Heinrich Federer
Unter südlichen Sonnen und Menschen
Heinrich Federer

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Sandra Giullini

Eine wilde Geschichte aus dem hintersten Umbrien

Im Dörfchen Piagghia saß ich eines Nachmittags müde von den Pilgerfreuden des vorigen Tages. O wie schön ist es, müde vor Freude zu sein! Ich hatte gute Milch bekommen und tüchtig Ziegenkäse und Maisbrot gegessen. Nun saß ich im Schatten einer Kapelle auf dem Steinsöller und ließ den Wind vom Tal herauf ins Gesicht fächeln. Von den Leuten des Ortes war die stärkere Hälfte in den Höhen beschäftigt, die Alten schliefen, die Kinder wateten durchs nahe Wässerchen oder machten Versteckensspiel in den Erlen. Nirgends hörte man eine Uhr ticken, die Zeit, die böse, friedlose Hexe, war hier mit den paar Katzen und dem greisen, weichmütigen, aber pfiffigen Ortsvorsteher Paolo Conzi eingeschlafen. Und auch ich schlummerte ein.

Von der Kapelle hier übersah man die geringen Hütten und wußte eigentlich nicht, ob man in einem Dörfchen oder Weiler oder gar auf einer Voralpe weile. Gestern abend hatte man mir erzählt, daß dieses Kirchlein auch schon ein Schafstall, auch schon ein Banditenschlupf, ja, einmal sogar eine Burg der Einwohner gegen die Räubertruppen des Carletto Fanciu gewesen sei.

Fanciu war eine ungewohnte Abkürzung von Fanciullo, Kind. Denn der Häuptling sei siebzehnjährig gewesen, »heute grausam wie Salz, morgen gütig wie Zucker«. Er habe mit seinen dunkeln Lippen geküßt und nachher gebissen. Aber hier in Piagghia habe er die Hütten geplündert und die Dörfler in der Kapelle belagert und mit Brandmal und Strick bedroht, weil sie seinen Aufenthalt an die Obrigkeit bis nach Perugia verraten und sogar das Haus seiner Eltern der Geheimpolizei übergeben hatten. Die ohnehin wegen ihres Sohnes unglücklichen Eltern wurden damals jämmerlich aus ihren vier alten Wänden gejagt und schwankten noch jammervoller, ob sie zu ihrem verrufenen Knaben und damit zur Sünde ihre Zuflucht nehmen oder sich an die gemächlichen Gerichte der Provinz um aussichtslosen Beistand wenden wollten. In diesem harten Kampf starb die Mutter vor Kummer und Entbehrung. Der Vater verfluchte Kind und Heimat, Richter und Räuber und wanderte aus.

Als nun die Einwohner, in der Kapelle verrammelt, die Weisung Fancius von draußen vernahmen, entweder da drinnen zu verhungern oder die Pforte zu öffnen und den Sindaco Marzo, den Gendarmen und die Brüder Matteo und Pietro Giullini auszuliefern, weil diese die Rädelsführer gespielt hatten, da wurde hin und her beraten und das trostlose Häuschen immer mehr uneins. Die vier Bedrohten rieten natürlich zum Ausharren, bis die angerufene Hilfe von Spoleto käme. Das könnte nicht mehr lange anstehen. Oder ob die lieben Gemeindegenossen es wirklich übers Herz brächten, sie vier dem jungen Ungeheuer auszuliefern? »Glaubt ihr andern etwa, er schone euch? Mit uns fängt er an, mit euch hört er auf.«

Aber mehr und mehr der Eingesperrten neigten zur Übergabe, komme, was wolle. So schlimm werde es wohl nicht werden. Schließlich sei auch das Fanciu ein Piagghierkind.

Das gab nun heillose Auftritte von Zorn, Angst, Weinen und Fluchen. Mehrmals eilten etliche zur eisenbeschlagenen Türe, um sie aufzuriegeln, und immer wieder sprangen ihnen andere an den Hals und wehrten ab. Dann beteten alle zusammen eine Weile vor dem Altar, wo man den heiligen Franz die Ketten der in Marokko gefangenen Christen zerreißen sah, als wäre es Papier. Ja, wenn noch so ein starker Heiliger lebte!

Plötzlich, als mitten im Gebet der Zank der Verzweiflung aufs neue losbrach und die Parteien sich beinahe wilder gegenüberstanden als dem Feinde draußen und die Kapelle, da sie doch ein Himmel sein sollte, eine Hölle wurde, da erhob sich ein kleines, zierliches Jüngferchen mit großem Haar und gewaltigen Ohrenringen, Alessandra, die Schwester gerade der verfemten Brüder Giullini, wand den Rosenkranz um die Hand, besegnete sich aus dem vertrockneten Weihwasserbecken und forderte, man möge sie zu Carletto hinauslassen. Sie wolle mit ihm reden, bis er weich werde.

»Aber,« entgegnete man, »das Fanciu hat geschworen und noch nie ein Wort zurückgenommen.«

»Lasset mich nur machen!«

Diese dicht- und langhaarige Sandra war von ihren Brüdern stets übervorteilt und schier wie eine Stallmagd gehalten worden. Nur aus Not blieb sie bei ihnen. Das wußten alle, und darum traute man ihr nicht recht.

Hinter dem Altar war ein Beichtstuhl. Hier saß Don Severo, der Pfarrer, ein alter, müder, sanfter Mann, der eher Don Clemente heißen sollte. Er hatte gleich anfangs geraten, das Tor zu öffnen. Aber er besaß weder gegen Carletto, noch gegen die Pfarrkinder hier Mut genug zu einem strammen Befehl. »Komme, was Gott wolle«, betete er, lehnte sich in den Sitz zurück und schlief trotz des Krawalls bei seinem friedsamen Gewissen seelenruhig ein.

Bei dem Hin und Her, ob Sandra gehen solle oder nicht, weckte man den Schläfer. Was er meine? Sie solle nur gehen, gab er zurück. Sandra sei ein lauteres und tapferes Mädchen und habe doch auch die kleine Anselma aus dem Bach geholt, als kein Mann in die geschwollene, kaffeebraune Flut stürzen wollte. – Dann schlief er wieder ein. »Komme, wie's Gott will.«

So knarrte denn das Tor auf und schritt das Mädchen im langen Haar, mit den blitzenden Ohrenringen und den lustigsten Augen der Welt rasch gegen Carletto hin, an dem alles finsterbraun oder schwarz war, ausgenommen die Zähne und das milchige Weiß der Augen. Er lag im Gras bei seinen Kumpanen, trank vom geraubten Wein, schnitt vom geplünderten Dörrfleisch und staunte das sechzehnjährige Kind spöttisch an, indem ihm die dicke Oberlippe bis zur Nase aufschwoll. Will man ihm etwa dieses unreife Früchtlein zum Fraß hinopfern? Schmutzig genug wären diese Krämer- und Kupplerseelen, bei denen er es nicht acht Jahre seines Lebens ausgehalten hatte.

Aber das Mädchen lachte zu unschuldig und schüttelte die Sonnenflut seines Haars zu tapfer, als es vor ihn hinstand und ihn lange betrachtete.

»Was gaffst du mich an? Bin ich ein Tier?«

»Im Gegenteil, ein schöner, schöner Mensch.«

Das kam unerwartet und tat wohl von einem so hübschen, reinen Gesichtlein.

»Und also?« fragte er rauher, als ihm lieb war.

»Ich schaue, ob denn einer wirklich so schön und so schlecht sein kann. Denn so sicher du schön bist, so sicher bist du auch schlecht.«

»Danke, danke! Aber deine Gesellschaft dort drinnen ist nicht nur schlecht, sondern noch häßlich dazu. – Pack' dich!«

»Und ich?« fragte sie schelmisch und tat, als ob das ›Pack' dich‹ sie nichts anginge. »Ich auch? Schlecht und häßlich dazu?«

»Das geht mich nichts an.«

»Und die dort, daß sie häßlich sind, daran ist der liebe Gott schuld. Aber, daß sie schlecht sind, daran bist du schuld. Das geht dich genug an.«

»Welch ein Schnabel! Pfeif' weiter, Vögelchen!«

»O, mein Lied kann dir nicht wohltönen. Sag', war nicht früher in Piagghia Friede? Wir lebten nicht braver noch schlimmer als andere Dörfer. Da seid ihr aus den Bergen gekommen und habt uns bald Geld, bald Vieh, bald Felle und Vorrat gestohlen. Wer bleibt da zufrieden? – Und dann kam die Polizei vom Land herauf und plagte uns mit Einquartierung und Verdacht und ewigen Verhören und Bußen. Wer lacht da noch! Da glaubten unsere Männer, daß man auch schlecht sein müsse gegen die Schlechten und haben zuerst die Polizei verjagt. Aber die kam immer wieder und mit immer mehr Soldaten. Nur wenn sie helfen sollten, waren sie gerade nicht da. Aber sie haben dort unten so viele Leute wie wir Steine hier oben. Da wird man nie fertig.«

Aufmerksam hörte der Dunkelbraune zu. Schön war die Sprecherin. Ein Advokat, ein Prediger im Weiberrock. Aber man mußte wahrhaft schauen, ob ihr nicht Engelsgefieder aus den Schultern knospe. So licht und rein war sie bei aller Schelmerei der Blicke und allem Geklingel der Ohrenringe. Die groben Gesellen ringsum hatten zuerst faule Witze gerissen, aber dann kam's wie von selbst, daß sie horchen und immer verlegener mit den Augen zwinkern mußten. Denn dieses Gesindel besitzt bei aller Roheit etwas Gutes, Weiches, Unverdorbenes vom Kind zu innerst. Und hier redete ja Kind zu Kind.

»Nun sag', du hübscher, schlechter Bursche, was sollten wir machen? Die Regierung ist zu stark, da richten wir nichts aus. Also müssen wir euch bekriegen. Ihr seid nicht so stark.«

»Hoho, Naseweis, da siehst du's ja.«

Das Fanciu zeigte mit der Hand auf die verrammelte Kapelle. Doch sieh', die neugierigen Piagghier hatten an der Türspalte gelauscht, jedes Wort hatte ihnen wie ein Schluck gelber Orvieterwein geschmeckt und Mut gemacht. Und so öffneten sie die Torflügel immer weiter, traten unwillkürlich aus dem Dachschirm mehr und mehr heraus, ein dichter, scharfäugiger, herzklopfender Menschenknäuel, der sich gegenseitig fest an den Ellbogen hielt oder den Nacken umschlang. Aber niemandem von der Bande fiel es ein, auf sie loszuspringen. Ein Anspruch auf Ritterlichkeit wehte von einer Gruppe zur andern. Nur die Brüder Matteo und Pietro und der Sindaco und der Gendarm steckten zitternd im hintersten Kirchleinwinkel.

»Nein, ihr seid nicht so stark. Ihr habt uns hinterrücks und gerade am Sonntag abend überfallen, wo unsere starken Männer auf Petrognano hinauf Holz und Brot und Mais tragen und dort bei den Älplern schlafen und Käse und Butter zusammentun und etwa noch Schafe scheren und erst in drei, vier Tagen zurückkommen. So ist es. Das habt ihr gut gewußt, sonst hättet ihr es nicht gewagt gegen das ganze Dorf. Aber jetzt, ha, schaut . . .« und Sandra zeigte auf das Menschenhäuflein vor der Kapelle . . . »fast keine Hosen, nur Kinds- und Weiberröcke. Ist das stark?«

Das Fanciu Carletto biß sich mit den weißen Zähnen in die braune Unterlippe und öffnete und schloß das Weiß der Augen unheimlich, daß es schien, als ob es blitze und gleich wieder dunkle, blitze und dunkle.

Aber dann schwoll die Lippe wieder bis zur Nase empor und das Fanciu schrie: »Und ihr, seid ihr stark? Einen alten Mann und eine alte Frau aus ihrem Haus zu reißen, eurer Dutzende, ist das etwa stark gewesen? Und warum? Weil man ihren Bub nicht packen konnte! He, du Schwätzerin!«

»Nein, das war nicht schön. Viele sind dagewesen, Don Severo, ich, fast alle Frauen, mancher Mann, die Kinder haben alle geweint. Aber du hättest ja kommen können und sagen: ›Da bin ich, lasset den Alten, bindet mich!‹ – Doch du, du warst eben nicht stark genug dazu. Und wie oft habt ihr selber einen Unschuldigen ins Gebirge hineingeschleppt, mit verbundenen Augen und verstopftem Mund, als Geisel, bis ihr das Geld vom Schuldigen oder ihn selbst bekämet. Wie war denn das mit dem reichen, jungen Antonio Bolla vorvoriges Jahr, he?«

Carletto Fanciu wurde noch brauner und sah auf seine schmutzigen Hände und Füße. Viele goldene Ringe glänzten an den dreckigen Fingern. Er streifte ratlos einen um den andern ab und schlüpfte wieder hinein. »Einen Unschuldigen?« sagte er halblaut nach und lachte verschämt. »Eben hätt' ich Lust, es genau wieder so mit einer ganz und gar Unschuldigen zu machen . . .«

»Spaße du nur nicht,« befahl Sandra immer glühender werdend, »und wirf lieber diese Ringe weg, bis auf einen, den du nicht gestohlen hast. Ein Starker soll nur einen Ring tragen, aber seine Hände sollten sauber sein.«

Wieder schob der in seiner herrischen Unruhe und Gequältheit wunderschöne Jüngling Reif um Reif von den Fingern und legte sie aufs Knie. Näher und näher trat das unbedachte Volk und bildete beinahe einen Halbkreis um die seltsame Szene. Alle blickten auf ihre bäurischen Hände und putzten daran.

In der Kapelle schlief Don Severo gesund weiter. Aber die gebrandmarkten Brüder kletterten zum Chorfenster hinten empor, um die Gitter herauszudrücken und im günstigen Moment Reißaus zu nehmen, während der Sindaco, dickbäuchig wie er war, jammerte und zeterte, sie dürften nicht allein fliehen, sie müßten ihm auch heraufhelfen oder er schlage Lärm. – »Gewiß, warte nur, wir seilen dich schon über«, gelobten die Giullini. »Der Gendarm buckelt dich empor und wir ziehen oben. Aber bis wir das Gestäbe los haben, steh' zur Tür hinab und passe gut auf, was die draußen treiben. Und winke im rechten Augenblick! Dann gilt es.«

Endlich raffte sich Fanciu auf, bleckte seine scharfen Zähne und bestimmte: »Ich habe geschworen, ich halte Wort, basta!« Aber er sprach, als wäre es eine Last und ein Verdruß, Wort halten zu müssen. – »Geht ihr alle wieder in euer Kirchmäuseloch, hop!«

Doch Sandra tat, als hörte sie nicht, und dachte streng nach, was sie noch Tüchtiges vorbringen könnte. Da schoß es ihr auch noch zeitig unter die Zöpfe.

»Ich muß noch bemerken,« erhob sie frisch die Stimme, »daß Don Severo deine Eltern in sein Haus geladen hat. Sie durften immer dort bleiben. Es ist das beste Haus. Und ich sagte, ich wolle als Magd kommen und kochen und die Betten machen und waschen. Pfarrers Celestina ist ja auch nicht mehr bei Kräften. – Aber sie schüttelten den Kopf. ›Ach, sie hausen wohl nicht gerne bei einem Reverendo‹, sagte mein Oheim und bot ihnen bei sich eine Stube. Und auch unser junger Jäger Enrico Lazzari tat sein Haus auf, da er selber ja doch fast nie daheim sei. Viele, viele wollten deinen Eltern ein warmes Nest bereiten.«

Fast schien es, als schlüge das Fanciu seine schwarzen Wimpern öfter zu, als zum Nachdenken oder wegen des Sonnenblendens nötig war. Es rührte ihn jeder Satz dieses wundervollen Mädchens, als schlüge es ebenso oft mit einem kleinen goldenen Hammer an sein Herz.

»So laß uns also frei und ungeschoren, wenn du der Stärkere bist, und unser Dorf wird dich lieben. Jawohl, ich sehe, du bist stark genug dazu. Aber du bist nicht rein genug. Da fehlt es noch. Gib mir deine Hände.«

Und ehe es zu einem Widerwort langte, war sie zu ihm niedergekniet und schien auf einmal aus einer Herrin eine Magd geworden. Sie nahm seine Hände und hernach seine Füße und küßte sie da und da und da, so daß ihm war, als setzten sich süße Honigschmetterlinge allenthalben auf seine Glieder. Und dann, als schöpfte das Mädchen aus goldenen Wellen, griff es in das üppige, kühle Haar und schlug ganze Wogen um seinen harten Fuß und um seine herrische Hand und reinigte sie und trocknete sie gleichsam damit. Staub und Erde und Bosheit und was sonst daran klebte, schien wie weggebadet.

»So, und jetzt steh auf, sei gut und geh, du schöner, schöner Bösewicht!« bat sie.

Carletto Fanciu war überwunden. Er erhob sich, sog das Bild der Jungfer, wie sie vor ihm auf den Knien blieb, gleich Balsam ein, sann etwas nach, lächelte und sagte mit einer fast ehrfürchtigen Knabenstimme: »Gut, ich gehe. Aber den Eid brech' ich nicht. So höret denn, ihr Leute: Meinen Vater müßt ihr suchen und zu mir bringen. Und bis ich den Alten habe, nehm' ich die Jungfer da als Geisel mit. Es soll dir nichts geschehen, niemand rührt dich an. Aber wir brauchen dich. Hand und Fuß hast du mir geputzt, aber das Herz? Da gibt es noch viel zu waschen. Kommst du?«

»Gerne!«

»Und dann«, kommandierte das Fanciu weiter . . .

Ein garstiger, heiserer Schrei unterbrach ihn. Der dicke, gichtische Sindaco Marzo heulte an der Kapelle: »Sie sind entwischt . . . die Fenster erbrochen . . . hinten hinaus zum Wald. Eilt, eilt, packt sie! Sie dürfen es nicht besser bekommen als ich.«

Sofort sprengten die sechs flinksten Banditen die Weiden hinauf. Man sah die drei Flüchtlinge sehr gut dem dünnen Wäldchen zurennen. Es wird ihnen nichts nützen.

»Hurtig, hurtiger!« rief auch Sandra.

»Willst du sie denn nicht retten?« fragte Carletto.

»Was retten? Du hast doch allen die Strafe geschenkt. Übrigens eine Tracht Prügel dem Matteo . . .«

»Wie, was schenkte ich?« fragte das Fanciu mit köstlicher Hinterlist. »Ich werde sie doch mitsamt der Hütte meines Vaters verbrennen. Ehrenwort! Aber«, flüsterte er zu Sandra, »weh soll es ihnen nicht tun. Sie sollen sich nur rot und schwarz schämen.«

»Dann also vorwärts, macht Beine,« rief Sandra, die den Spaß merkte, »zum Hügel hinauf! Es gehört ihnen. Du Lieber hast zehnmal recht, es gehört ihnen.«

Man zog nun zum bereits halb zertrümmerten Hüttlein, und nachdem Carletto sich mit einigen Burschen und Mädchen besprochen hatte, ward Stroh herbeigeschafft und im Nu daraus eine männliche Figur gemacht, dann noch einer, ein dritter, ein vierter Strohmann. »Das ist der Gendarm!« Carletto deutete auf die lange, hagere Puppe. Alles lachte und klatschte in die Hände. »Und diese dicke, geschwollene, das ist Marzo, der Vorsteher! . . . Bravo, bravo! . . . Die kleine da bedeutet deinen lieben Matteo, die schiefe hier den würdigen Pietro . . . O, bravissimo, wie lustig, welch Theater! . . . Verzeih, Sandra, aber es geht nicht anders. Ich muß den Eid halten. Brennen müssen deine holden Brüder!«

»Nur zu! Heiz' ihnen ordentlich ein!«

Bald brachten Carlettos Mannen das entflohene Kleeblatt zurück. Sogleich führte man sie mit dem winselnden Marzo ins Hüttlein, zog sie bis aufs schmutzige Sünderhemd aus, so daß sie nichts anderes vermeinten, als es gälte den Scheiterhaufen. Dann aber band man die Zitternden nur an die nächsten Bäume und zog ihre Kleider und Mützen den Strohmännern an. Es war beinahe grauenhaft, wie ähnlich den Elenden diese steifen Puppen sahen, als sie kläglich an die Hauswand gelehnt, den Kopf geknickt, gegen das Volk standen, charakterlose Jammerbilder und doch immer noch nicht so jämmerlich wie die Originale an den Bäumen. Die Brüder Giullini meinten, wenn nicht ihre Hinrichtung zu erleben, sie doch mit ansehen zu müssen.

Und so war es auch. Das Feuer fiel ins Sparrenwerk, und gleich brannte alles lichterloh. In den Flammen standen die vier, knackten zusammen, zuckten, verrenkten die Glieder, es rauchte aus Hut und Hosen, die Ärmel fielen hinunter, sie standen in roter Glut, zerplatzten und sanken zu einem nichtigen Stinkhäufchen zusammen. Und die wirklichen vier wollten es nicht sehen und mußten doch hinschauen, schlotterten und schwitzten bei der nahen Feuersbrunst und hörten das schadenfrohe Lachen, nicht der Banditen, sondern des eigenen Dorfes. Sie waren für immer entehrt, in Piagghia einfach unmöglich geworden. Das fühlten sie auch und faßten in diesem gemeinsten Augenblick ihres gemeinen Lebens den Vorsatz: sobald sie eine Sohle unter der Ferse und einen Lappen um den Leib hätten, für immer aus diesem Ort zu entweichen.

Hernach zog man zum Kirchlein und weckte den Pfarrer. Der machte große Augen, als er von der gelösten Geschichte erfuhr, und segnete sein gescheitestes Pfarrkind drei- und viermal.

Dieses jedoch führte das Fanciu vor die Altartafel mit dem heiligen Franz von Assisi.

»Hier habe ich gebetet, bevor ich zu dir hinausgetreten bin. Und ich sagte zum Santo: ›Lieber, mächtiger Franz, gib mir einige von deinen geschickten und gescheiten Wörtlein. Aber nicht von den zärtlichen . . .‹«

»O, du Allerschlimmste!« drohte Carletto lachend.

»Nein, heiliger Franz, nicht von den artigen und zarten! Die nützen nichts bei diesem hübschen braunen Teufel. Gib mir von deinen starken, spitzigen, witzigen Sätzlein, wie du sie auch etwa brauchtest vor dem Mohren da von Marokko.«

»Paß auf, Kleine!« warnte der über und über verliebte Räuberhäuptling.

»Oder vor einem Bären oder einem Luchs! Solche Worte gib mir ein, daß das Fanciu Respekt bekommt und ›Ja‹ sagen muß! – So betete ich und dann bin ich vor dich hingestanden und habe geredet.«

Und sie wandte sich voll Zutraulichkeit zum Bilde und rief: »O, heiliger Franz, ich hab's gewonnen. Ich danke dir. Er steht auch da, der Böse, vor deinem Altar, und ich bete nochmals, daß . . .«

»Hör' auf,« schrie jetzt Carletto zwischen Spaß und Ernst, »sonst betest du mich noch nach Spoleto hinunter zum Gericht und Galgen. Laß es gut sein! Einstweilen ist der Santo mit dir und mit mir zufrieden.«

Merkwürdig, gerade da fiel die Nachmittagsonne schräg von den Vallonerhöhen durchs Fenster auf die Gestalt des Heiligen, und es nahm sich jetzt aus, als ob der angerufene Mann Gottes nicke und lächle.

»Er hat genickt, ich habe es selber gesehen«, behauptete Don Severo bis zum letzten Atemzug.

»Aber könntest du es beschwören, Freund«, fragte der Bischof, als er hier firmte. »Du schläfst doch so viel.«

»O, damals war ich so wach wie einst am Jüngsten Tag. Er hat genickt!«

»Er hat mir zugelächelt«, beschwor auch Carletto, sooft ihm Sandra später seine Sünden vorhielt.

Dann ging sie mit ihm. Und da sein Vater verschollen blieb, verharrte sie bei ihm und wurde seine Frau. Don Severo gab sie zusammen.

Und sie soll es durch ihre unerhörte Klugheit erreicht haben, daß Carletto seine Truppe nach und nach auflöste und mit der hilflosen Regierung einen profitabeln Frieden abschloß. Im Vertrag wurde ihm und jenen Genossen, die es ernst mit der Umkehr meinten, das weite Waldgebiet am Renaro und die anstoßenden verwilderten Sommerungen oberhalb Castellano zur Bewirtschaftung für einen niedrigen Pachtschilling überlassen. So verwandelten sich binnen kurzem die ärgsten Staatsunholde zu den besten Staatsbeamten. Carletto Fanciu trug nicht immer das sauberste Hemd, aber darunter ein blankes Herz und an der Hand nur noch einen, aber einen unabweisbaren, unlöslichen Ring – – –

– – – Ich erwachte. Die Sonne stand schon recht schräg. Hatte ich geträumt? Nein, nein, das war die Geschichte, die man mir gestern abend im Hause des Conzi erzählt hatte, im Anblick eines alten, rohen und doch so schönen Holztafelporträts eben jener Alessandra Giullini.

Und ebensowenig war es ein Traum, was ich jetzt selber um die Bergkapelle erleben sollte.


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