mit Sonnenaufgang zwanzig seiner Krieger senden, die diese Häute gen Mittag schaffen. Dort werden sie haltmachen, eine halbe Sonne entfernt von der Grenze des Landes, das Falkenauge Tubac nennt. Mein Sohn aber wird jetzt sein Roß besteigen, um ihnen voranzugehen und die Bleichgesichter herbeizuholen.«

Die Freude des Jünglings über diesen Auftrag war nicht gering, doch ließ er sich dies nicht merken, sondern fragte einfach:

»Was sollen die weißen Männer mitbringen?«

»Gewehre, Pulver und Blei, Beile, Messer, Nadeln, Scheren, Tabak, Decken und Kattun. Mein Sohn wird sehen, was sie haben.«

»An welchem Ort werden meine roten Brüder warten?«

»An dem Ort, den Falkenauge ihnen bezeichnet. Sie werden der Spur meines Sohnes folgen.«

»Falkenauge darf keine Spur zurücklassen. Sein Weg geht durch das Jagdgebiet der Apatschen.«

»So mag Falkenauge eine Stelle nennen!«

»Genau nach Mittag und gerade zwei Sonnen von hier wachsen Silberpappeln aus der Erde, rund wie ein Kreis, in dem drei Gummisträucher stehen. Dort mögen sie warten, bis Falkenauge die Bleichgesichter bringt.«

»Howgh! Und wenn mein Sohn einen Hund der Apatschen sieht, so nehme er ihm den Skalp!«

»Das Zelt Falkenauges hängt voll von Kopfhäuten der Apatschen; es wird voll werden von ihnen vom Boden bis zur Spitze.«

»Und wenn er kann, so forsche er nach Schwarzvogel, dem Häuptling der feigen Schakale, der mir den Sohn gemordet hat.«

»Soll Falkenauge seinen Skalp bringen?«

»Schwarzvogel ist eine Natter, eine elende Kröte, die sich versteckt, damit der Komantsche ihre Haut nicht findet! Zwei Söhne hat der ›Fuchs‹ geben müssen, zwei große tapfere Krieger, den einen an die Hunde von Apatschen und den anderen, der sein Liebling war, an das Ungeziefer der Savanne, das sich El Mestizo und Mano-Sangriento nennt.«

»Soll Falkenauge ihre Skalpe bringen?«

Der Häuptling blickte den Jüngling beinahe erschrocken an.

»Sind die Sinne meines tapferen Sohnes verwirrt oder ist das Ohr des ›Fuchses‹ schwach geworden, daß es falsch hört?«

»Es hat recht gehört.«

»Dann kennt mein Sohn die Verbrecher nicht. Sie sind stark wie zehn Bären und listig wie hundert böse Geister. Kein roter Mann kann sie töten; der ›Fuchs‹ sagt es, er weiß es genau; nur zwei Männer vermöchten es, ihnen die Skalpe zu nehmen. Doch diese zwei sind noch niemals in das Jagdgebiet der Komantschen gekommen. Wären sie da, so würde der ›Fuchs‹ zu ihnen gehen, um das Kalumet mit ihnen zu rauchen.«

»Wer sind diese Männer?«

»Es sind zwei Bleichgesichter. Man nennt sie die Häuptlinge der Wälder und der Savanne: der ›große Adler‹ und der ›zündende Blitz‹. Hat mein Sohn noch nicht von ihnen gehört?«

»Er hat schon viel von ihnen vernommen und würde all seine Skalpe der Apatschen geben, wenn er sie sehen könnte.«

»Die Bleichgesichter sind über das große Wasser herübergekommen, wo ein weites Land liegt, das wie das Land der roten Männer einen Mittag und eine Mitternacht hat. Die Bleichgesichter des Mittags sind gekommen und haben die roten Männer mit List und Heimtücke getötet und um ihre Jagdgebiete betrogen. Jetzt sind sie selbst schwach, krank und elend geworden. Der Mittag über dem großen Wasser heißt España. Dann sind Bleichgesichter aus der Mitternacht herübergekommen. Sie sind stark, tapfer, klug und weise und Freunde der roten Männer. Ihre Gestalt ist hoch und breit, ihr Haar licht, und ihr Auge hat die Farbe des Himmels, an dem die guten Sterne leuchten. Sie sind stark und weise geblieben, aber sie wohnen nicht im Lande der Apatschen und Komantschen, sondern weit von hier am großen Vater der Ströme und an den Bergen, die stets Eis haben. Die Mitternacht jenseits des großen Wassers heißt Alemania; der ›Fuchs‹ weiß das gewiß; ein weiser Mann, der alles gesehen hat, was die Sonne bescheint, hat es ihm berichtet.«

»Mano-Sangriento ist ein Bleichgesicht, und El Mestizo, sein Sohn, hat eine rote Mutter.«

»Sie sind wie die Teufel, an die die weißen Männer glauben. Der große Geist hat jedes rote Weib verflucht, das einen weißen Mann liebt; darum sind die Kinder eines solchen Weibes wie das Gewürm, vor dem der Mensch schaudert. Der ›Fuchs‹ gäbe sein Leben hin für die Skalpe dieser Schakale.«

»Falkenauge wird sie ihm bringen.«

Der Häuptling schwieg. Er sah dem Jüngling lange in das feste, dunkle Auge; dann sog er den Rauch der Pfeife langsam ein und blies ihn nach den vier Himmelsrichtungen von sich.

»Falkenauge ist nach jung; er zählt bei weitem nicht die Hälfte der Winter des ›Fuchses‹, aber er wird einst ein gewaltiger und weiser Krieger sein. Wenn er mir die Skalpe der Teufel bringt, so soll er die Adlerfedern bekommen und ein großer Häuptling sein unter den Söhnen der Komantschen!«

Jetzt endlich war das Wort gefallen, das der junge Mann schon längst ersehnt hatte. Jetzt endlich hatte er seine Aufgabe bekommen, deren Lohn die Erfüllung seiner größten Wünsche war. Ein Weißer hätte seine Freude darüber laut geäußert, dem Indianer aber ist es eine Ehrensache, die Gefühle des Herzens zu verbergen. Darum antwortete Falkenauge außer einem schnellen, leuchtenden Blick auf Mo-la in beinahe gleichgültigem Ton:

»Die Tage von Mano-Sangriento und El Mestizo sind gezählt; ihre Sonne neigt sich zur Rüste, und das Messer des Komantschen schwebt über ihrem Haupt, um sie ins Land der Schatten zu schicken, von wo keine Wiederkehr ist. Falkenauge hat gesprochen!«

Er erhob sich. Der ›Fuchs‹ winkte mit der Hand, und der Jüngling verließ das Zelt.

Die Dämmerung brach herein; der Abend folgte ihr schnell, und als Falkenauge sein Pferd bestieg, leuchteten die Sterne bereits vom Himmel hernieder.

Er ritt an der Rehe der Zelte hin, obgleich es kürzer gewesen wäre, das Lager sofort zu verlassen. Glaubte er vielleicht, Mo-la noch einmal erblicken zu können?

Das Türfell des Häuptlingszeltes blieb gesenkt. Er lenkte sein Tier der offenen Savanne zu. Kaum aber war er einige Minuten geritten, so erhob sich eine dunkle, schlanke Gestalt vor ihm.

»Falkenauge!«

»Mo-la!«

»Sind die ›Teufel‹ so schlimm, wie Vater sagte?«

»Es hat sie noch niemand zu überwinden vermocht.«

»So wird der Stern verlöschen, nach dem Mo-la blickt!«

»Er wird leuchten und nie untergehen!«

»Ist es so nötig, Häuptling zu sein?«

»Falkenauge würde die ›Teufel‹ töten auch ohne diesen Preis. Sie haben den Bruder seiner Blume gemordet und müssen sterben.«

»Weit drin in der wilden Steppe hat ein weiser Zauberer gewohnt, der Macht selbst über den Tod hatte. Er hat der Squaw des ›klugen Fuchses‹ eine große Medizin gegeben, die vor dem Tod schützt.«

»Wer hat diese Medizin?«

»Mo-la. Sie erhielt sie von der Mutter, als diese in das Land der Seelen ging. Wird Falkenauge sie nehmen?«

»Er nimmt sie«, antwortete er einfach.

Sie reichte ihm das Amulett entgegen; er nahm es und hängte es um den Hals.

»Wird Mo-la nun ruhig sein?«

»Sie wird keine Angst mehr haben.«

Er reichte ihr die Hand vom Pferd herab und ritt davon. Sie stand und lauschte, bis die Hufschläge verklungen waren, und kehrte dann ungesehen ins Lager zurück. –

Zwei Tage später saß in der Venta des ehrsamen Señor Francisco Metalja eine bunt gewürfelte Gesellschaft beisammen.

An einem der Tische lehnten zwei Ciboleros (sprich: Ssiboléro) Büffeljäger, ganz in Büffelhaut gekleidet. Ihre derben Gestalten, kräftigen Fäuste und energischen Gesichtszüge gaben deutliches Zeugnis über die Schwierigkeit ihres anstrengenden Handwerks.

Die Lassos, welche sie um den Leib geschlungen narren, waren doppelt so stark wie ein gewöhnliches Lariat, und die neben ihnen lehnenden Büchsen sahen so außerordentlich mitgenommen aus, daß sie wohl schon manche Zeit in Gebrauch gewesen waren, ohne ein einziges Mal regelrecht geputzt und gesäubert worden zu sein.

An zwei zusammengeschobenen Tischen saßen neun Vaqueros mit einem gut gekleideten Señor, der ihr Haciendero zu sein schien.

Ihnen gegenüber hatten zwei Personen eine dunkle Ecke eingenommen, die man auf den ersten Blick für Papagos halten mußte. Der eine war ein Greis; der andere zählte vielleicht die Hälfte seiner Jahre.

Das weiße Haar des älteren und das schwarze des jüngeren war am hinteren Teil des Kopfes durch weißlederne Bänder zusammengebunden, so daß es einen Knoten bildete. Eine Art engen, gestrickten Käppchens von grobem Faden, das mit einem Federbusch geschmückt war, bedeckte die Spitze ihres Kopfes und wurde durch einen ledernen Sturmriemen festgehalten. Beide hatten nackte Beine, und der Oberteil ihrer Körper wurde von einer groben Wolldecke verhüllt.

Ausdruck und Zeichnung ihrer Gesichter konnte man nicht deutlich erkennen, da die tiefe, niedrige Stube nur zwei kleine Fenster hatte, deren Scheiben zudem so blind waren, daß der Strahl der Sonne kaum mit halbem Licht hindurchzudringen vermochte.

An dem noch freien Tisch hatte ein Tratante Herumziehender Krämer Platz genommen und beschäftigte sich damit, die Gegenstände, die er in zwei großen, umfangreichen Paketen bei sich trug, zu ordnen. Dabei bemerkte er allerdings die gierigen Blicke nicht, mit denen die beiden Papagos den Inhalt musterten.

Der Haciendero führte gerade das Wort.

»Ja, zwanzig Pferde sind es, die sie mir gestohlen haben, diese spitzbübischen Apatschen, aber por Dios, ich werde sie mir wieder holen! Wir haben ihre Spur, die um die Stadt herumführt, und sind nur einmal eingekehrt, um eine kleine Stärkung zu uns zu nehmen. Wollt Ihr mit, Don Francisco?«

»Danke, Señor. Mir ist ein gutes Glas Pulque lieber, als ein Stich zwischen die Rippen oder ein Schnitt um die Haare herum«, erwiderte der Wirt. »Habt Ihr die Spuren gezählt?«

»Es sind über vierzig.«

»Da kann es einem ja angst und bange werden um die schöne Expedition, die Don Esteban de Arechiza nach der Apacheria geführt hat!«

»Wegen dieser vierzig oder fünfzig doch wohl nicht. Die Roten leben ja nicht wie wir in großen Gemeinden beisammen; sie brauchen viel Platz und lieben es daher, sich zu zerstreuen. Ein Volk hat viele Stämme, und jeder Stamm sondert sich wieder in einzelne Trupps, von denen jeder auf eigene Rechnung handelt. Es ist anzunehmen, daß meine Pferdediebe von der Expedition gar nichts wissen, sonst wären sie ihr gefolgt.«

»Wohin weisen die Spuren?«

»Gerade nach Norden.«

»Also nach der Savanne. Dann sind wir im Presidio also die Schufte los!«

»Aber sie uns nicht. Sie sind uns zwar an Zahl überlegen, denn wir sind nur zehn Mann, aber ich meine, ein guter Vaquero nimmt fünf solcher Kerle auf sich, und wenn ich einen finde, der sich anschließen will, dem zahle ich zwei Quadrupel für eine Indianerhaut.«

Bei diesen Worten richtete sich einer der beiden Ciboleros empor.

»Ist das Euer Ernst, Señor?«

»Mein vollständiger. Warum?«

»Weil wir uns dann einige von Euren Quadrupeln verdienen möchten.«

»Warum nicht?« meinte der Haciendero, während er die beiden genauer musterte. »Ihr scheint nicht neu im Fach zu sein. Darf ich nach euren Namen fragen?«

»Ich heiße Encinas und mein Gefährte Pascual. Wir befinden uns eigentlich auf dem Weg nach der Hacienda del Venado, wo wir Don Agustín Pena gewöhnlich beim Zeichnen seiner Herden geholfen haben. Kennt Ihr diesen Señor.«

»Den kenne ich wohl. Er ist der reichste Herdenbesitzer von ganz Sonora und hat eine Tochter, die so schön ist, wie man es gar nicht beschreiben kann.«

»Was Ihr da sagt von seinem Reichtum und ihrer Schönheit, ist beides wahr. Rechnet nun noch dazu, daß beide gleich gut und wohltätig sind, so werdet Ihr Euch nicht darüber wundern, daß zwei Ciboleros jährlich eine wirkliche Reise unternehmen, um Don Agustín Pena aufzusuchen.«

»Wo wird er in diesem Jahr seine Treiben abhalten?«

»Am Büffelsee. Und wenn ich mich nicht irre, so kommt die junge Dame auch mit. Er hat es ihr vor einem Jahr sicher und gewiß versprechen müssen.«

Der jüngere der beiden Papagos horchte auf. Er wandte sich zu dem älteren und flüsterte in englischer Sprache:

»Hörst du, Alter? Die Señorita kommt!«

»Hol sie der Teufel!«

»Nein, nicht er, sondern ich hole sie!«

»Daß es dir geht wie damals, als uns dieser Tiburcio Arellano – Zounds, deine Flinte allein war mehr wert, als das Mädchen mit ihrem Milchgesicht. Wer sein Auge auf ein Weib richtet, der wird blind. Das habe ich gesehen bei deiner Mutter, der roten Hexe –«

»Alter, laß mir die Mutter in Ruhe, sie ist tausendmal mehr wert gewesen als du! Siehst du die Sachen, die dieser Tratante eingepackt hat?«

»Ich sehe sie wohl, denn ich denke an kein Mädchen und bin also auch nicht blind«, antwortete der andere giftig. »Schau hinaus zu den Maultieren, wenn du noch mehr sehen willst!«

Vor dem Haus waren die Pferde des Haciendero und seiner Vaqueros angekoppelt, und an den Ladenhaspen hingen zwei wohlbepackte Maultiere, die dem Krämer gehörten, der nur einen kleinen Teil seiner Ware mit in die Wirtsstube gebracht hatte.

Der jüngere Papago hatte dies längst bemerkt.

»Die Waren müssen unser werden, Alter!«

»Das versteht sich! Aber wie?«

»Wir müssen ihn beerben!«

»Natürlich! Aber wo?«

»Das wird sich finden. Warte nur, bis er den Mund auftut. Er wird dann wohl sagen, welche Richtung er nehmen will.«

»Vielleicht geht er zu den Apatschen.«

»Das wird er bleibenlassen. Denn jeder weiß, daß die Apatschen auf die Weißen schlecht zu sprechen sind. Sie würden seine Waren einfach nehmen und ihn dann umbringen.«

»Oder zu den Komantschen.«

»Das ist eher möglich. Diese Halunken halten es gerade jetzt mit den Weißen, und besonders wir dürften uns auf ihrem Gebiet gar nicht blicken lassen, obgleich wir keine Apatschen sind.«

»Warum schossest du den jungen Häuptling rücklings nieder?«

»Weil er mir im Weg war. Den ›alten Fuchs‹ allerdings hätte ich noch weit lieber getroffen, der uns ein für allemal verbot, unseren Weg durch das Gebiet seines Stammes zu nehmen.«

Jetzt hatte der Tratante seine Waren zurechtgelegt und erhob sich. An den Tisch des Haciendero tretend, bot er seine Sachen an.

»Woher kommt Ihr?« fragte dieser.

»Von Arispe.«

»Und wohin werdet Ihr gehen?«

»Weiß nicht. Ich richte mich nach der Gelegenheit.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür geräuschlos und ein Mann trat ein, der sofort die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zog.

Es war Falkenauge, der Komantsche.

Die nervigen Körperformen und der elastische, stolze Schritt, mit dem der junge Krieger eintrat, mußten sofort auffallen. Seine breiten Schultern und seine starke Brust waren nackt; um seine schlanken Hüften schlang sich eine feingewebte Saltillodecke, die in glänzenden, verschiedenartigen Farben schillerte. Gamaschen von scharlachrotem Tuch bedeckten seine Unterschenkel; mit Pferdehaar gestickte Kniebänder und eigenartig aus Stachelschweinsborsten gearbeitete Eicheln umschlossen über den Knöcheln diese Gamaschen, und die Füße steckten in den kunstreichen Mokassins, die ihm Mo-la geschenkt hatte.

Sein Kopf trug einen höchst sonderbaren Schmuck, der fast das Aussehen eines schmalen Turbans hatte. Es war eine aus zwei malerisch gewundenen bunten Tuchstreifen bestehende Stirnbinde. Die in zwei Zöpfen mit kleinen Silbermünzen, länglichen Muscheln und farbigen Bandstreifen durchflochtenen Haare hingen zu beiden Seiten des Kopfes über die Schultern herab. Die getrocknete, glänzende Haut einer Klapperschlange schlang sich durch die Falten der Stirnbinde, und sowohl die Schwanzklappern als auch der mit spitzigen Zähnen bewehrte Kopf des Reptils lagen zwischen den Haaren auf den Schultern, wodurch der Eindruck einer eigentümlichen Wildheit erweckt wurde.

Wäre sein Gesicht von den entstellenden Bemalungen frei gewesen, so hätte man eine echt römische Nase, eine hohe Stirn, auf der sich Mut und Gerechtigkeitssinn zeigten, einen kühn geschnittenen Mund und zwei Augen bewundern können, die bestimmt zu sein schienen, durch ihren Blick alles zum Gehorsam zu zwingen. Die fast unmerklich hervortretenden Wangenknochen Störten das schöne Ebenmaß der Züge nicht, vielmehr gaben sie ihnen etwas eigentümlich Fremdartiges, den Beschauer Fesselndes.

Seine Waffen bestanden in einem leicht gekrümmten Skalpmesser, einem glänzend geschliffenen Tomahawk, einem kunstvoll geflochtenen Lasso, der in kurzen Bogen um seine Hüften hing, und einer Büchse, deren Holzteile eng mit silbernen Nägeln beschlagen waren.

Er grüßte mit einer leichten Handbewegung und erfaßte mit einem einzigen Blick die Anwesenden mit einer Schärfe und Vollständigkeit, als hätte er sie schon längere Zeit beobachtet.

Was keiner der anderen bemerkt hatte, das fiel ihm sofort auf: die echten Forsterschen Büchsen, die die zwei sonst ärmlich ausstaffierten Papagos zwischen ihren Knien hielten.

Alles war still; jeder Laut war bei seiner Erscheinung erstorben. Er trat bis auf drei Schritte breit vor die Papagos hin und fragte:

»Meine roten Brüder sind arm. Sie arbeiten um Lohn für die weißen Männer?«

Der heruntergekommene Stamm der Papagos läßt sich meist zu den gewöhnlichsten Handleistungen anwerben, um ein elendes, armseliges Leben zu fristen, das nur aus Arbeit und Schlaf besteht.

»Mein Bruder hat recht gesagt.«

»Was arbeiten meine Brüder?«

»Sie sind Vaqueros auf dem offenen Lande.«

»Wo haben sie ihre Pferde und Lariats?«

»Sie haben ihre Tiere vor der Stadt angebunden.«

»Ein Vaquero geht nicht von seinem Pferd. Meine roten Brüder sind schlimm gekleidet; ihr Herr muß eine fest geschlossene Hand haben.«

»Die Papagos sind arm.«

»Aber sie haben teure Büchsen. Darf ihr roter Bruder sich die Gewehre einmal betrachten?«

»Ihr roter Bruder hat selbst eine Büchse, die er betrachten kann.«

Die Anwesenden lauschten mit hoher Spannung dieser eigentümlichen Unterhaltung; sie wußten sofort, daß der Scharfsinn des Komantschen etwas Verdächtiges an den Papagos bemerkt haben mußte, und waren begierig zu erfahren, was dies sei.

Falkenauge ließ sich durch die Weigerung nicht irremachen, vielmehr bestärkte sie ihn nur in seinem schnell gefaßten Verdacht.

»Die Papagos haben schöne Farbe; aber unter ihr blickt eine lichte Haut hervor.«

»Was geht unseren Bruder unsere Haut an?« brauste der ältere auf. »Er schere sich zum Teufel!«

»Mein Bruder hat die Sprache der Rothäute, aber die Höflichkeit der weißen Männer. Warum sind seine Nägel von der Farbe der Baumwollblüte?«

Jetzt erhob sich der jüngere.

»Der Schwätzer kümmere sich um seine eigenen Nägel, sonst lassen wir ihn die unsrigen fühlen!«

»Der zornige Papago hat einen weißen Vater. Warum verkleiden sich Mano-Sangriento und El Mestizo als Indianer?«

Die beiden Namen wurden mit Nachdruck gesprochen. Bei ihrem Klang sprangen sämtliche Anwesenden auf. Die beiden Genannten waren als Wüstenräuber so allgemein bekannt, daß sie jedermann zum Feind hatten, und ihre Taten hatten sich selbst so weit hinein in die zivilisierten Gegenden erstreckt, daß eine große Kühnheit für sie dazu gehörte, sich hier in Tubac sehen zu lassen.

»Mano-Sangriento und El Mestizo!«

»Main-rouge und Sang-mêlé!«

»Red-Hand und Half-Breed!«

So rief es wirr durcheinander, je nach der Sprache, die den Anwesenden geläufig war. Alles griff zu den Waffen, alles war überrascht, erschrocken, bestürzt, und nur einer stand stolz und ruhig inmitten des Wirrwarrs und blickte auf die beiden entlarvten Wüstenräuber mit einer Miene, als habe er zwei schwache Schulknaben vor sich.

»Drauf, nehmt sie fest!« rief einer.

»Laßt sie, laßt sie gehen!« meinte ein anderer.

»Halt!« donnerte der Wirt dazwischen. »Die Venta ist mein Eigentum, und hier hat niemand zu befehlen, als ich allein. Ich leide keinen Kampf in meinem Haus. Geht hinaus, wenn ihr euch die Hälse brechen wollt!«

Jedermann sah ein, daß der ehrsame und vorsichtige Francisco Metalja im Grunde genommen recht hatte. Weder El Mestizo noch sein Vater hatten einem von ihnen persönlich ein Leid getan; die erste Aufregung verflog so schnell, wie sie über die Versammlung gekommen war, und bald standen sich nur noch Falkenauge und die beiden Räuber gegenüber.

»Hund von einem Komantschen, wer erlaubt dir, dich um uns zu kümmern!« knirschte El Mestizo, das Messer, das er gezogen hatte, wieder in den Gürtel steckend.

»El Mestizo ist weder rot noch weiß«, antwortete der Beschimpfte ruhig; »er darf nicht von Hunden sprechen. Er ist der Kojote, der nur Aas frißt und Leichen raubt; die Tiere der Erde und die Vögel der Luft verachten ihn.«

»Hier hast du den Kojoten!«

Er sprang auf den Komantschen ein; dieser aber wich zur Seite, und von der Gewalt seines Sprunges niedergeworfen, stürzte der Mestize zur Erde.

Sofort kniete der Komantsche über ihm, riß den Haarknoten des Gefallenen auf, schlang sich das Haar mit einer blitzschnellen Bewegung um die Linke und machte mit dem Messer in der Rechten dreimal die Bewegung des Skalpierens in der Luft, noch ehe ihn Main-rouge oder ein anderer daran hatte hindern können. Dann aber richtete er sich wieder empor.

»Der Kojote mag aufstehen; er befindet sich nicht in der Savanne, sondern in dem Wigwam eines Bleichgesichts; darum soll er noch einige Sonnen leben!«

El Mestizo erhob sich in dem Augenblick, als sein Vater den Komantschen erreicht hatte und diesem das Messer in die Seite stoßen wollte.

Der Bedrohte wich dem Stoß aus, und jetzt warfen sich die Vaqueros und Ciboleros zwischen die beiden Parteien.

»Hinaus mit den Räubern!« rief der Wirt.

Der Stolz des Komantschen hatte den Leuten gefallen und sein Edelmut schnell ihr Herz gewonnen. Sie deckten ihn gegen die zwei grimmig auf ihn blickenden Männer.

»Komm her, du Hund von einem Komantschen«, schäumte El Mestizo, während er durch die Gäste zu dringen versuchte. »Sag deinen Namen, wenn du einen hast!«

»El Mestizo wird Falkenauge kennenlernen!« klang es als Antwort.

»Falkenauge!« riefen die Mexikaner.

»Falkenauge!« rief auch Sang-mêlé und machte Miene, ihn mit Gewalt zu erreichen.

Schnell aber schien er sich eines anderen zu besinnen.

»Komm, Alter!«

Er verschwand durch die schon längst aufgerissene Tür. Sein Vater folgte ihm mit derselben Schnelligkeit.

Sofort stand der Komantsche am Fenster und hielt die Büchse zum Schuß bereit.

»Was wollt Ihr tun?« fragte besorgt der Wirt.

»Falkenauge schützt sein Pferd!« antwortete der Komantsche.

Er hatte Veranlassung zu dieser Wachsamkeit, denn die beiden Räuber machten wirklich Miene, sich schnell auf zwei der draußen wartenden Pferde zu werfen. Als sie aber die auf sie gerichtete Büchse erblickten, ließen sie von ihrem Vorhaben ab und entfernten sich eiligen Schrittes.

Es dauerte einige Zeit, ehe die Männer wieder ruhig beieinander saßen. Dann nahm der Haciendero wieder das Wort.

»Kommt Falkenauge aus der Savanne?«

»Er kommt von Mitternacht.«

»Hat er Spuren von Apatschen gesehen?«

»Er hat gesehen die Spur von fünfmal zehn Reitern und zweimal zehn Pferden, auf denen kein Apatsche saß.«

»Wo ist sie zu finden?«

»Von Tubac eine halbe Stunde weit geht sie nach Mitternacht. Falkenauge hatte keine Zeit, ihr zu folgen.«

»Die Schufte werden dann westlich nach der Apacheria eingebogen sein. Ist mein roter Freund allein?«

»Es warten zweimal zehn rote Brüder auf ihn.«

»Will er mir helfen, die Apatschen fangen? Sie haben meine Pferde gestohlen.«

»Das Bleichgesicht hat ein gutes Gesicht und ein offenes Auge. Falkenauge wird ihn führen zu den Schakalen der Savanne, wenn er die Botschaft ausgerichtet hat, die ihn in das Land der Weißen führt.«

»Welche Botschaft ist das?«

»Die Krieger der Komantschen sind auf der Jagd gewesen und haben viele Cibolahäute (sprich: Ssibóla) Büffelhäute erbeutet, für die sie haben wollen Pulver und Blei, Büchsen und Messer, Decken und Tabak –«

Der Tratante erhob sich und fiel ihm in die Rede.

»Was mein roter Bruder braucht, soll er von mir bekommen; ich habe alles, was sein Herz begehrt.«

»Und mein weißer Bruder wird uns, was wir begehren, für die Häute geben?«

»Ja. Wo sind sie?«

»Eine halbe Sonne und wenige Strahlen von hier.«

»Ich reite mit! Wann wird Falkenauge aufbrechen?«

»Wenn die Bleichgesichter bereit sind, ihm zu folgen.«

»So reiten wir gleich!« meinte der Haciendero.

Es war ihm sehr lieb, den Komantschen gefunden zu haben, durch den er vielleicht die Beihilfe von zwanzig tapferen Kriegern bekam, mit denen er den Apatschen beinahe gleichzählig wurde.

»Ja, wir reiten gleich!« entschied auch der Händler, während er seine Pakete nahm, um sie den Maultieren wieder aufzubürden.

Die Ciboleros schlossen sich vereinbarungsgemäß den Verfolgern an, und bald waren die Männer, die sich vor kaum einer Viertelstunde weder gesehen noch gekannt hatten, bereit, ihre Pferde zu besteigen.

Der Zug setzte sich in Bewegung, und zwar beinahe in ganz derselben Richtung, in der Don Esteban die Stadt verlassen hatte.

Draußen vor der Stadt zog sich an einem Bach ein von wilden Reben durchwachsenes Erlengebüsch hin. In der Nähe angekommen, hielt Falkenauge die Blicke zu Boden geheftet. Er ritt voran und schien etwas bemerkt zu haben, was seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Jetzt beugte er sich etwas tiefer auf den Hals seines Pferdes nieder. Der Schaft eines wilden Portulaks war umgetreten, und die dem weichen Boden eingedrückte Fußspur zeigte deutlich, daß hier zwei Männer barfuß auf das Gebüsch zugeschritten waren.

Jetzt wußte der scharfsinnige Komantsche genug.

Er hatte sich denken können, daß die beiden Räuber alles aufbieten würden, um zu erfahren, welche Folgen das Zusammentreffen in der Venta haben werde; darum hatte er erwartet, daß sie sich vor der Stadt auf die Lauer legen würden; jetzt sah er diese Voraussicht bestätigt und wußte auch, daß sie in dem Gebüsch steckten und ihn mit seinem Gefolge vorüberreiten sahen. Er hielt es keineswegs für gut, sich dies merken zu lassen, sondern ritt jetzt mit einer Miene voran und an dem Gebüsch vorüber, als habe er nicht die geringste Ahnung von der gefährlichen Nachbarschaft.

Und doch hing sein Leben nur an einem Haar.

Main-rouge legte den Lauf seiner Büchse auf die Gabel eines Busches und zielte,

»Halt, alter Schelm!« gebot sein Sohn. »Willst du eine Dummheit begehen?«

»Ist es eine Dummheit, einen Schurken wegzuputzen, der es sich zum Vergnügen macht, uns zu verraten?«

»Nein; er wird sein Leben und seinen Skalp geben müssen; das ist sicher. Aber nicht jetzt.«

»Und doch jetzt. Ich schenke ihm keine Stunde länger!«

Er zielte und hätte wirklich abgedrückt, wenn ihm nicht der Mestize rasch die Hand vom Gewehr weggeschlagen hätte.

»Bist du verrückt, alter Leichtsinn? Du willst uns wohl den ganzen Trupp auf den Hals bringen, daß sie uns an Stelle der Apatschen schinden!«

»Ich fürchte sie nicht. Oder hast du vielleicht Angst?«

»Wenn du mir noch einmal ein solches Wort sagst, so jage ich dir das Messer in die Gurgel. Ein Kerl wie du darf mich am allerwenigsten beschimpfen. Du hast schon längst einen guten Stich oder einen scharfen Schnitt verdient, denn dadurch würde die Welt vom größten Ungeziefer befreit, das es nur geben kann!«

»Nimm dich in acht, Strolch, denn ich habe ebensowenig Lust wie du, mich beleidigen zu lassen!« fauchte der Räuber wütend. »Wer seinem Vater solche Namen gibt, verdient nicht einmal eine Kugel oder Klinge, sondern nur den Strick.«

»Schweig, sonst mache ich meine Worte wahr!« herrschte ihn der Sohn an.

Der Alte murrte etwas vor sich hin und legte die Flinte weg.

El Mestizo folgte dem sich immer mehr entfernenden Trupp mit den Augen, bis er verschwunden war.

»Sie haben den Krämer bei sich.«

»Wer, sie? Doch nicht die Vaqueros, die nicht soviel besitzen, daß sie sich auch nur eine Elle schlechten Kalikos kaufen könnten?«

»Nein, sondern der Komantsche. Ich vermute, daß er abgeschickt worden ist, um einen Tratante zu einem Tauschgeschäft zu holen.«

»Dann wird sein Zeug nicht unser!«

»Allerdings, wenn du dich auf deine eigene Weisheit und Tapferkeit verlassen müßtest. Dein Strohkopf reicht schon längst nicht mehr aus zur Erfindung eines guten Plans.«

»So erfinde du!«

»Das ist nicht nötig; ich bin schon fertig.«

»Wie?«

»Der Komantsche muß sterben und der Kram unser werden; wir können dies allein nicht fertigbringen und müssen also zu den Apatschen.«

»Wahrhaftig, deine Weisheit ist größer als die meinige! Rede ja nicht mehr von Strohköpfen, wenn du dir nichts Besseres auszudenken vermagst! Wie willst du erst die Apatschen und dann mit ihnen den Krämer einholen, da wir zu Fuß sind?«

»Alter, du dauerst mich! Es wird Zeit, daß dich die Erde bekommt, dem du bist zu nichts mehr nütze! Siehst du nicht den Corral Pferdehürde da drüben im Feld?«

»Ah, das geht!«

»Also! Auf alle Fälle sind die Apatschen erst nach Norden geritten und dann nach Westen abgebogen. Halten wir gleich Nordwest ein, so müssen wir auf sie oder ihre Fährte stoßen, und das übrige findet sich dann ganz von selbst. Sie sind Todfeinde der Komantschen und liegen gerade jetzt im Kampf mit den Weißen; sie werden uns Dank wissen, wenn wir ihnen einen Fang zuweisen, wie dieser Falkenauge ist, den sie hassen und fürchten wie keinen anderen ihrer Feinde.«

Er verließ sein Versteck und Main-rouge folgte ihm.

Der Corral gehörte zu einer nicht weit entfernten Hacienda; ganz in der Nähe waren Leute beschäftigt. Dies kümmerte aber die beiden Räuber wenig. Sie schritten langsam und sicher hinzu, als hätten sie das beste Recht zu dem, was sie auszuführen beabsichtigten, und schwangen sich über die Umzäunung. Die halbwilden Pferde stutzten und suchten zu fliehen. Es gelang ihnen nicht, obgleich die beiden Männer nicht mit Lassos versehen waren. Diese warfen ihre Decken den Pferden über den Kopf, und in dem Augenblick, in dem die Tiere darüber stutzten, saßen sie auf, setzten über die Umzäunung hinweg und jagten hinaus ins Weite.

Ohne Sattel, Bügel und Zügel ging es in scharfem Galopp der Richtung zwischen Abend und Mitternacht zu. Sie legten mit den frischen, ungebändigten Pferden, die unter dem kräftigen Schenkeldruck wie auf den Flügeln der Windsbraut in ungeminderter Eile dahinstürmten, in einer Stunde eine Strecke zurück, zu der die Apatschen mehr als den doppelten Zeitraum gebraucht hatten, und stießen, als der Abend bereits zu dunkeln begann, auch wirklich auf eine breite Fährte, die nach der Zahl der Hufspuren die gesuchte sein mußte.

»Es sind wohl zwanzig Minuten vergangen, seit sie vorübergekommen sind«, meinte El Mestizo.

»So erreichen wir sie nicht vor Anbruch der Dunkelheit.«

»Ihr Feuer wird uns leuchten.«

»Wenn sie so unvorsichtig sind, eins anzuzünden.«

»Sie sind so stark, daß sie sich vor etwaiger Verfolgung nicht zu fürchten brauchen. Sie werden ein Lagerfeuer anbrennen und keine andere Vorsichtsmaßregel treffen, als daß sie einige Wachen ausstellen.«

Seine Ansicht bestätigte sich. Der kurzen Dämmerung folgte schnell der Abend, und noch hatten sie, die Spuren jetzt nicht mehr erkennend, nur wenige Minuten lang die gleiche Richtung eingehalten, so sahen sie einen kleinen, leuchtenden Punkt vor sich, der von einem stillsitzenden Leuchtkäfer zu stammen schien.

»Das ist das Lagerfeuer!«

Sie verschmähten es als Freunde der Apatschen, sich in der gewöhnlichen Weise anzuschleichen, sondern ritten in gestrecktem Lauf und unter lautem Hufschlag auf das Lager zu.

Der Schrei eines einzelnen Wachtpostens ließ sich vor ihnen hören; ihm folgte ein vielstimmiges Geheul, ausgestoßen von sämtlichen Indianern, die sich erhoben hatten, um die Nahenden zu empfangen.

Sang-mêlé warf sich von dem dampfenden Pferd und trat furchtlos mitten unter sie hinein.

»El Mestizo!« klang es rundum.

Sie kannten alle den furchtbaren Mann. Sie wußten, daß er stets eine Tat, ein Abenteuer brachte, wenn er sie aufsuchte, und waren begierig zu hören, was ihn heute zu ihnen geführt hatte.

»Wo ist der Anführer meiner roten Brüder?«

Einer von ihnen trat hervor. Er trug nicht die Adlerfedern als Abzeichen eines Häuptlings, aber es war ihm unschwer anzusehen, daß er fähig war, eine Abteilung zu führen.

»Die ›starke Eiche‹ gebietet über die Krieger der Apatschen.«

Wirklich stand der Wilde in der glühenden Beleuchtung des Lagerfeuers so hoch, breit und sicher da, wie der knorrige Stamm eines Baumes, den Menschenkräfte nicht von seinem Standpunkt zu entfernen vermögen.

»Zu welchem Häuptling gehören meine Brüder?«

»Schwarzvogel hat seine Krieger ausgesandt, die Pferde der Bleichgesichter zu holen.«

»Sie haben getan, was er ihnen gebot«, antwortete der Mestize. »Zwanzig mutige Tiere sind ihnen in die Hände gekommen; aber die Bleichgesichter sind hinter ihnen her mit Lassos, Büchsen und Messern, um die Pferde wieder zu holen.«

»Der Apatsche lacht seiner Feinde!«

»Auch der Komantschen?«

»Er verachtet sie. Aber der Fuß der Komantschen ist fern von der Spur der Apatschen!«

»Der Komantsche ist auf ihrer Fährte mit den Bleichgesichtern!« behauptete der Mestize.

Verwundert blickte ihn ›starke Eiche‹ an.

»Was will der Komantsche bei den Bleichgesichtern und wie kommt er auf die Fußstapfen der Apatschen?«

»Er kam nach Tubac, um einen Krämer zu holen, der seinen Brüdern und Schwestern Pulver und Blei, Decken und Perlen bringen soll. Er traf auf die Fährte der Apatschen und wird ihr mit den Bleichgesichtern folgen.«

»Der Komantsche wird ein Hund sein, den man nicht beim Namen rufen kann.«

»Er hat einen großen Namen.«

»Wie lautet er?«

»Falkenauge.«

Der Apatsche antwortete nicht, aber man sah ihm trotz der gewöhnlichen Zurückhaltung der Indianer die freudige Überraschung an, in die er durch diesen Namen versetzt wurde. Auch die anderen blickten erwartungsvoll auf, was er beschließen werde.

»Weiß mein Bruder genau, daß der Komantsche Falkenauge ist?«

»Er hat mit ihm gesprochen.«

Der Mestize verschwieg wohlweislich die Art und Weise dieser Unterhaltung.

»Und wird er uns zu ihm führen?«

»Ja.«

»Was sollen ihm die Apatschen dafür geben?«

Die ›starke Eiche‹ wußte aus Erfahrung, daß die beiden Räuber bei allem, was sie taten, ihren eigenen Vorteil im Auge hatten. Darum waren El Mestizo und Main-rouge bei den Indianern zwar gefürchtet, aber nicht geachtet und beliebt.

»Er verlangt für sich den Krämer mit seinem Eigentum.«

»Er soll ihn haben. Der Skalp des Komantschen ist den Apatschen mehr wert, als die ganze Savanne voll bleicher Krämer. Wo werden wir die Bleichgesichter treffen?«

»Im Osten. Doch müssen meine Brüder ein wenig nach Mittag halten, damit wir ihnen nicht begegnen, sondern hinter sie kommen.«

»Mein Bruder ist klug und weise. Wann werden wir aufbrechen?«

»Gleich.«

»Wie stark sind sie?«

»Dreizehn Köpfe mit dem Komantschen.«

»Dreizehn, das ist die Zahl des Unglücks bei den Bleichgesichtern. Sie werden die Sonne nur noch einmal sehen!«

Die Abteilung der Apatschen umfaßte wirklich fünfzig Männer, wie Falkenauge ganz richtig in der Venta gesagt hatte. Die ›starke Eiche‹ befahl sechs von ihnen, während der Nacht beim Feuer zu bleiben und die geraubten Pferde zu bewachen, um dann morgen zu warten, bis er mit den anderen zurückgekehrt sei.

Diese stiegen auf; die beiden Räuber setzten sich an die Spitze, und bald war der Zug im Dunkel der Nacht verschwunden.

Währenddessen hatte Falkenauge seinen Weg unausgesetzt verfolgt. Sie kamen nicht sehr schnell vorwärts, da die schwer bepackten Maultiere des Krämers nur langsam gehen konnten. Der Haciendero versuchte öfters ein Gespräch mit dem Komantschen zu beginnen, doch scheiterte dieses Vorhaben stets an der Schweigsamkeit des wortkargen, in sich versunkenen Mannes.

Falkenauge dachte an Mo-la, an den glücklichen Umstand, daß er den Mestizen und Mano-Sangriento so schnell gefunden hatte, und an die unerwartete Hoffnung, den Apatschen schon morgen ein Treffen liefern zu können.

Da spornte Encinas, der Cibolero, sein Pferd an die Spitze des Zuges. Er war ein alter, erfahrener Savannenmann, der sich gewöhnt hatte, die Augen offenzuhalten.

»Will Falkenauge ein Wort von seinem Bruder vernehmen?« fragte er in der Indianern gegenüber gebräuchlichen Ausdrucksweise.

»Mein Bruder hat gelernt, den Büffel zu jagen und mit dem Bär zu sprechen. Falkenauge hält sein Ohr offen.«

»Hat mein Bruder das Erlengebüsch bemerkt, das vor der Stadt am Wasser lag?«

»Er hat es gesehen.«

»Hinter den Erlen blickten vier böse Augen hervor.«

Der alte Büffeljäger hatte dieselbe Beobachtung gemacht wie der Komantsche, obgleich er der letzte im Zug gewesen war.

»Bei den vier bösen Augen waren vier nackte Füße«, ergänzte Falkenauge.

Encinas nickte; er wußte jetzt, daß sich der Zug unter einer vortrefflichen und aufmerksamen Leitung befand.

»El Mestizo und Mano-Sangriento werden uns folgen.«

»Sie werden dem Komantschen und den Bleichgesichtern nicht folgen«, widersprach Falkenauge.

Encinas blickte überrascht in das bronzene Gesicht des Indianers.

»Was werden sie sonst tun?«

»Hat mein Bruder die Pferde gesehen, die zur Rechten hinter der Umzäunung weideten?«

»Ja.«

»Die Räuber werden zwei von ihnen nehmen und zwischen Abend und Mitternacht die Apatschen suchen, um mit ihnen auf die Fährte der Bleichgesichter zurückzukehren, wenn die Sterne am Himmel aufgegangen sind.«

Encinas war betroffen von dem Scharfsinn, den diese Worte bezeugten, und von der Wahrheit, die ihnen nicht abzusprechen war.

»Por Dios, das ist richtig! Wir brauchen sie gar nicht aufzusuchen, denn sie werden uns ganz von selbst in die Hände laufen!«

»Sie werden kommen mit der Morgenröte und dem Komantschen und seinen weißen Brüdern ihre Skalpe geben.«

Falkenauge sah hier einen Mann neben sich, der in der Savanne eine gute Schule durchgemacht hatte; darum war er jetzt mitteilsamer als vorhin gegen den Haciendero.

»Wer machte die große Fährte, die von Tubac gegen Mitternacht führt?« fragte er. »Sie ist viele Sonnen alt.«

»Sie stammt von einer Expedition, die nach der Apacheria gezogen ist, um dort viel Gold zu finden.«

»Gold?« Er schüttelte verächtlich den Kopf. »Die Bleichgesichter suchen den Geist, der in dem Glanz des Metalls lauert, um sie zu verderben. Sie werden fallen und sterben vor Hunger und Hitze und unter den Händen der Apatschen.«

»Sie haben auch noch andere Feinde, die fürchterlicher sind als die Apatschen. Ich begegnete, als ich vor mehreren Tagen von der Büffeljagd kam, drei Jägern, die diese Expedition verfolgten.«

»Wieviel Köpfe zählten die Bleichgesichter?«

»Achtzig.«

»Das sind achtmal zehn. Die drei Männer müssen große und tapfere Jäger sein, daß sie eine so große Anzahl von Feinden verfolgen.«

»Sie sind die gewaltigsten, so weit die Savannen und die Wälder reichen.«

Die Teilnahme des Komantschen war erwacht.

»Wie heißen sie?«

»Jeder rote Mann kennt ihre Namen. Ich saß mit ihnen eine ganze Nacht am Lagerfeuer und erfuhr, wie sie heißen. Ihre Namen lauten: Bois-rosé, Dormilón und Tiburcio Arellano.«

»Falkenauge kennt die zwei ersten Namen nicht, aber den dritten hat er schon oft vernommen; er gehört einem jungen, guten Bleichgesicht, das ein großer Pfadfinder ist. Der Vater dieses Bleichgesichts war vor mehreren Wintern bei den Hütten der Komantschen und hat im Wigwam des Häuptlings mit dem ›klugen Fuchs‹ das Kalumet geraucht.«

»Die beiden anderen sind noch berühmter als er. Bois-rosé und Dormilón werden sie von den Weißen genannt; der rote Mann aber nennt sie die ›Häuptlinge der Savannen und Wälder‹ und gibt ihnen die Namen –«

Wohl zum erstenmal in seinem Leben vermochte Falkenauge seine Überraschung nicht zu verbergen. Fast hätte er sein Pferd angehalten, als er Encinas in die Rede fiel:

»– die Namen ›der große Adler‹ und ›der zündende Blitz‹.«

»Ja.«

»Wohin führte ihr Pfad?«

»Nach den Nebelbergen.«

»Dort liegt das Gebiet Schwarzvogels. Die Büchse des Komantschen wird ihren Klang mit dem Donner ihrer Gewehre vereinigen. Wo sind sie zusammengetroffen mit dem großen Pfadfinder?«

»Mit Tiburcio Arellano? Sie haben ihn bei der Hacienda del Venado getroffen, deren Besitzer Don Agustín Pena heißt. Nicht weit davon töteten sie mitten in der Nacht zwei Jaguare und einen Puma.«

»Die Kugel des Pfadfinders verfehlt nie ihr Ziel.«

»Schon früher nicht, und jetzt ist sie ganz untrüglich. Er hat El Mestizo die Büchse abgenommen.«

Da hielt der Komantsche vor Überraschung wirklich sein Pferd an.

»Die Büchse von El Mestizo? Sie ist das beste Gewehr, das jemals in diesem Land gesprochen hat, und befindet sich in einer Hand, die den Tatzen von zehn Bären gleicht. Hat er mit El Mestizo gekämpft?«

»Ja. Die Räuber hatten Don Agustín mit seiner Tochter überfallen, und El Mestizo wollte sie mit Gewalt zu seinem Weibe machen oder ein Lösegeld für sie erpressen. Tiburcio kam dazu und errettete den Vater samt der Tochter.«

»Er liebt sie?«

Encinas senkte nachdenklich und zustimmend den Kopf.

»Er hat mich gebeten, ihr einen Gruß zu bringen, einen Gruß, den niemand hören darf. Ich gehe mit Pascual nach der Hacienda, um die Herden zu sammeln.«

»Besitzt das reiche Bleichgesicht viele Herden?«

»Mehr als jeder andere. Wir werden sie am Büffelsee zusammentreiben, wenn die Sonne sechsmal untergegangen ist.«

Falkenauge horchte auf. Dem scharfsinnigen Komantschen kam ein Gedanke.«

»Weiß El Mestizo davon?«

Encinas besann sich.

»Er weiß davon.«

»Wer hat es ihm gesagt?«

»Ich selbst. Ich sprach davon in der Venta, und die beiden Papagos haben jedes Wort vernommen.«

Der Komantsche schwieg nachdenklich. Nach einer Minute hob er den Kopf.

»Mein weißer Bruder mag die schöne Herrin der Hacienda del Venado auch von Falkenauge, dem Komantschen, grüßen und ihr sagen: Hüte dich am Büffelsee vor El Mestizo!«

Damit hatte er das Gespräch abgebrochen. Er ließ sein Pferd die Schenkel fühlen und trieb es, während der Cibolero zurückblieb, in kräftig anmutigen Sätzen vor dem Zuge her.

Kurz vor der Dämmerung tauchte das Baumwollgebüsch, das Falkenauge dem ›klugen Fuchs‹ als Ort des Zusammentreffens bezeichnet hatte, am nördlichen Horizont auf, und als es der Trupp erreichte, fanden sie zwanzig Komantschen vor, die ungeheure Pakete von Büffelhäuten mit Hilfe der als Spannriemen verwendeten Lassos herbeigeschleift hatten.

Die Spuren der Apatschen waren schon längst nach links abgegangen, was aber außer dem Cibolero niemand beachtete, da sich alle auf die Führung des Komantschen verließen.

Jetzt wurde ein Lagerfeuer angezündet, um das der Haciendero mit seinen Vaqueros und den beiden Ciboleros samt dem Händler Platz nahmen, während Falkenauge sich zu den Indianern gesellte, die um ein bereits brennendes Feuer lagerten.

Es war jetzt keine Zeit mehr, den Handel abzuschließen, da es bereits schnell zu dunkeln begann; vielmehr wurde dieses Geschäft für den anderen Tag aufgeschoben. Man suchte die mitgebrachten Lebensmittel hervor, um ein Mahl zu halten, und Falkenauge stellte die gebräuchlichen, heute vielleicht auch notwendigen Wachen aus.

Nach dem Mahl ging es beim Feuer der Weißen noch lange lebendig her. Es wurden allerlei Geschichten erzählt, wie man sie in der Prärie zu hören bekommt, und es war wohl schon Mitternacht, als die Laute erstarben und das Feuer erlosch. Das der Rothäute war bereits ausgegangen, und ihre dunklen Gestalten lagen um die glimmenden Reste herum wie leblose Körper, ohne Laut und Bewegung, als hätte sie die Kugel eines Feindes niedergestreckt.

Noch begann die Sonne den Horizont nicht zu röten, und nur ein bleicher Schein machte sich am östlichen Himmel bemerkbar, als eine der indianischen Wachen zu dem schlafenden Anführer trat und leise seine Schulter berührte.

Ein Weißer hätte diese Berührung kaum im Wachen bemerkt, Falkenauge aber stand sofort aufrecht und mit der Büchse in der Faust vor dem Indianer.

»Falkenauge hat befohlen, ihn zu rufen, wenn der Tag die roten Männer grüßt!«

Der Erwachte machte eine Gebärde der Zufriedenheit und trat zu Encinas, den er weckte.

»Was gibt es?« fragte dieser gähnend.

»Der Kampf naht. Meine weißen Brüder mögen den Schlaf von sich werfen!«

Auf den Ruf des Ciboleros erhoben sich alle Schläfer und erfuhren erst jetzt, was ihnen nach der Ansicht des Komantschen bevorstand.

Dieser näherte sich dem Haciendero.

»Die roten Männer werden mit den Bleichgesichtern kämpfen und den Apatschen die Skalpe nehmen. Wer soll der Anführer sein, mein weißer Bruder oder Falkenauge?«

»Mein roter Bruder ist erfahrener als ich; er mag den Befehl führen!«

Falkenauge verneigte sich stolz und zustimmend und trat zu dem Krämer.

»Will mein Bruder zulassen, daß ihn die Apatschen töten und ihm seinen Besitz rauben?«

»Santa Madonna, das fällt mir nicht im geringsten ein! Wenn sie kommen, so werde ich fliehen, werde –«

Der Komantsche unterbrach den furchtsamen Mann mit einer gebieterischen Handbewegung.

»Mein Bruder wird mit seinen Maultieren nach Mitternacht reiten, bis er die Büsche nicht mehr sehen kann, und dort bei den Häuten bleiben, bis der Kampf zu Ende ist.«

Er gab einen Wink.

Die Komantschen hatten ihre Felle bereits an den von den Sattelknöpfen herabhängenden Lassos befestigt und sprengten mit ihnen davon. Der Händler folgte langsamer nach. Falkenauge mußte vollständig sicher sein, daß die Apatschen auf seine Fährte einbiegen und von Süden kommen würden, sonst hätte er die Häute nicht preisgegeben. Der wilde Sohn der Prärie ist gewohnt, mit Vermutungen ebenso sicher zu rechnen, wie das Kind der Zivilisation mit untrüglichen Ziffern und Zahlen.

Noch waren nicht zehn Minuten vergangen, so kehrten die Träger der Häute wieder zurück. Falkenauge ließ von den Spuren soviel verwischen, wie er für nötig hielt, und verteilte dann die zwölf Weißen und seine zwanzig Indianer so zwischen den Stämmen und Zweigen des kreisförmigen Baumringes, daß selbst das schärfste Auge keinen von ihnen im ersten Augenblick entdeckt hätte. Er selbst stellte sich einstweilen so, daß er den südlichen Horizont genau zu überblicken vermochte.

In lautloser Stille lag das Gebüsch in der vom Morgentau befeuchteten Savanne, und die regungslose Gestalt des Komantschen glich einer Statue, die für die Nachwelt aufgestellt war, zur Erinnerung an die tapferen, kühnen Völkerstämme, denen einst das weite Land gehörte und die, mit der Büchse in der Faust und den Messern zwischen den Zähnen, sterben und untergehen mußten, weil sie nicht lernen wollten, Knie und Nacken unter das Joch der Zivilisation zu beugen.

Da tauchte eine breite, weit ausgedehnte Reihe von dunklen Punkten im Süden auf, die sich schnell näherten und vergrößerten.

»Uff!« klang es warnend zwischen den Lippen Falkenauges hervor, und nun wußten die Verborgenen, daß der Feind nahte.

In sich immer mehr verengendem Halbkreis kamen die Apatschen herbeigesprengt. Der Komantsche konnte jetzt deutlich El Mestizo und Mano-Sangriento unterscheiden, die voranritten, um die Spur im Auge zu behalten. Einige Büchsenschüsse weit von der Baumgruppe blieben sie halten, um sich zu beraten.

Jetzt erst fiel dem Komantschen eine Unterlassung ein, die er begangen hatte. Die Spuren der von den versteckten Fellen zurückkehrenden Indianer waren nur auf eine kurze Strecke hinaus verwischt worden. Umritten die Apatschen den Baumkreis, um die Gegend zu erkunden, so mußten sie auf die Vermutung kommen, daß der Feind sich darin versteckt halte. Doch beruhigte er sich mit dem Gedanken, daß die Apatschen nicht wissen konnten, daß sich zwanzig Komantschen mit den Weißen vereinigt hatten. –

Die ›starke Eiche‹ hatte das Pferd zu den beiden Wüstenräubern gelenkt.

»Die Spur der Bleichgesichter führt unter die Bäume.«

»Sie sind nicht dort«, meinte El Mestizo. »Der Komantsche ist entweder blind gewesen, daß er nicht gemerkt hat, wie die Fährte meiner Brüder nach Abend abgewichen ist, oder er hat keinen Kampf beabsichtigt, sondern nur den Krämer weiterführen wollen.«

»Der Komantsche ist ein feiger Schakal, der den Apatschen flieht und vor Angst heult, wenn er einen Speer erblickt!«

»Wenn sie auch unter den Bäumen Rast gehalten haben, so sind sie längst fort. Sie zählen dreizehn Mann und würden sofort fliehen, wenn sie fünfzig Apatschen nahen sähen.«

»Die Krieger der Apatschen werden die Bäume stürmen und keinen Feind erblicken!«

Er gab ein Zeichen, hielt die Büchse hoch in die Luft und sprengte mit fliegendem Haar und wehendem Kriegsmantel voran.

Wie die wilde Jagd folgten die anderen.

Der Baumkreis hatte nach Süden eine ziemlich breite Öffnung; durch diese stürmten die Apatschen in die Rundung hinein. Kein Feind ließ sich sehen; kein Blatt regte sich. Die Spuren zweier Feuer waren am Boden zu bemerken. El Mestizos scharfes Auge sah sofort an den Überresten, daß eines von Indianern, das andere von Weißen stammte. Er machte eine Bewegung, um den Boden genauer zu untersuchen, und diese Bewegung rettete ihm das Leben.

Ein Schuß blitzte zwischen den Zweigen auf, und die Kugel, die aus der silberbeschlagenen Büchse Falkenauges kam und ihn sicher getroffen hätte, verwundete ihn nur am Ohr.

Die Apatschen erhoben ein unbeschreibliches Geheul, das aber vom Krachen der mehr als zwanzig Büchsen und dem Schwirren der feindlichen Pfeile übertönt wurde. Im nächsten Augenblick knackte es rundum in Ästen und Zweigen, und die verborgenen Komantschen und Weißen sprengten auf die Apatschen ein.

Ein fürchterlicher Kampf entspann sich. Falkenauge hatte seine Büchse fallen lassen und den Tomahawk ergriffen.

Mit einem tigerartigen Sprung schnellte sein Pferd mitten in den dicksten Haufen hinein. Er riß es empor und zog es auf den Hinterbeinen herum. Im Nu hatte sein Schlachtbeil zwei, drei Apatschen von ihren Pferden geschmettert. Jetzt hielt er vor der ›starken Eiche‹.

»Der Apatsche ist ein Dieb. Er stiehlt Pferde und liebt die Räuber der Wüste. Seine Haut wird am Sattel des Komantschen hängen!«

»Hund von einem Komantschen, Kröte!« schrie der Gegner zurück und schwang den Tomahawk, der mit fürchterlicher Wucht zum Haupt des Jünglings niederfuhr.

Dieser hatte den Griff seines Schlachtbeils fester gefaßt; er führte einen Gegenhieb von unten nach oben und traf die Faust der ›starken Eiche‹ mit solcher Sicherheit und Kraft, daß sie sich öffnete und die Waffe, kurz wirbelnd, hart am Leib des Komantschen und seines Pferdes tief in die Erde fuhr.

»Uff!« rief Falkenauge. Sein Tomahawk blitzte und schmetterte in den Kopf des Feindes herab.

Er hatte nicht Zeit, die Waffe wieder an sich zu reißen, denn in diesem Augenblick wurde er von hinten gepackt und vom Pferd gerissen. –

Als seine Kugel, das Ohr verwundend, am Kopf des Mestizen vorüberflog, hatte dieser aufgeblickt und zunächst die Vaqueros bemerkt, die auf ihn und seinen Vater einstürmten.

»Paß auf, Alter, es gibt Arbeit!« rief er und sprang vom Pferd.

Er war wie Bois-rosé und Pepe einer jener Savannenmänner, die den ganzen Kontinent mit ihren Füßen durchwandern und sich auf ihre Beine mehr verlassen, als auf die des besten Renners oder Kriegspferdes.

Auch Mano-Sangriento sprang ab und stand an seiner Seite.

Sie drehten ihre Büchsen um und schlugen mit dem Kolben zu. Doch sie konnten sich einstweilen nur verteidigen, da die Überzahl gegen sie war. Bald sahen sie ein, daß sie Feinde vor sich hatten, gegen die sie auf die Dauer nichts ausrichten konnten. Die Vaqueros waren fast sämtlich Männer, die unter einer der oft wechselnden Regierungen von Mexiko gedient hatten und daher auf ein scharfsinniges, geordnetes Einzelgefecht eingerichtet waren. Es gelang den beiden Räubern nicht, einen Vorteil über sie zu erringen.

»Komm, Alter!« rief El Mestizo und warf sich auf die Erde.

Im nächsten Augenblick tauchte er mitten unter den Komantschen auf, bei denen seine Kampfesweise größeren Erfolg bot. Main-rouge stand wieder an seiner Seite, und mehrere Feinde fielen ihren gewaltigen Streichen zum Opfer.

Da sah El Mestizo Falkenauge auf ›starke Eiche‹ eindringen. Er schüttelte rechts und links die Feinde von sich ab und sprang hinzu. Sich halb auf das Pferd des Komantschen schwingend, zog er diesen von hinten herab und zückte das Messer, erhielt aber selbst einen Stich, der allerdings nur seinen Arm traf.

Encinas hatte in der Nähe gekämpft und die Gefahr bemerkt, in die der Komantsche geraten war. Sein Messer rettete ihn, denn El Mestizo ließ den verwundeten Arm sinken und wurde augenblicklich von Falkenauge gepackt.

Beide umschlangen sich. Bei solchen Gegnern mußte ein Ringkampf ganz entsetzlich werden, allein es kam nicht dazu, denn die Apatschen drangen auf Falkenauge und die Komantschen auf den Mestizen ein, um beide ihre Anführer zu schützen; die Umschlungenen mußten die Arme lösen, um sich nach rückwärts zu wenden, und Falkenauge hatte dabei Gelegenheit, einem Apatschen den Tomahawk zu entreißen.

Mit diesem drang er von neuem in den nach und nach kleiner werdenden Haufen der Feinde ein und warf mit jedem Schlag einen Gegner nieder.

Aber auch El Mestizo hatte sich von seinen Bedrängern frei gemacht.

»Alles aus!« rief ihm sein Vater zu.

Die erste Salve der Weißen und Komantschen hatte schon die Hälfte der Apatschen niedergestreckt, und jetzt rangen nur noch wenige mit dem übermächtigen Feind.

»Fort!« antwortete er und ergriff das nächststehende Pferd beim Zügel, um sich aufzuschwingen.

Mano-Sangriento tat dasselbe, und wenige Sekunden genügten, sie aus dem Bereich der Gefahr zu bringen.

In gestrecktem Galopp flohen sie dem Westen zu. Erst als sie nach einer ziemlichen Weile sahen, daß sie nicht verfolgt wurden, hielten sie an.

»'s death«, fluchte Main-rouge, fast ganz außer Atem, »so ist es mir noch niemals ergangen!«

»Denkst du etwa, mir?« fragte der Mestize mit wutblitzendem Auge.

»Dieser Komantsche ist ein feiger Schuft, der sich versteckt, um ehrliche Kämpfer hinterrücks zu ermorden.«

»Ein feiger Schuft? Hast du nicht hundertmal das gleiche getan, Alter? Ich sage dir, er ist ein tüchtiger Kerl, mit dem sich so ein grauer, zahnloser Wolf, wie du es bist, gar nicht vergleichen darf. Ich selbst an seiner Stelle hätte nicht besser handeln können, und das ist alles, was ich sagen kann! Aber es soll ihm schlecht bekommen.«

»Schlecht bekommen? Lächerliche Drohung von einem, der vor ihm flieht!«

»Schweig, sonst stopfe ich dir den Mund! Die Flucht wurde durch die Klugheit geboten, sonst wären wir trotz der besten Gegenwehr von der Übermacht zertreten worden. Aber ich schwöre dir, daß ich dennoch seinen Skalp bekommen werde!«

»So sage nur, wie und wo!«

»Ich weiß genau, daß er auf unserer Fährte bleiben wird, um den Sohn des ›Fuchses‹ zu rächen. Ich muß zu Schwarzvogel, um mir Leute geben zu lassen, mit denen ich an den Büffelsee gehe, um die Tochter des Haciendero zu holen, und so locken wir ihn in die Apacheria, wo er fallen muß.«

»Dieses Mädchen hat uns nichts als Unheil gebracht und wird –«

»Vorwärts!« unterbrach ihn El Mestizo.

Er hatte zurückgeblickt und bemerkt, daß sie verfolgt wurden.

Mit der Flucht der beiden Räuber waren die schlimmsten Gegner der Komantschen und Weißen verschwunden. Bald waren daher auch die wenigen noch kampffähigen Apatschen überwunden.

Jetzt sprang Falkenauge wieder auf sein Pferd. Ein kurzer Ruf und eine Handbewegung hinaus nach der Steppe, wo der Mestize und Main-rouge davonsprengten, deuteten an, was er meinte. Wer noch dazu fähig war, stieg schleunigst auf und folgte ihm.

Die Pferde hatten sich während der Nacht ausgeruht und warfen nun, von lauter tüchtigen Reitern geführt, die Entfernung förmlich hinter sich. Allen weit voran flog der Komantsche auf seinem unübertrefflichen Renner.

Die beiden Räuber hatten die Richtung nach dem Ort eingeschlagen, wo sie gestern abend auf die Apatschen getroffen waren und wo sich noch heute die geraubten Pferde befanden.

Dies ahnte Falkenauge, und darum wollte er ihnen zuvorkommen, die zurückgebliebenen Wächter zu warnen. Der Haciendero mußte seine Pferde wieder haben. An die Verfolgung der beiden Flüchtlinge dachte der Komantsche erst in zweiter Linie.

El Mestizo blickte sich von Zeit zu Zeit um. Er sah den Raum zwischen sich und den Verfolgern immer kleiner werden und wußte jetzt nur noch ein Mittel, ihnen zu entkommen: er mußte von der Richtung, die zu den Pferden führte, ablenken.

Dieses Mittel bewährte sich. Falkenauge hielt die ursprüngliche Richtung ein; die anderen folgten ihm willig, wenn sie auch seine Absicht nicht errieten, und bald verschwand El Mestizo mit seinem Vater am nördlichen Horizont.

Die sechs Apatschen, die bei den Pferden zurückgeblieben waren, saßen schweigend am Boden. Jeder von ihnen ärgerte sich im stillen, daß er hier warten mußte, während die übrigen sich die Skalpe ihrer Todfeinde holen konnten.

Die geraubten und sorgfältig angehobbelten Pferde grasten in ihrer Nähe, und zwar so, daß sie die Sicht nach Osten verdeckten. Daher bemerkten die sorglosen Wächter auch die im Galopp sich nähernden Komantschen und Vaqueros nicht eher, als bis sie den Hufschlag ihrer Pferde vernahmen.

Jetzt sprangen sie auf. Der erste Blick sagte ihnen alles. Sie wollten zu ihren Tieren, um aufzusitzen und zu entfliehen, doch schon war es zu spät. Den Seinen weit voranstürmend, schoß Falkenauge unter sie hinein und ritt augenblicklich zwei zu Boden. Einen dritten traf sein Schlachtbeil, und nur als er mit der Linken den vierten packte, um ihn an sich heranzuziehen, gelang es einem, auf ein Pferd zu kommen und davonzujagen. Der letzte wurde von Encinas niedergestochen, als er eben den Fuß in den Bügel setzen wollte.

Im Nu war Falkenauge vom Pferd und schwang sein Messer. Und wenige Minuten später hingen an seinem Sattel die Skalpe der vier Apatschen.

Der Haciendero trat zu ihm.

»Mein roter Bruder hat sein Wort erfüllt. Ich danke ihm!«

Falkenauge antwortete nur mit einem stolzen Kopfnicken. Der Haciendero gab jetzt Encinas und Pascual die Hand.

»Ihr habt euch brav gehalten und sollt eure Quadrupel bekommen. Helft nur jetzt, die Pferde zurück nach dem Kampfplatz zu schaffen!«

Mit Hilfe der Indianer war dies schnell geschehen. Bei den Silberpappeln angekommen, stellte es sich heraus, daß von den einundzwanzig Komantschen vierzehn, und von zwölf Mexikanern sechs gefallen waren. Diese großen Verluste gingen auf Rechnung des Mestizen und Mano-Sangrientos. Dafür aber war von fünfzig Apatschen nur der eine Wächter entronnen.

Jetzt wurden die Verwundeten verbunden und die Toten begraben.

Währenddessen kam der Händler herbei; die Häute wurden wieder zurückgebracht, und bald waren sie gegen eine Menge von jenen Gegenständen vertauscht, welche der ›kluge Fuchs‹ gewünscht hatte.

Dann trennten sich die Weißen von den Indianern, um nach Tubac zurückzukehren.

Falkenauge harte zu den vier Skalpen noch acht hinzugefügt. Er gab sie einem der Indianer.

»Mein Bruder wird in das Lager gehen und diese Skalpe in der Hütte Falkenauges aufhängen.«

»Will Falkenauge dies nicht selber tun?«

»Nein. Meine Brüder werden dem ›klugen Fuchs‹ die Dinge überbringen, die sie für ihre Häute erhalten haben. Falkenauge aber muß verfolgen die Fährte von El Mestizo und Mano-Sangriento und wird nicht eher zurückkehren in seinen Wigwam, bis er ihnen ihre Skalpe genommen hat. Der ›kluge Fuchs‹ mag ihm zehn Krieger senden, die am Rio Gila bei der Büffelinsel auf ihn warten. Er wird sie treffen, wenn der Mond fünfmal der Sonne gefolgt ist. Howgh!«

Er stieg aufs Pferd, winkte mit der Hand und ritt davon, den Spuren der Räuber nach. –


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