Heinrich Federer
Regina Lob
Heinrich Federer

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Das hört sich unglaublich. Noch heute mein' ich, es sei ein Fiebertraum gewesen. Sicher, ich war in jener Stunde krank oder verrückt.

Nie hab' ich eine Leidenschaft leidenschaftlicher bereut. Schon im Bergbähnlein schrieb ich auf meinen wackelnden Knien einen langen Brief um Verzeihung an das Paar. Ich erzählte darin Theodor das Tintenhistörchen und bekannte offen, was mich so gereizt habe und wie ich aus zu großer Freundschaft und sozusagen in einer Hypnose des Kinderzanks gegen Regina so tobte. Zu jeder Genugtuung sei ich bereit . . . Es kam keine Antwort zurück.

Einige Wochen später telefonierte ich von einer günstigen Station aus nach Ilgis. Ich weiß noch, wie ich davor zitterte, in ein paar Sekunden die alte, liebe Stimme Baldurs wie in meinem Zimmer zu hören, und den Schallbecher mit feuchten Händen hart ans Ohr hielt. Wie wollt' ich ihn gleich im ersten Satz überrumpeln! »Thedi, wenn ich dir je im Leben etwas zulieb getan, wenn du nicht alle Bubentreue verloren . . .«

»Weggisser! Wer ist da?« läutete mir tief wie ein Mann der Alt Reginens entgegen. »Ist Bald – mm – ist Herr Weggisser nicht daheim?« Nack, das Telephon läutete ab. Die Verbindung war abgebrochen. Hatte sie mich erkannt?

*           *
*

Bald geschah nun jene Überrumpelung des kleinen, bogenklirrenden Amor, wovon ich schon ein eiliges Wörtchen vorausgeplaudert habe, und wandelte auch meine stille Bude in ein wahres Kriegszelt um. Nun glaubte auch ich an den so verspotteten Vers Ovids: »Militat omnis amans et habet sua castra libido.« Und doch sah alles bei meiner Liebschaft so ganz unkriegerisch aus. Sie war eine ferne Verwandte und mir sogleich wohlgeneigt, und der kranke Vormund, der sie zur Pflege ins Haus gerufen hatte, blinzelte eine stille Erlaubnis nach der andern aus seinen schlauen Äuglein, so oft er uns beisammen sah. Es gab auch niemand, der mir das Spiel verderben konnte, als mich selbst. Obwohl mich nämlich schon im Augenblick, da ich dem Mägdlein aus dem Wagen half, bei ihrem duftigen Anblick ein eigentliches Seelenräuschchen umfing und obwohl ich am gleichen Abend den Namen Ursula, vor dem ich bisher ein Grauen gehabt wie vor einer hundertjährigen Wahrsagerin, zwanzigmal so auszusprechen versuchte, daß es noch süßer als mein Lieblingsname Agnes klänge, einzig, weil die neue Hausfee Ursula hieß, und obwohl ich schon nach einer Woche nicht mehr ohne dieses neue Wesen auszukommen meinte: so wagte ich doch in meiner lästigen Zaghaftigkeit viele Wochen lang kein anderes zutrauliches Zeichen, als daß ich ihr beim Nachtisch die Haselnüsse aufknackte und einmal das Nastüchlein, das ich am liebsten für mich behalten hätte, schnell vom Boden auflas. Sie war überaus freimütig und naiv. Ich ahnte, nein, ich konnte fast sicher wissen, daß sie mir ein munteres Ja sagen würde, wenn ich bäte: »Fräulein Ursula Horat, wollen Sie mich heiraten?« Dennoch wagte ich nicht einmal, von meiner Zuneigung zu reden. Immer wieder machte ich mir das Herz mit meinen Grämlichkeiten schwer: ich sei doch nicht solid verliebt, sondern nur für eine Weile verhext, ich müsse das umständlich und triftig untersuchen:, auch paßten wir wohl nicht zusammen, weil sie zwei Jahre älter, aber durch ihre merkwürdige, kindliche Sorglosigkeit wohl zehn Jahre jünger sei; ob wir wohl eine friedliche Ehestube schafften, sie mit dem hurtigen Schritt, den drei lustigen Grüblein im Gesicht und der vollen Unmöglichkeit, traurig zu tun, und ich mit einem Gesicht, als müßte ich den ganzen Sauertopf der Menschheit allein austrinken . . . Und war es nicht gefährlich, daß sie so flink und ich so breitspurig langsam hantierte? Während ich vom Sessel aufstand, hatte sie schon dreimal den ganzen Tisch umtanzt. Könnte sie mir nicht einmal so davontanzen? Gar, wenn ein Gonzal mit seiner verführerischen, südländischen Herrlichkeit sie lockte? Müßte ich ihr überhaupt nicht bald verleiden mit meinem so gewöhnlichen Gesicht, das mir von Tag zu Tag im Spiegel noch gewöhnlicher vorkam? Wohl sah auch Ursula nicht wie eine Juno oder Venus aus, sondern bildete ein zierlich kleines Geschöpf, und ihr rundliches Gesicht war bis zur Nasenspitze mit unzähligen, winzigen, hellbraunen Sommersprossen übersäet. Auch ihr dünnes Haar hatte eine gewöhnliche, braune Farbe, während ich mir immer einen rotlockigen Schatz gewünscht hatte. Das Mäulchen schien fast wie bei einem Zierfisch so rund und jedenfalls viel zu klein, um einen tapferen Kuß zu geben oder zu empfangen. Ihre Augen schimmerten bläulich und hatten einen winzigen schwarzen Augenstern wie ein Tüpflein. Und dieses Tüpflein zappelte rastlos im Auge herum. Das mißfiel mir. Aber diese Augen waren hoch und weit auseinandergestellt, und gerade das wirkte wie ein ferner Zauber auf mich. Diese Augen, so nah der Stirne und so luftigweit voneinander, das machte sich so fremdartig und vornehm, aber auch so lustig, kurz so berückend, daß ich davon nie genug kosten konnte. Nur in nordischen Sagen haben Seejungfern oder Waldfeen solche bläulich und weit auseinander schimmernde Augen. Durch diese Lichtlein im Gesicht war die ganze Miene des Mädchens wunderbar reich. Die Wangen hatten das scheue, blasse Rot einer Heiderose, die ein erstes Blatt zu öffnen sucht. Die etwas lange, gerade, schmale Nase paßte jetzt zu den hohen Augen, wie ein recht schlanker Stengel zu den zwei Vergißmeinnicht paßt, die rechts und links weit hinausblühen. Die Grüblein im Kinn und in den Backen versetzten dann das nordische Märchen der Augen sogleich in die Gemütlichkeit einer Schweizerstube. Und nun nahmen sich auch die Millionen zarten Märzenflecklein im Antlitz aus, als ob mein Kind einen seidenen, fein punktierten Schleier trüge, der so durchsichtig wäre, daß man nur die Pünktlein sähe, und worin, wenn die Sonne auf Urselchens Gesicht schiene, diese zahllosen Pünktlein ganz golden leuchteten. Ja, so war mein Schatz! Man lache; aber ich muß doch erzählen, wie ich damals sah und fühlte . . .

Dabei war Ursula ein Hausmütterchen ohnegleichen. Von Büchern und Kunstsachen wußte sie wenig und kannte die Tonleiter auf dem Klavier nicht. Aber die Kunst am Herd und Zuber verstand sie großartig, und den Ohm pflegte sie wie eine geborene Krankenschwester. Oder wie ein Engel! Ja, ich glaube nicht, daß auch nur ein Engel das Kissen dem Kranken so wohlig unter den Kopf stoßen, die Medizin so bequem einlöffeln und so flink und doch so leis und beruhigend durch ein Krankenzimmer schweben könnte wie sie. Mich, den angehenden Arzt, entzückten diese Vorzüge, und ich sagte mir laut und leis, daß Ursula das Ideal einer Doktorsfrau abgeben würde. Aber je inniger ich sie insgeheim liebte, um so zaghafter wurde ich. Konnte ich, ach, konnte ich so ein erlesenes Menschenkind glücklich machen, wie es das verdiente? Gar oft an Abenden voll unerträglicher Sehnsucht riegelte ich mich in mein Zimmer ein und begann einen Freierbrief an sie. Aber nicht einmal eine Anrede wollte mir glücken. Und hundertmal wollte ich ihr nach dem Nachtessen in die Küche nachlaufen, weil dann unsere Magd beim Onkel servierte, und hustete dann zweimal und sagte mit einem verzweifelten Blick durchs Küchengitter: »Wie doch die Tage schon länger werden!« – Es ging in den April! – Sicher wäre es noch lange nicht zu einer herzhaften Freite gekommen, wenn nicht das Leiden meines alten Vormunds sich so verschlimmert hätte, daß die Auflösung in zwei, drei Wochen erfolgen mußte. Da wachten wir nun gemeinsam am Bett, Ursula rechts und ich links, und stützten gemeinsam den atemringenden, schweren Mann im Kissen auf. Und da wagte ich es denn einmal, ihre Hand, die mir ganz nahe kam, tapfer zu fassen und zu drücken. Ein zweites Mal bot sie dem Ohm einen Teller voll Haberschleim. Aber das Süpplein war noch furchtbar heiß. Da blies bald ich, bald sie ins Näpflein, um den Trank zu kühlen. Und einmal, so fügte es Amor, beugten wir uns zugleich über den Teller, um zu blasen. Ganz nahe spitzte sie ihr Mäulchen. Da konnte ich nicht mehr anders und gab ihr einen schweren Kuß. Und ich merkte köstlich, dieser Mund war wirklich nicht zu klein hierfür. Wir wurden darauf schrecklich rot und schämten uns ernstlich, weil wir vor einem Sterbenden so glücklich sein wollten. Ja, als der Arme furchtbar mit Erstickung rang und nach Erlösung schrie, da straften wir uns mit harten, abweisenden Mienen. Und doch klopften unsere Herzen nie lauter gegeneinander . . . Und da fügte es Amor nochmals gnädig. Denn in einem gelinderten Weilchen staunte der Onkel unsere strengen Mienen sonderbar an. »Was habt ihr?« hauchte er. – »Nichts, nichts!« – »So gebt euch doch die Hand, wenn ihr nicht böse seid!« – Wir taten es. – »Und küsset euch!« – Es geschah. – »Und macht bald Hochzeit!« – Da wir nickten und vor Freude fast weinten, lächelte der Onkel großartig. Es fiel ihm ein, daß ihm das nicht viele nachmachen würden, zu sterben und gleichzeitig ein neues Leben zu schaffen. Onkel Felix war immer ein wenig hochfahrig und stolz und, was man so sagt, ein Ausnahmsmensch gewesen.

Als meine Schwester auf die Depesche hin, so eilig sie vermochte, heimreiste, fand sie einen Toten und ein Brautpaar in der gleichen Stube.

Nach dem Trauerjahr, auf dem Pauline und Ursula hartnäckig bestanden, heirateten wir, und ich eröffnete meine ärztliche Praxis. Zur Trauung hatte ich nach Ilgis einen zweiten Brief geschrieben und Regina und Theodor als Trauzeugen eingeladen. Ich hatte vor, am Hochzeitstisch vor allen Gästen das Weggisserpaar um Verzeihung zu bitten und mein Unrecht vollkommen einzugestehen. Denn ich wollte gerade in die Zukunft sehen. Nichts Unsauberes sollte mir den Weg ins neue Leben verunreinigen . . . Aber ich erhielt wieder keine Antwort.

Bei der Geburt meines Mimeli richtete ich einen dritten Gruß nach Ilgis und fragte Reginen um die Patenschaft an. Dieser Brief lief uneröffnet zurück. Darauf gab ich meine Versuche auf.

Aber ich wußte genau, was in Ilgis vorging. Ein Geschäftsreisender wohnte die ersten Jahre im obersten Stock unseres Hauses. Mit seinem bunten und schier unerschöpflichen Musterbuch von dicken wollenen Hosenstoffen, wie sie in den Bergorten gegen Wind und rauhes Wetter getragen werden, hausierte der Mann jedes Jahr auch einmal in Ilgis herum. Nach seinem Besuch im Weggisserhaus erzählte er mir, Mann und Frau lebten glücklich und ein allerliebstes Büblein krieche schon unter dem Tisch herum. In keinem Hause werde soviel gelacht. Das nächste Jahr hieß es: nun sei auch ein Töchterlein in die Stube spaziert. Und das Lachen klinge noch viel lauter. Beim dritten Besuch fand der Reisende ein niedliches, frisches Kindergrab. Das Lachen war etwas leiser. Man hatte statt eines zweiten Schwesterleins einen Engel. Theodor, Regina, Arnoldchen und Klärli schlossen sich um so enger zusammen.

Also, die haben Wiegen und haben Särge im Haus! Aber meinen Zuspruch brauchen sie weder hier, noch dort. Gut denn! Nun verschanzte und vertrotzte auch ich mich gegen alle Andenken jener Leute. Ich begrub sie. Und wiewohl ich damit ein gutes Stück Leben mit hinunterschaufelte, es ging nicht zu schwer. Ich vergaß und lebte tags ganz dem Beruf, abends ganz der Traulichkeit unserer kleinen Familie.

Aber als ich Tag für Tag auf ein zweites Leben hoffte, das in unser Heim wie ein Vögelchen flattern und mit Mimeli ein keckes Duett zwitschern sollte, da kam der Tod an meine Türe. Er sprach: »Du hast zuviel gewollt, du bist übermütig, du geudest mit dem Leben! Warte, ich will dich wieder sparen lehren!« Und Mutter und Neugeborenes starben in der gleichen Stunde, das eine vom andern, jedes im unendlichen Drange, meine kleine Welt zu verjüngen.

Das war furchtbar. Ich kann davon nicht reden.

Von da an ward ich ein ruhiger, stiller, aber rüstiger Mann. Das Zaudern hatte für immer aufgehört. Gottlob gab mir die Praxis strenge Arbeit, und das hitzige Spiel ums Leben und das Bleigesicht des Todes, dem ich immer wieder begegnete, festigte und härtete mich. Mein Mimeli und meine Kranken bildeten nun zusammen meine Familie. Ich mochte von den Patienten zu ganz ungleicher Zeit heimkommen, aus hundert Menschenschritten kannte Mimeli mich immer scharf heraus, duckte sich an der oberen Treppenlehne wie ein Käuzchen in die Stufen, schoß plötzlich an mir herauf, umarmte mich mit den zwei mageren Ärmchen und sagte wichtig: »Sind schon acht und drei, macht elf und drei, macht vierzehn Leute im Wartzimmer! Aber ich bin zuerst – zuerst dagewesen!«

Und auch ich trank dann zuerst eine Tasse Milch mit ihm und tunkte ihm das Brot und feierte ein halbes Stündchen und habe gewiß manchem bedrückten Menschen, der im Nebensaal wartete, diese Zeit zu einer Ewigkeit und sein Herz bitter gemacht, wenn er vielleicht in seinem schweren Anliegen unsere Mäuler musizieren hörte.

»Nicht so laut! Da drüben hat einer Zahnweh!« drohte ich und lachte schon wieder.

Aber Mimeli schlug sich das Fäustchen vor den milchbärtigen Mund und ahmte mit bedeutungsvoller Miene nach: »Ja, müssen leis machen . . . Mann hat Zahnweh . . .«

An einem Oktoberabend war ich ausnahmsweise einmal um vier Uhr fertig und ging in bester Laune mit Mimeli spazieren. Wir standen vor dem Kinematographen, wo ein Ausrufer den vielen Gaffern das Schokoladehäuschen der Hexe und den Hänsel dazu und die ganze Insel Ceylon und eine Fahrt in die Alpen in wunderlich preußischem Sprachgeschmeiß versprach. Als ich mich gerade von Mimeli hineinziehen ließ, ging der Wollkrämer über den Weg. Er kam von der Bahn und mochte wohl um die Zeit in Ilgis gewesen sein. Seit zwei, drei Jahren hatte ich ihn nicht mehr gesehen, da er anderswo wohnte. In meiner Munterkeit und Neugier über alles, was da stand und ging auf Erden, hielt ich ihn an und fragte, was denn die Weggisser allerlei trieben auf ihrem Hügel, ob man sie immer noch so weit lachen höre . . . Der Musterreisende staunte, weil ich mir einen solchen Spaß erlaubte. Er faltete seine Stirne wie bei der Prüfung unechter Wolle, die seine Firma durchaus nicht führt, aber eine unsaubere Konkurrenz leider zum Schaden eines soliden Lebens mehr und mehr in den Handel hineingaunert: dieser Stoff sei ja – pardon! – der Weggisser sei ja elend und absterbend, die Frau fast in Verzweiflung. Jetzt gehe es wohl wieder ein wenig besser, wie immer nach einem tödlichen Anfall. Aber zum erstenmal hätte man ihm keinen Stoff abgekauft. Der Herr Gemeinderat – das sei er ja – liege auf dem Sofa und sage: »Ich brauche keine neuen Hosen mehr!« Die Frau habe dazu gelacht und ihm den Scheitel gestrichen und gemeint: »Auf den Frühling nehmen wir Euch Tuch für zwei Anzüge von der besten Sorte ab. Jetzt lass' ich ihn nicht hinaus. Wenn er neue Kleider hätte, ginge er mir zuviel in die rauhe Luft, und das darf er noch nicht!« Aber der Mann, der übrigens im Erzählen wie alle Hausierer, und die wollenen am meisten, ganz sichtbar übertrieb, erklärte uns, er habe wohl bemerkt, daß er da einen Kunden verloren habe und alles Gerede von den neuen Kleidern ein Verheimlichen und Verbrämen des Todes sei. Der Gemeinderat sei mager und ohne die alten roten Backen, und nur die großen blauen Augen brennen noch im Gesicht. Auch das wilde Kraushaar sei gelichtet und an den Schläfen schon leis grau. Am Stammtisch im Bären sagten alle, der gute Kerl sähe das nächste Laub nicht mehr grünen . . .

Mir war die Lust am Kinematographen vergangen. Aber ich mußte dem Mimeli mein Versprechen halten. Und so hab' ich dann fleißig dem Hänsel und der tapferen Gretel zugesehen und bin auf Ceylon herumgestrichen und habe an einem Sardinenfang mitgemacht und dann die Bergbahn in irgendein steiles und stattliches Schweizergebirge bestiegen . . . Als aber die schmucken Bergdörfer im Geglitzer ihrer tausend kleinen Stubenscheiben kamen und ringsum das wenige Obst und die vielen Tannen und die breiten Ahorn auf einsamen, kahlen Hügeln und wieder die geschlossenen Hütten, hoch über dem letzten Wald in den obersten Staffelweiden, und dahinter die grauen ewigen Felsberge, da stand mit blutiger Frische wieder meine ganze Jugend mit Theodor vor meiner Seele. Und ich dachte des verlorenen Freundes, als wäre die Trennung erst gestern geschehen. Mein Eheglück war nur zweijährig gewesen, kurz, wie eine herrliche Seifenblase. Und es blieb davon kaum ein goldenes Schäumchen zurück. Aber jene Freundschaft hatte vierzehn Jahre gedauert, und zwar die wichtigsten und die heißesten Jahre des Lebens. Sie stellten vielleicht die Hälfte, jedenfalls ein gewaltiges Stück meines Daseins dar. Das ließ sich eben doch nicht wie ein zweijähriger Traum abtun. Das wartete nur auf einen Wecker und stand dann auf mit allen seinen treuen Einzelheiten. Ich hätte es nicht geglaubt. Aber da erfuhr ich's nun . . .

Der Kinematograph ging jetzt mit uns durch gefleckte Herden von Alpenvieh, sprang über schneeweiße Bäche, lief an Alpenrosen und zipfelbärtigen Geißen und kleinen Hirten vorbei, die nur Hemd und Hosen trugen, und kletterte zuletzt in die Spitzen des Gebirgs, auf die Aussichtstürme der Menschheit empor. Und da erinnerte ich mich, wie oft Theodor und ich durch solches wildeinsames Höhenland wie ein einziges Leben den Vögeln und Wolken entgegenklommen und wie wir uns, als wären wir die zwei einzigen Menschen der Erde, da oben in der Gottesherrlichkeit umarmten und liebten und Gutes erwiesen und uns gegenseitig hochhalfen – bis diese Hexe kam!

Mimeli klagte auf dem Heimweg und in der Stube um den ganzen Eßtisch herum, daß ich gar nicht aufgepaßt und ihm nie eine Antwort gegeben habe und ja jetzt noch tue, als ob es gar nicht da sei. Es schimpfte und schalt, bis ich ihm das Mäulchen mit einem Haufen Küsse stopfte.

Einige Zeit konnte ich die Ilgisser im Gelärm der Arbeit wieder vergessen. Aber sobald es ruhiger um mich herum wurde, tauchte der alte, liebe Freund wieder vor mir wie ein Doppelgesicht auf. Rückwärts sah er so stattlich und rotwangig und übermütig aus wie nur je. Aber nach vorwärts hatte er ein Gesicht wie aus weißem Kerzenwachs, den Purpur seiner Lippen dürr und ein verzehrendes, fiebriges Feuer in den Augen.

Vorsichtig erkundigte ich mich nun aus zweiter und dritter Hand nach seinem weitern Ergehen. Es war immer die gleiche Melodie, nur klang sie einmal etwas heller, einmal wieder dunkler. Theodor ging nicht mehr aus, genoß nur noch Milch und Eier und schluckte dazu ein Tröpfchen Markgräfler und verschwitzte und verfieberte seine ganze Manneskraft. Alles an ihm trieb zum Tode. Seine Frau aber war Tag und Nacht immer um ihn und pflegte ihn ganz allein, ohne einer Magd die kleinste Handleistung übrigzulassen. Sie wachte an seinem Bett, trocknete ihm den Schweiß, las ihm in leichtern Stunden die Zeitung vor oder spielte ein Schach mit ihm, das sie trotz seiner schwächlichen Figurenführung jedesmal wie unter dem Druck seiner Überlegenheit auf die natürlichste Weise verlor. Dabei trug sie den Kopf hochauf, weinte und verzagte nie, sondern lachte immer vor ihm und ließ ihn nur fröhliche Gesichter schauen. Man bewunderte sie im Dorfe und fragte sich oft, wo sie denn eigentlich ihre Zeit zum Schlafen hernehme, ob sie denn wie ein Geist kein anderes Bedürfnis mehr habe als das eine, zu lieben, ob sie blind sei gegen das Kommende . . . Sie aber kümmerte sich um kein Gerede, lüftete gut, wusch die Scheiben hell und ließ soviel Sonne, als es am Himmel nur gab, in die Stube herein. Sie kleidete sich einfach wie arbeitsame Dörflerinnen, hantierte wie eine Magd und jodelte leise und tapfer um Theodor herum, weil ihn das froh machte. Wenn er in einem Anfall von Herzkrampf flehend die Arme nach ihr streckte, dann rieb sie seine Brust und preßte seine Hände so fest in die ihrigen, bis ihm leichter wurde und er sagte: »Hab' Dank! Hab' Dank! Jetzt geht es wieder!« Sie zog ihre zwei Kleinen stramm auf und liebte sie wahrhaft mütterlich; aber wenn Theodor in Not war, ließ sie alles fahren, und sie hätte hundert allerliebste Büblein und Mägdlein, nicht nur diesen Arnoldli und dieses Klärchen, für den Gatten hingegeben . . .

Viele solche Einzelheiten trieb ich auf, und jedesmal klemmte mir die Scham das Herz noch peinlicher zusammen. Das war doch wahrhaft keine Katzenart, das war mindestens Hundetreue. Ach, was, das war eine blanke, helle Tapferkeit, wie sie nur Menschen aufbringen – noch mehr, es war Heldenmut! Und ich hatte dieses Weib eine Falsche, eine Untreue, eine Lügnerin gescholten, ich, der ehrliche, brave Vater, der sein Mimeli auf die Hände schlug, wenn es im Scherz eine ganz kleine, zierliche Kinderlüge zusammenstudierte!

Zuerst war ich niedergedrückt und tief verdemütigt über alle diese Einsicht. Dann aber fühlte ich in mir eine eiserne Notwendigkeit, etwas gutzumachen. Auch grünte und blühte die Lust in mir auf, den kranken Freund zu sehen, ihm die Hand zu drücken und, soviel ich vermöchte, seine Beschwerden zu mildern. Vor allem aber wollte ich Frau Reginen um Verzeihung bitten, und so sehr und so beharrlich wollte ich darum anhalten und sie dabei zwingen, mir fest ins Auge zu schauen, bis sie es mir vom Gesicht gelesen hätte, wie ehrlich ich sühnen wolle, und bis sie mir in ihrem tiefen Alt sagen würde: Ich vergebe dir!

Es wurde mir nun zur eigentlichen Übung, jeden Morgen, wenn ich erwachte, und jeden Abend vor dem Einschlafen, an diesem Plane der Versöhnung zu studieren. Bald setzte ich unendlich diplomatische Briefe auf, bald wollte ich einen Vermittler vorausschicken. Endlich entschloß ich mich, selber ohne irgendwelche Vorbereitungen geradeswegs nach Ilgis zu reisen und alles ehrlich von Mund zu Mund abzumachen. Das war der kühnste, aber sicherste Weg. Sowie Weihnachten und Neujahr vorbei wären, wollte ich die wichtige, kleine Reise unternehmen. Aber gerade um Neujahr trat ein gewaltiger Wettersturz und ein allgemeines Husten und Niesen und Bettliegen, aber bei den vier ernstern Fällen meiner Praxis eine Verschlimmerung auf Tod und Leben ein. Ich konnte und mochte jetzt auch nicht für einen Tag fort. Mir war das Leben, das die Patienten als ihr Köstlichstes in meine Hand gelegt hatten, zu heilig, um es einem bezahlten, wenn auch viel gescheitern Stellvertreter auf Gnade oder Ungnade zu überlassen. Nein!

So lief mein guter Vorsatz wieder von einer Woche in die andere und verlor zusehends an Stärke. Nach Neujahr ging mein Mimeli in eine Schule. Und nun gab es am späten Feierabend soviel zu erzählen und abzuhören und mitzukritzeln für einen lieben Papa, daß in dieser kleinen, herzgemütlichen Welt mein Reiseplan immer nebliger und dünner wurde und zuletzt wie Rauch zu zerfließen drohte.

Da, in der Fastnachtzeit, warf mir Fabrikant Eisen, ein älterer Freund meiner Ilgisser Ferien, seinen langen Schlingel Ernst ins Haus, damit ich ihn beherberge, koste es, was es wolle, und ihm eine passende Schule besorge und acht auf ihn habe wie auf mein eigenes Blut. Ernst Eisen sei schon zweimal aus Pensionaten gejagt worden. Der Bub verzog dabei verächtlich seinen bleichen Mund und sah mich stolz an. Das erlebt ja nicht jeder schon mit dreizehn Jahren.

Herr Eisen hatte mir als Knaben zahllose Freundlichkeiten erzeigt und einst am Heckhorn nicht viel weniger als das Leben gerettet. Wie konnte ich nein sagen? Nur eine Probezeit bedang ich mir angesichts dieses schlanken, bleichen, übermütig dreinblickenden Jünglings aus. Und nun erzählte mir Eisen, wie der Weggisser vorgestern eine schwere Herzschwäche kaum überstanden und der Doktor die Familie auf das Schlimmste vorbereitet habe.

Da sprang ich auf, bestellte noch am gleichen Abend einen Stellvertreter und setzte mich am Morgen früh in die Bahn gen die Ilgisser Berge. Gern nahm ich Mimeli mit. Ich rühmte, welch reinen, hohen Schnee es sehen werde und wie es mit den Alpbuben schlitteln könne. Mir war, es müsse das Schutzengelchen meiner Reise sein. Jedenfalls reiste ich so zehnmal sicherer und schritt an der Hand so kleiner Unschuld zehnmal kühner in das alte, feindliche Herrenhaus.

Wir werden um vier Uhr in Ilgis oben ankommen. Vorher nehmen wir im Wagen noch einen Imbiß. Dann gehen wir schnurstracks vom kleinen Bahnhof den Hügel zum Weggisserhof hinauf. Die Familie sitzt dann beim Kaffee. Das ist wohl der gemütlichste Hock im Winter auf dem Land: zur Vesperzeit sich um die klingenden Tassen zu versammeln und den rauchenden Kaffee einzugießen und die graue Dämmerung von den Bergen her an die Fenster spinnen zu sehen, lange, lange Märchenfäden – bis der Vater ruft: »Macht doch Licht! Man sieht seinen eigenen Löffel nicht mehr!«

Dann wird es an die Türe klopfen, und wir zwei stehen da!

*           *
*

Bis hierher habe ich rückwärts in die schwere Vergangenheit erzählt. Nun vorwärts im besseren, jungen Heute!

Ich rutschte mein schlafendes Mimeli mehr in die Ecke. So kam sein Köpflein auf meinen dicken Überzieher wie auf ein Bettkissen zu liegen. Dabei fing das Kind an zu gähnen und sich leis hin- und herzuwiegen. Aber gleich schlief es wieder ruhig weiter. Ich war froh. Um so besser konnte ich nun ausklügeln, mit was für einem geschickten, guten, eindringlichen Satz ich in die Stube Theodors treten solle. Das war unendlich wichtig.

In diesem Augenblick hustete jemand im Wagen. Alles Wispern und Brummen auf den Sitzen verstummte wie auf einen Schlag. Denn es war ein Husten, wie man ihn selten hört. Ein kurzes, schwaches, grauenhaft trockenes Bellen, in drei, vier Stößen, klanglos und unfertig, so daß man selbst spürte, dieser Husten schaffe keine Erleichterung. Er hörte sogleich auf, aus Ohnmacht des Menschen, der da noch einmal hatte revolutionieren wollen und es doch nicht mehr konnte. O, ich kannte diese letzten Trommelschläge des Lebens!

Es gibt einen Husten, der einem Arzt Freude macht. Er kracht und donnert wie ein Erdbeben und bringt den Menschen in hellen Schweiß. Aber nachher ist ihm leicht wie auf einem reinen Berggipfel, und er atmet wieder wie ein Erlöster. Und ein anderer hustet aus reiner Langeweile oder aus Freude ein bißchen auf und nieder. Das ist seine Gewohnheit. Es nützt nichts und schadet nichts, und der Hüstling kann dabei eine sehr reicher Spezereihändler oder ein uralter Kirchensigrist werden . . . Aber der Husten hier im Wagen ist die letzte Musik, die ein Mensch macht. Er ist das Amen der Schwindsucht. Magere, dreißigjährige Schullehrer und langhalsige junge Berufssänger und rasch aufgeschossene, nasenblutende Pultmenschen, welche mit einem dünnen Faden von trockenem Hüsteln eines Tages beginnen und dabei einen eigenen Kitzel spüren und wieder hüsteln . . . Hei, sie mögen aufpassen, das ist der Anfang!

Alle Menschen von warmem Leben erschrecken ohne weiteres, wenn sie einen Augenblick den Tod ganz nahe hören. So entsetzte sich unser ganzes Kupee vor diesem ungewöhnlichen Husten. Er kam aus dem brandigbraunen Mund einer dreißigjährigen, großen, hageren Bauernfrau, die mir gegenüber an der Seite ihres Mannes saß. Die Frau errötete leicht, als sie die große Stille ringsum merkte, und preßte ein weißes Nastuch vor den Mund. Der Gatte jedoch, ein krauser, breiter, gutmütiger Mann mit einem gesunden und frischen, aber nicht sehr gescheiten Gesicht, änderte seine Miene nicht im geringsten.

Nach und nach plauderte man wieder im Wagen. Ich aber beobachtete die beiden still und unaufdringlich für mich hin.

Die Frau trug etwas Hartes und Herbes im Gesicht. Ihre grauen Augen blickten trotz der inneren Ermüdung sehr klug und leidenschaftlich drein. Das Haar hatte sie straff zurückgekämmt, die Stirne war hell und schmal, auf den Wangen brannten rote Flecken, und das Kinn lief eigensinnig lang und eckig aus. Sie trug den einfachen Anzug einer Landbäuerin; aber kein Stäubchen haftete an ihr. Ihr Atem war kaum bemerkbar. Die kleinen Nasenlöchlein machten dabei nicht die kleinste Bewegung. An den Schläfen glänzte ein feiner Schweiß, der immer wieder hervorsickerte, so oft sie sich abrieb. Sie lehnte sich ins Polster gegen das Fenster wie mein Mimeli gegenüber. Der Bauer zog eine Orange aus dem Hosensack, machte kleine Schnitze und bot ihr einen solchen wie pflichtschuldig an. Sie dürstete sicher furchtbar, aber wies ihn dennoch ab. Sie getraute sich wohl wegen des Hustens nicht, davon zu essen. So verquetschte also der Mann recht behäbig den Schnitz zwischen seinen gesunden braunen Tabakzähnen. Aber den nächsten hielt er ihr wieder fragend entgegen. Den nahm sie und kaute daran wie ein Kind, das noch keine Brocken verträgt. Es war eine Marter, ihr nur zuzusehen.

»Rück' näher!« sagte sie dann, nicht bittend, sondern kurz heißend. Willig bot er seine junge, breite Schulter. Sie lehnte ihren fiebrigen Kopf daran und schloß die Augen. O, wie müde war sie von dem Restlein Leben, das sie noch lebte!

Der Gatte hielt sich unbeweglich still, treu und folgsam wie ein Knecht. Sie war ohne Zweifel die Gebieterin gewesen, aber aus Not. In seinem braven, treuen Bauernschädel herrschte wohl Eifer zur Arbeit, Gier nach Habe und Lust am Verzehren, aber kein weises Berechnen, weder Planmäßigkeit, noch Übersicht. Sie war der Verstand des Hauses, er die biedere Hand, die arbeitete, der willige Fuß, der rannte und strampelte, der geduldige Nacken, der trug und zog, aber auch der große Appetit, der für all das aß wie ein Bär und ab und zu seinen Sonntagsrausch trank.

Es ward ihm langweilig. Da schob er mit der linken Hand, ohne sich rechts aufs leiseste zu rühren, die »Woche« vom Polster auf sein Knie und begann darin nach den Bildern herumzublättern. Die Frau schlief nicht, sondern öffnete leicht die Augen und schaute mit halbem Geiste zu. Er merkte das und hielt ihr jedes Blatt bequem entgegen. Mit seinen schönen, hundebraunen Augen lachte er in jedes Bild. Da war eine Fürstin zu sehen mit Krönlein, engem Mieder und einer Riesenschleppe. Ah bah! Sie schloß die Augen wieder. Nun kam ein Flieger aus Paris, und hernach sauste im Automobil der serbische Prinz Georg übers Feld. Er kräuselte hochmütig seine Oberlippe und sah mit den dunkeln kalten Augen zufrieden zu, wie die Leute aus dem Wege stoben. Ach, die fliegen, und sie kriecht elender als ein Wurm über die Erde! »Ich mag das nicht sehen!« Aber was ist das? Der Bauer hält ihr den jungen russischen Großfürsten Iwan Nikolajewitsch entgegen. Er liest, was darunter steht, und lacht hellauf. »Der ist schon Witwer und sucht eine andere Frau,« erklärt er. Die Kranke wendet sich barsch ab. Wie grob schwatzt doch ihr Mann, wie gefühllos, und meint es doch so gar nicht bös! Aber wahrhaft, sie weiß, ehe ein Jahr um ist, wird auch er nach einem Weibe ausgehen, der gute, leichte, haltlose Mensch!

Jetzt nahen ferne Gegenden in Asien, wo Sven Hedin verbotene Pfade ablief, eine neu entdeckte Insel, eine prangende Plantage auf Java und eine wunderbare Gipfelersteigung des Dr. Markius in der Kette des Karakorum! Wundervoll ist die Erde! Sei es, sei es! Sie kennt und liebt nur ein Land, wo ihr Bauernhof steht, ihre Hühner gackern, ihre Äpfel und Birnen im Ofen schmoren und ihr Büblein gestern zum erstenmal die Schulaufgaben nicht mehr auf dem Schiefertisch, sondern in einem wirklichen blauen Heft mit Tinte lösen durfte . . . Ach, das ist das Land, dem sie heute Ade gesagt hat; denn es ist sicher, sie muß in ein Lungensanatorium. Der Doktor hat's befohlen. Das würde freilich nicht genügen. Aber ihr Mann hat's auch befohlen, und das genügt. Er will sie gesund haben. Gut! Vielleicht flackert ihre Kraft noch einmal kurz auf, daß sie für eine rasche Gnade nochmals heimgehen und ihrem Büblein noch die Kleider nachsehen kann für den Sommer und die Sämerei im Garten überwachen kann, damit Vater und Bübel auf ein Jahr versorgt sind! Für mehr, das spürt die Gescheite, reicht es nicht . . . Aber nicht einmal soviel ist sicher! Vielleicht fährt sie da nicht anders zurück – als im Sarg. Darum starrt sie die Landschaft vor der Scheibe so bitter an. Ach, ihre schönen saftigen Hügel mit den breiten sonnigen Tälern dazwischen und den hablichen Gehöften und einem klaren Wasser in der Mitte, ach, das hört hier schon auf! Es kommen Berge. Welche Schatten werfen sie ins Land! Wie sie dräuen! Und der Frau kommt es vor, die Leute auf den Wegen seien auch andere, hätten dunkleres Haar und etwas Steiniges und Verwürgtes im ganzen Gehaben. Schon fängt das erste Heimweh an. Aber sie kneift die Lippen fest ineinander – und sieht wieder ins Heft.

»Die Kinder vom italienischen König! Schau, Brigitt, was für hübsche Gofen!«

Ach, immer diese Könige und Prinzessinnen! Sie wird bös und neidisch auf das erlauchte Geschlecht, das in diesem Heft Luftschiff fährt oder reitet oder lächelt oder sonst glücklich ist. Die sind wohl immer gesund! Und werden sie einmal krank, so geht Mann und Kind und Magd mit ihnen ans Meer hinunter, wo es eine frische Luft gibt. Oder sie bauen auf einer grünen Alp ein Hotel ganz allein für sich, und da ist die Luft noch frischer. Und die kranke Königin kann alles mitnehmen, was sie lieb hat, und wenn sie zehn Kinder hat, darf sie auch das zehnte mitnehmen. Ja, sie kann ihr Schoßhündchen und ihre Seidenkatze und ihren Kanarienvogel mitnehmen. Ach Gott, ach Gott, was ist das für eine Ordnung auf der Welt! Und ich habe ein einziges Bübel und darf nicht einmal das mit mir ins Krankenhaus nehmen!

Es will ihr die Lippen auseinanderreißen. Sie hat genug von Scherls »Woche«. Wieder blickt sie zum Fenster hinaus und ist müder als zuvor.

Da merkt sie am Einpacken ihres Mannes, daß die Station naht, wo sie aussteigen muß und die Leute vom Krankenhaus sie abholen werden. Der Schaffner hat das böse Wort schon ausgerufen. Sie wandte sich noch mehr ins Fenster und ich sah, wie ihr zwei, drei kleine, kristallharte Tröpflein aus den Augen spritzten. Sie würgte das Nastuch vor den Mund. Denn ihre ganze Seele möchte sie ausschreien. Aber sie ist eine strenge, nüchterne Frau nach außen und bleibt es auch in diesem verzweifelten Stündlein. Keinen Laut gibt sie von sich.

Der Bauer hat aber doch gesehen, daß sie die Augen wischte, und meint patzig wie ein Bär, der tröstet: »Mußt nicht greinen!«

Da richtet sie sich zu ihm und sagt mit soviel Entschuldigung als Vorwurf leise: »Es tut halt weh!«

Das ist alles. Aber ich verstehe: Du blöder Mann, begreifst du denn gar nicht, was ich leide? Glaubst du, ein Haus sei mir wie das andere und ein Fleck Erde wie der andere? Meinst, ich könne heut nacht in der Kammer ohne mein Kind schlafen? Weißt nicht, wie die fremden Gesichter und der fremde Uhrenschlag mich dort erschrecken werden! Weißt nicht, was du mir gewesen bist? Du lieber, dummer, oberflächlicher, unvergeßlicher Bauernjoggel du! Du mein Alles, mir noch mehr wert als das Bübel und als aller Acker und alle breiten, saubern Kammern im Hause!

Der Wagen hält. Er will ihr aufhelfen. Aber sie weist ihn ab, nimmt alle Kraft zusammen und geht aufrecht und steif wie eine Tanne hinaus. Draußen drücken sie einander die Hände. Aber sie küßt ihn nicht, sondern steigt sogleich in den Einspänner, aus der das Häubchen einer Krankenschwester blinkt. Sie rückt weitab von der Wärterin und fährt, ohne zurückzuschauen, weg. Der Bauer sieht ihr nach, bis das Gefährt um die Ecke des Bahnhofs verschwindet. Dann grübelt er ein wenig im Haar, springt rasch entschlossen nochmals in unsern Wagen und nimmt die »Woche«, die er auf dem Polster vergessen hat.

»Die möchte ich behalten,« sagt er; »die Kinder drin haben ihr halt doch gut gefallen!«

Dann verschwindet er im Bahnhofsrestaurant.

Wie froh war ich, daß mein Schätzchen hier im Polsterwinkel das alles nicht gesehen hatte! Es schlief gar fein und meinte wohl, zu Hause zu sein in seinem Bettlein unter Jungmutters Porträt und ringsum herrschte Nacht und Stille. Bis wir in Ilgis sind, wird es wohl ausgeschlafen haben und munter wie am Morgen sich seine Äuglein ausreiben. Das ist recht; denn ich muß ein tagfrisches, waches, tapferes Mimeli dort oben an der Seite haben . . .

Die kleine Episode hatte mich mutig gestimmt. Was ist doch Haß und Trotz und Rache wert im Angesicht des Todes! Wie verpufft das alles vor seinem eisigen Hauch! Vielleicht steht es um Theodor nicht besser als um diese Frau. O, dann darf ich mich nicht weiter zieren! Ich will mich, so tief es sein muß, demütigen, um ihn zufrieden zu machen. Dem Scheidenden muß man den letzten Schritt vergolden . . .

Der Platz, wo die tapfere Frau gesessen hatte, schien mir fast heilig. Um so ärgerlicher machte es mich, daß von dem andringenden neuen Volk gerade zwei überjunge, gezierte, weltfrohe Leutchen herhüpften und die Sitze belegten. Verdrossen sah ich, daß das männliche Geschöpf ein Jurist war, den ich früher in einem befreundeten Verein noch als Studenten etwa angetroffen. Seit zwei Jahren war er irgendwo auf dem Lande als praktischer Anwalt tätig. Mich kannte er nicht, da wir uns kaum einmal begrüßt hatten und er so kurzsichtig war, daß der Optiker ihm das schärfste Glas seines Ladens in den Kneifer setzen mußte. Es sproßte um sein längliches, etwas fades Gesicht ein kümmerliches, bleichfarbiges Bartgespinst. Man glaubte, es wegblasen zu können, wie ein Spinngeweb, so schwächlich sah es aus. Das Kopfhaar war ebenso licht und dünn. Er hatte es glatt gekämmt, haarscharf in der Mitte gescheitelt und tapfer eingesalbt. Der feine Frack mit seidenen Litzen, der hohe Stehkragen mit Lilakrawatte, die zehnfach gefältelte, blanke Hemdbrust und eine prachtvoll ausgeschnittene, silbergraue, mit dicken Dahlien bestickte Weste bewiesen mir, daß der Mann etwas auf sich und seine stilvolle Erscheinung halte. Eng an den schmächtigen, blutlosen Herrn schmiegte sich ein festes, starkes, großköpfiges Fräulein mit rabenschwarzem Haar, vollen, blutigleuchtenden Wangen, schönen, braunen Augen und einem dunkeln, sanften Samtflaum auf der Oberlippe. Ihre Nase war leicht gebogen und überaus fein, der Mund voll Frische, das Kinn fest und die Schultern mächtig wie die unserer Mutter Helvetia. Es war eine wirklich Schöne und Wuchtige und der farblose Jüngling mit den großen, ratlosen Wasseraugen und dem mageren Bartgefaser erschien an ihrer Seite wie eine dünne, schmächtige Silberweide neben einem breiten, funkelnden Kirschbaum.

Das sah man sofort: Die zwei waren verliebt und sicher auch schon auf hundert büttenpapiernen Karten verlobt. Ich merkte bald, daß der Advokat seine Geliebte für ein paar Tage auf Besuch zu seinen Eltern abgeholt hatte.

Der Arme liebte schwer. Er knetete und massierte ihre Hände und warf sich ihr schier ins Gesicht, wenn er ihr etwas Gutes sagen wollte. Mich starrte er ein Weilchen unklar an wie eine Wolke, die man schon einmal irgendwo am Himmel gesehen hat. Auch sie prüfte mich ein bißchen. Ich aber machte ein unendlich langweiliges, interesseloses Gesicht und senkte wie zum Schlummern leicht die Lider. Aber ich ließ mein spaßiges Gegenüber nicht außer acht. Allen Vorbereitungen nach mußte sich da nach der Tragödie ein Lustspiel abspielen.

»Du wirst ordentlich staunen, welch ein hübsches Zimmer du bekommst – gegen den See! Wenn der Mond scheint, ist es da besonders schön. Dichte mir dann nur keine Schilflieder!« sprudelte er los.

Sie lachte rasch und sah ihn mit vernarrter Liebe und wie einen Gott so gläubig an. Wie schön sie auch war, von Minervas Licht lag nicht der leiseste Schimmer auf ihrem Gesicht. Man dachte bei ihrem Anblick an ein reiches, starkes, gesundes Mädchen, das lesen und schreiben und ein Apfelkompott bereiten kann. Er dagegen war ohne Zweifel gescheiter, als sein kurzsichtiges graues Froschauge und seine niedrige Stirn verrieten.

Da sie nicht wußte, was für eine Bewandtnis es mit dem Mond und dem See und den Schilfliedern hätte, erklärte er: »Weißt, das sind Gedichte von Heinrich Heine – mußt sie aber nicht lesen!«

»Gibt es jetzt auch Konzerte bei euch?« fragte sie schüchtern. Wie klein war die Stimme dieser großen Person!

»Soviel wie nichts,« erwiderte er. »Und wenn auch, meine Eltern haben es nicht gern, wenn wir spät miteinander ausgehen. Darein mußt du dich fügen, Schatz!«

»Ja, ja,« sagte sie zufrieden.

»Uzlin!« rief der Schaffner. Man sah einen kleinen Bahnhof, schmucke Straßen mit hübschen Häuserreihen und kleinen, zierlichen, aber noch dürren Obstgärtlein davor.

»Auch so ein Nest! Hier habe ich vor vier Wochen plädiert,« haspelte der Jurist mit seiner dürren, klanglosen Stimme hastig weiter.

»Ja, so, hier?« machte das Fräulein verwundert und starrte ihn wieder wie einen noch größeren Gott an.

»Es war ein interessanter Fall, noch gar nicht vorgesehen im alten Zivilgesetz. Mußte den Entwurf von Huber hernehmen . . . Übrigens haben sie hier ein schlecht geheiztes Lokal und miserables Papier!« warf er geringschätzig hinzu.

Ich schloß daraus, daß der junge Sachwalter den Prozeß hier verloren habe.

Er schlug mit der langen, blassen, dreimal beringten Hand Uzlin wie eine Fliege von sich.

»Ist dir denn nicht Angst, wenn du vor allen Richtern und so vielen Leuten reden mußt?«

»Angst! Schatz, das kennen wir nicht!« sagte er gelassen. Mitleidig strich er den Scheitel seiner Jungfer.

»Gott, seid ihr Menschen!« stieß sie hervor.

»In Flammigen habe ich die Akten erst eine Stunde vor dem Plaidoyer gekriegt. Der Gerichtspräsident hat mir hernach auf die Achsel geklopft und gesagt: ›Geben Sie Ihre Rede doch in Druck!‹ Weißt du, so unvorbereitet geht einem die Rede am gewaltigsten vom Mund – ›Man weiß nicht, von wannen es kommt und braust . . .‹«

»Du, du,« sagte sie wieder, und nun sah ich, daß die schönsten Augen auch die dümmsten Blicke senden können. Etwas unglaublich Einfältiges, Blödsüßes hatte diese große Landpomeranze an sich.

»Übrigens haben sie auch in Flammigen ein ganz entsetzliches Amtslokal und unbequeme Stühle und ein Papier wie Hobelspäne . . .«

Ich folgerte, daß der Anwalt auch diesen Prozeß mit Auszeichnung verloren habe.

Mit einer prachtvollen Geste der Hand hatte er auch Flammigen abgelehnt.

»Aber Ernst Peterlin fürchtet sich doch vor jeder Rede!«

»Ach der! Wir sagten ihm nur ›Der Nudelpeter‹. Der sollte doch keine Gesetzesparagraphen auslegen, sondern Maccaroni fabrizieren. Dafür hat er Talent!«

Sie lachte laut auf. Wie ihr Geliebter Witze machte! Wer konnte es ihm in Spaß und Ernst gleichtun?

»Und er ist ein Faulenzer, und hat doch kein Geld und keine Onkels mehr! Alles totgepumpt! Der geht zugrunde wie ein Stein im Wasser!«

»Und doch heiratet er die Mina Fetz. Oder ist es nur ein Gerücht?«

»Es soll wahr sein,« versetzte der Advokat munter. »Weißt du,« fuhr er fort, ihre Finger in seine Weste schiebend und dann wieder damit über seinen Ziegenbart streichelnd, »weißt du, was der Vikar Fehr sagte, als er hörte, sein braves Unterrichtskind, die Mina, habe sich mit Peterlin verlobt? Hör' mal: ›Das . . . arme . . . Kind!‹«

Das sagte er mit einer so feinen Nachahmung in der Stimme und im rührenden, zitternden Ton jenes auch mir wohlbekannten Geistlichen, daß ich den Vikar zu sehen glaubte, wie er die Arme nach dem Vögelchen ausstreckte, das ihm so unklug aus dem Taubenschlag entfloh.

»Ist es wahr, daß sie die Hochzeitsreise nach Wien machen?«

»Meinetwegen wohin sie wollen! Aber, Schatz, wo wollen wir hin?«

»Das weißt du viel besser; du kennst die Welt! Sag' du wohin!«

Er spreizte sich wichtig und knipste mit den Fingern. »Nach Spanien!«

»Ah,« zuckte sie freudig auf. »Spanien – Kastanien!«

»Aber die verdammten Karlisten dort . . . Nein, nach Italien!« verfügte er kurz besonnen.

»O, nach Italien!« wiederholte sie ebenso entzückt.

»Ja, aber nicht vierzehn Tage, wie die spießbürgerlichen, schwäbischen Regenschirmpärchen! Wir machen sechs bis acht Wochen daran. Ich werde vorher noch alle Prozesse schneidig ausfechten – ritschratsch! Ha, wenn du den Mailänder Dom siehst!«

»Lieber, Lieber!« Sie sog sich an ihrem blassen Burschen mit den Augen förmlich fest.

»Er ist ganz aus schwarzem Marmor gebaut; aber innen ist es hell wie in einer Mondnacht.«

Sie war vor einfältiger Freude sprachlos.

»In Venedig werden wir nur in weißen Strümpfen und in hirschledernen Pantoffeln herumreisen . . .«

»Pantoffeln?«

»Natürlich, das tun alle besseren Leute! Man fährt überall mit Gondeln. Keinen Fuß setzest du auf eine Straße ab. Man rudert sozusagen ins Schlafzimmer hinein!«

»Aber . . .«

»Kein Aber! Ist das nicht lustig?« fragte er, vom Gedanken ans Schlafzimmer so gepackt, daß er sie neuerdings und fester an sich preßte.

›Diese Narren!‹ dachte ich spöttisch.

»Kommen wir auch nach . . . nach . . . Wie heißt die Stadt, wo . . . der, ach . . . Wie heißt der Dichter, der von der, der . . . der Frau, die mit einem Geliebten einen Roman gelesen hat und dann . . .«

»Ja, ich weiß, ich weiß . . . Dante! . . . Die Francesca da Rimini! Ja, natürlich kommen wir nach Florenz! Aber hast du denn Dante gelesen?«

»Ich?« sie lächelte blöde und wie auf einer Schuld ertappt. »Nicht viel!«

»Wir wollen ihn dann auf der Reise mitsammen lesen. Er ist großartig. Ich will ihn dir dann erklären. Horch mal, wie das tönt:

Per me si va nella città dolente,
Per me si va nell' eterno dolore,
Per me si va nell-nell-nella città dolente!

So fängt es an . . .«

»Wie reizend,« flüsterte sie, ihn kokett anschmachtend, »nein auch, wie reizend!«

»Nein, wie Domglocken, mußt du sagen!«

»Ja, die Glocken der Kathedrale von Sankt Gallen!«

»Das ist zu wenig, Schatz! Du kennst eben noch keine größere Kirche. Aber im Sankt Peter könnte unsere Kathedrale eine halbe Stunde lang im Galopp laufen!«

Mir putschte ein Ton wie Lachen heraus. Die Vorstellung war zu köstlich. Die Kathedrale von St. Gallen im Petersdom galoppierend, eine halbe Stunde lang, und immer noch an kein Ende kommend! Ich schneuzte mich schnell, um keinen Verdacht zu erwecken, und suchte mein erwachtes Mimeli wieder in Schlaf zu wiegen, während das Paar auf dem schiefen Turm von Pisa schräg über die ganze Stadt und das halbe Meer hinaushing. Aber Mimeli wollte nicht mehr schlafen, weinte fast und tat unwirsch. Erst als ich ihm eingab, daß wir nun bald aussteigen und in ein verflixt kleines, lustiges Nebenbähnlein sitzen müßten, das wie ein Rößlein in den dicken Schnee der Berge hinauftraben werde, ward mein liebes Kind wach und munter. Wir waren indessen schon ziemlich hoch gekommen. Überall lag nun Schnee. Weiß war alle Erde. Totenstille herrschte über den wenigen Häusern und Wäldchen, die wie einsame Inseln im weißen Einerlei lagen. Da und dort quirlte ein fadendünner Kaffeerauch aus einem gemütlichen alten Schornstein . . .

Die Verliebten waren inzwischen schon in Neapel und sahen von einer ringsum laufenden Galerie aus in den brodelnden, weißglühenden Krater des Vesuvs hinunter. Dann setzten sie nach Sizilien über, wo er nur mit einem Messer, das dazu stumpf war, und mit Vogelschrot zwei Briganten in die Flucht schlug. Nun schifften sie sich nach Genua ein. Und alles, was sie noch erlebten, ward mit unglaublichen Kunststücken des Advokaten und mit der willigen Nachfolge und blöden Bewunderung dieser hübschen Gans geschmückt. Zuerst hatte es mir Spaß gemacht; jetzt ekelte mich dieses Gerede an. Zwei Menschen, die sich für's ernste, stählerne, wuchtige Leben mit allen seinen Wiegen und Särgen für immer verknüpfen wollen, finden kein anderes Thema als diesen Stumpfsinn! Arme Geschöpfe!

Auch meine selige Frau war ein untiefes Weibchen gewesen. Sie hat immer und überall ein Späßchen aus der eilenden Stunde zu zupfen verstanden. Von Rosenbeeten gern, gern, aber von Abgründen wollte sie nichts wissen. Doch war sie auch so leicht und zart wie ein Schmetterling gebaut, genau so schön, so leis, so gut und so kurzlebig. Es wäre schade um ihr kurzes Schmetterlingsglück gewesen, wenn ich sie auch nur einmal hätte weinen lassen. Aber hier war es nicht Lächeln, sondern Dummheit, nicht eine helle Herzensfröhlichkeit, sondern Großhansen und Kriecherei. Und wieder faßte mich ein eigenes Sehnen, zu jenem andern Paar zu kommen, wo denn doch der Mann ein wahrhafter Mann und die Frau eine wahrhafte Frau, wo man mit tüchtiger, erprobter Liebe zusammensteht und eines fürs andere leben und sterben wollte. Fahre, fahre, Bähnlein, rascher aus diesem dumpfen Gestreichel und Geprahle in die schwierige, aber liebe Ernsthaftigkeit der Weggisser hinauf!

»Hier,« sagte der Advokat im Aussteigen und zeigte auf ein großes Stadthaus, »hier habe ich dem Präsidenten der Handelskommission gesagt: ›Du bist ein Kamel, wenn du nicht einmal soviel kapierst!‹ und er hat's verdaut!«

»Gelt, Vater, der dort hat immer ganz dumm geschwatzt,« urteilte Mimeli in seiner redlichen Kindermanier; »es ist gewiß kein Wort wahr, oder?«

Statt aller Antwort küßte ich diesen reinen, gescheiten Mund voll Innigkeit. Und ich fühlte mich sehr stolz als Vater eines so ernsthaften, scharfsichtigen Mägdleins . . .

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