Heinrich Federer
Unter südlichen Sonnen und Menschen
Heinrich Federer

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Als er die Augen öffnete, roch er zuerst stickigen Rauch und sah dann ein Feuer, das in der Baumlichtung kraftlos leuchtete, in der Sonne geradezu verglaste. Er selbst lag im Schatten einer Steineiche, neben einer der vielen zerfallenen Eremitenbaracken aus Holz, Stein und Erde. Pferde grasten hinter den Stämmen an der Kühle. Ums Feuer lagerten sechs, sieben Menschen, plauderten gedämpft, aber deutlich, um den Schläfer nicht zu stören, und der Greis merkte sogleich, daß Carletto und Felicita di Franzoni dabei waren. Er fühlte sich behaglich. Es war nicht kalt, nicht heiß und wehte ein kostbares Waldlüftchen. Wohl viele Stunden mochte er geruht haben, aber gerne wollte er noch ein Weilchen so in halber Wachseligkeit liegen bleiben und die Augen wieder schließen. Man sollte nichts merken.

Da hörte er Carletto mit einer rauhen Stimme, die er noch gar nicht kannte, zu Nino sagen, er sei ein harter, gottloser Kerl und denke nur an sich und an seine Rosmarie.

»Ninetta«, verbesserte der Beschuldigte lustig.

›Nein, Erbsenmarie‹, als ob es keine andern Menschen gäbe, und ließe eine alte, arme, fromme Pilgersfrau am Straßenbord verder . . .

Eine greisenhaft hohe, dünne Stimme suchte zu widersprechen. Die Diener lachten. Aber noch rauher herrschte die Stimme, die gestern nur Zuckerzeug leckte, sie an: »Maulaffen, daß ihr da lachen könnt!«

Jetzt wurde Michelangelo aufmerksam, blinzelte zur Gruppe hinaus und sah wahrhaft ein kleines, buckliges Weib in schwarzem Anzug, mit einem gelben, steinalten Wachsgesicht aus dem gespitzelten Kopftuch gucken.

Wahrhaft, es saß beinahe auf Carlettos Schoß, ein feines Fell unter den Füßen, und das Gräflein hielt es im Arm wie gestern sein Frauchen. Aus allem Reden erhellte, daß diese alte, zähe Wallfahrerin einen Fuß verstaucht hatte. Sie war es gewesen, deren Misericordia aus dem nächtlichen Getöse an sein Ohr gebettelt hatte. Michelangelo erkannte diese Stimme deutlich wieder. Carletto hatte dann das leichte Geschöpf wie ein Huhn zu sich aufs Pferd genommen, und wie ein Huhn sträubte es sich auch, aber mußte sich fügen. Kaum glaublich, da war die junge Frau eifersüchtig geworden und forderte, er könne das Weib wohl einem Diener abgeben. Es folgten Bitten, Widerspruch, Tränen, Trotz, bis Carletto schließlich wild vorausritt und schrie: »Auf Wiedersehen bei den Beichtstühlen!« Er meinte, oben im Klösterlein sollten sie beide dann ihre Sünden bekennen und ihnen absagen, vor allem Felicita ihre blöde Eifersucht, dann wäre alles berichtigt. Denn bei Carletto gab es keine langen Geschichten, weder im Bösen, noch im Guten.

Das also war die Kehrseite der Puppenspiele!

Nun aber sah die Frau mordselend aus und wollte, je weiter er ritt, um so heftiger vom Pferde und es wieder zu Fuß probieren. Aber es ging erst recht nicht. Da drängte er in seiner jungen Ritterlichkeit doppelt hitzig weiter, um sie möglichst bald der Sorge des Klosters abzuladen, bis er hier unerwartet auf einen zweiten Fall von Schwäche stieß und nun absaß, dem Greise half, dann auch dem Weib, so gut er es verstand, den Fuß massierte, mit Schnaps und Öl einsalbte und verband, gerade wie Nino mit dem Pferde hantiert hatte. Inzwischen waren die andern nachgeritten, man zündete ein Feuer an, kochte Milch und Polenta, und da die Pilgerin nun schläfrig wurde, hob Carletto sie hoch, wie er vor drei Stunden den alten Buonarotti gefaßt hatte, und trug sie neben den Scheinschläfer. »Da schlafe,« hörte er den Junker gütig lustig befehlen, »schlaf sofort! Hast da einen Kollegen. Stör' ihn nicht. Er ist noch älter als du, aber auch so ein Habenichts.«

Merkwürdig, wie wohl dem Greis dieser Spaß tat.

»Wie alt ist er denn?« fragte die Pilgerin, streckte sich hart neben ihn und zupfte ihr Kleid säuberlich zurecht.

»Einundachtzig.«

»Aber ich dreiundachtzig«, antwortete sie bescheiden.

»Herrgott, und da macht man sich nach Mitternacht auf und will allein auf den Monte Luco.«

»O schöner junger Herr, man ist nie allein.«

Es rispelte und rauschte ein bißchen neben Michelangelo vom Kleide der Alten. Dann ward sie still. ›Man ist nie allein!‹ tönte es durch seinen Sinn, nicht wie Trauer, noch Mißmut und Unlust, nein, wie Liebe, Geschwisterwärme, väterlicher Gottesatem.

Die Leute am Feuer erhoben sich. Im Junker erwachte das Jagdfieber. Er besaß hier Herrenrechte.

»Und ich?« schmollte Felicita.

»Nino soll dich unterhalten. Oder wart', eine Viertelstunde höher liegt die Klause Oliveto. Interessant! Besuch' sie und bete Glück auf meine Flinte!«

Wieder Zank, wieder Tränen, wieder Flüche.

»Das ist eine Wallfahrt, zum Teufel«, tobte Carletto.

»Gar wenn man mit der Flinte betet«, stach sie zurück.

Und je mehr sie so stritten, um so besser gefielen sie dem alten, verschmitzten Horcher. Das war doch immer noch besser als karessieren.

›Nino, der Schuft, hat mich vergessen‹, dachte er, als schließlich Carletto mit dem Burschen und den Dienern im Gehölze verschwand. ›Er hat nun seine Sache, also!‹ – Und er war gar nicht verstimmt. Man ist nie allein.

Felicita ging ärgerlich ums Feuer herum und saß dann weitab an den Ranft hinaus, wo man die weiten Fernen vor sich sah. Es schien Michelangelo zuerst, sie weine vor sich hin. Doch nein, da fing sie ja an leise zu summen und zu trällern wie ein launenhaftes Kind. Zuletzt zog sie ein Büchlein heraus, um daraus Verse nicht zu lesen, nein, fast wie Vesperpsalmen langsam auf und ab zu singen. Sie war doch nicht so übel. Aus dem Trällern wurde sozusagen eine Andacht.

»Mein Meister,« sprach ich, »welchen Weg nun weiter?«
Und er zu mir: »Laß keinen deiner Schritte
Bergabgehn; folge mir nur gipfelwärts,
Bis daß ein Wegeskundiger wird erscheinen.«

›Dante, Purgatorio!‹ staunte der aufhorchende Greis. ›Aus dem vierten Gesang. Die Gute, die Kluge! Nein, nein, ich tat ihr unrecht. In diesem schmalen weißen Köpflein steckt Tieferes.‹ Und leise flüsterte er weiter:

»Hoch war der Berg, von unerschöpftem Ausblick.«

»Schläfst du nicht, Bruder?« lispelte sogleich die Gespanin zur Seite. »Was betest du? . . . Vaterunser, der du bist im Himmel . . .«

Was war denn das? Ist er so schwach oder so geläutert, daß die Rührung ihn nicht mehr losläßt?

›Bruder! Diese Arme. Unbekannte! . . . Und Bruder sagt sie‹ . . . »Geheiligt werde dein Name, zukomme uns dein Reich!« betete er weiter, leise, denn die Singende dort soll sie nicht stören. Hier gibt es mehr als Dante . . . Und er sieht durchs Laub der Eiche den Himmel so hoch und doch so greifbar nahe wie noch nie. Eine ganz weiße Wolke läßt sich nieder wie eine Kirchenfahne. Ihm ist, man könnte sie fassen und sich daran zum Schemel Gottes aufschwingen.

»Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden«, fuhr die Alte fort und bekreuzte sich dabei. »Gib uns heute unser tägliches Brot! . . . Ach, wie gut sind doch die Menschen. Milch kochte er mir und ein goldgelbes Ei . . . das freundliche Herrchen!«

Vom Wegrand her scholl es aus Dante weiter. Vers um Vers aus jenem Finale des Paradiso, wo aus Fragen, Zweifeln und Vertrauen die Gottheit immer lichter hervorschauert.

›Ja, ja, alles, alles zum Ewigen‹, überschwemmte es den Greis. ›Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern . . .‹ Und unglaublich weit weg in allen Fernen und Tiefen lag, was ihm weh getan, und war vergeben und vergessen, vom alten Papst Paul bis zum kleinen Schreiber der Domgesellschaft, bis zum letzten Krämer und Bemäkler. ›Alles, alles ist recht so. Auch ihr hattet wohl recht. Verzeiht auch mir. Ich bin ein hochmütiger Narr gewesen. Ich knurrte und bockte, statt mild zu fragen: Kann es, darf es so sein? Es wäre gut so! – Und ich hätte mein Zeug fein auseinandernehmen und jeden Faden zeigen sollen, statt so wirr und dumpf den Geheimnisvollen zu spielen. Jawohl, der Unmensch war ich. Die andern waren Menschen und bückten sich vor mir und fürchteten mich gar, und der Cervini hat seinen Purpur um meine Knie gelegt, als mich im großen Saal fröstelte . . .‹

»Und führe uns nicht in Versuchung!« flüsterte die Frau unendlich schlicht.

»Der Stein, der Stein! Nein, nichts vom Stein will ich hier oben suchen,« schwor Michelangelo, »keinen neuen Hochmut. Das ist mein Teufel. Freude mit Gott und den Menschen! Bete fertig, gute, liebe Frau!«

»'s ist an dir, Bruder.«

»Sondern erlöse uns von dem Übel«, flehte er.

»Amen.«

O welch ein sicheres, prachtvolles Amen sagte die alte Frau. Wie das saß! So sicher hatte er noch nie einen letzten Hammerschlag an seinen Statuen getan. So sicher klänge vielleicht der letzte Stein auf der Peterskuppel nicht einmal. »Amen, Amen!« wiederholte er.

»Ist dir nun wieder wohl?« fragte die Frau.

»Vogelwohl! Und dir?«

»Mir auch. Nur der Fuß will noch nicht recht tun, Bruder.«

»Das kommt auch noch, gute Frau.«

»Warum Frau? Sag' doch, Schwester!«

»Wie sollte . . . warum . . . freilich, du sagst mir ja auch Bruder . . .«

Das ist doch Christenbrauch, wenn man sich auf der Wallfahrt begegnet. Fratello . . . Sorella!

»So erzähle mir, liebe Schwester, wie du daher kommst.«

»Du hörtest mich nicht im Vorbeireiten«, sagte sie lächelnd.

»Gewiß, ich hörte dich«, gestand Michelangelo schwer. »Misericordia riefst du. Aber mein Begleiter, so ein Schlingel, der nur an sein Mädchen denkt, sagte bestimmt, es sei Schwindel. Ach, und ich schwärmte so für mich hin von toten Steinen und überhörte es doch halb, dein Misericordia, und glaubte, es komme aus einem Traum, und ritt weiter. Das war schlecht von mir . . .«

»Von Steinen?« Sie mußte lachen mit dem ganzen zahnlosen Mund. O wie glich sie jetzt einem unschuldigen Kinde!

»Ja, von Steinen«, wiederholte er voll Schwermut. »Und darob vergaß ich, daß ein Mensch schreie. So schlimm steht es.«

»Der Wind ging ja, Alterchen, und die Bäume lärmten so stark. Und man sah seine eigene Hand nicht. Nein, das ist nicht schlimm. Und außerdem bin ich doch nie allein.«

Er fühlte ihre vertrocknete, lederne Hand auf der seinigen liebkosend tasten.

»Man ist nie allein, Bruder. Und sieh, da kam er ja auch bald und hob mich auf, ich weiß selbst nicht wie, und trug mich bis hierher. Aber ich frage, ist das noch Wallfahrt? Er lachte und sagte: ›Und die Engel fliegen, ist das noch Dienst?‹ Was wollen wir? Alt und dumm sind wir gegen ein solches Herrchen. Er ist nobel . . . und gut, wie gut! Denk' doch, so eine gemeine, bittere Alte . . .«, sie kicherte leise . . . »auf die Arme nehmen, wo er so einen hübschen Schatz bei sich hat, denk' mal das!« – Sie bekreuzte sich wieder.

Michelangelo zog vor, zu schweigen.

»Und das schöne Hexlein wurde bös und macht' ihm Geschichten, ah. Mir ward entsetzlich dabei. Sie hat recht. Soll ich denn reiten, so ist jeder Diener genug. Die Kleine weinte sogar und riß sich im Haar. Aber erst recht packt er mich fest und saust davon wie eine Schwalbe. Mir ward ganz übel und doch so sicher, als läge ich in Herrgotts Arm.«

Michelangelo schwieg.

. . . Und am Feuer haben sie erzählt, als der Herr ein bißchen schlief, daß er einfach niemand könne leiden sehen, daß er noch dem Teufel – fast kann man's nicht sagen – aus dem Schwefelbrand hülfe. Ein wenig plagen, ja, das tue er gern und ziemlich fest. Aber nur er, andere dürfen nicht! Du liebe Zeit und Ewigkeit, was man nicht erlebt! Was sagst du dazu?«

Dem Michelangelo schwindelte es von allen Erkenntnissen, wie sie in dieser gesegneten Stunde über ihn herfielen. Er bekam es schwer genug, sich darin notdürftig zu erhalten. Da er schwieg, bekreuzte sie sich im Glauben, er wolle lieber beten. »Noch ein Paternoster zusammen, Alterchen!«

Das geschah. Wieder ein Amen, als würde das letzte Wort zur Seligkeit gesprochen.

»Wer bist du eigentlich, liebe Schwester?«

»Wollenspinnerin, nichts sonst, überflüssig, eine Last daheim. Schon lange seh' ich den Faden nicht mehr. Trag' nur noch schwarze Wolle herum für Strümpf' und Röck', bettle ein wenig, übernachte in den Ställen und Gaden und sitz' am Tag bei der Hitze viele Stunden in den Kapellen. Hab's gut. Niemand tut mir Leides. Sie lachen alle, wenn ich komme, und schreien: ›Peppino, hol' einen Batzen, die alte Hexe Marta ist da.‹ Hexe sagen sie zum Spaß und streicheln mich. Und die Kinder, o die süßen Kinder sagen: ›Liebe Hexe Großmutter‹ und überküssen mich. Denkt! O ich hab's schön. Und du? Du bist wohl so ein Heimatloser. Komm mit mir. Ich teil' gern mit dir. Immer hab' ich zuviel . . .«

»Könnt' ich nur! . . . Kinder küssen . . .«

»Warum kannst du nicht? Wüßtest du, wie schön es ist, bei den Schafen zu schlafen. Kein Bett gibt so warm. Beim Erwachen hast du gleich frische Milch. Und dann wandert man eben und betet und grüßt die Leut' und verkauft und bettelt, wenn 's nicht reicht. Aber dann, am Mittag, wenn die Sonne dir geradezu in den Kopf sticht, da säßest du wahrlich gut neben mir im Kirchlein. Kein Mensch ist da, es gehört alles uns. Und was würdest du erst Augen machen in der Kapelle von San Lorenzo! Da schaut dich das Bild an, o, wie es schaut. Der Heiland, große, große Augen . . . und den Finger streckt er gegen dich. Komm du bald! So etwa. Da kann man hundert Vaterunser nacheinander beten und wird nicht müd' . . . Aber wir klatschen wie Spatzen, statt zu beten wie Pilgersleut'. Ein Vaterunser, Bruder!«

Und wieder begann sie leise, singend, glücklich. Es war, als entsende sie mit jedem Wort eine Lerche gen Himmel.

Diesmal betete der Greis minder andächtig. Er mußte an das Christusbild in San Lorenzo denken. Gut kannte er den Grobian, der in der hiesigen Gegend alle Wände übermalt hatte, ohne einen ganzen Knochen und Muskel zu kennen. Das waren Hälse und Hände und Beine von Holz; darinnen floß kein Leben.

»Große Augen?« fragte er. »Wie das?«

»Der Christus dort? So komm doch mit, ich zeig' dir alles. Und der Finger so . . . schau', so: Komm bald zu mir! Auch der Graf hat das Bild gerühmt. Ich sagt' ihm davon. O, er kenne es gut. In Rom habe ein Michel, ein gescheiter, großer Michel, auch einen Christus gemalt oder zwei oder drei . . . ich weiß's schon nicht mehr. Davor könne niemand beten. Aber hier könnte sogar er einen ganzen Rosenkranz lang ruhig knien, obwohl ihm sonst schon bei fünf Ave-Maria so unwohl sei, als kröchen ihm Ameisen die Beine herauf . . . Ach, da spaßte er nur, denn . . .«

Der Greis hörte nicht weiter. Wieder ward er nicht zornig, sondern eine wohlige Ergebenheit leuchtete vom Gesicht den Bart hinunter. ›Es wird auch das wahr sein. Jener rohe Pinsler hat eben doch das Rechte gefunden, das einfältige Reden zwischen Himmel und Erde. Ich will zu diesen Augen und zu diesem Finger pilgern. Da gibt es zu lernen. Das Gräflein ist boshaft, aber es hat wahr gesprochen. Vor meinem Weltrichter in der Sistina, vor meiner Madonna zu Florenz und vor dem Marmorchristus mit dem Kreuz kann ich selbst nicht einmal beten. Wie kommt nun das? Da müssen wohl Meißel und Pinsel sich verirrt haben.‹

Und er studiert und grübelt und wähnt, am Ende habe er wohl nicht den Erlöser, sondern die Unerlöstheit gesucht. ›Ja, darin sind meine Künste groß, da gefallen sie, da geben sie gewaltige Seufzer und drücken . . . wie, wie Stein. Den Stein hab' ich angebetet, und der Stein hat mich besiegt.‹

Solches war ihm schon oft halb wie Frage, halb wie Reue in den Sinn gekommen. Aber dann, wenn die einen so stürmisch lobten und die andern, oft die besten, so schwierig bekrittelten, wischte er diese Reue aus und verbiß sich noch tiefer in den Stein.

Nun erst merkte er, daß die Alte immer noch von Carletto sprach. Sobald er auf ihr singendes Erzählen hörte, ward er wieder ruhig und ergeben. Es wirkte wie Musik. Dazu das leise Laubgeflüster im Baum und die große Einsamkeit.

Sie kramte genau aus, wie der Graf sie gut verband, ans Feuer trug, Milch einlöffelte. Aber freilich habe er das Pferd wild gespornt und sogar einem Knecht mit der Peitsche übers Gesicht gehauen, als er, weiß Gott warum, lachte, und seinem bleichen Frauchen habe er kein mildes Wort gegönnt. »O er ist noch jung, noch heftig wie neuer Wein . . . noch . . .«

Wie brach die Greisin plötzlich ab, wie schossen die beiden auf! Über ihnen klang es fein, aber fest: »Nein er hat nicht gespornt und nicht gepeitscht, gute Frau. Er schlägt nie, wenn es nicht nötig ist. Das weiß ich am besten. Und er war gut mit mir und geduldig . . . Erzählet nicht solches Zeug dem Manne da!«

Wie auf den Mund geschlagen, verstummte die Frau. Aber ihr gutes Lächeln redete gütig weiter.

Felicita war aufmerksam geworden, herzugeschlichen, hatte alles vernommen, das Beten und Plaudern, war dann neben ihnen ins Knie gesunken, hatte wahr und unwahr protestiert, aber selig protestiert, und jetzt umarmte sie diese verrunzelte, lederne Marta, küßte ihre blaue Lippe, ihre Hände, streichelte sie und bat beide: »Verzeiht mir, ich bin noch so unreif, so dumm.«

»Wer ist denn reif?« erwiderte der Meister verlegen.

»Nein, Freund, Ihr hattet recht, mich gestern abzuschütteln, so eine blöde . . . Aber jetzt, wie anders lieb' ich Carletto, viel besser, glaubt mir! Aber ach, es war schon vielmal so. Nachher fall' ich ins alte Übel zurück, ich Tropf . . .«

»Und erlöse uns von dem Übel, Amen«, flehte, nein frohlockte die alte Frau und wurde immer lachlustiger.

»Lacht mich nicht aus, bitte, tut es nicht«, rief die junge Frau, und alles ward Licht in ihrem verschämten, aber so reinen Gesichtlein. »Oder ja, lacht nur, straft mich, daß ich gescheiter werde! Da, Meister Michelangelo, haben wir einen echten Menschen gefunden«, fügte sie leiser hinzu und grüßte immerfort mit feuchten Blicken zum alten Weib hinunter.

»Und schier gar eine Heilige«, antwortete er.

»O, o«, protestierte die Alte und drohte mit dem Finger. »Geklatscht hab' ich wie am Waschtrog, statt zu beten.« Und wieder begann sie leis, innig, mit lerchenentschwebenden Lippen ihr Vaterunser. Ein Schneeglöcklein oder ein wöchiges Kind sah nicht unschuldiger aus als diese braune, auf der Erde kauernde und fast in die Erde verbröckelnde Frau mit dem Himmelsatem.

›Was für feine Menschen gibt es noch‹, dachte Michelangelo, als er und Felicita die hinkende Greisin zum Feuer führten. »Sind nicht alle eher gut als schlecht? Eher lieb als bös'? Und nicht erst hier oben in der reinern Luft, auch unten auf der Straße, auch zu Rom. Man muß nur auch selbst gut sein, nicht ein Gesicht wie Stein machen, sonst verstecken sie ihr Gutes. Was taten sie mir nur diesen heutigen Tag Gutes! Der Nino trug mich vom Pferde . . .‹

»Nein, Meister, Carletto hat Euch dahergebettet. Er sagte, ich mach's feiner als du . . .«

»Ah, darum, ich spürte den Ring. Dennoch, auch Nino ist gut. Er soll seine Nina haben, der brave Bursche. Und erst Ihr, ich tat Euch gestern unrecht, Frau Felicita, ich grollte Euch, weil ich so kurzsichtig und kurzherzig war und ich das Gekose nicht aushielt. Nun seh' ich klarer. Ihr seid herrlich, Ihr liebt recht, Ihr sucht nicht Steine, Ihr sucht das Warme, das Herzliche . . . Aber seht, ich Alter bin in meinem Handwerk fast versteinert und bin häßlich dazu und kann nicht gesellig schwatzen, und das Lachen kostet mich fast eine Lüge . . . Und so werd' ich hart, und es braucht Schläge wie heute, bis ich ein bißchen menschlich auftaue.«

»Sagt was Ihr wollt, aber gestern, ich weiß, ich weiß, das war zu arg«, klagte sie sich an. »Ihr aber macht Euch immer schlimmer, als Ihr seid. Ihr tut nur so grimmig, aber alle sagen, insgeheim seid Ihr der zarteste Mensch.«

›Insgeheim!‹ verspottete sich der alte Buonarotti. »Was heißt das? Null! Was hülf' uns die Sonne, wenn sie uns nur insgeheim leuchten und wärmen sollte, so daß niemand etwas merkt? An den Tag hinaus muß das Gute, das Böse tut es ohnehin laut genug . . .« Er knurrte schon wieder ein bißchen.

»Nein,« flüsterte die Alte und stupfte den Gespanen, »nein, nicht laut, nicht zum Zeigen, nicht, nicht! Wenn's der Herrgott weiß, wer braucht's dann noch zu wissen, sag', Bruder?«

Aber Michelangelo schüttelte den Bart und hätte noch stärker gemurrt, wenn nicht Stimmen hinter den Bäumen und das Rascheln des dürren Laubes unter vielen Stiefeln laut geworden wäre.

»O er kommt«, sagte Felicita und fuhr zusammen. Aber dann biß sie den Mund fest zusammen, schüttelte den Greis am Ellbogen und befahl; »Jetzt also zeig' offen, daß du gut bist, Meister! Hilf mir! Carletto ist seit gestern sehr böse, er verachtet mich, er . . .«

»Aber er küßt dich doch sieben mal sieben mal, Kind Gottes. Du träumst.«

»Eben das, gerade das! Er schimpft, ich spiele Puppe mit ihm, ich mach' ihn zum Weib. Gestern war er müd', und da nutzt' ich's und ward wieder so ein schwaches Ding und machte auch ihn schwach. Aber nachher schämt er sich jedesmal und flieht mich und gibt mir Blicke, o Blicke . . . Und nun tat ich heut noch so dumm, so häßlich dumm, Meister . . . Nein, er mag mich nicht mehr. Er kann so ein Geschöpf nicht lieben, er . . .« sie begann zu weinen, »er, so stark, so lustig, so ein . . . er sagt es selbst, so ein Hengst . . . ach, und ich so eine Schoßkatze . . .« Und wieder rieselte es über ihr blasses Mädchengesicht, das so gar keine Frau verriet.

»Was soll ich dann tun, ich linkischer Kauz?« fragte Michelangelo ernstlich verwirrt, und ungeschickt setzte er hinzu: »Euer Gemahl ist doch auch nicht so ein Engel . . .«

»Halt!« wehrte das Frauchen, und jetzt kam wirklich etwas Frauenhaftes voll thronender Würde über sie. Ihre Augen blitzten.

»Könnt Ihr behaupten,« fuhr Michelangelo mit junggesellenhafter Taktlosigkeit fort, »daß Carletto treu ist . . . heißt das . . . ich meine . . .« suchte er, ob dem harten Wort selbst erschreckt, zu mildern . . . »nicht untreu, aber doch ein wenig flatterhaft . . . Maikäfer, nicht?« . . . Er verwickelte sich immer übler ins Zeug, je bleicher und strenger er die eben noch als Mädchen dasitzende Donna erblickte, wollte einige Nein hinzuschmeicheln und verstärkte nur das Ja. »Ja, ja, das ist er doch, ein bißchen Schürzenjäger, eine honigschleckende Hummel von Lippe hier und Lippe dort. Das ist ja vielleicht so harmlos wie Euer Fehler, daß er vor jedem hübschen Rock galant wird,« stotterte der Greis verzweifelt weiter . . . »daß er zum Beispiel Ninos Nina am Hochzeitstag noch küssen will, . . . daß die Bauernmädchen seiner Gegend von der Mutter in die Küchenecke gejagt werden, wenn er in der Nähe reitet . . . daß . . .«

Jetzt blühte das ergebene Schneeglöcklein zu einer zornigen Blutrose auf, und sie wollte mit bittern Dornen stechen. Aber Frau Marta legte ihre grabeskühle Hand auf das niedliche Fäustchen und lispelte heiter: »Bleib gut, lieber Engel, bleib gut!« – Und sofort unerklärlich wohlig abgekühlt sank die Purpurblume wieder ins reine, schlichte Schneeglöcklein zurück. Und dieses weiße Geschöpflein läutete wild: »Michelangelo Buonarotti, ja das ist ein Fehler; aber nicht Carlettos, das ist mein Fehler ganz allein.«

»Bravissimo!« flüsterte die Alte glücklich, und ihre Lippen beteten unbewußt weiter.

»Jawohl, du alter Mann, der du Himmel und Hölle, Gottvater und Adam und Eva geschaut und gemalt hast . . .«

»Was, er kann malen?« fragte mit biederer Ungläubigkeit die Pilgerin. »Der da, ein Maler?« Sie schüttelte den Kopf barmherzig. »Ich glaub's ja . . . wenn schon . . .«

Aber Felicita fuhr unbeirrt fort: »Der du Adam und Eva am Apfelbaum so herrlich gemalt hast, weißt du so wenig, wer zuerst gesündigt hat?«

Der Meister beugte das Haupt.

»Damals wußtest du's. Tu jetzt nicht so unwissend! Und schau', noch eines: Wenn Eva dem Adam nicht genug gibt, so geht er im Hunger und Durst zu andern Even, er muß genug haben. Verstanden?«

Die alte Pilgerin Marta rümpfte ihr verrunzeltes Gesicht noch mehr, aber sagte dann heiter: »Das versteh' ich nicht.«

»Aber du, Meister, verstehst mich. Ich bin eine Gaukelkatze, will streicheln und an der Wange kleben und gebe nur Zuckerzeug . . . still, nur still, das brummtest du gestern abend, ich hört' es wohl . . . und dann schmoll' und groll' ich, wenn der Adam sagt: ›Gib mir Besseres, gib mir Brot, Milch, Suppe, gib mir Ruh' und Frieden und Schwung.‹ Und ich gab wieder nur Zucker. Da lief er eben weg und holt' es, wo es wuchs. Er sollte nicht, . . . schon, schon recht! Aber wenn du wüßtest, wie ich ihn geplagt habe, und wie es ihm verleiden mußte! Nein, das soll nun eine Wallfahrt zum Guten sein. Nun will ich anders, ganz, ganz anders werden . . . Und Ihr sollt mir nun gar nicht helfen. Schlecht geriete es Euch. Ich allein mach' es fertig. Eine rechte Frau soll für hundert Fräulein gut sein . . .«

»O seht, da ist er, jetzt schaut, wie er groß ist und schön!« überrannten sich ihre Lippen. »Und er hat etwas Großes geschossen. Wie kann er anders? . . . Ei, seht doch, gelb, so gelb . . . meiner Seel', einen Luchs, so eine böse Bestie!«

»Gott segne dich, Herr«, grüßte die Pilgerin schon von weitem.

Aber Felicita huschte dem Gemahl gebückt entgegen, und es schien geradezu, als wollte sie vor seinen Füßen demütig in die Erde verhuschen.

Er aber groß, schlank, mit dem langen Gesicht, der langen Nase, den langen dunkeln Schlitzen der Augen und das Haar wie ein schwarzes Gewölk emporgeballt, Carletto di Franzoni sah sie trocken an, hielt sie dann mit der Hand eine Armspanne von sich ab und schritt vornehm seinem Trüppchen voraus, um Michelangelo zu grüßen. Da verlor Felicita allen Mut, schlich hinter ihm und saß, als alles im Umkreis niederkauerte, wie ein fahler Schatten neben ihm. Nino aber, von der Jagd erregt, legte sich neben den Ohm und schnaufte wie ein abgehetzter Hund, zerbiß ein Eichenblatt ums andere und wollte um jeden Preis, daß der Meister die herrliche Katze abzeichne.

»Danach kannst du auch Löwen hauen«, meinte er.

Doch der Greis war in einer andern Welt. Wie noch nie hatte er heute ins Fühlen und Begehren der lieben gewöhnlichen Menschheit hineingesehen. Diese Wünsche und Hoffnungen, dieses Zanken, Schmollen, Suchen, Trotzen, diese Eifersucht, dieses Schwärmen und Puppenspiel und gleich wieder Sich-Sehnen und Recken nach Besserem, so schmerzlich süßes Plagen, so Stolz- und Demütigsein, wie eben jetzt die Felicita dem Verehrten ans Knie sinken wollte, ah, wie das rieselte und rauschte, brannte und kühlte, vor allem, wie das wahr war, wie ungekünstelt, wie schwillt einem das Blut im Leibe von diesem echten Dürsten und Trinkenwollen des Lebens! Das lebt wie Gras, glitzert wie Sterne, braust wie das Meer, das ist Leben, nicht Stein.

Diese Pferde, die so mutwillig stampften, die Knechte mit Hopp und He, dieser Nino, der die Zukunft im Hosensack trägt, dieser prächtige Franzoni, der so hart und so weich sein kann, dieser bleiche Schmetterling, der nur von seinem Atem lebt, o, und diese Nachbarin, so eine köstliche Bettlerin, Franzens, des heiligen Habenichts Schwester, was war die für ein Mensch! So was hatte er noch nicht gekannt. In keiner seiner Figuren lebte etwas so Großes, Weises, Heiliges. Seine Madonnen sind dagegen Barbarinnen.

Wie das quillt von Leben, sogar auf diesem abgelegenen Einsiedlerberg. Und er sah nichts und wurde achtzig. Und hätt' es in jedem Nebengäßlein zu Rom oder Florenz ebenso frisch vom Ast haben können. Dafür hat er Stein gewollt!

Aber jetzt wird ihm warm. Er bekommt Aufgaben wie sein Lebtag noch nie. O wie gerne will er mit der letzten Kraft noch an diese neue lebendige Bildhauerei gehen, den Vater Ninos geduldig meißeln, bis er sagt: Ja, Knab', nimm die Nina, so arm sie ist, und sei glücklich! – und den Carletto hier mit soliden Schlägen in ein ruhigeres, genügsameres Gehaben hämmern, enger an sein Weib gelehnt, den Rücken gegen fremde Lockungen gekehrt. So, ja so muß man meißeln. Das erst gibt Unsterblichkeit.

Mit greisenhaftem Eifer wandte er sich an den einsilbigen Junker und sagte: »Graf, ich verfilzter, verholzter Junggeselle muß Euch eine Predigt über die schöne, warme Ehe halten. Denn unrecht tut ihr . . .«

Erschreckt sah Felicita zu ihm, Carletto aber streckte sich steif in die Höhe. Eiskälte überzog sein Gesicht. Er wies mit der Hand ab. Er wollte solches nicht hören.

»Seid nicht ein Trotzkopf, wie ich leider einer wurde, seid . . .«

»Nicht so, nicht so!« beschwor mit bittender Stimme die Pilgerin und fuhr laut fort: »Ach, liebe Leute, 's wird schon alles recht. Pfusche nicht hinein, Bruder Michel! Der junge Herr dort ist der allerbeste Mensch!«

»Das ist er!« rief noch lauter Felicita.

Das lange Gesicht des Junkers rötete sich. Auf solchen Krieg war er nicht gerüstet.

»'s braucht alles Zeit, sogar unser Herrgott«, fuhr die Alte fort. »Er wird mit der Felicita schon noch glücklich. Warum hätte sie sonst diesen Namen?«

Wieder Stille. Michelangelo horchte wie ein Schüler auf, der sehr schlecht aufgesagt hat und nun das gleiche von einem Meisterschüler tausendmal besser aufsagen hört.

»Darüber gibt es nichts mehr zu reden, das ist so! Nicht wahr?« – Sie lächelte ringsum alle an und nickte tausend Ja, und alle nickten mehr oder weniger mit. Man konnte nicht anders. Diese Alte war wirklich eine Hexe und verhexte alle.

Sie richtete sich höher und sprach: »Ich will euch, bis ihr aufbrecht, die Legende vom heiligen Isaak erzählen. Die weiß ich auswendig und inwendig wie das Paternoster. O, sie ist wärmer als die Sonne und nährt besser als Milch und Brot. Höret auch, wenn ihr's schon wißt. Mit diesem Geschichtlein dank' ich Euch, Herr, junger Graf« – sie verneigte sich vor Carletto, »und Euch, lustiger Rotbackenmann« – und sie nickte zu Nino – »und Euch, schöne, zarte, weiße Frau, und allen, allen. Dann Addio!« – Sie drückte Michelangelo verständnisvoll die Hand und bedeutete damit: ›Nachher, nicht wahr, gehen wir zwei allein unseres Weges.‹

Mit der Neugier und Grazie, die das hiesige Volk für altersgraue Berichte bezeigt, rückten die Leutchen rasch zusammen, blickten der Greisin erwartungsvoll auf die dürre Lippe und die große Zahnlücke, als ob dahinter Frühling wäre, und sahen auch mit den klaren, behenden Augen der Bergler-Rasse, sowie das Wort herausfloß, es als Ereignis mit Fleisch und Bein vor der Nase herumgehen.

Die Pilgrin Marta schloß die Augen und begann wie aus einem vertrauten Buche:

Isaak der Stotterer

*

»Der Jüngling Isaak war ein Morgenländer und hatte als Advokat ein Haus voll Geld und eine Stadt voll Freunde gewonnen. Denn er konnte reden wie Feuer und Schnee, daß einem heiß und kalt wurde und man sich sogleich ergab.

»Da wurde er frech und dachte an nichts, das höher als sein Witz wäre. Und es wurde ihm langweilig. weil alle andern Menschen viel dümmer waren. ›Wenn sie doch so große Spitzbuben wären wie ich‹, seufzte er. ›Ach, wie muß es der sogenannte Herrgott langweilig haben‹ – denkt, so arg redete er,« sagte die Pilgerin und bekreuzte sich sogleich – »weil er keinen gleichen Herrgott zur Kurzweil hat.«

Michelangelo klopfte sich leise an die Brust: »Mea culpa«.

»Da begab es sich, daß gerade mitten in einer seiner schönsten Reden vor Gericht ein Erdbeben losbrach. Das war dort nichts Neues, noch weniger als bei uns. Aber diesmal krachte es besonders grausam. Das Gerichtshaus bewegte sich wie ein Baum im Wind, und es regnete Balken und Quadern wie Laub herunter. Alles floh wie Vögel davon. Isaak wurde auf der Schwelle in einen Spalt zwischen Getrümmer geklemmt. Da steckte er lebendig wie in einem Sarg, und er sah, wie eine ungeheure Säule leise knirschte und sich langsam gegen ihn neigte, immer mehr und immer mehr, und ihn in Zeit eines Ave-Maria verschütten würde.

»Er wollte schreien, beten, sich losmachen, nichts von alledem vermochte er, rein nichts. Er war steif und festgenagelt wie ein Brett.

»So mußte er zusehen, wie die Säule, so groß wie ein Turm, sich immer tiefer gegen ihn bog. Er konnte nicht mehr atmen, es wurde ihm schwarz vor den Sinnen, er schließt die Augen. Da kracht es, als zerbräche die Himmelsdecke, die Erde wirft sich hochauf, Isaak wird wie ein Federflaum aus dem Graben gewirbelt, aber die Säule liegt vier Schritte von ihm in hundert Scherben.«

»Ah, eh, oha«, tönt es erleichtert ringsum von den Zuhörern.

»So sagt die Legende. Jedes Wort ist so wahr wie ein Stern. Aber die ganze Geschichte ist viel schöner als der ganze Sternenhimmel. Höret nur: Das Volk jener Stadt wurde sogleich munter und schüttelte den Schrecken von sich. Und als Isaak dahersprang, gesund und voll Atem, da hob es ihn auf die Schultern und trug ihn wie einen Götzen auf ein Stück Marmor . . .«

»Diese verfluchten Steine!« brummte Michelangelo in den Bart.

». . . und sagte: ›Ein Spaß, baff! und schon ist's vorbei. Nun rede fertig, Mächtiger! Vollende, du Herrlicher!‹

»Dem Isaak schwindelte noch ein bißchen. Aber da lebte und lachte ja alles und war wie vorher. Dieser Übermut tat ihm wohl. Er fraß wie ein Wolf davon, lachte mit, besann sich dann, wo er beim Erdbeben steckengeblieben war, winkte, öffnete die schwungvolle Lippe und . . . und . . . was meint ihr . . .«

»Stotterte! . . .« überholten einige Zuhörer die Erzählerin.

»Stotterte wie ein Kindlein ohne Zähne. Kein Wort kam glatt heraus. Fetzen, Fetzen. Mä . . . mä . . . nun . . . Männer, Da . . . da . . . da . . . men . . . Damen . . . und so weiter.«

›Gestottert hab' auch ich‹, dachte Michelangelo, ›gestottert mein Leben lang im Stein. Brocken hier, Brocken dort, nur Silbenzeug, keinen lebendigen Satz . . .‹ Und er klopfte zum zweitenmal an die Brust: › Mea culpa!

»O mach' doch nicht ein so bitteres Gesicht, Bruder«, bat die Erzählerin, da sie das Brustklopfen gehört hatte. »Es kommt ja alles hübsch ins Glied und End', wartet nur!« – Und sie schloß die Augen wieder und fuhr fort: »Alles stutzte, erschrak, glotzte den Stammler an und mußte zuletzt, da es ihn so wunderlich den Mund aufreißen, keuchen, husten und Mä . . . mä . . . mä oder Da . . . da . . . da herausbringen sah, ja wahrhaft, mußte ihm zuletzt hell ins Gesicht lachen.«

»Mä . . . mä . . . mä . . .« hörte man den Nino lustig und fast wie ein blökendes Schaf nachahmen. Ein tiefes, brummelndes Lachen rollte leise wie eine silberne Kugel im Ring der Horcher herum. Nur Michelangelo lachte nicht. Aber Felicita, alles Frühere vergessend, kicherte am längsten und süßesten, bis Carletto sich zu ihr niederbog und ihr freundlich seine schmale Herrenhand auf den Mund legte. Und er hätte nicht gezürnt, o nein, er hätte es gerne gehabt, wenn das Frauchen wie schon oft einen Kuß auf diese Hand gedrückt hätte. Aber sogleich ward sie ernst und schob ebenso freundlich die Hand des Gatten auf sein Knie hinunter.

»Aber«, fuhr die greise Marta fort, »dem schönen jungen Manne stand das Haar zu Berg. Wegen des Stotterns zuerst. Das war doch fürchterlich. Das traf ihn ins Mark. Mit dem Redner war es aus.

»Doch zum zweiten und dies viel heftiger: Wegen des Volkes, wegen dieser tausend Gesichter, die lachen, spotten, schier übergehen vor Spaß. Und eben trugen sie ihn noch auf den Achseln und riefen ihm: ›Herrlicher!‹ – Er wird zornig, seine Augen regnen Feuer, seine Hände zeichnen Wunderliches in die Luft. Aber er stottert immer gräßlicher . . . ›Verrückt geworden! . . . kindisch! . . . ins Narrenhaus!‹ . . . hört man schreien. ›Am Ende steckt er uns noch an! . . .‹ Man läßt ihn stehen, kehrt ihm den Rücken, rennt davon.

»Und so steht er noch lange wie ein Stein auf dem Stein. Er steht, bis es dunkel wird. In der Nacht flieht er. Zwölf Kamele tragen sein Gold und seine Kränze hinter ihm.

»Vielleicht macht ihn Gott wieder gesund. Ja, endlich denkt er an Gott. Dann wird er zurückkehren und diese falschen Menschen mit einer Blitz- und Donnerrede stottern machen, ha!

»Er pilgert nach Jerusalem, teilt Gold nach allen Seiten aus. Aber da sieht er nichts als Streit. Bis ans Grab unseres Herrn zanken die Christen und sudeln Blut und Geifer zu Gottes Füßen hin, wie schrecklich! . . .«

Man hört jetzt mitten im Lauschen der sechs Personen einen Hieb. »Sieh nur, Nino hat dem Luchs eins über die Lefzen gehauen. Der Tolpatsch!«

Aber die alte Marta fährt auswendig aus ihrem Buche fort:

»Da erfaßt ihn eine Sehnsucht wie noch nie. Wo denn der Herrgott und Herrgottsfriede sei? Er merkt jetzt, daß das nicht der gröbere Fehler an ihm ist, das Stottern. O nein, daß auch seine Seele schon lange gestottert hat, ja, nicht einmal gestottert, sondern stumm lag wie ein Stein . . .«

»Stein, Stein!« seufzte jemand leise.

»Und er dachte, alle Menschen sind schlecht. Ich muß von den Menschen weg. So find' ich Gott und seine Ruhe.

»Doch versucht' er's noch im stillern Bethlehem. Aber auch da bis zur Krippe des santissimo Bambino Schmutz und Zwist. Abendländer, Griechen, Araber, alle verdrecken das Heilige mit Zank und Dünkel. Aber in der Grotte, wo San Geronimo gelebt hat, erzählt ihm ein Klausner, wie jener Heilige der gescheiteste Kopf der Welt gewesen, ein Redner wie ein Schwert, ein Schreiber wie ein Held, aber ohne Frieden, bis er sich da in derselben Höhle wie ein Wurm verkrochen habe.

»›Das ist's,‹ sagte sich Isaak. Und er verteilte alles, entließ die Diener und zog in die Ferne, wo ihn, den Weltbekannten, niemand kenne. So fuhr er übers Meer und hörte nicht auf zu wandern und zu klettern, bis das verschneite Gebirge dort hinten ihm alle Aussicht gen Morgen versperrte. Hier war der Berg noch wild und dornig. Das gefiel ihm. Er baute sich eine Klause zu unterst. Still war es ringsum. In Wind und Wasser redete der Herrgott mit ihm. Und Isaak lernte beten, fasten und Himmlisches denken. Keine Lippe öffnete er, tat wie stumm. Er war fromm, aber noch lange nicht heilig. Er hätte ruhig stottern sollen. Was Gott an uns tut, ist keine Schande.

»Aber die Bewohner wurden aufmerksam und begannen den strengen Büßer zu verehren. Mit Zeichen und Mienen bat er, sie möchten in allen Dingen hinauf, nicht hinabschauen. Bald gab es welche aus Spoleto, – das war noch ein kleines Dorf mit Ringmauern –, die auch zu klausnern anfingen. Da und dort entstand eine Eremitenhütte und ein braves Leben blühte am Fuße des Berges.« –

Hier hielt die Legendensagerin inne. Ihre Zunge ward trocken. Felicita reichte ihr im eigenen Silberbecherchen Wein. Marta schluckte, nickte dankbar, lächelte, als sie merkte, wie Carletto seinem Weib näher rückte und dieses um ebensoviel ferner rutschte und dachte: ›O du liebe Unruhe!‹ Dann schloß sie heiter die alten Lider und fabelte auswendig und selig fort: »So ward es nun aber dem Isaak zu unruhig. Auch kitzelte ihn die Eitelkeit, daß er sein Stottern verrate. Den stummen Heiligen pries ihn ja das Tal. Den Stummen, das ließ er sich nicht ungern nachsagen; den Heiligen, das bedrückte ihn doch. Und so zog er nachts aus und klomm höher in die Wildnis hinauf. Und er fühlte sich von Stund' an glücklicher, und die Paternoster flogen ihm wie leichte Goldwölklein vom Munde.«

»Was aß und trank er dann?« unterbrach Nino voll grober Weltlichkeit den Fluß der Legende.

Grimmig blickte Michelangelo auf den Schnöden. Aber Frau Marta lächelte: »Wasser hat er getrunken und Brombeeren gegessen für den Durst. Aber für den Hunger aß er Süßwurz und Pilze und Sauerklee, und sicher hat er auch Mais und etwas Milch zum Almosen bekommen.«

»Und davon ist er so alt geworden? Hatte der einen Magen!«

Wieder brummelte ein gar nicht spöttisches, nur seelenlustiges Lachen leise wie eine Silberkugel durch den Ring. Aber Michelangelo blitzte seinen Knecht an und wetterte: »Zum Teufel mit deinem Geplapper!«

»Bruder, Bruder,« beschwichtigte die Greisin, »was kann denn so ein hübscher apfelbackiger Junge von Büßerdingen verstehen . . . Ja, Freundchen,« gab sie Nino hinüber, »man kann damit leben und hundertjährig werden, ich weiß es.«

O sie wußte es. Wie oft hatte sie wochenlang von exakt der gleichen Naturkost gelebt und war dabei am behendesten geblieben.

»Weiter, Marta, weiter«, befahl Graf Carletto, die dunkeln Schlitze der Wimpern vor Spannung noch schmäler ziehend. Und wieder rutschte er verstohlen der Felicita zu. Aber wieder hatte sie aufgepaßt und rückte um so viel weiter ab, und der ganze Ring mußte sich ein wenig mitbewegen. Und wieder verzog die Alte ihre verschrumpften Züge munter und dachte: ›O du liebe Unruhe nach Ruhe!‹ schloß die Augen und spann wie einen Sonnenfaden ihre Buchgeschichte weiter: »Doch die Jünger ließen ihm keine Ruhe. Sie rückten ihm jedesmal ein gleiches Stück nach« – hier schoß sie einen kleinen fröhlichen Blick unter dem Lid direkt auf den Junker ab. – ›Er ist sicher nicht stumm‹, munkelte man. ›Er könnte gewiß dichten und lobsingen und predigen wie Elias. Aber er macht sich aus Buße stumm.‹ –

»Da floh Isaak ganz zur steilen Höhe hinauf. Es war ein schwieriges Stück damals in der wilden alten Zeit, wo es noch keine Wege und Brücken gab.

»Weit sah er nun übers tiefe Land und jubelte, so ferne von aller Unruhe zu sein. Er wähnte, jetzt fehle nur noch ein Schritt in den Himmel, und die Paternoster schossen wie Blitze aus seinem Munde und leuchteten hoch hinauf. Aber, aber . . . er war noch nicht heilig genug.«

›Herrgott noch einmal! Noch nicht heilig genug!‹ wollte Nino losbrechen. Aber der Meister drohte mit dem Finger und so hieb er, als hülfe das, der Bestie im Rücken ein Zweites über den Katzenschädel.

»Bis dahin«, erklärte Marta, »hatte er nicht mit Worten gebetet wie wir, sondern nur in Gedanken. Denn er konnte sich nicht stottern hören. Und er meinte – aber das kam erst langsam hinterher – es sei auch Gottes unwürdig, so gen Himmel zu stammeln. Aber doch wurde er dabei nicht so froh, wie er gedacht hatte. Auf dem Gipfel sei der höchste Friede, glaubte Isaak. Statt dessen murrte etwas in ihm und nagte und plagte. Oft, wenn er im Abendrot selig einschlief, erwachte er im Morgenrot unzufrieden. Und wenn er noch so viel gebetet und noch so tief an die Ewigkeit gedacht hatte, war ihm oft, als ob der Tag nicht fertig beschrieben sei, als gebe es auf dem Blatt eine wüste, träge Lücke. Jämmerlich quälte er sich, was wohl sei.

›Ich bin doch zu oberst und einsamer als einsam. Was fehlt jetzt noch?‹

»Und in einer besonders sauren Stunde wollte er laut klagen und das Miserere zu Gott aufschreien . . . und siehe, da war er stumm! . . .«

»Ah, oh, ehi!« flüsterte es leise ringsum, von einem knorrigen Sakra überlärmt.

Michelangelo ward nicht mehr zornig. Er schloß wie die alte Schwester das Auge und sah so besser, was er sehen mußte.

»Da blieb Isaak auf einem Stein hocken wie einst nach dem Erdbeben.«

»Gestanden, gute Alte, gestanden ist er dort, habt Ihr gesagt!« wandte Nino hitzig ein.

Sie lächelte und sagte: »Nun, jetzt saß er stundenlang und sann nach, was wohl dieses Zeichen wolle. Ist das Strafe oder Lohn? Und sogleich wußte er, daß es nicht Lohn sein konnte. Denn das Sprechen ist eine himmlische Gabe und so fein, daß alle Tiere es bis zum letzten Schnauf unermüdlich probieren zu erlernen. Das Stottern war dem Isaak zur Strafe überkommen und jetzt das Stummsein noch viel mehr.«

»Strafe, wofür?« schrie Nino.

»Ach, wie einfach! Weil er besser sein wollte als die andern, einsamer, höher oben und stumm dazu wie das Grab des Herrn, statt sein Stottern zu zeigen und dafür Spott zu tragen. Darum doch!

»Stundenlang saß er und sann. Es finsterte, die Sterne gingen auf, die Wölfe und Luchse heulten, der Wind keuchte durchs Dickicht. Er aber saß und sann bis zum Hellwerden, und da ward es auch morgenhell in ihm. Nicht die Menschen gierig suchen soll man, wie er früher getan, und nicht die Menschen gierig meiden, wie er jetzt tat, sondern gerade so zwischen Suchen und Fliehen freundlich in der Mitte verharren, es nehmen, wie Gott es gibt, einmal Trubel, einmal Stille, jetzt drei, vier in der Stube, jetzt schweigsam in einer Ecke, nun verlassen auf weiter Straße, nun im Stadtgeschrei. Nur nicht daran schulmeistern! Oder wie, will man denn im Himmel auch allein sein? Da ist doch der Herrgott überall. Und da ist noch die Madonna und San Giuseppe und Peter und Paul und der heilige Franz und Sant' Antonio und ein ungeheures Gezwitscher von fliegenden Engeln. Aber doch ist kein böser Lärm.

»Und wer ist denn überhaupt allein? Der Uhu im Wald und der Teufel. Mit ihnen will niemand gehen. Ja, sogar die unvernünftigen Bäume stehen zusammen, und die Brombeeren küssen sich an den Dolden, und die Steine, sogar die Steine kleben zusammen und wärmen sich aneinander . . . ›Und wir haben doch Vater und Mutter und Geschwister, und es soll Kinder und Kindeskinder geben und die Welt von Menschen musizieren . . . o ich Tor!‹

»So dachte Isaak. ›Und nun geschieht mir recht, daß ich stumm bin. Ich wollte ja keinen Menschen. Dann brauch' ich auch keine Sprache. Nein, hier oben werd' ich nicht besser. Je höher, je unheiliger. Zurück in die Tiefe!‹

»Und da stieg er demütig wieder in seine vorherige nächstuntere Einsiedelei. Aber da saß schon ein Eremit. Und da bat Isaak, ihn bei sich zu lassen, und schon ward ihm leichter und lichter. Er schrieb in die Erde: Ich bin wirklich stumm, Strafe des Herrn! Früher stotterte ich nur und schämte mich dessen . . . Aber der andere konnte nicht lesen und wollte den Stummen nur noch inniger bedienen. Einer neigte sich tiefer vor dem andern, und es entstand eine süße Brüderlichkeit.

›Das ist zu schön, das verdien' ich nicht‹, sagte sich Isaak und zog tiefer hinab, in seine zweitnächste Hütte. Sieh, da hausten ihrer schon vier Einsiedler. Sie erkannten ihn und wollten ihn gleich zum Vater. Aber einer konnte seine Schrift lesen: Von Gott mit Stummheit geschlagen! Da wurden sie minder ehrerbietig, ließen ihn gern das Niedrigste schaffen und zuletzt aus der Schüssel schöpfen. Doch er tat es so lustig und schaffte so frohmütig, daß sie nicht anders konnten als ihn heimlich hochachten, ja beinahe fürchten. Da stieg er noch tiefer bergab.

»Und je tiefer er kam, desto gehobener fühlte er sich. Je mehr Brüder und Arbeit, Not und Verkennung, harte Ellbogen und kühle Blicke, um so ruhiger ward sein Herz, und um so schneller gewann er die Menschen. Sein Atem wurde so friedlich, als bliese er aus einem Lamm . . .«

»Oha!« widersprach Nino.

»Aus dem Lamm Gottes selber . . . wisse du!«

Nino senkte den Strubelkopf.

»Und je tiefer er ins Dunkel hinunterstieg und in den Staub, um so reiner glänzte sein Antlitz, als stände er im Morgenrot zuoberst auf dem Gipfel. Er kannte jetzt die Menschen, die stolzen und furchtsamen, die argen und harmlosen, die Brummer und Schmeichler, die Trotzköpfe, die Verliebten, die Zweifler, Mutlosen, Frechen, Quäler. Ganz Spoleto lief ja zu ihm. Und in jedem Menschen sah er neben einer Nessel einen Kornhalm wachsen. Niemand hatte nur Korn, niemand nur Nesseln. Und allein konnte sich nicht jeder helfen. Da hatte nun Isaak die geschicktesten Finger. O wie leise bog er das Unkraut nieder, zupfte es Blatt für Blatt und Stengel für Stengel ab und grub das letzte Würzelchen aus und strich dafür geduldig den Halm in die Sonne empor. O seine Finger redeten jetzt, da seine Lippen schwiegen. Daß er doch auch noch reden könnte, wünschte das Volk. Er risse die Erde zum Himmel.«

Alles hing tiefversunken an der welken Alten. Eine Art Heiligkeit wehte auch hier wohlig durch jedes Herz, als säße Isaak unter ihnen. Carletto rückte zum letztenmal sehr ernst und ehrfurchtsvoll zu Felicita, und nun wich diese nicht mehr, sondern schlug den Arm um seinen Nacken.

»Ich bin zu Ende«, sagte die Greisin. »Nur noch etwas Schönes! Der Monte Luco wurde lebendig von unten bis oben wie ein frommer Bienenstand, und die Mönche hatten dann auf der Höhe ein Kirchlein gebaut und viele Zellen und zwangen Isaak brüderlich wieder hinauf, um ihr Abt zu sein.

»Aber da brachen eines Tages die Barbaren ins Land, Mord und Rauch um sich. Sie ritten gen Spoleto. Aber Isaak hatte sich vor das Tor gestellt, bleich wie Schnee, steinalt, einen Bart wie Silber, die Augen voll Himmel und mit der Rechten gewaltig in die Luft schreibend.

»Die schwarzen Massen des Feindes stauten sich vor ihm, stutzten, aber sahen dann auf die Stadt. In den fünfzig Jahren, seit Isaak hier wirkte, war sie fünfzigmal schöner und größer geworden. Diese Hunnen oder wie sie hießen, erblickten gierig die vielen Paläste, die hohen Türme, die herrlichen Menschen auf allen Mauern, die reichen Jünglinge und noch mehr, ach, die schönen Spoletaner Mädchen, und trotz ihrem innern Schauder legten sie die Pfeile auf, zückten die Spieße, und der Mord blitzte aus ihren schwarzen wilden Gesichtern.

»Und seht, da würgte und erstickte es beinahe den heiligen Isaak im Hals, das Blut schwoll ihm empor, der Krampf packte seine Kehle, es zerbrach etwas in ihm wie ein Eiszapfen im März, er öffnete den Mund und – – konnte reden, ungeheuer reden. Nicht glatt wie Narren, nicht ohne Stocken, nein, stotternd, aber Stück für Stück wie Felsblöcke vom Monte Luco über den Feind schleudernd. Etwa so, wie der Donner dort drüben im Süden rollt, dann über Spoleto rumpelt, wieder aufhört und einen letzten Krach gegen Foligno hinab tut. So war sein Satz. Da lachte niemand mehr Mä . . . Mä . . . und Da . . . Da . . . Da . . .! Da blieb kein Nino zum Spaßen übrig . . .«

Alles blickte auf den Burschen, der in die Backen pustete und den Kopf fast in die Knie hing.

»Den Heiden«, erklärte Marta, »kam dieses gewaltige, herrische Stottern schrecklicher vor, als wenn der Merkwürdige im schönsten Fluß sie mit Schelten überschüttet hätte. Und sie staunten noch mehr, als ganz Spoleto, vom jähen Wunder überrascht, ohne Waffen und ohne Vorsicht, Kinder, Weiber, Männer, alles zu ihm heraussprang, vor ihn hinkniete, seine Füße küßte und dem Feind zuwinkte und zulächelte, ein gleiches zu tun. Ein Wunder stehe ja da vor ihren Augen.

»Grauen übernahm die Heiden ob diesem Unerfaßlichen. Das mußte der Zauberer aller Zauberer sein. Sie duckten die langhaarigen Köpfe in die Achseln, rissen die Rosse um und galoppierten davon, als säße ihnen kein Heiliger, sondern der Satan im Nacken.

»Isaak aber stotterte noch einige Jahre und starb als Heiliger und wirkt heute noch fort und hilft, daß die Prahlhänse verstummen und die Demütigen großartig reden. Das ist die Legende. Und im Buch steht zuletzt: Zum Groß- und Heiligwerden eines Menschen gehören viele Mitmenschen, gute und böse, sonst hätte Gott Adam und Eva kinderlos und die schöne Welt den Tieren gelassen. Amen.« –

Alles drang auf die Alte ein, schüttelte ihr die Hand, dankte, Nino ein bißchen eilig, Felicita mit reichlichen Küssen, Carletto vornehm und ernst. »Gehet, gehet jetzt, lasset mich, seid so gut, ich kann sehr gut weiter gehen. Der Alte da kommt mit! Nicht wahr, Bruder?«

Michelangelo nickte herzhaft, und es gab nichts anderes bei zwei so alten Steckköpfen, als daß die übrige Karawane vorausreiten mußte, die Bettlerin aber mit ihrem berühmten Brudergespan langsam, still, glücklich zu Fuß auf den Luco stieg. Wer sie so uralt und knochig sah, mit blutlosem Gesicht und steifem Rücken, der hätte an zwei mühsam bewegte Steine, zwei wandelnde herbe, kalte Statuen denken mögen. Aber er hätte sich himmelhoch geirrt. Diese zwei herrlichen Greise, die so gemach schritten und sich gegenseitig stützten, dann stillestanden, Berg und Tiefe bewunderten und den Waldatem tief einsogen, die sich dann wie Bruder und Schwester liebkosten, beteten und wieder wundervoll schwiegen, sie beide waren die wahrhaftesten und lebendigsten und wärmsten Menschen, die je diesen Pfad emporpilgerten. Michelangelo meißelte nicht mehr. Er hatte den Stein auf andere Art überwunden.

*

Einige Wochen später bog sich der schwerhörige und dem Bildhauer unliebe Pontifex Paul IV. vom hohen Throne zum Schemel des Künstlers nieder und fragte mit einer kleinen Bosheit in der Stimme: »Nun, Meister, wie war die Aussicht vom Monte Luco?«

Und Michelangelo, wieder der vornehme römische Greis in Handschuhen und schwarzem Samtwams, reckte das Gesicht zum Papst empor und antwortete sinnvoll: »Die Aussicht, Heiligkeit, die Aussicht! Sie dünkte mich groß auf dem Gipfel, aber wurde mir Unwürdigem, exakt wie dem Diener Gottes, dem heiligen Isaak, um so weiter und wahrer, je tiefer ich den Berg hinunter, von den Steinen zu den Menschen schritt.«

Der hohe Achtziger im weißen Habit des Weltenpriesters glaubte wohl, der Sonderling spaße auf seine rätselreiche Art. Er verbiß aber die weiteren Fragen, denn dieser strenge, herbe Hohepriester wußte viel von Himmel und Erde, aber just nichts als Name und Ort vom heiligen Isaak und wollte dem Laien diese verzeihliche Blöße nicht zeigen. Erst später, als er im großen Elend aus seiner unnahbaren Höhe niedersteigen und in den Wirrwarr naher Menschen energisch greifen mußte, sah auch er menschlich weiter und tiefer und dachte an den Monte Luco.

Jetzt aber sagte er mit seinem neapolitanischen Witz: »Dann sollten wir eigentlich hier die Sessel tauschen, denn ich bedarf einer größern Aussicht als Ihr.«

»O spaßet nicht«, bat Michelangelo; »Gott sorgt schon selbst, daß Eure Heiligkeit den Monte Luco nicht nur hinauf, sondern auch hinunter kommt.« –

»Zu unsern Geschäften«, befahl Paul mit kühlem Lächeln und rollte die vielen Pläne des Kuppelbaues auf. Ehrerbietig trat der ganze Domrat hinzu.

Ach, wie war dem Meister sogar diese Kuppel jetzt gleichgültig geworden! Er erklärte, zeichnete, antwortete und korrigierte schier mechanisch auf die Fragen des Papstes, aber seine Seele weilte voll Heimweh unter den lebendigen Eichenkuppeln des Monte Luco.


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