Heinrich Federer
Regina Lob
Heinrich Federer

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Welch eine schöne, verinnerlichte Zeit fing jetzt an! Es waren Ferien wie noch keine in unserem Leben. Wir ruhten nicht bloß von der Arbeit und vom Kummer eines einzigen Jahres, nein, wir ruhten vom ganzen bisherigen hierhin und dorthin verschlagenen Lebenslauf aus. Es dünkte mich wie ein langer Feiertag in einer stillen Bucht. Die beiden Schiffer prüfen ihre Boote, bessern sie aus und spähen sichern Auges in die offene See, wo man gut oder übel gefahren sei und in was für einer unfehlbaren Richtung man morgen weiterreisen werde. Und sie schlagen sich in die Hände und sagen: »Mitsammen!« Zwar bleibt noch jeder Teil auf seinem Fahrzeug. Aber Steuer und Segel weisen aufs gleiche Ziel. Man ist in zweierlei Gehäusen doch schon eins. Noch eine gesonderte Fahrt, aus Anstand, aus Klugheit, aus Pietät; dann zimmert man aus zwei Schiffen ein einziges starkes, nimmt Kind und Kegel auf und fährt auf immer selbzweit, auf einem Brett und unter einem Tuch. Kein Wort sagten wir einander davon; aber eines erriet es am andern.

So war es, so kam es, das sah ich. Aber frei und würdig mußte alles geschehen. Noch galt es, eine große, harte Tugend reichlich zu üben: Geduld!

Unsere Kinder taten nicht so schwer. Sie hatten sich gleich wieder in ihre natürlichen Paare zusammengefunden, die Ilgisser Geschwister dort, mein Bub und Meitli hier. Aber Eisen regierte alles, und man bog sich willig. Denn er konnte auch alles am besten, nicht nur das Kommandieren. Als Arnold den gleichen Sprung von Block zu Block über ein tiefes Tessinbecken versuchte, plumpste er mitten hinein und hätte als ein schöner, kalter Fisch nach Airolo hinunterschwimmen können, wenn Ernst ihn nicht verwegen aus dem brodelnden und eisigen Schaumtrichter mit eigener Lebensgefahr herausgerissen hätte. Wie er dabei die langen Zähne wölfisch tief in die Kinnlade biß, davon werden ihm die Narben, vier tapfere, braune Kerbe, zeitlebens unter der langen, dünnen Lippe stehen bleiben. Aber von diesem tollen Stündlein an war Arnoldlis letzter Widerstand besiegt. Eisen herrschte absolut wie ein Zar, ohne Ministerrat und ohne Kammern.

Indessen ward der Tummelplatz der Kinder jetzt an eine minder wilde Flußstelle nahe dem einspringenden Valeggiabach verlegt. Hier am lärchenüberdachten Ufer bauten die Kinder, mit den Beinen bis hoch übers Knie im Wasser, ein mächtiges Gemäuer zu den Felsklötzen in die Mitte hinaus und von da im Bogen unter einem kleinen Wasserfall ans Bord zurück, so daß ein stilles, tiefes Becken entstand, aus dem sie den Unrat hoben und dessen Grund sie mit glattem Gneiß verplättelten. So schufen sie ein schimmergrünes, kühles, sicheres Bad, in das der vorbeiwogende Tessin immer junges Wasser goß und auf dessen glatten Marchsteinen Ernst und Arnold nach vollbrachter Baute sich in den bloßen aufgekrempelten Hosen in der Sonne dehnten, bis sie braun geröstet waren wie Lebkuchen. Dann wurden aus dicker Tannenrinde Schiffe geschnitzelt, Ein- und Zweimaster, Korvetten und Fregatten, bis nach und nach eine ganze Flotte mit unbeschreiblich heroischen Namen im Bassin herumschwamm. Jetzt gab es Manöver und Demonstrationen des ganzen Geschwaders zur Einschüchterung des Feindes. Half das nichts, so erklärte Ernst Eisen schonungslos den Krieg und bohrte gleich zwei Linienschiffe der Russen in den Grund. Während die Mädchen am sichern Ufer saßen, die Beine zum Wasser niederhängend und entsetzlich damit für ihren Freund in Angst und Hoffnung zappelnd, kam es auf der hohen See durch Arnoldlis Hitze und Eisens grausame Kälte und durch das ungebärdig dreinregierende Flußwasser zu ungeheuerlichen, in der Historie der Seekriege unerhörten Katastrophen. »O, es war pyramidal!« sagte Ernst hernach und fischte die herumschwimmenden Schiffsrümpfe auf. »Es war auf Ehre pyramidal,« bekräftigte Arnold und schmiß den zwei Kapitänsfrauen an Bord, deren Namen auf den zwei ersten Panzerschiffen prangten, einen flotten Gutsch Wasser ins Gesicht. »Es war auf Ehr' und Seligkeit pyramidal,« fabelten die Mädchen am Tische uns die Großhansigkeiten der Buben vor; »drei Schiff' expoltiert, drei vertrunken . . . drei in die Luft geflogen . . . Der Ernst hat es selber gesagt, pyramidal!«

An der Tafel genoß die große, schöne Witwe Regina von allen Gästen eine erlesene Hochachtung. Ich merkte, wie Signor Cima schon ein paar Verse auf diese Donna Elvezia hinter der lorbeerbekränzten Sterne hin und herschob, bis sie melodisch in ihre Reime klappten. Und der feine Capitano überlegte, wie er es wohl recht ritterlich anstellen könnte, daß er diese stolze Signora mit einem der schönsten hiesigen Berge, etwa dem Rotondo, auf eine und dieselbe Photographie brächte. Ganz seltsam war, wie ein ganz kleines, schwatzhaftes Elsässer Jüngferchen, das mit seiner blockigen Figur und seinem rübenroten Flattiergesicht allen jungen Herren den Hof machte, wobei es seine prachtvollen Zähne im Viereck auseinanderriß, ich sage, es war seltsam, wie dieses Gaukelding im Angesicht der großen, ernsten Weggisserin zusammenfiel, gar keine Bedeutung mehr fand und sein grelles Lachen meist allein verpuffen mußte.

Dabei war Regina durchaus nicht düster. Von Tag zu Tag gewann ihr stilles, reserviertes Gehaben eine hellere Farbe. Sicher, von Morgen zu Morgen gefielen ihr in diesem ungeplagten, feiertäglichen Ferienleben Himmel und Erde besser, dünkten Luft und Licht sie köstlicher und fühlte sie die Kraft weiterzuleben und weiterzustreben in sich wieder um ein tapferes Maß gewachsen. Als Pauline in ihr Missesparadies zurückreiste, hatten Regina und ich eine solche kameradschaftliche Unbefangenheit gewonnen, daß es uns völlig gleichgültig war, ob wir allein zwischen den Tannen bergauf schritten oder ob uns die Kinder oder andere Kurgäste umgaben. Unser Zwiegespräch änderte darum nicht das leiseste Färblein. Oft baten wir den Capitano, mitzukommen, oder auch spaßeshalber die kleine, breitblockige Elsässerin. Befand ich mich mit den Buben auf einer größeren Tour unterwegs, so war es mir am liebsten, wenn der prächtige Capitano Reginen unterdessen Gesellschaft leistete und sie mit den Mädchen für eine bequeme, hübsche Tour mitnahm. Sie konnte keinen zweiten Edelmann wie den zur Seite bekommen.

Soviel sah ich freilich schon am ersten Tag, wie sie trotz ihrem aufrechten Gehaben nicht bloß seelisch, sondern auch körperlich von der so langen, schweren Vergangenheit ermüdet und entkräftet war. Aber ebenso offenbar war, daß ihre zähe, immer noch jugendliche Kraft und gesunde Art das schnell überwinden werde.

»Probieren wir es einmal auf den Pizzo Cavagnoli,« ermunterte ich Reginen eines Tages und zeigte ihr den kaum vierstündigen, aber steilen Marsch auf der Karte. »Das ist zu viel, jetzt schon, für das erstemal,« versetzte sie leis lächelnd. Ich begriff sie auf der Stelle. Sie meinte nicht bloß ihre leiblichen Füße, die sie nicht schon so weit tragen würden. »Verzeih' mir,« bat ich rasch, »ich hätte das wissen sollen!« Und ich machte den Fehler sogleich gut, indem ich für den gleichen Tag, wo die Buben mit mir auf den Cavagnoli zogen, für Regina und den Capitano einen Spaziergang zur Alpe Cruina einfädelte. Dort rauschen die beiden jungen Brüder Tessin durch die Wiesen, es blühen Edelweiß am Nufenenstock, und ein Quell gurgelt aus moosgrünem Grund, bei dessen Genuß man sich wohl fühlt wie ein neuer, reiner, schmerzloser Mensch.

Als ich mit den Knaben auf den Cavagnolisattel gelangte, hinter dem auf Armweite gleich der Cavagnoligletscher begann wie eine gedehnte, mächtige Schneewiese mit ein paar schwarzen Felsköpfen an den Rändern und dem südblauen Himmel darob, da ließ ich die jungen Springer allein auf den ungefährlichen Schuttkegel zum Steinmannli hinauf. »Wie weit ist's wohl? Eine Stunde, schätze ich.«

»Was?« lachten die Schlingel. »Eine Stunde? Kannst auch sagen: Zehn Minuten!«

»Fast werf' ich einen Stein hinauf,« prahlte Arnold hinzu.

»Ihr nehmt es zu kurz!« tadelte ich.

»Und du zu weit!« kam es prompt zurück.

»Besser zu weit als zu nah!«

»Besser nicht zu weit und nicht zu kurz!«

»Wir wollen sehen, wer recht hat!« rief ich diesen sichern und imponierenden Burschen nach. Ich mißtraute mir schon. Kurzsichtig, wie ich zeitlebens war, betrog ich mich immer in den Distanzen, sah alles immer zu fern und feierlich an. Die Buben konnten recht haben. Nun, eine Stunde würde ich immerhin doch jetzt allein sein. Nie war es mir so lieb und nötig wie in diesen Tagen! Ich saß bequem zwischen den übereinandergerumpelten Gratblöcken an der Luke wie zwischen zwei Welten: hier oben, gegen den Basodino zu, eine silberreine, neue, stapfenlose Welt, vom süßesten Himmel in die Arme genommen, und dort unten das tiefe Bedrettotal, die alte, abgetretene, mit Suchen und Nichtfinden durchkreuzte Welt. In einem Winkel lag Cruina. Gleich waren meine Gedanken am nämlichen Punkt, wo ich sie jetzt immer ertappte, bei Reginen. Ich schaute zurück, ich schaute vor mich und wiederholte: Was geschieht nun mit uns? Wie bald? Wie gut?

Wahrhaft, ich saß an der Scheide meines Lebens! Ade mußte ich nach einer Seite sagen und herzhaft mit beiden zugreifenden Händen nach der andern Seite springen. In aller Sorgfalt wollte ich jetzt mein bisheriges Leben überdenken. Oft in den letzten Zeiten hatte ich darüber eine letzte gültige Rechnung ziehen wollen. Immer war ich gestört worden. Hier nun, wo mir nur der Himmel und die Berge, diese großen Schweiger, ins Heft schauten, konnte ich meine Jährlein wohl gut ausrechnen. Und ich mußte es tun. So sicher wie meine rechte in der linken Hand fühlte ich, daß ich am Punkte stehe, wo das Schwanken aufhört und man sich nicht mehr schuppt noch häutet, sondern reif und stattlich und zufrieden wie ein erwachsener Baum seinen fertigen Stand behauptet. Zweiunddreißig Jahre zählte ich, dreißig Regina. Das war vielleicht die Hälfte unseres Lebens, die unreife Hälfte, die Hälfte in der Schulbank und in der Lehre, im Suchen und Irren. Jetzt kommt die andere Hälfte im Besitzen und Genughaben, nach der Lehrzeit die Meisterschaft des Lebens! Lange Zeit hat es gebraucht. Andere sind mit zwanzig Jahren so weit. Warum . . .

»Johoo – Ziiiuuu!«

Der Tausend, die Spitzbuben sind schon oben. Sie schwenken die Filzhüte und jauchzen, und ihre dunklen Gestalten biegen sich, von mir aus gesehen, geradeswegs in die Himmelsbläue hinein. Wie groß und nahe die Kerls scheinen! O ja, jetzt weiß ich, wo der ewige Fehler meines Torenlebens lag! Das ist's, auf Ehre: auch meine Seele ist immer kurzsichtig gewesen! Alles, auch das Nächste, ist ihr immer wunderbar fern und feierlich vorgekommen. Nie sah ich's recht genau. Nach vier Semestern bei der gleichen Philisterin wußte ich nicht, ob meine Bude drei oder vier Fenster hatte. Und so ungenau und von weitem sah ich die Menschen. Von weitem, ja, wo das Schöne immer schöner und das Böse immer schlimmer, als es ist, erscheint. Richtig sah ich weder das Gute noch das Üble. Sonst hätte ich Theodor und Urselchen nicht so vergöttert und Regina nicht so verketzert . . . Ja, ja, diese verdammte Kurzsichtigkeit . . . Vielleicht hatte auch Regina am gleichen spitzbübischen Fehler gekränkelt. Ganz richtig hat auch sie mich nie gesehen. Und den Theodor nicht. Es muß heillos schwer sein, die Distanzen richtig abzuschätzen . . . Jauchzt nur, ihr Buben, da oben und behaltet euer nüchternes Auge!

Wieder fiel mein Blick ins tiefe Tal, an den Fuß des Nufenen, wo die dünnen Bäche rechts und links niedergehen und von hier wie zitternde Silberfäden über grünen Samtkissen anzusehen sind. Regina wird jetzt an einem dieser klaren Gewässer stehen und vielleicht im Spiegel ihre Seele studieren, wie ich es hier oben tue. Zwischen mir und ihr war noch nie ein ungewöhnliches Wort gefallen. Auch sie hatte zuerst eine große Arbeit mit sich selbst abzutun. Jeden Morgen, wenn sie zum Frühstück herunterkam, sah ich ihr eine Stunde an, wo sie nicht schlafen konnte, wo sie noch zehnmal härter als ich mit der Vergangenheit ringen mußte, wo der Geist des neuen Lebens und der Geist Theodors sie rechts und links anfochten und ihr mächtige Drangsal schufen. Oft schien mir, Regina schäme sich. Aber vor wem denn? Warum? Vielleicht vor sich selber. Weil sie in so wenig Zeit sich als ein anderes Weib erkannte, ein verändertes, vergeßliches, der Vergangenheit untreues, eines, das zu schnell von einem Leben ins andere, von der Trauer in die Zufriedenheit umgesattelt hat, das den neuen Tag begreift und sich darin einzubürgern sucht? Oder schämte sich Regina auch noch vor mir, weil sie vielleicht auch auf einen langen Irrtum ihrer Vergangenheit zurücksah, auf eine Liebe, zehnmal zu groß für ihren Gegenstand? Merkte sie das jetzt so schnell, weil dieser Gegenstand hin war und so merkwürdig wenig, fast nichts von ihm dablieb? Es sollte doch etwas Ernstes davon übrigbleiben, eine große Mannestat, schöne, väterliche Werke, Opfer und Erfolge, Erinnerungen an einen tiefen, ehelichen Gedankenaustausch und an tüchtige Zukunftspläne. Aber auch da war wie bei Urselchen keine Fußspur übrig, nur ein helles, leichtes Lachen. Nicht einmal Arnold und Klärli behielten etwas vom Vater als ein langweiliges Bett und viel Schlafen. Tagelang sagten sie nie Vater. Hatte auch Regina sich getäuscht, etwa so, wie man einen prächtigen Menschen, weil er lärmt und prunkt, für einen Millionär ansieht, aber dann, sowie er erblaßt und man im Erbe herumstöbert, doch kein Vermögen vorfindet und nun erst merkt, wie dieser Mensch eigentlich auf den Schein und großen Schimmer gelebt und sich und alle Umgebung damit in guten Treuen belogen hat? War das so? Jedenfalls mußte Regina merken, daß Theodors Tod nicht die verzweifelte Lücke riß, vor der ihr gebangt hatte. Die große Öde war nicht eingetreten. Das hatte sie nach der ersten, fassungslosen Erschütterung bald empfunden.

O, sicher war es ihr ergangen wie uns Kindern einmal! Es ist meine letzte starke Erinnerung ans dem Dorf. Da stand ein gewaltiger Birnbaum vor dem Hause, eine wahre Majestät mit Krone und weitem Geäst. Wir liebten ihn. Er orgelte so prächtig im Wind und machte überhaupt eine so stattliche Figur gegen das Dorf. Auch war es so lustig, darin herumzuklettern und an seinem untersten Ast sich am Seil erdauf bis ins Laub zu schwingen. Aber Birnen brachte er keine. Er blieb hartnäckig schön und – unfruchtbar. Da schneite es einmal tief in den Mai, wo unser Baum schon im vollen Blattwerk stand. Wie das krachte durch den Riesenleib, entsetzlich, wie die Knochen eines sterbenden Menschen! Wir mußten ihn umreißen. Das war eine Jammerstunde. Am ersten Tag ging niemand vors Haus, so wüst und ausgestorben kam uns der Platz vor den Fenstern vor. Aber am zweiten Tag fanden wir es schon leidlicher, am dritten gefiel uns der freie, weite Ausblick nicht übel. Es wurde ein sauberes Gärtlein an der Stelle gebaut, und schon im Herbst, wenn wir daraus Gemüse für den Tisch oder Naschereien außer Tisch holten, konnten wir es nicht mehr recht fassen, daß hier ein Zierbaum gestanden, und noch weniger, daß man ihn hatte lieben mögen . . . Tue ich Theodor ein Unrecht an, wenn er mir jetzt als so ein schöner Baum vorkommt? Täte Regina unrecht? Und ist es schlecht von uns, wenn wir schon meinen, ein Garten sei besser, ein schmucker, nahrhafter Garten, wo man säet und erntet, arbeitet mit Schaufel und Pickel, daß es klirrt, und abends den Schoß voll Segen hat und einander neckt: Wer hat mehr geschwitzt? Wer hat mehr erheimst? So ein Ehegärtlein für zwei, für beide Arbeit, für beide Segen, nicht auf eine Seite nur das Feiern und auf die andere nur die harten Pickelschläge, ein Ehegarten, schön am Werktag und schön am Sonntag, wäre das nicht das beste? Der harte Pickel und . . .

Ich phantasiere. Da klirrt es ja wirklich am Gefels von einem Pickel in mein Sinnieren hinein. Kommen die Buben schon zurück? Keine Rede, die gaffen und stolzieren dort oben noch immer in den blauen Himmel hinein. Da herüben, vom nahen, fast unmöglichen Giacomohorn kommt der Lärm. Sackerlot, jetzt seh' ich, drei Verwegene suchen den Gipfel zum erstenmal durch die Nordwand herauf zu nehmen. Ich kenne sie. Es ist ein Linsingen und ein Bülow, verfluchte Waghälse.

Der dritte, der jetzt gerade mit einem frechen Pfiff in einem verteufelt steilen Kamin verschwindet, das ist der Robert Beder, der kluge, klare Führer. Ich habe gestern ihre Verschwörung gegen seine Majestät Piz Giacomo I. mitangehört. Nun führen sie wahrhaft das Attentat aus. Es ist ein gewaltiges Zuschauen, wie sie an den Wänden des Kolosses kleben, die Zwerglein, und dem Riesen langsam, langsam immer etwas von der Höhe nehmen. Sie kriegen ihn ohne Zweifel. Aha, jetzt stutzt der Linsingen! Ein glatter Turm starrt vor ihm auf mit Kanten wie der Tod. Was tut er? Alle drei halten inne. Stillstand. Beratung. Sieh da, sie krebsen zurück! Wie feig! Tiefer, tiefer! O, die wollen den sichern Boden küssen, die Helden . . . Gott verzeih' mir . . . . Nein, jetzt stockt die Flucht, an einer verzwickten Felsrinne. Sie streben links hinauf, unter einem überhängenden Steinaltan durch . . . Bravo, es glückt! Sie schwingen sich hinauf, verschnaufen, der Beder pfeift wieder, jetzt seilen sie sich besser an, häkeln sich wieder am Steingetäfel wie Spinnen an der Stubenwand empor. Nochmals zurück, wieder auf . . . In einer Stunde werden sie den Pizzo haben . . .

Auf dem Gipfel Cavagnoli hinter mir ist es still geworden. Die Buben haben das Abenteuer auch erspäht. Sie hocken auf dem runden Steinmannli und verschauen sich ganz im Zauberwerk gegenüber. Mehr als alles Gekletter hatte mir imponiert, wie die Herren ein großes Stück zurückgingen. Eine scharfe Stunde verloren sie dabei. Und wie sie dann frischer als zuvor wieder emporklommen. Recht hatten sie. Mut muß man haben. Immer wieder neu probieren. Nie ist es zu spät. So sang und lachte es vom Fels herüber, das musizierte auch der frische Wind hier oben, das malte mir der kühne Himmel herunter, das jodelten meine Jungens auf dem Gipfel, das zog wie eine allmächtige Wahrheit durch diese ganze Welt und berauschte mich ganz. Und das gewaltige Finsteraarhorn in der fernen Luke des Nufenenpasses, das mit dem Schreckhorn so unglaublich über den Horizont hinausstürmt und dort Himmel und Erde bindet, es nickte nicht, aber es wagte auch nicht nein zu sagen. Also war es wahr. Denn dieser finstere Dämon würde zuerst nein sagen, wenn er könnte. O Leben, o Lieben! Ich hatte also noch nicht zuviel in meiner Lebenskletterei verloren! Jeder muß etwas zurückklettern und weiter unten besser anfangen. Wenn der Gipfel dort es wert ist, soll es Regina nicht tausendmal werter sein?

Ich blieb bewegungslos auf meinem Zuschauerplatz, bis die drei Sieger auf dem Pizzo standen, alles unter sich außer dem Himmel. Nein, auch von ihm ein großes Stück! Wie der Linsingen und Bülow jubelten und ein Steinmannli bauten! O, sie durften triumphieren! Und ich werde es auch dürfen, wartet nur!

Am nächsten Tag, es war der vorletzte meiner Ferien, wollte ich Reginen licht und schlicht erzählen, was ich auf dem Paß erlebt hatte. Die Kinder waren dabei, alle vier. Sie hinderten mich nicht. Einzig Ernst Eisen machte mir mit seiner Mondsichel einige Mühe. Aber auch das würde ich überwinden. Regina war ja nach und nach die Mutter nicht bloß ihrer, sondern auch meiner zwei Kinder geworden. Eisen gehorchte ihr zweimal leichter, Mimeli zweimal schneller. Fremde Leute hätten sicher nicht erraten, welche von den vier nicht ihr eigen gehörten. Das Sorgen um die Kinder hatte Reginen und mich Tag für Tag nähergebracht. Das war ihr und mir ein neues, schönes Doppelgeschäft. Ihr und mir hatte da bisher niemand geholfen. Wie oft fanden wir uns auf der stolzen, schwierigen Stirne Arnolds, wie oft auf dem gar zu nachdenklichen Antlitz Mimelis zusammen und fühlten uns sogleich wieder um einen dicken Blutstropfen verwandter! Daher mußten die Kinder dabei sein. Wir saßen an ihrem Uferplätzchen. Es war Abend. Der Tessin leuchtete und wallte mit dem Abendrot talab. Die Bäume hier unten und die Berge am Himmel schliefen schon. Es war eine Stunde wie gemacht zu schönen Bekenntnissen.

Ich fing mit der Kletterei an und rühmte das Zurückgehen und erneute Vorwärtsstreben der Burschen. Die Kinder merkten auf. Aber als ich mich nun selber in die Schilderung flocht und mit dem Erzählen leiser und scheuer wurde, da sah mich Ernst silberig an, lächelte kühl und zog die Mondsichel so hoch wie noch nie in die magere Wange hinauf. Das nahm mir alle Lust, die Andacht und Rührung meines Innern vor diesem Spitzmaul auszubreiten, und ich sann nun doch auf ein Mittel, die Kinder mit gutem Anstand wegzuschicken.

»Und dann, haben sie es erreicht, das Horn?« fragte Regina mit großen, aufleuchtenden Augen.

»Sie haben es erzwungen, Regina. Man erzwingt alles, wenn man will, wenn man sich zur rechten Zeit zurückzieht und zur rechten Zeit wieder vorwärtsgeht!«

»Auf so einem Gipfel muß es dann wohl schön sein,« lenkte sie ab.

»Pyramidal schön!« großhanste Arnoldli. »Man sieht das Finsteraarhorn, das Schreckhorn . . . das Wetterhorn . . . das . . . die . . .«

»O, man sieht noch viel mehr! Zum Beispiel soviel Himmel, wie nie hier unten.« Das sagte ich mit dringender Absicht.

Regina schwieg. Da faßte ich ihre Hand und fuhr stürmisch fort: »Wollen wir morgen den Rotondo probieren? Du und der Capitano und ich? Wollen wir zeigen, daß wir auch noch immer etwas leisten können? Wenn wir das können, dann können wir noch viel anderes meistern. Dann ist nichts mehr schwer für uns!« Ich zitterte vor Aufregung, sie würde nein sagen. Sicher sagte sie nein. »Du bleibst noch lange hier,« drängte ich weiter. »Aber morgen ist mein letzter Ferientag. Du, mach' mir die Freude! Es wäre die schönste der ganzen Zeit.«

»Ist es nicht zu früh? Nicht zuviel?« fragte sie ruhig.

»Nein, Regina!« jubelte ich. »Es ist gerade zur rechten Zeit für uns. Wir gehen also, morgen früh um vier Uhr. Mit der Sonne beginnen und enden wir. O, welch ein tapferer Tag wird das sein!«

Regina stand vom Rasen auf und schüttelte die Lärchennadeln von sich.

»Gut, probieren wir es einmal!« beschloß sie.

Von den Kindern umfragt und umklatscht gingen wir wortlos zum Gasthaus zurück, um zeitig zu schlafen. Ernst Eisen aber hatte allen Spott aus dem Gesicht verabschiedet und meinte bewundernd: »Tante Gotte, wenn du das kannst, muß man dich im Kalender abphotographieren!«

Aber es kam anders. Im Albergo ward mir gesagt, daß ein Arbeiter unten im Hospiz vor Bauchweh wie ein Verrückter schreie. Ob ich um Gottes willen ein Mittel wüßte.

Es war ein alter Kerl mit schmierigem Bart und Kleidern so braun wie der Dreck, in dem er droben am neuen Giacomoweg herumpflastert. Er war sicher seit Wochen nie aus den Kleidern gekommen, und es bedeutete ein Heldenstück, den Schmutzfinken nur auszuziehen. Aber die Geschichte wurde gleich furchtbar böse. Dem armen Maurer war die rechte Hälfte des Unterleibes hochgelaufen. Ein eingeklemmter Bruch lag vor und mußte, ginge es, wie es wolle, auf der Stelle operiert werden. Niemand, außer dem gleichmütigen Wirt, wollte dabei sein. Alles hatte Grauen vor dem Messer. Da sagte Regina in ihrer bündigen Ruhe: »Ich gehe nicht weg, ich helfe.«

Einen dritten Gehilfen mußte ich wenigstens noch haben, der die Lampe hielte. Auch der meldete sich freiwillig: Ernst Eisen.

»Kannst du aber auch Blut sehen und aufgeschnittenes Fleisch . . . Wie? Davonlaufen darfst du dann nicht mehr!« warnte ich.

»Meinst wohl, ich sei ein Mädchen! Es macht mir Spaß!«

Ich schluckte den Ärger über diese Grobheit hinunter und ordnete das Allernötigste. Auf einem harten Kanapee ward die gefährliche Operation in tunlichster Eile und mit dem kümmerlichsten Werkzeug am eingeschläferten Andrea Bolzi ausgeführt. Wir hatten nicht einmal genug Zeug, um den Mann festzubinden. Forni mußte seine schweren Arme zu Hilfe nehmen, während der Eisen stramm mit der Lampe leuchtete und sich in seiner kaltblütigen Neugier nicht das geringste an der grausamen Arbeit entgehen ließ. Ihn grauste und rührte scheinbar nichts. Bewunderungswürdig aber war, mit welcher Umsicht Regina ihre kleinen und doch so wichtigen Dienste versah und stets flink und geschickt zur Hand war, wo es eben not tat. Sie nahm mir tapfer die blutigen Tücher ab, schnitt einmal, wo ich keine freie Hand hatte, mit fester Schere einen Hautlappen weg und ward, wie ich mit Entzücken sah, immer mehr ihres Schauderns Herr und verlor dabei doch auch nicht den leisesten Schimmer ihrer frauenhaften Teilnahme aus den Augen.

Als bei allen rohen Mitteln die Operation dennoch, soweit man sie beurteilen konnte, gut geglückt und der Patient in die oberste, ruhigste Hospizkammer bequem gebettet und mit einer Nachtwacherin versehen war – es ging schon gegen Mitternacht – wuschen wir drei uns die Hände im heißen Wasser, und ich sagte, indem ich im Seifenschaum des Beckens Reginens Hand erwischte und herzhaft drückte: »Du hast dich heute benommen wie die meisterhafteste Doktorsfrau!«

»Der Doktor war ja auch ein Meister!« entgegnete sie und entschlüpfte hurtig. Dann trocknete sie ihre lange Hand und sagte, indem sie weit damit ausholte: »Aber einen weiß ich, der ganz schlecht geholfen hat!« Und im gleichen Moment flammte über die bleiche Backe Eisens eine majestätische Ohrfeige.

»Ich wollte,« fuhr sie mit bezähmtem Zorn fort, »Walter bitten, dich morgen auf den Rotondo mitzunehmen. Nun hast du das dafür. Flenn nur! Und lern' zuerst ein Herz haben! Mit dem Kopf allein bist du nichts wert!«

Zähneknirschend stürzte der Bengel zum Hospiz hinaus.

»Wir gehen doch morgen auf den Rotondo, nicht wahr?« wandte sie sich zu mir. Und jetzt sah ich, wie sie von der Aufregung mit dem Buben erblaßt war. Ich verbeugte mich in stiller Bewunderung vor diesem Weibe. Ein würdiges Wort hätte ich nicht gefunden . . .

Doch am Morgen konnten wir weder um vier, noch fünf, noch sechs Uhr weg. Andrea war erwacht, erbrach sich immer wieder und schlief erst gegen neun Uhr mit allen Zeichen einer erquickenden Erleichterung wieder ein. Wir hatten nach dem Arzt in Airolo geschickt, und das Telephon meldete ihn unterwegs. Am Bette wachte die Schwester der Padrona. Sie hieß Ancilla und war ein Engel der Arbeit und Zufriedenheit. So durften wir getrost aufbrechen. Es war nur etwas hoch am Tag und der Osten bewölkt.

Langsam stiegen wir am tiefen Bett des Rotondobaches empor bis zur großen Steinmulde unter dem Kühbodenhorn. Der Capitano machte den Führer. Wir waren nicht müde. Aber wir sprachen aus einer gewissen Scheu nicht miteinander. Wir fühlten, wie nahe wir uns gestern gekommen waren, und wir fürchteten, ein gewöhnliches Wort könnte diesen heimlichen Zauber zerstören; doch jedes spürte vom andern eine Verehrung und einen Respekt wie eine unsichtbare warme Wolke entgegenwehen. Meine Wolke war hell und heiß wie jene über der Adulagruppe aufgetürmten wirklichen Wolken, in die jetzt die Sonne fuhr. Sie hatten ihre große Stunde, ihre Liebe gewonnen. Die Sonne hielt sie am Herzen . . .

Jetzt ging es um den aus dem Gletscher oben in die Alpe hinunterwachsenden zackigen Mittelgrat herum. Wir hatten uns verstiegen. In dieser Höhe gab es keinen Übergang. Klötze rutschten unter unsern Absätzen in die Tiefe und stoben und spektakelten dazu zum Bangemachen, während zu Häupten der Grat uns eigensinnig seine Nadeln und Lücken wie ein Riesengebiß wies und sagte: Keine Rede, daß ich euch da durchschlüpfen lasse! Wir zerstachen uns die Finger an den glatten Scherben des Gneißglimmers und an den dazwischen wachsenden niedrigen Bergdisteln. Im Nu hatte auch Regina einen Riß im Rock von unten bis oben. Da wickelte sie einfach das Kleid bis zum Gurt empor und stand nun in einem straffen, aber, wie ich gleich sah, trotz den schön brodierten Blümleinbordüren nicht ganz makellosen Unterrock da. Es gab da Nähte und Dreiangel, die laut nach der Nadel schrien. Aber mit jenem wunderbaren Leichtsinn, mit dem sie als Mädchen durchlöcherte Strümpfe und ungeschnürte Schuhe getragen hatte, wies sie über die Schäden hin und sagte: »Wer denkt hier an solche Kleinigkeiten?«

Wahrhaftig, wäre alles sauber und korrekt geflickt gewesen, es wäre mir nie so köstlich leicht zumute geworden wie jetzt! Ich weiß nicht wieso, aber von dieser Minute an dünkte mich Regina dreimal erreichbarer . . .

Wir mußten ein Stück zurück. Der Berg gebärdete sich wie ein Flegel. Erst als wir unten die Gratlücke gefunden hatten, ging es anständiger durchs Steingetrümmer und dann im steilen Schutt der Moräne zum Gletscher hinauf. Links den Felsen entlang stapften wir im harten Schnee auf die Paßhöhe und staunten, wie mit jedem Schritt der gewaltige Zirkus von Bergen um uns wuchs. Zwischen den dunkelgrauen Häuptern wölbte sich der saubere, spaltenlose Gletscher. »Wie schön wird es jetzt,« sagte Regina. – »Ja,« gab ich zurück, »da unten war der Berg noch ein rechter Schlingel; aber hier oben hat er sich nun in ein rechtschaffenes und solides Wesen ausgewachsen . . . Und dann, Regina, die Schwurfinger auf, wer ist kein Schlingel gewesen?«

Ich blickte sie verwegen an und da schlug sie zum erstenmal die seidigen Wimpern nieder.

»Aber,« fuhr ich wie ein Eroberer fort, »das Leben macht uns springen und klettern, bis man genug hat. Ich glaube, die Schlingelhaftigkeit liegt weit hinter uns.«

Wahrhaft, der Rotondo ist ein fertiger, derber Mann! Was für gewaltige Ellbogen macht er, und wie steift er sich hoch in den Schultern! Über den Firn war es ein Spaziergang. Aber zum Gratsattel ging es steil auf. Und ohne daß wir es sonderlich merkten, war es schattig um uns geworden. Wir meinten vom Berg neben uns. Aber der Capitano zeigte auf einen düstern, formlosen Nebel, der sich aus jenem hellen Gewölk ob der Adulagruppe in grauen, mächtigen Gespinsten über den Himmel gezogen hatte und uns alle Sonne und Bläue nahm. Sogleich schien das Rotondogestein schwarz, die nahen Hörner drohender, das Eisfeld unter uns tot, und wenn ein Stein an den Flanken niederrumpelte, ließ er eine doppelt schwere Stille zurück. Kein Vogel, kein Vierbeiner, keine Mücke – nur wir drei lebten noch hier oben . . .

Wahrhaft, der Rotondo ist ein fertiger, derber Mann! Als wir endlich die Achsel erreichten, schmiß er uns das Gewölke ballenweise ins Gesicht. Der Nebel rauchte in langen Schwaden um uns und füllte unsere kalten Nasen mit seinem herben Modergeruch. Das schwelte auf und ab, und nur noch schattenhaft erkannte man einen besonders groben Gratzacken aus dem Dunst.

»Farla, lascia farla,« sagte der Capitano mit seinem unerschütterten Baß und setzte sich auf einen der feuchten Blöcke. Wir machten es ihm nach und schauten dem grauen Tanz der Nebeljungfern zu. Wenn sie ihre Tücher ein wenig lockerten, sah man wieder ein Stück Firn unten oder einen Brocken Berg ob uns. Aber gleich ward alles vom dicken Qualm wieder verhüllt. Uns begann zu frieren. Die Kleider wurden allmählich naß. Aus dem Nebel ward ein feines Getröpfel, dann ein eigentliches Niederprasseln von Regen und Eiskörnern. Das Gesicht brannte uns davon. Rechts und links pfiff der Wind in die Scharten. Es war das Gescheiteste, zurückzugehen.

Je tiefer wir stiegen, um so lichter wurde es um uns, und auf dem Gletscher standen wir wieder mitten in der warmen Nachmittagssonne. Das Gewölk hatte sich über dem Rotondo ausgeregnet. Mit nassem Gesicht lachte er seinen kräftigen Manneshumor auf uns Geprellte nieder. Die letzten Nebel zerflossen. Nur der Galenstock und die Berneralpen litten noch im nordwestlich verbrausenden Unwetter.

»Sollen wir es nochmals probieren?« fragte ich unschlüssig den Capitano.

»Es ist su sspät; das näggste Jahr, Signor Walter!«

Nachdem wir am jenseitigen Gletschersaum, der an einer Stelle nach All' Acqua hinunter wie Silber überhängt, in ganz ungekürztem Humor kampiert hatten, stellte der Capitano seinen großen Apparat mit dem Zeißanastigmat auf, und ich merkte wohl, wie er auf gute Art eine Gelegenheit erlisten wollte, wo er Regina ganz allein mit dem Rotondo im Hintergrund auf die Platte bekäme. Das soll ihm nicht glücken. Ich machte mich immer um sie zu schaffen, und so manches Mal der schlaue Capitano den Apparat anders rückte, rückte auch ich schlau so, daß ich unfehlbar mit ins Bild kam.

»Schau', schau',« rief da Regina, »wer taucht dort am Schnee auf? Meiner Seel', das ist der Ernst und der Arnoldli . . . Am Seil . . . Und Pickel haben sie auch, die frechen Buben!«

»Sie kommen uns entgegen!«

»Allein die Felsen und den Gletscher herauf . . . Welche Großhanse!« schimpfte Regina und strahlte dabei vor Vergnügen.

»Ziiijuuh!« jauchzte jetzt die herrliche Jodelstimme Arnoldlis. Sie schwangen die Pickel in der Sonne, daß es blitzte.

Was wollten die zwei Schlingel? Ach, der Arnoldli sprudelte es mit seinen gesprungenen Lippen heraus: wie der Eisen den ganzen Vormittag bei Andrea Bolzi bolzgerad gewacht und nach dem Aufwachen den Tschingg mit Tee und Eiweiß bedient und immer Pst, pst! gemacht habe, non parlar, niente parlare . . . kurz, ihn so gut als möglich gepflegt habe, bis der Doktor von Airolo mit Sonnenschirm und weißer Weste dahergestiefelt sei und alles vorzüglich befunden und den Signor Dottore Walter in den Himmel, und zwar bis mindestens zu den Erzengeln hinaufgerühmt habe.

Hier gab ihm die Mutter einen Klaps.

Und so seien sie uns entgegengelaufen, damit wir weiter keine Sorgen hätten und nicht zum Hospiz hinab pressieren müßten. Der Ernst sei immer vorausgerannt und habe ihm mit Seil und Pickel, wo eine kitzlige Stelle war, pyramidal nachgeholfen. Der Eisen – großer Gott – kann alles, klettern, über Spalten von Klafterbreite gumpen und sogar drei Stunden lang totenstill neben einem elenden Schnarcher stehen! Pyramidal!

Ernst Eisen stand auch jetzt starrend bleich neben uns und redete kein Wort. Aber er erwartete etwas. Die Ohrfeige mußte weg. Er hatte alles getan . . . Na, mehr konnte er nicht!

Regina blickte ihn voll Mütterlichkeit an, lange, lange, und sah dann auch Arnoldli mit den nassen Schwatzlippen und das Seil zwischen beiden Jungen an und sagte endlich: »Wenn du so ein Tüchtiger bist, dann führe mir den Arnold nur weiter! Kein Mann könnte es meinem Bub schöner vormachen!«

»Ja, Eisen,« bekräftigte ich, »du bist ein Edelmann! Das haben wir immer gewußt!«

Der Bursche biß die kleinen Zähne vor Eifer so hart in die schmale Unterlippe, daß alles Blut daraus wich. Er dankte wortlos mit einem stolzen Nicken seines langen Gesichtes. Aber dieses knappe Nicken war mit dem gleichen Gefühl geschehen, mit dem andere unter Tränen und Schwüren uns halbtot drücken.

»Du bist ein Teufelskerl,« sagte ich und suchte mich mit diesem Kraftwort möglichst aus der Rührung herauszuschaffen. »Seht, wie er das Seil geknotet hat, ganz fachmännisch, und wahrhaft, da hast du ja einen wüsten Schnitt im Handballen! Ernst, den muß ich sogleich . . .«

In diesem verschmitzten Moment griff der Capitano blitzschnell nach dem Gummiverschluß, und ich, als gölte es meine Seele, stürzte vom geliebten Knaben zur hundertmal geliebteren Frau, stürzte mitten ins Bild hinein. . . . Tack!

»Ma, Signor Walter,« brummte der Photograph mit seiner untersten Orgelpfeife. »Sie sturzen in das Platte, Sie werderwen meine Fotografia . . . Sie . . .«

»Verzeihung,« bat Regina lächelnd, »aber Walter gehört aufs Bild . . . Heuer unter dem Rotondo, doch das nächste Jahr oben!«

»Das nächste Jahr oben!« wiederholte ich dankbar und schüttelte ihre starke Hand.

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*

Ich wußte wohl, daß es ein langes und nicht leichtes Jahr sein würde. Als ich am nächsten Tag allein das Tal hinunter nach Airolo zog, hatte ich neben dem eintönig rauschenden Tessin am vogelstillen, einsamen Nachmittag Zeit genug zur Betrachtung, was es noch alles für uns beide zu überwinden gab bis zum eroberten Gipfel: Tage, wo man wieder scheu oder reuig oder bang zurückweicht, Tage, wo das Herz in Wind und Eis gefrieren will, Tage, wo starke Nebel aus der Vergangenheit steigen und bald wie fernes abendliches Heimwehgewölke, bald wie nahe zornige Gewitter unsere Seele zwischen Ja und Nein herumjagen! Regina wird das dreifach schwer zu fühlen bekommen, ich weiß es . . . Aber der Tessin lief so kräftig vor mir her, die Berge glänzten so frisch im obersten Schnee, ein kleiner tapferer Ostwind blies mir so keck ins Gesicht und am Airoler Bahnhof pfiffen die Lokomotiven so siegreich und schritt das Touristenvolk so tatenlustig von Wagen zu Wagen, daß meine Hoffnung gewaltig über alle Sorge emporflog und ich dem Ernst Eisen noch rasch eine Ansichtskarte mit der größten, von ihm unsäglich verehrten Gotthardlokomotive kaufen und darauf mit spaßhaftem Ernst schreiben konnte: »Grüße mir mein Mimeli und seine Mutter! Und dann steht im Fremdenbuch noch ein sehr häßliches Wort, woran Du mitschuldig bist. Ich bitte Dich, streiche es mit einem tapferen Federzug Deiner verwundeten glorreichen Hand aus, daß kein Tüpfelchen übrigbleibt vom

gewesenen Hagestolz!«

 

Ende


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