Heinrich Federer
Regina Lob
Heinrich Federer

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Am Tische des Gasthofs saß mir ein Herr zwischen vierzig und fünfzig Jahren gegenüber. Er war mir in seiner schön und solid gebauten Gestalt besonders darum aufgefallen, weil er damit die Gelenkigkeit eines Jünglings verband, und mehr noch, weil dieser Mischung auch sein Geist mit einer prachtvoll abgewogenen Dosis von Tüchtigkeit entsprach. Eine Stirne voll Geist und ein Schnurrbart voll soldatischem Schneid wurden durch zwei runde, weiche, graublaue Äuglein ins Milde und Zutrauliche gestimmt. Man sagte mir, dieser Giuseppe Rozziceno sei ein hoher und leutseliger Beamter seines Kantons, aber ein eingefleischter Junggeselle. Wie er ganz allein schwierige Gipfel bestieg oder die Flora der Hochtäler absuchte oder mit Künstlerfreude ein süßes oder wildes Ecklein der geliebten Heimat abphotographierte, wie er dann vergnügt aß und sich so ganz in eine Zeitung oder in einen Haufen amtlicher Papiere vertiefte, die man ihm fleißig nachsenden mußte, ja, wie er abends allen Asti- und Canetotrinkern zum Trotz drei Zuckerchen zierlich in seiner traditionellen Tasse Kamillentee rührte, das kleine Geschirr dann ergötzlich an den Mund setzte und den Trank mit einem leisen, seligen Geräusch langsam hinabschlürfte, dann sich erhob, galant verbeugte und im Gefühl eines sorglosen, von Weiberhaube und Kindergeplärr ungestörten, selbstherrlichen Schlafes davonmachte, wahrhaft schon um neun Uhr, aber wie er dafür auch schon als der erste am Morgen im Freien stand, er und die Sonne ganz allein auf der Welt, gleich stolz und froh: wenn man das alles beobachtete, wirklich, dann mußte man ihn für einen Hagestolz halten, der sich selbst durchaus genügte. So oft mir um jene Zeit Regina in den Sinn kam und mit ihr eine süße Möglichkeit der Zukunft, zart zwar und verschwommen wie ein Wölklein am fernen Westhimmel – dann brauchte sich nur dieser Hagestolz in der Nähe zu zeigen und mit seinem wunderbaren Baß wie mit einer maßvoll geschwungenen As-Glocke seine kurzen klaren Gedanken auszusprechen: so flüchtete sich jenes Wölklein, und ich schämte mich, etwas anderes als einen reinen, starken Hagestolzhimmel gesehen zu haben.

An einem der seltenen Regentage blätterten Ernst und Mimeli im Fremdenbuch und lasen die meist so albernen Verse und spotteten über die entsetzlichen Zeichnungen, die ein begeistertes Baseler Bierherz oder ein loser lombardischer Schlingel dazu ersonnen hatte. Aber es fand sich auch hie und da ein wertvolleres Blatt. So hatte ein gewisser Max Brunner in einer prachtvollen Federzeichnung die Gebirgskette ob dem Hospiz hingesetzt, und ein gewisser geistreicher und poetischer Herr Cima hatte mehrere Gedichte von italienischer Melodie und Lebensfreude in die dürre Prosa des Buches wie Oasen in eine graue Sandwüste gesetzt. Ich vertiefte mich mit meinen Jungen immer mehr in dieses verwahrloste Buch, und während Ernst auf spaßigen Unsinn und Mimeli auf buchstabierte Kleinkinder-Kalligraphie fahndete, beschäftigte mich eine Poesie dieses unbekannten Poeten Cima, in der er sich als Junggeselle an eine »Signora L.« wandte, ihr bald lachend, bald ehrfürchtig einen Kranz um die Zöpfe flocht, mitunter selbst den sehnsüchtigen Ton Petrarcas eine Sechzehntelsnote lang sang, aber alles in allem doch auf seinem Junggesellengipfel saß, nicht gewillt, in die weibliche Botmäßigkeit hinabzusteigen, sondern die Damen aus weiter Distanz, von wo sie alle ästhetisch hübsch und kostbar erscheinen, so recht unabhängig zu genießen. Ein solches Gedicht vermöchte ich nicht mehr zu schreiben, auch wenn ich das Talent dieses feinen Cima besäße. Ich saß nicht mehr über den Frauen, auf einem freien Herrengipfel. Ich lag in der Tiefe, und über mir, auf einer feierlichen Höhe, saß eine Frau, die – was sollte ich es mir ableugnen – die ich von Tag zu Tag inniger liebte . . .

Als wir auf dem letzten Blatt angekommen waren, reichte mir Eisen die Feder und sagte: »Schreib' dich jetzt auch ein, Götti, da unter mich! Für Mimeli hab' ich's schon besorgt.«

Sei's denn! Aber gerade jetzt wäre ich am liebsten in der Gesellschaft dieser vielen Namen ein Unbekannter geblieben. Diese alle wußten genau, was sie waren; aber ich wußte weder recht, ob ich noch der alte Mensch war, noch ob ich ein neuer Mensch werden könne. Mein Name deckte mein Wesen nicht mehr, er schien mir eine Lüge. Man nannte mich Signor Walter. Das wäre genug. Es gibt einen Walther von der Vogelweide und einen Walter Raleigh und einen Walter Scott und vielleicht noch einen, der ein hübsches Weltkränzlein trägt. Aber dann kamen Millionen Walter, die geboren werden und sterben wie irgendein gewöhnliches Fleisch und Bein. Darunter war ich. Und von mir war es am besten, nichts zu wissen als eben dieses allgemeine, nichtssagende, verdienstlose Walter.

»So schreib' doch einmal! Daß wir beisammenstehen und nicht so ein Schwab' oder Tschingg dazwischenhockt!« forderte Ernst unerbittlich und drückte mir die Hand auf die Zeile und machte Miene, mir die Schreibfinger wie einem Büblein der ersten Schulbank zu führen.

Bist du denn auf einmal so schüchtern geworden wie ein Mädchen? tadelte ich mich. Donnerwetter, du trägst doch einen so ehrlichen Namen wie alle Unterschriftler hier! Wie haben sich die doch mit großem Gefühl eingetragen! Jedes Studentlein schreibt, woher es kommt und was es für ein glorreiches Fach meistert, und klext sich um eine Klasse höher an, als es wirklich dürfte. Da steht in einer kriegerischen Säbelschrift: Max Wirz, stud. elect., in einer selbstbewußten, eigensinnig schnörkeligen: Octave Imer, cand. ing. – Da hat ein feiner Preuße sein Robert Lesser, stud. med. mit drei Kreuzlein verziert, um die studentische Würde zu bezeichnen, die er unter vielen gescheiten Berlinerjünglingen als der herrlichste und genialste innehat. O göttliche Menschen, die noch nichts hinter sich und alles, alles, Sterne, Sonnen und Siege noch vor sich haben! Schreibt euch nur aus bis aufs letzte Pünktlein eurer sichern, großen Person: ihr habt das Recht dazu! Aber auch die alten, erwachsenen Menschen, die über ein so unbegrenztes Hoffen hinaus sind, schreiben mit einer kostbaren, fast genußsüchtigen Freude zu ihrem Namen nicht bloß ihren Stand und Beruf, sondern vor allem den Namen ihrer Frau gleich wie eine Eroberung und dauerhafte Beute.

»Was wartest du noch immer!« schimpfte Eisen. »Nun diktier' ich dir, vorwärts, los! Dr. Walter Imber . . . Nein, Imber-Horat!«

»Ich bin doch Witwer. Das Horat schreib' ich nicht mehr. Ich habe genug an meinem Namen!« gab ich ärgerlich zurück.

»So schreib' Witwer!« riet Ernst. »Nein, wart', der prächtige Herr Capitano Giuseppe Rozziceno hat dazu gekritzelt: Scapolo, che vuol dir: H–a–g–e–s–t–o–l–z!«

»Mach's doch noch länger, das verfluchte Wort!« entfuhr es mir grimmig, während ich den Namen schrieb. Zornig tunkte ich die Feder ins Tintenfaß, setzte zum himmelschreienden Wort Witwer an und tropfte einen gewaltigen Klex unversehens mitten ins Blatt. In diesem Augenblick legte der Capitano seine Hand auf meine Achsel. Lächelnd war er hinter unserm zwiespältigen Grüpplein gestanden und blickte nun mit einer lustigen und vornehmen Neugier, die seinen graublauen Augen famos anstand, auf meine schreibende Hand nieder. Und da dünkte mich das Wort Witwer plötzlich so beschämend, dieser Zustand etwas so Demütigendes und Armes, der Gemahl oder der Freier oder der Junggeselle so ganz allein in Recht und Macht, daß ich aus dem W ein H formte, so schwierig es ging, und frech ein breites Hagestolz fertigschrieb.

»Dr. Walter Imber, Hagestolz . . . Bravo, bravo!« rief Ernst und klatschte in seine langen, immer bleichen, trockenen Hände. Aber der Capitano schüttelte leicht den Kopf und sagte in gebrochenem Deutsch und einem wahren Orgelbaß: »Das muß man lustigg scraiben . . . Niggt irato e furioso . . . lustigg!«

Und da ich ihn halb mit Widerspruch und halb mit Verlegenheit ansah und kein schnelles Gegenwort fand, tupfte er mir mit südlicher Energie auf die Brust und sagte: »Farla, sempre farla è il primo e l'ultimo per vivere rettamente. Mi scusi . . . Igg abe zsehn Jahre di piu und bin glückligg!«

»Farla, farla!« klang es mir stundenlang vor dem Einschlafen im Ohr im rollenden Orgelbaß des Capitano. Das heißt: geschehen lassen, kommen lassen, sich nicht sträuben gegen die Natur, aber die Natur auch nicht zwingen wollen: Farla, farla! Und – ich – bin – – glückligg! Gut, es komme, wie es will, wie es muß, dachte ich ergeben und schlief ein mit ruhig gekreuzten Armen, wie einer, der das Leben nun kommen und gehen läßt und nicht von der Stelle rückt, wenn die eine Welle, seine Welle, dahergewogt und ihn mit sich reißt – vielleicht, vielleicht, o, ich werde davon träumen, vielleicht zu ihr!

*           *
*

Mein Vorsatz war unausführbar. Das sah ich gleich. Es wuchs etwas in mir und wurde immer mächtiger, obwohl ich ihm jedes Flecklein im Herzen streitig machte. Eine Sehnsucht und eine Begierde brannten auf, die nichts nach meinem Widerstand fragten. Sie warfen mich einfach über den Haufen. Umsonst versuchte ich, Reginen als widriges Mädchen und boshaftes Fräulein in mein Gedächtnis zurückzurufen. Jene Feindseligkeiten der schönen Jungfer hatten für mich geradezu einen tyrannischen Reiz, aus dem Schmerz einen Genuß zu machen. Sicher, immer hatte ich mich wie ein Schwächling, immer hat sich die Lob wie ein starkes, wehrhaftes Wesen benommen. Und fielen hundert und tausend Schatten aus den unreifen Jugendtagen auf sie, was war sie doch für eine Frau geworden! Jene Nachtwache mit ihr in der Weggisserstube dünkte mich jetzt die süßeste Erinnerung. Was für eine warme Hand hatte damals die meine gedrückt und wie duftete sie vom Reisigrauch und Ofenfeuer! Damals fing sie doch an, vertraulich mit mir zu reden. Und von da an hatte sie ein seltsam gütiges, wenn auch immer ernstes Auge für mich. Gewißlich, ich war ihr ein lieber Kamerad geworden, vielleicht so lieb wie ein Bruder. Ich selbst hatte ja auch geglaubt, meine inbrünstige Verehrung für sie sei ähnlich dem Gefühl eines Bruders zur Schwester. . . . Ach was, Bruder! Schwester! . . . Nichts dergleichen, das erriet ich nun, und nichts von Kameradschaft und Freundschaft! Nein, nein, das ist Liebe, unbeschreibliche, tiefe, überwältigende Liebe!

Zu welcher irdischen Stunde – unirdisch dünkte sie mich eher – dieser unbezwingliche Funke in mich gefahren war, zum zweitenmal in meinem Leben, das wußte ich nicht. Er war jedenfalls nicht hurtig und flackernd gekommen, wie das erstemal. Das war ein Strohfeuer gewesen, ein schönes, helles, geschwätziges Strohfeuer, das keine Wärme und Gluten behielt. Aber diesmal war das Feuer leise und verschwiegen in der hintersten Ecke meiner Seele erglommen und hatte langsam und kaum merkbar um sich gegriffen und mir alles Mögliche, nur nicht Liebe vorgetäuscht. Ich hatte denn auch meine abendlichen Doktorbriefe mit der warmen Hand eines Freundes nach Ilgis geschrieben. Einmal, ja, als die wollenen Socken kamen und ich mit zitternden Fingern in das dicke Maschenwerk bis zu den Zehen hinaufgriff und dachte, ob es von ihrer Hand oder nur von der Schafwolle so eigentümlich warm da drinnen sei, und als ich wahrhaft das gestrickte Zeug geküßt hätte, wenn die alte Else nicht mit ihren blitzenden Brillenaugen mich wie eine starre, wache Eule angeglotzt hätte, ja, damals hatte ich einen schnellen leidenschaftlichen Augenblick. Und ich bin rot dabei geworden und habe nicht mehr geradeswegs in die zwei Augengläser zu schauen gewagt. Aber später stand ich am Siechbett Theodors, und alle Unreinheit wich vor dieser Matrone und ihrem geläuterten Heldengeist. Damals hätte ich alles geopfert, was sie nur heischen konnte, um ihren Gemahl zu retten, so rührend und groß und lieb wurde sie mir.

Da kam der Tod und Paulinens seltsamer Brief. Theodor erlosch vor meinen Augen, als wäre er nie gewesen. Sie aber wurde nun erst recht wichtig. Witwe ward sie und frei und sah noch jung und schön aus. Sie war im schönsten Recht, zu lieben und glücklich zu werden. Und hier, an diesem Punkt fing meine Leidenschaft an. Vorher war sie in die alte Stube des gesetzlichen Zwanges gehalten worden, die Fenster ehrsam verschlossen und das Pförtlein züchtig verriegelt. Aber dann hatte das Schicksal mit Theodors Tod die Lage von Grund aus geändert. Ein frischer Wind ging durch meine Stube, hoffnungsreich standen meine Fenster offen, eine neue Sonne blitzte herein, und ich selber kam mir vor wie unter der Türe stehend und nach Regina ausschauend, ob sie sich auch so frei fühle, auch irgendwo an der geöffneten Schwelle stehe und es auch noch einmal ausprobieren möchte, zu zweien stark und selig zu werden. Alle jene Kleinigkeiten in Elfchens Brief, wo von mir und ihr die Rede war, las ich dutzendmal und suchte sie zu meinen Gunsten zu vergrößern und weiß Gott wie hoch und wichtig zu machen. Und hundertmal fragte ich mich: Hat sie, die doch ohne gewaltige Liebe nicht leben kann, genug am Toten? Braucht sie nicht wieder etwas Lebendiges? Und wenn sie das braucht, was bin ich zur Stunde? Denkt sie wohl auch manchmal, nicht so stürmisch und nicht so klar, aber mit einem leisen, frauenhaften Trost an mich? Ist nicht vielleicht ein tausendstel Fünklein von dem, was mich brennen macht, auf dem unsichtbaren und geheimnisvollen Weg der Liebe und Gegenliebe zu ihr hinübergesprungen? Habe ich Hoffnung, diesen Funken zu entfachen? Wenn das möglich wäre . . . Bei diesem Gedanken wurde mir heiß und bang. Ah, wenn sie mich liebte, wie sie Theodor geliebt hat . . . Nein, das ist eine Unmöglichkeit, das wäre zuviel Seligkeit für mich!

Ich verlor den Appetit und alle Freude am Bergsteigen vor solchen großen, neuen Kümmernissen des Herzens. Oft zwang ich mich, mit Mimeli und Ernst zu spielen, um diese ewige Quälerei im Innern zu betäuben. Doch sogar die Gesellschaft der Kinder tat mir jetzt weh. Öfter und lieber spazierte ich allein unter den hellen Lärchen haldenauf und haldenab, setzte mich an eines der vielen bergab rinnenden Wasser und wollte heftig wissen: warum doch so ein Bach in steter Lustigkeit spielen und so eine heitere Lärche in ungetrübter Gesundheit sich ausbreiten und so ein weißes Flatterwölklein ob allem in herzlosem Leichtsinn durchs Blaue gaukeln dürfe. Ich beneidete sie alle um ihre göttliche Seelenlosigkeit. Auch die Felsen ärgerten mich in ihrer nervenlosen, harten, großartigen Behaglichkeit, die morgen und übermorgen und nach hundert Jahren gleichmütig verharren, während Millionen Menschen vor Glück und mehr noch vor Not wie Glas zerspringen und manches gewaltige Leben zehnmal verscherben muß. Warum ist der Mensch allein so empfindsam gemacht durch alle heiße Haut bis in die härtesten Knochen? Ich schöpfte eine Handvoll Wasser, das stahlblau vom nahen Gletscher kommt, über den Nacken, um mich abzukühlen. Aber danach brannte mein Gehirn nur noch heißer. In meinen Schläfen musizierte das Blut, und ein wahrer Schwindel flirrte mir durch Stirne und Augen. Ich versuchte, an mein liebes Mimeli zu denken. Aber es half so wenig, wie wenn man mit einem milden und feinen Stern die grenzenlose Mittagsonne vertreiben wollte. Wohl aber befiel mich dann eine große Scham vor dem Kinde, und ich schalt mich einen schlechten Vater; denn mir war, ich sei untreu und falsch und pflichtvergessen gegen mein Töchterlein. Es müsse schweres Unrecht von mir erleiden. Wenn Mimeli unversehens mich ansprach oder aus einem Gebüsch plötzlich in meinen hintersinnigen Spaziergang hineinstürzte, erschrak ich jedesmal wie ein Sünder, der auf einem großen Verbrechen ertappt wurde. Aber noch schlimmer war das: Mimeli rümpfte dann jedesmal die kleine wachsweiße Stirne und forschte mich lange mit seinen großen, stillstehenden Augen aus. Ich kam ihm jedenfalls seltsam vor. Mehrmals bemerkte ich, wie Ernst Eisen es dann am Arm packte und mit ihm durch die lichten Lärchen wegschritt. Und ich sah, wie er ihm allerlei ins Ohr tuschelte, wobei das Kind den Kopf schüttelte und ungläubig zu mir zurückblickte. Aber Ernst nickte gebieterisch mit seinem langen Herrengesicht, und Mimeli schüttelte nicht mehr den Kopf. Und beide lächelten verschmitzt, wenn sie zu mir zurückkehrten. Gerne hätte ich sie ausgeforscht über ihre Geheimtuerei. Aber ich wagte Mimeli nicht zu fragen. Ich fürchtete mich vor der Wahrheit seiner reinen Lippen. Und Ernsts spöttisches Lächeln und schlaues Augenblinzeln scheute ich womöglich noch mehr.

Eines Tages saß ich wieder an meinem Bachplätzchen und ärgerte mich aufs neue über den unbekümmerten Mutwillen dieses Wassers. Wieder schien mir alle Natur um mich herum glücklicher. Der Mensch allein mitten drin hat allen Schmerz aufgebürdet bekommen. Ich warf mich auf die von kurzem Heidelbeerkraut und Alpenrosen bewachsene Erde, und wo mich ein kühles Blatt berührte, tat es mir wohl wie Balsam. Da setzte sich eine dicke, häßliche Speckfliege auf ein Zweiglein hart neben mir. Ich scheuchte sie weg. Im Nu war sie wieder da. So ein drittes und viertes Mal. Und jedesmal spreizte sie sich festlich auf dem Blatt aus und ließ die grellen Farben ihrer Staatsfigur in der Sonne nach allen Seiten spielen, so daß es bald grün, bald rot, bald violett um sie schimmerte. Welch ein gespreiztes, eitelsüchtiges Tun, dachte ich und erhob sachte die Hand, um das Tier nun tödlich zu treffen. Da surrte eine andere, etwas schmalere Fliege erschreckt aus dem nächsten Laub hervor und schlüpfte in ein anderes Versteck. Sogleich schwirrte die erste Fliege ihr nach, aber nicht zu nahe, sondern sie stellte sich gleichsam vor ihr Fenster, und zwar so, daß die Sonne ihre Figur aufs neue in die schönste Regenbogen-Gloriole setzte. Aha, Männchen und Weibchen! Nun wurde ich interessierter. Die Sache ging mich sozusagen auch etwas an. Ich mußte staunen, wie das Männchen sich schön machte und wie das Weibchen aus seinem Gitter hervorblinzelte und, je näher das Männchen rückte, um so langsamer und wohl nur aus einer weiblichen Anstandspflicht zurückwich. Manchmal hob das Männchen seine glitzerigen Flügel und schlug ein brillantes Rad damit. Das war seine höchste Kunst. Dann zitterte auch dem Weibchen das durchsichtige Gefieder, und es konnte sein vorwitziges Rüsselchen einfach nicht mehr stillhalten. Es schnupperte und sog . . . die Liebe ein. Und mir war, seine hundert Zwergäuglein leuchteten wie hundert Diamanten.

So, so, da haben wir es! Mut muß man haben, ein bißchen frech muß man sein! Im Winkel wird kein Freier froh. Nachjagen muß man, folgen auf dem Fuß! Farla, lasciar farla: das ist der Spruch der Lebens-Klassiker. Aber ich bin kein Klassiker. Wer liebt, lebt nicht klassisch. Farla, lasciar farla: das ist wohl auch noch häufiger der Witz, den eine geduldige und phlegmatische Gesetzlichkeit im Munde führt. Nein, das kann niemals Natur sein! Die Natur will es anders. Wenn man liebt, darf man kein Philister sein. Dann muß man dem geliebten, ersehnten Weibchen nachjagen, muß vor ihm glänzen, es locken und verwirren, muß mit seinen schönsten Sonntagsflügeln ein Feuerwerk um sich schlagen. Nur so hat das Lieben Sinn und Ziel. So hat es die Natur in sich, so wollte es ihr weiser Schöpfer, und das ist höhere Vernunft als die Pedantenvernunft in einem kleinen, klügelnden Menschenschädel . . .

Mit diesem tüchtigen philosophischen Gewinst kehrte ich ins Gasthaus zurück, und ich merkte wohl, daß meine Sprünge über die Bäche kühner und meine Schritte im Gestein länger und beherzter waren als im Hinweg. Es wehte ohne Zweifel ein ganz eigener, frischer Mut in mir. Nur wußte ich nicht genau, was ich damit anfangen solle oder wie ich ihn gleich recht eindringlich profitieren könne. Zwei Tage trug ich ihn mit mir herum wie ein köstlich, aber gefährlich gefülltes Gefäß, das man nicht recht zu öffnen weiß und das doch erst geöffnet wirksam wäre. Ich war übermütig mit den Kindern und machte mit ausgelassenem Humor das verdammte italienische Kartenspiel Sette e mezzo mit. Dann, wenn der Lärm vorüber war und Ernst neben mir in einem leisen, tapfern Schnarchen schlief, dann ward wieder alles dunkel, und die künstliche Sicherheit des Tages und der Mut und Stolz krochen mir in die Schuhe hinunter.

Am dritten Tag aber langte mit der späten Abendpost ein eiliger und bündiger und doch in den schönen, runden Kopfschleifen ihrer Kalligraphie geschriebener Brief meiner Schwester an. Ich möchte, hieß es darin, ihr und Reginen und den zwei kleinen Weggisserkindern ein ordentliches Quartier in All' Acqua besorgen. Bersolt habe Reginen streng verordnet, für ein paar Wochen von Ilgis wegzugehen, an einen Ort, der höher als Ilgis liege, wo ein Arzt in der Nähe und Ruhe neben guter geistiger Zerstreuung zu haben wäre. Da hätte Pauline gleich an All' Acqua gedacht, wo Walter seine Sommerfrische genieße und alle diese medizinischen Wünsche großartig erfüllt würden. Und Regina hätte nach einigem Widerstand sich darein ergeben, da ja die Kinder mitgehen durften und Pauline den kurzen Rest ihrer Ferien auch in All' Acqua zu verbringen versprach. Wohl hätte die Schreiberin durchaus ein paar ihrer Institutsmamsellchen in ihrem elterlichen Heim besuchen sollen; aber da Regina sich einfach weigerte, nach All' Acqua zu reisen ohne Paulinens Begleitung, und drohte, anders keinen Fuß aus Ilgis zu setzen, so habe Elfchen aus Freundschaft nachgegeben. Alles Weitere mündlich!

Mir wirbelten die wenigen Zeilen beim Lesen wie in einem Schwindelanfall durcheinander. Ich wollte jauchzen vor Freude und wollte vor plötzlicher Verzagtheit gleich wieder telegraphieren: Nein, kommt nicht, ich habe Angst davor . . . Dann aber suchte ich das schönste, zweifenstrige Zimmer, das im obersten Stock des Gasthofs neben dem meinigen lag, durch Bitten und Trotzen und klingende Fürsprache für Regina zu erobern. Ein dicker Holländer und eine noch dickere Holländerin hielten es besetzt und gaben es erst preis, als der schlaue Forni ihnen eine bequemere Schlafkammer im ersten Stock einräumte. Dort logierten zwei junge Bergfexen, die nun in den zweiten Stock hinaufschossen und dort ihrerseits wieder ein Geschwisterpaar in die Einzelkammern unter dem Dach jagten. So ging wegen der einzigen Regina im Hause alles durcheinander. Ungefähr so sah es auch in meinem Herzen aus. Hunderterlei Erinnerungen an Regina erwachten, verhockte und versteckte Gedanken brachen hervor, das eine schoß zu oberst hinauf, das andere stürzte sich zu unterst hinab, eine Züglete und Neueinquartierung geschah genau wie im Gasthof, gern oder ungern, und ich empfand eine reine, neue Hausordnung auch in meinem Innern. In Reginens Kammer hatte ich dieses Gefühl am lautersten. O, es wird ihr da gefallen! Ein Fenster blickt zum Tessin hinunter und an den jenseitigen, bewaldeten Hang zur Assasine Vacche. Die eintönige Melodie des Flusses wirkt beruhigend, und das dunkle Tannengrün ist wie gemacht zur sanften Aufnahme der Traurigkeit. Dann aber mitten drin gelangt diese Dame Traurigkeit an eine hellere Lärchengruppe, die immer ein wenig lächelt, aber immer gerade so, daß es den Schwermütigen nicht verstimmen kann, sondern daß er gern ganz leise mitlächelt. Auch den frechen Spitz des Piz Giacomo sieht man noch gerade über den Rücken der Grandinagiakette in den Himmel stechen. Dieser felserne Mut ermutigt jeden Beschauer. Nur der Feigling erschrickt. Aber Regina ist kein Feigling. Sie ist einfach niedergeschmettert. Sie wird sich beim Aufschwung dieses Gipfels auch aufrichten, das weiß ich. Sie besitzt eine Kraft, die nicht liegen bleibt . . . Zum andern Fenster gen Westen herein schaut die allernächste Weide mit Hüttlein und einsamen schönen Bäumen und dem gemütlichen Vieh ringsum. Wer diesen lustigen Geißen und vor allem dem jungen, übermütigen Stier zusieht, der kann nicht vertrauern und versauern. Der grüne Lebensappetit packt auch ihn wieder an beiden Hüften und stößt ihn vorwärts. O, diese Kammer ist ein Gesundheitsstüblein bester Sorte! Hier wird Regina mit Klärli schlafen. Pauline kann bei Mimeli und Arnoldli bei Ernst liegen. Ah, wie schön, wie reich wird jetzt mein Leben! Welch eine Familie gibt das untereinander! Mein Glück steht leibhaftig vor der Türe . . .

Fliegenmännchen, Fliegenweibchen! Diesmal hat das Weibchen den Anfang gemacht. Es fliegt zu mir, wenn auch zaghaft. Nun soll es auch an mir nicht fehlen. Glänzen kann ich nicht. Aber gut sein kann ich und herzlich sein und . . . sicher auch herzhaft sein!

Am langen, niedrigen, lehmgelben Bahnhof von Airolo, vor dessen Geleisen eine so stille Wiese liegt und auf dessen moderne Unruhe der alte Monte Vespero mit seinem goldgelben Alpenrasen und seinem grauen Gefels so gelassen herabschaut, wartete ich mit Herzklopfen und in nervösem, nutzlosem Auf- und Ablaufen auf den Gotthardzug. Als die Signalglocke über den Perron klingelte, meinte ich, es lache und spöttle etwas in mir: Was erwartest du eigentlich? Dein Glück? Da kommst du viel zu spät! Lauf, lauf weg, solange es noch Zeit ist! Du wirst nichts als Verdruß und Scham davon haben. Noch drei Minuten! Geh! Noch zwei . . . noch eine! Geh! Hörst du mich nicht, Narr, deine Narrenschelle! Beinahe wäre ich ausgerissen. Da zog der Wärter am nahen Bedrettosträßchen die Barriere zu. Schmetternd fiel der Schlagbaum in den Pflock. So entschieden versperrte er den Durchpaß, daß mir diese eiserne Energie tief in die Knochen fuhr. Das ist nun nicht mehr zu ändern, sagte ich plötzlich erfrischt. Jeder Ausweg ist versperrt. Was einmal beschlossen ist, muß geschehen! Zurück an deinen Platz und warte auf den Wagen und reich' ihr die Hand zum Tritt hinauf . . . Und weiter: Denk' an die tapfere Fliege!

Endlich hörte man den schweren Zug mit der Berglokomotive voran aus dem Tunnel rollen. Jetzt zog das gewaltige Unwesen zwar mit verstaubten, trüben Augen, aber mit einem ungeheuern Knurren und Zischen wie ein grimmiges Raubtier den schwachen Bogen gegen den Bahnhof. Der Bahnsteig erzitterte unter seinen Pratzen, und die Luft rauchte von seinem Fauchen blau und grau und giftig. Nun stand der Unhold still und ward im selben Augenblick eine ganz gewöhnliche, langweilige Zeile von gleichen Wagen, müden, häßlichen Fenstern, die sich öffnen und mit verschwitzten Gesichtern füllen, und mit einer stumpfsinnigen Lokomotive zuvorderst. Im Vorüberfahren hatte ich geglaubt, Paulinens unendlichen, blonden Haarschopf mit der grünen Masche zu sehen. Ich lief dem kleinen Schimmer nach, und sieh da, mein schier kugelrundes, aber flinkbeiniges und schnellmauliges Fräulein Schwesterchen stand schon auf dem Wagenbrett mit Sonnenschirmen, Bergstöcken, Handtaschen, einem Alpenrosenstrauß und mit einem Buch von Ernst Zahn in Händen und schwatzte mächtig in den Wagen hinein und noch lustiger heraus und zu mir herunter. Ich verstand kein Wort und war so dumm und schüchtern, daß ich zweimal vor meiner leibhaftigen Schwester den Hut zog und ›Guten Tag miteinander!‹ sagte, statt irgendwas von ihrem Trödel abzunehmen. Jetzt kamen ein paar dunkle, schneidige Pumphosen zum Vorschein, dann ein breites, steifes, schwarzes Kinderröcklein – dann, o Gott, hilf, kam Regina selber im schwarzseidenen Rock und in einem schwarzverschleierten Witwenhäubchen! Ich mußte sie fest und tief anschauen. Nie war ihre Bronze so dunkel und doch so leuchtend gewesen. Sie hatte ein Gesicht, wie man es aus uralten, verschatteten und vernachteten Porträten hervorschauen sieht, einen Teint wie Gold, aber umwoben mit etwas unsäglich Zartem und Tiefem, wie mit Dämmerung. Ihre Augen schienen mir größer als je, braun wie Harz und an den Rändern von einem blutigen Schimmer umzündet. Sie trat mit zwei festen Tritten zu mir hernieder, ohne meinen Arm zu nehmen, und drückte mir dann voll Ruhe die Hand. »Willst du uns ein bißchen ums Gepäck sorgen,« sagte sie ruhig; »wir möchten sogleich nach deinem gelobten Ländlein aufbrechen. Da hinüber, nicht wahr?« Sie zeigte zum kleinen Bergschnitt, der sich im Winkel des Tales gegen Abend öffnet und aus dem ein helles, gelbes Alpenlicht hervorbrach. Dann sprach sie nichts mehr zu mir. Wir gingen langsam den holperigen Pfad, hoch am jenseitigen Tessinufer, ins Bedrettotal hinein. Zwischen den Tannenwipfeln unter uns schimmerte es manchmal schaumweiß aus dem Kessel empor. Aber das tiefe Wasserbrummen verließ uns keinen Augenblick. Ich war so befangen, daß Arnoldli und Klärchen bald nichts mehr mit mir anzufangen wußten und sich wieder an der hurtigen, plauderreichen Pauline herumzerrten. Sie hingen sich rechts und links in ihre runden Ellbogen und fingerten mit der freien Hand nach allem in ihrer unverdorbenen Neugier: nach den italienischen Dörflein hoch in den Hügelwiesen, wo alle Häuser so klein und schwarz von der Sonne, aber der Albergo und die Kirchmauer so blendendweiß vom Kalk sind. Wie spaßig das war! Dann nach den vielen schönen, südlichen Schmetterlingen, nach den Erdbeeren am Weg, nach den Eidechsen im Straßengräblein. Dann frecher und weiter hinaus, nach den vielen Wasserfällen und nach den hellgrauen Gotthardzacken, die hintereinander hervorbrechen, einer den andern immer wieder übertrumpfend, bis zum kleinen Kegel des Pizzo Rotondo, der prahlerisch aus seinem Zwergköpflein hervorsagt: Ich bin der oberste! Besonders dem Bübel riß es die Beine auseinander vor Eifer, das alles nahe zu packen und rasch zu erfahren, was nun weiter komme, jetzt nach dieser Wegkrümmung, jetzt nach jener Hügelzunge. Das Trüpplein mit der kurzen, runden Jungfer inmitten und ihrem stetig bewegten Rosenblattmund zappelte immer lustiger voran, immer ferner, bis es plötzlich im Dörflein Osasco verschwand. Regina und ich gingen in einem kleinen Abstand nebeneinander. Sie wollte mich nicht näher haben. Zweimal hatte ich es versucht. Daun ging sie rasch einen Schritt voraus oder hielt sich einen Schritt zurück. Das befremdete mich und noch mehr das Stillschweigen. Ich studierte mit schwerem Kopf, was ich um Gottes willen mit ihr besprechen könnte. Es mußte etwas Apartes, sehr Geschicktes sein, so etwa, daß es die Trauer nicht aufweckte und sie doch auch nicht leichtfertig überschwatzen wollte, nichts Düsteres und nichts zu Helles. Aber ich fand nichts von solcher Art. Alles schien mir dumm, was ich auch ersinnen mochte. Meine Verzagtheit nahm dabei zu. Ich erschrak schon, wenn ich nur ans erste laute Wort dachte, womit ich eine so große und schwere Stille zwischen uns beiden durchbrechen würde. Je länger, desto stummer ward meine Seele. Aber auch immer enger und heißer machte mir dieses Schweigen. Hätte ich doch Mimeli und Ernst mitgenommen! Mit Bedacht hatte ich die Kinder angewiesen, erst, wenn wir hinter Ronco zum letztenmal über den Tessin geschritten wären, am Waldbeginn, uns zu erwarten. Sie sollten uns vorher nicht stören und das schöne liebevolle Gespinst, das zwischen Regina und mir unterwegs schon mächtig von beiden Seiten gewoben würde, nicht mit ihrem täppischen, unwissenden, frechen Zwischenspiel hemmen. O ich Narr! So leicht dachte ich, was jetzt wieder so schroff und hart wie eine Unmöglichkeit erschien. Der Rotondo dort hinten am Himmel war nicht steiler. Auf seinem Gipfel bin ich noch nie gewesen. Ich hatte immer ein Bangen davor. Wie eine kalte Ablehnung erschien er mir von hier. Ja, dachte ich, wenn ich vielleicht den Mut hätte, auf seinen Gipfel zu klettern, dann hätte ich auch den Mut zur andern Erstürmung. Aber mir mißlingt beides . . . Unterdessen schritten auch wir durch die kurze, dunkle Dorfgasse von Osasco. Einige stille Weiber sahen wir. Die Männer weilen oben in den Alpweiden. Ein halbwüchsiges Mädchen trug einen Kessel voll Wasser zum Haus, schweigsam und ernstäugig. Die Gesichter dieser Leute sind alle nicht lustig. Sie haben in dieser unfruchtbaren Berghöhe große Beschwerde mit dem Leben. Der Boden ist steinig und mager, das Geld rar, die Arbeit schwer wie der Granit dieser Berge. Ein Schnee von acht Monaten deckt ihre Häupter. Ihre Kinder, sobald sie schöne Mädchen und schlanke Burschen und ein Stolz der Alten werden, wandern in alle Welt hinaus. So haben sie nichts, worauf sie sich freuen könnten als im Winter den warmen Ofen und das lange Schlafen und im Sommer einen guten Sonnenschein, der ihre dürftigen Gemüse reift. Regina sah den Weiler und seine wenigen Menschen aufmerksam an. Die Härte und Verschlossenheit dieser Gesichter fiel wohl auch ihr auf. Ah ja, das war nun doch etwas, worüber ich mit ihr reden konnte! Das war traurig und ging uns eigentlich doch nicht an den Leib. Es tut nicht weh und machte doch teilnehmend. Von dem also!

»Regina,« sagte ich recht laut, aus Angst, ich brächte das Wort sonst nicht heraus, »sag', wie gefallen dir eigentlich die Leute hier? Nicht wahr,« eilte ich fieberhaft vorwärts, »sie tragen etwas Schweres im Gesicht? Wie ein Gewicht! Aber, du mußt wissen, ihr Leben ist auch so wie ein großes Steingewicht!«

Ich fühlte, wie Reginens lange, glänzende Augen auf mir ruhten und weitern Bescheid erwarteten. Da wurde ich mutiger: »Sie sind arm. Besonders dieses Weibervolk. Auf diesem geizigen Fleck Erde können sie überhaupt nie reich werden. Das wissen sie. Und so ergeben sie sich in einen kurzen Sommer, fern von den Männern, da hinten bei Kaffee und Gerste und schweren, stillen Stunden, und in einen Winter mit dunklen Stuben und tiefem Schnee und kurzem Tag und einem Mannsvolk am Tisch, das ihnen nur den Rest von Kaffee und Gerste in der Schüssel übrigläßt . . .«

Regina blickte mich ungläubig an. So elende Frauen? Das kann nicht sein. Das hört sie nicht gern. Aber das muß sie jetzt fertig bekommen. Sie ist selig dagegen.

»So ist es, Regina! Schau' die Frau da vom Trog heraufkommen! Welch eine Last Wasser schleppt sie bergauf! Wie sie das Gesicht zu Boden drückt. Sie hat uns kaum den Gruß abgenommen. Hast du gesehen, was für ein altes Gesicht sie macht? Und sicher ist sie noch nicht viel über dreißig Jahre alt. Mir kommt sie nicht anders vor als eine Sklavin oder eine Maschine, die muß, muß, muß! Sie wehrt sich nicht und leidet stumm, solange sie leiden kann. Dort drüben bei Villa ist der Friedhof. Dort wird es dann völlig still mit diesem Leben, das schon immer so still und zur Erde gebückt war.«

Regina öffnete ihren langen Mund und ihre Augen blitzten. Eine scharfe Furche zerschnitt ihre Stirne mitten von Schläfe zu Schläfe. Es war ihre alte Gebärde vor dem Angriff. Um zehn Jahre jünger wurde sie von der Sekunde an. Ich konnte das nicht sehen, ohne helle, frohe Bewunderung. Umsonst stritt ich wider ein glückliches Lächeln. Es sprang mir über die Augen hinaus auf die Wangen. Ich spürte es und schämte und freute mich zugleich.

»Nicht, nicht, Regina!« wehrte ich rasch. »Es ist einmal unumstößlich so. Wir sind die Glücklichen. Wir stehen in der Sonne. Aber hier ist nur Schatten und Not. Und das mußt du jetzt ordentlich anschauen, daß du merkst, was du . . . und ich . . . was wir noch für Licht und was für Liebe und was für ein Lachen haben! Ja, ich sage Lachen, Regina!« fuhr ich immer ungestümer fort. »Lachen, das ist erlaubt, das ist gesund, das ist schön! Man muß lachen, wenn man noch nicht tot ist. Nur die Toten lachen nicht mehr und die Lebendigen auch nicht, die sich wie Tote benehmen. Hier freilich lachen die Menschen nicht . . .«

Ich fühlte gut, wie sehr ich übertrieb. Die Hauptsache von der Magerkeit und Armut dieses Tales ließ sich nicht bestreiten. Aber ich löschte nach der großen Lampe des allgemeinen Wohlseins auch noch jedes kleine Kerzlein irgendeines Winkelglücks aus. Der Vorteil dieser Minute übernahm mich. Ganz ausnutzen wollte ich ihn. Ausweiden wie ein Beutestück aufs letzte Gerippe.

»Höre, Walter,« unterbrach mich Regina und stand mitten im Gäßchen still. »Sind denn das so andere Menschen als die überm Gotthard? Wegen eines einzigen Gebirges dazwischen schon ganz andere Menschen? Denn bei uns drüben . . .«

»Das sage ich nicht, Regina,« fiel ich hastig ihr ins Wort, und wie Musik hallte das erste, schöne ›Walter‹ aus ihrem Munde durch meinen Kopf. »Das sage ich fürwahr nicht. Auch bei uns auf dem Bauernlande . . .«

»Halt, du hast mir – nein, laß mich das nur dazwischensagen – du hast mir einmal von so einer Bäuerin erzählt! Weißt du das noch? Sie war todkrank, in der Eisenbahn, und mußte von ihrem Mann und Kind fort in ein Sanatorium. Ich habe das nicht vergessen, wie sie sich zusammenhielt und ohne Stütze aus dem Wagen zur Kutsche hinüberging. So wehrt sich eine Frau. Das ist die Wahrheit. Meinst du, das sei hier anders? Wenn diese Jungfer mit dem großen Zuber still und ernst ist und nicht pfeift und zappelt wie unsere Gofen am Dorfbrunnen, so dünkt mich das ganz schön. Die hat Verstand, denke ich. Die weiß schon, was Leben und Arbeiten ist. Wenn man das weiß und gar, wenn man es schon früh weiß, lacht man nicht mehr so viel, wie du meinst. Übrigens wundere ich mich über dich. Du selbst hast ja gar selten gelacht. Zehnmal weniger als Theodor selig. Und da hast du wenigstens einmal recht gehabt!«

Rasch schritt sie bei diesem Schluß der Rede das Sträßchen voraus. Ich konnte nur staunen, wie sicher sie es tat. Nie hätte ich ihr zugetraut, daß sie so ruhig den Namen ihres verstorbenen Gatten auszusprechen vermöchte.

»Regina,« rief ich und berührte sie leicht am Arm, »du hast vielleicht recht mit dem Lachen; aber . . .«

»Und ich erinnere mich noch gut,« unterbrach sie mich und strebte wuchtig vorwärts, »daß du mir gerade von Urselchens Lachen mit Verdruß erzählt hast. Es paßte dir nicht. Und du hattest recht. Seitdem habe auch ich das Ding etwas anders angeschaut. Ich weiß jetzt wohl, auch Theodor hat zuviel gelacht. Ich darf es jetzt sagen. Es tut ihm nicht mehr weh. Aber wenn er alles weniger lustig genommen hätte, von klein auf . . . Walter, weißt, wie es heißt: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten . . .«

»Ach was, Regina, das ist doch nicht das gleiche!« wandte ich unsicher ein und spürte immer mehr, wie ich den Boden unter mir verlor. »Es gibt Leute, die wollen nicht lachen. Vielleicht sind das Philosophen oder sie haben einen steifen Lachmuskel oder es steht ihnen sonst nicht an. Und andere Menschen, die möchten wohl; aber sie dürfen, sie können nicht lachen. Und von solchen habe ich dir erzählt. Da hat Pauline . . .«

»Paß auf! Du trittst auf ein Schnecklein!«

Mit Not trat ich daneben. Das Tier war gesprenkelt braun und grau und trug seinen zierlichen Palast auf dem Rücken und stieß fröhlich die vier Hörner aus und ein, aus allem Staub und aller stündlichen Lebensgefahr. Regina hob die Schnecke am Hausgipfel aus dem Kot und warf sie ins sichere Gras hinüber. Das Tier klebte zäh am Häuschen. O, es wollte noch lange leben und froh leben, aber nicht ohne seine feine Stube! Ich fühlte, daß dieses Schleimgeschöpfchen da imstande wäre, meine ganze Beweisführung über den Haufen zu werfen.

»Was hat Pauline?« fragte mich die Gespanin.

»In Göschenen hat sie mein Lieblingsbuch von Johannes Jegerlehner gekauft, ›An Gletscherbächen‹. Du liesest es an einem Regentag da oben vielleicht auch. Da sieh dann nur zu: durch alle Bücher unserer Alpenerzähler, der Heer und Zahn und Carnot, des innigen Bündners, wachsen schwere Felsen und schwarze Tannen und donnern Bäche und wird es früh Nacht und gibt es Frost und Schwielen. Aber gelacht wird kaum und nie leicht oder leer. Der Poet weiß das. Sein Volk drüben langt mit einer Hand an den gleichen harten, unfruchtbaren Alpenfels hinauf, zu dem das Volk hier mit der andern magern Hand heraufreicht. Aber wenn ein Tessiner diese Hiesigen schilderte wie Ernst Zahn die Urner drüben, etwa der famose Ferruccio Bolla, ich sage dir, dann würde in all den Histörchen noch viel weniger gelacht. Drüben haben sie noch ein strammes, frisches Blut und ein großartiges Fremdenwesen und manche kleine Industrie, aber hier nur Hunger und Steine!«

»Mich bringst du doch nicht zum Lachen, weißt du! Ich darf es und kann es nicht mehr, male wie du willst! Immer mußt du ein wenig dichten, das ist schade!«

»Vielleicht habe ich zu dick gemalt, das kann sein. Aber eines übersiehst du doch: du verwechselst uns mit den Leuten hier. Jene Frau in der Eisenbahn hat keinen Hunger gehabt. Aber hier haben sie Hunger. Und frieren mußte sie auch nicht. Aber hier friert man einmal und schwitzt einmal und kann keinem entfliehen. Und wenn jene deutsche Frau müde wurde, hat sie der Magd rufen und ans Fenster sitzen und mit gefalteten Händen zuschauen können. Aber hier gibt es nur Mägde. Alle sind sie Mägde dieser kargen Erde, Mägde dieser mageren Geißen, Mägde dieses harten Wasserholens und Beerensuchens und Viehweidens und Holzsammelns, Mägde dieses Fronlebens! Alles wird eben ganz anders, auch das Lachen, wenn man arm ist. O, davon weißt du halt gar nichts!«

Jetzt stand Regina heftig still. Sie war aus aller Gesetztheit geraten. Mit heimlicher Genugtuung sah ich, wie ihr die helle Entrüstung ins Auge stieg und ihre dünnen Lippen sich schürzten. Mochte ich denn die Sache hier zehnmal verspielen, meinetwegen, wenn Regina nur wach wurde und ein recht reges und lebensfrohes Wesen zurückbekam!

»Also die Reichen,« fuhr sie auf, »dürfen lachen. Aber die Armen nicht! O du Philosoph! Und Urselchen, das reich und sorglos war wie ein Vogel im Hanfsamen? Walter, du bist ein ganz schlechter Advokat geworden. Einen in die Enge treiben kannst du nicht mehr. Dich selber, ja!« Ihr Gesicht ging bei diesem Spott in einer liebenswürdigen Helligkeit auf.

»Nun denn,« sagte ich mit erkünstelter Verdrossenheit und nahm allen Mut für dieses freche Sätzchen zusammen, »ob ich gut oder übel plädiere, du weißt recht genau, was ich möchte . . . daß du . . . Regina . . . wieder mit uns lieben Leuten lachst . . . Das!« beschloß ich aufschnaufend.

Ich erwartete eine scharfe Zurückweisung. Aber Regina schwieg und eilte mit großen Schritten vorwärts. Eine geraume Zeit herrschte wieder Stille zwischen uns. Immer nur rauschte dumpf und tief im Baß das gekrümmte Wasser des Tessins aus der Schlucht zu uns herauf. An irgendeiner schroffen Ecke des Weges schüttelte der Zugwind die Tannen. Das gab ein kräftiges Brausen, wie wenn eine Schar Erwachsener laut streitet. Aber wenn die Luft durch die Lärchen fuhr, so war es wie ein stimmenhelles, ungebrochenes Knabenlied zu hören. Und beides, das Brausen und das Singen, flößte mir Mut ein. Ich dachte: Armer Fluß da unten, du hast kein herzhaftes Blut, sonst würdest du dich mit einem Ruck aus diesem engen Marterbett befreien. Aber du bist feig wie ein getretener Wurm. Nur winden kannst du dich und jammern dazu. So will ich nicht sein. Mut! Nicht wie die Tosa, nein, das ist zu verwegen, und man büßt es hernach schwer. Aber noch weniger wie der gefolterte Kerl da unten. Nein, wie der Wind durch die Bäume. Er kommt dort hoch von den Gipfeln herab. Wie frisch er geht! Wie er meine entzündeten Wangen kühlt und mir so lustig, wie Kinderfinger, durch den Bart fährt! Ei, das ist ein herzhafter! Hoch oder niedrig, das ist ihm alles gleich. Ich mach's auch so. Ja, du dort oben, Pizzo Rotondo, reize mich nur nicht zu lange, Kerl, mit deinem Zipfelknöpflein! Ich werde es packen, und nachher, nachher . . .

Die große Frau Regina schritt gewaltig aus. Hinter dem Dorf Bedretto werden wir bald unsere Vorhut erreichen. Sie haben Beeren von den Ränften gelesen und warten jetzt. Nur noch eine kurze Gnadenzeit, dann sind wir nicht mehr allein. Vielleicht gar nie mehr in All' Acqua. Nütze doch, nütze die paar Minuten! Aber verdirb auch nichts! Es steht nicht schlecht um dich und um sie!

Ich strengte mich unendlich an, was ich ans vorige Wort knüpfen könnte, was noch mehr besagte und noch tiefer gedeutet würde. Aber ich war von Gott und jedem guten Gedanken verlassen.

Noch zwanzig Schritte, dann hatten wir unsere Leute erreicht. Da in der dringendsten Zeit sah ich plötzlich aus dem belaubten Bord der Straße eine große, reife Erdbeere niederleuchten. Die war den Kindern entgangen. Mir schoß ein schöner, tüchtiger Gedanke hell und schnell wie ein Blitz durchs Gehirn. Sachte brach ich den dünnen, duftigklebrigen Stengel und bot Reginen die Beere: »Ich weiß jetzt nichts, schau', gar nichts anderes zu dir zu sagen als: Nimm die schöne Erdbeere da und merk', wie süß sie ist, und lächle ein wenig, liebe Regina, lächle ein wenig wie die rote Beere da! Tu mir die Liebe und nimm sie wenigstens . . . So! Und jetzt, jetzt lächle ein klein wenig! Nur ein Schimmerchen! Du machst mich wer weiß wie glücklich, wenn ich sehe, daß du wieder Lust am Leben bekommst . . . und auch an deinen Kindern . . . und an der schönen Welt da ringsum . . . und auch ein bißchen . . . an mir!«

Sie zauderte und sah mich mit den langen, goldbraunen Zigeuneraugen schwankend im Ja und Nein an. Da bemerkte sie, wie meine Augen in zwei großen Tränen schwammen, und rupfte rasch die Beere weg und genoß sie. Sie lächelte nicht. Aber sie tat mehr. Sie ergriff meine Hand und drückte sie beherzt und sagte: »Du meinst es gut, Walter, das weiß ich!«

Gleich darauf standen wir mitten im Gewirbel der drei Fante, nämlich der zwei losen Weggisserkinder und meiner runden Pauline. Obwohl ich jetzt ausgelassen mitspaßte, hörte ich eigentlich doch nichts von allem Geplapper vor dem Echo Reginens: »Du meinst es gut!« Mir war wohl dabei.

Bei der Roncobrücke brachen mit einem schreckhaften Indianergeheul der lange Eisen und Mimeli hervor. Mein Kind sperrte mit einem langen Bergstock den Steg, und davor stand Ernst, bleich und stolz und silbergraue, kalte Wölklein im Aug', und schrie mit seiner dünnen Stimme: »Brückenzoll! Brückenzoll! Oder ich nehme euch alle gefangen in meine Felsenburg ob dem Walde dort.«

»Was da?« schimpfte Arnoldli und blähte übermütig seine Purpurlippen, während die runden Nachtaugen vor Abenteuerlust förmlich übergluteten. »Wir hauen uns durch! Vorwärts, Klärli! Vorwärts, Tante Pauline! Bataillon, vorwärts, marsch!« Mit diesem letzten, großen Namen kommandierte er Reginen und mich. Aber die Armee gehorchte nicht, und mit einer einzigen harten Hand hatte ihn Eisen vor sein Knie niedergepreßt, wo Arnold tobte und schnaubte wie ein junger Teufel im Sack. Doch das Klärli faßte er mit der langen Rechten, schnellte es dreimal hoch auf über das wilde Wasser und sagte: »Mach' mir sofort einen Kuß, Meitli, mit deinem blauen Heidelbeermaul! Hübsch, da auf die Backe! Dann geb' ich dich und den Lappi da unten frei!« Und er bekam nicht nur einen, vier oder fünfe!

»So, Kleiner, jetzt weißt du, wer hier König ist,« warf er dem jungen Weggisser zu, der die Knie abputzte und seinen Meister mit zornigem Respekt anglotzte. »Und du, Hexlein, bist wohl müde? Was hast du aber auch für kleine Beine! Wie ein Käfer! Holla, da hinauf!« Damit schwang er das Kind mit Sausen auf seine schmale Achsel und sprang den klotzigen, steilen Weg nach All' Acqua durch den Wald voraus.

Mimeli legte bedenklich den großen Finger ans Mäulchen und schaute dem Wildling steif und sonderbar nach. Was war das? Da lief ihr bester Genoß mit einem andern, viel kleinern Mädchen davon. Und zuerst hat er es geküßt! Hat er das nun lieber? So eine Erfahrung geschieht ihr zum erstenmal. Ihre Augen sind trocken, aber voll Bitterkeit. Sie schaut dem Knaben nach bis zu den hintersten Stämmen und läßt Pauline und Arnoldli vorübergehen. Still am gleichen Fleck klebt sie . . .

So traf ich mein Amselchen.

»Was fehlt dir, Mimeli?«

»Nichts!« sagte sie kurz, aber blickte steif dorthin, wo aus dem Gestrüpp noch ein Streifen grauer, straffer Hosen schimmert. Arnold merkt jetzt etwas und macht sich von Pauline los.

»So komm mit mir, Liebes!« sagt Regina und langt nach Mimeli. Aber es weicht zur Seite. Es will nicht. Seine einfärbig großen, stillen Augen dringen durch Stämme und Kronen. Ganz finster wird das wächserne Kindesantlitz, und die Eifersucht zuckt mit kleinen, flinken Blitzen schon an diesem jungen Einfaltshimmel auf und nieder.

Da sah ich Regina und sie mich instinktiv an. Wir verstanden das Kind auf einmal und wurden rot. Und im gleichen Augenblick hatten wir uns, eins sich dem andern, ohne es zu wollen, verraten . . .

Schnell wandte ich mich ab. »Ach, der kommt schon wieder, Mimeli!« tröstete ich. »Er ist ein Narr!«

Das Kind schüttelte eigensinnig den Kopf.

»So komm jetzt!«

Das Gof blieb stehen, als ginge es alles nichts an. Doch mehr und mehr füllten Schatten und Nässe das Kindesauge. Ich sah es kommen, das Weinen und das Zürnen. Da geschah ein Kinderwunder. Arnoldli berührte unversehens mit seiner braunen Ilgisserhand Mimelis Haar, das groß und gewellt an den breiten, weißen Schläfen niederfloß. Er sagte »Jetzt nehm' halt ich dich. Wir sind so stark zusammen wie der Ernst. Schau' mich an, ich bin fast so groß!«

Mimeli blickte den elfjährigen Purpurknab, das reinste Gegenteil zum Kreideteufel Ernst Eisen, langsam aus den Tränenseelein hervor an. Er gefiel ihm. Wie er jetzt wieder die Oberlippe bis zur Nase aufblähte, daß die Zähne alle klein nebeneinander erschienen, und wie die dicht und blitzend aus dem roten Zahnfleisch wuchsen, wie einem jungen Wolf! Und wie seine runden Augen braunten! Nicht kalt, wie dem Eisen seine, nein, sie glühten wie Kohlen aus dem Ofenloch. Und stolz sah er aus und lustig dazu. Zwar seine Hosen waren noch schmutzig vom Kniefall; aber er selbst stand wieder makellos aufrecht wie ein rotes Fähnlein. Und er umschloß ihre Finger mit einem starken Griff. Wie ein Mann!

»Hab' ich dir nicht im Winter einmal feine Geschichten erzählt? Bettler . . . Hunger . . . Walfisch . . . Millionär . . . Weißt du? Kann der Ernst solche Märlein sagen?« Sie schüttelte den Kopf. Ernst konnte keine Geschichten erzählen, er konnte nur Geschichtlein machen. »Und bin ich nicht mit dir im Stockdunkel den gächen Herrenbühl hinabgeschlittelt, um den Rank bei der Krone wie ein Bolz. Das kann Ernst auch nicht. Und skifahren kann er auch nicht!«

Es ist wahr, Arnold konnte das alles. Er war sehr stark und sehr mächtig. Und er hatte eine laute Stimme. So schön konnte niemand brüllen. Wie eine junge, neue Stierenschelle brüllte er. Und er lachte immer, bei jedem Wort, in den Augen. O, er ist ein feiner Bub!

»Darum gehen wir miteinander! Und kriegen wollen wir mit dem Ernst. Ich pack' ihn an den Armen, und du reißest ihn an den Beinen. Wir bodigen ihn, und ich hock' eine halbe Stunde lang auf ihm und zeig' ihm den Meister. Vorwärts, marsch!«

»Ja, so komm!« entschloß sich Mimeli bündig und biß die beiden Eckzähne tief in die Unterlippe. »Wir wollen's ihm einmal zeigen . . .« Und sie lief nicht aus Liebe, aber aus Stolz und Zorn mit dem stürmischen Arnold den Wald hinauf.

Pauline kehrte sich zu uns zurück und sagte lustig: »Welche Kinder!« Dann hielt sie betroffen inne, sah uns sorgsam und nahe ins Gesicht und fügte mit unvergleichlicher Schalkhaftigkeit bei: »Ich meine natürlich die da vorne!«

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