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Die Insel im Rio Gila

Jenseits des Presidio Tubac liegen die ungeheuren Ebenen, die Mexiko von den Vereinigten Staaten trennen und nur durch die unbestimmten und abenteuerlichen Berichte der Jäger und Gambusinos bekannt sind. Man beachte an solchen Stellen stets die Entstehungszeit des Romans

Durch diese Ebenen windet sich der Rio Gila unter den verschiedensten Namen mit seinen Nebenflüssen. Er entspringt in den entferntesten Gebirgen des Nordostens und durchläuft unermeßliche Strecken sandigen Bodens, in denen man weit und breit keinen Baum zu sehen bekommt. Die Dürre und Eintönigkeit dieser Gegenden wird nur zuweilen durch die vom Regenwasser tief ausgehöhlten Schluchten unterbrochen; aber dieses Wasser befruchtet nicht, sondern verwüstet.

Der steinige Boden zeigt dem Reisenden stets schroffe Abgründe und ausgetrocknete Strombetten, die ihn auf seinem Wege hindern, ohne ihm oder seinem Pferd irgendwelche Nahrung zu bieten. Der Büffel und der Damhirsch fliehen diese Einöden, wo nur ungern ein dünnes Gras zu wachsen scheint, das verdorrt, bevor es noch vollständig emporgesproßt ist, und selbst der Indianer erscheint dort erst dann, wenn der brennende Wind aufgehört hat, der einen großen Teil des Jahres hindurch versengend in diesen Wüsten weht. Nur am Wasser selbst ist eine bald armselige, bald wilde, verworrene Vegetation zu bemerken.

Es mochte vier Uhr nachmittags sein, die Zeit, in der der Wind, obwohl noch durch die Rückstrahlung des glühenden Sandes erhitzt, doch nicht mehr aus einem brennenden Ofen zu kommen scheint. Schon warf die sich im Westen senkende Sonne schräge Strahlen, und dünne, weiße Wolken, von rosenfarbigen Lichtern durchzuckt, zogen langsam am Himmel dahin.

Hoch droben in den Lüften schwebte einsam und scheinbar ohne seine Schwingen zu bewegen ein Adler. Von der Höhe herab konnte sein scharfes, durchdringendes Auge zahlreiche menschliche Geschöpfe erblicken, die auf dem Boden der Wüste zerstreut waren – die einen beisammen, die anderen so weit voneinander, daß sie nur für ihn sichtbar waren, sich gegenseitig aber nicht bemerken konnten.

Gerade unter ihm dehnte sich ein weites Rund, das durch einen natürlichen, unregelmäßigen Hag von großem, mit scharfen Spitzen versehenem Kaktus und von dornigen Nopalpflanzen umgeben war. Einige wenige aus Eisenbäumchen bestehenden Gebüsche vermischten ihr blasses Grün mit den schmutzigen Farben der Kakteen und Nopale.

An dem einen Punkte wurde diese aus Pflanzen geformte Ringmauer durch einen kleinen, oben ganz flachen Hügel beherrscht. Um diese natürliche Festung her dehnten sich kalkhaltige Flächen, sandige Steppen und Reihen kleiner Bodenerhebungen aus, die in diesem Sandmeer als fest erstarrte Wellen erschienen.

Eine aus etwa sechzig Reitern bestehende Menschengruppe war in dem von den Pflanzen gebildeten Kreis abgestiegen. Die Flanken der Pferde dampften wie nach einem Eilmarsch. Man vernahm ein verworrenes Geräusch von menschlichen Stimmen, ein Wiehern von Pferden und ein Klirren und Klingen von Waffen jeder Art. Lanzen mit flatternden Fähnchen, Musketen, Karabiner, doppelläufige Flinten waren noch an den Sattelbögen befestigt. Von den Reitern besorgten einige ihre Pferde, andere lagen auf dem Sand umher unter dem kargen Schatten der Kaktusstauden und dachten nach einem ermüdenden Tagemarsch, währenddessen die brennende Sonne der heißen Zone, ganz wie die Kälte des Nordens, die Glieder steif gemacht hatte, vor allen Dingen an das Ausruhen.

In einiger Entfernung zeigten sich beladene Saumtiere, die gleichfalls auf den Rastort zukamen, und noch weiter hinten konnte man schwer beladene Wagen bemerken, die, vielleicht zwanzig an der Zahl und von Mauleseln gezogen, sich gleichfalls, obwohl langsamer, näherten.

Als die Maultiere mit den Wagen am Rastort angelangt waren, trat eine gewisse Verwirrung ein, die indessen nur wenige Minuten anhielt. Bald waren die Wagen abgeladen, die Maultiere ausgeschirrt und die Pferde abgesattelt. Dann wurden die Wagen im Viereck aufgefahren und, Deichsel gegen Deichsel, durch eiserne Ketten miteinander verbunden; die Saum- und Pferdesättel wurden aufeinander geschichtet und füllten mit den Kaktus- und Nopalpflanzen die leeren Räume zwischen den Rädern aus, so daß alles eine feste und so gut wie uneinnehmbare Barrikade bildete.

Im Innern des Lagers wurden die Tiere an die Wagen gebunden und die Küchengeräte neben den Reisigbündeln aufgestellt, die man als Feuerungsmaterial auf den Wagen mitgeführt hatte.

Sodann stellte man eine Feldschmiede auf, und nun hallte der Amboß von den Schlägen des Hammers wider, der beschäftigt war, Hufeisen oder Radschienen zu formen.

Ein reich gekleideter Reiter, dessen Anzug freilich durch Staub und Sonne sehr gelitten hatte, hielt auf einem edlen Schweißfuchs noch allein mitten im Lager, das sein Auge mit großer Sorgfalt nach allen Seiten hin durchlief. Es war Don Esteban de Arechiza, der Graf von Mediana.

Einige Männer waren damit beschäftigt, auf dem höchsten Punkt des Hügels, der das Lager beherrschte, ein Zelt aufzuschlagen. Als es fertig dastand, stieg nun auch der Reiter ab und trat unter die schützende Leinwanddecke.

Alle diese Vorbereitungen hatten kaum die Zeit einer halben Stunde erfordert, – so sehr wurden sie durch Gewohnheit und gute Aufsicht vereinfacht. –

Von diesem Lager nach Osten zu, aber weit hinter den Steppenhügeln, erhob sich aus dem Sand ein großes und dichtes, aus Gummi- und Eisenbäumen bestehendes Gehölz. In seinem Schatten hielt ein zweiter Reitertrupp. Diesmal jedoch waren weder Verschanzungen noch Wagen oder Saumtiere zu bemerken; der Haufe bestand aus einer vielleicht hundertundzwanzig Mann zählenden Horde von Indianern. Ihre Hautfarbe war nahezu die der Bronze; die einen waren fast nackt, die anderen mit fliegenden Ledergewändern bekleidet; ihre Gesichter hatten sie mit hellem Zinnoberrot und gelbem Ocker bemalt, und an dem wilden, seltsamen Schmuck ihrer Pferde konnte man leicht erkennen, daß sie sich auf dem Kriegspfad befanden.

Fünf von diesen Söhnen der Wildnis, ohne Zweifel die Häuptlinge, saßen ernst um ein Lagerfeuer herum, das nach indianischer Sitte geschürt wurde, so daß man von weitem weder Rauch noch Flamme bemerken konnte, und ließen die lange Pfeife, die bei allen Beratungen der Indianer eine große Rolle spielt, im Kreis herumgehen. Ein lederner Schild, um dessen Rand eine dichte Federfranse lief, ein langer Spieß, eine Hacha (sprich: Atscha) Kriegsbeil und ein Messer bildeten die Ausrüstung eines jeden dieser Häuptlinge.

In einiger Entfernung wurden von fünf Kriegern ihre Pferde gehalten. Es waren schöne, feurige Tiere, die kaum zu zügeln waren; sie trugen seltsam aussehende hölzerne Sättel, die mit ungegerbtem Leder überzogen waren; ungegerbte Fuchsfelle schmückten ihr Kreuz.

Während einer der Häuptlinge die Pfeife weiterreichte, wies er lautlos mit dem Finger nach Westen auf einen Punkt am Horizont.

Das Auge eines Europäers hätte dort nur ein winziges graues Wölkchen erblickt, allein der scharfe Blick des Indianers nahm wohl die feine Rauchsäule wahr, die aus dem Lager der Weißen aufstieg und in der Höhe dieses Wölkchen bildete.

In diesem Augenblick brachte ein Bote eine ohne Zweifel sehr wichtige Nachricht, denn alle Krieger bildeten sofort eine lebhafte Gruppe um ihn her.

Er trat zu den Häuptlingen.

»Der älteste unserer Väter hat mich ausgesandt, zu ergründen den Weg der weißen Männer, die gekommen sind in das Land der roten Krieger aus einem Grund, den wir noch nicht kennen. Dort« – er zeigte dabei nach dem Wölkchen – »haben sie sich gelagert, an Zahl fünfmal so groß, wie das Jahr Monde hat, mit Wagen, Pferden und Maultieren. Aber dort, wo kein Feuer brennt« – er deutete nach dem Fluß – »sind drei Bleichgesichter auf der grünen Insel, groß von Gestalt, wie die Urväter der roten Männer, die im Grabe liegen seit tausend Jahren.«

Der älteste der Häuptlinge blies ruhig den Rauch durch die Nase, gab die Pfeife seinem Nachbarn und befahl dem Boten, die drei Männer näher zu beschreiben.

»Ich sah einen Mann, groß und breit, wie ich noch niemand sah, zwei Köpfe höher denn ich selbst. Er hat das Auge eines Kindes, aber die Gestalt eines Bären, und zehn Krieger können ihn nicht niederringen.«

Ein ungläubiges Gemurmel ließ sich unter der Zuhörerschaft vernehmen. Der Häuptling winkte mit der Hand.

»Es gibt nur ein Bleichgesicht, das zehn Krieger nicht zur Erde ringen können. Seine Kugel trifft die schwirrende Schwalbe, seine Faust betäubt den Büffel und seine Stimme ist wie der Donner um Mitternacht. Er lebt weit im Lande der Sioux gegen Norden, ist noch niemals über das Gebiet der Apatschen herausgekommen und wird von den roten Männern der ›große Adler‹ genannt. Mein Sohn beschreibe den zweiten!«

»Das andere Bleichgesicht ist nicht so hoch und stark, aber dennoch höher und stärker als die Männer der Apatschen. In seinem Auge wohnt das Feuer, in einem Fuß die Schnelligkeit des Hirsches, und seine Hand ist behende wie die Zunge der Schlange, die nie ruhen kann.«

»Aus welcher Gegend kommen diese Bleichgesichter?«

»Sie haben die Züge der Menschen, die gegen Mitternacht wohnen.«

»Mein Sohn beschreibe den dritten.«

»Er hat das Angesicht des Südens, ist jung wie die Strahlen der Morgensonne und schön wie die Squaw im neuen Wigwam des Kriegers. Sein Haupt ist höher denn das meine, und seine Stärke und Gewandtheit wie die des Panthers im Urwald. Ich habe gesprochen!«

Der Bote trat zurück.

Einige Augenblicke des Schweigens folgten, in denen die Pfeife schneller herumgereicht wurde. Dann forderte der älteste seine vier Unterhäuptlinge auf, ihre Meinung auszusprechen. Der zweite erhob sich sogleich. Er war ein Mann von hohem Wuchs und auffallend dunkler Gesichtsfarbe, ein Umstand, der ihm den Namen ›Schwarzvogel‹ verschafft hatte. Er war eine stattliche Gestalt, als er dastand, um zu sprechen.

»Sechzig Sommer haben mein Auge erquickt und sechzig Winter meine Stirn gefaltet, aber nie habe ich gesehen, daß Freundschaft herrschte zwischen den Weißen des Nordens und den Bleichgesichtern vom Mittag. Die drei Männer auf der Insel gehören nicht zu den Kriegern, die dort im Westen ein großes Feuer brennen; sie sind ihnen feindlich gesinnt, und die roten Söhne der Prärie mögen zu ihnen senden, damit sie kommen und mit uns gegen die Leute an den Wagen kämpfen. Schwarzvogel, der Häuptling der Apatschen, hat gesprochen!«

Auch die anderen erhoben sich der Reihe nach, aber niemand stimmte der Ansicht Schwarzvogels bei. Sein Vorschlag wurde verworfen, und man beschloß, eine größere Abteilung gegen das Lager und eine kleinere gegen die Insel zu senden.

Ungefähr eine Viertelstunde später gingen hundert Mann lautlos in Richtung des Lagers ab, während sich zwanzig der bewährtesten Krieger nach der Insel bewegten und vor Verlangen brannten, das Blut der drei Männer zu vergießen, denen die Insel für den Augenblick eine scheinbar sichere Zufluchtsstätte bot. –

Im Norden von den beiden Lagern lag inmitten des Rio Gila ein kleines Inselchen, von leichtem Nebelmeer verdeckt. Der Gila strömte hier, an den Ufern von Bäumen und Sträuchern beschattet, von Osten nach Westen, teilte sich etwa eine Stunde unterhalb der Insel in zwei Arme und bildete ein großes Delta, dem eine Gebirgskette als Grenze diente. Allein, ein dicker Nebel bedeckte diese Hügel, und kein Auge hätte diesen Dunstschleier durchdringen können, der immer lebhaftere himmelblaue und violette Farben annahm, je mehr sich die Sonne dem Horizont näherte.

In diesem Delta, das einen Flächenraum von beinahe zwei Quadratmeilen umfaßte, lag in etwa gleicher Entfernung von der Hügelkette und der Gabel des Flusses das Goldtal, wie Marco Arellano den Ort getauft hatte.

Große Zitterespen und Weidenbäume säumten die Ufer des Flusses, nur einen Flintenschuß von der Insel entfernt. Die Bäume standen so nahe am Wasser, daß ihre Wurzeln durch den Boden hindurchdrangen und sich im Wasser tränkten. Auch war der freie Raum zwischen den Bäumen durch kräftig treibende Bandweiden oder andere ineinander verschlungene Pflanzen dicht ausgefüllt. Dem Inselchen fast gegenüber aber befand sich ein ziemlich großer, von Vegetation ganz entblößter Raum.

Diese Stelle war von Büffelherden oder Haufen wilder Pferde, die sich am Ufer tränken wollten, ausgetreten worden. Man konnte also von dem Inselchen aus über diesen freien Raum hinweg einen Blick auf die Ebene werfen.

Die Insel war ursprünglich durch Baumstämme gebildet worden, die sich mit ihren Wurzeln oder Ästen im Flußbett festgesetzt hatten. Andere Bäume waren zu ihnen herangetrieben und von ihnen festgehalten worden; die einen hatten noch ihr Laub, die anderen waren längst verdorrt, und da sich ihr Gezweig und Wurzelwerk, dicht ineinander verschlang, so bildeten sie eine Art rohes Floß, das wohl schon vor langer Zeit entstanden war. Trockenes Gras, das durch die Wellen von beiden Ufern abgerissen und hier angeschwemmt worden war, hatte die Maschen und leeren Räume des Flosses längst ausgefüllt; und der Staub, den der Wind vor sich hertreibt und in ferne Gegenden führt, hatte dieses Gras nach und nach mit einer Erdkruste bedeckt und bildete infolgedessen auf dieser schwimmenden Insel einen festen Boden, an dessen Ufern wuchernde Wasserpflanzen aufgeschossen waren.

Über dem kräftig treibenden jungen Holz, das neben dem Schilfrohr und Pfeilkraut das Inselchen mit einem grünen, dichten Saum umgab, der mit den Baumskeletten oder den großen, von ihrer Rinde entblößten Ästen in bizarrer Weise verbunden war, hatten sich Weidenstämme erhoben.

Dieser Saum umschloß einen dreißig bis vierzig Quadratmeter großen und mit saftigem Gras gepolsterten Raum, und ein liegender oder auch nur kniender Mensch verschwand, welche Höhe und Stärke er sonst auch haben mochte, gänzlich hinter dem durch das junge Holz und die Weidenäste gebildeten Vorhang.

Hinter diesem lagen drei Männer, von denen zwei schliefen, während der älteste von ihnen wachte, die Büchse schußbereit in der riesigen Faust.

Der Beschreibung nach, die der indianische Kundschafter von den drei Weißen auf der Insel gemacht hatte, konnten diese niemand anders sein als Bois-rosé, Pepe Dormilón und Fabian de Mediana.

Der junge Graf war trotz der Gefährlichkeit des Sturzes nicht im Wasser der Stromschnellen verunglückt. Der Sturz in die Fluten war nur für das Pferd tödlich gewesen, und da Fabian ein ausgezeichneter Schwimmer war und die beiden Freunde ihm augenblicklich zu Hilfe kamen, so hatte er sich, allerdings unter Aufbietung aller Kraft und Geschicklichkeit, zu retten vermocht.

Don Esteban de Arechiza hatte den Ort mit seinen Begleitern aus Besorgnis vor den Kugeln der zwei Jaguartöter sofort verlassen und glaubte den jungen Rastreador ohne jede Möglichkeit der Rettung verloren.

Die drei Verbündeten hatten einen weiten Umweg machen müssen, um durch eine Furt an das jenseitige Ufer zu gelangen. Dadurch war ihnen viel Zeit verlorengegangen, und als sie in Tubac anlangten, war die Expedition von dort aus schon einen vollen Tag unterwegs.

So verkauften sie die Felle der Jaguare und des Puma, versahen sich mit allem Nötigen und folgten dann nach.

Fabian sah sich mit einemmal von einem armen Pferdebändiger und Pfadfinder in einen Mann verwandelt, der begründete Ansprüche auf Reichtum, Ehren und Würden hatte; aber sein Sinn war zu schlicht und gesund, als daß er sich von diesen verlockenden Aussichten hätte blenden lassen. Er hatte zwei Aufgaben zu erfüllen: den Tod seines Pflegevaters zu rächen, was ihm ja sein Schwur gebot, und sich dem Grafen von Mediana als Neffen vorzustellen, um ihm den Tod seiner Mutter ins Gedächtnis zurückzurufen. Töten wollte er ihn nicht, das hatte er im stillen beschlossen, obgleich er seit frühester Jugend Anschauungen eingeatmet hatte, die Blutrache und Selbsthilfe als geboten erscheinen lassen.

Was er hinsichtlich der Bonanza tun werde, damit war er mit sich noch nicht im klaren. Er mußte seine Handlungsweise ja nach Umständen richten, die jetzt noch in solcher Ferne lagen, daß er nicht die mindeste Kenntnis von ihnen haben konnte.

Ganz anders dachte Pepe in seinem Herzen. Er hatte nie einen Menschen so gehaßt, wie diesen Grafen Antonio de Mediana, und war fest entschlossen, ihn, sollte er ihn in seine Gewalt bringen, nicht lebendig entkommen zu lassen. Der Graf sollte ihm die Gewissensbisse entgelten, die ihn so lange Jahre hindurch unaufhörlich verfolgt hatten, – bis zum heutigen Tag, wo ihm der Tod der Gräfin noch immer schwer auf der Seele lag.

Was Bois-rosé betrifft, so kannte er keinen anderen Wunsch, als seinem treuen Dormilón und dem geliebten Pflegesohn nach Kräften nützlich sein zu können. Er hatte trotz seiner äußerlichen Rauheit ein treues und auch gottesfürchtiges Gemüt, und gerade die Frömmigkeit, die sein tiefstes Wesen durchdrang, ließ ihn die Verbrechen Don Estebans in einem abscheulichen und strafbaren Licht erscheinen; darum bebte er, der die größte Zeit seines Lebens in Verhältnissen gelebt hatte, in denen er auf sich selbst angewiesen war, gar nicht vor dem Gedanken zurück, die verdiente Strafe in Gestalt einer bleiernen Kugel wirken zu lassen.

Sie waren von Tubac aus Gen deutlichen Spuren der Karawane nicht direkt gefolgt, sondern hatten sich stets seitwärts von ihr gehalten, aber jeden Lagerplatz der Expedition scharf im Auge gehabt.

Die zahlreiche Gesellschaft war durch Entbehrungen und Indianerüberfälle um zwanzig ihrer Mitglieder gekommen, noch ehe sie das Goldtal erreicht hatte. Die drei Jäger jedoch, so gering an Zahl, waren bisher jeder Gefahr glücklich entgangen, da die Summe ihres Mutes und Scharfblicks, ihrer Erfahrung und Kühnheit die der ganzen Expedition weit übertraf.

Sie wußten, wo die Karawane heute ihr Lager aufgeschlagen hatte, ahnten auch die gefährliche Nähe der Indianer und hatten daher beschlossen, auf dem kleinen Inselchen, wo sie vor jedem plötzlichen Überfall gesichert waren, ihre nächtliche Ruhe zu halten.

Freilich hatten sie nicht bemerkt, daß gerade in dem Augenblick, als sie sich ihrer Kleider entledigt hatten um hinüberzuschwimmen, der Kundschafter der Apatschen am Fluß anlangte und jede ihrer Bewegungen genau beobachtete.

Pepe und Fabian hatten lange ausgeruht. Der ehemalige ›Schläfer‹ erwachte erst, als die Sonne dem Horizont nahe stand.

»Nun schlafe du, Bois-rosé. Ich werde wachen.«

Der ›große Adler‹ schüttelte den Kopf.

»Laß mich mit dir wachen! Sieh doch den Jungen an, wie ruhig er schläft, geradeso ruhig, als schliefe er im Hause einer Straße am Manzanares und nicht auf einer Insel im wilden Rio Gila! Soll ich da nicht wachen über mein teures Kind?«

Pepe mußte ein wenig lächeln bei diesem Ausdruck.

»So wache mit! Schau, wie er lächelt! Santa Lauretta, wer weiß, von was Schönem er träumt!«

Über das kräftig gebräunte Angesicht Fabians flog ein Zug innigen Glücks; seine Lippen öffneten sich und flüsterten einen Namen:

»Rosarita!«

»Alle Wetter, Pepe, du hast recht! Also von Rosarita träumt er. Wer ist denn Rosarita?«

»Weißt du nicht mehr, daß ihm Rosarita gesagt hat, Don Esteban de Arechiza sei der Graf von Mediana? Rosarita ist die Tochter Don Agustín Penas.«

»Richtig! Ah, mein lieber Fabian, so erfährt man also, daß Bois-rosé und Pepe nicht die einzigen sind, die du lieb hast!«

»Schrei nicht so laut! Du weckst ihn ja auf, denn deine Stimme gleicht wirklich manchmal dem Donnern eines Wasserfalls!«

»Richtig! Aber wer kann für seine Lunge!« entschuldigte sich der Kanadier mit leiserer Stimme. »Sieh doch die Staubwolke, die dort am Ufer des Flusses aufsteigt! Es ist ein Haufe wilder Pferde, die hier saufen wollen, ehe sie die ferne Weide aufsuchen, wo sie die Nacht, zubringen werden. Dort kommen sie in all der stolzen Schönheit, die Gott den freien Tieren gibt. Ihr Auge flammt, ihre Nüstern sind rot und geöffnet, ihre Mähnen flattern im Winde. Ah, ich habe Lust, Fabian aufzuwecken, damit er sie sehen und bewundern kann!«

»Laß ihn schlafen, Bois-rosé! Ich glaube, er wird vielleicht später die Augen desto offener halten müssen, denn sieh, jetzt weichen sie wie eine Wolke, die der Wind verjagt.«

»Teufel! Sie haben etwas Beunruhigendes bemerkt! Aber, da ändert sich das Bild: Schau den Hirsch, der dort seine großen, glänzenden Augen und sein schwarzes Maul in den Zwischenräumen der Bäume zeigt! Er muß etwas wittern; er horcht. Ah, er kommt herbei, um ebenfalls zu saufen. Er hat ein Geräusch gehört, er richtet den Kopf in die Höhe. – Was ist das?«

»Wölfe, Bois-rosé, Wölfe sind es, die so bellen, denn die jagenden Wölfe –«

Er unterbrach sich und blickte gebannt auf die Ebene hinaus. Mit dem Geweih auf dem Rücken, mit geschwollenem Hals und zurückgeworfenem Kopf, um durch die offenen Nasenlöcher die für seine große Lunge nötige Luft leichter einatmen zu können, floh der Hirsch pfeilschnell über die Fläche dahin. Hinter ihm war eine Meute hungriger Wölfe zu bemerken, einige weiß, die meisten aber schwarz.

»Soll ich Fabian nicht doch wecken, Pepe?«

»Ja, wecke ihn, denn er wird ein sehenswertes Schauspiel haben, und später vielleicht auch noch etwas mehr, meine ich.«

Bois-rosé rüttelte den Jüngling sanft und machte ihn auf den Hirsch aufmerksam.

Dieser hatte einen erheblichen Vorsprung vor dem Wolfsrudel; allein auf den Sanddünen, die den Horizont begrenzten, konnte das scharfe Auge der Jäger andere als Schildwache aufgestellte Wölfe bemerken, die die Bemühungen ihrer Genossen, ihnen den Hirsch zuzutreiben, beobachteten.

Das edle Tier schien sie nicht zu bemerken oder ihre Anwesenheit nicht hoch einzuschätzen, denn es floh noch immer nach ihrer Seite hin. Beinahe bei ihnen angekommen, blieb es aber doch einen Augenblick stehen; es sah sich in einem Kreis von Feinden eingeschlossen, der immer enger wurde.

Plötzlich wandte sich der Hirsch nach den ihn verfolgenden Wölfen um und machte einen Versuch, über diese Gruppe wegzukommen. Allein es gelang ihm nicht, über diese Menge heulender Köpfe hinwegzusetzen, und er fiel mitten unter seine Verfolger hinein. Einige stürzten unter seinen Füßen zusammen; zwei bis drei wurden von seinem Geweih getroffen und verloren ihre Eingeweide. Dann floh das arme Tier mit einem Wolf, der sich in einem Bein festgebissen hatte, mit blutenden Flanken und weit hervorgestreckter Zunge dem Flusse zu, gerade den Zuschauern dieser seltsamen Jagd gegenüber. Dort machte es sich mit einer letzten Anstrengung von seinem Feind frei und sprang ins Wasser.

»Das ist schön; das ist herrlich!« rief Fabian. »Der Edle hat sich gerettet!«

Die verfolgenden Wölfe waren nahe daran, dem Wild nachzuspringen, als sie sich plötzlich, wie von einem panischen Schrecken ergriffen, wandten und davonjagten.

»Was ist das?« rief Fabian. »Warum fliehen sie?«

»Bücke dich, bücke dich, mein Sohn!« antwortete Bois-rosé. »Versteck dich hinter die Stauden!«

Augenblicklich lagen die drei Männer platt am Boden, denn es zeigten sich jetzt andere, furchtbarere Jäger auf dem großen Kampfplatz, der in diesen herrenlosen Wüsteneien allen geöffnet ist.

Etwa zwölf von den wilden Pferden, die der Kanadier und Pepe vorhin beobachtet hatten, galoppierten wie bestürzt über die Ebene hin. Indianer, die auf sattellosen Pferden ritten, um dadurch leichter und wendiger zu sein, sprengten hinter den erschrockenen Tieren her. Die Reiter saßen zusammengekauert auf ihren Pferden, daß ihnen die Knie fast bis an das Kinn reichten, wodurch den Tieren die Möglichkeit einer durchaus freien Bewegung gegeben werden sollte.

Anfangs konnte man nur drei Indianer sehen, nach und nach aber tauchten etwa zwanzig am Horizont auf. Die einen waren mit Lanzen bewaffnet, die anderen schwangen ihre aus Leder geflochtenen Lassos in der Luft, und alle stießen jenes Geschrei aus, mit dem sie sowohl ihre Freude als auch ihren Zorn zu erkennen geben.

Pepe warf einen fragenden Blick auf den Kanadier; ein deutlich sprechendes Nicken war die Antwort.

»Ist das eine ernsthafte Jagd oder nur ein listiges Spiel, Bois-rosé?«

»Hm! Wir müssen es abwarten, Pepe. Ich wüßte nicht, woher die Roten wissen sollten, daß wir uns hier befinden.«

Die wilden Reiter verfolgten die vor ihnen herfliehenden Pferde. Die zahllosen Hindernisse, mit denen diese dem Anschein nach so ebenen Flächen übersät sind, die Schluchten, die Hügel, die Kaktuspflanzen mit ihren scharfen Spitzen vermochten sie nicht aufzuhalten. Ohne diese Hindernisse zu umgehen oder ihretwegen den ungestümen Ritt zu mäßigen, setzten sie über alles mit einer Kühnheit hinweg, der nichts Einhalt zu tun vermochte.

Selbst ein kühner Reiter, beobachtete Tiburcio mit wahrer Begeisterung die Reiterkunststücke dieser unerschrockenen Jäger; allein die Vorsichtsmaßregeln, die die drei Freunde ergreifen mußten, um sich dem Auge der Indianer zu entziehen, ließen sie einen großen Teil des großartigen und zugleich furchtbaren Schauspiels einer indianischen Jagd verlieren.

Die Savanne, die vorhin erst so öde gewesen war, hatte sich plötzlich in einen Schauplatz von Tumult und Verwirrung verwandelt. Der in die Enge getriebene Hirsch war genötigt gewesen, den festen Boden wieder zu suchen; er floh zur Seite hinaus, begegnete aber dort den Wölfen wieder, die, durch die bisherigen Anstrengungen aufgeregt, ihn heulend verfolgten. Die wilden Pferde galoppierten vor den Indianern her, deren Geheul dem der Raubtiere in nichts nachstand, und beschrieben große Kreise, um Lanze oder Lasso zu entgehen.

Aber jetzt bekam das Schauspiel eine andere Wendung.

Zwischen zwei wellenförmigen Bodenerhebungen kam, die Indianer nicht bemerkend, ein Reiter herbei, den die drei Verbündeten trotz der Entfernung sofort als einen Weißen erkannten.

»Santa Lauretta, ein Bleichgesicht!« rief Pepe. »Jedenfalls ein Kundschafter Arechizas, der sich ein wenig in der Gegend umsehen soll. Er ist hinter dem Wind und hat die Roten nicht kommen hören können. Da, da, sie haben ihn gesehen. Paßt auf, Fabian, er ist verloren!«

Es war so, wie Pepe sagte. Der Mann kam, noch nichts ahnend, langsam im Schritt durch die Vertiefung geritten, während die Wilden schon hinter ihm einen Bogen beschrieben, um ihn einzuschließen. Die Pferde und Wölfe waren im fernen Nebel verschwunden, und nur die zwanzig Indianer waren zurückgeblieben, die sich auf einen ungeheuren Halbkreis zerstreut hatten, dessen Mittelpunkt der weiße Reiter war.

Jetzt bemerkte er sie. Man konnte deutlich sehen, wie er vor Schreck zusammenzuckte und dann den Horizont musterte, um einen Ausweg zu suchen. Er erkannte, daß die Feinde überall, nur nicht am Fluß waren, und hielt im Galopp auf diesen zu. Allein sein Pferd war entweder schlecht oder zu sehr abgetrieben; er kam nur langsam vorwärts, während sich der Halbkreis hinter ihm schnell verengte. Ungefähr dreißig Schritte vom Ufer entfernt, hatte ihn der vorderste der Roten eingeholt, warf ihm den Lasso um Brust und Oberarme und riß ihn vom Pferd.

Der Indianer hatte eine dunklere Farbe als die anderen, und seine Kopfbedeckung zeigte ihn als einen Häuptling an. Es war Schwarzvogel.

Die drei Jäger lagen noch immer hinter dem Saum des Inselchens verborgen.

»Was tun wir, Bois-rosé?« fragte Pepe.

Der Gefragte wandte sein Gesicht zu Fabian.

»Fabian, mein Sohn, willst du mir einmal die volle Wahrheit antworten?«

»Frage, Vater!«

»Noch nie in deinem Leben hast du dich in so großer Gefahr befunden wie jetzt. Der Mann ist ein Weißer. Geben wir ihn verloren, so retten wir uns vielleicht, denn es ist wohl kaum anzunehmen, daß die Indianer von unserem Hiersein wissen. Nehmen wir ihn in Schutz, so verraten wir uns selber. Ich und Pepe werden tun, was du für das beste hältst. Entschließ dich schnell!«

»Wir retten ihn!«

»Gut! Nehmt eure Gewehre her und schießt nicht eher, als bis ich es sage!«

Die zwanzig Indianer hatten den Weißen erreicht und, ohne abzusteigen, ihn von dem Lasso befreit. Da gab der Häuptling einen Wink. Fünf seiner Leute stiegen ab, um den Gefangenen festzuhalten. Schwarzvogel zog, während sein Pferd wie eine Statue stand, das Messer.

»Teufel«, flüsterte Bois-rosé erregt, »sie wollen ihm bei lebendigem Leib den Skalp nehmen, wie die Ogellallahs damals mir, als du noch zur rechten Zeit kamst! Gib dem Häuptling eine Kugel, gerade einen Zoll beim Ohr vorbei, Pepe!«

»Warum nicht in den Kopf?«

»Er ist ein Mensch und soll nicht –«

Der Schuß krachte gerade in dem Augenblick, als der Schnitt erfolgen sollte; die Kugel flog einen Zoll am Kopf Schwarzvogels vorüber, aber der Häuptling zeigte nicht die geringste Spur von Schreck oder auch Überraschung. Er lenkte sein Pferd bis hart ans Wasser heran und warf einen scharfen, forschenden Blick auf die Insel.

»Santa Lauretta, der Kerl hat bestimmt gewußt, daß wir hier sind!« sagte Pepe, während er sein Gewehr wieder lud.

»Nicht nur das«, fügte Bois-rosé bei, »sondern er weiß auch, daß wir keine ehrlosen Burschen sind, sonst würde er sich unseren Kugeln nicht so unvorsichtig preisgeben. Jedenfalls sind wir von einem Kundschafter beobachtet worden!«

Da legte der Wilde die Hände wie ein Sprachrohr an den Mund und rief herüber:

»Die weißen Männer mögen sich erheben, damit Schwarzvogel, der große Häuptling der Apatschen, mit ihnen sprechen kann!«

Bois-rosé richtete sich in seiner vollen Länge empor, und ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen, als er sah, daß der Indianer im Erstaunen über die riesenhafte Gestalt sein Pferd einige Schritte zurücknahm.

»Was hat der rote Mann mir zu sagen?« donnerte er mit seiner Kontrabaßstimme hinüber.

»Ist der weiße Mann ein Häuptling, daß ich mit ihm sprechen kann, oder soll einer meiner Männer mit ihm reden?«

»Der weiße Mann ist Häuptling im Walde und Herrscher in der Savanne; er wird mit keinem gewöhnlichen Krieger sprechen, doch erlaubt er dem Häuptling der Apatschen, seine Stimme zu erheben!«

Bois-rosé kannte die Indianer und war gewillt, sich von vornherein in Achtung zu bringen.

»Warum schießt mein Bruder auf meine roten Söhne?«

»Warum hindert mein Bruder meinen weißen Sohn, zu gehen wohin er will?«

»Dieses Bleichgesicht ist weder der Bruder noch der Sohn des großen Häuptlings aus dem Walde. Der Herr der Savanne kommt von Mitternacht, das Bleichgesicht aber von Mittag. Hat Schwarzvogel, der Häuptling der Apatschen, recht gesprochen?«

»Er hat recht gesprochen, doch vergißt er, daß alle Bleichgesichter Brüder sind. Er lasse den Gefangenen frei, damit die Stimme meiner Büchse nicht wieder spreche!«

»Der Apatsche fürchtet diese Stimme nicht, aber die Krieger vom Mittag fliehen vor ihr. Mein großer, weißer Bruder komme in unser Lager und kämpfe mit uns gegen das Lager der Bleichgesichter. Wir werden das Kalumet mit ihm rauchen und ihm tapfere Gefährten sein.«

»Will mein roter Bruder meinen Namen hören?«

»Der Herr der Savanne nenne ihn!«

»Die roten Männer, so weit die Prärie und das Gebirge reichen, nennen ihn den ›großen Adler‹. Hat mein Bruder diesen Namen schon vernommen?«

»Er hat ihn gehört«, antwortete der Indianer, der eine Gebärde der Achtung nicht zu unterdrücken vermochte.

»So wird mein roter Bruder auch wissen, daß der ›große Adler‹ gerecht und freundlich ist. Er wird den roten Kriegern kein Leid tun, sich aber auch nicht mit ihnen gegen seine weißen Brüder verbinden!«

»So muß dieses Bleichgesicht uns seinen Skalp geben!«

»Dann werden viele Kinder der Apatschen ihr Leben verlieren!«

»Die Kinder der Apatschen sind wie der Sand der Savanne. Der ›große Adler‹ aber hat nur noch zwei Männer bei sich. Er wird das Kalumet mit uns rauchen oder zu seinen Vätern gehen!«

»So will der Häuptling der Apatschen seinen Gefangenen nicht freigeben?«

»Nein.«

»Dann muß sterben, wer die Hand an den weißen Mann legt!«

»Der ›große Adler‹ sehe, was wir tun!«

Er gab einen Wink und ritt zurück, um aus dem Bereich der Kugeln zu kommen. Das Messer eines der Indianer blitzte über dem Kopf des Gefangenen. Doch schon hatte der Kanadier seine Büchse erhoben; mit zerschmettertem Schädel stürzte der Wilde nieder. Zehn Klingen zuckten zu gleicher Zeit. Pepes und Fabians Büchsen blitzten, und zwei Indianer brachen zusammen.

Schon hatte Bois-rosé wieder geladen.

»Lauf!« gebot er mit starker Stimme dem Weißen, der ohne Fesseln, aber vor Todesangst zitternd, dastand, und zugleich schoß er einen vierten durch das Auge, so daß der Weiße Raum bekam, nach dem Wasser zu flüchten, wo er unter dem Schutz der drei Büchsen sicher zur Insel gelangt wäre. In der Verwirrung aber brach er nach seitwärts aus, wo sein Pferd stand, brachte durch diesen kläglichen Fehler sich und die Indianer aus dem Kugelbereich der drei Jäger und lag nach wenigen Augenblicken, vom Lasso erwürgt, skalpiert am Boden.

Die Wilden stießen ein nervenerschütterndes Geheul aus.

»Santa Lauretta, war der Mensch dumm! Nun haben wir uns umsonst in Gefahr begeben.«

»Nein, Pepe. Sie hätten uns auch ohne dies aufgesucht. Aber schau, was sie tun!«

Sechs von den Apatschen blieben zurück, die anderen sprengten davon.

»Sie holen ihr Schießzeug, das sie abgelegt haben, als sie die Jagd auf die Pferde begannen.«

»Ich glaube, wir werden eine regelrechte Belagerung auszuhalten haben«, meinte Fabian.

»Sicher, mein Junge, wenn wir nicht hinüber zum gegenseitigen Ufer schwimmen und ihnen aus dem Weg gehen wollen.«

Pepe blickte ihn betroffen an.

»Zwanzig waren es, Bois-rosé, jetzt sind es nur noch sechzehn. Wann hat der ›große Adler‹ den roten Schuften schon einmal den Rücken gezeigt?«

»Was sagst du dazu, Fabian?«

»Wir bleiben!«

Der Kanadier drückte den kühnen Rastreador an das Herz.

»So recht, mein Sohn! Ich wollte nur sehen, ob wir uns auf dich verlassen können, denn diese Art von Flucht ist nicht meine Gewohnheit und würde den ganzen Schwarm hinter uns her bringen. Jetzt aber gibt es noch einen kurzen Waffenstillstand. Wir müssen uns eine Verschanzung bauen, die den Kugeln oder Pfeilen mehr Widerstand zu leisten vermag als dieser bewegliche Schilf- und Blättersaum. Sie werden jedenfalls über den Fluß gehen, um uns von zwei Seiten anzugreifen. Vorwärts, angefaßt!«

Die dem Ufer, an dem sich die Indianer gezeigt hatten, entgegengesetzte Seite der Insel war durch ungeheure Wurzeln, die wie die Palisaden einer Verschanzung in die Höhe standen, hinlänglich geschützt; allein die Seite, auf der der Angriff wahrscheinlich erneuert wurde, war lediglich durch eine zwar dichte, aber wenig haltbare Einlassung von Schilf und jungen Weiden gedeckt.

Dank der außergewöhnlichen Kraft seiner Arme konnte der von den Gefährten unterstützte Kanadier an den beiden Enden des Inselchens, die gerade in der Richtung des Stromes lagen, einige große, dürre Äste sowie Baumstämme losreißen, die erst in neuerer Zeit angeflößt worden waren. In einigen Minuten hatten die ebenso starken wie gewandten Jäger die schwächste und am meisten bedrohte Seite durch eine rohe aber feste Verschanzung geschützt, die den Verteidigern des Inselchens mehr als eine tödliche Wunde zu ersparen vermochte.

»Siehst du, Fabian«, sagte Bois-rosé befriedigt, »jetzt bist du hinter diesen Baumstämmen so geschützt, wie in einer aus lauter Steinen aufgeführten Festung. Du wirst also einzig und allein den Kugeln ausgesetzt sein, die von den am Ufer stehenden Bäumen herab zu uns herübergeschickt werden könnten. Aber wir werden es schon einzurichten wissen, daß diese roten Teufel die Wipfel gar nicht erst erreichen.«

Der Kanadier machte sich durchaus nicht um sich, sondern nur um seinen Pflegesohn Sorge. Nun rieb er sich die Hände vor Freude darüber, daß es ihm gelungen war, zwischen diesem und dem Tod eine hinreichende Schranke hergestellt zu haben, und wies dem Jüngling seinen Posten hinter dem am besten verschanzten Punkt an.

Die zehn Indianer waren jetzt zurückgekehrt; sie waren teils mit Büchsen, teils mit Pfeilen versehen. Nun ritten auch die sechs fort, die die Insel bisher bewacht hatten, um sich ihre Waffen zu holen.

»Paßt auf; der Tanz wird wohl bald beginnen!« meinte Pepe.

»Gebt euch nur keine Blöße! Beim Laden nicht aufstehen, sondern sich auf den Rücken legen; Fabian, merk dir das!«

Die Indianer waren von der freien Stelle verschwunden. Es galt jetzt, ein offenes Auge zu haben. Die Oberfläche des Flusses, die Wipfel der am Ufer stehenden Zitterespen, das Ufer selbst mit seinem Schilf –, nichts durfte der aufmerksamen Prüfung der Jäger entgehen, denn die Nacht mit ihren vielen Fährlichkeiten rückte schon heran.

Es wurde allmählich dunkler, und das am Ufer stehende Gesträuch begann jene phantastischen Formen anzunehmen, die das ungewisse Licht der Dämmerung hervorzuzaubern versteht.

Das Grün der Bäume ging in kalte, schwarze Töne über, aber die drei Jäger besaßen das scharfe Auge der Indianer, und bei der Wachsamkeit, die sie an den Tag legten, wäre wohl nichts imstande gewesen, ihre geübten Sinne irrezuführen.

»Pepe«, fragte Bois-rosé' mit leiser Stimme, »kommt es dir nicht auch so vor, als habe der Strauch dort« – er deutete mit dem Finger durch das Schilf hindurch auf einen Weidenbusch – »eine andere Gestalt angenommen und sich vergrößert?«

»Ja«, antwortete der frühere Miquelete, »der Busch hat nicht mehr die alte Form. Aber sag, bemerkst du nicht, daß der dritte Strauch von da, aufwärts gerechnet, seine Blätter hängen läßt?«

»Und«, fragte jetzt auch Fabian, »seht ihr dort zwischen jenem Weidenbaum und jener Espe einen Strauch, der vor zehn Minuten sicher noch nicht dort war?«

»Wahrhaftig! Sie verschanzen sich mit abgehauenen Zweigen. Es ist wirklich ärgerlich, daß sie Leute betrügen wollen, von denen sie noch ganz andere Listen lernen könnten«, zürnte der Kanadier. »Hinter jedem von diesen drei Büschen steckt ein Indianer. Heraus mit den Kugeln. Jeder nehme seinen Strauch!«

Drei Schüsse krachten; drei laute Todesschreie antworteten, denen ein vielstimmiges Wutgeheul folgte. Der künstliche Busch war verschwunden, und die beiden anderen Sträucher hatten ihre ursprüngliche Gestalt wieder angenommen.

Die Verbündeten hatten sich auf den Rücken geworfen, um wieder zu laden. Als Antwort auf die drei Meisterschüsse schlugen jetzt über ihren Köpfen Kugeln und Pfeile ein, die aber nur Blätter und dünne Zweige umherstreuten.

»Wenn ich mich nicht täusche, so sind es ihrer nur noch dreizehn, wenn nämlich die sechs wieder zurück sind, ohne daß wir sie bemerkt haben. Aufgepaßt, Kinder! Ich sehe, wie die Blätter der Zitterespe dort sich bewegen, und gewiß ist es nicht der Wind, der die Schuld daran hat. Ohne Zweifel ist es einer von diesen Schlingeln, der hinaufsteigt oder schon hinaufgestiegen ist.«

Ein Blitz auf dem beschriebenen Baum und eine Kugel, die in einen der die Insel bildenden Stämme einschlug, bewiesen, daß Bois-rosé ganz richtig vermutet hatte.

»Santa Lauretta, schießt der Kerl weit daneben!« sprach Pepe, während er den Lauf seiner Büchse durch das Schilf schob. »Man kann ihn nicht sehen; aber sobald er wieder losdrückt, ist er verloren!«

Einige Minuten vergingen, ehe der Indianer wieder geladen hatte, dann aber, als es drüben aufblitzte, donnerte auch der Bärentöter Dormilóns. Nur in dem Sekundenbruchteil des Schusses hatte sich der Feind eine Blöße gegeben, aber dieser Augenblick hatte für Pepe genügt. Der Indianer fiel von Ast zu Ast herab, wie eine Frucht, die von einem Hagelkorn getroffen worden ist.

Ein wütendes Geheul ertönte, so entsetzlich, daß man eiserne Muskeln und Nerven haben mußte, um bei diesen ohrenzerreißenden Lauten nicht vor Schrecken zu beben.

»Santa Lauretta, erbarme dich meiner! Sollte man nicht meinen, es heule ein Schock Tiger in der Finsternis?«

Jetzt machte Fabian plötzlich eine Wendung stromaufwärts und legte die Mündung seines Gewehres auf die Gabel eines abgestorbenen Astes.

»Paßt auf, ich werde einen das Schwimmen lehren!«

Ein Stück oberhalb der Insel und ganz in der Nähe des Ufers lag ein Stein, der zwei Fuß weit aus dem Wasser hervorragte. Fabian hatte bemerkt, daß ein Indianer sich mit blitzschnellen Bewegungen vom Ufer weg hinter ihm herabgeschnellt hatte. Von diesem Punkt aus konnte ein guter Schütze großen Schaden anrichten, da das Inselfloß an seiner oberen Spitze schlechter verbollwerkt war.

Fabian lag still, ohne ein Glied zu bewegen; er wartete, bis er auch nur den kleinsten Zielpunkt bekommen werde. Da berührte sein Finger den Drücker, und diese kleine Bewegung kostete den Wilden das Leben. Er war mitten in die Stirn getroffen; der Strom erfaßte ihn und trieb ihn an der Insel vorüber.

Auch jetzt erfolgte ein geradezu unbeschreibliches Geschrei. Die Wilden mußten sich allerdings in einer entsetzlichen Wut befinden; sie hatten schon empfindliche Verluste gehabt und damit noch nicht den mindesten Vorteil errungen.

»Denken die Spitzbuben etwa, uns mit ihrem Rottengeheul zu täuschen?« zankte der Kanadier. »Sie machen es wie die Schakale des Nachts; die heulen und antworten einander, als ob sie ihrer hundert wären, und doch sind es nur drei bis vier. Diese roten Schurken schreien auch, als seien sie ein paar Dutzend, und doch zählen sie nur noch elf Mann. Ach, könnte man es soweit bringen, daß sie über das Wasser herüberkämen, so würde auch nicht einer übrigbleiben, ihre Niederlage in seinem Dorf zu melden!«

Er verfiel in kurzes Nachdenken.

»Halt, ich hab's!« rief er dann.

»Was?« fragte Pepe neugierig.

»Könnten wir sie nicht glauben machen, daß sie uns getroffen haben, damit sie herbeikommen, um sich unsere Skalpe zu holen?«

»Das ist wahr!«

»Aber es ist verteufelt viel Gefahr dabei.«

»Nicht soviel, wie du denkst, Bois-rosé. Diese roten Schlingel werden dann zwar erproben wollen, ob wir wirklich tot sind, aber sie schießen ja noch lange nicht so wie ich damals, als ich den Schwanz eines Bären für dessen Rippe hielt.«

»Nun wohl, Kinder; so mag denn zuerst meine Pelzmütze drankommen. Ein Loch mehr wird ihr keinen Schaden bringen! Schreit nicht, sondern stoßt nur so einen ganz kleinen Laut aus, wenn sie herunterfliegt.«

Er steckte die Mütze auf einen Ast und hielt sie an eine kleine, zwischen zwei Zweigen befindliche Lücke. Sie war bemerkt worden. Eine sicher gezielte Kugel zerriß den Ast, und auf den kurzen Ruf, den Pepe ausstieß, erklang vom Ufer her ein wahrhaft sinnverwirrender Lärm.

»Sie denken wahrhaftig, daß sie den ›großen Adler‹ zu seinen Vätern geschickt haben. Wartet nur, der Adler wird euch Sperlinge alle fressen!«

»Dort steigt einer auf die Espe!« meldete Fabian.

»Recht so; das will ich ja!« antwortete der Kanadier. »Wenn wir uns eng an den Rand drücken, kann er uns nicht sehen. Wir müssen so tun, als suche einer von uns in der Mitte der Insel etwas. Es ist schon so dunkel, daß man von dem Baum aus wohl die Gestalt, aber nichts Näheres erkennen kann. Gib dein Wams und deine Mütze her, Pepe!«

Er zog einen gegabelten Ast aus der Barrikade, legte das Wams darüber, steckte die Mütze darauf und schob diese Gestalt ein wenig nach der Mitte vor. Sofort blitzte es von der Espe herab; die Kugel schlug zwar in einiger Entfernung ein, aber Bois-rosé' ließ dennoch die Gestalt fallen.

Ein Triumphschrei ertönte auf der Espe.

»Schon gut, mein roter Bruder! Zwei von uns sind hinüber in die ewigen Jagdgründe; holt euch nun den dritten noch! Wenn der Kerl ein besserer Schütze wäre und man nicht schon dichtes Zwielicht hätte, so könnte man so etwas gar nicht wagen; so aber – na, Fabian, gib mir doch einmal deinen Hut her!«

Er bekam den Hut. Hätten die beiden anderen seine Absicht geahnt, so hätten sie sicher die Ausführung zu hindern gesucht; er aber lächelte still vor sich hin, setzte sich den Hut, der ihm um ein Beträchtliches zu klein war, was aber die breite Krempe nicht bemerken ließ, auf den Kopf und richtete sich, als er glaubte, daß der Mann auf der Espe wieder geladen habe, ein Stück über den Rand des Saumes empor.

Pepe stieß einen Ruf des Schreckens aus, der aber durch zwei Schüsse, von denen einer von der Espe und der andere vom Ufer her fiel, gedeckt wurde, und riß ihn zurück.

»Santa Lauretta, was fällt dir ein?!«

»Was mir einfällt? Jetzt gar nichts mehr, denn nun haben sie uns alle drei weggeputzt. Hörst du, wie die Satane jauchzen und brüllen? Freilich zielten sie etwas besser, als ich dachte: die eine Kugel ging mir in den Ärmel und die andere, wahrhaftig, hier ist ein Loch in der Krempe!«

Fabian war noch schreckensbleich; aber er machte dem verwegenen Mann keinen einzigen Vorwurf. Dieser schüttelte sich und meinte:

»Nun paßt auf; jetzt wird es einen wahren Hagel von Pfeilen und Kugeln geben! Ich kenne diese Leute, die nun den schönen Vorsatz fassen werden, unsere Leichen noch ein wenig toter zu schießen.«

Er hatte richtig vermutet, denn nach wenigen Augenblicken wurde ein beinahe eine volle Minute anhaltendes Rottenfeuer auf die Insel gerichtet. Die Pfeile schwirrten über sie hin; die Kugeln rissen Splitter von den Stämmen und ganze Äste los, aber keiner der drei Männer wurde getroffen.

»Seht ihr's? Nun wird Schweigen eintreten, bis der Mond über die Baumkronen tritt. Das geschieht in dreiviertel Stunden, und bis dahin können wir ihnen herlegen, was sie brauchen.«

Es war auf dem Fluß so dunkel geworden, daß man vom Ufer aus nicht das Geringste auf der Insel sehen konnte, während der schon früh am Himmel stehende und sich jetzt hinter den Bäumen erhebende Mond die Bäume und Büsche des Ufers mit seinem immer heller werdenden Licht verklärte und es den Jägern gestattete, genaue Beobachtungen anzustellen.

Sie schnitten dürres Schilf vom Rand der Insel, wirrten dieses in eine Form, die einem Kopf glich, und stellten mit Hilfe ihrer Kleider drei Gestalten her, die in der Stellung von Toten auf dem Gras lagen.

Der Mond stieg höher und warf nach der angegebenen Frist sein fahles Licht auf das Inselfloß. Von den Bäumen aus mußte man die Figuren für menschliche Gestalten halten. Die Jäger lagen inzwischen hinter ihrer Verschanzung und harrten der Dinge, die kommen sollten.

»Steigt nicht dort einer auf den Weidenbaum?« fragte Pepe.

»Ja«, antwortete Fabian. »Man könnte ihn ganz prächtig aufs Korn nehmen, wenn wir nicht andere Absichten hätten.«

»Laßt sie nur immer hinauf. Sie kommen von selbst wieder herab.«

Nur mit äußerster Behutsamkeit kletterte der Indianer von Ast zu Ast, bis er endlich die nötige Höhe erreicht hatte, das Innere der schwimmenden Insel zu sehen und zu beherrschen. Dort kauerte er sich auf einen dicken Ast nieder und streckte sodann den Kopf vorsichtig hervor. Der Anblick der auf dem Boden liegenden ›Toten‹ schien ihn nicht zu überraschen. Indessen vermutete er vielleicht doch eine List, denn mit einer Kühnheit, die durch das Beispiel des auf diesem Baum Getöteten sicher keine Aufmunterung gefunden hatte, zeigte sich der Apatsche mit dem ganzen Körper und legte sein Gewehr an. Dann ließ er den Lauf seiner Waffe sinken und zielte abermals. Erst als er dieses Verhalten einige Male versucht hatte, war er vollständig überzeugt, daß nur noch Leichen auf der Insel zu finden seien. Er nahm an, daß ganz sicher auf ihn geschossen worden wäre, wenn auch nur noch ein einziger gelebt hätte, und stieß ein lautes Triumphgeheul aus.

»Aha, der Fisch beißt an!« lachte Bois-rosé. »Es ist der Schwarzvogel, der nun sicherlich seine weißen Brüder besuchen wird.«

»Er steigt vom Baum herunter«, bemerkte Fabian.

Indessen mußten die Indianer doch noch einigen Zweifel hegen, denn eine lange Stille folgte, ohne daß sie ein Lebenszeichen von sich gaben.

»Sie möchten gar zu gern unsere Skalpe haben, doch sie trauen sich noch nicht recht«, sprach Pepe, wobei er ein Gähnen der Langeweile unterdrückte. »Santa Lauretta, ich glaube gar, ich beginne zu schlafen wie in Elanchove, wo ich auf eine so armselige Weise eine prachtvolle Stellung verlor!«

»Geduld!« tröstete der Kanadier. »Sie kommen ganz gewiß. Wer weiß, was sie zum Zögern veranlaßt!«

Er sollte recht behalten, denn kaum hatte er diese Worte geflüstert, so ließ sich ein Indianer am Ufer blicken, dem bald ein zweiter folgte, und bald konnten sie zehn Gestalten zählen, die langsam ins Wasser stiegen.

»Sie werden, wenn ich sie recht kenne, hintereinander durch das Wasser waten«, flüsterte Bois-rosé. »Du, Fabian, nimmst den zweiten aufs Korn! Pepe zielt auf die Mitte, und ich werde dem vorletzten sein Teil geben. Auf diese Weise können sie, da sie durch Lücken voneinander getrennt sind, uns nicht auf einmal borden, und wir werden leicht mit ihnen fertig. Es wird ein Kampf Mann gegen Mann sein, Fabian, mein Sohn. Ich verbiete dir, daran teilzunehmen! Du brauchst nur unsere Büchsen wieder zu laden, während Pepe und ich sie mit dem Messer erwarten!«

Ein Krieger von hohem Wuchs ging voran, es war Schwarzvogel; die anderen folgten mit so viel Vorsicht, daß ihre Bewegungen im Wasser nicht das geringste Geräusch verursachten.

Der Häuptling erreichte jetzt die Tiefe, die ihn zum Schwimmen nötigte. Drei Schwimmstöße mußten ihn an die Insel bringen.

»Feuer!« donnerte da die Stimme des Kanadiers.

Die Jäger richteten sich empor; drei Schüsse krachten wie einer, und drei Indianer versanken unter der Oberfläche des Wassers.

Pepe und der Kanadier warfen rasch die Büchsen hinter sich und erwarteten mit vorgestrecktem Bein, das Messer in der Hand, den Kampf Mann gegen Mann; aber beim Krachen der Schüsse war Schwarzvogel untergetaucht, und seine Leute stürzten sich in rasender Eile durch das Wasser zurück zum Ufer.

»Die Apatschen zählen noch acht tapfere Krieger«, rief Bois-rosé ihnen mit einer wahren Donnerstimme nach. »Werden sie es wagen, die Kopfhaut des ›großen Adlers‹ zu holen?«

»Die Apatschen sind feige Schakale«, höhnte Pepe. »Sieben von ihnen fliehen vor drei weißen Männern. Wer von ihnen will sich den Skalp des ›zündenden Blitzes‹ holen?«

Doch keine Antwort erfolgte.

Da bemerkte Pepe in einiger Entfernung einen schwarzen, auf dem Rücken schwimmenden Körper, der sich vollständig unbeweglich dem Ufer zutreiben ließ.

»Don Fabian, um Himmels willen, meine Büchse her! Es ist Schwarzvogel, der sich tot stellt und von der Strömung forttragen läßt!«

Er riß den Karabiner aus den Händen des Jünglings und zielte.

»Jetzt wird der rote Häuptling den Skalp unseres weißen Bruders bezahlen!« rief er mit gewaltiger Stimme. »Der ›zündende Blitz‹ wird den feigen Apatschen nicht töten, sondern ihm die Kraft seines Armes nehmen, den er gegen die ›Herren der Savanne‹ erhoben hat!«

Sofort tauchte der Körper des Häuptlings unter, kaum aber erschien sein Kopf wieder an der Oberfläche, um Luft zu schöpfen, so zerschmetterte ihm die schwere Kugel des Bärentöters die rechte Schulter.

Auch Bois-rosé hatte nach seiner Büchse gegriffen. Er sah, daß einer der Entflohenen sich zwischen den Büschen hindurch dem Ufer wieder näherte, um den verwundeten Häuptling zu empfangen, und drückte ab. Der Wilde büßte seine Unvorsichtigkeit mit dem Tod.

Der Plan des Kanadiers war nicht ganz geglückt, weil die Apatschen geflohen waren, statt an der Insel zu landen; aber von zehn hatten vier ihr Leben lassen müssen, und der Häuptling war für immer gezeichnet. Von den zwanzig Angreifern waren dreizehn erschossen worden, ohne daß den Angegriffenen auch nur ein Haar gekrümmt worden war. Ein solcher Erfolg konnte nur so berühmten Männern wie dem ›zündenden Blitz‹ und dem ›großen Adler‹ glücken, die mit den noch rauchenden Büchsen in der Hand dastanden wie drohende Götter der Rache, denen kein Sterblicher entgehen kann.

»Was nun, Pepe?« fragte der Kanadier.

»Erst wieder laden und dann hinüber!«

»Es lebten noch elf, und zehn gingen ins Wasser«, fiel Fabian ein. »Wo war der Fehlende?«

»Richtig, mein Kind! Hat er am Ufer gewacht oder – ah, hört ihr das Pferdegetrappel? Es ist, wie ich eben sagen wollte: er wurde fortgeschickt, um Hilfe zu holen. Nun ist es nichts mehr mit dem Hinübergehen, Pepe. Kommt, laßt uns unsere Mahlzeit halten; das ist das beste, was wir jetzt tun können!«

Sie ließen sich nieder und verzehrten, die Umgebung dabei scharf im Auge haltend, ein einfaches Mahl, das aus sonnengedörrtem Fleisch und grobem Maismehl bestand.

Lautlose Stille herrschte ringsumher, aber die drei Männer wußten, daß es die Ruhe vor dem Sturm war. Der Mond stieg höher; die Zeit verging; er begann, sich wieder zu senken, und noch immer wurde die Stille von keinem Geräusch unterbrochen, noch immer war kein Zeichen zu erkennen, das auf die Nähe eines menschlichen feindlichen Wesens schließen ließ.

Da schlug das Wasser unruhig unter der Insel hin und her. Pepe lauschte.

»Was ist das? Diese Bewegung stammt nicht von der Strömung oder den Wirbeln des Flusses; auch kommen weder Pferde noch Büffel um diese Stunde der Nacht ans Wasser, um sich zu tränken.«

Er stand auf und neigte sich, um sowohl den Fluß hinauf, als auch hinab zu sehen; allein ober- und unterhalb der Insel ballten sich dichte, undurchdringliche Nebel, wie sie die Kühle der amerikanischen Nächte, die auf die glühende Hitze des Tages folgt, aus den Ausdünstungen der Erde und des durch die Sonne erhitzten Wassers formt.

»Ich sehe nichts als Nebel«, berichtete er ärgerlich.

»Die Bewegung des Wassers ist leicht zu erklären«, behauptete Bois-rosé. »Das Pferdegetrappel, das wir vernahmen, rührte von den herbeigeholten Wilden her. Sie werden sich geteilt und einen Trupp da oben über das Wasser geschickt haben. Daher die schaukelnde Bewegung der Wellen.«

Die Nebel ballten sich dichter und dichter und legten sich mit wäßriger Schwere auch auf das Inselfloß nieder. Man konnte kaum einige Schritte weit sehen, und die fröstelnden Jäger hüllten sich fester in ihre Mäntel und Decken.

Da fuhren sie alle drei mit einemmal zusammen.

Auf beiden Ufern zugleich hatte sich ganz plötzlich ein so gewaltiges, so durchdringendes und so anhaltendes Geheul erhoben, daß das Echo an beiden Ufern noch lange fortschallte.

»Santa Lauretta, war das ein Konzert! So schön und vollstimmig kann man es selbst unter der Puerta del Sol zu Madrid nicht zu hören bekommen. Jetzt können wir unsere Skalpe locker machen, Freunde, und den Totengesang einstudieren, den wir bald abzusingen haben werden!«

»Was sagst du dazu, Fabian, mein Sohn?« fragte der Kanadier mit außergewöhnlich weicher Stimme.

»Daß Gott den Seinen immer nahe ist, mein Vater!«

»Recht so, Junge! Wir sind zwar von beiden Seiten eingeschlossen, aber wenn der Mond vollends hinunter ist, wird sich eine Möglichkeit finden lassen, diese Mausefalle zu öffnen.«

Da ertönten aus weiter Entfernung Schüsse durch die stille Nacht. Man konnte deutlich die verschiedenen Kaliber der Gewehre unterscheiden. Das Schießen hielt an; es mußte da draußen ein erbitterter Kampf stattfinden.

»Ich glaube, die Apatschen greifen das Lager Arechizas an!« flüsterte Bois-rosé.

»Ich wollte, es ginge ihm nicht besser als uns!« zürnte Pepe. »Es ist kaum zu denken, daß er sich so wacker verteidigt, wie wir es getan haben!«

Jetzt ließ sich plötzlich am Ufer eine Stimme vernehmen.

»Die weißen Männer mögen ihre Ohren öffnen!«

»Es ist Schwarzvogel«, bemerkte Pepe. »Der Häuptling muß viel Kraft besitzen, den Schmerz seiner Verwundung so zu beherrschen, daß er es unternimmt, uns Geschichten zu erzählen!«

Es war wirklich Schwarzvogel. Er hatte sich verbinden lassen und wurde von zwei Kriegern gestützt.

»Wozu sollen die Weißen die Ohren öffnen?« fragte Pepe zurück.

»Die Männer aus Mitternacht sind tapfer, und sie werden ihren ganzen Mut nötig haben. Die tapferen Söhne der Apatschen greifen in diesem Augenblick die Weißen aus Mittag an. Warum stehen die Männer aus Mitternacht nicht auch gegen sie?«

»Weil ein Adler nicht neben einem Schwarzvogel kämpft; weil Löwen nicht mit Schakalen jagen; weil Schakale nur heulen und kläffen können, während der Löwe zerreißt und verschlingt.«

»Der Häuptling der Apatschen will nicht mehr sprechen mit dem ›zündenden Blitz‹, sondern mit dem ›großen Adler‹ aus dem Schneegebirge, mit seinem weißen Bruder, der die Kraft des Bären und die Stimme des Donners hat.«

»Was will der Schwarzvogel von dem Adler?« fragte der Kanadier.

»Schwarzvogel will hören, wie der Adler ihn um sein Leben bittet, denn die Stunde ist da, in der er aus den Lüften zur Erde stürzt.«

»Wer will ihn zur Erde stürzen?«

»Die Hand des Apatschen.«

»Die Hand des Apatschen reicht nicht empor bis über die Wolken; sie ist die eines Kindes, der sich vor der Maus verkriecht; sie ist die eines alten Weibes, das sich vor der Kröte fürchtet.«

»Sie wird den Häuptling des Waldes und der Savanne zermalmen! Der Häuptling der Apatschen will auch reden mit dem Panther des Südens!«

»Er meint dich, Fabian!« erklärte Bois-rosé. »Schau, da hast du schon deinen Namen!«

»Was will der Apatsche vom Panther, der ihn zerreißen wird?« rief Fabian.

»Der Panther ist jung und schön; in seinem Herzen wohnen Mut und Stärke, aber der Tod hat seine Tatze erfaßt und er kann ihm nur entrinnen, wenn er die Stimme vernimmt, die jetzt zu ihm spricht.«

»Der Panther sieht den Tod nicht bei sich, sondern bei den roten Katzen, die am Wasser lauern und vor Furcht über die Fluten kreischen. Was will ihm die Stimme sagen?«

»Der junge Panther komme zu seinen roten Freunden; er suche sich eine Squaw unter den Töchtern der Apatschen, und er wird ein Häuptling und großer Krieger werden, dessen Stimme durch alle Wigwams klingt.«

»Santa Lauretta, der Kerl will Euch eine Frau verschaffen, Don Fabian«, lachte Pepe. »Bemalt Euch mit Ruß und Ocker und greift zu, denn so eine Aussicht bietet sich einem Grafen von Mediana nicht alle Tage!«

Fabian konnte trotz der mißlichen Lage, in der sie sich befanden, ein heiteres Lachen ebenfalls nicht unterdrücken.

»Laßt mich noch eine Frage aussprechen«, bat er. Und seine Stimme wieder erhebend, rief er über das Wasser hinüber: »Und wenn der Panther des Südens verspricht, sich eine rote Squaw zu suchen, was wird dann der Häuptling der Apatschen mit dem ›großen Adler‹ und dem ›zündenden Blitz‹ tun?«

»Sie werden sterben. Schwarzvogel wird ihre Eingeweide öffnen, um zu sehen die Angst, die in ihnen steckt. Will aber der Panther nicht kommen, so wird er ihn mit zwei Fingern erwürgen, aus seiner Haut einen Sattel für sein Schlachtpferd machen und seinen Skalp den Mäusen des Feldes zur Wohnung geben.«

»So mag Schwarzvogel herüberkommen und seine zwei Finger nicht vergessen. Aber er wird sich fürchten vor den drei weißen Häuptlingen und ihnen den Rücken zeigen mit seinen feigen Kriegern, wie vorhin. Die drei Bleichgesichter haben dreizehn seiner Söhne gefressen und Schwarzvogel selbst gelähmt, ohne daß ihnen ein Haar genommen ist. Wenn er kommt, so werden sie ihn zermalmen, aber seine Haut lassen sie ihm, denn der Skalp eines Apatschen ist wie das Fell eines Hasen: ein tapferer Krieger stirbt lieber, als daß er sich mit ihm schmückt!«

»Bravo, Don Fabian!« rief Pepe. »Das war mir aus der Seele gesprochen, obgleich Ihr noch viel zu höflich gewesen seid. Wir wollen doch einmal sehen, ob sie unsere Kopfhaut bekommen. Eine Flucht unter solchen Verhältnissen ist keine Feigheit, sondern eine Heldentat. Der Adler erhebt sich in die Lüfte; der Blitz kann von keinem Sterblichen gehalten werden, und der Panther schwimmt wie der Fisch des Meeres. Laßt uns einmal überlegen, ob wir ihnen schwimmend entkommen können!«

»Jeder von uns hat gelernt, das Wasser zu teilen; aber wir müssen vorher zu erfahren versuchen, ob sie an diesen Umstand denken«, meinte Bois-rosé.

Der Mond war jetzt ganz verschwunden; das Krachen des fernen Flintenfeuers hatte aufgehört, und tiefe Stille und Finsternis herrschten ringsumher. Der Kanadier riß einen Weidenstamm aus dem Floß; das knorrige Ende dieses Stammes glich so ziemlich einem menschlichen Kopf. Er legte das Stück Holz behutsam auf die Oberfläche des Wassers, und die schwarze Masse schwamm langsam den Fluß hinab.

Mit angehaltenem Atem lauschten sie auf den geringsten Laut, der anzeigen konnte, daß dieser Versuch von den Indianern entdeckt worden sei; aber es vergingen viele Minuten, ohne daß sich etwas hören ließ.

»Es wird gehen, wenn wir vorsichtig schwimmen und in längeren Pausen von hier abgehen. Die Büchsen und die Munition –«

Pepe hielt mitten in seinem Vorschlag inne. Am Ufer flammte ein Feuer auf, noch eins – weiter unten ein drittes und viertes – drüben auf der anderen Seite flackerten ebenso vier, fünf wohlgenährte Feuer empor und warfen ihren Schein durch die dichten Nebel mit goldenen und purpurnen Farben zuckend über den Fluß.

»Teufel, das ist schlimm!« rief Bois-rosé. »Wie wollen wir da fort?«

»Die Nebel werden dichter werden, Vater, und das dürre Feuerungsmaterial muß bald zu Ende gehen; dann verlieren die Flammen ihre Stärke und Leuchtkraft. Aber – halt, wartet, ich werde sie selbst auf den Gedanken bringen, die Feuer zu dämpfen!«

Er hatte durch eine schmale Lücke in den Nebelballen den Kopf eines Indianers bemerkt, der am Boden hockte und das Feuer gerade der Insel gegenüber schürte. Er hob die Büchse. Ein leiser Luftzug erneuerte die Lücke; der Schuß krachte, und ein vielstimmiges Geheul bewies, daß er sein Ziel nur zu gut getroffen hatte.

In kurzer Zeit hatten sämtliche Flammen ihre ursprüngliche Stärke verloren.

»Das hat geholfen!« meinte Bois-rosé. »Fabian, mein Junge, du bist bei Marco Arellano in keiner schlechten Schule gewesen; das kann ich dir und ihm mit dem besten Gewissen bezeugen. Es wird uns trotz der Feuer dennoch gelingen, den Strom so weit hinabzuschwimmen, daß wir sicher landen können. Meinst du nicht auch, Pepe?«

»Wenn sich der Nebel verdickt, was zu erwarten ist, ja! Mir ist es nur um das Pulver und die Gewehre zu tun. Immerhin werden wir zuweilen tauchen müssen.«

»Hm«, überlegte Fabian nachdenklich, »vielleicht brauchen wir weder zu schwimmen noch zu tauchen!«

»Was sonst?«

»Nur ein wenig zu steuern und zu rudern.«

»Wie meinst du das, mein Kind?«

»Habt ihr nicht bemerkt, daß die Insel sich abwechselnd hob und senkte, als die Roten über den Fluß gingen?«

»Natürlich.«

»Und daß sie in ihren Grundfesten bebte und wankte, als wir einige Aste und Stämme zur Verbarrikadierung losrissen?«

»Auch das.«

»Nun, wenn es uns gelänge, die Insel flott zu machen, so –«

»Santa Lauretta«, fiel ihm Pepe in die Rede, »wie gewaltig dumm sind wir gewesen, Bois-rosé! Meinst du nicht auch!«

»Ich stimme dir vollständig bei, denn der Gedanke Fabians wird uns Rettung bringen. Die Insel wird vielleicht durch eine Wurzel oder einen dicken Baumstamm auf dem Grunde festgehalten. Es müssen schon viele Jahre her sein, seit sie hier festsitzt; der Boden, der sich gebildet hat, läßt das vermuten. Das Wasser muß das niedere Holzwerk schon längst in Fäulnis gesetzt haben, und davon will ich mich nun überzeugen.«

Er trat an den Rand der Insel und glitt mit großer Vorsicht ins Wasser.

Die beiden Zurückgebliebenen folgten mit ihren Augen nicht ohne Unruhe seinen angestrengten Untersuchungen. Er verschwand von Zeit zu Zeit unter der Oberfläche des Flusses wie der Taucher, der längs der Seiten des Schiffes das Leck sucht, das dem Fahrzeug den Untergang bereiten kann. Endlich stand er wieder bei ihnen.

»Nun«, fragte Pepe, »sind wir durch viele Anker festgehalten?«

»Es geht alles gut, wie ich glaube. Bis jetzt sehe ich nur einen, der die Insel festhält, und das ist der Notanker.«

»Du mußt wieder hinunter?« fragte Fabian besorgt.

»Ja, wenn wir uns flott machen wollen.«

»So hüte dich, zu weit hinunterzudringen! Du kannst dich sehr leicht in das Netz von Ästen und Wurzeln verwickeln und ertrinken!«

»Sei unbesorgt, mein Junge«, antwortete der Riese. »Ich muß nur vorsichtig zu Werk gehen, daß die Insel nicht auseinanderbricht, sonst geraten wir vom Regen in die Traufe. Jetzt vor allen Dingen müssen wir ein Steuer haben. Das Wasser hat sehr gegensätzliche Strömungen, und wenn wir das Floß auch nicht ganz in der Hand haben werden, weil wir nicht rudern dürfen, so müssen wir doch so unabhängig wie möglich von ihm sein.« –

Schwarzvogel, der Häuptling, saß am Fuß eines Baumes. Die zerschmetterte Schulter wurde ihm von einem Riemenverband zusammengehalten. Sie mußte ihm fürchterliche Schmerzen verursachen, obgleich er jede Miene bewachte, dies nicht zu verraten.

Sein glühendes Auge heftete sich unablässig auf die düstere Masse der Insel, wo, wie er glaubte, die drei Männer, nach deren Blut er dürstete, in einer entsetzlichen Angst schwebten.

Während der ersten Nachtstunden konnten die Indianer leicht sehen, was vorging; je dichter aber der Nebelschleier um das Inselchen wurde, um so mehr verkleinerte sich der Lichtgürtel, den die Feuer auf den Fluß warfen. Bald wurden die Dünste so stark, daß die Wachenden das gegenüberliegende Ufer nicht mehr erkennen konnten, und endlich verschwand das Inselchen selbst im Nebel.

Der Häuptling wußte, daß es nun notwendig war, die Aufmerksamkeit zu verdoppeln. Er rief daher zwei Krieger zu sich und schickte sie zu den Schildwachen an beiden Ufern.

»Geht und sagt den Wachen, daß jeder vier Ohren öffnen müsse, um die Augen zu ersetzen, die der Nebel blendet. Sagt ihnen, daß die Dankbarkeit Schwarzvogels groß ist und seine Strafe streng. Wer die Augen schließt und schläft, den wird die Jagdkeule des Häuptlings nicht in die ewigen Jagdgründe, sondern in das Land der Schatten bringen. Ein Krieger, der auf Posten schläft, kommt n die Einöden der Geister, die ewig schlafen müssen!«

Es gibt kaum ein nächtliches Geräusch, das dem Ohr eines Indianers entgehen könnte, und ihrem durchdringenden Auge entzieht sich nicht so leicht ein Gegenstand, den es zu finden strebt. Allein, heute entzog der Nebel selbst die nächste Umgebung, und nur die gespannteste Aufmerksamkeit konnte die so beeinträchtigte Schärfe der Sinne einigermaßen wieder ersetzen.

Mit geschlossenen Augen und offenen Ohren standen die indianischen Krieger unbeweglich an ihren Feuern und suchten wach zu bleiben, während die ganze Natur in Schlaf versunken war. Von Zeit zu Zeit warf einer einen Baumast in das Feuer; sonst verharrten sie in ruhiger, aufmerksamer Haltung.

So verfloß eine geraume Zeit, während der nichts zu hören war als das geschwächte Tosen eines weiter oben liegenden Wasserfalls und das leise, flüsternde Murmeln des von den Wellen bewegten Schilfs.

Die kalte Nachtluft verdoppelte die Schmerzen des Häuptlings und infolgedessen seinen Grimm. Das Licht des Feuers, das neben dem Baum brannte, an dessen Stamm er lehnte, beleuchtete seine scharf geschnittenen Züge, die infolge des Blutverlustes unter ihrer schwärzlichen Haut bleicher geworden waren. Sein von häßlichen Malereien bedecktes und vom Schmerz verzerrtes Gesicht, seine wilden, unheimlich und rachsüchtig funkelnden Augen gaben ihm ganz das Aussehen jener blutdürstigen Götzenbilder, wie sie in barbarischen Zeiten und Ländern angebetet wurden.

Da raschelte es im nächsten Busch, und ein junger Indianer stand vor ihm. Er war mit Blut bedeckt; seine Brust keuchte, und seine Nasenflügel bebten, ein Zeichen, daß er lange und schnell gelaufen war.

»Was willst du? Dich sendet Katzenparder, der Häuptling! Es muß Wichtiges geschehen sein, daß er den schnellsten Läufer unseres Stammes schickt.«

»Katzenparder sendet keinen Läufer mehr. Das Messer eines Weißen ist in sein Herz gedrungen, und er ist dem Rufe des großen Geistes in die ewigen Jagdgründe gefolgt.«

»Er wird dort glücklich sein; denn er ist als Sieger gestorben«, antwortete, seine Wißbegierde beherrschend, einfach der Häuptling.

»Er ist als Besiegter zur Erde gesunken. Die Männer der Apatschen sind geflohen; ihre Anführer und fünfzig berühmte Krieger liegen auf dem Schlachtfeld.«

Es fehlte nicht viel, so wäre der Häuptling trotz der brennenden Schmerzen seiner Wunde und der von seiner Würde gebotenen Zurückhaltung bei dieser Nachricht aufgesprungen. Es bedurfte einiger Sekunden, bis er wieder ruhig und kalt war.

»Wer sendet dich?«

»Krieger, die einen Anführer brauchen, um sich zu rächen. Schwarzvogel war bisher das Haupt eines Stammes; jetzt aber ist er das Haupt eines ganzen Volkes.«

In den Augen des Verwundeten glänzten Stolz und Befriedigung. Einerseits vermehrte sich seine Gewalt, und andererseits bewies die erlittene Niederlage der anderen vier Häuptlinge die Klugheit seines Rates, den er heute gegeben hatte.

»Hätten sich die Büchsen der Männer von Mitternacht mit den unsrigen vereinigt, so hätte nicht ein einziger Mann aus Mittag seinen Skalp noch auf dem Schädel. Der ›große Adler‹, der ›zündende Blitz‹ und der ›Panther des Südens‹ harren jetzt auf die Macana Kriegskeule des Apatschen. Wer ein bleiches Gesicht hat, muß sterben. Aber was kann ein verwundeter Häuptling tun? Die Hälfte seines Blutes ist geflossen; seine Beine tragen ihn nicht, und er würde sogar vom Pferde sinken.«

»Man wird ihn festbinden«, antwortete der Läufer, der beinahe erschrocken aufgeblickt hatte, als er die berühmten Namen hörte. »Aber warum legte Schwarzvogel nicht seine starke Faust auf die Häupter der drei Jäger?«

»Antilope, der Läufer, hat die Füße des Hirsches und den Gedanken des Fuchses. Er mag die Erzählung des Kampfes gegen die Häuptlinge des Waldes und der Savanne vernehmen!«

Der Läufer verharrte stumm, stolz auf diese seltene Gunst.

Als der Häuptling geendet hatte, hielt Antilope seinen Blick gesenkt. Er sann nach. Nach einer Weile erhob er den Kopf.

»Die Stille der Nacht hat zu mir gesprochen. Ehe Schwarzvogel das Grauen des Morgens erblickt, sollen die Bleichgesichter in seiner Gewalt sein.«

»Können meine Krieger auf dem Wasser wie auf dem Kriegspfad gehen?«

»Nein; aber sie können das Feuer nach der Insel senden, daß es sie verzehrt und die weißen Männer an das Ufer müssen.«

Der Häuptling blickte den Ratgeber überrascht an.

»Ich sagte es: Antilope, der Läufer, hat die Gedanken des Fuchses. Er handle, wie er gesagt hat!«

Der Indianer wandte sich um und verschwand lautlos im Nebel.

Dieser war so dicht geworden, daß man kaum zwei Schritte weit zu sehen vermochte. So klein die Insel war, ihre Bewohner vermochten nicht, sie zu überblicken. Mit großer Anstrengung hatte der Kanadier einen langen, jungen Stamm aus dem Holzgewirr des Floßes gelöst, die Äste entfernt und mit Hilfe von Fabians Lasso seinen Mantel um die übriggelassenen Zweige gewunden.

»So, jetzt haben wir ein Steuerruder, das nicht das mindeste Geräusch machen wird. Nun nur noch zwei Hölzer als Dollen, und wir sind fertig zur Abfahrt!«

Er war noch mit dieser Arbeit beschäftigt, als von drüben die Stimme des Häuptlings zum zweiten Male herüberklang.

»Ist das Ohr des weißen Mannes offen, zu hören die Worte Schwarzvogels, des großen Häuptlings der Apatschen?«

»Wollen wir noch einige Worte mit dem Schlingel sprechen, Freunde?« fragte Pepe.

»Tue du es; ich habe keine Zeit dazu«, antwortete der Kanadier.

»Was will der Häuptling von den Jägern der Schneeberge?«

»Die drei Bleichgesichter mögen ihren Totengesang anstimmen, denn bevor er beendet ist, werden sie in den Händen meiner Krieger sein!«

»Teufel!« flüsterte Bois-rosé. »Die Kerle haben etwas vor.«

»Die Häuptlinge der Wälder singen nicht anders als nur mit ihren Büchsen«, antwortete Dormilón laut. »Die Apatschen kennen diesen Gesang.«

»Er wird nicht mehr ertönen. Die weißen Krieger mögen herüberkommen, ehe wir sie zwingen.«

»Die Herren der Savanne verkehren nicht mit Männern, deren Rücken sie im Kampf gesehen haben. Einer von ihnen gilt mehr als tausend Apatschen. Wollen die roten Männer um Gnade bitten, so mögen sie herüberkommen!«

»Die Zunge des ›zündenden Blitzes‹ ist scharf; der Apatsche wird sie ihm aus dem Maul nehmen mit der Schärfe des Messers.«

»Und die Zunge Schwarzvogels ist wie die des Stinktieres, das sich mit ihr reinigt. Die Häuptlinge der Weißen schließen die Nase, wenn er spricht.«

»Das Messer des Apatschen wird dem ›zündenden Blitz‹ die Nase nehmen, damit er wieder hört, was zu ihm gesprochen wird. Die Hand der roten Krieger ist stark; sie wird ihn zermalmen.«

»Der Apatsche wird im Wigwam seiner Squaw sitzen und den alten Weibern erzählen, daß ihn die Häuptlinge der Savanne verlachen. Der Blitz ist schnell wie der Gedanke und vernichtet alles, was er erfaßt. Niemand vermag ihn zu ergreifen!«

»Der Apatsche wird ihn ergreifen! Ich habe gesprochen!«

»Ah, das ist es!« fuhr jetzt Bois-rosé auf, wobei er stromaufwärts deutete. »Sie wollen unsere Insel verbrennen.«

Der Nebel war jetzt so greifbar, daß man von der Insel aus die Feuer an beiden Ufern nicht mehr sehen konnte. Die Mitte des Stroms lag in tiefem Schatten, in dem sich ein nur kleines Licht erhob, das von Sekunde zu Sekunde größer wurde und sich dem Floß näherte.

»Sie haben einen Brander in den Fluß gelassen und wissen, daß dieser von der Strömung unbedingt an die Insel geführt wird. Die Schufte! Es ist gar kein übler Gedanke, uns durch Feuer ins Wasser und ans Ufer zu treiben!« meinte Pepe.

»Sie haben ihre Berechnung gemacht, ohne etwas von unserem Steuerruder zu wissen.«

»Wieso?« fragte Fabian.

»Sobald der Brander in die Nähe der Insel kommt, wird er diese hell erleuchten. Das ermöglicht den Kerlen, uns mit ihren Bogen und Büchsen so in Schach zu halten, daß wir uns verborgen halten müssen. Das Steuerruder aber ist lang; es wird unser Retter sein.«

»Kannst du es allein handhaben, Bois-rosé?«

»Ja«, antwortete der Kanadier, während er aus dem Saum des unteren Inselendes einige Äste riß, um eine kleine Verschanzung herzurichten.

»So gib deine Büchse! Kommt, Don Fabian, wir werden Gelegenheit bekommen, einige gute Schüsse zu tun. Schießt Ihr nur einmal. Das andere besorge ich dann, während Ihr schnell ladet!«

Sie krochen hinter den Saum und machten sich schußbereit.

Der Brander kam langsam aber sicher näher und näher. Er war aus harzigem Holz hergestellt, dessen lautes Knistern man jetzt deutlich vernehmen konnte. Da er von ziemlichem Umfang war, verursachte er eine Flamme, die beide Ufer trotz des Nebels hell erleuchtete, so daß man die Umrisse der dort stehenden Indianer deutlich erkennen konnte. Sie waren ihres Erfolges so sicher und glaubten die drei Jäger in solcher Verwirrung, Angst und Ratlosigkeit, daß sie an eine Gefahr für sich selbst nicht im geringsten dachten und es für überflüssig hielten, verborgen zu bleiben und auf das Schauspiel zu verzichten, das ihnen die Vernichtung der kleinen, natürlichen Festung bieten sollte.

Bois-rosé lag hinter seinen Ästen, durch die er das Ruder gesteckt hatte, und erwartete den ersten Anprall des Branders mit gespannten Muskeln. Er konnte die Bauart genau betrachten. Zwei aneinander befestigte Baumkronen trugen eine Unterlage von grünem Gras, auf das eine bedeutende Menge dürren, harzigen Holzes aufgeschichtet und in Brand gesteckt worden war. Beim Anstoß an die Insel mußte diese brennende Masse das Gleichgewicht verlieren und auf das Floß fallen, wo soviel dürres Holzzeug vorhanden war, daß sie in wenigen Augenblicken in Flammen aufgehen mußte.

»Jetzt ist es hell genug da drüben. Drauf!« kommandierte Pepe.

Zwei Schüsse krachten.

»Getroffen! Zwei!«

Während Fabian sich auf den Rücken warf, um zu laden, schoß Pepe die dritte Büchse ab.

»Drei!« sagte er kalt, seine Opfer zählend.

Die Indianer zogen sich bei diesem unerwarteten Angriff so weit wie möglich zurück; aber der Brander beleuchtete, verbunden mit der Helle ihrer eigenen Wachtfeuer, selbst den kleinsten Gegenstand so deutlich, daß jeder Gegner noch besser als am hellen Mittag zu erkennen war. Die dunklen Gestalten der Indianer waren selbst durch die Büsche hindurch, hinter denen sie sich verborgen hatten, sichtbar, so daß Fabian nicht schnell genug zu laden vermochte.

»Vier! Schneller, Don Fabian! Wenn ich nur fünf Minuten Zeit erhalte, gehen zwei Dutzend Rothäute drauf. Fünf!«

Jetzt wurde die Insel von einem heftigen Stoß erschüttert. Der Brander war an das Ruder getroffen. Er wankte, hielt sich aber, da der Kanadier wohlweislich etwas nachgegeben hatte, im Gleichgewicht, wurde von dem Jäger mit Hilfe der Stange von der Insel abgehalten, trieb an ihr vorüber und schwamm dann langsam stromabwärts weiter.

Ein Hagel von Pfeilen und Kugeln war, als das Floß in heller Beleuchtung stand, niedergegangen, hatte aber nicht den mindesten Schaden anrichten können.

»Sechs!« zählte Pepe.

Er mußte, während der Brander vorüberging, eine Pause machen, zielte dann aber mit um so größerem Eifer. Fabian erkannte, daß die Helligkeit abnahm. Das kurze Licht mußte benutzt werden; er wandte sich und streckte seine soeben geladene Büchse durch die Schanze.

»Sieben!« rief Pepe frohlockend.

»Acht!« ergänzte der Rastreador.

»Santa Lauretta, jetzt ist es aus! Konnte dieses schöne Licht nicht noch einige Minuten anhalten? Bei meiner Seele, diese Apatschen werden noch nach fünfhundert Jahren an die ›Herren der Savanne‹ denken, die zu dritt eine solche Anzahl tapferer Zinnober- und Ockergesichter in die ewigen Jagdgefilde schickten! Wollen wir dem Brander nach?«

»Nein. Wir müssen warten. Wir können in seine Beleuchtung geraten, wenn wir ihm sofort folgen.«

»Oder«, meinte Fabian, »er kann ans Ufer stoßen, dieses entzünden und so unseren Weg verraten.«

»Das ist wohl kaum zu befürchten. Die Roten würden das Feuer sofort löschen, um nicht selbst in Gefahr zu geraten.«

Diesmal hatten die Wilden nicht ihr gewöhnliches Geheul vernehmen lassen. Ihre Wut hatte jetzt wohl den Grad erreicht, an dem sie schweigsam, aber desto verderblicher wird. Ihre Wachsamkeit verdreifachte sich, als es nun wieder dunkel geworden war.

Wohl über eine Viertelstunde war vergangen, als Bois-rosé sich anschickte, wieder ins Wasser zu gehen.

»Jetzt wird es Zeit. Wir dürfen nicht rudern und kommen also nur mit der geringen Geschwindigkeit der Wasserströmung vorwärts. Wenn wir länger warten, kann es sehr leicht geschehen, daß wir bei Anbruch des Tages noch im Bereich der Wilden sind.«

Er stieg hinab. An den sich um die Insel bildenden Wirbeln konnte man erkennen, wie er arbeitete. Das Floß zitterte. Man fühlte, daß der Riese eine letzte, gewaltige Anstrengung machen mußte. Fabian wurde es einige Augenblicke lang angst bei dem Gedanken, daß Bois-rosé vielleicht mit dem Tode kämpfte –; da ließ sich unter seinen Füßen ein dumpfes Krachen hören, ähnlich dem des Fugenwerks eines Schiffes, das an einem Felsen zerschmettert.

Im selben Augenblick erschien der Kanadier wieder auf der Oberfläche des Wassers, mit triefenden Haaren und flammrotem Gesicht. Mit einem Satz faßte er auf der Insel festen Fuß. Schon begann sie sich langsam um sich selbst zu drehen; dann glitt sie langsam stromabwärts. Eine ungeheure Wurzel, die tief im Bett des Flusses steckte, war von dem Messer und den kräftigen Händen des riesenhaften Mannes, dem die Verzweiflung eine zehnfache Stärke gegeben hatte, zerschnitten und zerbrochen worden.

»Gelobt sei Gott«, rief er; »das war eine fürchterliche Anstrengung! Aber wir fahren!«

»Weg von den ewigen Jagdgründen dieser rothäutigen Schlingel!« ergänzte Pepe, während er ihm half, die Insel mit dem Steuer in die richtige Lage zu bringen.

Das Wasser brach sich an dem Mantel ohne das allergeringste Geräusch; das Floß gehorchte, und so ging es langsam vorwärts.

Blieb man auf der Mitte des Stroms, so war eine Entdeckung kaum zu befürchten, wenn nicht ein unvorhergesehener Zufall eintrat. Die drei Männer verhielten sich so ruhig, daß ringsum die tiefste Stille herrschte. So verging eine ziemliche Weile. Da tauchte vor ihnen ein Licht auf, das immer größer wurde und gerade auf der Mitte des Wassers zu brennen schien.

»Santa Lauretta, was ist das?« erschrak Pepe. »Der Brander kann es doch unmöglich sein!«

Bois-rosé antwortete nicht. Er hielt sein Auge scharf auf das Feuer gerichtet und versuchte dabei mit dem Steuer die Strömung des Flusses zu ertasten.

»Es ist ein Wachtfeuer am Ufer«, entschied er dann.

»Aber es brennt ja in der Mitte des Flusses«, widersprach Fabian.

»Der Fluß macht eine Biegung.«

»So halte dich auf ihr!« drängte Pepe. »Wir treiben ja sonst gerade auf das Ufer und das Feuer zu!«

»Die Strömung ist so stark, daß ich ihr halb folgen muß, wenn ich mir nicht das Steuer zerbrechen oder gar das Floß zerreißen lassen will.«

Das Feuer, das soeben durch den Nebel hindurch ganz schwach erschienen war, vergrößerte sich jetzt zusehends und beleuchtete eine indianische Schildwache, die in ihrer furchtbaren Kriegsbemalung aufrecht und unbeweglich dastand.

Eine lange Bisonmähne bedeckte das Haupt des Indianers, über dem ein Federschmuck hin und her wallte.

Glücklicherweise war der Nebel zu dick, als daß der Apatsche die dunkle Masse der Insel hätte bemerken können, die sanft wie ein Seevogel auf dem Fluß fortschwamm.

Da richtete der Wilde, gleich als habe ihm ein Instinkt gesagt, daß die Kühnheit und Geschicklichkeit der Feinde seine Wachsamkeit täuschen werde, den gesenkten Kopf in die Höhe.

»Sollte der Kerl Verdacht hegen?« murmelte der Kanadier.

»Ach, die Büchse ist zu laut; aber hätte ich Bogen und Pfeil, so würde ich mich sehr beeilen, diesen menschlichen Bison in die andere Welt zu schicken, wo er Wache stehen könnte, solange es ihm beliebte.«

Der Indianer steckte jetzt die Lanze in die Erde, neigte den Körper vor und hielt die beiden Hände über die Augen, um den Blick gegen die Flamme zu schützen.

Das Herz der Flüchtigen schlug beinahe hörbar, und sie wagten kaum noch, Atem zu holen. Wenn der Wilde sie gewahrte, so waren sie verloren.

Der Indianer bot, während er gleich einem reißenden Tier im Hinterhalt lag und sein von den langen Bisonhaaren halb verdecktes Gesicht zeigte, einen furchtbaren, gräßlichen Anblick dar, und ein Mann von gewöhnlichem Mut hätte ihn sicher nicht ohne Beben sehen können.

»Sollte der Teufelskerl uns bemerkt haben?« fragte Pepe.

»Nein. Aber er wird uns bemerken, wenn – ah, Gott sei Dank, jetzt drehen wir uns. Wenn du dir diese Fratze für spätere Zeiten merken willst, Pepe, so sieh sie dir noch einmal an, denn der Nebel wird den Kerl gleich verschwinden lassen.«

Wirklich verschwand das Licht bald genauso schnell, wie es vor ihnen aufgetaucht war, und von jetzt an setzten sie ihre Fahrt fort, ohne etwas Auffälliges zu bemerken.

»Das ist jedenfalls das letzte Lagerfeuer gewesen«, meinte Bois-rosé. »Pepe, zieh dir ein paar tüchtige Äste heraus; jetzt könnt ihr beide unsere Geschwindigkeit durch Rudern mehr als verdoppeln.«

Diesem Gebot wurde Folge geleistet, und das Floß folgte nun den Anstrengungen der drei Männer mit einer Schnelligkeit, die man ihm bei seiner Zusammensetzung gar nicht zugetraut hätte.

Es wurde Tag.

»Jetzt müssen wir landen«, bestimmte der Kanadier, »und dann das Weite zu gewinnen suchen.«

»So lege an, wo es dir beliebt«, antwortete Pepe. »Von dort an folgen wir dann zu Fuß dem Lauf des Wassers, um den Indianern unsere Spuren zu verbergen. Glaubt Ihr, Don Fabian, daß wir noch weit bis zum Goldtal haben?«

»Ihr habt die Sonne hinter den Nebelbergen, die das Tal verdecken, untergehen sehen. Wir können höchstens einige Wegstunden davon entfernt sein, nach der Zeichnung, die mein Pflegevater angefertigt hat.«

Bois-rosé gab, von den anderen unterstützt, dem Floß die Richtung nach dem Ufer, und nach kurzer Zeit stieß es so heftig auf das Land, daß ein großer Riß im Boden entstand. Sie sprangen an das Ufer.

Der Kanadier nahm die Fuchspelzmütze vom Kopf.

»Mein lieber Gott, ich danke dir, daß du mir die Freude machst, die einzigen, die ich auf Erden habe, gerettet zu sehen: meinen Fabian und meinen alten Gefährten in Kampf und Gefahr!«

Bei diesen Worten streckte er den beiden Genannten freudig bewegt die Hände entgegen.

»Santa Lauretta, Alter, du tust recht, Gott zu danken für diese wunderbare Rettung!« antwortete Pepe tief gerührt. »Wir sind noch niemals in einer so argen Klemme gewesen wie heute, und wenn ich das Glück habe, dem Don Schwarzvogel und den Seinen wieder zu begegnen, so werde ich ihnen dafür erkenntlich sein!«

»Jetzt nur fort!« drängte Fabian.

»Halt, mein Kind! Wir haben vorher noch einige Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Wir werden das Floß, das uns so nützlich gewesen ist, in Stücke reißen und dem Strom übergeben, damit die Indianer auch nicht die geringste Spur von ihm vorfinden.«

Durch die Trennung der Wurzel, die das Inselchen auf dem Grund festgehalten hatte, und durch den gewaltigen Stoß, mit dem es auf das Ufer gestoßen war, bereits gelockert, konnte das Floß den vereinigten Anstrengungen der drei Jäger nicht lange standhalten.

Die Baumstämme wurden auseinandergerissen und in den Strom hinausgetrieben, der sie fortführte; die Äste folgten, das Erdreich fiel zu Boden, und in kurzer Zeit war von dem Floß, an dem die Natur so lange Zeit gearbeitet hatte, keine Spur mehr übrig.

Dann ließen es sich die Jäger angelegen sein, ihre Fußspuren zu löschen und jeden niedergetretenen Grashalm wieder aufzurichten.

»So!« entschied Pepe. »Jetzt sind wir endgültig fertig und können gehen. Viel aber gäbe ich darum, die Gesichter dieser Rothäute zu sehen, wenn sie bemerken, daß die Insel verschwunden ist und der ›zündende Blitz‹ sich über alle Berge davongemacht hat!« –


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